Zur Brieftaube (1, Bauernmarkt 1)

Aus Wien Geschichte Wiki
(Weitergeleitet von Freisingergasse 4)
Wechseln zu: Navigation, Suche
Art des Bauwerks Gebäude
Jahr von 1372
Jahr bis
Andere Bezeichnung Stiftungshaus des Wiener Bürgerspitalsfonds
Frühere Bezeichnung
Benannt nach
Einlagezahl
Architekt
Prominente Bewohner Samuel Oppenheimer
Quelle Felix Czeike: Historisches Lexikon Wien, Paul Harrer: Wien, seine Häuser
Letzte Änderung am  6.06.2017 durch DYN\krabina
Export RDF-Export (Resource Description Framework) RDF
BezirkStraßeHausnummer
1Freisingergasse4
1Bauernmarkt1

frühere Adressierung

Derzeit wurden noch keine frühere Adressen zu diesem Bauwerk erfasst!

Konskriptions-bezirkKonskriptions-nummerJahr vonJahr bis
Stadt61617951821
Stadt55617701821
Stadt57718211862
Kartenausschnitt aus Wien Kulturgut

Zur Brieftaube, (1, Bauernmarkt 1, Freisingergasse 4; Konskriptionsnummer 577).

Architektur

Beim Haus mit dem Schildnamen "Zur Brieftaube" handelt es sich um ein langgestrecktes Gebäude mit zwei Gassenfronten und barocker Fassade. An der Freisingergasse trägt es ein gerahmtes Hochrelief, das die Verkündigung Mariens darstellt und aus dem Beginn des 18. Jahrhunderts stammt.

Geschichte

14. Jahrhundert

Zum ersten Mal wird hier 1372 ein Haus erwähnt, das den Herren von Eslarn gehörte (vergleiche Eslarngasse). Aus dem Jahr 1399 stammt eine genaue Beschreibung: Das ganze Anwesen war mit Ziegeln gedeckt. Durch eine Toreinfahrt kam man in einen großen Hof, in dem ein Brunnen stand. Weiters gab es ein Presshaus, zwei Pferdeställe, mehrere Vorratskammern, eine Kohlengrube (Aufbewahrungsort für Brennholz und Holzkohle) und einen Verschlag für Haushühner. Auf der Hofseite gab es ringsum laufende, gedeckte Holzgänge, in welche die verschiedenen Stiegen einmündeten. Darüber hinaus gab es große und kleine Keller sowie "Gruben", die man von der Einfahrt erreichen konnte. Ebenerdig lagen zwei "chaufgewelb" (Verkaufsgewölbe), darunter befand sich die Apotheke Bonfinis, zu der auch zwei finstere Nebengewölbe gehörten.

Auch die Innenräume werden beschrieben: Unter der Stiege war ein großer Speisesaal mit zwei Kemenaten (heizbare Frauen- und Schlafgemächer) und einem Stübchen (Nebenraum) daran, außerdem gab es eine große Stube (gemeinsames, heizbares Hauptgemach und Empfangsraum) mit einer anstoßenden Kammer (Aufbewahrungsraum für Wäsche und Kleidungsstücken). Im Hinterhaus zwischen Hof und Garten gab es ein kleines Stübchen unter den Vorratskammern, eine auf dem Gang stehende Kemenate und verschiedene Gemächer. Außerdem gab es im Hof und beim Speisesaal Aborte (priveten).

Da es sich um ein Patrizierhaus handelte, dürften hier schon zu dieser Zeit Glasfenster eingebaut gewesen sein. Es fällt jedoch auf, dass offenbar keine in solchen Häusern übliche Hauskapelle vorhanden war.

