Revolution (1848)

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Art des Ereignisses Revolution
Datum von 1848
Datum bis
Objektbezug
Quelle Felix Czeike: Historisches Lexikon Wien
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Revolution (1848). Politische Bewegung, die ab Februar/März 1848 große Teile Europas erfasste und 1849 ausklang. Politische Ziele waren unter anderem gewählte Volksvertretungen und verantwortliche Ministerien anstelle monarchisch-absolutistischer Regierungen, die Beseitigung feudaler Strukturen und die Garantie der Pressefreiheit. Regionale Unterschiede ergaben sich hinsichtlich der Beibehaltung der Monarchen und Fürsten als (konstitutionelle) Staatsoberhäupter beziehungsweise der Schaffung von Republiken; diese Entwicklung wurde von Großbritanniens liberalem Premierminister Lord Palmerston, einem Gegner der konservativen "Heiligen Allianz", insgeheim begünstigt. Nationale Ziele waren die staatliche Zusammenfassung von Völkern gleicher Sprache (beispielsweise die Umwandlung des 1815 geschaffenen Deutschen Bunds in ein aus allen deutschen Territorien bestehendes Reich mit einem Kaiser an der Spitze), die größere politische Eigenständigkeit für die nichtdeutschen Gebiete der Habsburgermonarchie beziehungsweise die Vereinigung der habsburgischen und nichthabsburgischen Teile Italiens zu einem unabhängigen Nationalstaat; eine Realisierung dieser Ziele hätte den Zerfall der Habsburgermonarchie bedeutet (Deutsche Nationalversammlung). Soziale Ziele waren die Beseitigung feudaler Strukturen (Untertänigkeit, Grundherrschaft), die rechtliche Gleichstellung aller Staatsbürgerinnen und Staatsbürger (unter anderem volle Emanzipation der Jüdinnen und Juden, die sich eifrig an der revolutionären Agitation beteiligten) sowie die Besserstellung (und das politische Mitspracherecht) für die Massen der Fabriksarbeiter (Kommunistisches Manifest von Karl Marx in London am 29. Februar 1848). In Frankreich war die Revolution (23./24. Februar 1848) erfolgreich (Umwandlung des Königtums in eine Republik); in den Mitgliedstaaten des Deutschen Bunds (Österreich, Preußen, Bayern, Sachsen, Württemberg, Baden und so weiter) wurden zunächst zwar durchwegs die meisten politischen und sozialen Ziele erreicht, doch führte die zunehmende Radikalität zu militärischen Gegenmaßnahmen der Regierungen, welche die Revolution letztlich zum Scheitern brachte (einige Errungenschaften blieben allerdings bestehen); in Ungarn und Lombardo-Venetien warf Österreich die Revolution mit Waffengewalt völlig nieder (Radetzky) und setzte Militärregierungen ein. Die Revolution in Wien vollzog sich in Etappen:

1) März- und Mairevolution:

Die Märzrevolution (13./14. März 1848) wurde vom Bürgertum getragen (Ausbruch im Niederösterreichischen Landhaus, erste Todesopfer, Zerstörung von Fabriken, Rücktritt Metternichs, Bildung der Nationalgarde, Gewährung der Pressefreiheit, Zusage einer Parlamentarischen Verfassung). Die Mairevolution (25./26. Mai) wurde von Studenten getragen (erzwungene Rücknahme der Auflösung der Akademischen Legion, Änderung der Wahlordnung für den Reichstag [sub 2], Barrikadenbau). Kaiser Ferdinand I. und sein Hof verließen Wien am 17. Mai, kehrten jedoch am 12. August aus Innsbruck zurück.

