Sammellager

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Deportation von Juden aus dem Sammellager Kleine Sperlgasse 2a. Foto aus einem Album des Gestapobeamten Josef Weiszl, der auf diese Weise seine Dienstzeit dokumentierte.
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Bildunterschrift  Deportation von Juden aus dem Sammellager Kleine Sperlgasse 2a. Foto aus einem Album des Gestapobeamten Josef Weiszl, der auf diese Weise seine Dienstzeit dokumentierte.
Bildquelle WStLA, Volksgericht, A1, Vg 8e Vr 871/55
Bildrechte CC BY-NC-ND 4.0

Im Zusammenhang mit der Durchführung der Deportationen wurden insgesamt vier Sammellager in Wien eingerichtet. Alle Sammellager waren ehemalige Schulgebäude und befanden sich im zweiten Bezirk, wo die Mehrheit der jüdischen Bevölkerung durch „Wohnungsarisierungen“ und Einweisungen in „Sammelwohnungen“ bereits konzentriert worden war. Im Zuge der ersten Deportationen im Frühjahr 1941 wurden die ersten Sammellager Anfang Februar in einer Schule der Stadt Wien in der Kleinen Sperlgasse 2a und im Gebäude des ehemaligen jüdischen Chajesrealgymnasiums in der Castellezgasse 35 eingerichtet. Von Juni bis November 1942 bestand auch in der Malzgasse 16, in den Räumlichkeiten der ehemaligen Talmud Thora Schule, ein Sammellager. Gleich gegenüber, im Gebäude einer ehemaligen jüdischen Mädchenschule (Dr. Krüger-Heim) in der Malzgasse 7 / Ecke Miesbachgasse 8 war zwischen Juni 1942 und Mai 1943 ein weiteres Sammellager, in dem auch ein kleines Gestapogefängnis eingerichtet wurde. Jüdinnen und Juden, die sich eines Vergehens schuldig gemacht hatten, wurden hier bis zu ihrem Abtransport festgehalten. Die vier Sammellager waren jedoch nicht alle gleichzeitig in Betrieb.

„Einrücken“ in das Sammellager

Die Deportationen wurden von der „Zentralstelle für jüdische Auswanderung“ organisiert. Sie stellte die Transportlisten mit Hilfe der von der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) geführten Namenskartei ihrer Mitglieder zusammen. Danach verschickte die „Zentralstelle“ zunächst Postkarten an die Betroffenen, in denen sie diese aufforderte, sich zum angegebenen Datum in einem bestimmten Sammellager einzufinden. Die IKG musste ihre Mitglieder in einem Rundschreiben zur Kooperation aufrufen und gleichzeitig darauf hinweisen, dass Zuwiderhandeln streng bestraft würde. Damit zwang die „Zentralstelle“ die IKG zur Mitarbeit bei der Organisation der Deportationen.

In Abschiedsbriefen an Verwandte und Freunde wurde die Aufforderung zur Meldung in einem Sammellager oft als „Einrücken“ oder „in die Schule gehen“ bezeichnet. Zuvor hatten die Aufgerufenen ein genaues Verzeichnis ihrer ihnen noch verbliebenen Wertgegenstände anzulegen. Dieses mussten sie zusammen mit den Wohnungsschlüsseln im Sammellager abliefern. Jeder durfte zwei Koffer (bis zu insgesamt fünfzig Kilogramm) mitnehmen. Auf den Gepäckstücken hatten in weißer Ölfarbe Namen und Anschrift der Besitzer zu stehen. Einige dieser Koffer sind heute im Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau ausgestellt.

Die Unterkünfte in den Sammellagern waren ehemalige Klassenzimmer, aus denen die Möbel entfernt worden waren, um möglichst viele Menschen hineinzwängen zu können. Zum Schlafen dienten Matratzen und Strohsäcke, oft auch aufgrund von Überfüllung der nackte Fußboden. Die Enge und die unzureichenden Waschgelegenheiten führten zu einer Ungezieferplage. Die IKG hatte für Verpflegung und ärztliche Betreuung der Lagerinsassen zu sorgen, war jedoch an die geringen Rationen von Lebensmitteln und Medikamenten gebunden. Die Gewalttätigkeit des SS-Personals verschlimmerte zusätzlich die Lebensbedingungen in den Lagern. Personen, die der per Post geschickten Aufforderung, sich im Sammellager einzufinden, nicht nachkamen, ließ die „Zentralstelle für jüdische Auswanderung“ ausforschen und einweisen.

