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Mitschrift

Moderatorin: Ich darf Sie sehr herzlich zur neuesten Ausgabe der Wiener Vorlesungen begrüßen, in deren Mittelpunkt das Thema "Psyche und Stigma" steht. Noch immer sind psychiatrische Erkrankungen mit Vorurteilen verbunden, mit Schuldzuweisungen und mit gesellschaftlicher Ausgrenzung. Zu dieser Stigmatisierung kommt es auch, weil viele Menschen zu wenig über diese Erkrankungen wissen. Und weil darüber zu sprechen, vielfach tabuisiert ist.
Der heutige Abend soll dazu beitragen, das zu ändern. Er soll aufklären und zeigen, wie wichtig es ist, rechtzeitig Hilfe zu suchen und sie auch zu erhalten. Bevor wir tiefer in die Thematik eintauchen, noch ein paar organisatorische Informationen zum heutigen Abend, der ein ganz besonderer für die Wiener Vorlesungen ist. Zum ersten Mal seit März finden die Wiener Vorlesungen nicht nur online statt, sondern vor Publikum hier im Gartenbau Kino. Natürlich gibt es Auflagen. Die heutige Wiener Vorlesung findet vor kleinem Publikum statt. Ihnen allen vielen Dank fürs Kommen. Falls Sie keinen Platz mehr bekommen haben, falls Sie zu Hause sitzen und die Veranstaltung via Livestream beobachten, oder falls Sie das heute Abend Gehörte vertiefen wollen: Diese Veranstaltung wird am Samstag, den 19. September, um 18.30 Uhr auf dem Sender W24 zur Gänze ausgestrahlt.
Jetzt geht es los. Ich darf Daniel Löcker auf die Bühne bitten. Er ist Leiter des Referats für Wissenschafts- und Forschungsförderung der Stadt Wien. Er ist mit seinem Team für die Planung und Koordination der Wiener Vorlesungen verantwortlich. Daniel Löcker, bitte!
Daniel Löcker: Sehr geehrte Damen und Herren, ich begrüße Sie namens des Bürgermeisters und der Wiener Kulturstadträtin Veronika Kaup-Hasler sehr herzlich. Beide sind leider heute verhindert und haben mich ersucht, Sie zu begrüßen. In sehr bewegten Zeiten im Frühjahr hat die Kulturabteilung als Veranstalter Online-Veranstaltungen, Online-Vorlesungen abgehalten. Und das ist nicht dasselbe, das ist nicht das gleiche. Einer der heute hier Anwesenden hat das ausprobiert und war sozusagen unser "Versuchsproband".
Es ist nicht dasselbe, wenn man von Laptop zu Laptop eine Veranstaltung macht. Wenn man versucht, etwas zu kommunizieren, etwas zu transportieren, das einem wichtig ist. Und wir sind wahnsinnig froh, dass wir diese Phase überwunden haben. Dass wir nicht mehr nur online sind, sondern dass wir mit Ihnen gemeinsam eine Veranstaltung mit Live-Publikum machen können. Wir haben überlegt, wie wir das angehen sollen. Wir haben gleich gesagt: "Wir machen großes Kino." Was gibt es Besseres als ein großes Kino? Das ist das letzte verbliebene Ein-Saal-Kino aus den frühen 60er Jahren, das Viennale-Kino. Ich war selber bei 16 Eröffnungen da. Das ist einfach großartig. Und das passt auch zu einem wichtigen Thema.
Was ist naheliegender als das Gartenbaukino für ein großes Thema, nämlich die Seele, die Psyche des Menschen? "Die Zukunft der Stadt" lautet unser Jahresthema der Vorlesungen. Auftakt ist heute ein ganz wesentlicher Teil der Stadt, nämlich wir Menschen. Die Menschen, die in dieser Stadt leben. Uns geht es darum, neben den körperlichen Zuständen einen Befund zu liefern, wie es um unsere Psyche bestellt ist.
"Das weite Land der Seele" lautet der Titel eines Buches von Georg Psota, Chefarzt der Psychosozialen Dienste in Wien, den wir als Vortragenden gewinnen konnten. In diesem Buch stellt er pointiert fest: "Die Verrücktheit großer Teile der Gesellschaft, die sich selbst als normal, also die Norm definieren, war und ist für die Menschheit gefährlich. Weit gefährlicher, als es psychisch Kranke jemals sein können."
Wir sind alle irgendwann von psychischen Erkrankungen betroffen. Entweder unmittelbar oder mittelbar, weil wir jemanden kennen. Im Alltag sind diese Erkrankungen und ihre Behandlung selten ein Thema. Sie galten lange Zeit als Tabu. Über Depression, Sucht, Angsterkrankungen spricht man besser nicht. Das wird verdrängt - in einer Stadt von Sigmund Freud. Diese Wiener Vorlesung versteht sich als Baustein zu einem Bewusstseinswandel in dieser Sache. Die stadtweite Kampagne der Psychosozialen Dienste, #darüberredenwir, ist eine Initiative in diese Richtung. Wir gratulieren zum 40-Jahr-Jubiläum der Wiener Psychosozialen Dienste. Wir haben gesagt, wir machen eine Wiener Vorlesung zum 40. Geburtstag. Die Kampagne ist wunderbar. Wir gratulieren! Damit gebe ich das Wort zurück an unsere wunderbare Moderatorin.
