Karl Kraus

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Karl Kraus (1920)
Personenname Kraus, Karl
Abweichende Namensform
Titel
Geschlecht männlich
GND 118566288
Geburtsdatum 28.04.1874
Geburtsort Gitschin, Böhmen
Sterbedatum 12.06.1936
Sterbeort Wien
Begräbnisdatum 15.06.1936
Friedhof Zentralfriedhof
Grabstelle Gruppe 5A Reihe 1, Nummer 33
Ehrengrab ja
Beruf Satiriker, Publizist, Schriftsteller
Parteizugehörigkeit
Religionszugehörigkeit 
Ereignis
Nachlass/Vorlass Wienbibliothek im Rathaus / Handschriftensammlung, Österreichische Nationalbibliothek, Deutsches Literaturarchiv Marbach
Verkehrsfläche Karl-Kraus-Gasse
Denkmal
Quelle Felix Czeike: Historisches Lexikon Wien, Gedenktage, Gedenktage-GW
Letzte Änderung am  9.05.2017 durch WIEN1\lanm09mer
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Bildname Karlkraus.jpg
Bildunterschrift  Karl Kraus (1920)
Bildquelle Wienbibliothek, Handschriftensammlung, H.I.N.-235404
Bildrechte CC BY-NC-ND 4.0

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Art der AdresseBezirkStraßeHausnummer
Wohnadresse1Elisabethstraße20
Sterbeadresse4Lothringerstraße6
Wirkungsadresse3Hetzgasse4
NameVerwandtschaftsgrad
Jakob KrausVater
Ernestine KrausMutter
NameBeziehung
Felix SaltenMitbewohner
Adolf LoosFreund
Peter AltenbergFreund
Helene KannFreundin

Karl Kraus, * 28. April 1874 Gitschin, Böhmen (Jičín, Tschechische Republik), † 12. Juni 1936 Wien, Sprach- und Kulturkritiker, Satiriker, Publizist, Schriftsteller (Dramatiker, Lyriker, Aphoristiker).

Er kam mit seiner Familie – Jacob Kraus, Papier- und Ultramarinfabrikant (1833–1900), Ernestine Kraus (geb. Kantor, 1839-1891) und acht älteren Geschwistern – 1877 nach Wien. Hier besuchte er die Volksschule, dann 1884–1892 das Franz-Josephs-Gymnasium, 1., Stubenbastei 6–8, sowie ab 1892 die Universität. Er studierte zunächst bis 1894 Rechtswissenschaften, dann Philosophie und Germanistik und brach 1898 das Studium ab. Um 1892 verfolgte Kraus vorerst den Plan, Schauspieler zu werden, und versuchte sich als Vorleser „moderner“ Autoren.

Bereits in der Schul- und Studienzeit hatte er aber auch begonnen, Artikel und Rezensionen für verschiedene österreichische und deutsche Zeitschriften zu schreiben, und schloss sich dem Dichterkreis "Jung-Wien" (Hermann Bahr, Hugo von Hofmannsthal, Felix Salten, Arthur Schnitzler) im Café Griensteidl an. Abhängigkeiten und Versippung in dieser Clique wie auch die Erschaffung einer künstlichen, apolitischen Gegenwelt in ihrer Dichtung führten jedoch dazu, dass Kraus sich bald wieder von der "kaffeehausdekadenzmodernen" Literaturszene abgrenzte. Mit der Veröffentlichung der Satire "Die demolirte Litteratur" (1896) brach Karl Kraus endgültig mit seinem bisherigen gesellschaftlichen Milieu, – nur die Freundschaft zu Peter Altenberg hatte Bestand.

