Kärntnertortheater

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Das alte Kärntnerthortheater von 1763 bis 1868
Art des Bauwerks Gebäude
Jahr von 1708
Jahr bis 1870
Andere Bezeichnung
Frühere Bezeichnung
Benannt nach
Einlagezahl
Architekt
Prominente Bewohner
Quelle Felix Czeike: Historisches Lexikon Wien, Paul Harrer: Wien, seine Häuser
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Bildname Kärntnerthortheater.jpg
Bildunterschrift  Das alte Kärntnerthortheater von 1763 bis 1868
Bildquelle Wilhelm Kisch: Wien. Wien: Gottlieb 1883
Bildrechte
BezirkStraßeHausnummer
1Philharmonikerstraße4

frühere Adressierung

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Konskriptions-bezirkKonskriptions-nummerJahr vonJahr bis
Stadt103618211862
Stadt109917951821
Stadt106417701795
Das Kärntnertortheater auf dem Stadtplan, Wien (1858)

Kärntnertortheater (1, Philharmonikerstraße, heute ungefähr Philharmonikerstraße 4 [ Hotel Sacher ] und Philharmonikerstraße 6; ursprünglich am Spitalplatz [heute Lobkowitzplatz] zwischen Komödien- und Sattlergasse, Konskriptionsnummer 1036).

Albertinaplatz 2 und 3 - ehemaliges Kärntnertor-Theater, vor 1870

Entstehung des Kärntnertorthaters

Hanswurst, der Liebling nicht nur des "gemeinen Mannes", sondern auch der vornehmen Stände, hatte sein Domizil ursprünglich in hölzernen Hütten, die auf verschiedenen Plätzen der Stadt (beispielsweise Freyung, Neuer Markt [vor dem Haus Zum roten Dachel], Judenplatz) aufgestellt waren. Josef Anton Stranitzky schuf die neue Rolle, die die Narrenmasken früherer Zeit verdrängte, und agierte in der Holzhütte auf dem Neuen Markt, die er 1708 bereits als dirigierender Prinzipal sein eigen nannte. Als sich der Magistrat entschloss, aus feuerpolizeilichen Erwägungen die Komödienhütten abzuschaffen, bat er Joseph I. um die Erlaubnis, ein "steinernes Theater" in der Nähe des Kärntnertors erbauen zu dürfen, was ihm unter Zusicherung eines kaiserlichen Privilegiums auch gestattet wurde. Der "Blatz bey dem alten Kärntnerthor, allwo ein Prunn stehet" wurde ausgewählt, da hier drei Gassen einen von allen Seiten freistehenden Raum bildeten, außerdem war für den Fall von Tumulten die Wache in der Nähe. Die Zustimmung des Stadtrates wurde duch die Zusage erreicht, dass kein zweites ähnlichen Zwecken dienendes Unternehmen in Wien genehmigt werde, wodurch der Wunsch der Regierung nach einem Theater für italienischer Vorstellungen fallengelassen werden musste. Langwierige Verhandlungen mit Graf Pecari, der sich auf frühere Privilegien stützte, verzögerten den Baubeginn bis zum Jahr 1708.

1708-1761

Das nach Plänen von Antonio Beduzzi 1708 nächst der Stadtmauern errichtete Theater kostete 35.417 Gulden und 23 Kreuzer und wurde 1709 fertiggestellt. Die Lizenz hatte Graf Pecari erhalten, unter dessen Direktion es am 23. November 1709 von "wällischen Komödianten" eröffnet wurde. Da diese von der Bürgerschaft boykottiert wurden, konnte Pecari 1710 die Pacht nicht mehr zahlen und musste abtreten. Im folgenden Jahr unterbrach der Tod Josephs I. die Spielsaison.

