Glücksspiel

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Quelle Felix Czeike: Historisches Lexikon Wien
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Glücksspiel. Aus historischer Sicht unterscheidet man zwischen diversen Ausspielungen (zumeist Warenausspielungen; Glückshafen), Lotterien (Klassenlotterie), dem Zahlenlotto („Kleines Lotto", „6 aus 45") und den übrigen Glücks- beziehungsweise Hasardspielen (Würfel, Karten, Roulette und so weiter). Geld- und Zufallsspiele dieser Art bilden seit dem Mittelalter einen Gegenstand legislatorischer Reglementierung, die zwischen Toleranz, Privilegierung und Verbot pendelte. Während Spiele „um Kurtzweil" meist geduldet wurden, suchte die Obrigkeit die gewinnorientierten hohen Geld- und Glücksspiele zugunsten der Tugenden Arbeit, Fleiß und Sparsamkeit zu unterdrücken. Rudolf II. wollte 1597 „alles Herren- und Dienstlose, Gesinde, Banditen und Spieler, so dem Müßiggang und freyen Leben nachgehen, von der Stadt, auch Vorstädte, und dem Burgfrid weg geschaffet" haben. Großen Zuspruch beim „gemeinen Mann" fanden im 17. Jahrhundert auf Jahrmärkten, Kirchtagen und öffentlichen Plätzen die „romanischen Kugln" und Drehwürfel sowie das sogenannte Prenten-Spiel. Am 12. Oktober 1696 verbot Leopold I. mittels Verordnung das Karten- und Glücksspiel um hohe Einsätze. Teilweise vom Magistrat oder Hof an Private, die ein lukratives Geschäft erwarteten, in Konzession vergeben, wurden sie später wegen ihres Überhandnehmens und der damit verbundenen Betrügereien immer wieder verboten. Quer durch alle Bevölkerungsschichten, privat wie in Gast- und Kaffeehäusern, gab es die verschiedensten Glücksspiele, deren der Staat im Laufe des 18. und 19. Jahrhunderts durch eine stattliche Zahl von Patenten (unter anderem „Codex Austriacus"), Moralisten und Prediger (beispielsweise Abraham a Sancta Clara) durch Verteufelung oder Aufklärung Herr zu werden suchten. Wer ein hohes Spiel riskiere, hieß es andererseits, finde sogar ohne Adelstitel Zugang in hocharistokratische Kreise.

Bis in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts gehörte das Glücksspiel zum Standardrepertoire der Alltagsgestaltung am Wiener Hof; unter Maria Theresia, die selbst oft und gern ein großes Spiel spielte, wurde 1747 dem Entrepreneur der kaiserlichen Hofoper, Rochus Freiherr von Lopresti, die Erlaubnis zur Abhaltung verbotener Spiele eingeräumt; 1759 begann die systematische Nutzung des Pharo-Spiels nach italienischem Vorbild zur (erfolgreichen) Abwendung des finanziellen Zusammenbruchs des Hofburgtheaters. 1751 wurde das Lotto eingeführt. 1765 fand mit dem Tod Franz' I. dieses Intermezzo und die Glücksspiele bei Hof ein Ende. Das um diese Zeit erschienene Buch „Die Kunst..., die Welt mitzunehmen, in den verschiedensten Arten der Spiele" (1756) gibt Einblick in die Vielfalt der damals bekannten Glücksspiele (Karten- und Brettspiele und so weiter). 1785 nahm Joseph Richter in seiner „Bildergalerie weltlicher Mißbräuche" am Ausmaß der um sich greifenden Spielleidenschaft Anstoß. Am 21. Oktober 1787 erließ Joseph II. ein Lotteriepatent, durch das das Glücksspiel des „kleinen Mannes", das „Lotto di Genova", geregelt wurde (Lotto). Die vor dem Linienwall aufgestellten Würfeltische und andere Spielbuden waren zumeist an Sonn- und Feiertagen Treffpunkte vor allem der unteren Schichten der Bevölkerung.

