Hugo Breitner

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Hugo Breitner
Personenname Breitner, Hugo
Abweichende Namensform
Titel
Geschlecht männlich
GND
Geburtsdatum 09.11.1873
Geburtsort Wien
Sterbedatum 05.03.1946
Sterbeort Clairemont, USA
Begräbnisdatum 12.11.1950
Friedhof Urnenhain des Krematoriums
Grabstelle
Ehrengrab
Beruf Finanzpolitiker, Kommunalpolitiker
Parteizugehörigkeit Sozialdemokratische Arbeiterpartei
Religionszugehörigkeit 
Ereignis
Nachlass/Vorlass
Verkehrsfläche
Denkmal Breitnerdenkmal
Quelle Felix Czeike: Historisches Lexikon Wien, Gedenktage
Letzte Änderung am  21.04.2017 durch DYN\wolfgang j kraus
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Bildname Hugobreitner.jpg
Bildunterschrift  Hugo Breitner
Bildquelle Wienbibliothek im Rathaus, Tagblattarchiv: Fotosammlung, TF-001210
Bildrechte CC BY-NC-ND 4.0
FunktionFunktion vonFunktion bis
Amtsführender Stadtrat für Finanzwesen4 Mai 191925 November 1932
Mitglied des Wiener Gemeinderates19181933
Direktor der Länderbank19171919

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Hugo Breitner, * 9. November 1873 Wien, † 5. März 1946 Claremont, USA (Urnenhain des Krematoriums; Urne 1950 nach Wien überführt, Urnennische am 2. September 1950 ehrenhalber gewidmet), Finanzpolitiker, sozialdemokratischer Kommunalpolitiker.

Als Sohn des Börserats Moritz Breitner – einem aus Budapest nach Wien übersiedelten jüdischen Getreidehändler – geboren, besuchte Hugo Breitner 1884 bis 1890 Schulen in der Leopoldstadt und 1890 bis 1893 die Handelsakademie. Im Jahr 1894 trat Breitner als Beamter in die Österreichische Länderbank ein, wurde 1910 Prokurist, 1914 Direktor-Stellvertreter und ab 1909 einer von vier Direktoren des Bankinstituts. Diese Tätigkeit übte er bis zum Jahr 1918 aus. 1919 ließ er sich frühzeitig pensionieren, um sich ganz seinem politischen Engagement widmen zu können.

Politische Laufbahn

Breitner war als Bankbeamter 1918 der Sozialdemokratischen Partei beigetreten und hatte zuvor bereits in der Gewerkschaft der Bankbeamten eine Rolle gespielt. 1907 bis 1911 war er Vizepräsident des "Reichsvereins der Bank- und Sparkassenbeamten Österreichs", durch den eine schlagkräftige gewerkschaftliche Organisation entstand, und Redakteur der Vereinszeitschrift "Der österreichische Bankbeamte", die sich unter seiner Leitung zu einem ausgezeichnet redigierten Kampf- und Fachorgan entwickelte. Ab Mitte 1918 beschäftigte er sich eingehend mit der Entwicklung der kommunalen Finanzen; im Dezember 1918 wurde Breitner Mitglied der provisorischen Wiener Gemeindevertretung, am 4. Mai 1919 wurde er Stadtrat für Finanzen. Im Budgetvoranschlag für das Rechnungsjahr 1919/1920 zeichneten sich erste Ansätze einer veränderten Finanzpolitik ab.

Breitner arbeitete ein völlig neues Steuersystem aus, dessen Grundgedanke in einer nach dem Lebensaufwand gestaffelten Heranziehung der einzelnen Bevölkerungsschichten zur Steuerleistung lag; die direkte Städtische Luxussteuer trat an die Stelle der indirekten Massensteuer. Breitner vertrat die Auffassung, dass jene Menschen, denen "eine gute Auslandsvaluta oder leichter Gelderwerb Vergnügungen in einer Zeit ermöglicht, in der die Massen von bittersten Sorgen gequält sind, zu den schweren Lasten der Gemeinde entsprechend beitragen"[1]. Am 1. Februar 1923 wurde eine zweckgebundene Wohnbausteuer beschlossen, die es ermöglichte, ein umfassendes kommunales Wohnbauprogramm einzuleiten (erstes Wohnbauprogramm 1923, Zwischenprogramm 1926, zweites Wohnbauprogramm 1927), durch welches (unter zusätzlicher Verwendung von Mitteln aus dem ordentlichen Budget) bis 1933 über 63.000 Wohnungen erbaut werden konnten. Es ist das bleibende Verdienst Breitners, dass er die Finanzen der Stadt Wien nach dem Zusammenbruch und der Inflation auf neue Grundlagen gestellt und eine von sozialen Gesichtspunkten geleitete kommunale Finanz-, Wirtschafts- und Sozialpolitik (Fürsorge- und Gesundheitsreformen Julius Tandlers) ermöglicht hat.

