Sammellager Gänsbachergasse 3

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Art des Bauwerks Gebäude
Jahr von 1939
Jahr bis 1944
Andere Bezeichnung
Frühere Bezeichnung
Benannt nach
Einlagezahl
Architekt
Prominente Bewohner
Quelle
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BezirkStraßeHausnummer
3Gänsbachergasse3

frühere Adressierung

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Kartenausschnitt aus Wien Kulturgut

Von Oktober 1939 bis Februar 1940 diente das Obdachlosenheim Gänsbachergasse als Sammellager für Deportationen in das geplante „Judenreservat“ Nisko am San (Generalgouvernement). Im Jahr 1944 war es Sammel- und Durchgangslager für ungarisch-jüdische Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, weil das Heim unweit des Ostbahnhofes und in der Nähe der Industriebetriebe im 11. und 10. Bezirk lag.

Vorgeschichte

Im Jahr 1866 hat die Gemeinde Wien das Areal gekauft und ein Obdachlosenheim mit angeschlossen Werktstätten errichtet. Ab 1925 wurden im Rahmen eines Um- und Ausbaues des Hauses die Werkstättenarbeit eingestellt. Das Haus diente auch während des Austrofaschismus als Obdachlosenheim. Nach dem „Anschluss“ führte die Stadt Wien das Haus als Obdachlosenheim weiter.

Die „Nisko-Aktion“ und das Sammellager in der Gänsbachergasse

Die ersten Deportationen im Oktober 1939 aus Wien nach Nisko am San im „Generalgouvernement“ wurden von Adolf Eichmann als Leiter der „Zentralstellen für jüdische Auswanderung" in Wien und Prag zusammen mit seinem Stellvertreter SS-Oberführer Rolf Günter organisiert. Sie sollten dem Aufbau eines „Judenreservats" dienen. Rund 3.900 Juden aus Kattowice (Kattowitz) in Oberschlesien, ehemals Polen, aus Ostrava (Mährisch-Ostrau) im „Protektorat" und aus Wien wurden nach Nisko – an die neue Grenze zur Sowjetunion – deportiert. Am 10. Oktober teilte SS-Obersturmführer Hans Günther von der „Zentralstelle für jüdische Auswanderung“ dem Amtsdirektor der Israelitischen Kultusgemeinde Wien (IKG), Josef Löwenherz, mit, dass die Deportation von Wiener Juden nach Polen bevorstehe. Er ordnete an, dass die IKG, „1000 – 1200 auswanderungs- und arbeitsfähige Männer“ bereitstellen solle. Eine entsprechende Namensliste habe Löwenherz binnen drei Tagen, also am 13. Oktober, in der „Zentralstelle“ vorzulegen. Bevorzugt würden Handwerker, vor allem Tischler und Zimmerleute, sowie ärmere Juden und entlassene KZ-Häftlinge, die über Ausreisepapiere, aber über keine Einwanderungsmöglichkeiten verfügten und daher von neuerlicher Inhaftierung bedroht waren.

Erst am 15. Oktober 1939 entschied sich Adolf Eichmann für Nisko am San als Deportationsziel. Tags darauf erhielt Josef Löwenherz von Hans Günther den Befehl, den ersten Transport nach Nisko für den 18. Oktober vorzubereiten. Doch Josef Löwenherz weigerte sich, eine Deportationsliste zusammenzustellen. Er lud vielmehr mittels eines Informationsblattes alle arbeitsfähigen Männer in die Kuppelhalle des Stadttempels in der Seitenstettengasse vor. Am 20. und 26. Oktober 1939 gin-gen zwei Transporte mit 1.584 Männern vom Aspangbahnhof nach Nisko ab. Einige Tage zuvor deportierten die NS-Behörden bereits neunhundert Männer aus Ostrava nach Nisko, die ein Barackenlager im nahe gelegenen Zarzecze errichten sollten. Eichmann und Alois Brunner versuchten lange, weitere Deportationen aus Wien durchzuführen. Zunächst verschoben sie den dritten Transport lediglich um eine Woche. Die jüdischen Transport- und Waggonleiter mussten sich am 30. Oktober am Aspangbahnhof mit Gepäck einfinden. Am 1. November verlautbarte die IKG in einem Schreiben, dass der Transport am Samstag, den 4. November abgehen würde. Bereits einen Tag zuvor hatten sich alle eingeteilten 750 Personen – diesmal auch Frauen und Kinder – mit Gepäck im ehemaligen Obdachlosenheim 10., Gänsbachergasse 3 (heute: 3., Gänsbachergasse 3), das nahe dem Aspangbahnhof gelegen war, einzufinden. Da Eichmann und Brunner keine Genehmigung für den Transport erhielten, blieben die meisten bis Februar 1940 im Sammellager interniert.

Während der gesamten NS-Zeit diente das Haus als Obdachlosenheim. Im Sommer 1944 wurden rund 6.000 ungarisch-jüdische Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter über Strasshof nach Wien gebracht. Das Lager in der Gänsbachergasse diente als Durchgangslager, von wo die Arbeitskräfte an die Arbeitgeber verteilt wurden.

Nachkriegszeit

In der Nachkriegszeit verwendete die Stadt Wien das Haus wieder als Obdachlosen- und Asylheim.

Literatur

  • Gabriele Anderl / Dirk Rupnow, Die Zentralstelle für Jüdische Auswanderung als Berau-bungsinstitution, Österreichische Historikerkommission, Bd. 20/1, Wien / München 2004.
  • Shoshana Duizend-Jensen, Jüdische Gemeinden, Vereine, Stiftungen und Fonds. "Arisie-rung" und Restitution, Historikerkommission, Bd. 21,2, Wien / München 2004.
  • Herbert Exenberger, Gleich dem kleinen Häuflein der Makkabäer: die jüdische Gemeinde in Simmering 1848-1945, Wien 2009.
  • Seev Goshen, "Eichmann und die Nisko-Aktion im Oktober 1939: Eine Fallstudie zur NS-Judenpolitik in der letzten Etappe vor der 'Endlösung', in: Vierteljahreshefte für Zeitge-schichte 29 (1981), S. 82-84.
  • Wolf Gruner, Zwangsarbeit und Verfolgung. Österreichische Juden im NS-Staat 1938-45, Innsbruck 2000.
  • Dieter J. Hecht / Eleonore Lappin-Eppel / Michaela Raggam-Blesch, Topographie der Shoah. Gedächtnisorte des zerstörten jüdischen Wien, Wien 2015.
  • Eleonore Lappin-Eppel, Ungarische-Jüdische Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen in Österreich 1944/45. Arbeitseinsatz – Todesmärsche – Folgen, Wien 2010.
  • Jonny Moser, Die Anhalte- und Sammellager für Österreichische Juden, in: Dokumentati-onsarchiv des Österreichischen Widerstandes (Hg.), Jahrbuch 1992, Wien 1992,
  • Jonny Moser, Nisko. Die ersten Judendeportationen, Wien 2012.
  • Doron Rabinovici, Instanzen der Ohnmacht. Wien 1938-1945. Der Weg zum Judenrat. Frankfurt/Main: Jüdischer Verlag, 2000.
  • Herbert Rosenkranz, Verfolgung und Selbstbehauptung. Die Juden in Österreich 1938-1945, Wien 1978.
  • Karl Sablik, Julius Tandler. Mediziner und Sozialreformer, Frankfurt/Main, Wien 2010.
  • Hans Safrian, Die Eichmann Männer, Wien 1993.