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Mitschrift

Moderatorin: Meine sehr geehrten Damen und Herren, ich darf Sie ganz herzlich begrüßen, zur Verleihung des Paul-Watzlawick-Ehrenrings 2020 im Rahmen der Wiener Vorlesungen, dem Wissenschaftsformat der Stadt Wien.
Dieses Format steht für Humanismus, für Vernetzung von Menschen und Perspektiven und stellt junge Talente in den Vordergrund. Der Paul-Watzlawick-Ehrenring ist eine Initiative der Ärztekammer Wien, um interdisziplinäre Dialoge unter den Wissenschaften zu fördern. Er wird heuer zum elften Mal verliehen. Im vergangenen Jahr bekam den Ehrenring die deutsche Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot für ein leidenschaftliches Plädoyer für Europa. In diesem Jahr - und damit verrate ich kein Geheimnis - bekommt den Ehrenring Professor Robert Pfaller. Aber zunächst darf ich die Gastgeberin der Veranstaltung ankündigen. Ich darf Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler zum Rednerpult bitten.
Veronica Kaup-Hasler: Einen schönen guten Abend, meine Damen und Herren! Es ist für mich eine ganz besondere Freude, heute bei Ihnen zu sein, wenn auch für die allermeisten virtuell, digital übertragen und nicht analog, wie wir die Wiener Vorlesungen kennen und sie auch genießen: Im Zusammensein, im Teilen von Räumen.
Ich freue mich sehr, dass es nun einen neuen "Herrn der Ringe" gibt - oder des Ringes. Robert Pfaller, den sehr vieles mit Paul Watzlawick verbindet. Ein tiefgründiger Humor, ein lustvolles Interesse an Sprache und Denken, eine analytische Fähigkeit, Paradoxien unserer Zeit zu benennen. Gerade die Frage der Lustfeindlichkeit bei koffeinarmen Getränken, nikotinfreien Zonen und Räumen, wo Verzicht als lustvoll angepriesen wird, und die Sprache, die sich in den Produkten manifestiert, auch philosophisch aufgearbeitet wird. Dieser ganze Kosmos des Nachdenkens über populäre Themen, Alltagsmoment, all das macht auch seine Sprache und sein Denken aus. Und macht ihn daher auch zu einem wunderbaren Populisten des Denkens und auch leicht lesbar. Er öffnet die Bubble, die uns mitunter umgibt, und sucht ständigen Kontakt mit dem vermeintlichen Außen.
Es freut mich sehr, dass du, lieber Robert, diese Auszeichnung heute Abend bekommst. Ich freue mich auf die Laudatio von Konrad Paul Liessmann. Ich danke der Ärztekammer für die gute Zusammenarbeit in der Findung des jeweiligen Preisträgers und freue mich natürlich sehr auf deine Worte, lieber Robert. Ich freue mich auf einen schönen gemeinsamen Abend. Herzlichen Dank!
Moderatorin: Herzlichen Dank, Frau Kulturstadträtin! Für die Ärztekammer Wien ist der Paul-Watzlawick-Preis viel mehr als nur eine Hommage an den österreichischen Wissenschaftler und Therapeuten Paul Watzlawick.
Er ist ein Appell an die Mitglieder, das konstruktive Gespräch mit den Patientinnen und Patienten zu suchen, den Dialog, den Diskurs in den Mittelpunkt stellen, aber auch zwischen den Wissenschaften für mehr Austausch zu sorgen. Gerade in diesen seltsamen Zeiten ist das wohl unumgänglich. Bitte begrüßen Sie mit mir den Präsidenten der Ärztekammer Wien, Thomas Szekeres.
Thomas Szekeres: Sehr geehrte Damen und Herren, sehr geehrte Frau Stadträtin, sehr geehrter Herr Professor Pfaller! Ich habe mit großem Vergnügen und manchmal mein Lachen nicht unterdrücken könnend "Erwachsenensprache" gelesen und bin begeistert. Ihre These, wonach ziviler Ungehorsam einer selbsterfüllenden - fast Watzlawickschen - Prophezeiung des Mainstreams, der Correctness und des Sich-in-den-Rahmen-Fügens gewichen ist, kann ich bezogen auf unseren Beruf wirklich teilen. Es ist das Ziel des Watzlawick-Ehren-Rings, Widersprüche oder scheinbare Widersprüche aufzuklären und damit auch Autoritäten zu hinterfragen. Auch die Autorität des Arztes selbst. Wenn wir vom Arzt reden und über den Mythos des Arztes als Souverän über Leben und Tod des Patienten, müssen wir auf der anderen Seite sehen, dass die Ökonomisierung des Gesundheitssystems diesen Anspruch immer stärker in Frage stellt oder sogar negiert.
In der Gesundheitsversorgung haben trotz Corona-Erfahrungen die Ökonomen das Ruder übernommen. Der freie Beruf des Arztes in seinem Selbstverständnis stört. Die Gesundheitsökonomen wollen Dienstleister und funktionierende Reparatur. Diesem Druck stellen wir uns. Deshalb bin ich froh, dass es Menschen wie Sie gibt, die auf derartige Situationen immer wieder verweisen. Auch, was die Lusthaftfähigkeit betrifft. Wir sollten nicht vergessen, dass Medizin Humanwissenschaft ist. Dass es um den Menschen geht - und nicht um Körperteile, Organe oder Gelenke, die ausgetauscht, repariert, wieder funktionstüchtig gemacht werden sollen. Vom gesunden Menschen ausgehen, Menschen bestmöglich gesund erhalten: Das ist der eigentliche Beruf des Arztes. Vom denkenden Menschen auszugehen, vom Citoyen, ist Ethos und Beruf der Philosophie.
Beide Disziplinen dürfen diese Grundansprüche nie weglegen, sondern in den Analysen immer darauf hinweisen, was Mut zur Selbstkritik und Infragestellung des eigenen Seins bedeuten. Ich freue mich besonders, dass wir Sie heute trotz Corona und Einschränkungen auch persönlich sehen können. Wir werden die physische Verleihung in den kommenden Monaten hoffentlich nachholen können, wenn wir die Pandemie bewältigt haben. Jedenfalls möchte ich Ihnen, lieber Herr Professor Pfaller, ganz herzlich gratulieren, mich auch bei der Jury und allen, die hier mitgewirkt haben, bedanken für die Zuteilung des Franz-Watzlawick-Ehrenrings. Herzlichen Dank!
Moderatorin: Danke schön, Thomas Szekeres! An dieser Stelle sei erwähnt, meine Damen und Herren, dass sowohl die Urkunde als auch der Ehrenring an anderer Stelle übergeben wird. Auch das ist, wie vieles andere, der Pandemie geschuldet.
Wir kommen jetzt zur traditionellen Laudatio, die in diesem Jahr von jemandem gehalten wird, der seit 2016 bereits stolzer Besitzer des Ehrenringes ist. Bitte begrüßen Sie mit mir Professor Konrad Paul Liessmann!
Konrad Paul Liessmann: Sehr geehrte Frau Stadträtin, sehr geehrter Herr Präsident, lieber Robert Pfaller! Es gibt wahrscheinlich viele Berührungspunkte zwischen dem Kommunikationswissenschaftler und engagierten Psychotherapeuten Paul Watzlawick und dem nicht minder engagierten Philosophen und politischen Denker Robert Pfaller. Eine Eigenschaft aber, die beiden zukommt, sticht hervor: der Humor.
Es mag auf den ersten Blick verwunderlich erscheinen, dies nicht nur zu betonen, sondern darin sogar einen der Gründe dafür zu sehen, Robert Pfaller für den Paul-Watzlawick-Ehrenring vorzuschlagen. Aber seit Watzlawicks Tagen hat sich in Sachen Humor einiges getan. Genauer gesagt: Der Humor ist verschwunden.
Man stelle sich einmal vor, Paul Watzlawick würde seine "Anleitung zum Unglücklichsein" erst heute veröffentlicht haben. Der freundlich-ironische Unterton, mit dem er seinerzeit diese Anleitung verbreitete, würde heute als glatter, menschenverachtender Zynismus gewertet werden. Ein Psychologe, der offenkundig Menschen ins Unglück stürzen will, ihnen Tipps gibt, wie sie eine Depression sicher nicht vermeiden können, würde in den sozialen Medien auf Empörung stoßen. Die Zahl derer, die sich durch solche Handreichungen verletzt und in ihrem Empfinden gestört fühlten, wäre beträchtlich. Dass es fruchtbar und Ausdruck einer tiefen Weisheit sein kann, Dinge gegen den Strich zu lesen und im Sinne von Watzlawicks paradoxer Intervention etwas mit Witz in sein Gegenteil zu verkehren, ist einer Zeit fremd geworden, in der jedes Wort beim Wort genommen wird.
 Jede Zweideutigkeit, jede Anspielung, jeder doppelte Boden auf die politisch korrekte Eindeutigkeit reduziert wird. Robert Pfaller gehört zu den wenigen Intellektuellen unserer Tage, der sich diesen plumpen Reduktionismus, der letztlich die Menschen infantilisiert, widersetzt. Der nicht ohne Humor darauf besteht, was ja ohnehin schon paradox ist: als erwachsener Mensch auch tatsächlich in einer erwachsenen Sprache kommunizieren zu können. Zu dieser Sprache gehört eben die Fähigkeit, selbstverantwortlich mit der Bedeutungsvielfalt, die uns durch die Sprache geschenkt ist, umzugehen. Und nicht sofort nach dem Verbot von Wörtern zu schreien, die ja nur dann böse erscheinen, wenn man all die Geschichte und Geschichten, alle Vielfalt, die Wörter nun einmal mit sich tragen können, gewaltsam ausblendet. Wenn man sie reduziert auf einen vermeintlich unsere Moral heute nun störenden Aspekt.
"Erwachsenensprache" war folgerichtig der Titel eines Buches, in dem sich Robert Pfaller mit diesem Phänomen der Selbstinfantilisierung einer Gesellschaft kritisch und nicht ohne Witz auseinandersetzt. Die Selbstdegradierung des Menschen zu einem unmündigen Wesen drückt sich in einem modischen Gestus permanenter Verletzlichkeit aus, der alle Welt auf die eigene Empfindlichkeit und Befindlichkeit bezieht. An die Stelle der diskursiven Auseinandersetzung, wie sie zwischen halbwegs vernünftigen Menschen selbstverständlich sein sollte, tritt laut Robert Pfaller die Besorgnis, dass andere Ansichten, andere Worte, andere Weltsichten das eigene fragile psychische Gleichgewicht stören könnten. Und deshalb aus der Welt geschafft werden müssten. Das schafft ein Klima, in dem die Menschen es zunehmend verlernen, die Dinge zu erkennen und zu bearbeiten, die sie alle gemeinsam betreffen, jeder nur noch seine emotional subjektiv verkürzte Perspektive einnehmen kann.
Das bedeutet streng gesehen aber den Verzicht auf eine res publica, auf eine politische Öffentlichkeit, auf eine öffentliche Sache, auf Demokratie aus selbstbewussten Bürgern. Aus einer Gemeinschaft aus Citoyens werden selbstbezogene Bourgeois. Oder wie Robert Pfaller einmal etwas scharf formulierte: Menschen, die lediglich um das Eigene besorgt sind. In der Antike nannte man diese Idioten.
Eine Stärke von Robert Pfaller liegt in der Fähigkeit, paradoxen Entwicklungen und Phänomen in unserer Zeit auf die Spur zu kommen und auf einen treffenden Begriff zu bringen. Schlagartig bekannt wurde Robert Pfaller schon vor über zwanzig Jahren mit seinen Überlegungen und Publikationen zu der von ihm sogenannten Interpassivität. Jenem Verhalten also, bei dem Menschen auf inaktive Art und Weise vernetzt sind, und Dinge, die sie eigentlich selbst tun und vor allem genießen könnten, an technische Systeme delegieren, den Habitus des Akteurs aber beibehalten. Diese Analyse traf und trifft den Nerv einer Zeit, deren ganzes Elend darin besteht, dass das, was das Leben überhaupt lebenswert macht, nämlich der Genuss, freiwillig abgegeben, an Algorithmen ausgelagert oder überhaupt verboten wird.
Die Unsitte etwa, von Robert Pfaller gerne zitiert, bei komödiantischen Fernsehserien das Lachen eines nicht vorhandenen Publikums einzuspielen und so den Zusehern nicht nur zu signalisieren, wann sie zu lachen haben, sondern ihnen das Lachen abzunehmen, lebt von der zynischen Voraussetzung, dass erwachsene Menschen heute einfach gestrickte Witze nicht mehr erkennen. Dass sie deshalb eine Anleitung zum Lachen brauchen. Warum sich jemand etwas Lustiges ansehen soll und dann für ihn aus einer elektroakustischen Konserve gelacht wird, erschließt sich allerdings keinem Menschen, der seiner fünf Sinne noch mächtig ist. Dennoch gab und gibt es gegen solche Bevormundung und Entmündigung von erwachsenen Menschen keinen Protest - eher im Gegenteil.
