Biedermeier

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Quelle Felix Czeike: Historisches Lexikon Wien
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Biedermeier, ursprünglich Bezeichnung für einen Möbelstil, dann auf Genremalerei und schließlich auf die bürgerliche Lebens- und Geisteshaltung im Zeitraum zwischen Wiener Kongress (1814/1815) und Revolution (1848) übertragen, für den sich im politischen Bereich die Bezeichnung Vormärz eingebürgert hat. Wenn die Merkmale des Biedermeier auch im gesamten mitteleuropäischen Raum nachzuweisen sind, so zeigen sie doch eine stark mit Wien verbundene typisch österreichische Prägung, weil die Entstehung des Biedermeier eine Reaktion auf den Metternichschen Polizeistaat mit seiner Zensur und der völligen Fernhaltung des Bürgertums von den Staats- und Kommunalangelegenheiten und von politisch-wirtschaftlichen Entscheidungen jeder Art darstellt; die erzwungene Abkehr vom öffentlichen Leben führte beim Bürgertum, das zu Geld und Ansehen gelangt und nicht selten nobilitiert worden war, zu einer besonderen Wertschätzung der privaten Sphäre und zur Verfolgung persönlicher Interessen. Daraus resultierten behagliche Genussfreudigkeit (Vergnügungen, Theater, Ballsäle, Walzer, Volkssänger, Brigittakirtag) und Pflege des Gesellschaftslebens (in bürgerlichen [ Karoline Pichler ] und adeligen Salons [ Fanny Arnstein, Geymüller und andere] ebenso wie in den Kaffeehäusern und bei Landpartien [ Schubertiaden ]), aber auch das Interesse an der Natur (Spaziergänge und Ausflüge auf das Glacis [ Wasserglacis ], in den Prater und den Wienerwald, Sommeraufenthalte in den Vororten und in der weiteren Umgebung, Aufblühen der Kurstadt Baden [ Kornhäusel ]), Liebe zur Kunst (die sich in der Freude an schönen Dingen, mit denen man sich umgab, ebenso zeigte wie in der Sammlung von Kunstgegenständen) und Verständnis für Dichtung (Dichterlesungen, Theater) und Musik (Hausmusik, Singakademien, Konzerte [ Gesellschaft der Musikfreunde, gegründet 1812; Wiener Philharmoniker, gegründet 1842]); in manchen Bereichen (etwa in der Musik) ging die Rolle des interessierten und fördernden Publikums vom Adel auf das Bürgertum über. Die Wohnung ("Biedermeiermöbel") war der wichtigste Bereich der Biedermeierkultur. In der Architektur vollzog sich der Übergang vom Hochklassizismus (1790-1810) zum romantischen Spätklassizismus (1810-1830), zur Romantik (1830-1848) und zum frühen Historismus (ab etwa 1840).

In den Jahrzehnten des Biedermeier kam es auf allen Gebieten der Kunst und Kultur zu einer unglaublichen Blüte; die Zahl der Dichter, Maler, Bildhauer, Architekten und Komponisten ist so groß, dass nur auf einige wesentliche Persönlichkeiten verwiesen werden kann, doch dürfen auch die Wirtschaftstreibenden nicht übersehen werden. In die Biedermeierzeit fallen aber auch entscheidende technisch-wirtschaftliche (infrastrukturelle) Veränderungen (Eisenbahn und Stellwagen, Gewerbeproduktenausstellungen, Übergang von der Manufaktur zur frühen Industrie, kleine Stadterweiterung vor der Hofburg, Wienflussregulierung [Bau von Sammelkanälen] und Wasserleitungsbau [ Kaiser-Ferdinands-Wasserleitung ] nach der Choleraepidemie 1831/1832 und anderes).

Herausragende Persönlichkeiten in Auswahl (wobei in der Kunst der Zeitraum, nicht die Stilrichtung für die Auswahl maßgebend ist):


Architektur:
Kornhäusel, Nobile, Pichl, Sprenger.


