Juden

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Die Herzöge Albrecht II. und Otto der Fröhliche legen fest, dass kein Jude von einem Wiener Bürger mehr als drei Pfennige vom Pfund Pfennig als Zinsen für ein Darlehen nehmen darf, 20. Juni 1338
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Quelle Felix Czeike: Historisches Lexikon Wien
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Bildunterschrift]]  Die Herzöge Albrecht II. und Otto der Fröhliche legen fest, dass kein Jude von einem Wiener Bürger mehr als drei Pfennige vom Pfund Pfennig als Zinsen für ein Darlehen nehmen darf, 20. Juni 1338
Bildquelle WStLA, HA Urkunden, Nr. 198 (Foto: Christoph Sonnlechner)
Bildrechte CC BY-NC-ND 4.0

Juden und Jüdinnen im Mittelalter

Der erste in den Wiener Urkunden namentlich genannte Jude hieß Schlom, der 1194 von Herzog Leopold V. zum Münzmeister bestellt wurde. Schlom wurde mit seiner Familie und anderen Jüdinnen und Juden, insgesamt 16 Personen, von durchfahrenden Kreuzrittern ermordet. Juden lassen sich zunächst im Bereich Seitenstettengasse-Judengasse nachweisen. Dort wurde 1204 eine Synagoge erwähnt. Nach der Erbauung der Burg beim Widmertor (um 1280/1290) entstand im Bereich Judenplatz-Wipplingerstraße und in den Seitengassen rund um den Judenplatz das erste Wiener Ghetto.

Der jüdischen Bevölkerung war jedoch jeglicher Grundbesitz verwehrt, sie durften keine Landwirtschaft betreiben. Auch der Zugang zu den meisten Handwerksberufen war verboten. Einzig der Handel stand ihnen offen, vor allem der Geldverleih gegen Zinsen. Die Folge waren oft Feindseligkeiten bei christlichen Schuldnern.

Anfangs waren die Juden insbesonders in der landesfürstlichen Finanzverwaltung tätig, ab 1250 tätigten sie jedoch in steigendem Maß Geldgeschäfte mit dem Adel und mit Weingartenbesitzern in der Umgebung Wiens. 1238 erhielten die Wiener Juden von Kaiser Friedrich II. ein Privileg, 1244 waren sie durch die Judenordnung Herzogs Friedrichs II. des Streitbaren unmittelbar betroffen. Wichtige ergänzende Bestimmungen zum Rechtsstatus der Juden (vor allem hinsichtlich des Pfandgeschäfts) enthält das Wiener Stadtrechtsbuch (Ende 13. Jahrhundert). Für 1281 ist belegt, dass König Rudolf I. einen Juden steinigen hat lassen, der angeklagt worden war, einen Priester, der gerade eine Hostie getragen hatte, mit Kot beschmutzt oder mit einem Stein verletzt zu haben. 1305 oder 1306 kam es zu ähnlichen Vorwürfen, nachdem ein Bauer aus der Michaelerkirche Hostien gestohlen hatte, diese aber aus Furcht in einen noch unfertigen Krug geworfen hatte, der vor dem Haus eines Christen stand, das neben dem Haus eines Juden lag. Rudolf III. verhinderte Übergriffe, indem er versprach, die Juden zur Verantwortung zu ziehen, dies aber aufgrund der für ihn wichtigen geschäftlichen Verbindungen nie tat.

