Bürgerspital (Haupthaus)

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Bürgerspitalskirche St. Clara 1724
Art des Bauwerks Gebäude
Jahr von 1305
Jahr bis 1784
Andere Bezeichnung
Frühere Bezeichnung Clarakloster
Benannt nach
Einlagezahl
Architekt Carlo Canevale
Prominente Bewohner
Quelle Felix Czeike: Historisches Lexikon Wien, Paul Harrer: Wien, seine Häuser
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Bildname Barockes Wien 96 Klarakirche 1724.jpg
Bildunterschrift  Bürgerspitalskirche St. Clara 1724
Bildquelle Eisler, Barockes Wien
Bildrechte
BezirkStraßeHausnummer
1Kärntner Straße32-34
1Lobkowitzplatz

frühere Adressierung

Derzeit wurden noch keine frühere Adressen zu diesem Bauwerk erfasst!

Konskriptions-bezirkKonskriptions-nummerJahr vonJahr bis
Stadt112417701795
Stadt112517701795
Stadt112617701795
Stadt110018211862
Stadt116617951821
Stadt112317701795
Das Bürgerspital am Schweinemarkt auf dem Nagelplan (1773)

Bürgerspital am Schweinemarkt (1, Bereich zwischen Kärntner Straße 32-34, Schweinemarkt [heute Lobkowitzplatz], Stadtmauer und Gluckgasse; Konskriptionsnummer 1100).

Übersiedlung des Bürgerspitals an den Schweinemarkt

Als 1529 beschlossen wurde, die riesigen Gebäude des Bürgerspitals vor dem Kärntnertor ebenso wie alle anderen Vorstadtbauten wegen der herannahenden Osmanen niederzubrennen, wurden die Insassen des Bürgerspitals sowie die wichtigsten Gerätschaften und Urkunden ins Clarakloster am Schweinemarkt gebracht. Die wenigen verbliebenen Nonnen des im Verfall begriffenen Klosters waren nach Judenburg geflohen. 1530 schenkte Erzherzog Ferdinand das Klostergebäude der Stadt, die Nonnen erhielten dafür das Pilgrimhaus bei St. Anna (siehe Annakloster) als Entschädigung. Die zerstörten Gebäude vor dem Kärntnertor wurden nicht wieder aufgebaut (Glacis).

Das Hauptgebäude des Bürgerspitals im ehemaligen Clarakloster war ein riesiger Komplex mit mehreren Höfen. Er reichte von der Kärntner Straße (heute 32-34) bis zum Lobkowitzplatz (frühere Bezeichnung Schweinemarkt), im Süden bis nahe an die Stadtmauer und im Norden bis in die Gegend der (heutigen) Gluckgasse. Hier war der Sitz des Bürgerspitalmeisters und der Verwaltung der Grundherrschaft, die durch die so genannte Grundstube erfolgte.

Der Spitalskomplex beinhaltete auch eine Apotheke (Bürgerspitalapotheke "Zum heiligen Geist"), ein Brauhaus, eine Mühle und ein Backhaus. Über die zum Bürgerspital gehörende Schule sind nur wenige Informationen geblieben. Wahrscheinlich diente sie der Ausbildung von Waisen und wurde im Laufe des 16. Jahrhunderts in eine deutsche verwandelt. Die Aufzählung der Schulmeister ist fast der einzige Hinweis, den es auf diese Schule gibt. Als Spitalskirche diente die ehemalige Klosterkirche der Clarissen (etwa 1, Maysedergasse 5, Albertinaplatz 2; siehe Clarakloster). Die Pfarrkirche war dem Heiligen Geist geweiht (Heiligen-Geist-Kirche), wurde aber weiterhin als "St.-Clara-Kirche" bezeichnet. Zum Komplex gehörte auch die Pauluskapelle.