Da man den Menschen offenbar nicht mehr zutraut, ihre eigenen Angelegenheiten zu erkennen und wahrzunehmen, werden immer mehr technische Systeme eingesetzt, um sie das tun zu lassen, was angeblich getan werden sollte. So etwas beunruhigt Robert Pfaller. Es wundert wenig, dass die Frage, wofür es sich überhaupt zu leben zu leben lohnt, Robert Pfallers weitere Arbeiten leitete. In der neopuritanischen Gesellschaft verschwinden die Dinge, die lange den Genuss und die Lust am Leben markiert hatten, oder werden durch entleerte Derivate ersetzt. Man trinkt bekanntlich alkoholfreies Bier, nippt an einem koffeinfreien Kaffee, erklärt die Ernährung zu einer schuldbeladenen Religion, erfreut sich an einem klinisch sauberen Sex, und Rauchen ist überhaupt verboten. Es geht jetzt nicht im Detail um die Frage, wie sinnvoll Neubewertungen von Genussmitteln, Ernährungsgewohnheiten und luststeigernden Verhaltensweisen sind. Sondern um den Grundzug einer Gesellschaft, die, so Robert Pfaller, den fallweisen zähneknirschenden Verzicht auf Lust durch eine allgemein begrüßte Lust auf den Verzicht ersetzt hat.
Wer Einschränkungen aller Arten fordert, ständig weniger ist mehr verkündet, macht sich für Robert Pfaller verdächtig. Das klingt nach einer Apotheose unbeschränkten Wachstums auf Kosten von Umwelt und Klima. Der streitbare Philosoph ist jedoch kein Verteidiger eines expansiven Kapitalismus, ganz im Gegenteil.
Pfaller gehört zu den schärfsten Kritikern des Neoliberalismus. Er wirft den von ihm sogenannten Kulturlinken vor, anstelle einer Kritik der politischen Ökonomie eine zahnlose Symbolpolitik um Gender und Identitätsfragen gesetzt zu haben. Eine Symbolpolitik, die die Akkumulation des Kapitals nicht weiter stört, aber der Blase der Genderbeauftragten und Identitätsapostel neben einem leidlichen Einkommen vor allem das gute Gewissen moralischer Überlegenheit verschafft. Hinter der schicken, politisch korrekten Verzichtsgesellschaft, die so richtig attraktiv erst dann wird, wenn man sich den Verzicht leisten kann, wenn man den billigen Diesel durch einen prestigeträchtigen, schicken Tesla ersetzen kann, vermutet Robert Pfaller eine Strategie, die von den zunehmenden sozialen Differenzen ablenken soll. Um die Kapitalkonzentration und die damit verbundenen fatalen Folgen für die Gesellschaft umso rascher vorantreiben zu können.
In dieser Welt sind nämlich die Armen nicht mehr nur arm, sondern sie verkörpern das neue Böse. Sie müssen nämlich noch mit dem Auto in die weit entfernte Fabrik fahren. Sie denken natürlich provinziell. Sie verschmutzen die Umwelt. Sie fürchten die Wirtschaftsmigration. Sie wählen Trump. Man kann, so Pfaller, weder ökologische, noch moralische Fragen von den sozialen Bedingungen - von der Klassenlage, in der sich Menschen befinden - nicht trennen. Warum, so lautet Pfallers Frage, fordern die Menschen eigentlich nicht ein gutes Leben im Überfluss und unterhalten sich dann über die Möglichkeiten und Grenzen dieser Forderungen? Warum wird den Menschen eingeredet, dass es gut sein soll, vieles, vielleicht alles, was das Leben schön und lebenswert macht, gar nicht haben zu wollen?
Natürlich erscheinen viele Maßnahmen, die der Gesundheit und der Ökologisierung der Gesellschaft dienen, vernünftig. Aber, so Robert Pfaller, man muss auch auf eine vernünftige Art und Weise vernünftig sein. Zum Fetisch und zu einem dogmatischen Prinzip erhoben, kippt die Vernunft in ihr Gegenteil und wird selbst zu einer unangenehmen Erfahrung, gar Bedrohung. Dieser Gedanke trifft sich übrigens mit der Überlegung von Paul Watzlawick, dass ein Zuviel des Guten nur allzu oft in Böses umschlagen kann.
Die schon in der Antike formulierte Einsicht, dass etwas, das in Maßen genossen oder gelebt, gut sein kann, im Übermaß zu Schlechtem wird, ist einer Zeit verloren gegangen, die nur noch absolute Gegensätze und keine Grau- und Zwischentöne, keine Einschränkungen des Vernünftigen durch die Vernunft, keine Begrenzung der Moral durch die Lust, keine Ausnahmen und vor allem keine augenzwinkernde Großzügigkeit mehr zulassen will. In seiner letzten Publikation kehrt Robert Pfaller auf jenes Terrain zurück, auf dem er sich als Universitätsprofessor tagtäglich bewegt. Immerhin lehrt Pfaller Philosophie an der Universität für künstlerische und industrielle Gestaltung in Linz.
Im Buch "Die blitzenden Waffen" ruft Pfaller mit Nachdruck und geschliffenen Argumenten die alte Einsicht in Erinnerung, nach der Argumente nicht nur richtig, sondern auch in einem angemessenen ästhetischen Sinn präsentiert werden müssen. Ohne Bewusstsein von der Bedeutung der Form, ohne Gestaltung und Design, ohne Achtung der Oberfläche werden weder Kunst noch Wissenschaft in einem stimmigen Sinne möglich. Provokant fragt Pfaller, ob für die Durchsetzung wissenschaftlicher Theorien, neben deren Wahrheitsgehalt nicht auch deren Form, die Eleganz einer Beweisführung, die Brillanz einer Argumentation, der Witz eines Gedankens von zentraler Bedeutung seien. Er beklagt eine Auffassung von "künstlerischer Forschung", die Kunst als wissenschaftliches Projekt oder politisch moralische Aufgabe sieht und darüber vergisst, dass Kunst, wie es Theodor Adorno formuliert hatte, nur so viel Chance hat, wie die Form. Von dieser Überlegung ausgehend diagnostiziert Pfaller einen dramatischen Verlust des Formbewusstseins. Alles Elegante, Höfliche, ästhetisch Stimmige ist einem Imperativ der Authentizität gewichen, der letztlich nur rohe und infantile Reflexe zulässt.
Für mich überzeugend zeigt Pfaller, dass sich eine Reihe vermeintlicher Probleme unserer Gesellschaft darauf zurückführen lässt, dass die Menschen vergessen haben, das es Rituale der Höflichkeit gibt, die einen guten Sinn haben. Sie erlauben nämlich eine Kommunikation zwischen Erwachsenen, ohne dass die sich ständig zu nahetreten müssten. Das liegt darin, das Höflichkeit genau dann echt ist, wenn sie als reine Form erscheint, wenn man nur so tut, als ob. Und damit darauf verzichtet, den anderen mit seinem authentischen Selbst zu belasten. Es handelt sich um durchschaute Konventionen, deren Sinn gerade darin liegt, dass jeder weiß: Es ist eine Geste der Höflichkeit. Diese erlaubt es den Menschen, Rollen anzunehmen, zu spielen und sich in dieser Weise spielerisch - und damit nach einem Wort Friedrich Schillers - menschlich zu begegnen. Humor kann unter Umständen ein Gebot der Höflichkeit sein.
Etwas nicht ganz ernst zu nehmen, ist in bestimmten Situationen ein Ausdruck von Humanität. Robert Pfaller liebt deshalb die Ironie. Dass ihm der von der Wiener Ärztekammer gestiftete Paul-Watzlawick-Ring verliehen wird, ist nicht frei von dieser Ironie. Wer der Ärztekammer, die sich vehement für ein allgemeines Rauchverbot eingesetzt hat, vorwerfen wollte, dass sie mit Robert Pfaller einen der wortmächtigsten Verteidiger der Rauchfreiheit auszeichne, wer umgekehrt Robert Pfaller vorhalten sollte, dass er seine Prinzipien verrate, wenn er sich von einer Institutionen ehren lasse, die seiner Ansicht nach doch zu den Apologeten der von ihm kritisierten Verbotskultur gehöre, der hätte den Witz, der in dieser paradoxen Intervention liegt, nicht verstanden.
Paul Watzlawick, dessen bin ich mir sicher, hätte an dieser Ehrung Robert Pfallers seine Freude gehabt. Robert, ich gratuliere dir zum Paul-Watzlawick-Ehrenring!
Moderatorin: Herr Professor Liessmann, ich darf Sie bitten, bei mir Platz zu nehmen. Herzlichen Dank für diese launige, wertschätzende Einstimmung. Nach dieser darf ich jetzt den diesjährigen Paul-Watzlawick-Preisträger zum Rednerpult bitten. Professor Robert Pfaller, bitte!
Robert Pfaller: Lieber Konrad, sehr geehrte Frau Kulturstadträtin, liebe Veronica, sehr geehrter Herr Präsident, sehr geehrte Damen und Herren von der Jury, sehr geehrte Damen und Herren!
Der ehemalige österreichische Bundeskanzler Bruno Kreisky soll einmal gesagt haben: "Sie glauben gar nicht, wie viel Lob ein Mensch ertragen kann." Nun, ich muss dazu sagen, mir fällt das gar nicht so leicht, diese schönen und pointierten Worte eines Philosophen zu hören, dessen Arbeit ich immer mit Bewunderung beobachtet und dessen Bücher ich immer mit Gewinn gelesen habe. Es fällt mir nicht leicht, nicht so sehr zu glauben und für wahr zu halten, was du sagt, sondern überhaupt für wirklich zu halten, dass du es sagst. Und so stütze ich mich auf Sie alle, weil Sie es offenbar für wirklich halten. Und da helfen Sie mir, das langsam zu begreifen. Nicht zuletzt dafür danke ich Ihnen.
Meine Vorlesung im Rahmen der Wiener Vorlesungen trägt den Titel "Der Einbildungen. Das Zwiespältige. Die Geselligkeit." Sie werden jetzt glauben, Konrad Paul Liessmann und ich haben uns abgesprochen. Aber dass wir hier dasselbe sagen, rührt genau da her, dass wir die Texte des anderen vorher nicht kannten. Es gibt etwas in den Texten von Paul Watzlawick, das bei mir nicht nur Sympathie und Bewunderung hervorgerufen hat, sondern auch das Gefühl einer sehr grundlegenden, philosophischen Übereinstimmung. Es ist dieser Tonfall einer erstaunlichen Heiterkeit, mit der Watzlawick seine Erkenntnisse vorträgt. Das macht seine Bücher zu einer so angenehmen und anregenden Lektüre, lässt einen fast ein wenig neidisch auf eine Zeit zurückblicken, in der Gelehrte mit so viel Humor und Leichtigkeit zu schreiben vermochten. In diesem Stil aber steckt auch eine philosophische These. Wer so schreibt, muss davon überzeugt sein, dass Heiterkeit und Wahrheit keinen Gegensatz bilden.
Dass etwas, weil es heiter ist, deshalb nicht weniger wahr sein muss und umgekehrt. Ganz im Gegensatz zum Sprichwort, dass etwas, nur weil es traurig ist, darum noch lange nicht wahr zu sein braucht. Klarerweise ist natürlich auch nicht alles, was erheitert, bloß deshalb schon wahr. Aber das Entscheidende bei Watzlawick besteht darin, von der grundsätzlichen Nicht-Ausschließung von dem Heiteren und dem Wahren auszugehen. Denn damit wird einer bis in die Gegenwart wirkmächtigen Philosophie widersprochen. Diese Philosophie behauptet, dass wir grundsätzlich von zwei begehrten Dingen immer nur eines um den Preis des anderen haben könnten. Also entweder die Wahrheit oder aber die Heiterkeit. Entweder die Freiheit oder das Glück. Entweder die Klugheit oder aber die Schönheit et cetera. Zu dieser grundlegenden Zweiteilung gelangt diese Philosophie deshalb, weil sie die Welt abwertet. Die Welt, die wir kennen, ist in den Augen dieser Philosophie immer nur der Schatten einer anderen, idealen. Dort, in der anderen idealen Welt, würden die Dinge, die hier als so notwendig unvereinbar gesetzt sind, geeint auftreten können. Bezeichnen wir diese abwertende Weltsicht als Idealismus. Dann wird klar, dass Watzlawick schon alleine darin, dass er keine Angst um die Wahrheit hat, wenn er heiter schreibt, ein Gegner dieses Idealismus sein muss. Und somit ein Verbündeter jener philosophischen Haltung, die ich in einem sehr allgemeinen, auf die Philosophie der Antike wie der Gegenwart bezogenen Sinn als Materialismus bezeichnet habe.