Moderatorin: Ich freue mich auf einen anregenden Abend und finde es großartig, dass Sie zu uns gekommen sind und sich hier schachbrettmusterartig eingefädelt haben. Ich weiß, das ist eine Zumutung. Es ist für uns auch eine Premiere. Ich finde, Sie machen das großartig. Danke! Daniel Löcker hat Ihnen ja schon ein bisschen etwas über Georg Psota erzählt. Ich werde das noch ein bisschen vertiefen. Georg Psota ist Facharzt für Psychiatrie und Neurologie. Er ist Chefarzt der Psychosozialen Dienste in Wien (PSD). Die Psychosozialen Dienste haben viele verschiedene Betreuungsangebote für Betroffene. Das reicht von sozialpsychiatrischen Ambulatorien über spezialisierte Einrichtungen, etwa für Kinder und Jugendliche oder auch für ältere Menschen, bis zum sozialpsychiatrischen Notdienst, der 24 Stunden am Tag telefonisch erreichbar ist. Mehr als die Hälfte der Menschen, die bei den PSD kostenlos Unterstützung finden, haben im Monat nur knapp 900 Euro zur Verfügung. Das heißt, sich privat eine Therapie zu finanzieren, wäre undenkbar.
Georg Psota ist nicht nur Chefarzt der PSD, er hat auch die Kampagne #darüberredenwir mitinitiiert. Diese Kampagne setzt sich dafür ein, die Stigmatisierung psychischer Erkrankungen abzubauen. Über diese Stigmata, wo sie herkommen und was man dagegen tun kann, darüber redet er jetzt. Georg Psota, bitte!
Georg Psota: Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich möchte mich bei Daniel Löcker und seinem Team der Wiener Vorlesungen bedanken, dass diese Vorlesung an diesem besonderen Ort mit dieser besonderen Atmosphäre möglich ist. Ich danke auch für die Geburtstagswünsche zum 40. Geburtstag. Und im Besonderen danke ich dafür, dass dieses Thema, das eines der großen Themen meines Berufslebens, eigentlich meines Lebens ist, hier und heute vorgestellt werden darf. Das Thema ist "Psyche und Stigma". Schön wäre es jetzt, wenn wir das auch auf Bild sehen würden. Das macht sich in einem Kino gut. Ich könnte Ihnen auch so genug erzählen, aber selbstverständlich hat man in einem Kino den Drang, etwas auch bildlich zeigen zu wollen. Wobei, ein Film wird es nicht werden. Als ich den ersten großen Vortrag meines Lebens halten durfte - das ist schon einige Jahrzehnte her, das war in Frankreich bei einem Weltkongress für Alterspsychiatrie - ist die komplette Technik zusammengebrochen. In der Folge war es im ganzen Raum dunkel. Es waren ungefähr 500 Teilnehmer aus aller Welt dort. Da war die Situation noch etwas schwieriger als jetzt zu Beginn.
Jetzt mit Bild und Ton: "Psyche und Stigma" ist das Thema, worüber ich heute berichten darf. Bevor ich in das Bildhafte des Themas hineingehe, muss man erklären, was man mit Psyche und mit Stigma meint. Es sind beides Begriffe, die wir rezent verwenden. Es ist wichtig, dass wir sie auch gleichartig verwenden. Dass Sie wissen, was ich damit meine. Von der Wortwurzel her sind Psyche und Stigma altgriechische Wörter. Psyche bedeutet im Altgriechischen "Atem des Lebens", das Leben schlechthin. Was verstehen wir heute darunter? Heute verstehen wir darunter die Gesamtheit unserer Gefühle und unseres Fühlens, die Gesamtheit unseres Wahrnehmens und auch die Gesamtheit unseres Denkens.
Stigma bedeutete im antiken Griechenland "Brandmal". Jenes Brandmal, das Sklaven und Kriminellen auf die Haut gebrannt wurde, mit dem sie sozusagen gekennzeichnet waren. Der Begriff des Stigmas leitet sich davon ab. Wir verstehen heute darunter eine negative Etikettierung verschiedener Gruppen, verschiedener einzelner Menschen und auch verschiedener Erkrankungen. Das ist das Thema meines heutigen Vortrags. Die unselige Verbindung zwischen diesen beiden Begriffen. Dieses Bild zeigt, was Stigma bedeutet, was Stigma im Medialen bedeutet. Ich will die Headlines gar nicht wiederholen, aber wenn Sie Stigma produzieren wollen, dann machen Sie es genauso. Wenn Sie negative, noch dazu falsche Etikettierungen gestalten wollen, dann ist das der Weg, es zu tun.