1550-1600

Als im Jahr 1550 die Stadt klagte, dass die Spitalsarmen gar nicht mehr besucht würden und sich bereit erklärte, einen Arzt zu besolden, antwortete die Fakultät, dass sie gerne die Armen besuchen würde, doch kein Ordinationsraum zur Verfügung stände. Der Arzt müsse sich demnach - umringt von Leuten - in einer feuchten Stube aufhalten, was für Leute, die einen so üblen Geruch nicht gewohnt seien, einfach unerträglich sei. Der Vorwurf, dass die Armen keine Medikamente erhalten würden, träfe nicht die Universität, da nicht geschehe, was der Arzt anordne. Außerdem würde Schwer- und Leichtkranken dieselbe Kost gereicht.

Als Joachim Herzog am 6. Februar 1552 das Spitalsmeisteramt übernahm, wurde das gesamte Inventar des Bürgerspitals aufgenommen und in das Inventarbuch der Stadt eingetragen. Zuerst werden die Gegenstände im Zimmer des Spitalsmeisters aufgezählt, besonders das Zinn- und Messinggeschirr, Waffen und ein Kräuterbuch, dann die in seinem Schlafzimmer (Betten, Decken, zinnerne Flaschen,"ainundfunfzig leinenstürz, so zu den Armen, wenn sie gespeist, gebraucht werden", ein großer Gewandkasten, in dem 54 alte Schleier hängen, welche die Armen an "hochzeitlichen tagen" tragen durften. In der Küche des Spitalsmeisters gab es 21 eiserne Pfannen. Dann folgt ein Rundgang durch die "manns- und frauenstuben", die "frauensiechstuben", die zwei Kinderstuben und sehr viele andere Kammern, die verschiedenen anderen Zwecken dienten (zum Beispiel Unterbringung des Personals). Insgesamt waren 89 Spannbetten, 171 Federbetten, vier Himmelbetten und ungefähr 670 Leintücher ("leilachen") vorhanden. Danach werden die "speisgaden" (Feldfrüchte), die Küchengeräte und das Inventar in den "mairstuben und den wagenställen" aufgezählt. Im Kuhstall verzeichnete man unter anderem 32 Kühe und zwei Stiere sowie im Schweinestall 46 Schweine. An Wein waren aus dem Vorjahr noch 1132 Eimer in 84 Gebinden vorhanden. Zuletzt folgt die Aufzählung der Kirchengeräte, darunter eine große Anzahl an silbernen und goldenen Monstranzen, Kelchen und Kreuzen, die häufig die Wappen der Spender tragen, damastene, häufig mit Perlen gestickte Ornate, Chorröcke und so weiter. Für die einzelnen Stuben waren Witwen verantwortlich, die "Mannsmutter, Frauenmutter, Kindsmutter" genannt wurden. Die Einrichtung der Apotheke war zu dieser Zeit armselig. Hier werden unter anderem 20 silberne Kannen, eine zinnerne Mensur und mehrere Mörser erwähnt. Dagegen befanden sich im Pfarrhof 180 lateinische Bücher.

In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts kam es zu argen Missständen: Das Spital war für 900-1000 Personen zu klein, das Brot ungenießbar, und die armen Knaben "grindig". Auch wurden die in den Gassen liegenden Kranken nicht ins Spital gebracht. Ein Visitationsbefund der niederösterreichischen Regierung beschreibt außerdem, dass der Pfarrer alt und krank gewesen sei und keine Kapläne vorhanden waren. Da die Stadt dem Pfarrer keinen Administrator zur Seite stellen wollte, mussten die Kranken ohne den Empfang der Sakramente sterben.


