Sammellager Castellezgasse

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Art des Bauwerks Gebäude
Jahr von 1941
Jahr bis 1942
Andere Bezeichnung
Frühere Bezeichnung
Benannt nach
Einlagezahl
Architekt
Prominente Bewohner
Quelle
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BezirkStraßeHausnummer
2Castellezgasse35

frühere Adressierung

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Kartenausschnitt aus Wien Kulturgut

Sammellager Castellezgasse 35

Von Februar bis März 1941 und von Oktober 1941 bis Anfang Juni 1942 diente das Schulgebäude als Sammellager der für die Deportationen zuständigen "Zentralstelle für jüdische Auswanderung". Am 6. Juni 1942 verlegt die „Zentralstelle“ ihren Sitz vom Rothschildpalais (4., Prinz-Eugen-Straße 20-22) in die Castellezgasse 35.

Vorgeschichte

Das Stiftungshaus (2., Castellezgasse 35/Ecke Lessinggasse) wurde von Aron (Adolf) Pollak Ritter von Rudin (1817-1886) errichtet, der aufgrund seiner wirtschaftlichen und sozialen Verdienste als Zündholzfabrikant und Erbauer vom Rudolfinum (4., Mayerhofgasse 3) im Jahr 1869 in erblichen Ritterstand erhoben. Er war mit Babette (Barbara) Goldmann (1820-1872) verheiratet. Nach dem Tod seiner Frau Babette stiftete Adolf Pollak von Rudin am 29. März 1872 einen Fonds zur Errichtung eines Kindergartens für israelitische Kinder. Die Kapitalien des Fonds wurden der Israelitischen Kultusgemeinde zur Verwaltung übergeben. Der Ankauf eines Grundstückes und die behördliche Genehmigung zogen sich jedoch bis zum Beginn des Jahres 1884. Die Entscheidung fiel auf das Grundstück in der Castellezgasse aufgrund der Lage neben dem Augarten, der vom Stifter für die Gesundheit der Kinder als wichtig angesehen wurde. Während des Ersten Weltkrieges und in der Nachkriegszeit wurde das Stiftungshaus für verschiedene Hilfsaktionen – vor allem für jüdische Flüchtlinge aus den östlichen Kronländern der Monarchie – verwendet, unter anderem von der „Sozialen Hilfsgemeinschaft Anitta Müller".

Seit 1923 beherbergte das Gebäude das seit dem 1. Oktober 1919 bestehende, koedukativ geführte „Jüdische Privatrealgymnasium", das nach dem Tod des Oberrabbiner Hirsch Perez Chajes (1876-1927) in Chajes-Realgymnasium umbenannt worden war. Aus Platzgründen übersiedelte das Chajes-Realgymnasium 1935/36 in die Staudingergasse (20., Staudingergasse 6), einem vom Stadtschulrat zur Verfügung gestelltem Gebäude. Im Stiftungshaus in der Castellezgasse wurde eine jüdische Volksschule bis zum „Anschluss" im März 1938 weitergeführt. Nach dem „Anschluss“ wurden Kinder aus allgemeinen Schulen ausgeschlossen (aus Höheren Schulen am 28. April 1938, aus Pflichtschulen am 16. Mai 1938) und in jüdische Schulen wie die in der Castellezgasse eingewiesen. Die Überfüllung der Klassenräume verstärkte sich durch die kontinuierliche Auflösung von „Judenschulen". Im Oktober 1939 musste das Chajes-Realgymnasium von der Staudingergasse in das alte Schulgebäude (2., Castellezgasse 35) übersiedeln, wo nur mehr Pflichtschülerinnen und Pflichtschüler bis zum vierzehnten Lebensjahr unterrichtete werden durften. Ab dem Schuljahr 1938/39 war die Matura für jüdische Schülerinnen und Schüler verboten. Das Chajes-Realgymnasium musste sich „Jüdisches Lyzeum“ nennen. Im Schuljahr 1939/40 konnten in der Castellezgasse offiziell nur mehr sogenannte „Vorbereitungskurse für die Auswanderung jüdischer schulpflichtiger Kinder“ abgehalten werden. Diese abermalige Namensänderung brachte die Schule in Einklang mit der damaligen Hauptaufgabe der IKG, die jüdische Auswanderung zu fördern. Das letzte Schuljahr in Castellezgasse war 1940/41. Zum Schulschluss im Sommer 1941 besuchten 426 Knaben und 440 Mädchen (insgesamt 866 Kinder) die Schule, die in 18 Klassen mit bis zu 60 Kindern aufgeteilt wurden. Der Schulunterricht der Israelitischen Kultusgemeinde erfolgte fortan in den Räumen des Jugendheims in der Mohapelgasse 3 (heute 2., Tempelgasse 3).