Am 23. April 1712 erhielt der von den Wienern favorisierte Stranitzky mit seiner deutschsprachigen Komödiantentruppe, der inzwischen im "Ballhaus" in der Teinfaltstraße Vorstellungen gegeben hatte, die Lizenz und damit eine feste Heimstätte. Im Pachtvertrag wurde festgelegt, dass er in den Sommermonaten je 50 und in den Wintermonaten je 60 Gulden Pacht zu zahlen habe. Außerdem war die Bedingung in den Vertrag aufgenommen worden, dass die Vorstellungen "ohne alles ärgernuss" und "um leydentliches einlassgeld" abgehalten werden mussten und erst damit begonnen werden durfte, wenn "alle Andachten, sonderlich die tägliche Litaney bey St. Stephan allhier geendiget" hatten. Ungeachtet der hohen Pacht, die laut Paul Wertheimer sogar 2000 Gulden zuzüglich eines jährlichen Beitrages von 1300 Gulden zum Wiener Zuchthausfonds und der Abfuhr eines Drittels der Reineinnahmen an den Hoftheaterfonds betrug, kam Stranitzky zu beachtlichem Vermögen. Er blieb bis zu seinem Tod (1726) unumschränkter Besitzer des Theaters, das danach auf seine Witwe Monika, genannt "die Hanswurschtin", überging.

Von ihr wurde es bereits 1728 an die "Hofmusici" Francesco Borosini (Hofsänger) und Joseph Carl Selliers (Hoftänzer) abgetreten. Diese erhielten ein 20jähriges Privilegium für die Schauspieldirektion und widmeten das Haus dem deutschen und dem italienischen Lustspiel. Sie versuchten, auch die Bewilligung für die italienische Oper und das Ballett zu erhalten, die bis dahin nur dem Hof und dem Adel zugänglich waren, mussten sich aber auf Intermezzi mit Gesang und Tanz beschränken, da bereits Francesco Ballerini ein Privileg für Opernaufführungen besaß.

Nach dem Erlöschen dieses Privilegs fand die Oper Ende der 30er Jahre des 18. Jahrhunderts im Kärntnertortheater Eingang. Ab 1742 war Selliers allein Pächter des Kärntnertortheaters. Er hatte bereits ein Jahr zuvor die Leitung des neu entstandenen Hofburgtheaters (Altes Burgtheater) übernommen, das aus dem Ballhaus am Michaelerplatz hervorgegangen war. Bedingung dafür war, dass dort Opern und französische Schauspiele aufgeführt würden. Dieses Unternehmen konnte jedoch nur durch die Einnahmen des Kärntnertortheaters über Wasser gehalten werden.

1751 übernahm Rochus (Rocco) Freiherr de Lopresti (siehe auch Kärntner Straße) die Leitung, nachdem er von Selliers bereits 1747 das Hofburgtheater übernommen hatte. Er sorgte für gute Übersetzungen italienischer und französischer Schauspiele, für das regelmäßige Stück und für ein Theaterzensurgesetz (das über die Anständigkeit der Stücke zu wachen hatte) und kam so den Ansichten Maria Theresias entgegen, die die Auswüchse des Stegreifstücks und der Hanswurstkomödien Gottfried Prehausers (der dem Hanswurst Stranitzkys neue Züge verlieh) bekämpfte. Da er jedoch noch im selben Jahr die nötigen Mittel für die beiden Theater nicht mehr aufbringen konnte, wurde er gegen eine Abfindung zum Rücktritt von der Pacht gezwungen.

Das Kärntnertortheater fiel, als Maria Theresia nach Loprestis Abgang das Privilegium aufhob, 1752 wieder an den Magistrat zurück, der es Leopold von Ghelen zur Verwaltung übergab. Da das Theater nun unter der Kontrolle der städtischen Wirtschaftskommission auf Rechnung des Hofärars geführt wurde, erhielt es nach 1753 den Titel "Hoftheater". Es blieb jedoch stark defizitär, obwohl die Eintrittspreise wesentlich erhöht wurden. Unter Maria Theresia erhielten das Burghoftheater und das Kärntnertortheater zusammen einen jährlichen Zuschuss von 100.000 Gulden.

Brand 1761

Am 3. November 1761 wurde das Kärntnertortheater das Opfer im Zuge der Aufführung der Burleske "Don Juan oder Der steinerne Gast, mit Hans Wursts Lustbarkeit" einer entsetzlichen Katastrophe. Gegen Ende des Stückes musste Don Juan in ein Feuer stürzen. Wahrscheinlich begann dabei durch Funkenflug eine Kulisse zu glimmen, was jedooch vorerst nicht bemerkt wurde. Als dann die leicht brennbaren Dekorationen Feuer fingen, breitete sich der Brand rasch auf das gesamte Gebäude aus. Als das Theater schon lichterloh brannte, wollten der Kassier und seine Gattin die Kasse retten und kehrten ins Haus zurück. Laut Wilhelm Maximilian Kisch verbrannten beide, da das Feuer den Rückweg versperrte und auch Fenster durch Gitter versperrt waren, anderen Quellen zufolge kam nur die Frau ums Leben. Das Gebäude wurde vollständig vernichtet.

