Gerhard Fritsch

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Personenname Fritsch, Gerhard
Abweichende Namensform
Titel
Geschlecht männlich
GND 118536133
Geburtsdatum 28.03.1924
Geburtsort Wien
Sterbedatum 22.03.1969
Sterbeort Wien
Begräbnisdatum 28.03.1969
Friedhof Friedhof Hietzing;
Grabstelle
Ehrengrab
Beruf Schriftsteller, Kritiker, Bibliothekar
Parteizugehörigkeit
Religionszugehörigkeit 
Ereignis
Nachlass/Vorlass Wienbibliothek im Rathaus / Handschriftensammlung
Verkehrsfläche Gerhard-Fritsch-Gasse
Denkmal
Quelle Felix Czeike: Historisches Lexikon Wien, Gedenktage
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AuszeichnungVerleihungÜbernahme
Staatsförderungspreis für Lyrik1956
Staatspreis für Romane1957
Theodor-Körner-Preis für Literatur1956
Theodor-Körner-Preis für Literatur1959
Förderungspreis der Stadt Wien für Literatur1954
Art der AdresseBezirkStraßeHausnummer
Wohnadresse9Porzellangasse30

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NameBeziehung
Jeannie EbnerKollegin

Gerhard Fritsch, * 28. März 1924 Wien, † (Freitod) 22. März 1969 Wien, Schriftsteller, Bibliothekar, Redakteur, Kritiker.

Biographie

Der Sohn des Mittelschullehrers Otto Fritsch und dessen Frau Hermine bestand Ende März 1942 seine Matura an der Staatlichen Oberschule für Jungen in Wien und rückte dann zum obligatorischen halbjährigen Reichsarbeitsdienst nach Hassel im Saarland ein. Anschließend wurde er zur Luftwaffe eingezogen, wo Fritsch ab November 1942 seine Grundausbildung im Luftnachrichten-Ausbildungs-Regiment 302 in Nordfrankreich (Raum Maubeuge) absolvierte. Als Funker diente er an diversen Kriegsschauplätzen, wie der Titel seines Erstlings "Zwischen Kirkenes und Bari" (1952) andeutet; vor allem aber war es die Sowjetunion beziehungsweise die Ostfront, die Fritsch als Soldat kennenlernte. Am 10. Mai 1945 geriet der Obergefreite des Transportgeschwaders 3 im böhmischen Buschowitz in US-Kriegsgefangenschaft. Als Prisoner of War ging es für ihn im Sommer 1945 nach Niedersachsen. Am 18. Juli wurde Fritsch entlassen, drei Tage später kam er nach Bilshausen bei Duderstadt, wo er seine künftige (erste) Frau Erna wiedertraf, die er im August 1944 bei einem Ernteeinsatz kennengelernt hatte.

Im November 1945 erreichten die frisch Vermählten (aus der Ehe ging die Tochter Roswitha hervor) das nahe Krems gelegene Dorf Gföhl, wo Fritschs Eltern als sogenannte "Bombenschädlinge" untergekommen waren. Zum Sommersemester 1946 begann Gerhard Fritsch ein Studium der Germanistik und Geschichte an der Universität Wien; bereits ab dem Wintersemester 1942/1943 war er per Fernimmatrikulation für Medizin eingeschrieben gewesen, als Stud. med. hatte der Kriegsteilnehmer aber keine Stunde im Hörsaal verbracht. Obwohl seine Dissertation unter dem Titel "Die Industrielandschaft in ihrer Darstellung durch die deutsche Lyrik" vorliegt, trat er zum Rigorosum nicht an. Vielmehr hospitierte er im Sommersemester 1949 als Lehrer am Wasagymnasium und begann im August eine Buchhandelslehre bei Beranek und Kschwendt, die er allerdings nicht abschloss.

1949 war Fritsch darüber hinaus an der Gründung der Literaturzeitschrift "Lynkeus" (gemeinsam mit Hermann Hakel) beteiligt. Bald darauf arbeitete er auch für die Periodika "Neue Wege" und "publikationen", wurde Redakteur beim "Abend" sowie Verlagslektor. Von 1951 bis Ende 1958 zählte Fritsch – wie auch Christine Busta oder Walter Buchebner – zu den zahlreichen Fachkräften mit literarischen Ambitionen, die bei den Büchereien Wien ihren Dienst als "Volksbibliothekare" leisteten. Obwohl die Gedichtbände "Lehm und Gestalt" (1954), "Dieses Dunkel heißt Nacht" (1955) und "Der Geisterkrug" (1958) sowie der 1968 mit Erika Pluhar verfilmte Roman "Moos auf den Steinen" (1956) in dieser Zeit entstehen und erscheinen konnten, bat Fritsch Ende 1958 um "Dienstentsagung". In dieses Jahr fiel auch die Scheidung von seiner zweiten Frau Annemarie (aus dieser Ehe ging der Sohn Michael hervor).

