Arisierung

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Arisierung (Plakat für ein "arisiertes" Textilgeschäft)
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Quelle Felix Czeike: Historisches Lexikon Wien
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Bildname Arisierung.jpg
Bildunterschrift  Arisierung (Plakat für ein "arisiertes" Textilgeschäft)
Bildquelle Wienbibliothek im Rathaus, Tagblattarchiv: Fotosammlung, TF-999157
Bildrechte CC BY-NC-ND 4.0

Arisierung, nationalsozialistische Wortschöpfung, die die Enteignung und Beraubung der Juden bezeichnet. Unmittelbar nach dem "Anschluss" Österreichs im März 1938 wurden jüdische Geschäfte und Betriebe von vielfach selbsternannten "kommissarischen Verwaltern" übernommen ("wilde Arisierung"). Die rechtmäßigen Besitzer durften über ihr Eigentum nicht mehr verfügen, die Einnahmen mussten an den "kommissarischen Verwalter", der den Betrieb bis zur "rechtmäßigen Arisierung" leitete, abgeliefert werden; da die kommissarischen Leiter vielfach inkompetent oder korrupt waren, wurden durch die "wilden Arisierungen" erhebliche Vermögenswerte vernichtet und damit auch dem Zugriff des NS-Staates entzogen. Um eine kontrollierte und "legale Entjudung der Ostmark" in die Wege zu leiten, wurde eine Reihe "legistischer" Maßnahmen getroffen. Am 27. April 1938 trat das "Gesetz über die Anmeldung des Vermögens von Juden" über 5.000 Reichsmark in Kraft, dessen praktische Bedeutung darin lag, Unterlagen für die "legale" Arisierung der jüdischen Betriebe zu schaffen; das damals angemeldete Vermögen betrug 2.295,085.000 Reichsmark. Am 18. Mai 1938 wurde im Ministerium für Handel und Verkehr die "Vermögensverkehrsstelle" eingerichtet, die in der Folge alle Arisierungen abwickelte. Die "planmäßige Arisierung" bedeutete für die rechtmäßigen jüdischen Eigentümer, dass sie dem Ariseur ihren Besitz weit unter dem Realwert überlassen mussten und über den Verkaufserlös nicht frei verfügen durften (Einzahlung auf ein Sperrkonto). Nur die geringen Zinsen der Sperrkonten standen den ehemaligen Besitzern für ihren Lebensunterhalt zur Verfügung. Neben Betrieben und Geschäften wurden in Wien auch über 50.000 Wohnungen arisiert. Der letzte Schritt zur Arisierung aller jüdischen Betriebe und Geschäfte erfolgte durch die "Verordnung über den Einsatz des jüdischen Vermögens" vom 3. Dezember 1938, das die jüdischen Eigentümer zwang, ihr Eigentum binnen kurzer Frist und weit unter dem tatsächlichen Wert zu veräußern; kamen sie dem Auftrag nicht termingemäß nach, wurde für die Veräußerung von Staats wegen ein "Abwickler" bestellt, für dessen Kosten der Betriebsinhaber aufzukommen hatte. Die "Dritte Verordnung zur Verordnung über die Anmeldung des Vermögens von Juden" vom 21. Februar 1939 verpflichtete Juden, alle in ihrem Besitz befindlichen Gegenstände aus Gold, Platin und Silber sowie Edelsteine und Perlen bei öffentlichen Ankaufsstellen abzuliefern; spätere Erlässe und Verordnungen zwangen die Juden zur Abgabe ihrer Radioapparate, Fahrräder, Pelze, Skier, Skischuhe und Wollsachen. Dr. Karl Ebner, der Leiter des Referats "Judenangelegenheiten" und zeitweiliger stellvertretender Leiter der Gestapoleitstelle Wien, rühmte sich in einem Schreiben an Himmler, durch die Arisierung in Wien dem Großdeutschen Reich eine Milliarde Reichsmark an Sachwerten zugeführt zu haben.

Literatur

  • Gerhard Botz: Wohnungspolitik und Judendeportation in Wien 1938 bis 1945. Zur Funktion des Antisemitismus als Ersatz nationalsozialistischer Sozialpolitik. Wien / Salzburg: Geyer 1975 (Veröffentlichungen des Historischen Instituts der Universität Salzburg, 13)
  • Gerhard Botz: „Arisierungen" und nationalsozialistische Mittelstandspolitik in Wien (1938-1940). In: Wiener Geschichtsblätter. Wien: Verein für Geschichte der Stadt Wien 29 (1974), S. 122 ff.
  • Herbert Exenberger/Johann Koß/Brigitte Ungar-Klein: Kündigungsgrund Nichtarier. Die Vertreibung jüdischer Mieter aus den Wiener Gemeindebauten in den Jahren 1938-1939. Wien: Picus 1996.
  • Ulrike Felber/Peter Melichar/Markus Priller/Bertold Unfried/Fritz Weber: Ökonomie der Arisierung Teil 1: Grundzüge, Akteure und Institutionen. Wien: Oldenbourg 2004
  • Ulrike Felber/Peter Melichar/Markus Priller/Bertold Unfried/Fritz Weber: Ökonomie der Arisierung Teil 2: Wirtschaftssektoren, Branchen, Falldarstellungen. Wien: Oldenbourg 2004
  • Jonny Moser: Die Judenverfolgung in Österreich 1938 - 1945. Wien [u.a.]: Europa-Verlag 1966
  • Jonny Moser: Die Katastrophe der Juden in Österreich 1938-1945. In: Der gelbe Stern in Österreich. Katalog und Einführung zu einer Dokumentation. Eisenstadt: Roetzer 1977 (Studia Judaica Austriaca, 5)
  • Jonny Moser: Die Entrechtung der Juden im dritten Reich. In: Walter H. Pehle [Hg.]: Der Judenpogrom 1938. Von der "Reichskristallnacht" zum Völkermord. Frankfurt am Main: Fischer-Taschenbuch-Verlag 1988
  • Österreichische Historikerkommission: "Arisierung" und Rückstellung von Wohnungen in Wien. Wien: Oldenbourg 2004.
  • Georg Weis: Arisierungen in Wien. In: Wien 1938. [Hg.und für den Inhalt verantwortlich Felix Czeike.] Wien: Verein für Geschichte der Stadt Wien 1978 (Forschungen und Beiträge zur Wiener Stadtgeschichte, 2), S. 183 ff.