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Kärntner Turm

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Teilansicht der Wiener Stadtbefestigung mit dem Kärntner Turm (Kerner Thurm in der Mitte des Bildes) um 1250.
Art des Bauwerks Gebäude
Jahr von 1200
Jahr bis 1547
Andere Bezeichnung
Frühere Bezeichnung Charner puritor, Cherner puritor
Benannt nach
Einlagezahl
Architekt
Prominente Bewohner
Quelle Felix Czeike: Historisches Lexikon Wien, Paul Harrer: Wien, seine Häuser
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Bildname Kärntner Turm.jpg
Bildunterschrift  Teilansicht der Wiener Stadtbefestigung mit dem Kärntner Turm (Kerner Thurm in der Mitte des Bildes) um 1250.
Bildquelle
Bildrechte
BezirkStraßeHausnummer
1Walfischgasse2

frühere Adressierung

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Kartenausschnitt aus Wien Kulturgut

Kärntner Turm (Im Bereich des heutigen Todescopalais [ 1, Kärntner Straße 51, Walfischgasse 2, Mahlerstraße 1 ]).

Errichtung

Der Kärntner Turm wurde im Zuge der um 1200 angelegten neuen Ringmauer zur Deckung des angrenzenden Kärntnertors erbaut und war der stärkste Turm der Stadtbefestigung. Die immer wieder aufgestellte Behauptung, dass er aus Römerzeit gestammt haben soll, kann bestenfalls auf die Grundmauern zutreffen und auch hierfür gibt es keinerlei Beweise. 1296 wird er erstmals als "Charner puritor" beziehungsweise 1297 als "Cherner puritor" genannt.


Gefängnis

Der Kärntner Turm hatte ausgedehnte unterirdische Gelasse, die als Gefängnisse verwendet wurden (bereits 1296 als Stadtgefängnis erweitert, als Herzog Albrecht I. dem Stadtrat das Recht einräumte, widerspenstige Bürger dort gefangenzuhalten). Später wurden in diesen Gelassen Schwerverbrecher untergebracht, im 15. Jahrhundert auch Kriegsgefangene. Nachdem es zu Missständen gekommen war, schrieb Herzog Albrecht II. am 11. Dezember 1438 aus Breslau an Bürgermeister und Stadtrat, er habe gehört, dass sie seinen (Kriegs-)Gefangenen "zu morgen und zu abent nur ain essen und wasser ze trinkchen geben, darumb si in gross Plödikait und in gross swechung komen, ja vielleicht vor hunger sterben möchten, was ihm sehr unfüglich wer, nachdem und vil guter gefangen under in [ihnen] sein", die für einen Gefangenenaustausch in Frage kämen. Er befahl daher, die "gefangen mit essen notdürfticleich vorzusehen und in [ihnen] underweil wein oder pier ze trinkchen zu geben, damit si von speis wegen nicht in plödikait oder krankhait komen."

1462/1463

In den Jahren 1462/1463, als es zur Auseinandersetzung zwischen Friedrich III. und seinem Bruder Albrecht VI. kam, wurden im Kärntner Turm politischen Häftlinge gefangen gehalten. Darunter befanden sich auch der abgesetzte Bürgermeister Kristan Prenner sowie der gesamte Stadtrat (manche der Gefangenen waren im Rathausturm inhaftiert), die Wolfgang Holzer und Hans Kirchhaimer gefangen nehmen ließen. Wie umfangreich die Gefängnisse im Kärntner Turm gewesen sein müssen, lässt sich daraus ermessen, dass hier 236 kaiserlicher Söldner, die Holzer durch Verrat an Herzog Albrecht am 9. April 1463 in die Stadt eingelassen hatte, nach Aufdeckung und Niederschlagung der Verschwörung Platz fanden.