2) Oktoberrevolution:

Das Ende der Wiener Revolution wurde durch die Verquickung mit der politischen Entwicklung in Ungarn eingeleitet. Dort gab es ab 11. April 1848 einen gewählten Reichstag und eine verantwortliche Regierung (Ministerpräsident Graf Batthyány, Finanzminister Kossuth), deren Hinwirken auf zunehmende Eigenständigkeit im Rahmen der Gesamtmonarchie zielte. Der Wiener Hof setzte dem als Druckmittel die Begünstigung des Banus Jellačić entgegen, der eine Loslösung Kroatiens von Ungarn anstrebte. Jellačić fiel mit seinen Truppen am 11. September in Ungarn ein, woraufhin am 15. September ein Landesverteidigungsrat (Vorsitzender Kossuth) gebildet wurde. Der Wiener Hof ernannte am 25. September Graf Majlath zum Statthalter und Graf Lamberg zum militärischen Oberbefehlshaber in Ungarn; letzterer wurde am 28. September in Buda ermordet; am 29. September wurde Jellačić geschlagen und zog sich nach Österreich zurück. Die von Kriegsminister Theodor von Latour beabsichtigte Entsendung von Truppen zur Unterstützung von Jellačić wurde ab 4. Oktober von ungarischen Agenten im Bund mit Wiener Radikalen hintertrieben; ab 6. Oktober kam es in Wien zum Meutern dieser Truppen und zur Ermordung Latours, am 7. Oktober zur Plünderung des kaiserlichen Zeughauses (viele Todesopfer). Der Aufstand vom 6./7. Oktober wurde von Fabriksarbeitern getragen. Die Regierung (außer Finanzminister Krauß) verließ nach Ausbruch der Oktoberrevolution Wien; Ferdinand I. und der Hof flüchteten am 7. Oktober nach Olmütz; rund 20.000 Bürgerinnen und Bürger flohen aus der Stadt, die Radikalen übernahmen die Macht. Ein aus den vormals kaiserlichen Garnisonstruppen in Wien, den Truppen Jellačić' und einem böhmischen Kontingent gebildetes Heer (Oberbefehl Alfred Fürst Windisch-Graetz) wurde zur militärischen Unterwerfung Wiens (das von den Resten der Nationalgarde und der neugebildeten Mobilgarde verteidigt wurde) eingesetzt. Am 28. Oktober begann der Angriff, am 30. Oktober scheiterte ein ungarischer Entsatzversuch bei Schwechat, am 31. Oktober rückten die kaiserlichen Truppen in Wien ein; die bis 9. Mai 1849 amtierende Militärregierung fällte zahlreiche Todesurteile.

3) Politische Gremien im revolutionären Wien:

  • 1) Nationalgarde (ab 14. März) mit einem von 7.-21. Mai bestehenden Zentralkomitee.
  • 2) Bürgerausschuss von 36 Mitgliedern (ab 15. März) unter Vorsitz von Vizebürgermeister Bergmüller (Bürgermeister Czapka trat am 14. März zurück), der am 25. Mai durch einen gewählten Gemeindeausschuss von 100 Mitgliedern (20 aus der Inneren Stadt, 80 aus den Vorstädten) beziehungsweise ab 7. Oktober durch den am 5. Oktober gewählten 150-köpfigen Gemeinderat (Vorsitzender Hermann, am 12. Oktober Bondi) ersetzt wurde, der aus seinen Reihen eine neunköpfige "Permanenz" (ständiger Ausschuss, dessen Mitglieder einander turnusweise ablösten) bestellte.
  • 3) Sicherheitsausschuss (26. Mai-24. August), bestehend aus 234 von der Nationalgarde und vom Gemeindeausschuss entsandten Mitgliedern (Vorsitzender Dr. Adolf Fischhof, ab 31. Juli Dr. August Bach, Bruder des Ministers); tagte im (alten) Musikvereinssaal unter den Tuchlauben.
  • 4) Regierung für das Kaisertum Österreich (ausgenommen Ungarn und Lombardo-Venetien) ab 18. März: Ministerpräsidenten waren Kolowrat, ab 4. Mai Pillersdorff und ab 18. Juli Wessenberg; Innenminister Pillersdorff, ab 18. Juli Doblhoff; Außenminister Ficquelmont, ab 3. Juni Wessenberg; Finanzminister Kübeck, ab 18. Juli Krauß; Justizminister Taaffe, ab 18. April Sommaruga, ab 18. Juli Alexander Bach; Handelsminister (ab 7. Mai) Doblhoff, ab 18. Juli Hornbostel; Minister für öffentliche Arbeiten (ab 7. Mai) Baumgartner, 18. Juli-23. September Schwarzer, dann Mitbetreuung durch Handelsminister; Kriegsminister ab 4. April Zanini, ab 28. April Latour (ermordet 6. Oktober).
  • 5) Reichstag für das Kaisertum Österreich (ausgenommen Ungarn und Lombardo-Venetien), konstituiert am 22. Juli 1848 in der Winterreitschule der Hofburg, bestehend aus 383 gewählten Abgeordneten (Präsident Strobach, Vizepräsidenten Smolka und Lasser); er sollte eine endgültige Verfassung ausarbeiten. Wichtigster Gesetzesbeschluss (7. September) war die Aufhebung der Untertänigkeit und die Grundentlastung.