„Aushebung“ zur Deportation

Im November 1941 führte Alois Brunner (Brunner I), Leiter der „Zentralstelle für jüdische Auswanderung“, das System der „Aushebungen“ ein. In den Bezirken 2., 9. und 20., wo die jüdische Bevölkerung bereits konzentriert in bestimmten Gassen und Häusern in „Sammelwohnungen“ lebte, führte die SS Razzien unter Mithilfe von Mitarbeitern der IKG durch. Die zur Deportation Bestimmten mussten innerhalb von zwei Stunden ihre Koffer packen. Vor den Häusern warteten Lastautos, die sie in eines der Sammellager brachten. In zeitgenössischen Quellen, aber auch in Erinnerungen von Überlebenden werden diese Mitarbeiter der Kultusgemeinde als „Ordner“, „Rechercheure“ und „Ausheber“ bezeichnet. Der Amtsdirektor der IKG, Josef Löwenherz, hatte sich anfänglich geweigert, seine Angestellten für diese Tätigkeit zur Verfügung zu stellen. Erst nach Beschwerden über die Brutalität der von der „Zentralstelle für jüdische Auswanderung“ eingesetzten „Ausheber“ willigte Löwenherz ein. Auch diese „Ordner“ waren nur auf Zeit geschützt und wurden schließlich ebenfalls deportiert und Großteils ermordet.

„Untertauchen“

Die Flucht vor den „Aushebern“ gelang nur wenigen und hatte meist nur kurzfristig Erfolg. Denn das Untertauchen war schwierig, weil „Arier“ nur selten die Gefahr auf sich nahmen, Jüdinnen und Juden bei sich zu verstecken. Lebensmittel waren rationiert und nur schwer erhältlich, dazu kam die Gefahr, von Spitzeln verraten zu werden. In ihrer Ahnungslosigkeit hielten viele die Deportation für erträglicher als die Strapazen des Untertauchens. So berichtete Edith Hahn, dass ihre Freundin Hermine Schwarz den ständigen Druck des Versteckens und der Suche nach nicht immer willigen Helfer nicht mehr aushielt und sich der Deportation stellte: „Keiner will mich haben. Alle fürchten sich. Und ich habe Angst, ihnen zu schaden. Ich gehe in die Schule [Sammellager]. Vielleicht finde ich in Polen ein besseres Leben.“

„Kommissionierung“ und Zusammenstellung der Transporte in den Sammellagern

Über das Leben in den Sammellagern gibt es nur vereinzelt Informationen, weil der Kontakt mit der Außenwelt verboten war und nur wenige ehemalige Lagerinsassen überlebten. Über Verbleib im Lager oder Deportation entschied die so genannte „Kommissionierung“. Sie gab den Mitarbeitern der „Zentralstelle für jüdische Auswanderung“ Gelegenheit, die Lagerinsassen zu demütigen, zu misshandeln und ihrer letzten Vermögenswerte zu berauben. Als Leiter der „Kommissionierung“ fungierte Anton Brunner (Brunner II), Mitarbeiter von Alois Brunner (Brunner I) an der „Zentralstelle für jüdische Auswanderung“. Brunner war ein fanatischer und brutaler Antisemit, der noch bei seinen Verhören nach dem Krieg bekannte, mehr als 48.000 Menschen „kommissioniert“ zu haben, von denen fast alle deportiert worden seien. Die Entscheidungen Brunners waren oft willkürlich und die „Kommissionierungen“ von schweren Misshandlungen begleitet.