Sammellager in der Castellezgasse

Im Februar 1941 errichtete die „Zentralstelle für jüdische Auswanderung“ im Schulgebäude Castellezgasse 35 ein Sammellager, wo Jüdinnen und Juden vor ihrer Deportation interniert wurden. Gleichzeitigen dienten Teile des Gebäudes weiter als Schulräume. Das Sammellager bestand bis zum vorläufigen Abschluss der ersten Deportationen im März 1941. Nach Wiederaufnahme der Deportationen im Oktober 1941 wurde im Gebäude wieder ein Sammellager eingerichtet und bis zum 4. Juni 1942 geführt. Zwei Tage später, am 6. Juni 1942, verlegte die „Zentralstelle“ ihren Sitz in das Haus Castellezgasse 35. Nach der Auflösung der letzten Sammellager im Frühjahr 1943 richtete die Gestapo, die die Agenden der „Zentralstelle“ übernommen hatte, in der Castellezgasse eine Verwaltungsstelle für „Mischlinge“ ein, die bis Kriegsende bestand. Im Juli 1944 wurde in einem Teil des Gebäudes die Dienststelle des „Befehlshabers der Sicherheitspolizei und des SD in Ungarn, Sondereinsatzkommando, Außenkommando Wien“ untergebracht. Diese verwaltete und kontrollierte den Zwangsarbeitseinsatz von 15.000 Jüdinnen und Juden aus Ungarn.

Nachkriegszeit

Nach Kriegsende dauerte es 11 Jahre bis die Aron Pollak von Rudin’sches Stiftung mittels Bescheids der österreichischen Regierung vom 23. März 1956 wieder errichtet werden konnte und die Israelitische Kultusgemeinde Wien die Liegenschaft zurückerhielt. 1984 wurde in der Castellezgasse 35 wieder das Chajesgymnasium errichtet. Im Gebäude gab es auch einen Kindergarten und eine Volksschule. 2008 übersiedelte die Schule in ein neues Gebäude und das Haus wurde verkauft und dient heute als Luxuswohnhaus.

Quellen

  • Amtsblatt der Stadt Wien, 1.7.1938, 46. Jg. Nr. 27, S. 2.

Literatur

  • Gabrielle Anderl, Orte der Täter. Der NS-Terror in den „arisierten“ Wiener Rothschild-Palais, Wien 2005.
  • Gabriele Anderl / Dirk Rupnow, Die Zentralstelle für Jüdische Auswanderung als Berau-bungsinstitution, Österreichische Historikerkommission, Bd. 20/1, Wien / München 2004.
  • Shoshana Duizend-Jensen, Jüdische Gemeinden, Vereine, Stiftungen und Fonds. "Arisie-rung" und Restitution, Historikerkommission, Bd. 21,2, Wien / München 2004.
  • Renate Göllner, Schule und Verbrechen. Die Vertreibung jüdischer Schülerinnen und Schüler von Wiens Mittelschulen, Frankfurt/Main 2009.
  • Dieter J. Hecht, Jüdische Stiftungen in Wien – Verortung und Standortbestimmung bis 1938. Die jüdische Gemeinde und ihr soziales Umfeld, in: Andreas Ludwig/Kurt Schilde (Hg.), Jüdische Wohlfahrtsstiftungen. Initiativen jüdischer Stifterinnen und Stifter zwischen Wohl-tätigkeit und sozialer Reform, Frankfurt 2010, S. 31-54.
  • Dieter J. Hecht/Eleonore Lappin-Eppel/Michaela Raggam-Blesch, Topographie der Shoah. Gedächtnisorte des zerstörten jüdischen Wien, Wien 2015.
  • Dieter J. Hecht, Zwischen Feminismus und Zionismus. Die Biografie einer Wiener Jüdin. Anitta Müller-Cohen (1890-1962), Wien 2008.
  • Eleonore Lappin-Eppel, Ungarische-Jüdische Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen in Österreich 1944/45. Arbeitseinsatz – Todesmärsche – Folgen, Wien 2010.
  • Doron Rabinovici, Instanzen der Ohnmacht. Wien 1938-1945. Der Weg zum Judenrat. Frankfurt/Main: Jüdischer Verlag, 2000.
  • Walter Rudin, So hab ich's erlebt. Von Wien nach Wisconsin – Erinnerungen eines Mathe-matikers, Oldenburg Verlag, München/Wien 1998.
  • Ursula Patzer, Die Wiener Schulen im März und April 1938, in: Felix Czeike (Hg.), Wien 1938. Bd. 2, Wien 1978, S. 286-292.
  • Binyamin Shimron, Das Chajesrealgymnasium in Wien 1919-1938. Anlässlich des 70. Jahrestages der Gründung und des 50. Jahrestages der Auflösung, Tel-Aviv 5749/1989.