Was ist Stigma in seiner strukturellen Weise oder in seinem strukturellen Gehalt? Im Grunde besteht Stigma ist drei Teilen. Es ist ein Problem dreier unterschiedlicher Aspekte. Erstens der Aspekt der negativen Einstellung im Sinne von Vorurteilen. Wir meinen damit negative Vorurteile. Denkbar wären auch positive Vorurteile, aber hier sind negative Vorurteile gemeint. Der zweite Aspekt ist die Diskriminierung. Das aus den Vorurteilen resultierende Verhalten ist Diskriminierung. Ein Beispiel dazu sind auch Begrifflichkeiten, wie sie in österreichischen Gesetzen noch immer stehen. Im Unterbringungsgesetz und auch in anderen Gesetzen ist der Begriff der geistigen Abnormität mehrfach verwendet. Mit derartigen Begrifflichkeiten und Verwendungen zementiert man Stigmata ein.
Ein dritter Bereich, den wir in der antistigmatischen Arbeit überschätzt haben, ist der des Nichtwissens. Wirklich elementaren Nichtwissens, was psychische Erkrankungen bedeuten, aber auch, wie gut sie behandelbar sind, was es alles an Möglichkeiten gibt. Darüber ist das Wissen nicht nur in Österreich, sondern in der gesamten - westlichen - Welt sehr bescheiden. Es ist nicht vergleichbar mit dem Wissen über Diabetes oder verschiedene andere Erkrankungen. Die Stigmatisierung betrifft letztlich alle Bereiche des Lebens der Stigmatisierten. Von der Arbeit bis zu den Beziehungen, vom Wohnen bis zur Freizeit. Zudem betrifft es nicht nur die Betroffenen selbst betrifft, sondern auch ihre Familien, auch ihre Freunde. Schuld und Scham sind in den Familien ein Riesenthema. Das sind weitere Formen der Verfestigung der Stigmata.
Wenn wir verschiedene strukturelle Ebenen von Stigma betrachten, dann gibt es im Grunde drei unterschiedliche Ebenen. Das sind die aktuellen Sichtweisen von Wissenschaftler und Experten dazu, die sich mit dem Thema spezifisch beschäftigen. Es gibt eine große Literatur dazu. Diese Treiber sind zum einen eine Makro-Ebene, also Gesellschaft als Ganzes und Medien. Das Bild mit den unmöglichen Headlines, das ich Ihnen gezeigt habe, ist die Makro-Ebene. So gestaltet Makro-Ebene Stigma. Die zweite Ebene ist die sogenannte Meso-Ebene, also die mittlere Ebene, die Gesundheitspersonal ganz allgemein meint. Gesundheitspersonal von der Rettung bis zu MitarbeiterInnen verschiedener psychiatrischer Einrichtungen. Ich werde dann noch ein kurzes Beispiel dazu bringen.
Die Mikroebene sind die Betroffenen selbst und auch ihre Angehörigen und ihr "Social Airbag" sozusagen. Dort wird das Stigma im Sinne einer Selbststigmatisierung, von der Makro-Ebene kommend, übernommen.
Eine persönliche Geschichte zur Ebene des Gesundheitspersonals: Ich war auf einer internistischen Abteilung in einem Krankenhaus tätig. Da wurde jemand mit einem Lungeninfarkt aufgrund von einer Lungenentzündung eingeliefert. Dieser Patient hatte eine Karte bei sich, auf der stand, dass er wegen einer schizophrenen Erkrankung eine neuroleptische Depot-Medikation bekommt. Ab diesem Zeitpunkt war dieser Patient nur mehr "der Schizophrene" von Zimmer soundso. Bis es mir gereicht hat und ich gesagt habe: "Leute, so nicht!" Es geht hier gar nicht um die Schizophrenie. Es geht um eine komplett andere Form eines Leidens. Von seiner Schizophrenie überhaupt nichts zu bemerken. Aber ab dem Moment, wo das bekannt wurde, war er stigmatisiert. Er ist übrigens gesundet und sehr wohl behalten dann wieder nach Hause gegangen. Zumindest das ist gelungen. Das ist das Stigma der mittleren Ebene, die Produktion der mittleren Ebene.
Um noch einmal auf die Makro-Ebene zu kommen: Holly Baxter ist eine Journalistin, die für den "Independent" und verschiedene andere Zeitungen arbeitet. Sie äußert sich ausdrücklich und immer wieder zum Thema Stigma. Sie nimmt die Gestaltung von Stigma durch quasi psychiatrische Kommentare von Politikern, die bestimmte negative Seiten präsentieren, aufs Korn. Diese Form der Stigmatisierung von Menschen, die psychisch krank sind. Sie sagt: "Stop saying Donald Trump ist mentally ill, when what you mean is that he is a bad Person." Das ist etwas ganz Anderes. Mit dieser Vermischung wird das immer wieder gestaltet.
Sie werden sehr selten lesen, dass es erfolgreiche und großartige Politiker gibt, die tatsächlich psychisch krank waren oder sind. Weil das aufgrund der Angst vor Stigmatisierung nicht geoutet wird. Was sind die Folgen dieses Prozesses der Stigmatisierung für die Betroffenen und auch für ihre Familien und die sozialen Umgebungen. Ich möchte damit beginnen, was Asmus Finzen, einer der großen Sozialpsychiater und Stigmaforscher des deutschen Raumes, festgestellt hat: Stigma ist das größte Behandlungs- und Genesungshindernis der Jetzt-Zeit. Es ist ein Behandlungs- und Genesungshindernis ersten Ranges. Warum ist es das? Weil Stigma dazu führt, dass Menschen alles Mögliche sein wollen, nur nicht psychisch krank. Sie begeben sich daher sehr spät in Behandlung. Diese Verzögerung des Behandlungs- oder Therapiebeginns ist ungünstig. Alle Krankheiten werden schlechter, wenn sie lange Zeit nicht behandelt werden.