Übrigens ist dieses grundsätzliche Abwerten der Welt, wie es der philosophische Idealismus regelmäßig vollzieht, durch seine Grundsätzlichkeit auch vollkommen unkritisch. Der Idealismus meint, alles Großartige könne in dieser unserer schlechten Welt nur scheitern. Eine kritische Haltung dagegen sieht, wie leicht zu erkennen ist, anders aus. Denn nur wenn man davon ausgeht, dass gute, lebenswerte Verhältnisse in dieser Welt für alle herstellbar sind, dann kann man es den bestehenden Verhältnissen ankreiden, dass sie nicht so sind. Nur dann, wenn das Gute, Wahre und Schöne nicht als unvereinbar bestimmt und auf eine spätere Welt verschoben sind, kann man von dieser Welt und den bestehenden Verhältnissen etwas fordern.
Gibt es ein Leben vor dem Tod? Das ist in den Worten Wolf Biermanns die Frage des philosophischen Materialismus. Diese Position lässt sich, wie ich meine, alleine schon an der heiteren Form von Watzlawicks Überlegungen ablesen. Biermanns Frage lässt eines erkennen. Nicht alles Leben ist ein Leben, das seinen Namen verdient. Diese Unterscheidung zwischen dem nackten Leben als Tatbestand und dem guten Leben als dem, was ein Leben seiner eigenen Norm nach sein soll, spielt eine zentrale Rolle in der Politik des Aristoteles. Der Staat, schreibt Aristoteles, ist um des Lebens Willen entstanden, aber er besteht um des vollkommenen Lebens Willen. Diese Unterscheidung hat gravierende Folgen für das, was für das eine wie für das andere getan werden muss.
Die Erhaltung des bloßen Lebens ist eine Aufgabe ohne Ende. Die Heilkunst geht auf, wie Aristoteles schreibt, Gesundheit ohne Schranke. Er vergleicht sie mit der Kunst des Gelderwerbs, die auf Reichtum ohne Ende abzieht. Dagegen besitzt die Aufgabe der Haushaltungskunst eine Schranke. Sie dient der Erhaltung des Haushalts und nicht dem unbegrenzten Gelderwerb. Ebenso gibt es eine Staats- und Lebenskunst, Politik und Ethik, die eine Schranke in der Herstellung und Erhaltung des guten Lebens hat. Die Verwechslung, gegen die Aristoteles mit seiner Unterscheidung argumentiert, kann man gegenwärtig wohl im Bereich der Wirtschaft ebenso deutlich beobachten wie im Bereich der Gesundheit.
Die grassierenden Sehnsüchte nach gesunder Ernährung und selbstoptimierter Fitness, die oft geradezu gesundheitsreligiöse, fanatische Züge annehmen, rühren daher, ebenso übrigens wie die neoliberalen Bereicherungen, die selbst noch den Reichen das gute Leben verderben, dass auf den Unterschied zwischen dem Leben und dem guten Leben vergessen wird. Der Fehler der Anhänger dieser Denkweise liegt, wie Aristoteles erkennt, darin, dass sie leben wollen und sich um ein gutes Leben nicht bekümmern. Da nun dieses Verlangen keine Schranken hat, so verlangen sie auch nach unbeschränkten Mitteln, um es befriedigen zu können.
Das gute Leben vom bloßen Leben zu unterscheiden bedeutet demgegenüber, die Erwerbskunst und die Heilkunst nicht zu unendlichen Selbstzwecken werden zu lassen, sondern sie dem Ziel oder Ende des guten Lebens unterzuordnen und ihnen im Ziel des guten Lebens ihre Schranke zuzuweisen. Wenn das nicht geschieht, wenn also diejenigen Prinzipien, die der bloßen Erhaltung des Lebens dienen, dem Prinzip des guten Lebens nicht untergeordnet werden, wenn man sie stattdessen verabsolutiert, dann passiert etwas Merkwürdiges. Dann kehren diese Prinzipien sich nämlich gegen sich selbst. Watzlawick hat dies in Bezug auf die Sicherheit gut bemerkt. Wenn man wie besessen beginnt, alles zu tun, nur damit die Sicherheit nicht gefährdet ist, dann gefährdet man nicht nur vieles andere, sondern letztlich auch noch die Sicherheit selbst. Ebenso verhält es sich bei der Gesundheit. Das wissen die Mediziner unter ihnen natürlich. Wenn man alles der Gesundheit opfert, dann opfert man letztlich auch noch die Gesundheit selbst. Davon zeugt zum Beispiel das neue Krankheitsbild der Orthorexie, einer Essstörung, die entstehen kann, wenn man sich nur noch gesund ernährt.
Auf eine allgemeine Formel gebracht, kann man sagen: Immer, wenn man ein teilvernünftiges Prinzip, das der Erhaltung des Lebens dient, zu einem absoluten Prinzip erhebt, dann verkehrt sich das teilvernünftige Prinzip in ein unvernünftiges. Um das jedoch zu verhindern, muss man das Vernunftprinzip verdoppeln. Es genügt nicht einfach nur stur vernünftig zu sein, vielmehr muss man auf vernünftige Weise vernünftig sein. Auf eine Weise, die das Vernünftig sein auf das dem lohnenden Leben entsprechende begrenzt. und dadurch den irrationalen Exzess der Vernunft verhindert.
Materialismus in der Philosophie zeichnet sich regelmäßig dadurch aus, dass er die Hauptaufgabe in der Heilung von Einbildungen sieht, wie zum Beispiel von eingebildeter Vernunft. Watzlawicks therapeutische Methode hat darum ihre Parallelen bei Wittgenstein und antiken Philosophen wie Epiktet, Epikur, Diogenes von Sinope oder Sextus Empiricus. Nicht die Dinge selbst beunruhigen die Menschen, sondern ihre Meinungen und Urteile über die Dinge, stellte der Stoiker Epiktet fest. Über die Meinungen bzw. die Einbildungen aber kann man Kontrolle gewinnen. Und sie selbsttätig verändern. Sie stehen Epiktet zufolge vollständig in unserer eigenen Macht, anders als die Tatsachen und Dinge. Die Überwindung der Einbildungen ist aber auch nötig, um erkennen zu können, an welchem Punkt auch Tatsachen und Dinge selbst geändert werden müssen. Denn gerade das verhindern die Einbildungen, indem sie uns von den Tatsachen ablenken und uns in Gestalt von Neid, Missgunst, Eifersucht, Hass, Ressentiments leidenschaftlich irgendwelche Schimären jagen lassen, anstatt uns an Tatsachen und Dinge zu halten.
Die Frage, durch welche spezifische Art von Einbildungen Menschen regelmäßig dazu gelangen, sich und andere am guten Leben zu hindern, ist darum für den Materialismus eine entscheidende Frage. Eine bestimmte Einbildung spielt dabei eine Hauptrolle. Paul Watzlawick hat sie treffend als die Vorstellung vom Nullsummenspiel charakterisiert. Diese Vorstellung verleitet zu der irrigen Auffassung, dass jeder Vorteil, den eine Person genießt, notwendig auf Kosten der anderen Person gehen müsse und umgekehrt. Bestimmte Militärs zum Beispiel begreifen den Krieg als Nullsummenspiel, worin die Niederlage des einen der Sieg und das Glück des anderen wären?
Dabei wird regelmäßig vergessen, dass es im Leben durchaus Situationen gibt, wie eben Krieg oder Fehlhandlungen, die ein Schaden für alle oder jedenfalls für niemanden ein Glück sind. Was sich solche nullsummenfaszinierte Menschen einbilden, wenn sie meinen, das Glück könne nur auf der einen oder der anderen Seite sein, ist jedoch nicht nur eine inadäquate Idee möglicher Verteilungen. Das Glück wird dabei auch als ein Riesenglück vorgestellt. Dieses besitzt ein entwicklungsgeschichtliches Vorbild. Alle Menschen durchlaufen, wie Sigmund Freud erkannte, ein Stadium, in dem sie sich einbilden, alles, was sie sich heftig wünschen, würde eben dadurch auch schon wahr. Weil im Stadium des sogenannten primären Narzissmus kein Unterschied zwischen Ich und Welt besteht, gibt es vom Glück immer nur eines, nicht viele. Und es ist nicht unterschiedlich groß, sondern einfach und schlechthin riesig. Dieses Riesenglück hat der Psychoanalytiker Jacques Lacan als Genießen oder Jouissance bezeichnet.
Später in ihrer Entwicklung müssen Menschen sich von diesem Riesenglück verabschieden und einsehen, Wünschen alleine hilft nicht. Die Welt gehorcht Gesetzen und Regeln, man muss etwas leisten und so weiter. Wenn es einmal doch so aussieht, als ob das Wünschen helfen würde, etwa wenn eine scherzhafte Verwünschung wahr wird, dann ist es nicht mehr schön, sondern schlechthin unheimlich. Das Genießen ist darum für Erwachsene, wie Lacan betont hat, immer etwas Unlustvolles. Erwachsene sind eben, wenn sie erwachsen sind, vom einstigen narzisstischen Riesenglück abgeschnitten. Oder, wie es in der Psychoanalyse heißt, kastriert. Wenn nun aber andere daherkommen - wie zum Beispiel der Autofahrer, der rücksichtslos in meine Spur wechselt und mich zum Bremsen zwingt, dann haben wir sehr schnell das Gefühl, der andere lebte ohne Regeln. Ihm wäre sozusagen die Abtrennung vom Riesenglück erspart geblieben. Und weil er nun das Riesenglück zu besitzen scheint, genau jenes Glück, von dem es nur ein einziges gibt, kann auch nur er daran schuld sein, dass ich davon abgeschnitten bin.
Wenn irgendetwas Menschen in Aufruhr versetzt, so lautet die Ergänzung der Psychoanalyse zum Lehrsatz des Epiktet, dann ist es genau dieses Gefühl. Jemand anderer wäre schuld an der eigenen Kastration, ein anderer hätte das Riesenglück gestohlen. Er erscheint mir folglich als der Dieb des Riesenglücks, der Verursacher meiner Kastration. Diese Abfolge von Einbildungen verursachen einen gewaltigen Zorn. Diesen Zorn aber kann ich mir sehr leicht ersparen, wie der Schriftsteller David Foster Wallace lehrt. Ich muss mir dazu nur eine andere Einbildung zurechtlegen. Zum Beispiel indem ich mir denke, dieser Fahrer muss vielleicht gerade ein verletztes Kind auf dem schnellsten Weg ins Spital bringen. Dann ist mein Zorn sofort verflogen. Er war also gar nicht den Tatsachen geschuldet, sondern nur meine Einbildung vom Riesenglück. Diese Einbildung ist nach psychoanalytischer Auffassung die Hauptursache für den Zorn und Neid, den Menschen gegeneinander hegen.
Sobald ich mir aber vorstellen, dass der andere genauso wie ich den Notwendigkeiten der Welt unterworfen ist, lautet die Frage des Glücks nicht mehr du oder ich. Nun haben wir ein Drittes, ein Tertium, im Sinn Watzalwicks. Der andere ist nicht mehr notwendig ein Rivale. Ich bin froh, wenn ich ihm die Bahn freimachen kann. Das Glück kann nun auch ein gemeinsames, solidarisch geteiltes sein. Es gibt aber auch einen anderen Umgang mit dieser Einbildung, der nicht zu solchen unlustvollen Affekten und sozialen Verwerfungen führt. Menschen, die erkannt und akzeptiert haben, dass das Riesenglück nicht existiert, können sich dennoch einen Hauch davon verschaffen, indem sie - in der Regel gemeinsam mit anderen - so tun, als ob. Sie geben sich dann wohlwollend mehr als es in einer vernünftig strukturierten Welt zu erwarten wäre. Sie erkundigen sich höflich nach dem Befinden des Anderen oder antworten, dass es ihnen bestens gehe, besser als es Menschen in dieser Welt üblicherweise geht. Insgesamt tun sie damit so, als ob auf dieser Welt uneingeschränkte Sorge um den anderen und ungetrübtes Wohlergehen herrschten. Sie sind dann auch großzügig. Sie laden einander ein, feiern Feste und tun dabei so, als ob der Champagner in Strömen fließen könnte. So hat es der Philosoph George Batailles einmal formuliert.