Gefangenenausbruch

Obwohl der Kärntner Turm sehr massiv gebaut war, kam es wiederholt zu Gefangenenausbrüchen. Ein Beispiel hierfür bietet der Ausbruch der Grafenecker Söldner im Jahr 1463. Herrn von Grafeneck waren als Gefolgsmann des Kaisers zwei Hauptleute und neunzig Knechte gefangen genommen und in den Kärntner Turm gebracht worden. Im untersten Raum befanden sich die Hauptleute, in den Stockwerken die Rottenführer und im obersten Gelass die niederen Knechte. Jeden Tag bewachten andere Bürger die Gefangenen und brachten ihnen die spärliche Nahrung. Durch Spalten des Daches sahen die Knechte, dass die Wächter oft halbtrunken bei vollen Kannen am Nachtfeuer saßen und sich zur Ruhe legten oder fortgingen, bevor die Ablöse kam. Als die Wächter zu Weihnachten bei klirrender Kälte mehrmals in eine etwas abgelegen Hütte gingen, rissen die Gefangenen das Stroh vom Dach und wanden sich daraus ein Seil, mit dem sie sich zu ihren Führern abseilten. Durch die Fenster krochen sie in deren Zellen, brachen den Boden auf, holten die Hauptleute aus den Gewölben und entkamen gegen drei Uhr nachts auf die Stadtmauer. Dort befestigten sie ein Seil an einem Geschütz und ließen sich in den Graben hinab, von wo aus sie ins Land flohen. Die Wächter bemerkten den Ausbruch erst, als sie den Gefangenen um neun Uhr vormittags das Frühstück bringen wollten und flohen aus Angst auf demselben Weg aus der Stadt. Nachdem der Kaiser wieder Herr der Lage geworden war, verklagte Herr von Grafeneck die Stadt und erhielt 26.000 Gulden Entschädigung zugesprochen.

Ungarnherrschaft

Als nach dem Tod von Matthias Corvinus (1490) Maximilian I. Wien zurückeroberte, verschanzten sich die letzten Besatzer in der Burg, mussten jedoch bald aufgeben und wurden am 19. August 1490 in den Kärntner Turm gebracht. Nach Angaben von Johannes Tichtel soll es sich dabei um 124 Mann gehandelt haben.

Prominente Gefangene

1512 inhaftierte man hier Christian von Rothausen, der von der Republik Venedig geschickt worden war, um die Länder des Kaisers mit heimlich gelegentem Feuer zu verwüsten. Auch Balthasar Hubmaier, der Anführer der Wiedertäufer wurde im Kärntner Turm gefangen gehalten (er wurde später nach Kreuzenstein gebracht).


1529

Während der ersten Belagerung Wiens durch die Osmanen im Jahr 1529 (sogenannte Ersten Türkenbelagerung) war der Kärntner Turm Hauptangriffspunkt. Hier befanden sich die besten Geschütze, zu denen unter anderen die große Rotschlange gehörte. Ebenso beobachtete Niklas Graf Salm vom Kärntner Turm aus die osmanischen Truppenbewegungen. Im Abschnitt Kärntner Turm-Kärntnertor-Stadtmauer bis zur Augustinerkirche waren Reichstruppen mit 3.000 Mann stationiert. In diesem Bereich gab es die meisten und schwersten osmanischen Angriffe. Am 3. Oktober gelang es ihnen, das Kärntnertor und die Zugbrücke in Brand zu setzen und am 8. Oktober geriet auch das hölzerne Bollwerk am Kärntnertor in Brand, wurde jedoch sofort durch ein neues ersetzt. Durch zwei Minen, die am darauffolgenden Tag diesen Bereich trafen, wurde in die linke Seite des Kärntner Turmes eine breite Bresche geschlagen. Obwohl die Osmanen versuchten, durch diese in die Stadt zu gelangen, konnte der Turm verteidigt werden, wobei es zu hohen Verlusten kam. Bei einem Großangriff am 11. Oktober fielen 6.000 Angreifer und 30 Verteidiger. Als die Osmanen zwei Tage später versuchten, den Kärntner Turm unterirdisch zu sprengen, konnte man ihnen mehrere Tonnen Pulver abnehmen. Diese begannen in der Nacht vom 12. zum 13. Oktober mit der Verladung ihrer Kanonen und dem Abmarsch des Heeres. Um den Rückzug zu verschleiern, kam es noch am 13. und 14. Oktober zur Beschießung der Wehranlagen und zu Sturmangriffen. Dabei explodierten beim letzten Angriff, der von Salm und Hektor von Reischach abgewehrt werden konnte, am 14. Oktober gegen zwölf Uhr mittags zwei Minen rechts und links des Kärntner Turmes. Graf Salm erlitt dabei durch ein abgesplittertes Steinstück eine Wunde am Schenkel, die später zu seinem Tod führte.