Zweiter Aspekt: Stigma wirkt auf die Lebensqualität der Betroffenen und ihrer Familien ein. Es wird viel schwieriger im Beruf. Es wird schwieriger, Arbeit zu finden, ab dem Moment, wo bekannt ist, dass jemand psychisch krank war oder ist. Auch der permanente Versuch und die Sorge, es geheim halten zu müssen, diese Angst ist etwas ausgesprochen Mühsames. Viele Menschen trauen sich beispielsweise nicht, ein Rezept zu beziehen, weil dann die Krankenkasse weiß, dass sie ein Psychopharmakon nehmen. Sie kaufen es lieber per Privatrezept, um nicht indirekt "geoutet" zu werden. Das ist keine paranoide Sorge, sondern eine weit verbreitete Angst, die auch aus dem Stigma heraus resultiert.
Dritter und ganz wesentlicher Punkt: das internalisierte Stigma, das den Selbstwert der Betroffenen reduziert. Es macht das Leben nur schwieriger und nicht leichter. Ist dieses Problem Stigma eines, das alle Menschen in gleichem Ausmaß betrifft? Nein, das ist es eindeutig nicht. Wir wissen aus verschiedensten Forschungen, dass es Männer noch stärker betrifft als Frauen. Vor allem die Selbststigmatisierung. Und wir wissen, dass es ganz besonders jüngere Männer unter 25 und ältere Männer über 70 betrifft. Vor allem dann, wenn der Bildungsgrad gering ist. In diesen Gruppen ist die Selbststigmatisierung und die Fremdstigmatisierung besonders groß. Das führt letztlich dazu, dass sehr, sehr spät überhaupt erst Hilfe aufgesucht wird. Oft erst dann, wenn körperliche Erkrankungen dazukommen oder schwere psychische Krisen auftreten.
Weiters ist es so, dass nicht alle Erkrankungen und damit auch nicht alle Erkrankten in gleichem Ausmaß stigmatisiert werden. Ein ganz besonders stigmatisierter Begriff ist der Begriff der Schizophrenie, respektive die Gruppe der schizophrenen Erkrankungen, und auch der Demenz. Das sind besonders verrufene Erkrankungen, wie es früher Krebs, Tuberkulose oder Aids waren. Heinz Katschnig, einer der bedeutendsten sozialpsychiatrischen Forscher Österreichs, formulierte das schon 1989 so: Jeder, der mit den Kranken und ihren Angehörigen zu tun hat, weiß, welchen Schrecken die bloße Erwähnung des Wortes Schizophrenie hervorruft. Das mit der Demenz hat er nicht gesagt, das ist meine Ergänzung. Das ist auf heute übertragen. Der Begriff ist nur vorsichtig und überhaupt nicht zu verwenden. Offenbar der Begriff ein Eigenleben entwickelt, das der heutigen Realität der Krankheit in keiner Weise entspricht. Das ist eine ganz klassische Wirkung von Stigma, dass Menschen dann als ihre Erkrankung betrachtet werden, aber nicht mehr als die Menschen, die sie sind. Mit allen Möglichkeiten, die sie haben. Und auch mit den Schwierigkeiten, die sie im Bereich der Schizophrenie oder auch der Demenzerkrankungen haben.
Wie wir aus der Patientenforschung wissen, hat dieses Stigmabild seit den 90er Jahren nicht abgenommen, Es hat sogar eher zugenommen und führt zu einem erhöhten sozialen Ausschluss und mehr Diskriminierung.
Stigma ist etwas, das nicht ausschließlich bei den Betroffenen und Angehörigen Halt macht, sondern letztlich auch bei der Psychiatrie selbst. Die Psychiatrie als medizinisches Fach ist per se auch stigmatisiert, was dazu führt, dass die Frage auftaucht, ob Psychiater eine gefährdete Spezies sind. Wenn ein Fach so stigmatisiert ist, ist nicht gerade ein Run darauf zu erwarten. Auf dieses medizinische Fach, das mit einem besonderen Stigma versehen ist. Es ist die Psychiatrie zwar nicht das einzige Fach, das mit einem Mangel an Nachwuchs zu kämpfen hat, aber es ist eines der Fächer, die es im besonderen Ausmaß betrifft.
Letztlich ist Stigma auch ein Thema bei gemeindepsychiatrischen Angeboten in der eigenen Nachbarschaft. Zwar kommen politisch korrekte Aussagen von Interviewten. Aber auf die Frage, ob ein Ambulatorium in der Nähe okay wäre, gibt es genauso negative Antworten wie vor 20, 30 Jahren. Und auch eine zunehmend bedenkliche Haltung gegenüber psychiatrischen Krankenhäusern.
