Internationale Apotheke

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Kärntner Ring 17, um 1942
Art der Organisation Sonstiges
Datum von 1870
Datum bis
Benannt nach
Prominente Personen
Quelle Felix Czeike: Historisches Lexikon Wien
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Bildname Kärntner_Ring17.jpg
Bildunterschrift  Kärntner Ring 17, um 1942
Bildquelle WStLA, Fotosammlung Stadtplanung, Reiffenstein
Bildrechte CC BY-NC-ND 4.0
BezirkStraßeHausnummer
1Kärntner Ring17

frühere Adressierung

BezirkStraßeHausnummerDatum vonDatum bis
1Kärntner Ring1818701911
BezeichnungDatum vonDatum bis
Zum goldenen Adler beziehungsweise Adler-Apotheke F. Wisinger18701925
Internationale Apotheke Franz Wisinger1925
Kartenausschnitt aus Wien Kulturgut

1, Kärntner Ring 17; Gründung: 5. August 1869

Auf Grund einer Aufforderung seitens des k. k. Ministeriums vom 11. Februar 1869 ordnete die Niederösterreichische Statthalterei mit Dekret vom 5. August 1869 die Errichtung einer neuen Apotheke an. Ihr gewünschter Standort wurde, im Gegensatz zu den bis dahin üblichen Gepflogenheiten, nur vage mit der Angabe "an der Ringstraße zwischen Parkring und Burgring" bestimmt.

Über Aufforderung des Magistrats erfolgte eine Ausschreibung durch das Apotheker-Hauptgremium, nach deren Abschluss das Gremium der Behörde einen Dreiervorschlag für die Besetzung unterbreitete. Apotheker Franz Wisinger, seit 1867 Pächter der Lichtentaler Apotheke "Zum goldenen Elefanten", dem das Personalapothekengewerbe verliehen wurde, wählte als Standort das 1868 von Heinrich Ferstel fertiggestellte Palais Wertheim am Schwarzenbergplatz (damals Nummer 6, seit 1904 Nummer 17), Ecke Kärntner Ring 18.

Die Wahl des Standorts lag insofern nahe, als die ersten Wohnblocks, Palais, Monumentalbauten und Hotels der Ringstraßenzone am Opernring, vor allem aber beiderseits des Kärntner Rings (zwischen Karlsplatz und Walfischgasse) errichtet wurden. Auch war die Verbauung des inneren Schwarzenbergplatzes bereits abgeschlossen.

Wisinger eröffnete die Apotheke am 26. September 1870 und gab ihr das Schild "Zum goldenen Adler".

Die Apotheke ist in dieser Zeit auch mit einem prominenten Namen der Apothekengeschichte verbunden: Wisinger bestellte nämlich 1875 Dr. Alois Philipp Hellmann, den Reformer des österreichischen Apothekenwesens, zum Provisor. Ab 1. Jänner 1868 gab Hellmann die von ihm begründete neue Fachzeitschrift "Pharmaceutische Post" (eine Zeitschrift für Nahrungsmitteluntersuchung, Hygiene und Warenkunde) heraus, die in Opposition zu der seit 1863 bestehenden "Zeitschrift des Allgemeinen österreichischen Apotheker-Vereins" stand, deren Artikel nach Ansicht vieler Apotheker zu vorsichtig und konservativ abgefasst waren. Von 1869 bis 1883 gab Hellmann auch den ebenfalls von ihm begründeten "Pharmaceutischen Almanach" heraus. 1873 war er an der Gründung der "Österreichischen pharmazeutischen Gesellschaft" beteiligt, deren Präsident er wurde.

Noch eine Besonderheit der Apotheke ist anzumerken: In ihr waren, ohne dass der Grund dafür bekannt ist, überdurchschnittlich viele Personen aus dem italienischsprachigen Raum der Monarchie tätig: Nuolo Fonzari aus Triest (1870–1871), Ernst Edler von Rosentritt aus Görz (1870–1874) und Victor Serravalle aus Triest (1877); außerdem aus dem Ausland Rinaldo Bonetti aus Porlezzo (ab 1884) und wahrscheinlich auch Dr. Comoal Spatzia, über den nichts Näheres bekannt ist. Dazu gesellten sich weitere Ausländer, etwa aus Paris, Stockholm und Altona, Herkunftsorte, die man in anderen Apotheken vergeblich sucht.

