Jugend & Volk

Aus Wien Geschichte Wiki
Wechseln zu: Navigation, Suche
Plakat von Ernst Trauner für den Jugend & Volk-Verlag (1955)
Datum von
Datum bis
Objektbezug
Quelle Felix Czeike: Historisches Lexikon Wien
Letzte Änderung am  27.02.2018 durch WIEN1\lanm09lue
Export RDF-Export (Resource Description Framework) RDF
Bildname Jugendundvolk.jpg
Bildunterschrift  Plakat von Ernst Trauner für den Jugend & Volk-Verlag (1955)
Bildquelle Wienbibliothek, Plakatsammlung, P-28190, Ernst Trauner, Atelier Harnisch
Bildrechte CC BY-NC-ND 4.0

Der Verlag Jugend & Volk (J & V) wurde 1921 als "Deutscher Verlag für Jugend und Volk" (DVJV) in Wien gegründet, um die sozialdemokratische Schulreform von Otto Glöckel mit entsprechenden Lehrbüchern zu unterstützen und um insbesondere für Wien (das bereits damals den Schülern die Unterrichtsmittel kostenlos zur Verfügung stellte) Schulbücher einheitlich nach modernen pädagogischen Gesichtspunkten zu produzieren. Jugend & Volk zählte zu den wichtigsten österreichischen Schulbuch- und Jugendschriftenverlagen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Der erste wissenschaftliche Leiter des Verlags war Glöckels enger Mitarbeiter Viktor Fadrus, die Geschäftsführung übernahm Walther Wiedling, Sohn des Verlegers Albert Wiedling. Der Verlag Gerlach & Wiedling, seit der Jahrhundertwende durch künstlerisch ausgestattete Jugendbücher bekannt, übertrug die Volksschatz- und die Gerlach-Jugendbücher-Reihe an Jugend & Volk. Bis 1934 erschienen bei Jugend & Volk insbesondere Lehrbücher für Volksschulen und die Mittelstufe (darunter die "Wiener Klassenlektüre") sowie pädagogische Publikationen; außerdem zur Unterstützung des Heimatkundeunterrichts Bezirksheimatkunden, die meist von Lehrerarbeitsgemeinschaften erarbeitet wurden und zum Teil noch heute Aktualität besitzen.

Nach dem Verbot der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei im Februar 1934 kam es rasch auch in dem der Sozialdemokratie nahestehenden Verlag zu personellen Umstrukturierungen. Viktor Fadrus wurde gekündigt, an seine Stelle trat Richard Schmitz, Minister und Bundeskommissär für Wien sowie ab 7. April 1934 Bürgermeister von Wien. Auch die Mitglieder des Aufsichtsrates wurden ausgetauscht.

Mit dem Anschluss 1938 kam es zu einer neuerlichen ideologischen Umstrukturierung. Innerhalb kürzester Zeit wurden vier Aufsichtsratsposten an hochrangige Mitglieder der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei vergeben, unter anderen an Hanns Blaschke. Otto Hinrichs, ein Angestellter, wurde zum kommissarischen Verwalter des Verlags bestellt und 1940 von Anton Haasbauer als Geschäftsführer abgelöst. Während der gesamten Dauer der NS-Herrschaft blieb der Verlag fest in der Hand regimetreuer Vertrauensleute, befand sich zum überwiegenden Teil im Besitz der Gemeinde Wien und wurde vom Kulturamt verwaltet. Dadurch entwickelte sich der "Deutsche Verlag für Jugend und Volk" nach der Machtübernahme durch das NS-Regime zu einem kraftvollen Instrument der NS-Propaganda, das vor allem auf Jugendliche abzielte.

