Nordwestbahnhof

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Nordwestbahnhof, um 1873
Art des Bauwerks Gebäude
Jahr von 1870
Jahr bis 1952
Andere Bezeichnung
Frühere Bezeichnung
Benannt nach
Einlagezahl
Architekt Wilhelm Bäumer, Theodor Reuter
Prominente Bewohner
Quelle Felix Czeike: Historisches Lexikon Wien
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Bildname HMW 093080 00216.jpg
Bildunterschrift  Nordwestbahnhof, um 1873
Bildquelle HMW 93080/216, Foto: C. Haack
Bildrechte CC BY-NC-ND 4.0
BezirkStraßeHausnummer
20Nordwestbahnstraße

frühere Adressierung

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Situation auf dem Generalstadtplan von 1912

Der Nordwestbahnhof (2. Bezirk, seit 1900: 20. Bezirk) war baugeschichtlich der letzte in der Reihe der großen Kopfbahnhöfe, errichtet 1870-1873 nach Plänen von Wilhelm Bäumer durch Theodor Reuter für die am 8. September 1868 konzessionierte Nordwestbahn.

An dieser Stelle befand sich zuvor ab 1834 das Vergnügungsetablissement „Universum" (1865 demoliert). Dem Bau des Nordwestbahnhofs fiel ein Teil des Augartens zum Opfer. Da das Baugelände sumpfig war, musste es bis zu vier Meter aufgeschüttet werden. Die Bahn selbst entstand unter der Leitung von Baudirektor Wilhelm Hellwag (Hellwagstraße). Der Betrieb ab Wien wurde am 1. Juli 1872 aufgenommen. Der Hauptlinie der Nordwestbahn, die als Rückgrat einer neuen Handelsverbindung zwischen der Ostsee, Berlin, Dresden und Wien große wirtschaftliche Bedeutung besaß, wurde die bereits 1841 vollendete Strecke Jedlesee-Stockerau angegliedert.

Die allegorischen Figuren für die bedeutendsten mit der Nordwestbahnhof erreichbaren Städte an der Abfahrtsseite des Gebäudes stammten von Franz Melnitzky.
Nordwestbahnhof, Abfahrtsseite, um 1873
An der weiteren künstlerischen Ausgestaltung waren die Maler Hermann Burghart (Wartesalon erste Klasse) sowie die Bildhauer Franz Schönthaler und Rudolf Winder (Hofsalon) beteiligt. Die Abfahrtshalle wurde nach der damaligen modernsten Technik ausgeführt. Sie war 125 Meter lang und 39 Meter breit und überspannte fünf Gleise ohne Zwischenstützen. Der einzige Maler, Karl Karger, der im 19.Jahrhundert ein großes, bedeutendes Gemälde von einem Wiener Bahnhof schuf, wählte die Abfahrtshalles des Nordwestbahnhofs als Motiv.

Am 11. Februar 1913 wurde in der Halle des Nordwestbahnhofs der von einer Wahlveranstaltung in Stockerau zurückkehrende sozialdemokratische Politiker Franz Schuhmeier von Paul Kunschak aus politischen Gründen erschossen.

Da der Personenverkehr nach Mähren stark zurückgegangen war, wurde der Nordwestbahnhof am 1. Februar 1924 stillgelegt. Der Personenzugverkehr wurde nur mehr vom Nordbahnhof abgewickelt.

Die funktionslos gewordene Nordwestbahnhalle wurde für Ausstellungen sowie politische und sportliche Veranstaltungen adaptiert. So konnte auf einer mit Kunstschnee bedeckten schiefen Ebene (mit Sprungschanze) schigelaufen werden. Nach der Eröffnung dieses "Schneepalasts" (26. November 1927) wurde von Richard Strebinger auf das abfahrende Auto von Bürgermeister Karl Seitz ein Pistolenattentat verübt, doch blieben Seitz und seine Begleiter unverletzt. Am 2. Februar 1934 kam es zu einer großen Demonstration niederösterreichischer Bauern (aus deren Kreisen auch Bundeskanzler Dr. Engelbert Dollfuß kam), die mit Nachdruck (wenn auch ohne Erfolg) eine Lösung der innenpolitischen Probleme auf friedlichem Wege forderten. Zehn Tage später brachen die offenen bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen dem sozialdemokratischen Republikanischem Schutzbund und den Regierungsverbänden aus.