Im 14. Jahrhundert sind alle Einrichtungen der Gemeinde, wie Synagoge, Spital (neben der Synagoge), rituelles Bad (Hohe Brücke), Fleischhof der Juden (Färbergasse) und Friedhof (Areal Goethedenkmal bis zur Oper), nachzuweisen. 1338 kam es zu einer Senkung des Zinssatzes von 8 auf 3 Pfennig pro Pfund und Woche. Ebenfalls 1338 kam es um Ostern zu einer Hostienschändung in Pulkau, die zu einer Judenverfolgung im ganzen Lande führte. Um den 23. April wurden Juden in Pulkau, Retz, Znaim, Horn, Eggenburg, Klosterneuburg und Zwettl durch Feuer hingerichtet. Nur die Gemeinden in Wien und Wiener Neustadt wurden durch Herzöge und Edle geschützt. 1370, 1371 oder 1377 ließen die gemeinsam regierenden Herzöge Albrecht III. und Leopold III. Juden gefangen nehmen, um sie ihrer Güter berauben zu lassen. Doktoren der Theologie konnten verhindern, dass sie auch ihre Absicht, die gefangen genommenen Juden verbrennen zu lassen, umsetzen. Auch Maßnahmen zur Bekehrung blieben großteils erfolglos. 1383 ließ Albrecht III. den Wiener Juden David Steuss gefangen nehmen und auf der Burg Mödling einkerkern. Steuss musste dem Herzog 1.000 Pfund Pfennig für seine Freilassung übergeben. 1397 kam es in der Steiermark und in Kärnten zu schweren Judenverfolgungen, wodurch mehr als 1000 Juden nach Wien flohen. Den Herzögen boten sie 16.000 Gulden für die Wiederherstellung des Friedens an, in Wien wurden sie schließlich unter Schutz gestellt.

Die erste Vertreibung 1420: Die Wiener Geserah

1406 brach in der Judenstadt ein Brand aus. Die Vorwürfe der Hostienschändung und Ritualmordlegenden führten zu einem judenfeindlichen Klima, das 1420/21 in einem furchtbaren Pogrom seinen Höhepunkt fand. Viele Wiener Jüdinnen und Juden wurden vertrieben und ermordet. Etliche begingen kollektiven Selbstmord, andere wiederum wurden verbrannten (Geserah). Manche Juden ließen sich kurz davor taufen, um der Geserah zu entgehen.

Die Zeit der Hofbefreiten Juden

Bis zum Jahr 1624 bestand für Jüdinnen und Juden in Wien ein Ansiedlungsverbot. Dieses wurde mehrmals durch Ausnahmegenehmigungen durchbrochen. So wurde 1582 in der Seegasse (9) ein neuer jüdischer Friedhof angelegt. Die Lage der jüdischen Bevölkerung war jedoch immer von großer Unsicherheit und von Hetz- und Verleumdungskampagnen geprägt. Ferdinand II. erteilte den Juden am 6. Dezember 1624 ein neues Privileg zur Ansiedlung im Unteren Werd (2). Die Juden bildeten dort im Ghetto im Werd eine eigene Gemeinde mit einem jüdischen Gericht und weiteren Einrichtungen. Auch ein eigenes Grundbuch wurde geführt.

Die Zweite Vertreibung 1670

Nach rechtlicher Schlechterstellung ab 1637 kam es 1669/1670 unter Leopold I. neuerlich zur Vertreibung. Die Stadt Wien erklärte sich bereit, den Ausfall an Judensteuer selbst zu bezahlen. Der Friedhof in der Seegasse wurde einem Bleicher zur Betreuung übertragen. Das jüdische Wohngebiet am "Unteren Werd" wurde in "Leopoldstadt" umbenannt.

Die Zeit der Hofjuden

Nach den Türkenkriegen entsteht hoher Geldbedarf. Bereits ab 1683 werden jüdische Kreditgeber nach Wien geholt. So wurde Samuel Oppenheimer nach Wien berufen, der 1686 den Friedhof kaufte und wieder seiner Verwendung zuführte. Um 1700 wanderten einige finanzkräftige Familien (Wertheimer, Schlesinger, Simon Michel und andere) zu; sie konnten sich die Verlängerung ihrer Toleranzen nur durch hohe Zahlungen erkaufen und leisteten auch Beiträge zum Bau der Karlskirche, der Hofbibliothek und des Schlosses Schönbrunn (Umbau durch Pacassi). Durch den Tod Oppenheimers (1703), der fast im Alleingang die erste Phase des Spanischen Erbfolgekriegs finanziert hatte, kam es zum Staatsbankrott und zu schweren Verlusten für alle in böhmischen und in deutschen Städten lebenden Juden.

Nach dem endgültigen Friedensschluss mit der Türkei 1718 wird in Wien eine türkische Niederlassung gegründet, die auch Dutzende sefardische Juden, Nachkommen spanischer Jüdinnen und Juden, umfasst. Bereits 1736 kann diese Gruppe eine eigene Gemeinde gründen. Den Wiener Jüdinnen und Juden bleibt das noch mehr als hundert Jahre verboten.

