Arbeiterbewegung

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Quelle Felix Czeike: Historisches Lexikon Wien
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Arbeiterbewegung. Die österreichische Arbeiterbewegung stieg in einem Milieu des Zerfalls historisch gewachsener staatlicher Formen und überlieferter Parteiengebilde auf, in einem Umfeld nationaler Konflikte und Auseinandersetzungen. In einem agrarisch-kleinbürgerlichen Land repräsentierte sie die Massenbedürfnisse einer sich schnell entwickelnden, jedoch auf bestimmte Enklaven beschränkten industriellen Gesellschaft. In vielerlei Hinsicht trat sie das politische und kulturelle Erbe des kurzlebigen und wenig durchsetzungsfähigen österreichischen Liberalismus an. Bereits im Gefolge der Hochkonjunktur der Gründerzeit und als unmittelbare Auswirkung des Vereins- und Versammlungsrechts des Staatsgrundgesetzes von 1867 hatten sich zunächst wenig differenzierte und strukturierte Organisationsformen der gewerblichen und industriellen Arbeiterschaft herauszubilden begonnen. Die Jahre bis zum katastrophalen wirtschaftlichen Einbruch 1873 waren von Massendemonstrationen und öffentlichen Manifestationen insbesondere der qualifizierten Schichten der städtischen Arbeiterschaft gekennzeichnet. Überregionale Organisationsformen und einheitliche politische Orientierungen konnten entsprechend der gegebenen Gesetzeslage und den wenig fortgeschrittenen Prozessen der Klassenkonstituierung jedoch noch nicht entwickelt werden.

Keimzellen einer Organisierung hatten sich in den Arbeiterbildungsvereinen gebildet, von denen der am 15. September 1867 gegründete Erste Wiener Arbeiterbildungs-Verein in Gumpendorf der bedeutendste war (1870 erreichte er mit knapp 6.000 Mitgliedern seinen organisatorischen Höhepunkt). Zur Klärung politischer Fragen wurden Massenveranstaltungen organisiert, die so genannten Arbeitertage. Das auf dem fünften Arbeitertag vom 16. Mai 1868 in Zobels Bierhalle (6; Zobeläum) beschlossene "Manifest an das arbeitende Volk in Österreich" fasste erstmals zentrale Forderungen der Arbeiterschaft zusammen und wurde in allen Sprachen der Monarchie verbreitet. Am neunten Arbeitertag vom 30. August 1868 wurde auf Antrag des Tischlergehilfen Hermann Härtung erstmals ein umfassendes, lassalleanisch-sozialistisches Programm beschlossen, das folgende Kernpunkte enthielt:

  • Forderung des allgemeinen Wahlrechts,
  • allgemeine Volksbewaffnung und Abschaffung aller stehenden Heere,
  • volles Vereins- und Versammlungsrecht sowie
  • Förderung der freien individuellen Arbeiterorganisationen durch den Staat (Staatshilfe).

Von der liberalen bürgerlichen Öffentlichkeit zunächst als eine Bewegung zur qualifizierten Selbsthilfe der Arbeiterschaft durchaus mit Sympathie aufgenommen, wurde in dem Moment, als die Arbeiterschaft den engen Rahmen der verfassungsmäßig garantierten Freiheitsrechte zu sprengen drohte, der staatliche Repressionsapparat mobilisiert. Im Gefolge der großen Wahlrechtsdemonstration der Wiener Arbeiterschaft vom 13. Dezember 1869 kam es im Lauf des Jahrs 1870 zur Verhaftung praktisch der gesamten Führungsgarnitur, zu einem Hochverratsprozess wegen staatsgefährdender Tendenzen und zur erstmaligen Auflösung des Gumpendorfer Arbeiterbildungsvereins. Behördliche Repression, der Verlust begabter Arbeiterführer durch Auswanderung (Andreas Scheu) oder Verhaftung und Verurteilung (Dr. Hippolith Tauschinsky), die Folgen des wirtschaftlichen Zusammenbruchs von 1873 und persönliche Zwistigkeiten führten in der Folge bis zum Beginn der 1880er Jahre zu einem Zerfall und gänzlichen Bedeutungsverlust der Arbeiterbewegung.