In der Nachbarschaft der Apotheke lagen mehrere Adelspalais, Niederlassungen der Hochfinanz, das Haus der Industrie und der Kaufmannschaft sowie noble Hotels. Die Apotheke war daher zu besonderer Leistungsfähigkeit und Anpassung an den vornehmen Lebensstil der Umgebung gezwungen. Zudem ergab sich durch die Anforderungen des Fremdenverkehrs die Notwendigkeit, alle ausländischen pharmakologischen Neuerungen zu beobachten, was eine starke Internationalisierung der Apotheke zur Folge hatte. Seit ihrer Gründung spezialisierte man sich in der Apotheke – zweifellos bedingt durch die Nähe international renommierter Hotels (Hotel Imperial, Grand Hotel, Hotel Bristol) – auf ausländische Kunden. So waren immer Mitarbeiter im Betrieb tätig, die Französisch oder Englisch beherrschten, außerdem die bereits erwähnten Italiener und zahlreiche Mitarbeiter aus den Kronländern der Monarchie. Sehr rasch hatte man einen sehr guten Ruf als "English Dispensary".

Nachdem Wisinger am 1. November 1890 verstorben war, führte seine Witwe Olga Wisinger die Apotheke als Witwenbetrieb weiter. In ihrem Auftrag übernahm nach dem Ausscheiden Hellmanns am 1. Mai 1891 Mag. pharm. Siegmund Schlager die Leitung der Apotheke.

Unter Schlager wurden vom Apothekenpersonal insgesamt neun Sprachen gesprochen. Ausländische Gäste, Aristokratinnen und Aristokraten sowie Künstlerinnen und Künstler bildeten einen wesentlichen Bestandteil des illustren Kundenkreises. Nach dem Ableben Schlagers übernahm im Jänner 1899 Mag. pharm. Johann Gans die Leitung der Apotheke. 1900 pachtete er die Apotheke auf sechs Jahre, starb jedoch bereits am 2. Juni 1904 im 44. Lebensjahr. Die Leitung hatte bereits seit 5. April 1904 Mag. pharm. Eduard Berndt innegehabt.

Im Jahrgang 1893 des Branchenverzeichnisses von Lehmann’s Wohnungsanzeiger scheint die Apotheke mit dem Eintrag "English & foreign chemis. Depot aller in- und ausländischen pharmaceutischen Spezialitäten, hygienischen und Toiletteartikeln, Lager aller Medicinal-Weine, Rum, Cognac etc. Maison de correspondence: Roberts & Co. Paris: 5 Rue de la Paix, London: 76 New Bond St." auf, im Jahrgang 1909 mit dem Eintrag "Adler-Apotheke F. Wisinger. Pharmacie francaise. English & American Chemist. By Special Appointment to the English & American Embassies".

Am 1. Februar 1911 wurde die Fa. Franz Wisinger in eine OHG umgewandelt und am 21. März 1911 mit den Gesellschaftern Olga und Dr. Oskar Wisinger (Sohn des Ehepaars Wisinger) sowie Eduard Berndt ins Handelsregister eingetragen.

Am 19. Februar 1911 wurde die Apotheke auf die gegenüberliegende Seite des Kärntner Rings ins Haus Nummer 17 verlegt. Am 21. Jänner 1919 wurde Mag. pharm. Arnold Ludwig Stumpf als Alleininhaber ins Handelsregister eingetragen, worauf ihm der Magistrat am 18. August 1919 die Konzession erteilte. Am 13. Oktober 1925 erfolgte eine Änderung des Firmennamens ("Internationale Apotheke Franz Wisinger, Inhaber Dr. et Mr. Arnold Ludwig Stumpf").

Wenig später, am 1. Jänner 1928, wurde im Rahmen der OHG ein neuer Gesellschaftsvertrag abgeschlossen, dem gemäß Familienmitglieder aus drei Generationen Gesellschafter waren: Arnold Ludwig Stumpf, seine Mutter Marie Stumpf, seine Gattin Mag. pharm. Stephanie (Maria) Stumpf und beider Tochter Dr. et Mag. pharm. Marguerite Bruna Stumpf. Nach der Heirat der Tochter mit Dr. et Mag. pharm. Adalbert Franz Fadrus wurde auch der Schwiegersohn als Teilhaber aufgenommen und am 1. September 1938, nach der nationalsozialistischen Machtübernahme, in richtiger Einschätzung der veränderten Situation zum verantwortlichen Leiter der Apotheke bestellt.