Im ersten Viertel des 18. Jahrhunderts wurden bestimmte Häuser Juden zugewiesen. Das Grüner'sche und das Seitter'sche Haus am Bauernmarkt, das Haus "Zum Küß' den Pfennig" (Adlergasse 4) und ein Haus am Kienmarkt. Der Kaiser verbot am 28. Dezember 1723 das Wohnen von Juden in Christenhäusern, um die Juden von den Christen abzusondern. Wer dagegen handelte, musste mit einer Strafe von 1000 Talern rechnen. Die restriktiven Maßnahmen gegen die Juden fanden ihren Höhepunkt in den Judenordnungen Maria Theresias (1753 und 1764).

Die Zeit der josephinischen Toleranz

In den 1770er Jahren begannen sich die Ideen der Toleranz im Sinn des Josephinismus durchzusetzen. Am 2. Jänner 1782 erließ Joseph II. das Toleranzpatent für die Juden Wiens und Niederösterreichs, das verschiedene diskriminierende Bestimmungen (vor allem die Leibmaut) gegen die Juden aufhob, ihnen verbesserte Bildungs- und Berufsmöglichkeiten gewährte, andererseits aber dem traditionellen, rabbinisch geprägten Judentum großes Misstrauen entgegenbrachte. Nach wie vor bestand das Verbot, eine eigene Gemeinde zu errichten. 1792/1793 wurde die Aufsicht über die Juden dem Judenamt übertragen, das ab 1797 der Polizei-Oberdirektion unterstand, sowie das Institut der Vertreter der Wiener Judenschaft geschaffen.

Kaiser Franz I. genehmigt 1812 die Eröffnung einer Schule und eines Bethauses in der Seitenstettengasse. In diesen Jahren rücken einzelne jüdische Bürgerinnen und Bürger in den Adelsstand auf. Die Tradition der literarischen Salons, wie der von Fanny von Arnstein, wird begründet. Der neuerliche wirtschaftliche Aufstieg einiger jüdischer Familien am Ende des 18. Jahrhunderts und während der Napoleonischen Kriege führte zum Wunsch der Wiener Juden, eine repräsentative Synagoge zu erbauen. Nach den Plänen von Josef Kornhäusel wird 1825/26 der Stadttempel in der Seitenstettengasse gebaut. An den Stadttempel wurden Isak Noa Mannheimer als Religionslehrer und Salomon Sulzer berufen.

Erste Schritte zur Israelitischen Kultusgemeinde im Revolutionsjahr 1848

Das Revolutionsjahr 1848 war ein bedeutendes und veränderndes Jahr für die Wiener Gemeinde, vor allem auch als Beteiligte an den Ereignissen. Der jüdische Arzt Dr. Adolf Fischhof formulierte am 13. März 1848 vor dem Landhaus in der Herrengasse die wesentlichen Forderungen der Revolution, unter anderem Religionsfreiheit, Pressefreiheit sowie Lehr- und Lernfreiheit. Viele andere jüdische Bürgerinnen und Bürger folgen seinem Beispiel. Sie leisten damit einen wesentlichen Beitrag für den langen Weg zur Verfassung des Jahres 1867. Bis 1861/1867 bestanden noch verschiedene Beschränkungen für die Juden. Dennoch setzte schon damals eine beträchtliche Zuwanderung zunächst aus Ungarn und Böhmen ein.

Emanzipation und wirtschaftlicher Aufschwung im 19. Jahrhundert

Als eine der Spätfolgen der Revolution 1848 wird im Jahr 1852 die Gründung der Israelitischen Kultusgemeinde erlaubt, das heißt offiziell als Religionsgemeinschaft. Der Weg des Judentums zum Aufstieg ins Großbürgertum und in die Aristokratie ist geebnet. Am wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts haben jüdische Familien großen Anteil. Neben den traditionellen Beschäftigungen der führenden Familien im Geschäft mit Staatspapieren und im Bankwesen traten der Eisenbahnbau, industrielle Zweige sowie bildungsbürgerliche und künstlerische Bereiche. Für den sozialen Aufstieg hatte der Textilhandel eine besondere Bedeutung. Die Wiener Juden spielten eine bedeutende Rolle als Mäzene und Förderer sozialer Einrichtungen, außerdem gab es bedeutende Wissenschaftler, insbesondere unter Ärzten, Juristen und Nationalökonomen, später auch in den Geisteswissenschaften. Nicht mehr an Verbote und Einschränkungen gebunden, entwickelte sich ein blühendes Gemeinwesen, das Wien in diesen Jahrzehnten wesentlich prägte. Die Wiener Jüdinnen und Juden identifizierten sich mit dem Österreich der Habsburger, mit dem liberalen Gedankengut der Zeit und mit dem, was allgemein als "deutsches Kulturgut" galt. Was dabei bewahrt wurde, war immer die eigene Identität. Eine schwere Gratwanderung, die durch den religiösen Antisemitismus des Bürgermeisters Karl Lueger nicht leichter wurde.