Nach der Annexion Österreichs (1938) verlegten die Nationalsozialisten politische Großveranstaltungen in die Nordwestbahnhalle (beispielsweise hielt hier am 26. März 1938 Hermann Göring seine Rede gegen den politischen Katholizismus, und am 9. April 1938, einen Tag vor der „Volksabstimmung", sprachen hier Hitler und Goebbels und andere nationalsozialistische Spitzenpolitiker). Wenig später diente die Halle der großen antisemitischen Propagandaausstellung „Der ewige Jude" als Quartier, die den Auftakt zu den Judenverfolgungen bildete.

Als am Ende des Zweiten Weltkriegs, nachdem der Nordwestbahnhof und die Nordbahnbrücke durch Luftangriffe und Sprengungen seitens der zurückweichenden deutschen Truppen unbenutzbar geworden waren, die Nordwestbahnbrücke hingegen bereits 1945 befahrbar gemacht werden konnte, wurde auf der Nordwestbahn am 25. August 1945 nochmals der Betrieb aufgenommen. Die Nordwestbahnstrecke stand bis Floridsdorf in Betrieb, am 30. Mai 1959 wurde der Betrieb allerdings endgültig eingestellt bzw. auf die inzwischen wieder benützbar gemachte Nordbahn verlegt. Der schwer beschädigte Nordwestbahnhof wurde bereits ab 14. September 1952 abgetragen.

An der Taborstraße (Nummer 89-93) entstanden Wohnhäuser, die Gleisanlagen behielten für den Frachtverkehr ihre Bedeutung; zahlreiche Speditionsfirmen betreiben hier Lagerhallen und Büros. Bis 2025 soll der Güterbahnhof abgesiedelt werden, da ab 2017 der Güterterminal Wien Inzersdorf die Aufgaben übernehmen wird. Das Areal wird dann städtbaulich genutzt werden.

siehe auch: Nordwestbahnstraße.

Quellen

Akt der Feuer- und Sicherheitspolizei zur Nordwestbahnhofhalle mit Projekt der Schi- und Rodelbahn:

Literatur

  • Mihály Kubinszky: Bahnhöfe in Österreich. Architektur und Geschichte. 1986, S. 34 ff.
  • Felix Czeike: XX. Brigittenau. Wien [u.a.]: Jugend & Volk 1981 (Wiener Bezirkskulturführer, 20), S. 37 ff.
  • Die Leopoldstadt. Ein Heimatbuch. Wien: Lehrer-Arbeitsgemeinschaft 1937, S. 322
  • Technischer Führer durch Wien. Hg. vom Österreichischen Ingenieur- und Architekten-Verein. Red. von Martin Paul. Wien: Gerlach & Wiedling 1910, S. 79 f.
  • Wolfgang Kos / Günther Dinhobl (Hg.): Grosser Bahnhof. Wien und die weite Welt (Ausstellungskatalog des Wien Museums, in Kooperation mit dem Technischen Museum Wien), Wien 2006, S. 281
  • Paul Kortz: Wien am Anfang des 20. Jahrhunderts. Ein Führer in technischer und künstlerischer Richtung. Hg. vom Oesterreichischen Ingenieur und Architekten-Verein. Wien: Gerlach & Wiedling 1905. Band 1, 1905, S. 90 ff.
  • Emil Winkler: Technischer Führer durch Wien. Wien: Lehmann & Wentzel 1873, S. 51 ff., S. 202 ff.
  • Brigittenauer Heimat. 1921, S. 54 f.
  • Österreich in Geschichte und Literatur. Band 33. Wien: Institut für Österreichkunde / Graz: Stiasny 1989, S. 197, Anm. 3
  • Allgemeine Bauzeitung. Hg. von Ludwig, Heinrich und Emil Förster. Wien: Förster [u.a.] 1873
  • Gustav Gugitz: Bibliographie zur Geschichte und Stadtkunde von Wien. Hg. vom Verein für Landeskunde von Niederösterreich und Wien. Band 4: Profane Topographie nach den 21 Bezirken (2.-21. Bezirk). Wien: Jugend & Volk 1958, S. 27

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