Dieses "Als ob", das in allen Praktiken dieser Art am Werk ist, besitzt eine eigentümliche, interessante Struktur. Es bezeichnet immer eine Illusion. Man kann nicht angeben, wessen Illusion es ist. Und zugleich übt diese Illusion, die nicht die Illusion der anwesenden Beteiligten ist, bestimmte glückbringende und solidarisierende Wirkungen gerade auf diese Beteiligten aus. Zum Beispiel im Fall zweier Kollegen, der einander zwar nicht mögen, ab einander dennoch höflich begrüßen. Das Herstellen einer solchen Illusion ist selbst eine Wirklichkeit. Es bedeutet, dass die beiden Kollegen ihrer gegenseitigen Aversion zum Trotz einem sozusagen unsichtbaren Dritten gegenüber dichtgehalten haben. Es verhält sich eigentlich genauso, wie wenn sie Besuch von einer wirklichen Person, zum Beispiel jemandem aus einer anderen Firma, bekommen hätten. Auch diesem Anderen gegenüber hätte man die schmutzigen innerbetrieblichen Geheimnisse nicht preisgegeben. Man mag den anderen nicht, aber einem Dritten gegenüber zeigt man das darum noch lange nicht. Man hat mit Hilfe des "Als ob" die Zusammengehörigkeit vor das Trennende gestellt und einen Beweis der Solidarität geliefert. Gewonnen haben dadurch beide.
In den Begriffen Watzlawicks könnten wir darum sagen: Die Aufrechterhaltung eines "Als ob" ist ein Nicht-Nullsummenspiel. Und zwar gerade mit dem Objekt des Nullsummenspiels mit dem für immer verloren gegangenen imaginären Riesenglück. Das "Als ob" bringt etwas von dem verlorenen narzisstischen Glück wieder, aber auf eine für erwachsene Menschen als lustvoll erfahrbare Weise. So, dass es die Menschen solidarisiert, anstatt sie zu trennen. Man kann darum sagen: Alles, was das Leben zu einem guten Leben macht, hängt an dem spielerischen Umgang mit dem "Als ob". Jene Einbildungen, die - viel mehr als Tatsachen - Menschen in freudige Aufruhr versetzen können, sind die durchschauten Einbildungen, in denen eine Wiederkehr des Genießens inszeniert wird. Das lohnende Leben wird erzeugt durch geschickte Handhabung aufgehobener Illusionen. Um einen solchen zivilisierten glückbringenden und solidarischen Umgang mit dem unmöglichen Riesenglück auf dem Weg des "Als ob" pflegen zu können, ist es notwendig, wie Watzlawick gesagt hätte, wahrheitsliebendend, aber nicht wahrheitsbesessen zu sein.
Diese Anforderung ist, wie sich gerade in der Gegenwart gut beobachten lässt, alles andere als leicht zu erfüllen. Denn eigenartigerweise genügt es den Leuten manchmal nicht, das charmante "Als ob" zu durchschauen. In bestimmten Momenten glauben sie aus dem Umstand, dass sie die Illusion durchschaut haben, die Konsequenz ziehen zu müssen, die entsprechende Praxis bleiben zu lassen oder abzuschaffen. Da mögen über Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte Menschen anderen Menschen die Türe aufgehalten haben. Aber plötzlich kommen welche, die meinen, sie wären die ersten, die erkannt haben, dass andere auch alleine die Türe öffnen können. Und dann erscheint es ihnen als ein Zeichen von überlegener Vernunft und Aufgeklärtheit, von nun an niemandem mehr die Türe aufzuhalten.
Manche glauben, als erste dahintergekommen zu sein, dass Frauen ihre Mäntel auch alleine anziehen können. Und dann empfinden sie sich als heroische Verbündete der Emanzipation, wenn sie keiner Frau mehr in den Mantel helfen. Aus dem Durchschauen des "Als ob" kann man offenbar zwei völlig entgegengesetzte Konsequenzen ziehen. Man kann zum Beispiel erkannt haben, dass es blödsinnig ist, im Fasching Pappnasen oder Masken aufzusetzen, und darum beschließen, es bleiben zu lassen. Oder aber man kann gerade aus derselben Erkenntnis, dass das blödsinnig ist, die Nasen oder Masken aufsetzen. Denn weil es Blödsinn ist, ist es sehr lustig. Mit irgendeiner vollkommen zweckmäßigen und durch und durch vernünftigen Tätigkeit könnte man schließlich kaum Fasching feiern.
Die Postmoderne hat es besonders weit gebracht, wenn es darum ging, für die Entzauberung der Welt zu sorgen. So wie die neoliberale ökonomische Umverteilung einen großen Teil der Menschen um die materiellen Grundlagen des guten Lebens brachte, hat die Postmoderne als das Kulturprogramm dieser Entwicklung ihnen die imaginären Grundlagen des lohnenden Lebens entzogen. Ein spezieller Umstand war dabei günstig. Denn alles, was das Leben lohnend macht, ist bezeichnenderweise mit einem unguten oder zwiespältigen Element verbunden.
Man konnte es ja bereits an den milden Fällen des "Als ob" ablesen. Schon im "Als ob" der Höflichkeit ist, denke ich, ein Stück gespielte Naivität enthalten, die man erst einmal aushalten muss. Dann erst bei den übrigen lohnenden Dingen. Wenn wir Gäste einladen, müssen wir Geld ausgeben. Wenn wir Alkohol trinken, kann das Kopfweh verursachen. wenn wir Partys feiern, derangieren wir eine Lokalität. Wenn wir tanzen, als ob es kein Morgen gäbe, kostet das Schlaf. Wer Stöckelschuhe trägt, kann schlecht gehen. Und wer enge Hosen anzieht, kann schlecht sitzen. Solche störenden Seiten zeigen sich aber selbst in den scheinbar harmlosesten Passionen. Wenn wir spazieren gehen oder Musik hören, dann müssen wir bereit sind, Zeit zu verschwenden. Und ebenso, wenn wir philosophieren. Dabei müssen wir auch noch bereit sind, Gedanken zu verschwenden und so weiter. Und eigenartigerweise lässt sich unsere Geselligkeit auch gar nicht anders veranstalten. Sie ist immer irgendwie rund um ein solches ungutes Element gebaut. Man kann mit einem Kollegen nach der Arbeit auf ein Bier gehen oder zwischendurch auf einen Kaffee, aber wohl kaum auf ein Mineralwasser. Und den Geburtstag eines Erwachsenen kann man - jedenfalls in unserer Kultur - schwerlich mit Multivitaminsaft feiern.
Wie viele Argumente einer scheinbar aufgeklärten Vernunft lassen sich gegen alle diese ungesunden, sozial problematischen, politisch fragwürdigen, der Nachhaltigkeit abträglichen und finanziell unverantwortlichen Praktiken mobilisieren? Wer nicht nur vernünftig ist und froh, sich an einem durchschauten "Als ob" zu erfreuen, sondern vielmehr vernunftbesessen und erpicht, jede Illusion zu beseitigen, wird hier ein reiches Betätigungsfeld vorfinden. Die postmoderne Kultur hat dementsprechend unzählige Initiativen hervorgebracht, die mit dem Verbot oder der Warnung vor solchen unguten Dingen beschäftigt sind. Was aber fehlt den Menschen, wenn ihre Vergnügungen kein ungutes Element mehr aufweisen? Wie wenige andere hat der Philosoph George Bataille dieses Paradoxon zu erklären vermocht. Bataille schreibt: "Alles, was Menschen Glück verschafft, ist an die Bedingung einer Überschreitung gebunden." Das heißt, sie müssen bereit sein, wenigstens für einen Moment ihr übliches Haushalten mit Kräften, Geld, Zeit et cetera hinter sich zu lassen und einmal als so zu tun, als ob sie das alles unbegrenzt verschwenden könnten. Dann hören sie auf, nur der Erhaltung ihres Lebens zu dienen. Nun fordern sie ihm ab, dass es sich lohnen möge. Dann fühlen sich die Menschen, wie Bataille sagt, souverän. Sie sind dann, neudeutsch ausgedrückt, nicht nur Sachbearbeiter ihres Lebens, sondern Führungskräfte.
Das Glück des "Als ob" ist ein Glück der Überschreitung und der Souveränität. Zugleich wird damit klar, warum Menschen sich dem Glück gegenüber oft eigentümlich scheu zeigen. Das können wir gegenwärtig ebenfalls beobachten. Und es ist erneut erklärungsbedürftig. Warum murren und mucken die Leute nicht auf, wenn wohlmeinende Politiker ihnen derzeit einen Genuss nach dem anderen verbieten? Oder durch pädagogische Warnungen vermiesen? Warum lassen die Leute sich das gefallen? Was hilft den Leuten, in gewissen Momenten doch über sich und ihre Grenzen hinauszugehen und sich das Glück der Souveränität zu verschaffen. Darin besteht, wie wir nun erkennen können, vielleicht die vornehmste Aufgabe der Kultur. Die Kultur gibt den Menschen gleichsam Befehle zur Überschreitung. Von sich aus würden sie es nicht wollen und sich davor scheuen. Aber die Kultur flüstert ihnen zu: "Jetzt sei mal kein Spaßverderber und zieh dir auch ein lustiges Kostüm an!" Manchmal sind es Freunde oder Kollegen, die einen zu so etwas auffordern, indem sie zum Beispiel sagen: "So, für heute hast du genug gearbeitet. Du kommst jetzt mit auf ein Bier." Manchmal aber ist es auch eine bestimmte Atmosphäre, die diese Aufforderung zur Überschreitung bereitstellt. Wenn ich zum Beispiel in eine Bar komme, in der bei gedämpftem Licht cooler Jazz zu hören ist, dann vernehme ich zugleich die leise Stimme der Kultur, die mir zuraunt: " Jetzt bestell aber bitte keinen Apfelsaft."
Wenn Menschen auf diese Weise davon entlastet sind, das Ungute wollen zu müssen und stattdessen das Gefühl vermittelt bekommen, es zu sollen, dann sind sie in der Lage, sich dem Unguten des Glücks zu stellen. Das Pflichtgefühl gegenüber der Kultur hilft den Individuen, die Schwäche ihres Wollens und ihre spontane Abneigung dem Glück gegenüber zu überwinden.
Wenn das gelingt, dann passiert etwas Eigentümliches. Dann verwandelt sich das Ungute nämlich plötzlich in etwas Großartiges. Es ist nicht nur so, dass wir über die Nachteile dann großzügig hinwegsehen. Vielmehr werden uns die scheinbaren Nachteile nun zum Inbegriff des Begehrenswerten am Objekt. In der philosophischen Ästhetik kennen wir solche Verwandlungen beim sogenannten Erhabenen und beim Kitsch, wo das Abstoßende des Objekts in den Augen findiger Betrachter plötzlich zu etwas großartigem Sublimen wird. Oder wo, wie man häufig sagt, etwas so schlecht ist, dass es schon wieder gut wird. Wenn Menschen Lust empfinden, dann immer aufgrund einer solchen Verwandlung des Unguten, die ihnen Dank des unterstützenden Gebots der Kultur gelungen ist.
Da die wirklich lohnenden Dinge des Lebens immer ein ungutes Element mit sich bringen, kann man sie eigentlich nicht wollen, man kann sie nur sollen. Aus der Sicht der Kulturtheorie gibt es demnach zwei verschiedene Arten von Praktiken oder Objekten. Einerseits solche, die immer möglich und erlaubt sind. Wir können sie die profanen Dinge nennen. Mineralwasser zum Beispiel darf man fast immer trinken. Andererseits gibt es die Dinge wie zum Beispiel Champagner, die man fast nie trinken darf, außer es hat jemand Geburtstag oder erhält eine ehrenvolle Auszeichnung oder sogar beides. Dann aber muss man Champagner trinken. Solche Dinge und Praktiken, die einmal verboten, dann aber geboten sind, können wir mit dem Anthropologen Michel Leiris als die Heiligen Dinge des Alltagslebens beschreiben. Sie sind heilig, insofern sie die Ausnahmesituation gegenüber dem profanen lebenserhaltenden Alltagsleben und die Momente des lohnenden Lebens und der Souveränität markieren.
Unter diesem Blickwinkel wird nun klar, warum das Heilige in allen Kulturen immer mit zwei Gesichtern auftritt. Zugleich erhaben wie unrein, was Sigmund Freud am polynesischen Wort „Taboo“ hervorhob. Wenn die heiligen Dinge verboten sind, dann ist ihr Erscheinen unrein. Sind sie aber geboten, dann erscheinen sie erhaben. Auf diese Weise lässt sich auch erklären, warum sogenannte Enttabuisierung nicht zur Befreiung der Lüste führt. Viele scheinbar emanzipatorische Vorstöße etwa der 1968er Bewegung sahen in diversen Tabus nur die Seite des Verbots und schlossen daraus, ohne Verbot würde es sich freier und leichter leben. Dabei übersahen sie aber, dass sie mit dem Tabu auch die Seite des Gebots liquidierten. Von nun an waren die Menschen dem Unguten der Lüste gegenüber zunehmend auf sich alleine gestellt und sahen sich gefordert, das Ungute von sich aus zu wollen.