1761 - 1870

Der Hof kaufte die Brandstätte und ließ (nachdem das Projekt, das neue Theater auf dem Neuen Markt zu errichten, fallengelassen worden war) an derselben Stelle nach Plänen von Nikolaus Pacassi einen Neubau errichten. Während der Bauarbeiten wurde das Hofburgtheater für deutsche Schauspieler geöffnet.

Das neuerbaute Kärntnertortheater wurde am 9. Juli 1763 mit einer Farce von Friedrich Wilhelm Weiskern und dem aus dem Spanischen übersetzten Schauspiel "Der betrogene Betrug" eröffnet. Von da an wurde das Theater, das über dem Haupteingang mit einem kaiserlichen Adler aus Stein und einer Bildsäule des Apollo geziert war, wieder als "Kaiserliches Hoftheater" bezeichnet. Da der neue Bau einen größeren Raum als das abgebrannte Haus beanspruchte, mussten die alte Chaossche Stiftskapelle in der Kärntner Straße und ein Stöckel des Bürgerspitals abgebrochen werden, um dem weiter gegen den Spitalplatz vorrückenden Theater Platz zu machen. Das neue Haus galt als Musterbeispiel eines Theaterbaus und bot größtmögliche Sicherheit. Dazu zählte, dass neben dem Haupteingang und dem auf die Augustinerbastei führenden und nur für den Hof bestimmten Durchgang 15 Türen, die unmittelbar ins Freie führten, während der Vorstellung offen zu stehen hatten. Außerdem wurden auf den Böden vier kupferne Wasserbehälter zu je 56 Eimern eingebaut. Auch auf der Unterbühne befanden sich solche Reservoirs und auf der Bühne selbst gab es einen Brunnen.

Nach dem Tod von Franz I. (1765) wurden die Bühnen sechs Monate geschlossen. Bei der Wiedereröffnung (1766) wurde das Kärntnertortheater dem Ballettkompositeur Franz Hilverding übergeben, der bereits zwischen 1717 und 1721 Kom­pa­g­non von Stranitzky gewesen war und mit dem durch die Pflege des Rokokoballetts und der getanzten Schauspiele eine neue Ära begann. Dennoch war diese Zeit von Turbulenzen geprägt, da zuerst das französische Schauspiel vernachlässigt wurde, das vor allem der Adel vermisste. Danach wurden die deutschsprachigen Possen und Stegreifstücke abgeschafft, was zu starkem Publikumsschwund führte. 1767 wurde Jean Jacques Noverre ans Kärntnertortheater berufen, der hier bis 1774 Triumphe feierte. Als dies zu teuer wurde, wurde erneut das Stegreifspiel eingeführt und dazu sogar Wandertruppen aus den Vorstädten eingeladen. Die deutschen Schauspieler reichten dagegen eine Bittschrift ein. Daraufhin wurde entschieden, "dass allen fremden Truppen auf den k.k. Theatern zu spielen verweigert und das Extemporieren untersagt sey."

Nachdem das Kärntnertortheater weiterhin stark defizitär war, nahm es Joseph II. 1780 unter seinen persönlichen Schutz. In der Folge wurden die italienische Oper, das französische Schauspiel und das Ballett eingestellt und das deutsche Schauspiel unter die Oberdirektion des Fürsten Khevenhüller gestellt. Der ab 1775 hier als Kapellmeister engagierte Antonio Salieri wurde zum "artistischen" Leiter ernannt. Das Kärntnertortheater spezialisierte sich in dieser Zeit immer mehr auf deutsche und italienische Oper. Ab dem Beginn des 19. Jahrhunderts wurden hier nur mehr Opern und Ballette aufgeführt.