Synagogen und Bethäuser

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurden in nahezu allen Bezirken Wiens sichtbare und prächtige Synagogen erbaut. Zahlreiche Bethäuser und kleine Betstuben in Wohnungen entstanden im Zuge der Migration von Juden und Jüdinnen aus östlichen Gebieten der Monarchie.

Jüdische Vereine

Das jüdische Gemeindeleben wurde ab dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts durch vielfältige und verschiedenartige religiöse, soziale und kulturelle Vereine geprägt. Dazu kam das Erstarken des Politischen Zionismus und damit die Gründung zahlreicher zionistischer Vereine mit Ausrichtung auf ein künftiges Leben in Palästina.

Politischer Antisemitismus und Zionismus

Der sich parallel zur Emanzipation fortsetzende Antisemitismus erlebte gegenüber der josephinisch geprägten Zeit eine Verschärfung. Aus den religiösen Argumenten (Sebastian Brunner) entwickelten sich bald wirtschaftliche und soziale (Karl Lueger), schließlich auch rassistische (Georg von Schönerer). Nach einem Höhepunkt in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts ebbte die Bewegung etwas ab.

Unter den Abwehr- und Gegenbewegungen wurde am bedeutendsten der vom Wiener Journalisten und Schriftsteller Theodor Herzl begründete politische Zionismus. "Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen" - diese Worte von Theodor Herzl galten sowohl für den aufkeimenden Zionismus als auch für die beginnende Emanzipation der Arbeiterschaft. Theodor Herzl kam im Jahr 1878 aus Budapest nach Wien. Als Redakteur der Tageszeitung "Neue Freie Presse" sah er sich vor allem mit dem Antisemitismus im religiösen und politischen Sinn konfrontiert. 1896 begründet Herzl mit seinem visionären Buch "Der Judenstaat" den politischen Zionismus.

Die Zahl der Juden in Wien erreichte knapp vor dem Ersten Weltkrieg annähernd 180.000. 1890 wurden die Verhältnisse durch das Israelitische Kultusgesetz geregelt. Seit den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts gelangten zunehmend Vertreter des Zionismus in den Kultusvorstand; auch der letzte Präsident vor 1938 (Desider Friedmann) war Zionist.

Politische Fragen beschäftigten auch den Arzt Viktor Adler. Unter dem Eindruck der sozialen Verhältnisse verweist Adler immer wieder auf die elenden Lebens- und Arbeitsbedingungen des Proletariats. Und lehrt dieses Proletariat zu kämpfen. Viktor Adler starb am 11. November 1918, einen Tag vor Ausrufung der Republik. Die "Arbeiter-Zeitung" verglich ihn in ihrem Nachruf mit Moses, "der auch das gelobte Land nie betreten konnte".

Republik und "Rotes Wien"

Im Mai 1919 werden in Wien die ersten Gemeinderatswahlen nach einem allgemeinen und demokratischen Wahlrecht für Männer und Frauen durchgeführt. Die Sozialdemokraten können die Mehrheit erringen, Jakob Reumann wird Wiener Bürgermeister. Es beginnt eine umfassende, weltweit anerkannte Reformpolitik. Namen wie Julius Tandler, Hugo Breitner und Robert Danneberg sind für immer mit Sozial-, Gesundheits- und Wohnbaupolitik verbunden.