Wien geht hier einen großartigen Weg, nämlich nicht den Weg psychiatrischer Krankenhäuser. Möglichst alle Schwerpunktkrankenhäuser sollen eine Abteilung für Psychiatrie enthalten. Es sind keine separierten psychiatrischen Krankenhäuser irgendwo am Berg. Dennoch geht es zunehmend um die Sicherheit der Gesellschaft vor den psychisch Kranken, anstatt um die Gesundung von Menschen mit einer psychischen Erkrankung. Das betrifft das Bild der psychiatrischen Abteilungen.
Letztlich stellt sich die Frage, ob neue Begrifflichkeiten wie Burnout dazu führen, dass Befindlichkeitsstörungen damit entstigmatisiert sind. Dazu gibt es eine sehr polarisierte fachliche Diskussion. Es scheint so zu sein. Aber nur dann, wenn die Ursache eines depressiven Geschehens aus einer Arbeitsüberlastung resultiert. Mir scheint, dass schwere Depression damit nicht weniger stigmatisiert ist.
Jetzt beginnen wir in die Zukunft zu blicken. Norman Sartorius, einer der bedeutendsten Fachexperten der Psychiatrie der letzten Jahrzehnte, hat voriges Jahr ein Buch mit dem Titel "The Stigma of Mental Illness" herausgegeben. Nimmt dieses Stigma jetzt ein Ende? Schaffen wir es, darüber hinwegzukommen, wo wir noch dazu wissen, dass dieses Stigma auch teuer ist? Dass das Stigma auch Kosten beschert? Er kommt in seinem Buch zu der Meinung, dass sich das Stigma noch weiter verschlimmern könnte. Eine Sorge, die ich nur teilweise teile, obwohl ich ihn als Autor überaus schätze.
Wir sollten hier einige hoffnungsvolle Aspekte hineinbringen, um in einem Prozess der Entstigmatisierung die psychischen Erkrankungen aus dem Tabu herauszuholen. Das wäre wahrlich höchst an der Zeit. Die Gründe dafür sind einfach. Erstens sind psychische Erkrankungen häufig. Mindestens ein Drittel der Menschen erlebt während ihres Lebens zumindest eine Phase, eine Episode einer behandlungsbedürftigen psychischen Erkrankung. Es gibt renommierte Autoren, die davon ausgehen, dass es eher 50 Prozent sind. Zudem wissen wir, dass psychische Erkrankungen für globale Folgen von Erkrankungen im Sinne von Behinderungen im gesamten Leben - auch Verkürzung der Lebenszeit - zumindest zu einem Drittel verantwortlich sind. Und wir wissen, dass psychische Erkrankung früh beginnen. Etwa 50 Prozent bereits bis zum 14. Lebensjahr. Es gibt wahrlich genug gute Gründe, Entstigmatisierung zu betreiben.
Wie sieht die aktuelle, wissenschaftlich fundierte Haltung zum Thema Entstigmatisierung aus? Es gibt ein früheres Paradigma, ein Paradigma aus der Zeit von vor 15 bis 30 Jahren. Demzufolge ist Antistigmaarbeit "top down". Die Zielgruppe ist zwar die gesamte Bevölkerung, aber Experten sagen, was Sache ist. Über Aufklärung der Bevölkerung wird versucht, eine Änderung von Einstellungen zu bewirken. Dies wurde über Jahrzehnte mit großem Engagement versucht, brachte aber relativ bescheidene Erfolge.
Die neuen Paradigmata sind andere. Zielgruppe sind diejenigen, die besonders betroffen sind, oder auch diejenigen, die in besonderer Weise zu dem Thema etwas beitragen können. Beispielsweise JournalistInnen, junge Menschen, Schülerinnen und Schüler, auch Rettungskräfte und die Polizei etc. Das Ziel im neuen Paradigma ist nicht die Änderung von Einstellung, sondern das Ziel ist die Änderung von Verhalten. Das Verhalten gegenüber denjenigen, die stigmatisiert werden und die stigmatisieren. Änderung im neuen Paradigma ist auch, dass es um lokalen Bedarf geht. Dass antistigmatische Arbeit sehr lokal stattfinden soll und psychiatrisches Gesundheitspersonal als Zielgruppe miteinbeziehen soll. Ein wesentlicher Aspekt ist Antistigmaarbeit von Betroffenen. Ich hab ihn nicht auf der Folie stehen. Die Kommunikation von von psychischen Erkrankungen betroffenen Menschen mit nicht davon betroffenen Menschen hat ein großes antistigmatisches Potential.
Antistigmaprogramme sollen kontinuierlich sein, nicht eine große Welle, die dann wieder abebt. Norman Satorius habe ich heute mehrfach zitiert. Er hat es in den späten 1970er Jahren geschafft, dass die psychische Gesundheit eine eigene Division in der WHO bekommt. Er war auch der erste Direktor dieser Abteilung. Er sagt, dass Psychiatrie die gesamte Medizin betrifft - und viel mehr als das. Sie muss voll integriert werden in eine adäquate Versorgung für Menschen auf allen Ebenen. Ambulant wie stationär, in der Primärversorgung, im öffentlichen Leben, am Arbeitsplatz und auch zu Hause.