1959 startete Fritsch in seine Karriere als freier Schriftsteller, gleichwohl musste er weiter geldbringende Beschäftigungen suchen, die ihn und die Seinen finanziell absicherten. Am 31. März 1959 heiratete er schließlich erneut. Aus der Ehe mit Barbara Nestel von Eichhausen stammen die Kinder Georg und Martina. Fritsch arbeitete als Redakteur der Zeitschriften "Literatur und Kritik" und "Wort in der Zeit" sowie als Lektor für die Verlage Jugend und Volk (Wien), Otto Müller (Salzburg) und Stiasny (Graz). Von 1966 bis 1969 fungierte er zusammen mit Otto Breicha, mit dem er 1967 die wegweisende Anthologie "Aufforderung zum Misstrauen" über die österreichische Kunst der Nachkriegszeit erarbeitete, als Herausgeber der "Protokolle". Produkte des Broterwerbs waren auch die Sachbücher "Paschas und Pest" (1962) und "Feldherr wider Willen" (1966). Gutes Geld brachten zu jener Zeit Hörspiele. So legte er gemeinsam mit Franz Hiesel, den er bereits während des Studiums kennengelernt hatte, den Zyklus "Die Reise nach Österreich" vor (1960/1961). Schon 1959 hatte Fritsch das Libretto zur Fernsehoper "Peter und Susanne" von Paul Kont beigesteuert. Darüber hinaus war er auch als Herausgeber und Übersetzer, als Rezensent, Gutachter und Vortragender tätig.

Das wichtigste und zugleich bekannteste Werk Fritschs erschien bei Rowohlt in Deutschland: der Roman "Fasching" (1967). In diesem Buch thematisierte der Autor gleich zwei "heiße Eisen": die Desertion des (Anti-)Helden aus der Wehrmacht und dessen Transgender-Dasein, indem er sich als Frau verkleidet und so erfolgreich verstellt, dass sich der Kommandant der letzten Verteidiger des Ortes in das vermeintliche Dienstmädchen verliebt. Dem Buch war – vor allem in Österreich – kein großer Erfolg beschieden. Rehabilitiert wurde "Fasching" erst durch die Neuausgabe, die Robert Menasse 1995 bei Suhrkamp initiierte. Einen weiteren Schub erhielt der Roman durch die von Anna Badora und Roland Koberg stammende Bühnenfassung, die im Herbst 2015 im Volkstheater Wien zur österreichischen Erstaufführung gelangte. Der Fragment gebliebene Roman "Katzenmusik", erstmals 1974 herausgegeben, erfuhr ebenfalls eine von Robert Menasse verantwortete Neuausgabe (2006).

Der Nachlass von Gerhard Fritsch befindet sich in der Handschriftensammlung der Wienbibliothek im Rathaus. Die äußerst umfangreiche Bestandssystematik lässt anhand der darin verzeichneten Korrespondenzen an und von Fritsch erahnen, wie intensiv er im Literaturbetrieb vernetzt war. Auch der von Raimund Fellinger und Martin Huber 2013 aus dem Nachlass edierte Briefwechsel mit Thomas Bernhard gibt hierüber Aufschluss.

1975 wurde im 17. Wiener Gemeindebezirk die Gerhard-Fritsch-Gasse nach dem Autor benannt.


Werke

  • Gerhard Fritsch: Zwischen Kirkenes und Bari. Wien: Verlag Jungbrunnen [1952]
  • Gerhard Fritsch: Lehm und Gestalt. Gedichte. Wien [u.a.]: Donau-Verlag 1954
  • Gerhard Fritsch: Dieses Dunkel heißt Nacht. Ein Gedicht. Wien: Bergland-Verlag 1955
  • Gerhard Fritsch: Moos auf den Steinen. Roman. Salzburg: Otto Müller 1956
  • Gerhard Fritsch: Der Geisterkrug. Gedichte. Salzburg: Otto Müller 1958
  • Gerhard Fritsch: Paschas und Pest. Gesandtschaft am Bosporus. Graz / Wien: Stiasny 1962
  • Gerhard Fritsch: Fasching. Roman. Reinbek: Rowohlt 1967
  • Gerhard Fritsch: Katzenmusik. Prosa. Aus dem Nachlaß hg. von Alois Brandstetter. Salzburg: Residenz Verlag 1974
  • Otto Breicha / Gerhard Fritsch [Hg.]: Aufforderung zum Misstrauen. Literatur, Bildende Kunst, Musik in Österreich seit 1945. Salzburg: Residenz Verlag 1967
  • Thomas Bernhard / Gerhard Fritsch: Der Briefwechsel. Mit zahlreichen Abbildungen. Hg. von Raimund Fellinger und Martin Huber. Mattighofen: Korrektur Verlag 2013


Literatur

  • Stefan Alker: Gerhard Fritsch (1924−1969). "Certificate of Discharge". In: Marcel Atze / Thomas Degener / Michael Hansel / Volker Kaukoreit [Hg.]: akten-kundig? Literatur, Zeitgeschichte und Archiv. Wien: Praesens 2008 (Sichtungen 10/112), S. 451f.
  • Stefan Alker: Das Andere nicht zu kurz kommen lassen. Werk und Wirken von Gerhard Fritsch. Wien: Braumüller 2007 (Wiener Arbeiten zur Literatur 23)
  • Stefan Alker / Andreas Brandtner [Hg.]: Gerhard Fritsch. Schriftsteller in Österreich. Wien: Sonderzahl 2005
  • Gerhard Fritsch zum Gedenken. In: Protokolle. Zeitschrift für Literatur und Kunst 1989, Heft 2, insbesondere S. 3 ff., S. 19 ff., S. 90 ff.

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