18. Jahrhundert

An der Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert hatte der Hofbankier Leopolds I., Samuel Oppenheimer, hier seine Kanzleien. Da er Jude war, wurde er - wie auch Nathan von Arnstein beim Haus Hoher Markt 1 - nicht im Grundbuch vermerkt. Am 21. Juni 1700 ging von hier ein Aufruhr gegen die Juden aus, der angeblich durch das Lachen zweier (jüdischer) Diener Oppenheimers über das Benehmen von zwei Rauchfangkehrern ausgelöst wurde. Zuerst entstand ein Wortwechsel, durch den Nachbarn angelockt wurden, die sofort gegen die Diener Partei ergriffen und das Haus mit Eiern bewarfen. Als keine Eier mehr zur Verfügung standen, wurde das notdürftig verrammelte Tor eingeschlagen und das Haus gestürmt. Dabei wurde die Wohnung Oppenheimers vollständig geplündert, seine Kassen aufgebrochen und alle Wertgegenstände geraubt. Das restliche Inventar wurde zerstört und auf die Straße geworfen. Oppenheimer und andere Bewohner des Hauses mussten sich im Keller verstecken. Die Stadtguardia, deren Hauptwache am Petersplatz und damit in unmittelbarer Nähe lag, schritt dennoch nicht ein. Erst als es Verletzte und mindestens einen Toten gab, stellte das Militär auf Weisung des Hofes die Ordnung wieder her. Bereits in der darauffolgenden Nacht wurde den Urhebern des Krawalls der Prozess gemacht und ein Rauchfangkehrer und ein Schmied am Eingangstor des Hauses gehängt. Als abschreckendes Beispiel wurden die Leichen einen Tag lang nicht abgenommen und für die nächste Zeit eine Abteilung der Rumorwache in das Haus verlegt. Außerdem wurde der gegenüber dem Haus liegende Rauchfangkeller für längere Zeit gesperrt. Eine Folge dieser antisemitischen Ausschreitung war aber auch, dass Leopold I. am 18. September 1700 die Judengarküchen aufhob, die fremden Juden auswies und den am Petersplatz wohnenden Juden verbot, sich am Fenster zu zeigen, wenn bei Prozessionen das Allerheiligste vorübergetragen wurde.

Da die meisten Belege für offene Rechnungen sowie Schuldscheine (sogar der spätere König Georg von England schuldete Oppenheimer Geld) verloren gingen, entstand ein heilloses Durcheinander. Oppenheimer stellte Forderungen in der Höhe von fünf Millionen Gulden, die mit dem Patent vom 1. Februar 1703 als zu recht bestehend erklärt wurden. Außerdem wurden alle Behörden aufgefordert, diese Schulden einzutreiben. Das führte dazu, dass Österreich nach Oppenheimers Tod im Jahr 1703 beinahe in den Staatsbankrott schlitterte. Auch ein unparteiischer Untersuchungsausschuss konnte nicht klären, wer wem wieviel schuldete. Noch aus dem Jahr 1712 ist bekannt, das sein Erbe Emanuel Oppenheimer vom Staat sechs, der Staat von ihm vier Millionen Gulden forderte. Um den Staatsbankrott zu vermeiden, wurde am 1. März 1708 die Wiener Stadt-Banco gegründet, die die Schulden innerhalb von 15 Jahren begleichen sollte.

Bereits kurz darauf kam es wieder zu einem Tumult, der vor diesem Haus seinen Anfang nahm. Ohne Veranlassung versammelten sich hier Studenten und Handwerker, die die unbedingte Ausweisung aller Juden aus Wien forderten. Nachdem sie auf diese Weise nichts erreichen konnten, zogen sie vor die Burg und zertrümmerten unter anderem 300 Laternen. Um die Lage unter Kontrolle zu bringen, mussten das Militär und die Stadtguardia von den Schusswaffen Gebrauch machen, wobei sieben Menschen ums Leben kamen.

Bereits im Jahr 1705 hatte Emanuel Oppenheimer das Haus verkauft. 1847 kam es in den Besitz der Familie Wertheimstein, die ein Jahr zuvor vom Kaiser die Erlaubnis erhalten hatte, ein Bürgerhaus zu kaufen. Im Jahr 1872 wurde es von Maria Böhm erworben, die es dem Wiener Bürgerspitalsfonds vermachte. Am 3. September 1938 wurde es durch die "Verordnung für die Einführung fürsorgerechtlicher Vorschriften im Land Österreich" der Stadt Wien einverleibt.

Gewerbe und Firmen innerhalb des Hauses im Laufe der Jahre

  • zwei Verkaufsgewölbe
  • Apotheke "Bonfinis"

Literatur

  • Paul Harrer-Lucienfeld: Wien, seine Häuser, Geschichte und Kultur. Band 1, 3. Teil. Wien ²1951 (Manuskript im WStLA), S. 697-702