Vom 7. bis 31. Oktober 1848 bestand ein permanenter "Sicherheitsausschuss" des Reichstags, bestehend aus 20 Abgeordneten. Unter dem Eindruck der Ereignisse vom 6. Oktober flüchteten viele Abgeordnete aus Wien. Am 15. November 1848 erfolgte die Verlegung des Reichstags von Wien nach Kremsier (dort am 4. März 1849 aufgelöst). –Als inoffizielle politische "Lobbies" fungierten verschiedene, vorwiegend radikale Vereine, so die "Gesellschaft der Volksfreunde", der "Demokratische Verein" und der "Wiener Arbeiterverein" sowie eine Unzahl von Zeitungen verschiedenster Orientierung. Es gab in allen politischen Gremien parteiähnliche Gruppierungen mit unterschiedlichen Ansichten über Methoden und Ziele; eine überragende, integrative Persönlichkeit fehlte.

4) Nach der Revolution:

Am 21. November 1848 wurde eine neue Reichsregierung gebildet (Ministerpräsident und Außenminister Felix Fürst Schwarzenberg, Innen- und Unterrichtsminister Franz Graf Stadion. Finanzminister Krauß, Justizminister Alexander Bach, Handelsminister Karl Ludwig Ritter von Bruck, Landwirtschaftsminister Thinnfeld, Kriegsminister Cordon, Unterrichtsstaatssekretär Joseph Alexander Helfert). Am 2. Dezember 1848 verzichtete Ferdinand I. auf den Thron; sein Neffe, der damals 18-jährige Franz Joseph, wurde (nach dem Verzicht seines Vaters Franz Karl auf die Thronfolge) zum Kaiser von Österreich proklamiert (Franz Joseph I., Neoabsolutismus). Ungarn, das sich am 14. April 1849 von der Herrschaft der Habsburger lossagte, wurde bis 13. August 1849 (ab Juni mit russischer Unterstützung) militärisch unterworfen und verlor seine Verfassung (bis Sommer 1850 Militärregierung unter Haynau mit zahlreichen Hinrichtungen). Trotz der Niederschlagung der Revolution im österreichischen Teil der Monarchie blieb eine Reihe von Errungenschaften bestehen, insbesondere die Grundentlastung, die Aufhebung der Untertänigkeitsverhältnisse und Grundherrschaften sowie die Verstaatlichung von Gerichtsbarkeit und Verwaltung.

Personen:

