Fähnrichhof

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Art des Bauwerks Gebäude
Jahr von 1272
Jahr bis
Andere Bezeichnung
Frühere Bezeichnung
Benannt nach Versammlungen der Bürgerkompagnie des Kärntnerviertels
Einlagezahl
Architekt
Prominente Bewohner Johannes Cuspinian, Wenzel Müller
Quelle Felix Czeike: Historisches Lexikon Wien, Wolfgang Wirsig: Wiener Hofnamen, Paul Harrer: Wien, seine Häuser
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BezirkStraßeHausnummer
Innere StadtBlutgasse5-9
Innere StadtSingerstraße9-11C

frühere Adressierung

Derzeit wurden noch keine frühere Adressen zu diesem Bauwerk erfasst!

Konskriptions-bezirkKonskriptions-nummerJahr vonJahr bis
Stadt93517951821
Stadt88318211862
Stadt84818211862
Stadt86917701795
Stadt93617951821
Stadt88418211862
Stadt84918211862
Stadt87017701795
Stadt93717951821
Stadt89817951821
Stadt88018211862
Stadt87117701795
Stadt93817951821
Stadt89917951821
Stadt88118211862
Stadt87217701795
Stadt86717701795
Stadt93417951821
Stadt88218211862
Stadt87317701795
Stadt86817701795
Kartenausschnitt aus Wien Kulturgut

Fähnrichhof (1, Blutgasse 5-9, Singerstraße 9-11C; Konskriptionsnummern 848-849 und 880-884), Komplex von mehreren Häusern.

Einer nicht beglaubigten Sage zufolge sollen hier die Templer einen Hof besessen haben. Er gehörte zum angrenzenden Nonnenkloster "St. Niklas am Anger" (Nikolaikloster), das 1272 als Filiale des vor dem Stubentor gelegenen Niklasklosters (Nikolaikloster [3]) gegründet worden war, und bestand bereits im 16. Jahrhundert aus mehreren Häusern. Der Baukomplex, inmitten von schönen Höfen gelegen, besteht unter anderem aus dem "Kleinen Fähnrichhof" (Blutgasse 9, Singerstraße 9; er besitzt in der Singerstraße einen auf Konsolen über dem Erdgeschoß liegenden Renaissanceerker und hübsche, teilweise geschwungene Fensterbekrönungen mit zarter Barockornamentik) und dem "Großen Fähnrichhof" (Singerstraße 11-11C). Die einzelnen Häuser entstanden nach der ersten Belagerung Wiens durch die Osmanen (sogenannte Erste Türkenbelagerung [1529]), als der mehr oder weniger verfallene Komplex aufgelöst und in einzelne Häuser geteilt wurde, die Kaiser Karl V. armen Bürgern schenkte, deren Häuser im Vorfeld der Stadt beim Herannahen der Osmanen geschleift wurden.

Das Haus Blutgasse 5 (mit Pawlatschengängen; Schild "Zur grünen Raith-Tafel") bildet den Durchgang zu den Fähnrichhöfen, die im Baukern auf das 15./16. Jahrhundert, in der Anlage jedoch auf das 12. Jahrhundert zurückgehen. Eines der Gebäude des Komplexes war die Riemerherberge (Schild "Zum Vogel in der Au"). Dort befand sich auch ein gutbesuchtes Bierhaus. Im 16. Jahrhundert wohnte im Fähnrichhof der Humanist Johannes (Hans) Cuspinian (eigentl. Spießheimer), ein Gründungsmitglied der "Sodalitas Danubiana" (1497). 1684 wurde das weitläufige Gebäude vom Buchbinder und Äußeren Rat Johann Konrad Ludwig angekauft. Beide Höfe wurden 1702/1703 durch die Clarissen umgebaut. Am 15. Juni 1753 brannte ein großer Teil des Fähnrichhofs ab. Die Fassade des Großen Fähnrichhofs, die noch 1753 neu gestaltet wurde, hat sich bis heute erhalten (1801 adaptiert, 1962-1965 restauriert). Im ersten und zweiten Stock besitzt der Fähnrichhof zweiachsige Renaissanceerker auf Konsolen, das Dach zeigt einen Zwerchgiebel. Im Fähnrichhof pflegte sich die Bürgerkompagnie des Kärntnerviertels (eine der vier Bürgerkompanien) mit ihrer Fahne zu versammeln (wovon sich der Name ableitet; 1566 wird ein Wandgemälde erwähnt, das einen Fähnrich darstellte).

Anfang des 19. Jahrhunderts logierte im Großen Fähnrichhof der populäre Komponist Wenzel Müller, dessen Melodien zu Ferdinand Raimunds Zaubermärchen (etwa "So leb denn wohl, du stilles Haus") noch heute gesungen werden. 1819 wurde der Hof vollständig umgebaut, er besteht seither aus sieben Häusern mit einem großen, unregelmäßigen Innenhof. Die offizielle Bezeichnung Fähnrichhof galt 1786 und 1827, nicht mehr hingegen 1862.

Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges, am 8. April 1945, kam es im Zuge der Bombardements der Inneren Stadt zu mehrfachen Schäden. Um drei Uhr nachmittags fielen zwei Bomben in den großen Hof und richteten Splitterschäden an den umliegenden Gebäuden an. Schlimmere Folgen hatte der Einschlag einer Bombe in das Straßenpflaster an der Ecke Blutgasse/Singerstraße, die ein großes Loch in den dortigen Erker im ersten Stock riss. Ein weiterer Einschlag in das Straßenpflaster beschädigte Fassade und außenliegende Wohnräume.

Nach 1945 war der Fähnrichhof in so schlechtem baulichen Zustand, dass er trotz der herrschenden Wohnungsnot nicht bewohnt werden konnte. In letzter Minute griff die Stadt Wien ein. Sie kaufte die Häuser und schrieb 1956 einen Ideenwettbewerb aus. Danach wurden die Architekten Prof. Euler und Prof. Turner mit der Planung der Neugestaltung beauftragt. Die Restaurierung (in Zusammenarbeit mit dem Ekazent [einer Tochtergesellschaft der Zentralsparkasse]) wurde 1962 begonnen und konnte am 3. Dezember 1965 abgeschlossen werden. Der Fähnrichhof und das Blutgassenviertel (der heute Fähnrichhof benannte Komplex umfasst die Häuser Blutgasse 5, Blutgasse 7, 9 und Singerstraße 9, 11, 11A, 11B und 11C) bilden ein Beispiel vorbildlicher Assanierung bei gleichzeitiger Erhaltung der historischen Fassaden und des historischen Gesamteindrucks. Im Areal des Viertels wurde neben Wohnungen auch eine Reihe von Künstlerateliers untergebracht.


Gewerbe und Firmen innerhalb des Hauses im Laufe der Jahre

  • Bierhaus
  • Café Bogner ("Zur lustigen Blunzen")
  • Café Renaissance
  • Renaissance Bar
  • Orientalisches Restaurant


Literatur

  • Felix Czeike: I. Innere Stadt. Wien [u.a.]: Jugend & Volk 1983 (Wiener Bezirkskulturführer, 1), S. 19
  • Felix Czeike: Wien. Innere Stadt. Kunst- und Kulturführer. Wien: Jugend und Volk, Ed. Wien, Dachs-Verlag 1993, S. 26
  • Felix Czeike: Wien. Kunst und Kultur-Lexikon. Stadtführer und Handbuch. München: Süddeutscher Verlag 1976, S. 44 f.
  • Richard Perger: Straßen, Türme und Basteien. Das Straßennetz der Wiener City in seiner Entwicklung und seinen Namen. Wien: Deuticke 1991 (Forschungen und Beiträge zur Wiener Stadtgeschichte, 22)
  • Margarete Girardi: Wiener Höfe einst und jetzt. Wien: Müller 1947 (Beiträge zur Geschichte, Kultur- und Kunstgeschichte der Stadt Wien, 4), S. 55 ff.
  • Die Blutgasse. In: Wien aktuell. Revue einer europäischen Metropole. Nummer 3. Wien: Jugend & Volk 1968, S. 20 ff.
  • Wilhelm Kisch: Die alten Straßen und Plätze von Wiens Vorstädten und ihre historisch interessanten Häuser. (Photomechan. Wiedergabe [d. Ausg. v. 1883]). Cosenza: Brenner 1967, Band 1, S. 396 f.
  • Alt-Wien. Monatsschrift für Wiener Art und Sprache. Nummer 4. Wien: Raimann & Godina 1895, S. 190 f.
  • Renate Wagner-Rieger: Das Wiener Bürgerhaus des Barock und Klassizismus. Wien: Hollinek 1957 (Österreichische Heimat, 20), S. 82
  • Hans Markl: Die Gedenktafeln Wiens. Wien: ABZ-Verlag 1949, S. 52
  • Hans Markl: Kennst du alle berühmten Gedenkstätten Wiens? Wien [u.a.]: Pechan 1959 (Perlenreihe, 1008), S. 94
  • Auguste Groner: So war mein Wien. Skizzen über alte Straßen, Plätze, Höfe in Wien. Wien [u.a.]: Waldheim-Eberle A. G. [1926], S. 98 ff.
  • Josef Bergauer: Das klingende Wien. Erinnerungsstätten berühmter Tondichter. Wien: Günther 1946, S. 29
  • Gustav Gugitz: Bibliographie zur Geschichte und Stadtkunde von Wien. Hg. vom Verein für Landeskunde von Niederösterreich und Wien. Band 3: Allgemeine und besondere Topographie von Wien. Wien: Jugend & Volk 1956, S. 337
  • Paul Harrer-Lucienfeld: Wien, seine Häuser, Menschen und Kultur. Band 4, 3. Teil. Wien ²1955 (Manuskript im WStLA), S. 615-619 (Blutgasse 5 und 7) und 717-725 (Singerstraße 9 und 11)