Holocaust

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Quelle Felix Czeike: Historisches Lexikon Wien
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Holocaust. Die aus dem Griechischen stammende Bezeichnung (in der Bedeutung „Ganzopfer", „Brandopfer") wurde erstmals 1944 von einem amerikanisch-jüdischen Publizisten im Zusammenhang mit dem nationalsozialistischen Massenmord an den europäischen Juden verwendet. Seit der gleichnamigen amerikanischen TV-Serie (erstmals Ausstrahlung in Österreich 1979) wird der Begriff als Synonym für den Genozid am jüdischen Volk verwendet.

Dem ideologisch vorbereiteten und systematisch betriebenen Massenmord an den Juden gingen unmittelbar nach dem „Anschluss" einsetzende pogromartige Ausschreitungen voran, die mit umfangreichen Plünderungen verbunden waren. Einen Höhepunkt stellte die am 10./11. November 1938 stattgefundene sogenannte „Reichskristallnacht" dar (Novemberpogrom), die keineswegs nur eine Nacht, sondern mehrere Tage dauerte. In Wien wurden 42 Synagogen und Bethäuser in Brand gesteckt und verwüstet, jüdische Geschäfte und Wohnungen wurden (so sie nicht bereits in den Monaten vorher „arisiert" worden waren) geplündert, zerstört und beschlagnahmt. 6.547 Wiener Juden kamen in Haft, 3.700 von ihnen in das Konzentrationslager Dachau. Die spontanen Gewaltakte der Österreichischen Nationalsozialisten und ihrer Mitläufer waren eine Seite des antijüdischen Terrors, die Separierung und Diffamierung der österreichischen Juden durch die NS-Gesetze (Einführung der Nürnberger Rassengesetze, Dienstenthebung jüdischer Gemeinde- und Staatsbeamter, Ausschließung jüdischer Schüler und Studenten vom Lehrbetrieb und so weiter) die andere.

1938 war es noch Ziel des NS-Regimes, die österreichischen Juden zur Auswanderung zu zwingen. Um diese in kontrollierte Bahnen zu lenken, wurde im Sommer 1938 unter Leitung Adolf Eichmanns, des Referenten für jüdische Angelegenheiten beim Sicherheitsdienst (SD) der SS, die „Zentralstelle für jüdische Auswanderung in Wien" errichtet (4, Prinz-Eugen-Straße 22), in der alle mit der Auswanderung befassten Behörden zusammengefasst waren.

Der Ausbruch des 2. Weltkriegs leitete eine neue Phase der Entrechtung und Verfolgung der jüdischen Bevölkerung ein. Bis zum September 1939 hatte das NS-Regime durch Gesetze, Erlässe und Verordnungen die wirtschaftliche Existenz der Juden vernichtet und die ersten Maßnahmen zu deren Stigmatisierung (Einführung der „Kennkarte"), Isolation (Beginn der Konzentration in bestimmten Wohnhäusern) sowie zur Einengung der persönlichen Bewegungsfreiheit (beispielsweise Aufenthaltsverbot in Parkanlagen) getroffen. Ab 1. September 1941 mussten alle Juden ab dem sechsten Lebensjahr den Judenstern tragen und waren damit öffentlichen stigmatisiert. Eine psychische und physische Belastung stellte die zwangsweise Umquartierung der Juden in bestimmte Wohnbezirke beziehungsweise -häuser dar. Diese Umsiedlung innerhalb Wiens stand in engem Konnex mit dem seitens der NS-Propaganda gemachten Versprechen, die herrschende Wohnungsnot zu beseitigen (1938 fehlten in Wien zirka 70.000 Wohnungen). In der Zeit vom Anschluss bis Jahresende 1938 waren 44.000 der insgesamt 70.000 „Judenwohnungen" (vielfach von „oben" noch ungelenkt) „arisiert" worden. Dieser gewalttätige Raubzug deckte jedoch bei weitem nicht die Nachfrage. Zwar schuf die Auswanderung beziehungsweise Vertreibung der Juden freiwerdenden Wohnraum, doch ging dieser Prozess nur langsam vor sich, und auch das von der NS-Propaganda angekündigte Wohnbauprogramm war spätestens mit Kriegsbeginn zum Scheitern verurteilt. Ab Sommer 1939 begann das städtische Wohnungsamt freien Wohnraum zu „schaffen", indem es Juden innerhalb Wiens in überwiegend von Juden bewohnte Häuser und Wohnungen regelrecht hineinpferchte. Dem NS-Regime brachte die Umsiedlung „freien" Wohnraum und die angestrebte Isolation der Betroffenen. Die Separierung, die listenmäßige Erfassung der „Juden"häuser und -wohnungen, das Verbot, ohne vorherige Zustimmung der „Zentralstelle für jüdische Auswanderung" innerhalb Wiens zu übersiedeln, und die mit 1. April 1942 eingeführte Kennzeichnung aller „jüdischen" Wohnungen mittels eines „Judensterns" erleichterten den zuständigen Behörden die „Aushebung" (Abtransport der Opfer aus den Wohnungen in die Sammellager) für die Deportation. Andererseits machte es die Isolation den Juden praktisch unmöglich, sich durch Flucht dem Zugriff der Verfolger zu entziehen.