Josef Matthäus Aigner, Berthold Auerbach, Maximilian Auersperg, Alexander von Bach, Alfred Julius Becher, Josef Bern, Johann Nepomuk Berger, Ferdinand Bergmüller, Robert Blum, Franz von Cordon, Ignaz Czapka, Alexander Dietrichstein, Anton von Doblhoff-Dier, Sigmund Engländer, Kaiser Ferdinand I. Adolf Fischhof, Ludwig August Frankl, Julius Fröbel, Anton Füster, Josef Goldmark, Moritz Hartmann, Joseph Alexander Helfert, Theodor Friedrich Hornbostel, Johann Ernst Hoyos-Sprinzenstein, Anton Josef Hye, Joseph Jellačić, Hermann Jellinek, Sebastian Jenull, Erzherzog Johann Friedrich Anton Kaiser, Franz Anton Kolowrat-Liebsteinsky, Lajos Kossuth, Karl Friedrich Kübeck, Hans Kudlich, Theodor von Latour, Isak Noa Mannheimer, Karl Marx, Wenzel Messenhauser, Karoline Perin-Gradenstein, Franz Xaver Pillersdorf, Johann Pollet, Ernst Schwarzer, Anton Schütte, August Silberstein, Moritz Smets, Franz Sommaruga, Franz Smolka, Andreas Stifft der Jüngere, Valentin Streffleur, Erzherzogin Sophie, Karl Tausenau, Ernst Violand.

Sachbegriffe:

Achtundvierzigerplatz, Akademische Legion, Anschlussbewegung, Aula, Belagerungen, Bürgerausschuss, Colloredogasse, Denkmal für die Opfer der Märzrevolution 1848, Zur goldenen Ente, Frauenbewegung, Frauenrechtsbewegung, Freimaurer, Gemeinderat, Gumpendorfer Kaserne, Hinrichtungsstätten, Hofkriegsratsgebäude, Zum roten Igel, Juden, Kaiserbarrikade, Zum goldenen Lamm, Ministerium, Mobilgarde, Nationalgarde, Deutsche Nationalversammlung, Niederösterreichische Landstände, Niederösterreichisches Landhaus, Prater, Reichstag, Rotundenbrücke, Schwechat, Studentenverbindungen, Alte Universität.

Literatur

  • Maren Seliger / Karl Ucakar: Wien. Politische Geschichte 1740 - 1895. Wien: Jugend & Volk 1985 (Geschichte der Stadt Wien, 1), S. 197 ff.
  • Wolfgang Häusler: Von der Massenarmut zur Arbeiterbewegung. Demokratie und soziale Frage in der Wiener Revolution von 1848. Wien [u.a.]: Jugend und Volk 1979
  • Rudolf Kiszling: Revolution im Kaisertum Österreich 1848 - 1849. Band 1. Wien: Universum Verlagsgesellschaft 1948
  • Heinrich Reschauer / Moritz Smets: Das Jahr 1848. Geschichte der Wiener Revolution. 2 Bände. Wien: R. v. Waldheim 1872
  • Josef Alexander von Helfert: Geschichte der österreichischen Revolution im Zusammenhang mit der mitteleuropäischen Bewegung der Jahre 1848-1849. 2 Bände. Freiburg im Breisgau / Wien [u.a.]: Herder 1907-1908
  • Václav Jiří Dundr: Denkschrift über die Wiener October-Revolution. Ausführliche Darstellung aller Ereignisse aus amtlichen Quellen geschöpft, mit zahlreichen Urkunden begleitet ... nebst einem Rückblick auf die vorausgegangenen Zustände vom 13. März bis 5. October 1848 ... Wien: Eigenverlag 1849
  • Joseph Dullinger: Die Ministerien des Kaiserthums Österreich respective der österreichisch-ungarischen Monarchie vom Beginne des Jahres 1848 bis in die Gegenwart. Eine Chronologie. In: Helfert's österreichisches Jahrbuch 25 (1901)
  • Ernst C. Hellbling: Österreichische Verfassungs- und Verwaltungsgeschichte. Ein Lehrbuch für Studierende. Wien: Springer 1956 (Rechts- und Staatswissenschaften, 13) S. 345 ff.
  • Wiener Geschichtsblätter. Band 1. Wien: Verein für Geschichte der Stadt Wien 1946, Nummer 3, S. 7, Anmerkung 7
  • Peter Csendes [Hg.]: Österreich 1790-1848. Kriege gegen Frankreich, Wiener Kongreß, Ära Metternich, Zeit des Biedermeier, Revolution von 1848. Das Tagebuch einer Epoche. Wien: Brandstätter 1987, S. 305 ff.