Von den politischen Gegnern der Sozialdemokratie wurde Breitner massiv angefeindet, als "Vampir" oder gar "Menschentöter" punziert[2]. Ernst Rüdiger Starhemberg, 1930 kurzzeitig Innenminister im Kabinett Carl Vaugoin, verstieg sich 1930 auf einer Kundgebung der Heimwehren am Wiener Heldenplatz gar zur Behauptung: "Erst wenn der Kopf dieses Asiaten in den Sand rollt, wird der Sieg unser sein!"[3][4]

1924 veröffentlichte er die Broschüre "Die Finanzpolitik der Gemeinde Wien". Ab 1929 geriet die städtische Finanzverwaltung unter dem Druck des Bundes (der im Rahmen des Finanzausgleichs die Ertragsanteile verringerte und in der Folge das System auch durch die Beeinspruchung von Steuern sowie Maßnahmen, die auf dem Kriegswirtschaftlichen Ermächtigungsgesetz von 1917 basierten, schwer beeinträchtigte) in beträchtliche Schwierigkeiten. Breitner war über seinen unmittelbaren Aufgabenbereich der Modernisierung und Reformierung der inneren Finanzverwaltung hinausgehend Initiator einer unüberblickbaren Zahl von Maßnahmen der sozialdemokratischen Gemeindeverwaltung, die in ihrer Gesamtheit zu einer Verbesserung des Lebensstandards, aber auch zu gesellschaftspolitischen Veränderungen und sozialen Umverteilungen führten. Bedeutende finanzielle Mittel stellte Breitner beispielsweise für die sozialdemokratische Kulturpolitik der Stadt Wien zur Verfügung – mit dem Ziel, qualitativ hochwertige Kunst und Musik einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Dazu zählten insbesondere die Subventionierung der so genannten "[[Sozialdemokratische Kunststelle|Sozialdemokratischen Kunststellen" zur Bereitstellung billiger Konzert- und Theaterkarten, die direkte Subventionierung von Künstlervereinigungen (von Arbeitergesangsvereinen bis zu den Wiener Philharmonikern) oder die Einführung der Wiener Festwochen. Auch die individuelle Künstlerförderung erfuhr eine entscheidende Ausweitung.

Rücktritt, Haft und Emigration

Am 25. November 1932 schied Breitner aus Gesundheitsrücksichten aus seinem Amt als Stadtrat. Nach Auskunft seiner Ehefrau Therese Breitner hatte er nahezu unermüdlich im Amt gewirkt: "Sein Tag begann um 6 Uhr früh. Mit Unterbrechung einer halbstündigen Mittagspause und für das Abendessen arbeitete er täglich – Sonn- und Feiertage eingeschlossen, bis spät in die Nacht."[5] 1933 legte Hugo Breitner auch sein Gemeinderatsmandat zurück. Am 12. Februar 1934 wurde Breitner im Zuge der Februarkämpfe verhaftet und erst nach mehrwöchiger Haft wieder freigelassen. Zum Zeitpunkt des "Anschlusses" Österreichs an das Deutsche Reich befand sich Breitner auf einem Kuraufenthalt in Florenz. Von dort emigrierte er mit seiner Familie nach einem Zwischenaufenthalt in Paris in die USA, wo er sich in Claremont (Kalifornien) niederließ. Breitner blieb nicht untätig, sondern hielt an der Universität Vorlesungen zur Finanzpolitik, publizierte Fachartikel und nahm vereinzelte Aufträge als Buchhalter an. Nach 1945 trug er Karl Seitz brieflich seine Bereitschaft zur Rückkehr nach Wien und zur Mitarbeit am Wiederaufbau der Stadt an: "Ich strebe keinen bestimmten Posten an, ich lege auf Titel nicht den geringsten Wert. Ich beanspruche keine Zahlung."[6] Mitten in den Vorbereitungen zur Rückkehr nach Wien verstarb Hugo Breitner im März 1946 in Kalifornien.

Ehrungen

Sein Andenken wird durch die "Hugo-Breitner-Gesellschaft zur Förderung des künstlerischen Nachwuchses" geehrt (Breitner hatte zeitlebens auch eine starke persönliche Bindung zu vielen Sparten der Kunst und Kultur).