Das Ende findet das "Rote Wien" 1934. Die Sozialdemokraten werden durch Vertreter des Ständestaates gewaltsam aus dem Wiener Rathaus entfernt. Trotz aller politischen Widrigkeiten nehmen Jüdinnen und Juden in der Monarchie und in der Ersten Republik eine bedeutende Stellung ein. Die Mehrzahl der österreichischen Nobelpreisträger, viele bekannte Schriftstellerinnen und Schriftsteller, Musikerinnen und Musiker, Theaterleute, bildende Künstlerinnen und Künstler sowie Ärztinnen und Ärzte stammen aus jüdischen Familien. In der antisemitischen Propaganda wird der Neid auf diese erfolgreichen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Künstlerinnen und Künstler geschürt.

Vom Rassenwahn zum Völkermord - Der Holocaust

Schon in den 1930er-Jahren kam in Wien zum religiösen und politischen zunehmend der rassische Antisemitismus. Mit dem Einmarsch der Hitler-Truppen im März 1938 begann für die Wiener Jüdinnen und Juden ein Leidensweg ohne Vergleich, der in systematischer Ausgrenzung, Vertreibung und Ermordung der Wiener Juden endete (Holocaust). Schon bald nach dem Anschluss kam es zu ersten Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung. Jüdische Bürgerinnen und Bürger wurden in aller Öffentlichkeit misshandelt und zu erniedrigenden Arbeiten gezwungen. Hitlers Rassenwahn gipfelte in den Nürnberger Gesetzen. Jüdinnen und Juden hatten den gelben Stern zu tragen und hatten die Vornamen "Sara" beziehungsweise "Israel" anzunehmen. Viele Geschäfte wurden enteignet ("Arisierung") und die Vermögen eingezogen. Wer flüchten konnte, ging mit leeren Händen und ohne Existenzgrundlage in eine ungewisse Zukunft.

Im Novemberpogrom in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 brannen Synagogen und Bethäuser, jüdische Geschäfte wurden geplündert und zerstört. Die von Adolf Hitler angeordnete "spontane Entladung des Volkszornes" griff voll durch. Mit Ausnahme des Wiener Stadttempels in der Seitenstettengasse wurden sämtliche jüdische Gotteshäuser zerstört oder zweckentfremdet weiter genutzt. Jüdinnen und Juden wurden teils auf offener Straße misshandelt, gedemütigt und verhaftet, es gab zahlreiche Todesopfer zu beklagen.

Die einst blühende jüdische Gemeinde Wiens wurde von den Nationalsozialisten fast völlig vernichtet. Bis Mai 1939 verließen etwa 130.000 Menschen, die als Jüdinnen und Juden nach den Nürnberger Gesetzen galten, das Land. 1938 umfasst die jüdische Bevölkerungsgruppe rund 206.000 Personen, davon 181.000 Mitglieder der Israelitischen Kultusgemeinde. Mehr als 65.000 deportierte Jüdinnen und Juden fanden den Tod in den Konzentrations- und Vernichtungslagern. Sie sind ein Teil der sechs Millionen Opfer eines Massenmordes, der mit besessener Akribie durchgezogen wurde.

Vergessen oder Versöhnen?

1945 etablierte sich die jüdische Gemeinde neu, darunter nur wenige Mitglieder, deren Familien bereits vor 1938 in Wien gelebt hatten. Regierung und Wiener Stadtverwaltung zeigten sich damals nicht interessiert, vertriebenen Jüdinnen und Juden die Heimkehr zu ermöglichen. Das offizielle Österreich sah sich gerne als erstes Opfer des Nationalsozialismus und meinte, nicht mitschuldig an den Verbrechen des NS-Regimes zu sein. Lehrstühle und andere Positionen wurden von anderen eingenommen und die Wohnungen der Geflohenen längst von anderen bewohnt. Auch Geschäfte und Betriebe waren in anderen Händen. Die Frage der Restitution wurde auf die lange Bank geschoben, die Geschädigten vertröstet oder durch endlose Prozesse zermürbt. Viele Politikerinnen und Politiker traten offen für diese Vorgangsweise ein.

Ein echtes Zeichen wurde erst 1965 gesetzt. An der Hochschule für Welthandel verbreitete seit Jahren ein Professor offen antisemitisches Gedankengut: Taras Borodajkewycz, heftig gefeiert von rechten Studentinnen und Studenten. Die Angelegenheit erregte Aufsehen, es kam zu zahlreichen Demonstrationen für und gegen Borodajkewycz. Am 31. März 1965 wurde bei einer Demonstration der Kommunist und ehemalige KZ-Häftling Ernst Kirchweger von einem Neonazi mit einer Stahlrute verprügelt. Kirchweger starb am 2. April an den Folgen der schweren Verletzungen. Die Zweite Republik hatte ihren ersten politischen Mord. Zur Trauerfeier kam 25.000 Menschen auf den Wiener Heldenplatz, darunter die gesamte Bundesregierung.

