Fritz von Herzmanovsky-Orlando

Aus Wien Geschichte Wiki
Wechseln zu: Navigation, Suche
Personenname Herzmanovsky-Orlando, Fritz von
Abweichende Namensform Herzmanovsky-Orlando, Friedrich von
Titel Ritter
Geschlecht männlich
GND
Geburtsdatum 30.04.1877
Geburtsort Wien
Sterbedatum 27.05.1954
Sterbeort Schloß Rametz bei Meran
Begräbnisdatum
Friedhof
Grabstelle
Ehrengrab
Beruf Schriftsteller, Graphiker, Architekt
Parteizugehörigkeit
Religionszugehörigkeit 
Ereignis
Nachlass/Vorlass Brenner-Archiv
Verkehrsfläche Herzmanovsky-Orlando-Gasse
Denkmal
Quelle Felix Czeike: Historisches Lexikon Wien, Gedenktage
Letzte Änderung am  28.07.2015 durch DYN\elwu
Export RDF-Export (Resource Description Framework) RDF


Es wurden noch keine Funktionen zu dieser Person erfasst!

Es wurden noch keine Auszeichnungen zu dieser Person erfasst!

Art der AdresseBezirkStraßeHausnummer
Geburtsadresse4Schwindgasse12
Wirkungsadresse5Wehrgasse22
NameVerwandtschaftsgrad
Maria Carmen SchulistaGattin

Es wurden noch keine Beziehungen zu dieser Person erfasst!

Fritz (Friedrich) Ritter von Herzmanovsky-Orlando (Namens- und Adelsvereinigung durch Erlass des Ministerium des Inneren vom 1. März 1918), * 30. April 1877 Wien 3, Marokkanergasse 3, † 27. Mai 1954 Schloss Rametz bei Meran, Südtirol, Architekt, Graphiker, Schriftsteller, Gattin (25. Februar 1911) Carmen (eigentlich Maria Elisabeth (Irma) Schulista (* 17. Jänner 1891 Budapest, † 1. April 1962 Innsbruck).

Der Sohn des Mininisterialrats Dr. Emil Ritter von Herzmanovsky und der Luise Edlen von Orlando besuchte 1887-1896 das Theresianum und zeigte bereits in 1890er Jahren künstlerisches Talent in Zeichnungen, Holzschnitten und Radierungen. 1896-1903 studierte er Architektur an der Technischen Hochschule Wien.

Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts lernte Herzmanovsky-Orlando Karl Wolfskehl, Oskar A. H. Schmitz, Gustav Meyrink, Alfred Kubin und den Linzer Sammler und Kulturhistoriker Anton Maria Pachinger kennen, mit denen ihn lebenslange Freundschaft verband. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs bemühte er sich etwa um die Rückkehr Wolfskehls aus dem neuseeländischen Exil.


Architektonisches, bildnerisches und literarisches Werk

Zu den architektonischen Werken Herzmanovsky-Orlandos zählen 5, Viktor-Christ-Gasse 9 (1905/1906), 5, Wehrgasse 22 (1910, gemeinsam mit Fritz Keller) und 18, Czartoryskigasse 5 und 7 (1912). Die Architektur der Gebäude ist von schlichter Eleganz. Friedrich Achleitner bezeichnete das Haus Wehrgasse 22 als "für 1910 ungewöhnlich streng, eher eine Vorwegnahme des Purismus der zwanziger Jahre".[1]

1916 beendete Herzmanovsky-Orlando seine Tätigkeit als Architekt und in der Zentralkommission für Denkmalpflege und übersiedelte 1917 aus gesundheitlichen Gründen nach Meran, wo er als Privatier seine Doppelbegabung auslebte. Hier entstanden neben einem umfassenden graphischen Oeuvre mit surrealistischen Zügen literarische Werke, wie die Roman-Trilogie "Der Gaulschreck im Rosennetz", "Rout am Fliegenden Holländer" und "Das Maskenspiel der Genien" sowie die Novellen "Der Kommandant von Kalymnos" oder "Cavaliere Huscher".

Zahlreiche Erzählungen widmen sich dem anekdotischen Umfeld seines Bekanntenkreises ("Dem Andenken der großen Naiven Stella Hohenfels", "Don Carlos", "Kleine Geschichten um Gustav Meyrink", "Beethovens letzte Magd" und andere). Formale Überlegungen ließen Herzmanovsky-Orlando, dessen Werk sich insgesamt schwer literarischen Gattungen zuordnen lässt, Prosatexte auch als Dramen gestalten. So fand "Der Kommandant von Kalymnos" eine Neugestaltung als Opernlibretto "Die Krone von Byzanz"; der Novelle "Apoll von Nichts" entspricht das Drama "Exzellenzen ausstopfen - ein Unfug". Weitere Dramen sind "Die Prinzessin von Cythera", "Kaiser Joseph und die Bahnwärterstochter", "'s Wiesenhendl' oder Der abgelehnte Drilling" und "Prinz Hamlet der Osterhase oder 'Selawie' oder Baby Wallenstein". Freundschaften mit Schauspielern und Tänzerinnen ließen neben Dramen auch Ballette entstehen ("Youghiogheni", "Abduhenendas mißratene Töchter" unter anderen).

