Glacis

Aus Wien Geschichte Wiki
Wechseln zu: Navigation, Suche
Stadtbefestigung: Glacis gegen die Josefstadt, links Votivkirche im Bau, 1859
Art des Objekts Sonstiges
Jahr von 1529
Jahr bis 1857
Name seit
Andere Bezeichnung
Frühere Bezeichnung
Benannt nach
Bezirk
Lage
Verkehr
Prominente Bewohner
Besondere Bauwerke
Quelle Felix Czeike: Historisches Lexikon Wien
Letzte Änderung am  12.05.2017 durch WIEN1\lanm08sch
Export RDF-Export (Resource Description Framework) RDF
Bildname HMW 079825.jpg
Bildunterschrift  Stadtbefestigung: Glacis gegen die Josefstadt, links Votivkirche im Bau, 1859
Bildquelle HMW 79825, Foto: k. k. Hof- und Staatsdruckerei Wien
Bildrechte CC BY-NC-ND 4.0

Glacis, außerhalb des die mittelalterliche Ringmauer umgebenden Stadtgrabens gelegene Wiesenflächen, die infolge der Zerstörung der Lucken vor und während der ersten Türkenbelagerung (1529) entstanden und danach mit Bauverbot belegt worden waren. Die Lucken konnten daher nach dem Abzug der Türken nur teilweise und in größerer Entfernung als zuvor wieder aufgebaut werden. Infolge kaiserlichen Befehls vom 15. März 1588 betrug der Bauverbotsrayon vor der Stadtbefestigung zunächst 50 Klafter (das sind 95 m), wurde aber im Lauf der Zeit immer weiter ausgedehnt: am 8. Juli 1632 auf 200 Schritt (150 m), am 21. November 1662 auf 200 Klafter (380 Meter) und 1683 auf 600 Schritt (450 Meter); damals mussten auch Weingärten gerodet werden.

Seither verlief der äußere Glacisrand (von Donaukanal zu Donaukanal) entlang der heutigen Straßenzüge Hintere Zollamtsstraße, Invalidenstraße und Am Heumarkt (3), Brucknerstraße, Karlsplatz und Treitlstraße (4), Getreidemarkt (6), Messeplatz und Museumstraße (7), Auerspergstraße, Friedrich-Schmidt-Platz und Landesgerichtsstraße (8) sowie Garnisongasse, Schwarzspanierstraße und Berggasse (9); stadtauswärts entwickelten sich die Vorstädte neu.

Am 17. Jänner 1770 ordnete Joseph II. die Regulierung des Glacis an (Anlage von Fußgeher- und Fahrstraßen, Pflanzung von rund 3.000 Alleebäumen [ab 1781]). Die neuentstandenen Grünflächen wurden dem Magistrat zur Nutzung übergeben. Von der Bevölkerung wurde das Glacis sehr bald als Erholungsgebiet akzeptiert; das beliebteste Glacis war das Wasserglacis, wo Mineralwässer ausgeschenkt wurden. Zur Verbesserung der Sicherheit wurden deshalb 1776 Laternen zur Beleuchtung aufgestellt (1786 wurden auch die Vorstädte mit öffentlichen Beleuchtungsanlagen ausgestattet).

Projektplan zum Glacis 1829/1830

Im Zuge der Napoleonischen Kriege hatten sich die Befestigungsanlagen Wiens beim Angriff der französischen Truppen 1809 als weitgehend wirkungslos herausgestellt. In den darauffolgenden Jahren wurde der breite Sperrgürtel, der die Festungswerke umgab, von der Bevölkerung immer häufiger infrage gestellt. Die militärische Bedeutung des Glacis, wie dieser Grüngürtel genannt wurde, war gering. Gleichzeitig verhinderte das Bebauungsverbot, dass diese günstig gelegenen Flächen einer gewinnbringenden Nutzung zugeführt werden konnten.

Genaue Geländeabmessungen

Plan 106.195 aus dem Bestand "Plan- und Schriftenkammer" im Wiener Stadt- und Landesarchiv zeigt einen Projektplan von 1829/1830, in dem ein Entwurf zur Neugestaltung des südlichen Glacisbereichs (Schubertring bis Stubenring) zu sehen ist. Neben einer detaillierten Darstellung der Befestigungsanlagen ist in schwarzer Tinte die Höhe des Terrains eingetragen, in roter Tinte die Höhe der Mauern und Abhebungen. Erst die genauen Abmessungen machten eine präzise Planung der neuen Anlagen möglich.