Bildhauerei:
Canova, Käßmann, Klieber, Schaller.


Dichtung:
Bäuerle, Bauernfeld, Castelli, Grillparzer, Grün, Lenau, Nestroy, Pichler, Raimund, Seidl, Stifter, Vogl.


Malerei (Sitten- und Genrebilder, Einzel- und Gruppenporträts, Stilleben, Landschaften, Veduten, Glasmalerei):
Alt, Amerling, Daffinger, Danhauser, Fendi, Gauermann, Kothgasser, Kriehuber, Kupelwieser, Mohn, Ranftl, Schindler, Schwind, Waldmüller.


Musik:
Beethoven, Fahrbach, Hellmesberger, Lanner, Liszt,Nicolai, Schubert, Strauß Vater, Weber.


Theater, Schauspiel und Tanz:
Carl, Elßler, Krones, Laube.


Wirtschaftstreibende:
Arthaber, Bösendorfer, Danhauser, Hardtmuth, Hornbostel, Lobmeyr, Petzval, Reithoffer, Voigtländer.


Literatur

  • Renate Krüger: Biedermeier. Eine Lebenshaltung zwischen 1815 und 1848. Leipzig: Koehler und Amelang 1979
  • Ausstellung Alltag und Festbrauch im Biedermeier. Gemälde und Aquarelle aus der Sammlungen des Niederösterreichischen Landesmuseums Wien. [Ausstellung,] veranst. vom Amt d. N.Ö. Landesregierung (Kulturreferat), 7. Okt. - 17. Nov. 1966, Altonaer Museum in Hamburg. [Ausstellungskatalog]. Wien: Amt d. Niederösterreichischen Landesregierung, Abteilung Kulturreferat ; Wien: Niederösterr. Landesmuseum 1966
  • Günter Böhmer: Die Welt des Biedermeier. München: Desch 1968
  • Bürgersinn und Aufbegehren. Biedermeier und Vormärz in Wien. 1815-1848. [Ausstellung "Bürgersinn und Aufbegehren - Biedermeier und Vormärz in Wien", 17. Dezember 1987 - 12. Juni 1988]. [Wien-Kultur. Kataloggestaltung: Tino Erben]. Wien: Museen d. Stadt Wien 1987 (Historisches Museum Wien: Sonderausstellung, 109)
  • Friedrich Reischl: Wien zur Biedermeierzeit. Volksleben in Wiens Vorstädten nach zeitgenössischen Schilderungen. Wien: Gerlach & Wiedling 1921
  • Rupert Feuchtmüller / Wilhelm Mrazek: Biedermeier in Österreich. Wien [u.a.]: Forum-Verl. 1963
  • Ann Tizia Leitich: Wiener Biedermeier. Kultur, Kunst und Leben der alten Kaiserstadt vom Wiener Kongreß bis zum Sturmjahr 1848. Bielefeld [u.a.]: Velhagen & Klasing 1941
  • Georg Himmelheber: Biedermeiermöbel. München: Beck 1987
  • Carl Nödl [Hg.]: Das unromantische Biedermeier. Eine Chronik in Zeitdokumenten 1795-1857. Wien: Hollinek 1987
  • Erich Witzmann: Herr Biedermeier auf der Barrikade. Wiener Karikaturen aus dem Revolutionsjahr 1848. Hg. vom Historischen Museum der Stadt Wien unter der Leitung von Robert Waissenberger. [Wien]: Ed. Tusch 1987
  • Gabriella Hauch: Frau Biedermeier auf den Barrikaden. Frauenleben in der Wiener Revolution 1848. Wien: Verl. für Gesellschaftskritik 1990 (Österreichische Texte zur Gesellschaftskritik, 49)
  • Peter Csendes [Hg.]: Österreich 1790-1848. Kriege gegen Frankreich, Wiener Kongreß, Ära Metternich, Zeit des Biedermeier, Revolution von 1848. Das Tagebuch einer Epoche. Wien: Brandstätter 1987, S. 5 ff.