Novemberpogrom

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Novemberpogrom 1938: Zerstörungen auf dem Wiener Zentralfriedhof, I. und IV. Tor (Neuer jüdischer Friedhof)
Art des Ereignisses Vernichtung
Datum von 09.11.1938
Datum bis 10.11.1938
Objektbezug
Quelle Felix Czeike: Historisches Lexikon Wien
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Bildname novemberpogrom.jpg
Bildunterschrift  Novemberpogrom 1938: Zerstörungen auf dem Wiener Zentralfriedhof, I. und IV. Tor (Neuer jüdischer Friedhof)
Bildquelle Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes / Fotograf unbekannt: Foto 444 - 28/32
Bildrechte CC BY-NC-ND 4.0

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Novemberpogrom (9./10. November 1938), offizielle Bezeichnung für das geplante, organisierte und gewalttätige Vorgehen gegen Juden und Jüdinnen, jüdische Geschäfte und Betriebe, Synagogen, Bethäuser und andere jüdische Einrichtungen in Wien und in weiteren Städten des damaligen Großdeutschen Reichs. Das Attentat des polnischen Juden Herschel Grynszpan auf den Legationssekretär der Deutschen Botschaft in Paris Ernst vom Rath am 7. November 1938, der am 9. November 1938 an seinen Verletzungen verstarb, bot den willkommenen Anlass für den Pogrom Pogrom und die bereits lange geplante völlige Ausschaltung der Juden aus dem Wirtschaftsleben.

Novemberpogrom in Wien

Die Aktionen gegen die Juden begannen am frühen Morgen des 10. November 1938 und dauerten den ganzen Tag an. In Wien wurden 27 Juden ermordet, 88 schwer verletzt und misshandelt, 6547 Juden wurden verhaftet und über 4000 Geschäfte zerstört und geplündert. Tausende Juden wurden aus ihren Wohnungen delogiert. Unter dem Vorwand, nach Waffen zu suchen, fanden Plünderungen in den Wohnungen und Geschäften statt.

Bis zum 9. November 1938 befanden sich in Wien sechs architektonisch eindrucksvolle jüdische Tempel, 18 von Tempelvereinen gegründete Vereinssynagogen und 78 Bethäuser. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten gerieten diese Einrichtungen in immer größere Gefahr. Bereits im Oktober 1938 kam es zu Brandanschlägen auf Synagogen und Bethäuser und pogromartigen Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung Wiens. Die Aggression gegen die jüdische Gemeinde in Wien gipfelte schließlich im Novemberpogrom von 1938. Insgesamt wurden 42 jüdische Tempel und Bethäuser im Lauf des 10. November 1938 gesprengt und verbrannt. Rollkommandos der SS verhinderten das Löschen der Brände durch die Wiener Feuerwehr. Die Feuerwehr schritt nur ein, wenn die umliegenden Gebäude in Gefahr waren. So wurde die Synagoge in der Seitenstettengasse 4 im 1. Bezirk zwar innen verwüstet, die Außenfassade wurde aber wegen der angrenzenden Zinshäuser bewahrt.

Insgesamt kennzeichnete der Novemberprogrom in Wien besonders große Brutalität. Mehr als ein Fünftel der Todesopfer der "Reichskristallnacht" dürften auf Wien entfallen sein, nicht zuletzt weil eine verbreitete antisemitische Stimmung bereits vor der nationalsozialistischen Machtergreifung bestand und der Vermögensentzug der jüdischen Minderheit noch nicht soweit fortgeschritten war, um nicht die Bereicherung an jüdischem Eigentum als lohnend erscheinend zu lassen. Allerdings erweckte nach anfänglicher Zustimmung unter größeren Teilen der nichtjüdischen Bevölkerung die offen zu Tage tretende Gewalt rasch negative Reaktionen und Ablehnung selbst bei manchen NS-Anhängern aus. Dies veranlasste die NS-Spitze in der Folge ihre Strategie zur "Lösung der Judenfrage" zu ändern und die Vertreibung und Ermordung der jüdischen Bevölkerung für die Öffentlichkeit weniger sichtbar zu organisieren.

Gewinnbringende "Verwertung"

Die Verwaltung des nationalsozialistischen Regimes kümmerte sich um die Sicherstellung der Ritualgegenstände der Synagogen und um den einträglichen Verkauf der noch verwertbaren Gebäudereste. Synagogen und Bethäuser, die während des Novemberpogroms nicht komplett zerstört wurden, erfuhren eine möglichst "gewinnbringende Verwertung".

Das Bethaus in der Unteren Viaduktgasse 13 im 3. Bezirk wurde 1939 als Magazin der Persilwerke verwendet. Die Synagoge in der Holzmeistergasse 12 im 21. Bezirk war mit der Bewilligung des Umbaus in eine Sanitätsstation an das Deutsche Rote Kreuz übergeben worden. Das Liegenschaftsamt (Magistratsabteilung 57) interessierte sich 1939 für die Übernahme der Synagoge in der Hubergasse 8 im 16. Bezirk zur Umwandlung in eine Turnhalle. Für dasselbe Objekt bewarb sich 1942 die Altkatholische Kirche. Auf der Brandruine des Bethauses in der Dollinergasse 3 im 19. Bezirk wurde eine Lebensmittelfabrik errichtet. Der Tempel in Mödling geriet in das Eigentum der Stadt Wien. Ein heute im Wiener Stadt- und Landesarchiv verwahrter Strafakt gegen den SA-Mann Paul Binder (1896 bis 1970), gibt exemplarisch Einblick in die Vorgänge anhand der Zerstörung der Synagoge in der Turnergasse 22 im 15. Bezirk: Nach Angaben einer Zeugin erschienen am 10. November um fünf Uhr Früh Männer in Zivil vor dem Tempel, brachen die Türe auf und begannen im Inneren alles zu zerschlagen. Die von der Hauswartin verständigte Polizei schritt gegen die in der Synagoge wütenden Nationalsozialisten nicht ein und zog wieder ab. Um acht Uhr kamen weitere Männer in Zivil, die das Zerstörungswerk fortsetzten.Um neun Uhr trafen SA-Männer ein, die die beiden Kassen aufbrachen und alles Silber und Geld daraus entwendeten. Wertvolle Gegenstände, darunter Teppiche, wurden auf einen Lastwagen verladen und abtransportiert. Im Tempel gossen die Männer Brennstoff aus, den sie eine halbe Stunde später mit Handgranaten zur Entzündung brachten. Der Bau brannte aus und stürzte ein. Der bereits am 10. November involvierte SA-Mann Binder beteiligte sich an den folgenden Tagen noch maßgeblich an der Plünderung der Tempelschule und ihres Kellers. Im 1947 gegen ihn angestrengten Prozess behauptete er allerdings, an diesen Ort nur abkommandiert worden zu sein, "dass unbetroffene Personen nicht zu den Ruinen des Tempels kommen und dort etwa einen Unfall erleiden konnten". Die Liegenschaft wurde 1940 arisiert.