17. Jahrhundert

Im 17. Jahrhundert kam es zu Verbesserungen: Nachdem das Spital 1602 schon lange kein Arzt mehr besucht hatte, entschloss man sich, wieder einen Arzt einzustellen. 1606 war auch die Kirche wieder mit einem Pfarrer und zwei Kaplänen versehen und erhielt noch im selben Jahr das pfarrliche Recht eines Taufsteines. 1639 entstand der Plan, dem Bürgerspital ein Haus für Findelkinder anzuschließen. Als nach fünf Jahren noch immer nichts geschehen war, teilte die niederösterreichische Regierung im Dekret vom 29. Juli 1644 "in Sachen diejenigen Weibsbilder, welche ihre Kinder ermorden betreffend" ihren Entschluss mit, dass zur Verhütung von Kindstötungen ein "Findelhaus mit der Winden", wie es in Italien und mehr Orten bestehe, im Bürgerspital errichtet werden müsse. Deshalb wird "ihnen von Wien" (Stadtrat) hiermit befohlen, diesen Plan in "reiffliche Erwägung" zu nehmen und der Regierung hierüber zu berichten. Der Befehl wurde an den Superintendenten und Spitalsmeister des Bürgerspitals weitergereicht. Diese antworteten am 9. August, dass die "guet- und wohlmeinenden Intention" der Regierung sehr zu begrüßen sei, im Bürgerspital aber kein Platz dafür sei, da es mit armen Leuten derart ausgefüllt sei, dass man schon jetzt zwei Personen in ein Bett legen müsse. Das Findelhaus solle daher im kaiserlichen Hofspital oder an einem anderen Ort eingerichtet werden. Erst vier Jahrzehnte später wird von einer Kindbettstube im Kinderspital berichtet, die aber möglicherweise schon länger bestand.

Im Zuge der zweiten Belagerung Wiens durch die Osmanen im Jahr 1683 (sogenannte Zweite Türkenbelagerung) mussten in 16 Stuben (einschließlich der Angestellten und Diener) 728 Menschen verköstigt werden, von denen 79 wegen Bettenmangels auf Strohsäcken auf der Erde lagen.

Ein Bericht dieser Zeit zählt folgende Abteilungen auf:

  • Väter- und Bürgerstube (14 Betten).
  • Große Mannsstube, in der "Mannspersohnen allerley nation" wohnten (90 Betten).
  • Neue Mannsstube für kranke und betagte Männer (32 Betten).
  • Rädlstube, "alldorten befinden sich 15 gemachte beth und werden die unnützen Bueben, welche Sommerszeit in den Gärten und Wirtshäusern herumbfahren undt keinen Herrn dienen wollen, erzogen."
  • Burgerinstube (15 Betten).
  • Schwarze Stube für unterschiedliche arme und kranke Frauen (50 Betten) .
  • Mariastube, ebenfalls für unterschiedliche arme und kranke Frauen (19 Betten).
  • Neustube für alte und presthafte" Frauen (21 Betten).
  • Eisenstube für dieselben (19 Betten).
  • Mühlstube für kranke ledige Dienstmädchen (35 Betten).
  • Kindlbethstube mit 54 Betten, "so zuweylen gleichwohl noch zu wenig, allhier befinden sich die ledigen, schwachen Menscher, so von allen Orthen fast der ganzen Welt herkommen, und wenn selbige niederkommen, werden sie darinnen vier Wochen lang im Kindlbeth erhalten, nachmals aber mit ihren Kindern wiederumb abgeschaffet."
  • Extraweiberstube für 19 unterschiedliche arme alte Frauen .
  • Kleine Kinderstube, "allda werden die armen waysen, so bissweilen in der Zahl von 60 bis 71 seynd und deren wenigste Eltern man weiss, wie auch die gefundenen Kinder, welche in und vor der Stadt ausgesetzet werden" untergebracht
  • Grünröckhlstube (auch Grünrockhschuel) für 40 oder mehr Waisenknaben zwischen sieben und zehn Jahren. Die wegen ihrer Tracht "Grünröckler" genannten Waisenknaben wurde aus Bürgerspitalsgeldern erhalten und hatten einen Lehrer, der sie "das Teutsche lesen, schreiben und rechnen" lehrte. Sie sind nicht zu verwechseln mit den Knaben der Chaosschen Stiftung, die ihr Haus in der Kärntner Straße hatten (Chaossches Stiftungshaus).
  • Nikolaistube für 12 Mädchen. Diese wurden "Nikolaimädchen" genannt, da sie von 1589 bis 1624 im Nikolaikloster in der Singerstraße untergebracht gewesen waren.

Außerdem gehörten auch eine Ochsenmühle und das Brauhaus, das 1537 und 1548 erweitert worden war (das Braurecht des Spitals geht auf das Jahr 1432 zurück), zum Bürgerspital.