Eine ruhmreiche Entwicklung nahm das Kärntnertortheater unter der Leitung von Fürst Lobkowitz (ab 1807), der sich weiterhin der deutschen und italienischen Oper verschrieb (Erstaufführung von Beethovens "Fidelio" am 23. Mai 1814; Uraufführung der Wiener Fassung von Webers "Freischütz" am 3. Oktober 1821; Erstaufführung von Rossinis "Othello" am 29. April 1819 und seines "Barbier von Sevilla" am 16. Dezember 1820). Während der französischen Besetzung (23. September 1809) besuchte Napoleon I. hier eine Vorstellung des Ballets "Pompejo".

Mit dem italienischen Impresario Barbaja, dem das Kärntnertortheater zwölf Jahre in Pacht gegeben wurde, begann der Siegeszug der italienischen Oper (1818 gastierte erstmalig Angelica Catalani) über jene der deutschen Romantiker, doch engagierte Barbaja aus Gründen der Objektivität 1822 Konradin Kreutzer als Kapellmeister, der sogleich Weber einen Auftrag erteilte (Uraufführung von "Euryanthe" am 25. Oktober 1823). In den Jahren 1826 und 1827 wurde das Theater renoviert, wobei besonderes Augenmerk auf die Verbesserung der Akustik gelegt wurde. Während der Bauarbeiten blieb das Haus geschlossen.

1828 übernahm Barbajas Kompagnon, der Tänzer Louis Antoine, das Kärntnertortheater und erregte 1833 mit dem Engagement von Fanny Elßler und Maria Taglioni Aufsehen. 1849 kam das Kärntnertortheater wieder in die unmittelbare Verwaltung des Hofs.

Abbruch

Bereits unter Ferdinand I. plante man, das Theater neu zu errichten. Die Umsetzung dieses Planes hätte das Ende der Kärntner Straße vollkommen verändert. Das Theater wäre links der Kärntner Straße zwischen Walfischgasse und Ringstraße enstanden, der Grundriss war bereits festgelegt. Dennoch wurde die neue Hofoper (siehe Staatsoper) zwischen 1861 und 1869 als erster Monumentalbau der Ringstraße rechts der Kärntner Straße erbaut und am 25. Mai 1869 eröffnet.

Am 8. Februar 1870 fand im Kärntnertortheater mit Verdis Oper "Ernani" die letzte Vorstellung statt. Anschließend stand das Gebäude mehr als zwei Jahre leer und wurde 1873/1874 demoliert. Heute stehen hier die Häuser Philharmonikerstraße 4 (siehe Hotel Sacher) und Philharmonikerstraße 6.

Literatur

  • Gustav Gugitz: Bibliographie zur Geschichte und Stadtkunde von Wien. Nebst Quellen- und Literaturhinweisen. Hg. vom Verein für Landeskunde von Niederösterreich und Wien. Wien: Touristik-Verlag, ab Band 2 Jugend & Volk 1947-58, S. 412 ff.
  • Franz Hadamowsky: Wien – Theatergeschichte. Von den Anfängen bis zum Ende des Ersten Weltkriegs. Wien [u.a.]: Jugend & Volk 1988, S. 169 ff., 214 ff., 274 ff., 342 ff., 415 ff.
  • Paul Harrer-Lucienfeld: Wien, seine Häuser, Menschen und Kultur. Band 6, 1. Teil. Wien ²1956 (Manuskript im WStLA), S. 120-129
  • Verena Keil-Budischowsky: Die Theater Wiens. Wien [u.a.]: Zsolnay, 1983 (Wiener Geschichtsbücher, Bd. 30-32 ), S. 81 ff.
  • Max Pirker: Das Repertoire des Kärntnertortheaters im 18. Jahrhundert. In: Burgtheater-Almanach 1925, S. 91 ff.
  • Marcel Prawy: Geschichte und Geschichten der Wiener Staatsoper. Wien [u.a.]: Molden 1969, S. 290
  • Riki Raab: Grabstätten von Ballettmitgliedern des Kärntnertortheaters, der k.k. Hofoper und der Staatsoper, Wien. In: Jahrbuch des Vereins für Geschichte der Stadt Wien. Wien: Jahrbuch des Vereins für Geschichte der Stadt Wien, 28.1972), S. 173 ff.
  • Gustav Zechmeister: Die Wiener Theater nächst der Burg und nächst dem Kärntnerthor von 1747 bis 1776. Graz ; Wien [u.a.]: Böhlau , 1971 (Theatergeschichte Österreichs, Bd. 3: Wien, 2)