Synagogen, die in Ruinen lagen, mussten abgetragen werden. Die Entfernung des Bauschutts der Ruinen erforderte einen großen Verwaltungsaufwand. Für Abbruchfirmen begann ein höchst profitables Geschäft. Im April 1939 erging ein Rundschreiben des Reichsstatthalters an den Bürgermeister der Stadt Wien, an alle Landeshauptmänner und an das Ministerium für innere und kulturelle Angelegenheiten. Es beinhaltete einen Geheimerlass des Reichsministeriums für kirchliche Angelegenheiten. Darin hieß es, dass die "jüdischen Kultusvereinigungen" im Wege der "baupolizeilichen Anordnung" selbst für die Beseitigung der Ruinen verantwortlich gemacht würden. Das Baupolizeireferat des Magistrats Wien übermittelte in diesem Zusammenhang an das Ministerium für innere und kulturelle Angelegenheiten eine Liste des Zustandes der Synagogengrundstücke auf Wiener Gemeindegebiet mit Datum Dezember 1939.

Restitution

Die Rückstellung der Synagogengrundstücke zog sich ab dem Jahr 1946 in jahrelangen Rechtstreitverfahren hin. Die Israelitische Kultusgemeinde als Rechtsnachfolgerin der meisten Vereine erhielt leere Grundstücke zurück, auf denen aus Mangel an Geld und Gemeindemitgliedern keine Synagogen mehr errichtet wurden. Etliche Grundstücke wurden an Privatpersonen oder die Stadt Wien veräußert. Unersetzliche Kulturgüter, nicht zuletzt das Inventar und die Ritualgegenstände der Bethäuser, sind für immer verloren gegangen. Das Gericht befand den SA-Mann Paul Binder am 30. Juni 1948 des Diebstahls für schuldig und verurteilte ihn zu sechs Wochen Haft. Anlässlich des Vergleichs bei der Rückstellung der arisierten Liegenschaft wurde 1951 vom Vertreter des Ariseurs, eines Transportunternehmers, zum günstigen Kaufpreis im Jahr 1940 vermerkt: "Der auf der Liegenschaft befindliche Tempel fiel einem Brand zum Opfer und bildete nur mehr ein Demolierungsobjekt."

Quellen

  • Wiener Stadt- und Landesarchiv, M.Abt. 119, A 6, Zahl 22874 - Bestandsaufnahme der Synagogen nach dem Novemberpogrom 1938
  • Wiener Stadt- und Landesarchiv, M.Abt. 245, A3/203, KG Ottakring, EZ 1470.
  • Wiener Stadt- und Landesarchiv, Volksgericht, A1, Zahl 6f Vg Vr 1379/46 - Volksgerichtsverfahren gegen Johann Stanzig.
  • Österreichisches Staatsarchiv, Archiv der Republik, Vermögensverkehrsstelle, Lg. 8483, Band II, Karton 532.

Literatur

  • Brigitte Rigele, Shoshana Duizend-Jensen: 75 Jahre Novemberpogrom 1938 in Wien, Wien 2014 (Veröffentlichungen des Wiener Stadt- und Landesarchivs C 14).
  • Kurt Schmid, Robert Streibel (Hg.): Der Pogrom 1938. Judenverfolgung in Österreich und Deutschland, Wien 1990.
  • Gerhard Botz: Nationalsozialismus in Wien. Machtübernahme, Herrschaftssicherung, Radikalisierung 1938/39. Wien 2008, S. 502-524.
  • Die Reichskristalnacht" in Wien. Wien 1989.
  • Thomas Albrich, Michael Guggenberger: "Nur selten steht einer dieser Novemberverbrecher vor Gericht". In: Thomas Albrich, Winfried R. Garscha, Martin F. Polaschek (Hg.): Holocaust und Kriegsverbrechen vor Gericht, Innsbruck: StudienVerlag 2006, S. 26-56.
  • Herbert Exenberger: Die "Reichskristallnacht" und die Geschichte der Juden in Simmering. In: Simmeringer Museumsblätter 29/30 (1988), S. 143 ff.
  • Shoshana Duizend-Jensen: Jüdische Gemeinden, Vereine, Stiftungen und Fonds. "Arisierung" und Restitution. Wien-München 2004.
  • Herbert Rosenkranz: "Reichskristallnacht". 9. November 1938 in Österreich. Wien-Frankfurt-Zürich: Europa Verlag 1968 (Monographien zur Zeitgeschichte Schriftenreihe des Dokumentationsarchivs des Österreichischen Widerstandes).

Links