Umstrukturierungen

1697 wurde eine Reihe baulicher Veränderungen vorgenommen, um eine bessere Raumausnutzung zu erzielen. Schon im Jahr zuvor waren die beiden Spitäler von St. Marx und Zum Klagbaum dem Bürgerspital inkorporiert worden, damit nun alle Kranken und werdenden Mütter nach St. Marx, Aussätzige in das Klagbaumspital und Personen mit ansteckenden Krankheiten in das Bäckenhäusel gebracht werden konnten, während das Lazareth (Johannes in der Siechenals) als Pestspital diente. Das Bürgerspital wurde nun hauptsächlich als Bürgerversorgungs- und Armenhaus verwendet.

Noch 1777 wurde im Bürgerspital die "Versuchsanstalt für Taubstumme" eröffnet, da Joseph II. in Paris das dortige Taubstummeninstitut kennen gelernt hatte und davon so beeindruckt war, dass er den Weltpriester Johann Storck nach Paris schickte, um die Lehrmethode zu studieren. Nach dessen Rückkehr wurde im Bürgerspital die "Versuchsanstalt für Taubstumme" eröffnet, die erfolgrich arbeitete. Danach schritt man an die Eröffnung eines eigenen Taubstummeninstituts. Da jedoch keine passenen Räumlichkeiten vorhanden waren, musste dieses mehrfach übersiedeln, bis schließlich in Wieden ein eigenes Gebäude dafür errichtet wurde.


Auflösung des Bürgerspitals

Mit den Umwälzungen der Reformen Josefs II. verlor das Bürgerspital auch seine Funktion der Altenversorgung. Außerdem stand der wiederholt erweiterte und ausgestaltete Komplex, in dem letztlich 3000 arme Bürger versorgt wurden, mit seinen ausgedehnten Wirtschaftsräumen wie dem Brauhaus, der Mühle und dem Backhaus dem steigenden Verkehr im Weg. Darüber hinaus musste dringend Platz für Wohnraum innerhalb der Stadt geschaffen werden. Daher wurden die Armen ins Spital zu St. Marx, die Kranken ins neu eröffnete Allgemeines Krankenhaus in der Alser Straße und die Waisen und Findelkinder ins Waisen- und Findelhaus im Strudelhof in der Boltzmanngasse gebracht.

Noch im Jahr 1784 wurde mit dem Abbruch des Bürgerspitalsgebäudes samt der Kirche begonnen. Die zahlreichen Grabsteine, die sich darin befunden hatten, wurden zur Pflasterung eines Seitenhofes verwendet. An seiner Stelle wurde bis 1790 das große Zinshaus des Bürgerspitalfonds errichtet, das bis 1873/1875 bestand.


Gewerbe und Firmen innerhalb des Hauses im Laufe der Jahre


Zur Geschichte der Institution siehe: Bürgerspital


Literatur

  • Leopold Sailer: Aus der Geschichte des Bürgerspitals und dessen Verhältnis zur Groß-Kommune Wien. 1865
  • Lorenz Novag: Das Bürgerspital und das Versorgungshaus zu St. Marx in Wien von 1527 bis 1820. 1820
  • Hans Pemmer: Das Bürgerspitalzinshaus und seine Bewohner im Vormärz. In: Wiener Geschichtsblätter 12 (1958), S. 73 ff.
  • Gustav Gugitz: Bibliographie zur Geschichte und Stadtkunde von Wien. Hg. vom Verein für Landeskunde von Niederösterreich und Wien. Band 3: Allgemeine und besondere Topographie von Wien. Wien: Jugend & Volk 1956, S. 323 f.
  • Brigitte Resl: Bürger und Spital. Zur Entwicklung des Wiener Bürgerspitals bis zum ersten Drittel des 14. Jahrhunderts. In: Jahrbuch Verein für Geschichte Stadt Wien 47/48 (1991/1992), S. 173 ff.
  • Brigitte Pohl-Resl: Rechnen in der Ewigkeit. Das Wiener Bürgerspital im Mittelalter. In: MIÖG Erg.-Band 33 (1996)
  • Paul Harrer-Lucienfeld: Wien, seine Häuser, Menschen und Kultur. Band 6, 1. Teil. Wien ²1956 (Manuskript im WStLA), S. 79-90