Der erste Chefarzt des PSD, Stephan Rudas, hat gesagt, dass psychische Krankheiten genauso gut behandelbar sind wie somatische, körperliche Erkrankungen, aber das sind sie nur, wenn die vorhandene Hilfe auch angenommen wird. Daher kann die Forderung nur lauten: Weg mit den Vorurteilen! Es ist schon einige Jahrzehnte her, dass er das gesagt hat. Wir stehen noch immer da und müssen weiter daran arbeiten, dass diese Vorteile fallen. Ganz zum Abschluss gebe ich noch meine Einschätzung zur Zukunft von Psyche und Stigma in dieser schwierigen und unheilvollen Wechselwirkung. Sie sehen eine Raupe, die immer wieder sagt: „Ja, so ist es halt. Ja, so ist es halt.“ Und dann sehen Sie einen Schmetterling. Er sagt: „Das ist aber nicht so, wie es sein muss. Und das ist nicht so, wie es sein soll.“ Denn Veränderung ist möglich und Hoffnung ist Kraft. Hope is Power! Damit danke ich Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und hoffe, dass ich halbwegs in der Zeit geblieben bin. Vielen Dank!
Moderatorin: Vielen Dank, Georg Psota, bitte nehmen Sie gleich Platz. Ich darf die weiteren Diskussionsteilnehmer auf die Bühne bitten.
Leonie Rachel Soyel ist Bloggerin und Influencerin. Sie widmet sich in ihren Beiträgen und Posts häufig dem Thema der psychischen Gesundheit. Sie gibt dort auch Einblick in ihre eigene Krankheitsgeschichte und ihre Erfahrungen mit Stigmatisierung und Vorurteilen. Das tut sie auf Instagram. Das tut sie auf ihrem Blog, den man unter leonierachel.com findet. Herzlich willkommen. Klatschen.
Ich darf auch Ewald Lochner auf die Bühne bitten. Er ist Koordinator für Psychiatrie, Sucht- und Drogenfragen der Stadt Wien. sowie kaufmännischer Leiter der Psychosozialen Dienste in Wien, Er engagiert sich gemeinsam mit Georg Psota und Leonie Rachel Soyel für die Kampagne #darüberredenwir, über die wir gleich noch mehr hören werden.
Wir haben jetzt schon einiges darüber erfahren, wie negativ sich Stigmatisierung psychischer Erkrankungen auf die Betroffenen auswirkt. Frau Soyel, Sie gehen sehr offen mit Ihrer Erkrankung um, auch mit Ihrem Therapieweg. Wenn man Ihren Namen googelt, dann stößt man auf Schlagzeilen wie „Borderline! Bloggerin verlor Beziehung und Jobs“. Ist das eine Schlagzeile, mit der Sie etwas anfangen können? Ist es die Schlagzeile, die Sie über sich selber schreiben würden?
Leonie Rachel Soyel: Ich würde diese Schlagzeile nicht wählen. Ich würde eine positivere wählen. Wie wir vorhin gehört haben, Hoffnung ist Kraft. Das möchte ich mit meinem Account Leuten mitteilen, dass da Hoffnung ist. Der Weg ist meistens auch kein einfacher, aber es besteht immer Hoffnung. Und die sollte man auch nicht verlieren. Deswegen würde ich definitiv eine andere Schlagzeile wählen, etwas Hoffnungsvolleres.
Moderatorin: Ewald Lochner, was sagen Sie? Wie sollten Medien berichten? Welcher Umgang mit diesem Themenbereich wäre eigentlich wünschenswert?
Ewald Lochner: Sprache schafft Realität. Wenn wir es immer wieder wiederholen, dann manifestieren wir so etwas. Der erste Schritt ist einfach, eine andere Sprache zu wählen. Das ist eine Möglichkeit, die Medien haben. Einfach ein sensibler Umgang mit Worten. Wenn wir uns die letzten Schlagzeilen von einem Politiker anschauen: Ein so genannter "Psycho Doc" spricht dann über diesen Politiker. Jetzt mag man dem Politiker gegenüberstehen, wie man will, aber diese Formulierung ist inakzeptabel. Und warum spricht ein "Psycho Doc" über jemanden? Das gilt es aufzubrechen. Daran arbeiten wir. Das ich werden wir aber nur als Gesellschaft schaffen. Deswegen auch unsere Kampagne #darüberredenwir, die sich an die breite Gesellschaft richtet, an die gesamte Wiener Bevölkerung, um hier eine Veränderung herbeizuführen.
Aber das eine ist ja, dass man Stigmata bedient, mit einer besonders unsensiblen Sprache. Das andere ist, dass man neutral formuliert. Dann müsste es auch noch einen Weg geben, wie man Stigmata abbauen kann. Vielleicht mit einer entsprechenden Wortwahl. Wie muss diese Sprache sein, dass man gegen Stigmatisierung wirkt und sie nicht bedient. Wenn man Sprache so benutzt, wie man sie in anderen Krankheitszusammenhängen auch benutzen würde.
