Gründerzeit

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Quelle Felix Czeike: Historisches Lexikon Wien
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Gründerzeit, Ökonomische Bezeichnung für das Vierteljahrhundert zwischen der Revolution 1848 und dem Börsenkrach 1873, durch den (wenige Tage nach der Eröffnung der Wiener Weltausstellung) die (zuletzt stark überhitzte) Konjunkturperiode ein jähes Ende fand. Politisch und wirtschaftlich war diese Zeit im Bereich des Staats (bis 1878) und der Gemeinde Wien (bis 1895) durch die Dominanz des Liberalismus und seiner Träger geprägt; der Freihandel, die liberale Verwaltung und Gesetzgebung (Gewerbeordnung 1859 {Gewerbe}, „Wucherfreiheit" 1868 und so weiter) führten zu zahlreichen Industrie-, Bank- und AG-Gründungen, die von unkontrollierten Spekulationen in Börse- und Bankgeschäften sowie schwindelhaften Neugründungen begleitet waren.

In die Gründerzeit fallen seitens des Hofs und des Staats die Demolierung der Stadtbefestigungen (Beschluss 1857; Basteien), die Verbauung der Ringstraßenzone (Anlage der Ringstraße und Errichtung der wichtigsten Monumentalbauten des Hofs und des Staats), der Bau wichtiger Eisenbahnen sowie des Arsenals und verschiedener Kasernen, seitens der Stadt (unter den Bürgermeistern Johann Kaspar von Seiller, Andreas Zelinka und Cajetan Felder) neben der Stadterweiterung (Eingliederung der Vorstädte) die erste Hochquellenwasserleitung, die Donauregulierung, der Stadtpark, das Rathaus und der Zentralfriedhof. Im Privatwirtschaftlichen Bereich kam es neben den Gründungen von Gaswerken und dem Bau von Pferdestraßenbahnlinien zur architektonischen Umwandlung der Altstadt (Abbruch gotischer und barocker Gebäude und deren Ersatz durch historistische Bauten), verbunden mit sozialen Verschiebungen in der Wohnbevölkerung (Abwanderung des Großbürgertums in die Ringstraßenzone, Einbruch von Handelsbetrieben), zur baulichen Verdichtung der Vorstädte bei gleichzeitigem Aufbau einer Hinterhofindustrie sowie zur radikalen(meist rasterförmiger) Verbauung der Vororte mit stillosen Mietkasernen, in denen Substandardwohnungen („Bassena-Wohnungen") für die unteren Schichten der Bevölkerung (insbesondere der bodenständigen und [vor allem aus dem niederösterreichischen Umland und dem böhmisch-mährisch-schlesischen und ungarischen Raum] zuwandernden Arbeiterschaft sowie der minderbemittelten Kleingewerbetreibenden) dominierten, sodass es zu deren sozialer Ab- beziehungsweise Ausgrenzung in Verbindung mit stärkeren sozialen Konflikten kam, die überwiegend durch die oft skandalösen Arbeits- und Lohnbedingungen ausgelöst wurden. Architektonisch ist die Gründerzeit durch den Stil des strengen Historismus gekennzeichnet.