Die Schwerpunkte im Werk sind Matriarchats- und Androgynitätsmythos, hauptsächlich aber spielerischer Eklektizismus historischer Phänomene in Kompilationen zahlreicher Exzerpte entlegenster wie abstrusester Quellen. Nicht historische Abläufe werden nachgezeichnet, sondern ein vielschichtiges Resümee vieler vergangener Jahrhunderte konzentriert sich zum Schlusspunkt einer österreichischen Vergangenheit, die dem Autor 1918 zu Ende schien. Zwar hatte er sich gegen Ende der Monarchie – unter Vorbehalten – mit Ariosophie beschäftigt, doch gewannen zunehmend surrealistische und anarchistische Tendenzen Raum. Damit verweist sein Werk formal und inhaltlich in die Avantgarde ("Avantgardist malgré lui", Schmidt-Dengler). Markantes Merkmal ist die Bildhaftigkeit des literarischen Werks, in dem sich die Ideenwelt seiner Graphik widerspiegelt.


Editionen

Zu Lebzeiten des Autors blieben sämtlichen Texten mit Ausnahme des "Gaulschrecks" (1928) und des "Kommandanten von Kalymnos" (Privatdruck 1926) ein Erscheinen in der Öffentlichkeit versagt, was neben dem Fragmentcharakter als ästhetische Kategorie eine gewisse Unabgeschlossenheit der meisten Werke bedingte. Friedrich Torbergs Bearbeitung in den 1950er Jahren ließ durch massive quantitative und qualitative Eingriffe "herzmanovskysch" zu dem werden, was es im Sprachgebrauch bis heute bedeutet: Chiffre für Verkauztes und Grotesk-Komisches (Gesammelte Werke, vier Bände, München 1957-1963). Die ab 1983 edierte kommentierte Ausgabe "Sämtlicher Werke" (in zehn Bänden herausgegeben im Auftrag des Forschungsinstituts Brenner-Archiv) und die vierbändige Prosa-Ausgabe präsentieren das originale Oeuvre des umfassend gebildeten Autors.


Haltung des Autors zum Nationalsozialismus

Laut Abschlussbericht der im Auftrag der Universität Wien und der Stadt Wien eingesetzten "Forschungsgruppe zur Untersuchung und Kontextualisierung der Benennung der Wiener Straßennamen seit 1860" war Fritz von Herzmanovsky‐Orlando ab 1932 Mitglied der NSDAP.[2]
Peter Autengruber, Mitautor des Kommissionsberichts, vermerkte in "Umstrittene Wiener Straßennamen" zudem, dass Herzmanovsky-Orlandos schriftstellerisches Œuvre "von rassistischen und antisemitischen Passagen gereinigt" wurde.[3]

Abgesehen davon, dass sich im Originalwerk weder rassistische noch antisemitische Äußerungen finden, ist der im Bericht angeführte "Beweis" einer Mitgliedschaft nicht mehr als eine Anfrage des Gauschatzmeisters der NSDAP-Auslands-Organisation, ob der Autor, der sich nicht in der Kartei der Auslands-Organisation der NSDAP verzeichnet fände, vielleicht in der Reichskartei aufscheine.[4]

Im penibel geführten Haushaltsbuch der Gattin des Autors sind im Jahr 1943 tatsächlich vier Zahlungen von Mitgliedsbeiträgen an die NSDAP-Ortsgruppe Malcesine verzeichnet. [5] Eine Mitgliedschaft ab 1932 ist aber ebenso zu hinterfragen, wie eine tatsächliche Mitgliedschaft. Die Äußerungen dazu vom Autor selbst sind mit Vorbehalten aufzunehmen. Er suchte sich stets nach allen Seiten abzusichern. Erkennbar ist, dass er sich bedroht fühlte: Die Familie des Autors wurde nicht nur 1912 im "Weimarer historisch-genealogisches Taschenbuch des gesamten Adels jehudäischen Ursprunges" ("Semi-Gotha") angegriffen.