Wirtschaftliche Nutzung des Glacis

Auf dem Glacis verrichteten auch Gewerbetreibende Arbeiten, die innerhalb des dicht verbauten Stadtgebiets nicht ausgeführt werden konnten; so pflegten Buchdrucker ihre Farbe und Firnissieder ihre Erzeugnisse hier zu bereiten. Außerdem arbeiteten hier Zimmerleute und Steinmetze teils im Freien, teils in provisorischen Scheunen. Zahllose Obst- und Fischweiber, Trödler, Käsestecher und so weiter hatten auf dem Glacis ihre "Standeln" aufgeschlagen. Im Verbrennhäusel (etwa 1, Beethovenplatz) wurden außer Kurs gesetzte Banknoten verbrannt (im Projektplan eingezeichnet). Nach und nach entwickelte sich das Glacis zum beliebten Aufenthaltsort der Wiener, die die schattenspendenden Alleen zum Promenieren aufsuchten; die Bezeichnung Glacis wurde allmählich durch "Esplanade" verdrängt. Der Projektplan zeigt deutlich, dass das Gebiet am Rande des Glacis damals wirtschaftlich intensiv genutzt wurde. Hier befanden sich Mehlmagazine, Holzlagerstätten, Heu- und Strohmarkt und auch der Trödelmarkt, wo Waren in dutzenden Bretterbuden verkauft wurden.

Wiener Hafen

Im Bereich des heutigen Bahnhofs Wien Mitte findet sich der Wiener Hafen eingezeichnet. Dieser Hafen des Wiener Neustädter Kanals war Anlegestelle für viele Frachtkähne, die täglich die Stadt belieferten. Verantwortlich für den Bau des Hafenbeckens war die Wiener Neustädter Steinkohlengesellschaft, die ihre in Ödenburg abgebaute Steinkohle dadurch billig in die Stadt transportieren konnte. Nach Genehmigung des Plans durch den Kaiser im Jahr 1794 wurde das Hafenbassin vor dem Invalidenhaus für mehrere Jahrzehnte intensiv genutzt. Mit der Errichtung eines neuen Hafens im Bereich des späteren Aspangbahnhofs wurde das alte Bassin obsolet und 1857 schließlich zugeschüttet.

Die Stadterweiterung 1857

Mit der 1857 von Franz Joseph I. angeordneten Stadterweiterung verschwanden die Glacis rasch und wurden verbaut (Ringstraßenzone); lediglich das Glacis zwischen dem Burg- und Schottentor (Josefstädter Glacis) diente noch über ein Jahrzehnt als Exerzier- und Paradeplatz, bis es 1870 zur Verbauung freigegeben wurde. Am äußeren Rand des Glacis entstand 1862-1864 die "Lastenstraße" (Äußere Ringstraße), im Volksmund (nach den hier verkehrenden Straßenbahnlinien E2, G2 und H2) auch "Zweierlinie" genannt (die Kombination ergibt sich daraus, dass Radiallinien, die zusätzlich auch die Ringstraße befuhren, Buchstaben als Signal führen, Rundlinien hingegen Ziffern von 1-9; um eine Unterscheidung zwischen Ringstraße und Lastenstraße vorzunehmen, setzte man die tiefgesetzte 2 hinter den Buchstaben {Straßenbahnsignale}).


Literatur

  • Gustav Gugitz: Bibliographie zur Geschichte und Stadtkunde von Wien. Hg. vom Verein für Landeskunde von Niederösterreich und Wien. Band 3: Allgemeine und besondere Topographie von Wien. Wien: Jugend & Volk 1956, S. 31
  • Walter Hummelberger: Die Befestigungen Wiens. Wien [u.a.]: Zsolnay 1974 (Wiener Geschichtsbücher, 14), S. 47
  • Richard Perger: Straßen, Türme und Basteien. Das Straßennetz der Wiener City in seiner Entwicklung und seinen Namen. Wien: Deuticke 1991 (Forschungen und Beiträge zur Wiener Stadtgeschichte, 22)