Nach dem Abzug der Osmanen, bei dem diese 2.000 Gefangene ermordeten, wurde der Kärntner Turm wiederhergestellt und diente weiterhin als Stadt- und Staatsgefängnis. Auf dem Turm wehte (wie auch auf anderen Stadttürmen) eine weiße Fahne, die bei ausbrechendem Feuer gegen einen roten Fetzen ausgetauscht wurde. Zwei Feuerwächter versahen hier ihren Dienst.


Studentenaufstand

Als es 1541 zu einem Studentenaufstand kam, der in ein Gefecht zwischen Studenten und Bürgerschaft ausartete, das sich von der Hochschule über die Wollzeile bis zur Riemergasse erstreckte, wurden sieben Studenten gefangen genommen. Diese sollten exemplarisch zum Tod verurteilt werden, was jedoch durch den Stadtrat Neuperger verhindert wurde. Stattdessen wurden sie in das tiefste Verließ des Kärntner Turmes gesperrt, in dem sonst nur Schwerverbrecher inhaftiert waren. Durch diesen Eingriff in die Freiheitsrechte der Universität, wurde sie vom Rektor geschlossen, der mit ihrer Abwanderung drohte, sodass der Kaiser eingreifen musste.


Demolierung

Im Jahr 1547 wurde der Kärntner Turm teilweise abgetragen, doch ist auf einem Bild von Hans Sebald Lautensack aus dem Jahr 1566 noch immer ein mächtiges aus der Stadtmauer hervorspringendes Bollwerk zu sehen. Die letzten Reste des Turms wurden erst im Jahr 1671 im Zuge der Errichtung des neuen Kärntnertors demoliert. Realis gibt sogar an, dass seine letzten Spuren erst bei der Pulverexplosion vom 15. Dezember 1752 (nahe dem Kärntnertortheater) verschwanden, die den ganzen Stadtteil in Mitleidenschaft zog.

Heute steht in diesem Bereich das Todescopalais, an dem die Kärntnerturm-Gedenktafel angebracht ist (1, Walfischgasse 2), die an den letzten abgewehrten Angriff der Osmanen von 14. Oktober 1529 errinnert.


Literatur

  • Otto Brunner: Die Finanzen der Stadt Wien. Von den Anfängen bis ins 16. Jahrhundert. Wien: Deutscher Verlag für Jugend und Volk, 1929, S. 201 f.
  • Gerhard Robert Walter von Coeckelberghe-Dützele: Curiositäten- und Memorabilien-Lexicon von Wien. Ein belehrendes und unterhaltendes Nachschlag- und Lesebuch in anekdotischer, artistischer, biographischer, geschichtlicher, legendarischer, pittoresker, romantischer und topographischer Beziehung. Wien: [o. V.] 1846, Band 2, S. 94 ff.
  • Gustav Gugitz: Bibliographie zur Geschichte und Stadtkunde von Wien. Nebst Quellen- und Literaturhinweisen. Hg. vom Verein für Landeskunde von Niederösterreich und Wien. Wien: Touristik-Verlag, ab Band 2 Jugend & Volk 1947-1958, Band 3, S. 120
  • Paul Harrer-Lucienfeld: Wien, seine Häuser, Menschen und Kultur. Band 5, 2. Teil. Wien ²1956 (Manuskript im WStLA), S. 462-466
  • Wilhelm Kisch: Die alten Straßen und Plätze von Wiens Vorstädten und ihre historisch interessanten Häuser. (Photomechan. Wiedergabe [d. Ausg. v. 1883]). Cosenza: Brenner 1967, Band 1, S. 318 f.
  • Hans Markl: Die Gedenktafeln Wiens. Wien: ABZ-Verlag 1949, S. 63
  • Hans Markl: Kennst du alle berühmten Gedenkstätten Wiens? Wien [u.a.]: Pechan 1959 (Perlenreihe, 1008), S. 100 f.
  • Theodor F. Meysels: Bummel durch Alt-Wien. Verlag der Österreichischen Zeitungs-Gesellschaft [1936] - (ÖZ-Bücher, Bd. 1), S. 135 ff.
  • Richard Perger: Straßen, Türme und Basteien. Das Straßennetz der Wiener City in seiner Entwicklung und seinen Namen. Wien: Deuticke 1991 (Forschungen und Beiträge zur Wiener Stadtgeschichte, 22)
  • Rolf M. Urrisk-Obertyński: Wien - 2000 Jahre Garnisonsstadt, Band 3 Innere Stadt, Weishaupt-Verlag, Graz 2012, S. 64 ff.