1933 war in einer Leipziger Zeitung unter der Schlagzeile "Ausländer bewuchern Gastwirte" ein auf den als jüdisch interpretierten Namen Herzmanovsky bezogener Artikel erschienen. Die Schutzbehauptung des Autors, er "stehe seit Jahren im Kampfe für die nationalsozialistische Bewegung […]"[6] sollte vermutlich die Miethäuser in Leipzig schützen, auf deren Einnahmen der Autor – der während der Kriegsjahre keinen Zugriff auf seine Schweizer Bankkonten hatte – existenziell angewiesen war.

Die uneheliche Geburt seiner Frau und die entsprechende Lücke im Ariernachweis werden wohl ebenso ein Makel gewesen sein. Der Briefverkehr verzeichnet mehrmals eine Vorladung Carmens im Dezember 1943 bei der Ortskommandantur Malcesine aufgrund einer Denunziation.

Ab 1939 bemühte er sich um die honduranische Staatsbürgerschaft. 1940 war er nach Malcesine auf italienisches Staatsgebiet ausgewichen, von wo er erst 1949 nach Meran zurückkehrte. Am 4. Dezember 1943 wurden zwei der drei Leipziger Häuser durch Bomben vollständig zerstört. Auch die Villa der Familie in Rindbach bei Ebensee wurde geplündert. Nach Einquartierung einer achtköpfigen Familie aus Wuppertal 1943 zogen Hans Kammler[7] und das SS-Kommando des Lagers Ebensee ein, nach Kriegsende die amerikanische Besatzung. Nach dem Krieg versuchte der Autor allerlei Geschäfte, saß mehrfach Betrügern auf, und hatte damit ebenso wenig Erfolg wie mit der Vermarktung seines Werkes.

Tragen die persönlichen Briefe des Autors Züge von Opportunismus, aus dem Bestreben, seine Frau und sich zu schützen und um Anerkennung als Schriftsteller zu erhalten, so ist ihm doch letztere sein Leben lang verwehrt geblieben, was gewiss nicht an der Qualität des Werk liegt, eher an den Kriterien von Kunst seiner Zeit.

Nachlass im Brenner-Archiv (Innsbruck) und in der Handschriftensammlung der Österreichischen Nationalbibliothek (Wien).


