Bundeskanzleramt

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Das heutige Bundeskanzleramt, damals Staatskanzlei, 1850. Links ist die innere Mauer der Löwelbastei. Über eine kleine Brücke erreichte man vom Piano Nobile der Staatskanzlei aus den kleinen, zugehörigen Garten auf der Bastei.
Art des Bauwerks Gebäude
Jahr von 1717
Jahr bis
Andere Bezeichnung
Frühere Bezeichnung Geheime Hofkanzlei, Staatskanzlei
Benannt nach
Einlagezahl
Architekt Johann Lucas von Hildebrandt, Nikolaus Pacassi
Prominente Bewohner Wenzel Anton Dominik Kaunitz, Clemens Wenzel Lothar Metternich, Engelbert Dollfuß
Quelle Felix Czeike: Historisches Lexikon Wien, Paul Harrer: Wien, seine Häuser
Letzte Änderung am  3.03.2017 durch WIEN1\lanm08swa
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Bildname 452106.jpg
Bildunterschrift  Das heutige Bundeskanzleramt, damals Staatskanzlei, 1850. Links ist die innere Mauer der Löwelbastei. Über eine kleine Brücke erreichte man vom Piano Nobile der Staatskanzlei aus den kleinen, zugehörigen Garten auf der Bastei.
Bildquelle Wienbibliothek im Rathaus
Bildrechte CC BY-NC-ND 4.0
BezirkStraßeHausnummer
Innere StadtBallhausplatz2

frühere Adressierung

Derzeit wurden noch keine frühere Adressen zu diesem Bauwerk erfasst!

Konskriptions-bezirkKonskriptions-nummerJahr vonJahr bis
Innere Stadt2617951821
Innere Stadt1918211862
Innere Stadt1117701795
Die Staatskanzlei auf dem Nagel-Plan (1773).

Bundeskanzleramt (1, Ballhausplatz 2, identisch mit Löwelstraße 2-4). Anstelle eines kaiserlichen Meierhofs (der sich Im Bereich des heutigen Ballhausplatzes und der Löwelstraße erstreckte; eine Pfisterei (Bäckerei) wird schon 1347 erwähnt) wurde 1717-1719 über Auftrag Karls VI. vom kaiserlichen Hofarchitekten Johann Lukas von Hildebrandt (Baumeister Christian Alexander Oedtl) ein repräsentatives Gebäude für die damalige Geheime (Österreichische) Hofkanzlei erbaut (das im Norden an das Hofspital angrenzte). Die Grundsteinlegung erfolgte am 13. September 1717.


Hofkanzlei

Die Hofkanzlei war bis dahin in einem Trakt der Hofburg untergebracht gewesen. Sie war das Gegengewicht zu der vom Reichsvizekanzler geleiteten Reichshofkanzlei (siehe Reichskanzleitrakt der Hofburg). Sie im Rahmen der Hofkanzlei unter Sinzendorf ab 1705 aufgebaute Außenpolitische Abteilung erhielt 1719 den Namen Staatskanzlei.

Als Maria Theresia 1749 die bisherige Österreichische und Böhmische Hofkanzlei zu einer gemeinsamen, für beide Ländergruppen zuständigen Verwaltungsbehörde vereinigte, zog das neue „Direktorium" in das ehemalige Gebäude der Böhmischen Hofkanzlei (Judenplatz - Wipplingerstraße) ein, und das Haus am Ballhausplatz (diese Bezeichnung ist bereits auf dem Huber-Plan um 1770 eingetragen) wurde der Staatskanzlei (später Auswärtiges Amt) zur alleinigen Benützung zugewiesen. Staatskanzler war 1753-1792 Wenzel Anton Graf Kaunitz (ab 1764 Reichsfürst von Kaunitz-Rietberg), der besonders nach dem Tod Franz' I. (1765) auf die Regierungsgeschäfte großen Einfluss nahm (vor allem hinsichtlich seiner Gegnerschaft zu Preußen und seiner Allianz mit Frankreich).