In den Folgejahren kommt es zu einem Umdenken, vor allem bedingt durch die Studentenbewegung der Jahre 1968/69. Eine neue, anders denkende Generation rückte in das öffentliche Leben. Die Erforschung und Aufarbeitung der jüngsten Geschichte Österreichs war fortan kein Tabu mehr. Seit den 70er Jahren kam es zur Zuwanderung aus Gebieten der damaligen Sowjetunion. Seit den 80er Jahren entwickelt sich ein lebhaftes kulturelles und religiöses Gemeindeleben. Die Israelitische Kultusgemeinde hat derzeit (2015) etwa 8.000 Mitglieder. (Die Zahl der Jüdinnen und Juden in ganz Österreich wird auf 13.000 geschätzt).

Literatur

  • Hans Tietze: Die Juden Wiens: Geschichte - Wirtschaft - Kultur. Wien: Edition Atelier 1987
  • Siegmund Maier: Die Wiener Juden: Kommerz, Kultur, Politik 1700-1900. Wien/Berlin: R. Löwit 1918
  • Marsha L. Rozenblit: Die Juden Wiens 1867-1914. Assimilation und Identität. Wien [u.a.]: Böhlau 1989
  • Alfred Francis Pribram (Hg.): Urkunden und Akten zur Geschichte der Juden in Wien. 2 Bände. Wien: [o.V.] 1918
  • Klaus Lohrmann: Zur mittelalterlichen Geschichte der Juden in Österreich. Forschungslage und Literaturüberblick seit 1945. In: Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung 93 (1985), S. 115 ff.
  • Klaus Lohrmann: Judenschaden, Marktschutzrecht und Pfanddarlehen im Wiener Stadtrechtsbuch. In: Jahrbuch des Vereins für Geschichte der Stadt Wien. 47/48 (1991/1992), S. 213 ff.
  • Klaus Lohrmann: Judenrecht und Judenpolitik im mittelalterlichen Österreich. Wien [u.a.]: Böhlau 1990
  • Walter Messing: Beiträge zur Geschichte der Juden in Wien und Niederösterreich im 16. Jahrhundert. In: Jahrbuch des Vereins für Geschichte der Stadt Wien l (1939), S. 11 ff.
  • Walter Messing: Die Kontributionen der Wiener Judenschaft im 17. Jahrhundert. In: Jahrbuch des Vereins für Geschichte der Stadt Wien 3/4 (1942), S. 14 ff.
  • Wolfgang Häusler: Der Weg des Wiener Judentums von der Toleranz zur Emanzipation. In: Jahrbuch des Vereins für Geschichte der Stadt Wien 30/31 (1974/1975), S. 84 ff.
  • Häusler-Lessing-Berger: Judaica. Die Sammlung Berger. Kult und Kultur des europäischen Judentums. 1979
  • Josef Fraenkel (Hg.): The Jews of Austria: essays on their life, history and destruction. London: Vallentine, Mitchell 1967
  • Herbert Nikitsch: Die Juden in Währing. In: Unser Währing. Vierteljahresschrift des Museumsvereins Währing 23 (1988), Heft 2
  • Herbert Exenberger: Die Geschichte der Juden in Simmering. In: Davidische Jüdische Kulturzeitschrift 6 (1994), Nummer 21, S. 6 ff.
  • Paul Harrer-Lucienfeld: Wien, seine Häuser, Geschichte und Kultur. Band 1, 3. Teil. Wien ²1952 (Manuskript im WStLA), S. 619
  • Paul Harrer-Lucienfeld: Wien, seine Häuser, Geschichte und Kultur. Band 1, 3. Teil. Wien ²1952 (Manuskript im WStLA), S. 708
  • Ferdinand Opll: Nachrichten aus dem mittelalterlichen Wien. Zeitgenossen berichten. 1995, S. 52, 64, 76, 91f., 94f., 105.

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