Herzmanovsky-Orlando-Gasse


Literatur

  • Peter Autengruber, Lexikon der Wiener Straßennamen. Bedeutung, Herkunft, frühere Bezeichnungen. Wien: Pichler Verlag 2014, 9. Auflage, S. 132
  • Peter Autengruber / Birgit Nemec / Oliver Rathkolb / Florian Wenninger: Umstrittene Wiener Straßennamen. Ein kritisches Lesebuch. Wien: Pichler Verlag 2014, S. 182 f.
  • Peter Autengruber / Birgit Nemec / Oliver Rathkolb / Florian Wenninger: Forschungsprojektendbericht "Straßennamen Wiens seit 1860 als 'Politische Erinnerungsorte'". Wien 2013
  • Alfred Barthofer: Das Groteske bei Fritz von Herzmanovsky-Orlando. Diss. Univ. Wien. Wien 1965
  • Otto F. Beer: Der schwarzgelbe Surrealist. In: Bühne 10 (1991), S. 67 ff., 70 f.
  • Barbara Bronnen: Fritz von Herzmanovsky. Original und Bearbeitung. Diss. Univ. München. München 1965
  • Ilse Chlan: Fritz von Herzmanovskys "Der Kommandant von Kalymnos" und "Die Krone von Byzanz". Versuch einer Edition. Diss. Univ. Wien. Wien 1982
  • Bernhard Fetz / Klaralinda Ma / Wendelin Schmidt-Dengler [Hg.], Phantastik auf Abwegen. Fritz von Herzmanovsky-Orlando im Kontext. Essays, Bilder, Hommagen. Wien-Bozen: Folio Verlag 2004 (Transfer 58. Österreichisches Literaturarchiv – Forschung 7)
  • Monika von Gagern: Ideologie und Phantasmagorie Fritz von Herzmanovskys. Diss. Univ. München. München 1972
  • Murray G. Hall / Gerhard Renner [Hg.]: Handbuch der Nachlässe und Sammlungen österreichischer Autoren. Wien [ u.a.]: Böhlau 1992 (Literatur in der Geschichte, Geschichte in der Literatur, 23)
  • Fritz von Herzmanovsky-Orlando: Gesammelte Werke. Hrsg. und bearbeitet von Friedrich Torberg. München: Langen-Müller Verlag 1957-1963
  • Fritz von Herzmanovsky-Orlando: Sämtliche Werke in 10 Bänden. Hrsg. im Auftrag des Brenner-Archivs Innsbruck. Wien-Salzburg: Residenz Verlag 1983-1994
  • Fritz von Herzmanovsky-Orlando. Prosa. Ausgewählte Werke in vier Bänden. Hrsg. von Klaralinda Ma-Kircher. St. Pölten [u.a.]: Residenz Verlag 2004-2013
  • Susanna Höpfel-Goldberg: Fritz von Herzmanovsky-Orlandos Roman "Maskenspiel der Genien". Studien zu den Grundlagen einer Edition. Diss. Univ. Innsbruck. Innsbruck 1979
  • Klaralinda Kircher: Fritz von Herzmanovsky-Orlandos "Kaiser Joseph II. und die Bahnwärterstochter". Versuch einer historisch-kritischen Edition. Diss. Univ. Wien. Wien 1979
  • Manfred Kopriva / Ernst Hilger [Hg.]: Fritz von Herzmanovsky Orlando. 8 Bände. Salzburg: Galerie Altnöder 1984-1997
  • Manfred Kopriva [Hg.]: Forscher im Zwischenreich. Der Zeichner Fritz von Herzmanovsky-Orlando. St. Pölten [u.a.]: Residenz Verlag 2012
  • Klaralinda Ma-Kircher: Fritz von Herzmanovsky-Orlando, "Kaiser Joseph und die Bahnwärterstocher" und "Die Prinzessin von Cythera", in: Bernhard Fetz / Klaus Kastberger [Hg.]: Der literarische Einfall. Über das Entstehen von Texten. Wien: Zsolnay, 1998. (Profile. Magazin des österreichischen Literaturarchivs 1/1998)
  • Klaralinda Ma-Kircher, "… eine geradezu unerhörte Geschichte". Anmerkungen zu einer "anderen Geschichte" bei Fritz von Herzmanovsky-Orlando, in: Jahrbuch des Vereins für Geschichte der Stadt Wien 52/53, 1996/97, S. 179-194
  • Helmut Olles [Hg.]: Literaturlexikon 20. Jahrhundert. Band 2: Goytisolo, Juan - Nebel, Gerhard. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1971
  • Hubert Reitterer: Österreichische Geschichte im Werk von Fritz von Herzmanovsky. Wien: Institut für Österreichkunde 1986 (Österreich in Geschichte und Literatur, 30), S. 275 ff.
  • Wendelin Schmidt-Dengler: Kristallhafte Vorgänge. Zu Herzmanovsky-Orlandos "Cavaliere Huscher". In: Wort in der Zeit 9 (1964), S. 38 ff.
  • Wilhelm Schmidt-Dengler: Groteske und geordnete Wirklichkeit. Anmerkungen zur Prosa Herzmanovsky-Orlandos. Wien: Institut für Österreichkunde 1970 (Österreich in Geschichte und Literatur, 14), S. 191-201
  • Astrid Wallner: Allotria in artibus. Antike Mythologie bei Fritz von Herzmanovsky-Orlando. Diss. Univ. Wien. Wien 1990

Einzelnachweise

  1. Friedrich Achleitner, Österreichische Architektur im 20. Jahrhunder, Band 3/1, Salzburg-Wien 1990, S. 176
  2. Peter Autengruber / Birgit Nemec / Oliver Rathkolb / Florian Wenninger: Forschungsprojektendbericht "Straßennamen Wiens seit 1860 als 'Politische Erinnerungsorte'". Wien 2013, S. 260
  3. BArch, PK E0174, zitiert nach Peter Autengruber, in: Peter Autengruber / Birgit Nemec / Oliver Rathkolb / Florian Wenninger: Umstrittene Wiener Straßennamen. Ein kritisches Lesebuch. Wien: Pichler Verlag 2014, S. 183
  4. BArch, PK E0174, zitiert nach Peter Autengruber, in: Peter Autengruber / Birgit Nemec / Oliver Rathkolb / Florian Wenninger: Umstrittene Wiener Straßennamen. Ein kritisches Lesebuch. Wien: Pichler Verlag 2014, S. 183
  5. Nachlass Herzmanovsky-Orlando, Brenner-Archiv Innsbruck.
  6. Brief des Autors an die Staatsanwaltschaft Leipzig vom 29.3.1933, Brenner-Archiv Innsbruck. – Als Indizien für das Nicht-Vorliegen einer Registrierung können die wiederholten und erfolglosen Bemühungen seines Verwalters Rudolf Frohberg um Klärung in Sachen NSDAP-Mitgliedschaft gewertet werden.
  7. Karl Fiebinger an den Bürgermeister von Ebensee Hermann Heißl vom 1. 8. 1944, Brenner-Archiv Innsbruck.