So musste auch der so genannte "Erste Gründungsparteitag" der österreichischen Sozialdemokratie vom 5./6. April 1874 in Neudörfl (Ungarn) ohne weitere politische Bedeutung bleiben, obwohl er im Prinzip die organisatorischen Strukturen für den Aufbau einer modernen Massenpartei geschaffen hatte. Unter diesen Bedingungen konnte Anfang der 1880er Jahre die anarchistisch inspirierte "Propaganda der Tat" vor allem im kleinen Handwerk der größeren Städte eine breitere soziale Basis finden. Die "Radikalen" gerieten in einen unversöhnlichen Fraktionsgegensatz zu den teilweise nach liberalen Prinzipien, teilweise nach deutschem Muster marxistisch orientierten "Gemäßigten". Als nach einer Serie terroristischer Attentate über Wien, Wiener Neustadt und Korneuburg (mit Floridsdorf) 1884 der Ausnahmezustand verhängt wurde, war die österreichische Arbeiterbewegung nicht viel mehr als die Summe aller möglichen, noch dazu mit Lockspitzeln und "agents provocateures" durchsetzten Sekten. Andererseits hatte ein überaus dynamischer Industrialisierungsschub etwa Mitte der 1880er Jahre völlig neue Bedingungen für den Aufbau einer Massenpartei der industriellen Arbeiterschaft geschaffen.

Zu diesem Zeitpunkt tritt auch eine neue Führungsgarnitur mit neuen politischen Konzepten auf, als deren wichtigster Repräsentant sich der großbürgerlich-jüdische Arzt Dr. Viktor Adler profilierte. In erstaunlich kurzer Zeit gelang es Adler, die zerstrittenen Flügel der österreichischen Arbeiterbewegung zu sammeln und in der "Prinzipienerklärung" des Hainfelder Parteitags an der Jahreswende 1888/1889 verbindlich auf eine gemeinsame Programmatik festzulegen. Adler kam ursprünglich aus der deutschnationalen Bewegung und hatte für diese noch 1882 den sozialpolitischen Teil des "Linzer Programms" verfasst. In seiner Studienzeit war er Leitungsmitglied des "Lesevereins der deutschen Studenten Wiens", in den 1870er Jahren Mitglied oder geistiges Haupt einer Reihe von losen Zirkeln der rebellierenden deutschen Intelligenz Wiens. Die radikale Hinwendung zur ästhetischen Religion Richard Wagners kennzeichnete diese Zirkel ebenso wie eine beinahe fanatisch zu nennende Nietzsche- und Schopenhauer-Rezeption. Adler hat in vielerlei Hinsicht die Konzeptionen und Ideale seiner Jugend in sein späteres Politikverständnis integriert. Und es ist deren massenhafte Umsetzung in die konkrete Politik der Arbeiterpartei, die äußeres Erscheinungsbild und inneren Gehalt der österreichischen Arbeiterbewegung entscheidend mitbestimmten. Adler und der frühen Führungsgarnitur lagen die großen theoretischen Auseinandersetzungen, wie sie beispielsweise die deutsche oder französische Partei kennzeichneten, fern; ihnen ging es um die Gestaltung der Arbeiterbewegung vor allem als Kulturbewegung. Sozialismus bedeutete ihnen vor allem die disziplinierte Selbstqualifizierung und Selbstbestimmung des freien Individuums. Darüber hinaus erweiterte der politische Arzt Adler seine "Therapie" auf den sozialen Körper der gesamten Arbeiterschaft. Die Modernisierung des gesellschaftlichen Lebens, die Modernisierung der Wirtschaft und der staatlichen Strukturen waren ihm ebenso ein Anliegen wie eine effiziente Gestaltung der Arbeiterschutzgesetzgebung, die er als unabdingbare Voraussetzung für die Herausbildung einer Arbeiterschaft westeuropäischen Zuschnitts betrachtete. Hermann Bahr hat von Adler in diesem Sinn einmal von "Victor dem Stifter" gesprochen.