Geistige und wirtschaftliche Unabhängigkeit sicherte sich Karl Kraus in der Folge durch die Gründung seiner eigenen Zeitschrift: Am 1. April 1899 erschien erstmals "Die Fackel". Sie war ein "Anti-Medium", das sich vorerst der Aufdeckung soziokultureller Missstände (u.a. im Bereich der Sexualjustiz), dem "Antikorruptionismus" und der Medienkritik (Phantasie gegen Phrase) verschrieb, und wurde das Leitmedium einer Wiener "kritischen Moderne". 1899 trat Kraus aus der jüdischen Religionsgemeinschaft aus.

Während Kraus in den ersten zehn Jahren seiner Herausgeberschaft noch Allianzen und Kooperationen mit anderen zeit- und gesellschaftskritischen Unternehmen und Personen suchte, Autoren wie Frank Wedekind, Oscar Wilde oder Georg Trakl brachte und junge Kollegen wie Otto Soyka oder Berthold Viertel zur Mitarbeit einlud, begann 1911 eine neue Phase. In spannungsreicher Auseinandersetzung mit Heinrich Heine ("Heine und die Folgen") positionierte sich Kraus als Sprachdenker neu und begann, "Die Fackel" ohne Mitarbeiter zu schreiben.

Er ließ sich heimlich katholisch taufen; Adolf Loos war sein Pate. Zudem trat er nun auch regelmäßig als Vorleser auf: Bis zu seinem Tod 1936 füllte Kraus 700 Mal die Konzertsäle Mitteleuropas und las neben eigenen Werken später vor allem Nestroy, Shakespeare und Offenbach ("Theater der Dichtung"). 1913 begann Karl Kraus eine lange, doch mehrfach unterbrochene Liebesbeziehung zu der böhmischen Baronin Sidonie Nádherny von Borutín, und ab diesem Zeitpunkt trat er auch verstärkt als Lyriker hervor ("Worte in Versen", 9 Bände, 1916–1930).

Während des Ersten Weltkriegs war Kraus einer von sehr wenigen, die sehr früh und konsequent antimilitaristisch und pazifistisch auftraten. Seine Kulturkritik erreichte einen neuen Höhepunkt in dem Monumentaldrama "Die letzten Tage der Menschheit", in dem Kraus das preußische und "österreichische Antlitz" des Ersten Weltkriegs dokumentierte.

Im Österreich der Ersten Republik näherte sich Kraus der Sozialdemokratie als der "republikanischen Partei" schlechthin an und unterstützte den sozialen Aufbau des Roten Wien (Die Kinderfreunde etc.). Nach einer grundlegenden Reform des Presserechts 1922 führte Kraus nun nicht nur weiterhin "öffentliche Popularklage" in der "Fackel", sondern bekämpfte Ungerechtigkeit auch immer wieder zusammen mit seinem Anwalt Oskar Samek vor Gericht. Auch seine großen Polemiken gegen Emmerich Békessy (1887–1951), den Herausgeber des Boulevardblattes "Die Stunde", und den Polizeipräsidenten Johann Schober (1874–1932) waren auf die Austragung im Gerichtssaal angelegt, zu der es jedoch in beiden Fällen nicht kam.

Kraus richtete sich polemisch gegen die "Institutionalisierung von Gangstertum und Gewalttätigkeit" (vgl. "Die Unüberwindlichen", 1928) und begann auch früh gegen den Aufstieg des Nationalsozialismus in Deutschland und Österreich anzuschreiben. Ab Juni 1933 arbeitete er an einer knapp 300seitigen Analyse des Nationalsozialismus, die aber fragmentarisch und großteils unpubliziert blieb ("Die Dritte Walpurgisnacht"). Dass Karl Kraus auch im Februar 1934 an seiner (um 1927 einsetzenden) scharfen Kritik an der österreichischen Sozialdemokratie festhielt und Dollfuß mit seinem Regime für ihn zum "Retter" vor dem Nationalsozialismus wurde, verstörte viele Kraus-Anhänger im In- und Ausland. Wenig später – im Juni 1936 – starb Karl Kraus.