Aber wie wir gesehen haben, lassen sich solche Dinge eben kaum spontan wollen. Man kann sie nur sollen. Der Zuruf, "Wenn ihr es wirklich wollt, dann dürft ihr es auch", war gut gemeint, hatte aber fatale Folgen. Denn von nun an stellten sich die Leute ständig und bei allem die Frage, ob sie es denn wirklich wollten. Und die Antwort fiel in der Folge, wie wir aufgrund der Einsicht in das ungute Element der Lust leicht erklären können, immer häufiger negativ aus. Anstelle eines Zeitalters befreiter Sexualität erlebten wir eines der erschöpften Begierde. Eine gewaltige Müdigkeit, klinisch auch Low-Desire-Syndrome genannt, machte sich breit. Alain Ehrenberg und Byung-Chul Han haben diesem für unsere Epoche so typischen Symptom sehr präzise Studien gewidmet. Lebten die Menschen in der Epoche der Moderne noch in einer Krise des Erlaubten, in der sie vieles wollten, aber nur weniges durften, so beobachten wir gegenwärtig eine Krise des Wollens, in der die Menschen vieles dürften, aber sich zunehmend unfähig finden, es auch zu wollen.
Diese Krise des Wollens hat durch die Kultur der Postmoderne noch eine zusätzliche Verschärfung erfahren. Denn die Postmoderne lässt die Individuen nicht nur allein mit ihrem schwachen Wollen, sie ruft ihnen zusätzlich noch zu: "Sei ganz du selbst! Be yourself!" - was natürlich ein ähnlich paradoxer Zuruf ist wie die von Watzlawick analysierten Aufforderungen vom Typ: "Sei spontan!" Auf diese Weise werden die Menschen eingeübt in die Empfindung, dass es nichts Allgemeines gibt. Sie werden dadurch misstrauisch gegenüber der Lust und unwillig gegenüber der Geselligkeit. Sie beginnen in der Folge, unentwegt andere des Diebstahls an ihrem Genießen zu verdächtigen und nach Verboten zu rufen, weil diese ja zumindest versprechen, dem anderen dessen obszönes Riesenglück zu entziehen. Insofern begreifen postmoderne Menschen die Welt und deren Glücksmöglichkeiten wieder zunehmend als Nullsummenspiel.
Damit komme ich zu meinem letzten Teil. Wenn es richtig ist, dass Menschen dasjenige, was ihr Leben lohnend macht, nur mit Hilfe eines "Als ob" und dank eines unguten Elements gewinnen können, dann setzt dies eine bestimmte Ethik voraus. Menschen dürfen nicht vernunftbesessen agieren und im Namen von vermeintlicher Vernunft alle charmanten kleinen Illusionen, von denen ohnehin niemand getäuscht wird, zerstören. Um solche Irrationalität von Vernunft zu verhindern, müssen Menschen nicht mehr vernünftig sein. Vielmehr müssen sie ihre Vernunft verdoppeln.
Sie müssen auf vernünftige Weise vernünftig sein, um sich selbst und anderen die eine oder andere kleine lohnenden Narrheit ab und zu gönnen zu können. Erasmus von Rotterdam hat dies in seinem "Lob der Narrheit" wunderbar zur Darstellung gebracht. Dieses Hinausgehen über sich selbst, diese sehr vernünftige Überschreitung der eigenen Vernunft und Haushaltsgrenzen fällt nicht immer leicht. Schließlich muss man etwas an sich selbst und anderen zu dulden bereit sein, das mit dem eigenen Selbstbild und der Art, wie wir uns selbst gerne sehen möchten, nicht ganz übereinstimmt. Einmal muss etwas Dümmeres her, ein anderes Mal zumindest etwas Unappetitliches wie beim Essen von Schnecken oder Unanständigeres. Diese Überschreitung aber macht uns froh, wohlwollend und gesellig.
Man kann diese Fähigkeit zur Überschreitung auch als die Tugend der Erwachsenheit bezeichnen. Erwachsenheit besteht nämlich darin, etwas Ich-Fremdes dulden zu können. Genau das ist das, was bestimmte Kinder an den Erwachsenen am allerwenigsten begreifen können. Wenn Kinder die Vernunft und die Erwachsenheit entdecken, dann beginnen sie oft auf gnadenlose Weise erwachsen zu sein. Es sind jene altklugen Kinder, die blitzartig sämtliche Vernunftprinzipien aufsagen und große Freude daran haben, ihren Eltern permanent zu sagen, das Mülltrennung notwendig und Alkoholgenuss schädlich ist. Solche Kinder sind in ihrer Radikalität eben auf unvernünftige Weise vernünftig oder auf kindliche Weise erwachsen. Sie können nichts Ich-Fremdes an sich und anderen dulden und verstehen nicht, dass Erwachsene so scheinbar unvernünftige Dinge tun können wie ironisch sprechen, Champagner trinken, andere einladen oder sich verlieben. Dieser kindliche Habitus erfährt gegenwärtig durch die Kultur der Postmoderne eine massive Unterstützung, die ihn auch unter Erwachsenen verbreitet und geradezu als guten Ton salonfähig macht.
Dies ist mir aufgefallen, als ich vor wenigen Jahren auf einem Flug in die USA beim Versuch, den Film "Amour" von Michael Haneke auf der Bord-Videothek zu betrachten, vor sogenannter "Erwachsenensprache" gewarnt wurde. Es wurde also nicht einfach nur einer Altersgrenze für den Film markiert, vielmehr wurden auch erwachsene Menschen gewarnt. Man unterstellte also, dass auch erwachsene Menschen heutzutage nicht mehr selbstverständlich in der Lage wären, mit Erwachsenendingen erwachsen umzugehen. Den Leuten wird damit suggeriert, sie bestünden nur aus kindlich verletzbarer Besonderheit und nicht etwa auch aus einem Stück erwachsener Allgemeinheit, die es ihnen erlaubt, darüber milde zu lächeln. Und es wird so getan, als ob das größte Problem der durch neoliberale Politik verarmenden und um ihre Zukunftsaussichten gebrachten Bevölkerungen ausgerechnet in deren durch erwachsene Worte verletzten Besonderheitsgefühlen bestünde.
Gegen diese postmoderne Propaganda, die die Individuen infantilisiert, einschüchtert, gefügig macht und entsolidarisiert, muss die Philosophie, wie ich meine, ihre Stimme erheben, auch wenn sie sich dabei nicht immer beliebt macht. Vor allem nicht bei den zahlreichen opportunistischen Kleinprofiteuren, die von Berufs wegen im Namen benachteiligter Gruppen sprechen und dabei fast immer nur Vorteile für sich selbst gewinnen. Und die klarerweise schon aus diesem Grund alle Probleme immer so behandeln müssen, dass sie ja nicht gelöst werden. Dagegen hat die Philosophie, wie ich meine, Stellung zu beziehen. Sie muss den Leuten sagen: "Erinnert euch immer daran, dass ihr erwachsen seid und das andere es auch sind. Haltet darum eure Empörung über Kleinigkeiten möglichst klein, nur dann werdet ihr im Stande sein, euch über das zu empören, was euch klein hält. Und nur auf diese Weise werdet ihr in der Lage sein, Glück zu empfinden, lohnendes Leben einzufordern und im Glück der anderen auch ein eigenes Glück zu erkennen."
Moderatorin: Ich danke Ihnen! Ich darf Sie bitten, bei uns Platz zu nehmen. Herr Professor Pfaller, herzlichen Glückwunsch zum Paul-Watzlawick-Ehrenring. Professor Liessmann war ja maßgeblich als Jury-Mitglied beteiligt. Ich fürchte mich ein bisschen. Ich sitze zwischen zwei sehr hochrangigen Philosophen. Ist es ein Vorurteil, wenn man sich vor Philosophen fürchtet?
Robert Pfaller: Als Vorwurf empfinde ich es nicht. Ich glaube, es ist eine unbegründete Furcht.
Moderatorin: Mein Fachgebiet sind Serientäter, aber ich hoffe, dass wir heute keinen Mehrwert davon haben. Herr Professor Pfaller, ich würde gerne zunächst Sie fragen. Beginnen wir gleich mit Paul Watzlawicks großem Werk. von 1983, "Die Anleitung zum Unglücklichsein", die uns sehr alle sehr glücklich gemacht hat. War das für Sie ein Meilenstein in Ihrer Art zu denken?
Robert Pfaller: Ich muss gestehen, dass ich Watzlawick eigentlich erst relativ spät am Ende ungefähr meines Studiums gelesen habe. Und vielleicht setzt man manche Meilensteine nachträglich, wenn man schon ein Stück des Weges zurückgelegt hat. Aber ich habe das mit großem Genuss gelesen und glaube, dass bestimmte Richtungsentscheidungen, zu denen Watzlawick anleitet, mich damals in dem, was ich ahnte, bestätigt haben.
Moderatorin: Professor Liessmann, Sie haben in Ihrer Laudatio von der paradoxen Intervention gesprochen. Sie sagten, Paul Watzlawick hätte große Freude gehabt, wenn er gesehen hätte, dass die Wiener Ärztekammer, die sich für das Rauchverbot einsetzt, und Herr Professor Pfaller, der sich gegen jedwede Form von Verboten stark macht. Aber ich glaube, sie haben auch eine große Freude daran. Stimmt das?
Konrad Paul Liessmann: Sicher, sonst hätte ich in der Jury meine Stimme nicht für Robert Pfaller abgegeben. Ich denke, dass wir jetzt in dieser Situation sind, zeigt, dass wir im Stande sind, uns im Sinne von Robert Pfaller erwachsen zu verhalten. Es gibt natürlich diese Politik der Wiener Ärztekammer. Und es gibt auch sehr viele gute Gründe dafür. Das ist gar keine Frage. Es gibt andererseits die ebenso für mich nachvollziehbare pointierte Kritik von Robert Pfaller an bestimmten Formen des Genussverbots.
Ich denke, das nicht in Gut und Böse zu unterscheiden, sondern sich sogar wechselseitig auszuzeichnen, in diesem gegenseitigen Oppositionen - das ist doch wirklich souverän. Mit den Fingern auf den anderen zu zeigen, zu sagen: "Du bist der Böse" - das wäre dann eher eine Aktion in einem kindlichen Sinne gewesen. Ich finde, man sollte überhaupt wieder mehr dazu übergehen: Nicht: Wo gibt es Menschen, die so denken wie ich. Sondern: Wo gibt es Menschen, die ganz anders denken, aber trotzdem interessant sind? Nicht jedes Andersdenken ist interessant, oder? Oder muss mich interessieren. Aber es gibt schon Dinge, die gerade in ihrer pointierten Andersartigkeit anregen. Die anregender sind als permanente Selbstbestätigung durch Schulterklopfen der Freunde.
In diesem Sinne habe ich das Wechselspiel zwischen Ärztekammer, Paul Watzlawick als imaginärer Figur dahinter, genau im Sinne von Robert Pfaller, und Robert Pfaller mit seinen pointierten Formulierungen als sehr schön empfunden.
Robert Pfaller: Ich muss etwas zur Berichtigung bzw. Ergänzung sagen. Weil Sie mich hingestellt haben als den Philosophen, der gegen jedwede Art von Verboten rebelliert. Ich möchte nicht als der verrückte Anarcho dastehen, im Gegenteil. Ich bin durchaus für eine bestimmte Art von Verboten, das möchte ich betonen. Ich bin nur deswegen gegen Rauchverbote oder Warnungen vor dem Rauchen, die man auf die Zigarettenpackungen druckt, weil ich finde, dass es nicht die Aufgabe der Politik ist, sich um solche Kleinigkeiten zu kümmern.
Ich bin aber sehr wohl für Verbote, die die Politik vernachlässigt hat, wenn es zum Beispiel darum geht, nicht zuzulassen, dass die Gesundheitssysteme in Italien, Frankreich und Spanien ruiniert werden, was in Folge der Finanzkrise passiert ist. Da haben die europäischen Finanzinstitutionen diese Staaten gezwungen, ausdrücklich gezwungen, diese Einsparungen im Gesundheitssektor vorzunehmen. Und das ist der Grund für die hohe Zahl an Toten, die durch die Coronakrise dort entstanden ist. Da hat es die Politik verabsäumt, etwas zu verbieten. Das hätte man nicht zulassen dürfen, dass die Finanzinstitutionen die Staaten dazu zwingen können. Genau dieses Problem habe ich versucht zu zeigen. Die Politik, die sich um das Kleine kümmert, ist eine, die davon abzulenken versucht, dass sie das Große vernachlässigt.
Moderatorin: Ist das Ihrer Meinung nach auch der Postmoderne geschuldet?
Robert Pfaller: Die Postmoderne ist, glaube ich, das Kulturprogramm des Neoliberalismus. Sie ist auch zugleich entstanden. Postmoderne und Ideologie beobachten wir ziemlich genau seit der Zeit von Thatcher und Reagan. Zu uns ist sie vielleicht mit einigen Jahren Verspätung gekommen. Dann hat man auch bei uns die Sparpakete und die Einschnitte im Sozialsystem vollzogen. Was die Postmoderne sicherlich macht, ist den Menschen vorzugaukeln, dass ihre empfindlichen Seiten das Beste an ihnen wären und dass sie die hervorheben sollen. Und ich glaube, dass ist eine falsche Pädagogik.