Eine psychische Erkrankung ist eine Krankheit wie jeder andere auch. Sie ist behandelbar. Und sie soll auch behandelbar sein. Wenn wir beispielsweise über Diabetes oder Herzkreislauferkrankungen sprechen, wissen wir auch, wie wir darüber reden, ohne dass wir stigmatisieren. Das ist eine einfache Formel. So sollen wir das auch bei psychischen Erkrankungen machen. Wir, die wir im Gesundheitsbereich, auf der Meso-Ebene, arbeiten, sind dazu aufgerufen, darüber hinaus die strukturelle Stigmatisierung zu bekämpfen. Das ist auch eine sehr große Herausforderung. Die besteht ganz massiv. Das ist unser Job.
Moderatorin: Leonie Rachel Soyel, Sie haben sich dazu entschlossen, selbst zur Entstigmatisierung beizutragen und Ihre eigene Erkrankung in einem Blog, in sozialen Medien wie Instagram öffentlich zu machen. Könnten Sie kurz erzählen, wie es zu diesem Entschluss gekommen ist?
Leonie Rachel Soyel: Ich hab den Entschluss vor circa drei Jahren getroffen. Eigentlich war es auch kein einfacher Entschluss. Ich hab nur einfach das Gefühl gehabt, dass sich Instagram sehr nachteilig auf mein Leben ausgewirkt hat. Ich musste auf Instagram eine Person sein, die immer strahlt. Ich lache wirklich gern und ich bin auch ein glücklicher Mensch, aber es gab halt einfach auch Abgründe, die ich nie zeigen konnte. Ich hatte das Gefühl, mich verstecken zu müssen. Ich wollte einfach ich sein können, auch mit meinen schlechten Tagen.
Ich hatte damals das Gefühl, dass alles perfekt sein musste. Und das wollte ich irgendwie nicht mehr, weil es mir persönlich nicht gutgetan hat. Weil ich eine Mauer aufgebaut habe und eine Maske getragen habe. Dann habe ich beschlossen, ich mache es öffentlich. Entweder es funktioniert trotzdem, weil ich ja damals schon als Influencerin gearbeitet habe. Oder es funktioniert nicht und ich überlege mir etwas anderes und verlasse das Land oder so. Aber es hat Gott sei Dank geklappt.
Die Leute in meiner Community sind mir mit großem Verständnis entgegengekommen. Dadurch bin ich noch mal sehr gewachsen. Ich habe zwar dadurch einige Jobs und vielleicht auch Beziehungen verloren. Aber das sind dann eh nicht die Menschen oder Firmen, mit denen ich arbeiten wollte. Ich bin sehr glücklich darüber, den Weg gegangen zu sein, es öffentlich zu machen. Seitdem konnte ich auch so etwas wie Heilung erfahren, weil ich mich nicht mehr verstecken musste. Ich konnte mein eigenes Stigma brechen, das ich mir selbst auferlegt habe. Das sollte euch den Leuten Kraft geben. Es muss ja nicht die große Öffentlichkeit sein wie bei mir. Aber halt in ihrem Umfeld, ihrer Familie und ihrem Freundeskreis psychische Erkrankungen anzusprechen und darüber zu reden. Das macht es schon sehr viel leichter, muss ich sagen.
Moderatorin: Doktor Psota hat vorhin die Selbststigmatisierung von Betroffen angesprochen. Das heißt, das haben Sie auch erlebt.
Leonie Rachel Soyel: Absolut. Ich habe die Diagnose mit 17 bekommen. Ich habe mich auch zehn Jahre lang dieser Diagnose verwehrt, auch wenn ich sie immer wieder gehört habe. In ganz schlechten Momenten wollte ich, dass mir geholfen wird. Dann ging es ein bisschen besser und ich wollte das schon wieder nicht mehr. Ich wollte das Wort nicht hören - Borderline. Ich wollte nichts damit zu tun haben. Wenn mir jemand mit Kommentaren zu meinem Verhalten kam, hat das getriggert.
Die Stigmatisierung, die man sich selbst auferlegt, ist riesig. Man hat einfach Angst davor, was die Leute über einen denken. Es ist sehr wichtig, zu zeigen, dass man mit einer psychischen Erkrankung ein ganz normales Leben führen kann. Es bricht nicht alles zusammen, nur weil du sagst, dass du eine hast.
Moderatorin: Ewald Lochner, Sie haben gesagt, JournalistInnen sollten auf die Sprache achten, die sie wählen. Das klingt ein bisschen so, als sollten wir alle auf die Sprache achten, die wir wählen. Ist das eine Aufgabe an uns alle?
Ewald Lochner: Selbstverständlich! Das zu tun, sind wir alle aufgerufen. bevor wir darüber sollte man sich mal Gedanken machen, Aber es ist auch sehr wichtig, darüber zu reden. Es ist wichtig, darüber zu sprechen. Zuerst kommt, dass man darüber spricht. Und dann erst, wie man drüber spricht. Dass man darüber spricht, ist der erste Weg. Nicht nur, wenn man Betroffener oder Angehöriger ist. Es ist auch für die Gesellschaft wichtig, darüber zu reden. Es ist entscheidend, dass wir als Gesellschaft über psychische Erkrankungen, deren Behandlung und den Umgang damit permanent reden, in eine Diskussion eintreten.