Nach der Übernahme der Verlagsführung durch NSDAP-Mitglieder wurde die Verlagsproduktion stark umgestellt. Zwar erschienen auch weiterhin Kinder- und Jugendbücher, die bereits zuvor dem Programm angehört hatten, wie beispielsweise die Werke der Kinderbuchautorin Annelies Umlauf-Lamatsch, die zu den populärsten und am häufigsten verlegten Büchern in der Zeit zwischen 1938 und 1945 zählten. Darüber hinaus gab der Verlag allerdings eine Vielzahl von Büchern und Zeitschriften heraus, die eindeutig die NS-Ideologie befördern sollten, wie die exemplarischen Titel "Heim ins Reich! Kampf und Sieg der nationalsozialistischen Freiheitsbewegung in der Ostmark", "Alles für Deutschland. Schilderungen aus dem Weltkriege von Mitkämpfern und Dichtern" oder "Moni geht zum Arbeitsdienst" belegen. Zudem wurden bestehende Reihen, wie beispielsweise das Jugend-Jahrbuch "Frohes Schaffen", das ab 1924 erschien, ideologisch um-konzipiert und für die Hitler-Jugend adaptiert. Unter wechselnden Bezeichnungen erschien das Jahrbuch bis 1944. Ab Jahresende 1938 erschien die HJ-Zeitschrift "Das junge Reich", hervorgegangen aus der vom Wiener Volksbildungswerk seit 1935 herausgegebenen Zeitschrift "Das Jugendblatt". Die neu geschaffene Buchreihe "Die junge Ostmarkreihe" diente eindeutig der Kriegsmobilisierung und war höchst populär. Eine drohende Schließung des Verlags 1943 konnte im letzten Moment abgewendet werden, sodass der "Deutsche Verlag für Jugend und Volk" durchgehend bis zum Kriegsende existierte.

Ermittlungen der Nachkriegsjustiz gegen Walther Wiedling, der in der Ersten Republik, während der Zeit des Austrofaschismus und des Zweiten Weltkriegs sowie in der Zweiten Republik als Geschäftsführer tätig war, wurden eingestellt. Da er mit der Verlagsproduktion nicht betraut war, konnten ihm keine Verfehlungen nachgewiesen werden.

Nach 1945 dehnte der Verlag sein Programm im Bereich des Kinder- und Jugendbuchs aus, auf dem er im Weiteren seine größten Erfolge erzielte. Zu den bekanntesten Autorinnen und Autoren des Verlags zählten Karl Bruckner, Fritz Habeck, Mira Lobe und Christine Nöstlinger. Besonders starke Verbreitung fanden das Kinderlexikon "Die Kinderwelt von A bis Z" und die "Welt von A bis Z" für Jugendliche. 1952 bis 1966 wirkte Jakob Bindel als Verlagsleiter. In den 1960er und 1970er Jahren versuchte Jugend & Volk sein Programm auf anspruchsvolle literarische und künstlerische Publikationen zu erweitern; längerfristig blieben diese Sparten jedoch nur in geringerem Umfang bestehen. 1967 bis 1979 war Kurt Biak Leiter des Verlages.

In den 1970er und 1980er Jahren erschien auf dem Viennensia-Sektor die erfolgreiche Reihe der "Wiener Bezirkskulturführer", außerdem wurde mit der Herausgabe der Reihe "Wiener Heimatkunden" sowie einer mehrbändigen wissenschaftlich fundierten "Geschichte der Stadt Wien" und dem "Historischen Atlas Wien" begonnen. 1992 erfuhr Jugend & Volk seine bisher größte Strukturveränderung: im Zuge einer kontinuierlichen Privatisierung des Verlags wurde einerseits die Jugend & Volk-Schulbuch-Verlag GmbH gegründet (die den Bereich Unterrichts- und pädagogische Bücher abdeckt), andererseits wurden jene Sparten, die sich im Buchhandel als die tragfähigsten Programmteile erwiesen hatten (Kinder-, Jugend- und Sachbücher sowie Viennensia und Austriaca), mit dem Dachs-Verlag zur Jugend & Volk-Edition W.-Dachs Verlag GmbH vereinigt. Für sein Kinder- und Jugendbuchprogramm wurde Jugend & Volk mit einer Vielzahl von österreichischen und internationalen Preisen ausgezeichnet; viele Bücher sind auch in fremdsprachigen Ausgaben erschienen.

Literatur

  • Murray G. Hall: Der Deutsche Verlag für Jugend und Volk 1938-1945. In: Literatur – Politik – Kritik. Beiträge zur Österreichischen Literatur des 20. Jahrhunderts. Hg. von Harald Jele / Elmar Lenhart. Göttingen: Wallstein 2014, S. 56–76
  • Festschrift Jugend & Volk. 1921-1971. 1971, darin unter anderem Czeike: Viennensia-Literatur bei J&V, S. 87 ff.

Links