Politisch hat Adler von Anbeginn an die gesamte Bewegung auf einen über 15-jährigen Kampf um das allgemeine Wahlrecht festgelegt, in dem er die einzige Möglichkeit zur emanzipatorischen Artikulation der Arbeiterschaft wie zum Überleben des Habsburgerstaates überhaupt sah. Adler riskierte dafür die Absorbierung beinahe aller organisatorischer und taktischer Kräfte wie auch tiefgehende strukturelle Krisen in der Partei selbst. Als er jedoch das historische Zusammentreffen einer Reihe von günstigen inneren und äußeren Umständen 1905 taktisch meisterhaft umsetzen konnte, gelang es, in einem historischen Kompromiss zwischen Krone, Bürokratie und Arbeiterschaft gegen das Privilegienparlament das allgemeine und gleiche Männerwahlrecht durchzusetzen. Die Arbeiterbewegung hatte ihren bis dahin bedeutendsten Erfolg errungen und sich gleichzeitig den Ruf einer "k. k. privilegierten Sozialdemokratie" eingehandelt. Wiewohl die auf der Basis "Gemeinsamkeit des Programms, Abstimmung der Taktik, Autonomie der Organisation" strukturierte österreichische Arbeiterbewegung in Form einer "Kleinen Internationale" als vorbildlich organisiert galt, wurde sie noch vor der Monarchie unter dem Druck nationalistischer Strömungen zerschlagen.

Die offensichtliche Unhaltbarkeit der Organisationsform zentralisierter Gewerkschaften hatte 1912 zur Abspaltung der tschechoslowakischen Sozialdemokratie geführt. Ab diesem Zeitpunkt wurde die österreichische Arbeiterpartei zunehmend handlungsunfähig; die strukturelle Krise fand in den entscheidenden Tagen des Juli und August 1914 ihren dramatischen Höhepunkt. Zur Sicherung ihrer Existenz und ihres Organisationsgefüges und wohl auch aus patriotischen Gründen stellte die österreichische Arbeiterbewegung ihre Tätigkeit in den ersten drei Kriegsjahren beinahe völlig ein und ordnete sich im großen und ganzen dem habsburgischen Kriegsabsolutismus unter. Erstmalig erreichten ihre Repräsentanten, wie etwa Karl Renner, hohe Regierungsämter. Renners "Kriegssozialismus" ging von der Annahme aus, dass die durch die Notwendigkeiten der Kriegsproduktion von oben her geschaffene "Vergesellschaftung" die Voraussetzungen für einen reibungslosen Übergang zum Sozialismus in Friedenszeiten schaffen würde. Gegen diese "Burgfriedenspolitik" und gegen die innerparteiliche Isolierung der Kriegslinken entschloss sich Friedrich Adler zum individuellen Terrorakt: Er erschoss am 21. Oktober 1916 im Hotel "Meißl & Schadn" die Symbolfigur des österreichiscenh Kriegsabsolutismus, Ministerpräsident Graf Stürgkh.

Aber erst das Zusammenspiel des öffentlichkeitswirksamen Prozesses im Mai 1917, der großen Streiks nach dem Hungerwinter 1916/1917 und der russischen Märzrevolution verlieh dem Attentat historische Bedeutung. Sie ermöglichte die Neuformierung der Kriegslinken; Friedrich Adler wurde zum gefeierten Heros der Arbeiterschaft. In den großen Streiks des Jänner 1918 wurden neben den Forderungen nach Verbesserung der Ernährungslage und sofortigem Friedensschluss immer deutlicher Forderungen nach einer demokratischen und sozialistischen Republik artikuliert. Einen Tag vor Ausrufung der Republik starb am 11. November 1918 mit Viktor Adler jener Mann, der die österreichische Arbeiterbewegung in den ersten 30 Jahren ihres Bestehens entscheidend geformt hat; er war zu diesem Zeitpunkt Außenminister der Provisorischen Staatsregierung.

Literatur

  • Ludwig Brügel: Geschichte der österreichisch Sozialdemokratie. 5 Bände. Wien: Verlag der Wiener Volksbuchhandlung 1922-1925
  • Else Klose: Zeittafel der Österreichischen Arbeiterbewegung von 1867 bis 1934. Wien: Verlag der Wiener Volksbuchhandlung 1962
  • Wolfgang Maderthaner [Hg.]: Sozialdemokratie und Habsburgerstaat. Wien: Löcker 1988
  • Maren Seliger / Karl Ucakar: Wien. Politische Geschichte 1740 - 1895. Wien: Jugend & Volk 1985 (Geschichte der Stadt Wien, 1), S. 349 ff.