Rotes Wien

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Städtisches Wohnhausanlage Karl-Marx-Hof, errichtet 1927 bis 1930 (Aufnahme aus 1950)
Datum von
Datum bis
Objektbezug
Quelle Felix Czeike: Historisches Lexikon Wien
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Bildname Karl-Marx-Hof.jpg
Bildunterschrift  Städtisches Wohnhausanlage Karl-Marx-Hof, errichtet 1927 bis 1930 (Aufnahme aus 1950)
Bildquelle WStLA, Fotos des Presse- und Informationsdienstes, FC1: 50400/3
Bildrechte CC BY-NC-ND 4.0

Bezeichnung

Verbreitete Bezeichnung für die (seit den Wahlen vom 4. Mai 1919) mit absoluter sozialdemokratischer Mehrheit verwaltete Stadt Wien in der Ersten Republik unter Bürgermeister Jakob Reumann und Bürgermeister Karl Seitz. Aufgrund der Gemeinderatswahlen von 1932 konnten die Sozialdemokraten erstmals auch sämtliche Wiener Bezirksvorsteher stellen.

Das Neue Wien. Karte von Erich Leischner mit Einzeichnung der bis 1931 neu errichteten Wohnhausanlagen, Siedlungen, Bäder und Gartenanlagen.

Politik

Die Politik des Roten Wien, die einerseits in einigen Teilbereichen an den "Gemeindesozialismus" von Karl Lueger anknüpfte, andererseits eine direkte Reaktion auf die Verelendung breiter Bevölkerungsschichten durch den Ersten Weltkrieg darstellte, war gekennzeichnet durch eine von Hugo Breitner konzipierte und durchgeführte grundlegend geänderte Finanz- und Steuerpolitik. Diese verzichtete auf neue Anleihen, schichtete bei den Steuerbelastungen gesellschaftlich um [beispielsweise Fürsorgeabgabe], ging von indirekten Steuern ab und hob zweckgebundene Steuern (bespielsweise Wohnbausteuer) ein. Die finanzpolitischen Veränderungen bildeten die Voraussetzung für die Realisierung der städtischen Wohnbauprogramme. Anfangs erfolgte eine großflächige Verbauung von Arealen, die aus verschiedenen Gründen in der Franzisko-Josephinischen Ära unverbaut geblieben waren [etwa am Gürtel wegen der Nähe der Südbahn]. Teilweise wurde in Form der sogenannten Superblocks (beispielsweise Karl-Marx-Hof), aber auch aufgelockert verbaut (beispielsweise Sandleiten), später in Ermangelung größerer freier Flächen auch in Form von Lückenverbauung. Es erfolgte eine durchwegs geringere Verbauung der Grundstücke, Wohnungen wurden mit Energie und WC ausgestattet, in großzügigen Höfen wurde Grünraum gestaltet. Julius Tandler prägte die Sozial- und Gesundheitspolitik. Der Fürsorge, insbesondere der Jugendfürsorge, der ein Primat zuerkannt wurde, schenkte man große Aufmerksamkeit. (siehe dazu auch Gesundheitsamt)

Leopold KunschakAlma MotzkoKarl RummelhardtFranz HoßKarl SeitzKarl Hartl (Jurist)Georg EmmerlingHugo BreitnerPaul SpeiserFranz SiegelAnton WeberQuirin KokrdaJulius TandlerKarl RichterRotes Wien.jpg
Über dieses Bild

Eine Sitzung des Wiener Stadtsenats unter der Leitung von Bürgermeister Karl Seitz (undatiert; zwischen Ende Oktober 1923 und Oktober 1927).

Neuerungen

Es kam zu zahlreichen Neuerungen beziehungsweise Verbesserungen in verschiedenen Bereichen, beispielsweise im Bereich der Bäder, Kinderfreibäder, Kindergärten [Volkskindergärten], Kinderübernahmestelle, Säuglingswäschepaket, Schulärztlicher Dienst, Schulzahnkliniken); die Säuglingssterblichkeit und die Tuberkulose (Lungenheilstätte "Baumgartner Höhe") wurden energisch bekämpft, das Brigittaspital und Kinderspitäler wurden übernommen, das Lainzer Krankenhaus (Pflegeheim Lainz) ausgebaut.