Moderatorin: Welche empfindlichen Seiten meinen Sie?
Robert Pfaller: Die Postmoderne ermuntert Menschen ständig, irgendeine Seite an sich zu entdecken, die sie als verletzbar gegenüber anderen in Stellung bringen können. Dem englischen Soziologen Frank Furedi ist aufgefallen, dass seit einigen Jahren die Studierenden in den Seminaren, wenn sie unterschiedlicher Meinung sind, nicht mehr zueinander sagen, "Ich stimme mit Ihrer Meinung nicht überein aus diesen und jenen Gründen", sondern sie sagen, "Was Sie gerade gesagt haben, verletzt meine Gefühle als indigener homosexueller Rollstuhlfahrer." Dann sind Sie aber tot. Wenn man Ihnen vorwirft, sie haben die Gefühle von jemandem verletzt, dann haben Sie keine Chance mehr. Da können Sie sich auch gar nicht mehr äußern. Dann sind Sie mundtot. Ich glaube, das ist das, was postmoderne Kultur im Moment anrichtet.
Menschen können gar nicht mehr durch Austausch von Argumenten auf klügere Gedanken kommen, sondern sie machen andere mundtot, indem sie einander durch Verletzlichkeit oder Vorspiegelung von Verletzlichkeit fürchterlich anpatzen und zum Schweigen bringen.
Moderatorin: Ein Thema, das zeitgleich mit Ihrem Namen fällt - übrigens auch mit Ihrem - besonders in der linksintellektuellen Akademikerszene, ist das Gendern. Auch ein großes Thema in Ihrem Buch "Erwachsenensprache". Wir haben uns nun in unserer Sprache an Anglizismen gewöhnt, wir haben uns an Jugendsprache einigermaßen gewöhnt. Warum ist die Ablehnung bei Ihnen beiden so groß, wenn es um gendergerechte Sprache geht?
Robert Pfaller: Ich kann zunächst etwas dazu sagen. Das ist mir als Marxisten auch deutlich geworden. Es ist gar nicht immer einfach, Marxist zu sein in der Philosophie. Philosoph Louis Althusser, den ich sehr bewundere, hat das einmal in einem Buch sehr gut festgehalten. Es ist, selbst wenn man etwas sein will, gar nicht sicher, dass man das auch ist. Wenn man Feminist oder Feministin sein will, ist es auch nicht sicher, dass man das schafft, nur weil man es will.
Ich glaube, es ist zumindest sehr fraglich, ob das Gendern überhaupt einer feministischen Position entspricht. Oder ob das die beste feministische Strategie ist. Weil Sie die Anglizismen angesprochen haben: Die englischsprachigen Feministinnen haben die entgegengesetzte Lösung gewählt. Sie haben gesagt: "Gendern hilft uns überhaupt nicht. Im Gegenteil! Wir müssen daran festhalten, dass eine Frau, wenn sie Bundeskanzler ist, Chancellor ist - und nicht Chancellorette". Das ist die Strategie, die wir verfolgen müssen. Darum sagen die Engländer Writer, auch wenn es eine Frau ist, die schreibt. Sie sagen Chancellor, auch wenn es eine Frau ist, die Bundeskanzler ist usw. Sie versuchen nicht, Geschlecht als eine wesentliche Eigenschaft darzustellen, die irgendeine Trübung an der Qualifikation vornimmt. Das ist der entscheidende Grund. Ich glaube, das Gendern ist aus diesem Grund eine verfehlte Strategie, die zu Unrecht behauptet, eine feministische Strategie zu sein.
Moderatorin: Aber wir wissen ja aus Studien, dass das nicht stimmt. Wir wissen ja, dass Frauen ausgeblendet sind, wenn sie nicht gegendert erwähnt werden. Gerade im Deutschen, wo es möglich ist, die weibliche Bezeichnung auch zu nennen, gerade dann, wenn wir es weglassen, ist das eine noch stärkere Nicht-Sichtbarkeit.
Konrad Paul Liessmann: Es gibt verschiedenste Aspekte. Ich wunder mich, warum das so ein heißes Thema ist.
Die deutsche Sprache hat einige Eigentümlichkeiten, die sie von der englischen Sprache unterscheidet. Zum Beispiel, dass wir drei grammatikalische Geschlechter haben und die englische Sprache keines. Beide Sprachen arbeiten mit einem Suffix -er. Dieses Suffix macht aus einer Tätigkeit den Träger einer Tätigkeit. Zum Beispiel: Ich schreibe. Wenn ich die Person bezeichnen will, die schreibt, dann hängt man einfach dieses -er dran. Dann wird ein Schreiber daraus. Das ist im Englischen genauso. Das ist der von Robert Pfaller angeführte "writer". Der „writer“ kennt kein Geschlecht im Englischen, aber das Suffix -er hat dieselbe Funktion. Aus "to write" wird "the writer", aus der Tätigkeit wird der Akteur. Deshalb gibt es im Deutschen das generische Maskulinum. Das bedeutet, weil -er mit dem grammatikalisch männlichen Geschlecht assoziiert wird, dass zufällig das männliche Geschlecht bezeichnet wird, aber immer alle Wesen beschreibt. So wie Lehrer alle Wesen sind, die lehren. Ich hatte damit nie Probleme. Und auch nie irgendjemanden nicht gemeint. Schreiber sind einfach Wesen, die schreiben. Oder Autoren oder Leser.
Dadurch, dass man das vergessen hat, anstatt einfach im Sprachunterricht darauf hinzuweisen und junge Menschen dafür sensibel zu machen, was Sprache leistet. Man hat das vergessen und das grammatikalische Geschlecht kurzgeschlossen. Mit dem biologischen Geschlecht hatte man plötzlich ein Problem. Man sah nicht den Vorzug, den die deutsche Grammatik hat, dass man mit dieser neutralen Form des generischen Maskulinums alle bezeichnen kann. Und dass man weibliche Wesen besonders hervorheben kann. Das kann das Englische so nicht. Da muss man das Wort "female" davorsetzen. Im Deutschen hängt man einfach an -in dran und dann wird die Schreiberin daraus oder die Autorin. Dann möchte ich besonders betonen, dass es eine Frau ist.
Wenn ich von Autoren spreche, sind immer alle schreibenden Menschen gemeint. Im Grunde hat das generische Maskulinum mit dieser Möglichkeit der besonderen Hervorhebung von Weiblichkeit eigentlich einen großen Vorteil gehabt. Den man leichtfertig verspielt hat, aus Unbildung, aus Unwissen, aus mangelnder Sprachsensibilität, aus falsch verstandener, infantiler Regression, die es erwachsenen Menschen einfach nicht mehr zumutet, zwischen biologischem und grammatikalischem Geschlecht zu unterscheiden. Das war einer der Gründe.
Nicht dass ich mich gegen das Gendern wehre. Ich bin ja kein Vertreter der Verbotskultur. Die Menschen sollen schreiben und reden, wie sie wollen. Nur ich will es nicht benutzen. Ganz einfach! Abgesehen davon muss ich Ihnen sagen, ich arbeite an einer Universität, die hier sehr fortschrittlich ist und die das Gendern im Sinne von Betonung der weiblichen Form schon längst ad acta gelegt hat. Weil da das dritte, vierte, fünfte, sechste, siebte, achte und zehnte Geschlecht diskriminiert wird. Man gendert nicht mehr, sondern verwendet jetzt das Gender-Sternchen. Auch das soll jeder halten, wie er will. Ich will sozusagen nicht.
Als es bei uns eingeführt wurde, haben sich alle in dieser infantilen Art und Weise radikal darangehalten. Es wurde nicht mehr unterschieden, wann es sinnvoll ist, wann sinnlos. Da hat mich die zuständige Fakultätskraft, die mich seit 20 Jahren kennt und der gegenüber ich nie irgendwelche Zweifel aufkommen ließ, dass ich mich als Mann verstehe, als männlich verstehe, biologisch, geistig, wie auch immer... Sie hat mich plötzlich angeschrieben mit "Sehr geehrte* Liessmann". Da dachte ich mir, wo sind wir eigentlich. Was macht das mit Menschen? Was macht das mit Menschen, wenn sie glauben, sich einem abstrakten formalen Gerechtigkeitsprinzip unterwerfen zu müssen. Und jede Form von vernünftigem menschlichem Umgang miteinander ad acta legen? Das stört mich so sehr an dieser Generalisierung von solchen Prinzipien wie Gendern! Wieder nehme ich an, ähnlich wie Robert Pfaller, das nicht situativ entscheiden zu können. In dem Moment, wo ich ständig das Binnen-I, das Sternchen oder die zwei, drei grammatikalischen Formen anführe, signalisiert ich immer, was ich auch immer rede, ob über den Neoliberalismus, ob über Kunst, ob über philosophische Wahrheitsfrage, ob über Politik, ob über die Wiener Wahl...
Es ist eigentlich alles nebensächlich. Wichtig ist nur, ob alle Formen von Geschlechtlichkeit grammatikalisch, biologisch, sexuell intersexuell in der Sprache abgebildet werden. Das führt natürlich zu skurrilsten Verrenkungen. Wenn ein Politiker interviewt wird, weiß er, er kann nicht anders, er muss das jetzt sagen. Und andererseits muss er schnell reden, denn die Fernsehkameras und das Mikrofon sind an. Ich weiß nicht, ob es Ihnen aufgefallen ist. Es bemühen sich alle, beide Formen zu verwenden. Die Zeit ist aber nicht da. Dann sagen alle "Die Wiener und Wiener". Dann wird zwei Mal die männliche Form verwendet und die weibliche Form wird verschluckt, obwohl sie gemeint ist. Die Österreicher und Österreicher, die Wiener und Wiener. Und dadurch glaubt man, etwas Gutes getan zu haben. Das wird doch mittlerweile wirklich absurd. Das glaube ich nicht, dass das so oft vorkommt. Das kommt sehr oft vor. Am Wahlabend, beim Wahlkampf habe ich das jeden Abend mindestens einmal gehört. Und zwar quer durch alle Parteien.
Moderatorin: Es wird in diesem Zusammenhang sehr oft von Verhunzung der Sprache gesprochen und von Nichtverständlichkeit von Texten. Aber ist es nicht so, dass tatsächlich Texte besser verstanden werden, wenn wir besser schreiben, wen wir meinen?
Robert Pfaller: Erstens muss man sagen: Die Sprache meint nicht, sondern sie bezeichnet. Die Sprache bezeichnet mit bestimmten Ausdrücken alle Geschlechter. Dass Menschen das manchmal nicht so verstehen, ist eine andere Frage. Darum bin ich sehr für mehr Deutschkurse für InländerInnen, wenn Sie so wollen.
Ich finde noch etwas sehr wichtig. Weil Sie den Begriff der Sichtbarkeit ins Spiel gebracht haben. Das halte ich wirklich für einen ganz problematischen Begriff. Also denken Sie nur mal, was das ist, dass Menschen mit Sternchen bezeichnet werden. Das hatten wir in diesem Land schon mal. Im tausendjährigen Reich wurden alle mit Sternchen bezeichnet. Da hatten wir eine perfekte Sichtbarkeit aller sexuellen, ethnischen, sonstigen Minderheiten. Das ist faschistische Politik.
Ich glaube, eine emanzipatorische Gesellschaftsperspektive besteht darin, dass man so sprechen kann, das nicht ununterbrochen erwähnt wird, welche sexuelle Orientierung, Geschlecht, Ethnie, religiöse oder sonstige Herkunft jemand hat. Davon müssen wir zunehmend lernen abzusehen. Und je mehr wir davon absehen können, desto freier sind wir. Und ich glaube, das Gefährliche dieser postmodernen Betonung der Identität, wo man immer zuerst sagen muss, wer man ist, besteht vor allem darin, dass sie die Menschen vollkommen separiert. Dann kann nämlich die Eisenbahnerin zum Eisenbahner irgendwann nicht mehr sagen: "Heast, Alter, wir san schließlich beide Eisenbahner." Dann kann der Eisenbahner sagen: "Hoppla, jetzt hast aber nicht gegendert."
Moderatorin: Sie kommen ja aus der linken Ecke. Sie sind hier ein bisschen umtriebiger. Sie kamen ursprünglich von links und bezeichnen sich, glaube ich, in gewissen Dingen nicht mehr als jemand, der politisch links zu bezeichnen ist. Wo darf ich Sie verorten? Darf ich Sie verorten? Nein, muss ich Sie nicht verorten.