Geheime Hofkanzlei nach Salomon Kleiner, 1733 (Ausschnitt).
Hofkanzlei mit dem zugehörigen kleinen Garten auf der Löwelbastei, darüber erkennbar das Paradeisgartel, links die Amalienburg (Ausschnitt aus dem Huber-Plan, erschienen 1773).
Die Staatskanzlei mit Umgebung 1824. Oberhalb die Löwelbastei mit dem zur Staatskanzlei gehörigen basteigarten. Die Staatskanzlei grenzte an das Minoritenkloster.


Umbau durch Pacassi

1764-1767 wurde das Gebäude im Auftrag Maria Theresias von ihrem Hofarchitekten Nikolaus Pacassi verändert und bedeutend erweitert. Die Hauptfassade (Ballhausplatz) entspricht jedoch (abgesehen vom veränderten Dach und den fehlenden Attikafiguren) noch heute dem Bau Hildebrandts. Die Erweiterung diente vor allem der Unterbringung der Kanzlei und der Einrichtung eines Archivs, in welchem Maria Theresia insbesondere die österreichischen und lothringischen Staats- und Hausurkunden sowie die ungarischen und böhmischen Staatsurkunden unterbringen ließ (Haus-, Hof- und Staatsarchiv). Damals wurde auch das der Front gegenüberliegende, der Amalienburg vorgelagerte und noch um 1700 aufgestockte beziehungsweise ausgebaute Haus des Hieronymus Reichsfreiherrn von Scalvinioni (damals Oberinspektor der Hofgebäude) abgetragen, sodass sich der uns heute geläufige Grundriss des Ballhausplatzes ergab.

Ballhausplatz 2, ehemalige Geheime Hof- und Staatskanzlei, um 1850

Der „Ballhausplatz" erlebte in der Ära Metternich (1810-1848 Staatskanzler) große Ereignisse: den Wiener Kongress (1814/1815), den vormärzlichen Polizeistaat, aber auch die Tumulte der Revolution 1848 und die Verabschiedung Metternichs. Während seiner Amtszeit kam es zu einem Umbau des Trakts an der Löwelstraße (1821) und zu Renovierungen (1826). Die Ausstattung des Gebäudes im Inneren stammt noch heute überwiegend aus dem 19. Jahrhundert, soweit es sich um die Architektur handelt. 1881/82 wurde der Löwelstraßenflügel des Gebäudes bis zur Metastasiogasse verlängert, 1900-1903 kam es (nach dem Abbruch des Hofspitals und des Minoritenklosters) zum Bau des an das Bundeskanzleramt angrenzenden Haus-, Hof- und Staatsarchivs (Pläne von Otto Hofer).

Nutzung durch die Republik

Ab November 1918 war das Gebäude Sitz der von der „Provisorischen Nationalversammlung für Deutsch-Österreich" gebildeten Regierung, die von Staatskanzler Dr. Karl Renner geleitet wurde.

Ballhausplatz 2, 1., Ballhausplatz 2 (um 1941)
Kriegsschäden am Bundeskanzleramt (1946)

Ab 1920 wurden hier die Ministerratssitzungen abgehalten, 1922 übersiedelte auch das Bundeskanzleramt aus seinem ursprünglichen Amtssitz im Palais Modena (heute Innenministerium) hierher, sodass schließlich in der Ersten Republik im Gebäude sowohl der Bundespräsident (Trakt in der Löwelstraße) als auch der Bundeskanzler und der Außenminister amtierten. Am 25. Juli 1934 wurde während des nationalsozialistischen Putschversuchs Bundeskanzler Dr. Engelbert Dollfuß im Kanzleramt erschossen.

Nach dem „Anschluss" quartierte sich im Haus eine Art von Liquidationsstelle der „österreichischen Landesregierung" ein, während Reichskommissar Gauleiter Josef Bürckel im Parlament residierte. Erst sein Nachfolger, der vorherige Reichsjugendführer und nunmehrige Gauleiter und Reichsstatthalter Baldur von Schirach, wählte das Bundeskanzleramt zu seinem Amtssitz. Am 10. September 1944 wurde das Gebäude durch Bomben beschädigt (Zerstörung des früheren Kanzlerzimmers).