In die städtischen Wohnhausanlagen wurden Sozialeinrichtungen wie Kindergärten oder Mutterberatungsstellen integriert. Die Straßenbahn wurde modernisiert, die Stadtbahn in die kommunale Verwaltung übernommen und elektrifiziert, der Autobus zu einem innerstädtischen Verkehrsmittel aufgewertet; die Müllabfuhr erhielt durch das Colonia-System eine neue Dimension. Das Stadion wurde errichtet (Arbeitersport).

Die neue Schulpolitik fand in Otto Glöckel einen erfolgreichen Reorganisator (Wiener Schulreform). Die Volksbildung, die Städtischen Büchereien und das gesamte Kulturleben (Wiener Festwochen, Theater, Konzert) wurden stark gefördert.

Die städtischen Straßen erfuhren durch Kleinsteinpflasterung, Asphaltierung und Macadambeläge eine wesentliche Verbesserung. In den Hintergrund traten der Brücken- und Straßenbau sowie der private Wohnhausbau (einschließlich der Hausreparaturen).

Politische Auseinandersetzung

Die sozialdemokratische Verwaltung stand im Gemeinderat mit der christlichsozialen Opposition in steten Auseinandersetzungen, die gegen Ende der 1920er Jahren an Heftigkeit noch zunahmen. Um diese Zeit begann durch verschiedene Maßnahmen auch eine Verminderung der städtischen Einnahmen, insbesondere durch Beeinspruchung von Steuern beim Verwaltungsgerichtshof und die Reduktion der Wien zugebilligten Ertragsanteile an staatlichen Steuern im Rahmen eines angestrebten "Lastenausgleichs".

Das Rote Wien, gegen das in steigendem Maß auch seitens der Heimwehr und anderer paramilitärisch-politischer Verbände Stellung bezogen wurde, fand nach den Februarkämpfen 1934 ein abruptes Ende; Bürgermeister Seitz wurde verhaftet, der Gemeinderat aufgelöst, der kommunale Wohnhausbau eingestellt. Ständestaat

Ausstellung

Im Karl-Marx-Hof (19) wird ständig die Ausstellung “Das Rote Wien im Waschsalon Karl-Marx-Hof” gezeigt.[1]

Quellen

Literatur

  • Maren Seliger / Karl Ucakar: Wien. Politische Geschichte 1896 - 1934. Wien: Jugend & Volk 1985 (Geschichte der Stadt Wien, 2)
  • Maren Seliger: Sozialdemokratie und Kommunalpolitik in Wien. Zu einigen Aspekten sozialdemokratischer Politik in der Vor- und Zwischenkriegszeit. Wien [u.a.]: Verlag für Jugend und Volk 1980 (Wiener Schriften, 49)
  • Alfred Georg Frei: Rotes Wien. Austromarxismus und Arbeiterkultur. Sozialdemokratische Wohnungs- und Kommunalpolitik 1919 - 1934. Berlin: DVK-Verlag 1984
  • Felix Czeike: Wirtschafts- und Sozialpolitik der Gemeinde Wien in der ersten Republik (1919 - 1934). Band 1. Wien: Verlag für Jugend und Volk 1956 (Wiener Schriften, 6)
  • Felix Czeike: Wirtschafts- und Sozialpolitik der Gemeinde Wien in der ersten Republik (1919 - 1934). Band 2. Wien: Verlag für Jugend und Volk 1959 (Wiener Schriften, 11)
  • Helmut Weihsmann: Das Rote Wien. Sozialdemokratische Architektur und Kommunalpolitik 1919-1934. Wien: Promedia 1985 (Literaturverzeichnis)
  • Das rote Wien. 1918-1934. Historisches Museum der Stadt Wien, 17.6. - 5.9.1993. Wien: Eigenverlag der Museen der Stadt Wien 1993 (Sonderausstellung des Historischen Museums der Stadt Wien, 177)
  • Hugo Pepper: Das Rote Wien. In: Kurt Stimmer [Hg.]: Die Arbeiter von Wien. Ein sozialdemokratischer Stadtführer. Wien [u.a.]: Jugend & Volk 1988, S. 198 ff.

Links

Einzelnachweise

  1. Das Rote Wien im Waschsalon