Nachdem am 15. September 1938 Mag. Stephanie Stumpf durch einen Apotheker im Rang eines SA-Standartenführers (Träger des goldenen Parteiabzeichens) aus "rassischen" Gründen unter Anwendung von Gewalt aus der Apotheke entfernt worden war, bestellte der nationalsozialistische Magistrat am 23. September 1938 Mag. pharm. et Dr. Robert Baur zum verantwortlichen Leiter, der jedoch am 3. Jänner 1940 zum Kriegsdienst eingezogen wurde. Arnold Ludwig Stumpf wurde unterdessen gezwungen, als angestellter Apotheker in einer Meidlinger Apotheke zu arbeiten. Die Familie meldete der Gehaltskasse der Apothekerkammer am 29. Dezember 1938 Dr. Adalbert Fadrus als Miteigentümer der Apotheke. Seine jüdische Schwiegermutter Stephanie und seine Gattin Marguerite, über die am 11. Jänner 1939 ein Arbeitsverbot verhängt wurde, übergaben ihm am selben Tag mittels Schenkungsvertrags ihre Besitzanteile an der OHG, wodurch der Betrieb nicht mehr den Bestimmungen über die Entjudung von Apothekenbetriebsrechten unterlag, wie amtlich vermerkt wurde. Stephanie Stumpf sah sich am 23. Februar 1940 gezwungen, sich von ihrem Gatten Arnold scheiden zu lassen.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs trat Mag. pharm. Stephanie Stumpf, die den Holocaust überlebt hatte, am 11. Juli 1945 wieder in ihre Rechte ein und wurde am Reingewinn mit 25 Prozent beteiligt. Dr. Adalbert Franz Fadrus verstarb am 12. Oktober 1970.

Besitzerliste

  • 1869–1890 Franz Wisinger, † 1. November 1890
  • 1890–1911 Olga Wisinger (Witwenbetrieb), Provisoren Siegmund Schlager (1890–1899), Johann Gans (1899–1904; Pächter 1900–1904, um 1860, † 2. Juni 1904) und Eduard Berndt (1904–1911)
  • 1911–1919 OHG: Gesellschafter Olga Wisinger, Dr. Oskar Wisinger und Eduard Berndt
  • 1919–1938 Arnold Ludwig Stumpf (Alleininhaber und Konzessionär)
  • 1928 neuer Gesellschaftsvertrag: Arnold Ludwig Stumpf, Marie Stumpf (seine Mutter), Stephanie Stumpf (seine Gattin) und Marguerite Bruna Stumpf (Tochter; Eheschließung mit Adalbert Franz Fadrus)
  • 1938–1940 Adalbert Franz Fadrus (Besitzer), Robert Baur (verantwortlicher Leiter)
  • 1940–1970 Adalbert Franz Fadrus (Leiter; † 12. Oktober 1970); ab 1945 Stephanie Stumpf (Besitzerin)
  • 1970–lfd. ?

Standorte

  • 1870–1911 Kärntner Ring 18/Schwarzenbergplatz 17 (damaliges Wertheimpalais; zur Bauzeit Schwarzenbergplatz 6, seit 1904 Nummer 17)
  • seit 1911 Kärntner Ring 17

Apothekenschild

  • 1870–1925 "Zum goldenen Adler" beziehungsweise "Adler-Apotheke F. Wisinger"
  • 1925–? "Internationale Apotheke Franz Wisinger" (Inhaber Dr. et Mr. Arnold Ludwig Stumpf)
  • seit ? "Internationale Apotheke F. Wisinger"


Literatur

  • Felix Czeike: Geschichte der Wiener Apotheken, Die Apotheken im heutigen ersten Wiener Gemeindebezirk. Innsbruck: Studienverlag. Band 50, 2010, S. 447-454
  • Leopold Hochberger / Joseph Noggler: Geschichte der Wiener Apotheken. Wien: Verlag des Wiener Apotheker-Hauptgremiums 1917-1919, S. 59 f.