Konrad Paul Liessmann: Ich brauche keinen Stern. Ich würde sagen, es ist gar nicht so einfach. Auch wenn ich sagen würde, ich würde gerne ein Linker sein. Man weiß nicht, ob es einem gelingt. Es haben sich ja auch viele darüber irritiert gezeigt, dass sie mit ihren klassischen linken Positionen plötzlich nicht mehr als links verstanden wurden. Mir geht es überhaupt nicht um solche Etikettierungen.
Wenn ich Marx faszinierend finde, bin ich dann ein Linker? Wenn ich Nietzsche nicht minder faszinierend finde, bin ich dann ein Rechter? Oder vielleicht von Marx aus betrachtet ein Rechter? Weil er den britischen Imperialismus bewundert hat? Vielleicht war Nietzsche ein Linker, weil er diese verlogene bürgerliche Moral kritisiert hat? Ich weiß es nicht! Aber ich bin glücklich über alle Menschen, die das alles ganz genau wissen.
Moderatorin: Wie sieht es da bei Ihnen aus, Herr Professor Pfaller?
Robert Pfaller: Weil dieser Topos berührt wurde, heutzutage weiß man gar nicht mehr, was links und was rechts ist. Ich finde, das wissen wir fast besser denn je. Nur komischerweise die Kulturlinke hat eigentümliche Zustände und findet sich nicht recht zu recht. Aber es gibt eine einfache Faustregel, zumindest für die Art des Sprechens.
Ich würde sagen, wer fragt, wer jemand ist oder wo jemand herkommt, ist ein Rechter. Wer fragt, wofür jemand steht, ist ein Linker.
Moderatorin: Ich mit meinem sogenannten Migrationshintergrund werde tagtäglich gefragt, woher ich komme und wer ich bin. Und ich könnte nicht eindeutig sagen, dass das von rechter Seite kommt.
Robert Pfaller: Das ist ja auch etwas anderes. Die Sprache kennt, wie Ludwig Wittgenstein betont hat, unterschiedlichste Sprachspiele. Wir betreiben ja nicht nur politische Diskussion mit dem Ziel einer Positionierung oder Wahrheitsfindung, sondern wir sind auch mal neugierig und sagen: "Wie geht es Ihnen? Sie wirken interessant. Wo kommen Sie denn her?" Woher haben Sie denn das?" Das würde ich nicht sofort als rechts oder verdächtig einstufen.
Nur sehe ich es immer öfter in politischen Diskussionen, dass jemand zu jemand anderem sagt: "Sie haben mir doch überhaupt nichts zu sagen. Denn Sie sind doch eine Weiße." Und ich finde, das ist eine falsche Strategie, bevor ich mir überlege, was ich glaube, wer der andere ist. In der politischen Diskussion sehe ich mir an, wofür jemand steht. Das ist eine große Kritik an der Identitätspolitik, die vollzogen wird.
Moderatorin: Aber was spricht denn eigentlich dagegen? Diskriminierte Gruppen, die sich für diskriminierte Gruppen einsetzen.
Robert Pfaller: Dagegen spricht natürlich überhaupt nix. Ich glaube nur, es ist wieder typisch für neoliberale Propaganda, alle Ungleichheiten in der Gesellschaft auf Diskriminierung zurückzuführen. Die US-amerikanische Gesellschaft ist besonders stark in dieser Gefahr, aus historischen Gründen.
Aber eines ist zumindest ganz klar. Damit Sie überhaupt diskriminieren können, brauchen Sie vorher mal ungleiche Plätze in der Gesellschaft, Damit Sie sagen können: "Alle, die blonde Haare haben, sollen ganz unten in der Hierarchie sein", brauchen Sie mal eine Hierarchie, wo es einen Platz ganz unten gibt. Wenn es in der Gesellschaft keine ungleichen Plätze gibt, dann hilft Ihnen diskriminieren überhaupt nix. Das Problem ist aber, dass jetzt so getan wird, als wenn schon Gleichheit und Gerechtigkeit hergestellt wäre, wenn man nur dafür sorgt, dass nicht diskriminiert wird.
Wie der schwarze Theoretiker der Befreiung, Adolph Reed, festgestellt hat: Wenn man nur Antidiskriminierungspolitik macht, dann kontrolliert weiter 1 % der Menschheit 99 % der Ressourcen. Aber innerhalb des 1 % sind dann zwölf % Schwarze, 30 % Latinos, 12 % Homosexuelle. Oder wie auch immer die Quoten dann lauten. Aber da hat man noch überhaupt nichts verbessert.
Moderatorin: Aber jetzt zurück nach Österreich. Was stört Sie an der österreichischen Identitätspolitik?
Robert Pfaller: Wo sehen Sie die denn? Da müssen Sie mir erst erklären, was österreichische Identitätspolitik ist.
Moderatorin: Wenn es um diskriminierte Gruppen geht, wenn es um Minderheiten geht, wenn es um Flüchtlinge geht. Was spricht dagegen, diese Gruppen auch sichtbar zu machen, um wieder dieses Wort zu verwenden? Das kann ja auch Hand in Hand gehen.
Robert Pfaller: Die sind ja keine identitäre Gruppe. Die verbindet ja nichts außer der Tatsache des Geflüchtetseins. Aber nicht Geschlecht, Ethnie, Religion oder so was. Das kann man nicht in einen Topf werfen.
Konrad Paul Liessmann: Ich hab da irgendwie - das mag jetzt die neue Form des Konservativismus sein - diese alte aufklärerische Idee, dass es eigentlich das Ziel einer gesellschaftlichen Entwicklung sein sollte, dass solche Fragen, die wir heute als Identitätszuschreibungen auffassen, Hautfarbe, Herkunft, Religion, dass solche Fragen immer weniger Rolle spielen sollen.
Und da würde auch eher sagen, wenn es einer sozialen oder politischen Ebene darum geht, benachteiligte Gruppen zu fördern oder ihnen Möglichkeiten zu geben, es Benachteiligungen ab zu werfen oder ihnen dabei zu helfen, sich selber durchzusetzen, was ich immer noch für die beste Form hielte, das spricht überhaupt nichts dagegen, das zu tun. Aber wenn es wirklich darum geht, dass es immer wichtiger wird oder zu werden scheint, zu sagen, welche äußeren Merkmale jemand hat. Und dass davon dann auch noch abgeleitet wird, welche Position er haben soll oder wie man mit ihm zu sprechen hat, wie man mit dem umgehen soll oder wer eben dann nichts zu sprechen hat, weil er eben bestimmte äußere Merkmale hat, dann hätte ich sozusagen als alten aufklärerischen Reflex ein großes Unbehagen.
Weil mir genau diese Idee von Humanität dabei verloren geht, die zumindest in der europäischen Tradition seit der Antike und ganz vehement seit zweihundert Jahren versucht, solche äußeren Merkmale eben als äußere Merkmale anzuerkennen. Aber eben als äußere Merkmale. Und dann kann es natürlich schon sein, dass man sich freut, dass es Menschen gibt, die eine andere Hautfarbe haben, die eine andere Haarfarbe haben, die einen anderen Habitus haben, aus einer anderen Kultur kommen. Aber das jetzt essentialistisch zu sehen und Menschen darauf festzulegen.
Man geht auch so unglaublich schlampig und leichtfertig mit dem Begriff der Identität um. Man unterschlägt, welche Gewaltsamkeit da eigentlich drinnen steckt. Der Philosoph Günther Anders, der wusste, wovon er sprach, als 1933 zur Emigration genötigter Jude. Er hat gesagt, das Verbrechen der Nationalsozialisten bestand genau darin, ein kontingentes Merkmal - nämlich zufällig als Kind jüdischer Eltern geboren worden zu sein - ein kontingentes Merkmal zu ontologisieren. Den Menschen darauf zu reduzieren, dass er jetzt nur noch das ist. Das war für die meisten, die dieses kontingente Merkmal hatten, tödlich.
Das ist das Eigentliche, wogegen wir uns wehren müssen. Hinter einer Identitätspolitik sehe ich ähnliche gedankliche Konzepte. Menschen nur noch darauf zu reduzieren, welche Hautfarbe sie haben, Welchem Glauben sie angehören, welchen Gott sie verehren. Das mag wichtig sein und ist für den einen vielleicht wichtiger als für den anderen. Aber das, was einen Menschen ausmacht, ist doch nie darauf zu reduzieren. Er jenseits dessen, dass er einem bestimmten Gott verehrt hat, hat er noch ein Geschlecht, eine Vergangenheit, eine Geschichte, ein Vorleben, Interessen. Er interessiert sich für das und für jenes - und das verbindet ihn wieder mit ganz anderen Menschen.
Wenn wir den Menschen auf eine Identität festlegen, dann sagen wir: Du bist nur in der Gemeinschaft, die genau dieses Identitätsmerkmal teilt. Und wenn du noch sonstige Interessen hast, dann darfst du die nur in dieser Gemeinschaft befriedigen. Wie Herr Pfaller sagt: In dieser absolutierenden Form, in dieser ontologisierenden Form von Kontinuitätszuschreibungen sehe ich ein gewaltsames Moment, das auch dann gewaltsam bleibt, wenn ich jetzt versuche, es als positive Diskriminierungsstrategie zu verwenden. Das Problem dieser Sichtbarkeit, von der Robert Pfaller gesprochen hat, besteht genau darin, wenn sich politische Verhältnisse nur ein klein wenig ändern.
Es gibt diesen schönen jüdischen Gedanken, dass das Paradies genauso ist wie das, was jetzt ist, nur ein bisschen anders. Das Dumme ist, das gilt auch für die Hölle. Auch die Hölle ist genau so, wie es jetzt ist, nur ein bisschen anders. Wenn sich die Verhältnisse ein bisschen ändern, dann führen alle diese Sichtbarkeitsmerkmale zu Vernichtungsfeldzügen. Und da schützt vielleicht der Gedanke, Identitätszuschreibungen und -merkmale oder auch Selbstbeanspruchungen natürlich zu akzeptieren, weil das Moment zum Menschsein gehört, aber nie zu verabsolutieren, egal in welchem Kontext. Davor schützt vielleicht dieser Gedanke. Den vermisse ich beim aktuellen identitätspolitischen Diskurs.
Moderatorin: Es wird einem auch sehr oft der österreichische Teil an einem aberkannt. Das erlebe ich zumindest hin und wieder.
Sie beide unterrichten an Universitäten. Erfordert es auch Mut, diese Positionen einzunehmen? Vor ihren Studierenden? Gibt es hier viel Diskussionsstoff?
Robert Pfaller: Ich kann vielleicht nur etwas berichten. Ich arbeite ja in Linz und ich bin ziemlich froh, da zu arbeiten, weil Linz eine Arbeiterstadt ist und meine Studierenden sehr politisierte Studierende sind. Ich merke, weil ich auch an anderen Universitäten, auch in anderen Ländern und in anderen Städten, gearbeitet habe, dass meine Studierenden diesen Moden, die ich eher für entpolitisierend halte, sehr viel stärker Zweifel und Skepsis entgegenbringen. Die lassen sich nicht so leicht von einer modischen US-amerikanischen Ideologie, wie sie gerne in der Kunst weiterverbreitet wird, anstecken, wie das andere tun, die aus sehr wohlhabenden Familien kommen und sowas gierig aufsaugen. Damit sie auch so etwas wie einen politischen Touch bekommen.
Moderatorin: Wie ist das bei Ihnen?
Konrad Paul Liessmann: In der Philosophie ist es vielleicht nicht ganz so, wo ich das auch nicht so dramatisch merke. Ich erlebe die Universität noch immer als einen ganz exzeptionellen Ort der Freiheit. Ich würde sagen, bei dem, was mich interessiert, was ich mache und wo meine Studenten mir folgen, mitmachen, steht die Sache, die Idee, die Philosophie als solche im Vordergrund.
Ich glaube auch nicht, dass Wissenschaft primär den Anspruch hat, sofort in die politische Praxis umzuschlagen. Es gibt auch so etwas wie die Lust an der Theorie. Das Ungute an dieser Lust an der Theorie, um jetzt Robert Pfaller zu paraphrasieren, liegt genau darin, dass man sich der Praxis vorerst einmal entschlagen muss.
Man würde gern sofort die Welt verbessern und die Welt verändern. Aber es gibt natürlich auch Spaß am Denken, an der Schönheit von philosophischen Texten, an der Auseinandersetzung von Diskursen. Dieser Spaß, diese Freude, diese Lust ist einfach größer, wenn sie nicht von diesen Erfordernissen der Praxis kontaminiert ist. Auf der anderen Seite wissen wir natürlich, dass ein Denken, das nie die gesellschaftliche Wirklichkeit berührt, auch ein falsches Denken ist.
Deshalb habe ich mich auch immer in meiner Lehre mit Philosophen auseinandergesetzt, die das selber thematisiert haben. Ob das jetzt Marx war, ob das Nietzsche war, ob das Kierkegaard war, ob das Günther Anders war. Denen ging es immer auch um die existenzielle Dimension gesellschaftlicher Wirklichkeit, sodass ich hoffe, den Spagat geschafft zu haben zwischen einerseits den theoretischen Ansprüchen und dann, ohne diese Denker zu vergewaltigen, auch die gesellschaftliche Wirklichkeit, die politische Realität zu thematisieren. Der Diskurs ist sehr wichtig.