Karl Kraus' Reisepass

Kraus' Wohnung in der Lothringerstraße 6, wo er seit 1912 gelebt hatte, wurde aufgelöst. Sein Nachlassverwalter Oskar Samek baute Kraus' Arbeitszimmer in einer ehemaligen Tischlerwerkstätte (15., Reindorfgasse 18) originalgetreu auf. 1938 wurde es von der SA wahrscheinlich vernichtet. Dennoch konnte Kraus' literarisches und publizistisches Vermächtnis zu großen Teilen gerettet werden. Freunde wie Helene Kann, die schon zu seinen Lebzeiten Kraus' Handschriften archiviert hatte, und sein Anwalt Oskar Samek nahmen Teile des Nachlasses mit ins Exil in die Schweiz, nach Schweden und in die USA. Nach 1945 kamen die einzelnen Bestandteile des heutigen Kraus-Archivs im Abstand von über fünf Jahrzehnten wieder nach Wien zurück und befinden sich nun in der Wienbibliothek im Rathaus.

Karl-Kraus-Gasse

Literatur

  • Otto Kerry: Karl Kraus. Eine Bibliographie. Kösel 1970.
  • Jens Malte Fischer, Karl Kraus, Stuttgart 1974.
  • Paul Schick: Karl Kraus in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Reinbek bei Hamburg 1976.
  • Kurt Krolop: Sprachsatire als Zeitsatire bei Karl Kraus. Berlin 1992.
  • Kurt Krolop: Reflexionen der Fackel. Neue Studien über Karl Kraus. Wien 1994.
  • Karl Kraus contra ...: die Prozeßakten der Kanzlei Oskar Samek in der Wiener Stadt- und Landesbibliothek, hrsg. von Herwig Würtz, bearb. u. kommentiert von Hermann Böhm. Wien, Bd. 1–4, 1995–1997.
  • Karl Kraus. Eine Ausstellung des Deutschen Literaturarchivs im Schiller-Nationalmuseum Marbach, hrsg. Ulrich Ott und Friedrich Pfäfflin. Marbach a. Neckar 1999.
  • Edward Timms: Karl Kraus. Satiriker der Apokalypse. Leben und Werk 1874 bis 1918. Frankfurt am Main 1999.
  • Feinde in Scharen. Ein wahres Vergnügen dazusein. Karl Kraus – Herwarth Walden. Briefwechsel 1909–1912, hrsg. von George C. Avery. Göttingen 2002.
  • Edward Timms: Karl Kraus. Apokalyptic Satirist. The Post-War Crisis and the Rise of the Swastika. London 2005.
  • Karl Kraus. Briefe an Sidonie Nádherny von Borutin. 1913–1936, hrsg. mit Dokumenten und Anmerkungen von Friedrich Pfäfflin. Göttingen 2005.
  • Aus großer Nähe. Karl Kraus in Berichten aus Weggefährten und Widersachern, hrsg. von Friedrich Pfäfflin, Göttingen 2008.
  • Irina Djassemy: Die verfolgende Unschuld. Zur Geschichte des autoritären Charakters in der Darstellung von Karl Kraus. Wien 2011.
  • Brigitte Stocker: Rhetorik eines Protagonisten gegen die Zeit. Karl Kraus als Redner in den Vorlesungen 1919 bis 1932. Wien 2013.
  • Edward Timms: Dynamik der Kreise, Resonanz der Räume. Die schöpferischen Impulse der Wiener Moderne. Weitra 2013.
  • Simon Ganahl: Karl Kraus und Peter Altenberg. Eine Typologie moderner Haltungen. Konstanz 2015.
  • Eiji Kouno: Die Performativität der Satire bei Karl Kraus: zu seiner "geschriebenen Schauspielkunst". Berlin 2015.
  • Wienbibliothek im Rathaus: Karl-Kraus-Archiv [Stand: 20.03.2017]
  • Die Fackel digital [Stand: 20.03.2017]

Links