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Bundeskanzleramt wieder Amtssitz des Bundeskanzlers und der Bundesregierung, die hier auch zu den Ministerratssitzungen zusammentritt (der Bundespräsident amtiert im Leopoldinischen Trakt der Hofburg). Das Bundeskanzleramt wurde wiederhergestellt, teilweise (wie etwa die Stuckdecke des Stiegenhauses) auch rekonstruiert. Der Wiederaufbau war am 20. Februar 1950 abgeschlossen.

Die wichtigsten Räumlichkeiten im Hauptgeschoß: Über dem Haupteingang liegt der Große Empfangssaal („Kongreßsaal"), links (Ecke Löwelstraße) der ehemalige Kleine Speisesaal (heute Grauer Ecksalon), dem in der Löwelstraße der Große Speisesaal (heute Ministerratssaal), die Bibliothek, das Arbeitszimmer Metternichs und das Audienzzimmer folgen; rechts (Ecke zum Minoritenplatz) liegt der Blaue Gesellschaftssaal (heute Marmorecksalon), daneben folgen der Grüne Empfangssaal (später Gelber Salon und Arbeitszimmer des Bundeskanzlers), der Säulensaal (heute Arbeitszimmer des Bundeskanzlers) und (wiederum an der Ecke) das Sitzungszimmer (heute Arbeitszimmer des Kabinettschefs); in Richtung Haus-, Hof- und Staatsarchiv folgt noch das Schlafzimmer Metternichs (heute Empfangsraum).

Kapelle

Im Zuge des Pacassischen Umbaus wurde 1767 eine über zwei Geschoße reichende Kapelle errichtet. Als der überkuppelte hohe Raum 1818 durch eine Zwischendecke geteilt wurde (um ein Bibliothekszimmer zu gewinnen), verschoben sich die Proportionen. Das ursprüngliche Altarbild „Heiliger Nepomuk vor Maria" (1741) kam 1821 nach Gerasdorf (dort verschollen).


Literatur

  • Adam Wandruszka: Der Ballhausplatz. Wien [u.a.]: Zsolnay 1984 (Wiener Geschichtsbücher, 33)
  • Felix Czeike: I. Innere Stadt. Wien [u.a.]: Jugend & Volk 1983 (Wiener Bezirkskulturführer, 1), S. 16
  • Felix Czeike: Wien. Kunst und Kultur-Lexikon. Stadtführer und Handbuch. München: Süddeutscher Verlag 1976, S. 37 f.
  • Paul Kortz: Wien am Anfang des 20. Jahrhunderts. Ein Führer in technischer und künstlerischer Richtung. Hg. vom Oesterreichischen Ingenieur und Architekten-Verein. Wien: Gerlach & Wiedling 1906. Band 2,1906, S. 121 ff.
  • Wilhelm Kisch: Die alten Straßen und Plätze von Wiens Vorstädten und ihre historisch interessanten Häuser. (Photomechan. Wiedergabe [d. Ausg. v. 1883]). Cosenza: Brenner 1967, Band 1, S. 376 ff.
  • Bruno Grimschitz [Hg.]: Johann Lucas von Hildebrandt. Wien [u.a.]: Herold 1959, S. 88 ff.
  • Wolfgang J. Bandion: Steinerne Zeugen des Glaubens. Die Heiligen Stätten der Stadt Wien. Wien: Herold 1989, S. 81 f. (Kapelle)
  • Gustav Gugitz: Bibliographie zur Geschichte und Stadtkunde von Wien. Hg. vom Verein für Landeskunde von Niederösterreich und Wien. Band 3: Allgemeine und besondere Topographie von Wien. Wien: Jugend & Volk 1956, S. 360 f.
  • Paul Harrer-Lucienfeld: Wien, seine Häuser, Menschen und Kultur. Band 7, Wien ²1957 (Manuskript im WStLA), S. 234-238

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