Moderatorin: Herr Professor Pfaller, Sie neigen dazu, Verbote nicht unbedingt gerne anzunehmen. Jetzt, in Anbetracht der aktuellen Corona-Pandemie, wir haben noch überhaupt nicht über Corona gesprochen, wir hatten sehr viele Verbote. Wir hatten sehr viele Maßnahmen, haben viele Empfehlungen. Expertinnen, Experten teilen uns immer wieder ihre Meinung mit. Und wenn man sich gegen diese Meinungen, die wir in den Medien hören, stellt, wird man oft als Verschwörungstheoretiker hingestellt. Es würde mich wirklich interessieren, was Sie dazu sagen.
Robert Pfaller: Also zunächst einmal, glaube ich, bin ich dafür, den Begriff Verschwörungstheorie aus der Diskussion zu entfernen Ich glaube, dass das immer nur ein Vorwurf ist, der von einer etablierten bürgerlichen Mitte an alle gerichtet wird, die irgendwie an dieser Hegemoniekritik zweifeln. Das sind immer die Verschwörungstheoretiker und alle anderen, was sind die also? Das weiß ich gar nicht. Es gibt komischerweise keinen Gegenbegriff.
Gerade in der Coronakrise ist es eigentlich auch so. Es gibt Leute, die glauben, dass das alles richtig ist, was die Regierungen machen. Die können sich irren. Und es gibt Leute, die glauben, dass das nicht richtig ist, was die Regierungen machen. Die können sich auch irren. Aber komischerweise gelten nur die einen als Verschwörungstheoretiker, der Irrtum der anderen hat gar keinen Namen. Das finde ich irgendwie bemerkenswert, diese Asymmetrie. Deswegen, glaube ich, ist das ein schlechter Begriff, weil er etwas unbeleuchtet und undenkbar lässt, was die Verbote in der Coronakrise betrifft.
Ich möchte nur eins betonen: Dass ist ein völlig anderer Fall, als die Verbote, die ich kritisiert habe, bei den Rauchwarnungen oder bei der Warnung vor der Erwachsenensprache.
Ich glaube eben, das ist jetzt tatsächlich ein Fall, um den sich die Politik zu kümmern hat. Das war bei den Rauchwarnungen nicht so. Das halte ich nicht für ein Tätigkeitsfeld der Politik. Jetzt in so einer Krise, glaube ich, muss Politik handeln, weil einzelne das Risiko unmöglich abschätzen können. Wir können nicht von heute auf morgen alle Epidemiologen werden und wissen, was da jetzt richtig ist und angeraten.
Andererseits, glaube ich, hat die Politik eine bestimmte ethische Verpflichtung, die Ungewissheit, die in allen diesen Fragen besteht, auch offen zu legen. Es ist vernünftigen Menschen durchaus zumutbar, dass man sagt: "Eigentlich wissen wir noch sehr wenig. Wir wissen nicht einmal, ob diese komische Maske nützt oder nicht nutzt oder nicht vielleicht sogar schaden wird. Da gibt es auch schon medizinische Studien dazu. Das wissen wir eigentlich nicht, aber im Moment schaut es so aus, als ob es nützen würde. Also bitte macht es." Das wäre, glaube ich, eine verantwortungsvolle Politik.
Aber die Politik kann oft der Versuchung nicht widerstehen, sich als allwissender, charismatischer Führer zu generieren. Einmal heißt es: "Diese Masken sind völlig unnötig", und im nächsten Moment: "Diese Masken müssen her. Jeder, der die Masken nicht trägt oder sie nicht akzeptierte, sei ein Verschwörungstheoretiker. Immer mit dem Brustton der Überzeugung. Gestern war das Gegenteil wahr und heute ist das andere wahr. Das spottet der Vernunft der Menschen Hohn. Hier sind gerade in Österreich massive Fehlhandlungen passiert.
Moderatorin: Hatten Sie auch den Eindruck, dass das nicht wirklich möglich war zu diskutieren?
Konrad Paul Liessmann: Na ja, nicht in dieser Intensität. Es hat ja schon von Anfang an kritische Stimmen gegeben, auch in seriösen Medien, die durchaus gehört worden sind, diskutiert worden sind. Es hat auch internationale Beispiele gegeben, wo man sagen konnte: "Schaut doch, woanders geht es auch. Die machen das ganz anders." Schweden, England, USA - das es dort vielleicht doch nicht so toll war, ist wieder etwas anderes. Das gehört genau zu diesem Prozess.
Wir wussten nicht genau, wie man damit umzugehen hat. Hier mehr ein Geständnis von Unsicherheit oder auch mehr Akzeptanz, dass Wissenschaft immer auch mit Versuch- und Irrtum-Sprachspielen zu tun hat. Man musste nicht entsetzt sein darüber, dass sich nicht einmal die Virologen einig waren. Das ist das Wesen von Wissenschaft, dass man sich bei einem neuen Phänomen nicht gleich einig ist, um was es sich hier handelt und was die besten Maßnahmen sind, Dadurch, dass der Mensch ein lernfähiges Wesen ist, hätte es sicher auch die Möglichkeit gegeben, von unterschiedlichsten Regierungen nicht nur von der österreichischen, großzügig Fehler zuzugeben, einzugestehen und um das Verständnis der Bürger zu ersuchen, für Maßnahmen, die nach dem derzeitigen Stand des Wissens einfach notwendig erscheinen. Oder dass man versucht, Risikoabschätzungen vorzunehmen und auch klare Verhältnismäßigkeiten versucht zu thematisieren.
Ich würde nicht den Begriff der Verschwörungstheorie völlig aus dem Diskurs rausnehmen wollen. Ich sehe im inflationären Gebrauch dieses Begriffs Verschwörungstheorie nämlich prinzipiell eine ganz beliebte Diskursstrategie, die wir heute an den Tag legen. Wir haben etwas, von dem wir eindeutig annehmen können, es ist eigentlich ziemlich dumm oder es ist schlecht - Verschwörungstheorien. Die wollen wir kritisieren. Mit denen müssen wir uns nicht auseinandersetzen, weil sie dumm und schlecht sind.
Und dann dehnen wir diesen Begriff der Verschwörungstheorien immer weiter aus. Dann fallen auch Positionen darunter, die nicht dumm und schlecht sind, nur anders als unsere. Indem ich die als Verschwörungstheorie bezeichne, brauche ich mich auch nicht damit auseinanderzusetzen. Wir haben heute generell eine Zeit der Begriffsüberdehnung. Wir nehmen Begriffe, geben denen eine eindeutige Bedeutung und dann überdehnen wir sie. Das erleichtert uns natürlich die Ordnung der Welt.
Ich bin deshalb immer und prinzipiell dafür, Begriffe wieder so zu verwenden wie ihre scharfe und enge Bedeutung es zulässt Verschwörungstheorie ist dort angebracht, wo es Menschen gibt, die wirklich davon überzeugt sind, dass alles Elend dieser Welt darauf zurückzuführen ist, dass es dunkle Verschwörungen gibt, die niemand kennt, außer die Verschwörungstheoretiker, die den Durchblick haben. Diese dunklen Verschwörungen haben nur zwei Ziele: Erstens ihre Macht akkumulieren und zweitens neun Milliarden oder acht Milliarden Menschen hinters Licht führen. Das wäre eine Verschwörungstheorie.
Eine Verschwörungstheorie existiert nur dort, wo man Verschwörungen als Ursachen annimmt. Was aber nicht dagegenspricht, dass es Verschwörungen geben kann. Es hat eine Geschichte von Verschwörungen gegeben. Gerade bestimmte aufklärerische Zirkel - man denke an Jakobiner, an Illuminaten - haben angefangen als politische oder intellektuelle Verschwörungen. Als Geheimbünde, die natürlich im Hintergrund versucht haben, Menschen zu beeinflussen, aber niemand durfte draufkommen, dass es sie gibt. So einfach ist das ja alles nicht. Deswegen, finde ich, sollte man einen kritischen Umgang mit diesem Begriff pflegen.
Aber es gibt natürlich unsinnige Welterklärungskonzepte, auf die der Begriff der Verschwörungstheorie auch tatsächlich zutrifft. Man soll auch nicht in diesen alten Relativismus verfallen und glauben, jede Theorie über irgendein Phänomen, nur weil sie geäußert wird, ist auch schon akzeptabel. Es gibt schon auch Kriterien für Sinn und Unsinn. Die Philosophie bemüht sich um Kriterien, die Schärfung der Begriffe und die Schärfung der Kriterien. Aber auch das ist sozusagen ein permanenter Prozess.
Was Verschwörungstheorien betrifft, habe ich einmal einen Vorschlag gemacht, die überhaupt ganz anders zu betrachten und zu beleuchten. Nämlich nicht danach, ob sie vielleicht wirklich ein Körnchen Wahrheit enthalten könnten. Oder ob wir uns durch den Vorwurf der Verschwörungstheorie nur selber immunisieren wollen. Sondern Verschwörungstheorien nach ihrem ästhetischen Potential zu betrachten. Es müsste Robert Pfaller interessieren.
Denn sehr viele Verschwörungstheorien gehorchen ja dem Modell wie unsere Kulturindustrie. Denken wir an Hollywood-Produktionen, wie die Zukunft gedacht wird. Wenn Sie "Star Wars" sehen, wissen Sie: Es gibt dunkle Macht! Es gibt die Finsternis. Es gibt die Verschwörungen. Die haben dann schwarze Masken usw. und sind ganz Böse. Es sind ja wunderbare Filme. Als ästhetisches Phänomen ist das durchaus reizvoll. Ich würde einfach sagen, dass man zwischen dummen und klugen Verschwörungstheorien unterscheiden kann. Meine Lieblingsverschwörungstheorie war immer die These, dass die Amerikaner nicht auf dem Mond gelangt gelandet sind, sondern das Stanley Kubrick die Mondlandung in der Wüste von Nevada gedreht hat. Und diese Vorstellung, dass der Regisseur des bedeutendsten Science-Fiction-Films aller Zeiten, nämlich "2001 - Odyssee im Weltraum" die Mondlandung gedreht hat, aber nie sagen durfte: "Ich war es!" Weil das ja die Menschen in die Irre führt.
Ich finde, das ist eine ästhetisch faszinierende, eine reizvolle Gedankenspielerei. Aber ich weiß, dass die Corona-Verschwörungstheorien, die dann furchtbare antisemitische Züge haben, die also wirklich menschenfeindliche Züge haben, dass diese von so einem ästhetischen Raffinement weit entfernt sind. Das sind ja auch die plumpen, widerwärtigen Verschwörungstheorien.
Moderatorin: Unsere Zeit ist leider um. Ich möchte noch eine letzte Frage an unseren diesjährigen Paul-Watzlawick-Ehrenring-Preisträger stellen. Sie sind erklärter Gegner von Gender-Sprache. Political Correctness finden Sie auch nicht so amüsant. Identitätspolitik der Linken ist ganz abzulehnen. Mit diesen Schlagwörtern könnten Sie eigentlich von jedem politischen Lager Zuspruch bekommen. Fürchten Sie sich ein bisschen davor, dass Ihr Buch auch vielleicht in falsche Hände gerät?
Robert Pfaller: Also, komischerweise hüten sich die Rechten aus sehr gutem Grund davor, mir zuzustimmen. Das ist so gut wie noch nie passiert, mit ganz minimalen Ausnahmen. Es sind komischerweise nur die Kulturlinken, die diesen Eindruck haben, dass das so zweideutig sein könnte.
Moderatorin: Herzlichen Dank! Herzlichen Glückwunsch nochmals, Herr Professor Pfaller. Herr Professor Liessmann, danke schön für dieses aufhellende Gespräch jenseits des Mainstreams.
Meine Damen und Herren, ich darf Ihnen noch eine Publikation ans Herz legen: "Die Einbildungen. Das Zwiespältige. Die Gesellschaft" von Robert Pfaller, erschienen im Picus Verlag.
Die nächste Wiener Vorlesung ist am 12. November im ORF-Radio-Kulturhaus mit Roger de Weck zum Thema "Kraft und Krisen der Demokratie. Wir sind die, auf die wir warten." Meine Damen und Herren vor den Bildschirmen, ich wünsche Ihnen noch einen schönen Abend und danke schön für Ihre Aufmerksamkeit!

Wiener Vorlesung am 15.10.2020

Die Einbildungen. Das Zwiespältige. Die Geselligkeit - Überreichung des Paul Watzlawick Ehrenrings an Robert Pfaller in Kooperation mit der Ärztekammer für Wien

Produktionsdatum: 2020
Copyright: ORF III

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