Ziel der „Kommissionierung“ war es, ausreichend viele Menschen zu überprüfen, um mit dem nächsten Transport tausend Personen deportieren zu können. Da immer wieder einzelne „Ausgehobene“ zurückgestellt wurden, z.B. weil sie „arisch-versippt“ waren, mussten sich immer mehr als tausend Personen im Sammellager befinden. Bisweilen führte die „Zentralstelle“ Straßenrazzien durch, um für den nächsten Transport die gewünschte Teilnehmerzahl zu erzielen. Das „Wiener System“ der „Aushebungen“ und Deportationen erwies sich als äußerst „erfolgreich“. Aus diesem Grund wurde Alois Brunner für einen Monat nach Berlin versetzt, um die Deportation der Berliner Juden zu reorganisieren und zu beschleunigen, nachdem Mitarbeiter der Gestapoleitstelle Berlin wegen Korruption und mangelnder „Erfolge“ im Oktober 1942 verhaftet worden waren. Die Anwendung der „Wiener Methoden“ führte dort zu einer Radikalisierung der Verfolgungsmaßnahmen. Nach Abschluss der großen Deportationen im Oktober 1942 wurden die Sammellager aufgelöst. Im Frühjahr 1943 übernahm die Gestapo die Agenden der „Zentralstelle für jüdische Auswanderung“.

Transport von den Sammellagern zum Aspangbahnhof

Von den Sammellagern wurden die Menschen meist untertags in offenen Lastwagen über den Schwedenplatz, die Ringstraße und die Ungargasse zum Aspangbahnhof im 3. Bezirk gebracht. Auch dies verlief nicht ohne Demütigungen durch die Wiener Bevölkerung, wie sich Rudolf Gelbard erinnert, der als Zwölfjähriger am 1. Oktober 1942 vom Sammellager Malzgasse 7 über den Schwedenplatz zum Aspangbahnhof geführt wurde:

„Und dann sind wir mit Lastautos zum Aspangbahnhof geführt worden. Und da gab es eine fürchterliche Szene, an die ich mich heute noch erinnere: Dort wo der Eissalon heute ist, da war ja eine Straße. Und plötzlich ist der Wagen stehen geblieben, [es] haben ihn Menschen umringt [...] und haben gesagt: „Ah, die Jüdelach! Jetzt führen’s es.“ Ja, also ganz hämisch. Und da waren darauf alte Leute, Kinder und so – ohne Mitleid.“[1]

Von den 45.451 Jüdinnen und Juden aus Österreich, die zwischen Februar 1941 und Oktober 1942 deportiert wurden, überlebten nur 989 Personen.

Sammellager

Quellen

Literatur

  • Gabriele Anderl / Dirk Rupnow, Die Zentralstelle für jüdische Auswanderung als Beraubungsinstitut, Österreichische Historikerkommission, Bd. 20/1, Wien 2004.
  • Gerhard Botz, Wohnungspolitik und Judendeportation in Wien 1938-1945. Zur Funktion des Antisemitismus als Ersatz nationalsozialistischer Sozialpolitik, Wien 1975.
  • Saul Friedländer, Die Jahre der Vernichtung. Das Dritte Reich und die Juden 1939-1945, Bd. 2, München ²2006.
  • Edith Hahn-Beer, Ich ging durchs Feuer und brannte nicht. Eine außergewöhnliche Lebens- und Liebesgeschichte, Frankfurt/Main 2001, S. 146.
  • Dieter J. Hecht/Eleonore Lappin-Eppel/Michaela Raggam Blesch, Topographie der Shoah. Gedächtnisorte des zerstörten jüdischen Wien, Wien 2015.
  • Raul Hilberg, Die Vernichtung der europäischen Juden, 3 Bde., Bd. 1, Frankfurt/Main 1994.
  • Eleonore Lappin-Eppel / Katharina Soukup / Johann Soukup (Hg.), Rita Maria Rockenbauer. „Zu lesen wenn alles vorüber ist“. Rita Maria Rockenbauer, Briefe 1938-1942, Wien 2014.
  • Doron Rabinovici, Instanzen der Ohnmacht. Wien 1938-1945. Der Weg zum Judenrat. Frankfurt/Main 2000.
  • Herbert Rosenkranz, Verfolgung und Selbstbehauptung. Die Juden in Österreich 1938-1945, Wien 1978.
  • Hans Safrian, Die Eichmann Männer, Wien 1993.

Einzelnachweise

  1. Interview mit Rudolf Gelbard am 14. 9. 2016 im Rahmen der Ausstellung „Letzte Orte vor der Deportation. Kleine Sperlgasse, Castellezgasse, Malzgasse“