Siehe auch

Werke

  • Kapitalistische oder sozialistische Steuerpolitik – wer soll die Steuern bezahlen? Wien: Landesorganisation Wien der Sozialdemokratische Partei Österreichs 1926
  • Seipel-Steuern oder Breitner-Steuern? Die Wahrheit über die Steuerpolitik der Gemeinde Wien. Wien: Verlag der Wiener Volksbuchhandlung 1927
  • Österreich und die Schweiz – Vergleich und Ausblick. London: Londoner Büro der Österreichischen Sozialisten 1944

Quellen

Literatur

  • Karl Ausch: Hugo Breitner. In: Norbert Leser [Hg.]: Werk und Widerhall. Große Gestalten des österreichischen Sozialismus. Wien: Verlag der Wiener Volksbuchhandlung 1964, S. 97 ff.
  • Biographisches Handbuch der deutschsprachigen Emogration nach 1933-1945 / International Biographical Dictionary of Central European Emigrés 1933-1945. Hg. vom Institut für Zeitgeschichte / Research Foundation for Jewish Immigration, New York in Zusammenarbeit mit Werner Röder und Herbert A. Strauss. Band 1: Politik, Wirtschaft, Öffentliches Leben. Bearbeitet von Dieter Marx Schneider und Louise Forsyth. München [u.a. ]: De Gruyter Saur 1980
  • Felix Czeike: Wirtschafts- und Sozialpolitik der Gemiende Wien 1919-34. In: Wiener Schriften 6 (1958)
  • Felilx Czeike: Wien und seine Bürgermeister. sieben Jahrhunderte Wiener Stadtgeschichte. Wien [u.a.]: Jugend und Volk 1974, Register
  • Felix Czeike: Wirtschafts- und Sozialpolitik der Gemeinde Wien 1919-1934, I. und II. Teil. Wien: Verlag für Jugend & Volk 1958 und 1959
  • Bernhard Denscher: "Hinaus mit dem Asiaten aus Wien!" Hugo Breitner - Zielscheibe politischer Haßtiraden in den Wahlkämpfen von 1927 und 1930. In: Wien aktuell magazin 8-9 (1978), S. XXXVI ff.
  • Wolfgang Fritz: "Der Kopf des Asiaten Breitner". Politik und Ökonomie im Roten Wien, Hugo Breitner - Leben und Werk. Wien: Löcker Verlag 2000
  • Das Jahrbuch der Wiener Gesellschaft. Biographische Beiträge zur Wiener Zeitgeschichte. Hg. von Franz Planer. Wien: F. Planer 1929
  • Gerhardt Kapner: Freiplastik in Wien. Wien [u.a.]: Jugend & Volk 1970, S. 341
  • Hugo Kaudelka: Hugo Breitner. In: Wiener Schriften 4 (1956), S. 166 ff.
  • Wolfgang Maderthaner: Hugo Breitner, Julius Tandler – Architekten des Roten Wien. Wien: VGA-Dokumentation 1997
  • Alfred Magaziner: Die Wegbereiter. Aus der Geschichte der Arbeiterbewegung. Wien: Volksbuchverlag 1975, S. 136 ff.
  • Jean Maitron / Georges Haupt [Hg.]: Dictionnaire biographique du mouvement ouvrier international. Band 1: Autriche. Paris: Éditions Ouvrières 1971
  • Hans Markl: Kennst du die berühmten letzten Ruhestätten auf den Wiener Friedhöfen? Band 1: Zentralfriedhof und Krematorium (Urnenhain). Wien: Pechan 1961, S. 161
  • Neues Österreich, Arbeiter-Zeitung, 07.03.1946
  • Österreichisches Biographisches Lexikon 1815–1950. Hg. von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Wien: Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften / Wien/Graz: Böhlau 1954-lfd.
  • Franz Patzer: Der Wiener Gemeinderat. In: Wiener Schriften 15 (1961), Register
  • Norbert Polzer: Der Kunstliebhaber und Kunstförderer Hugo Breitner und die Hugo-Breitner-Gesellschaft. In: Wiener Geschichtsblätter 42 (1987), S. 1 ff.
  • Rathaus-Korrespondenz, 03.03.1956, 02.03.1971
  • Gerhard Reisinger: Die Finanzpolitik Hugo Breitners. Entstehung und Ausformung des neuen Wiener Steuersystems in der ersten Republik. Wien: Univ.-Dissertation 1990
  • Maren Seliger / Karl Ucakar: Wien. Politische Geschichte 1896 - 1934. Wien: Jugend & Volk 1985 (Geschichte der Stadt Wien, 2), Register
  • Herwig Würtz: Hugo Breitner. 70 Jahre Plakatsammlung der Wiener Stadt- und Landesbibliothek. Wien: Wiener Stadt- und Landesbibliothek 1993.

Links

Einzelnachweise

  1. Arbeiter‐Zeitung, 1.1.1922, S. 1‐3
  2. Bernhard Denscher: "Hinaus mit dem Asiaten aus Wien!" Hugo Breitner – Zielscheibe politischer Haßtiraden. In: Wien aktuell 8‐9/1978, XXXVI f.
  3. Neue Freie Presse, 5.10.1930, S. 11: Die gestrige Heimwehrkundgebung auf dem Heldenplatz
  4. Arbeiter-Zeitung, 5.10.1930, S. 1: Um die Freiheit!
  5. Zit. nach Wolfgang Maderthaner: Hugo Breitner, Julius Tandler – Architekten des Roten Wien. Wien: VGA‐Dokumentation 1997, S. 8
  6. Zit. nach ebd., S. 12