Vom Ende des 18. Jahrhunderts bis zur Revolution 1848 fanden hier (beispielsweise auf der Schmelz) immer wieder Polizeirazzien gegen die Spielhalter statt. Mit Protektion des französischen Militärs etablierten sich 1809 zwei öffentliche Spielbanken: die kleinere in der Singerstraße im Geigerischen Casino, die bedeutendere und mit dem meisten Aufsehen verbundene am Neuen Markt 12 (Ecke Plankengasse, später Cafe Leibenfrost).Bis zum Friedensschluss wurde hier, wie Joseph Richter in seinen „Eipeldauer-Briefen" berichtet, unter „schrecklichen Zulauf“ „Rouge et Noir" gespielt. Am 12. März 1813 wurde das Staatslottowesen von Franz I. gesetzlich neu geregelt („Lottopatent"). 1871 wurde das Glücksspiel zwar eingeschränkt, aber nicht aufgehoben.

Am 3. Jänner 1913 (Reichsgesetzblatt 94/1913) führte man die Klassenlotterie, am 18. Dezember 1948 (Bundesgesetzblatt 55/1949) das Sport-Toto (1. Wettbewerb 23. Oktober 1949), 1953 das Pferde-Toto (eingestellt 1967), am 1. Oktober 1980 die Brieflotterie (am 1. Oktober 1990 in die Österreichische Lotto-Toto-Gesellschaft aufgenommen) und am 6. Juni 1986 (Bundesgesetzblatt 292/1986) das Lotto „6 aus 45" (erster Wettbewerb 7. September 1986) ein. Die Rechtsgrundlage für das Glücksspielmonopol stellt das 1962 beschlossene Glücksspielgesetz dar (Bundesgesetzblatt 169/1962). Mit der Neufassung des Glücksspielgesetzes von 28. November 1989 (Bundesgesetzblatt 620/89) wurde der Glücksspielmarkt in Österreich neu geordnet. Per 1. Jänner 1990 übertrug das Bundesministerium für Finanzen die Konzession zur Durchführung von Zahlenlotto und Brieflotterie, per 1. Mai 1990 auch der Klassenlotterie, auf die Dauer von 15 Jahren der Österreichischen Lotto-Toto-Gesellschaft; die Österreichische Glücksspielmonopolverwaltung beschränkt sich seit diesem Zeitpunkt auf ihre hoheitlichen Aufgaben als Aufsichtsbehörde. 1961 wurde im „Le Palais" (4) das erste Wiener Spielcasino eröffnet (seit 1968 im Esterházypalais [1]; Casinos Austria). Das Glücksspielangebot in den Casinos wurde stetig erweitert: Glücksrad 21. Juni 1988; Seven Card Stud Poker 7. Dezember 1988; Red Dog 1. Juli 1990; Sic Bo (Würfelspiel) 1. Juli 1991. Am 18. März 1993 startete im ORF das Glücksspiel „Ambo Terno".

Literatur

  • Manfred Zollinger: Banquiers und Pointeurs. Geschichte des Glücksspiels vom 18. bis zum 20. Jahrhundert. Diss. Univ. Wien. Wien 1990
  • Manfred Zollinger: Das Glücksspiel in Wien im 18. Jahrhundert. In: Homo ludens. Internationale Beiträge des Institutes für Spielforschung und Spielpädagogik der Universität Mozarteum Salzburg. Band 1. München / Salzburg: Katzbichler 1991
  • Edith Saurer: Straße, Schmuggel, Lottospiel. Materielle Kultur und Staat in Niederösterreich, Böhmen und Lombardo-Venetien im frühen 19. Jahrhundert. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1989
  • Briefmarkenabhandlung der Postdirektion anläßlich des Erscheinens der „200 Jahre Glücksspielmonopol" (1987)
  • Casinos Austria AG: Jahresbericht 1990. Wien: Selbstverlag 1991, S. 4 ff., 11 f.