Deportationen aus Wien in die von den Deutschen besetzten Gebiete in Osteuropa hatten früher eingesetzt als im übrigen Reichsgebiet. Bereits im Oktober 1939 organisierte die SS erste Deportationen aus Wien und Ostrava (Mähren-Ostrau) nach Nisko am San, die aber bald darauf eingestellt wurden. Die Mehrheit der nach Nisko Deportierten wurden über die deutsch-sowjetische Demarkationslinie getrieben; bis auf wenige Ausnahmen ist ihr Schicksal ungeklärt. Die Deportationen aus Wien wurden (auch diesmal früher als im übrigen „Großdeutschen Reich") im Februar 1941 wieder aufgenommen. Die Anstöße dazu gingen vom neuen Reichsstatthalter von Wien, Baldur von Schirach, aus, der damit sein Wohnungsprogramm verwirklichen wollte. Die in das „Generalgouvernement" deportierten österreichischen Juden wurden 1942 (sofern sie nicht schon vorher Opfer der menschenunwürdigen Lebensbedingungen geworden waren) im Zuge der „Aktion Reinhardt" in den Vernichtungslagern Belzec, Sobibor und Treblinka ermordet. Im Herbst 1941 beschloss das NS-Regime die fabriksmäßig durchgeführte Ausrottung der sechs Millionen Juden im nationalsozialistischen Machtbereich („Endlösung"). Im Rahmen der im Herbst 1941 durchgeführten Massendeportationen wurden mehr als 5.000 Juden aus Wien ins Getto Lodz eingewiesen; viele von ihnen wurden in den mobilen Tötungseinrichtungen („Gaswägen") in Chelmo (Kulmhof) ermordet. Ebenfalls im Herbst 1941 erfolgten weitere Deportationen österreichischer Juden in das „Reichskommissariat Ostland" (Minsk, Riga, Maly Trostinec); die Opfer wurden überwiegend im Zuge von Massenerschießungen beziehungsweise in Gaswägen ermordet. In der ersten Hälfte 1942 erfolgten Deportationen aus Wien in den Distrikt Lublin, und zwar nach Izbica, Wlodawa, Sobibor und Auschwitz. Bis auf wenige Ausnahmen starben die Opfer dieser Transporte in den Gaskammern der Vernichtungslager Belzec und Sobibor. Von Juni bis Oktober 1942 erfolgte die Einweisung österreichischer Juden in das Getto Theresienstadt, von wo sie in die Vernichtungs- und Konzentrationslager deportiert wurden.

Die Deportationen aus Wien gingen vom Aspangbahnhof (3, Aspangstraße) ab, nachdem die Opfer in Sammellagern (2, Castellezgasse 35; Kleine Sperlgasse 2a; Malzgasse; Miesbachgasse 8; alle im 2. Bezirk) konzentriert worden waren. Bereits Ende 1942 war Wien weitgehend „judenrein". In mehreren Kleintransporten wurden zwischen März 1943 und Oktober 1944 etwa 350 Menschen von Wien nach Auschwitz beziehungsweise etwa 1.400 nach Theresienstadt deportiert.

Nach den Angaben des „Ältestenrats der Juden in Wien" lebten Ende Dezember 1944 in Wien 5.799 Männer und Frauen, die nach den Nürnberger Gesetzen als Juden galten, davon 4.746 in „Mischehe" und 1.064 „Geltungsjuden" (darunter verstand man Personen, die zwar einen „arischen" Elternteil hatten, aber der mosaischen Konfession angehörten). Nach der gleichen Quelle lebten damals noch 118 Juden in Niederösterreich. Etwa 60.000 österreichische Juden fielen dem nationalsozialistischen Genozid zum Opfer.