Eine Auswirkung von Stigmatisierung ist, dass nicht darüber gesprochen wird. Oder es wird nur negativ darüber gesprochen. Es wird aber nicht in einer Form darüber gesprochen, dass man sich damit auseinandersetzt. Über etwas negativ sprechen heißt auch, dass ich es wohin schieben kann. Ich schiebe es in ein Eck, wo ich mich nicht damit auseinandersetzen möchte. Ich habe es abgehakt für mich. Ich habe es stigmatisiert und daher ist es dort. Das gilt es aufzubrechen.
Der erste Weg ist es, grundsätzlich mal darüber zu sprechen. Der nächste Schritt ist die Überlegung, wie ich darüber spreche. Das will die Kampagne in einem ersten Schritt sagen. Wir wollten die breite Wiener Bevölkerung erreichen, was uns teilweise gelungen ist. Es gibt natürlich beschränkte Mittel. Das muss man auch dazu sagen. Wir werden jetzt weiter machen. Diese Entstigmatisierungskampagne ist nicht nur eine Welle.
Wir werden das ab jetzt jedes Jahr machen. Es wird jedes Jahr einen Schwerpunkt geben, mit dem wir uns auseinandersetzen. Dieses Jahr wird die Kampagne ein bisschen später beginnen, dem Wiener Wahlkampf, aber natürlich auch der COVID-Krise geschuldet.
Wir gehen ganz bestimmte Zielgruppen an. Wir gehen beispielsweise in die Schulen. Wir versuchen erstmalig, mit einem Programm SchülerInnen zu erreichen, damit auch die sich schon mit dem Thema auseinandersetzen.
Moderatorin: Leonie Rachel Soyel spricht offen über ihre Erkrankung. Herr Dr. Psota, was weiß man denn darüber? Hilft das anderen Betroffenen, wenn sie sehen, dass sich jemand nicht scheut, öffentlich die eigene Geschichte zu erzählen?
Georg Psota: Das hilft. Da gibt es auch tatsächlich entsprechende Forschungen dazu. Das ist hilfreich und ein großer Beitrag. Sie bringt es selbstverständlich und natürlich rüber. Wir müssen davon ausgehen, dass in diesem Raum Menschen sind, die eine psychische Erkrankung haben oder hatten. Ohne Frage ist das überaus hilfreich.
Ein Drittel bis die Hälfte der Bevölkerung erlebt einmal im Leben zumindest eine psychische Erkrankung. Wie ist es denn in einer Stadt wie Wien? Ist es da eher ein Drittel oder eher die Hälfte? Sind hier besonders viele Menschen betroffen? Ich habe von behandlungsbedürftigen psychischen Erkrankungen gesprochen. Eine Befindlichkeitsstörung über fünf, sechs Tage wird wohl jeder im Leben mal haben. Wie ist es in einer Stadt wie Wien? Wir wissen schon einige Daten. Ganz genau wissen wir es nicht, wie viele es sind. Aber wir wissen doch einiges aus einer Arbeit. Wir können davon ausgehen, dass es in Wien nicht so viel anders sein wird, wie in den anderen deutschsprachigen Ländern oder in Mitteleuropa. Innerhalb eines Jahres ist es etwa ein Viertel bis ein Drittel der Bevölkerung, die zumindest eine Episode hat. Das gilt im Grunde für die gesamte westliche Welt. Das wird nicht so wahnsinnig different sein. Es gibt bestimmte Gegenden, wo es geringer ist. Aber auch welche, wo es höher ist. Das hängt damit zusammen, was es an Traumatisierungen in einer Bevölkerung gibt. Sie haben vorhin gesagt, Befindlichkeitsstörungen haben wir wahrscheinlich alle ab und an für ein paar Tage. Aber da ist noch keine Behandlung notwendig.
Moderatorin: Wann geht man davon aus, dass eine Behandlung notwendig ist? Man muss man sich denn Hilfe suchen, wenn es einem nicht gut geht.
Georg Psota: Das war von mir nicht ausreichend verbalisiert. Der häufigste Verlauf der ersten depressiven Phase ist der Spontanverlauf der Heilung. Ab der zweiten ist es ein Stück wird anders. Wenn jemand das erste Mal in seinem Leben fünf Tage schlecht drauf ist, ob das tatsächlich die Kriterien erfüllt? Vom Zeitlichen her erfüllt es nicht die Kriterien der depressiven Phase. Das wären 14 Tage nonstop.
Wir müssen überhaupt davon ausgehen, dass psychische Erkrankungen keine Entweder-Oder-Angelegenheiten sind, sondern aus einem Kontinuum heraus geschehen. Das Kontinuum vom Gesundsein ins Krankwerden. Auch umgekehrt ist es ein Kontinuum. Das wird zu sehr als Entweder-Oder-Dimension aufgefasst.
Befindlichkeitsstörungen, bei denen man ein paar Tage schlecht drauf ist, die haben wir alle einmal gehabt. Es ist etwas anderes, wenn das wiederholt auftritt. Wenn das in einem Jahr sehr viele Male vorkommt. Dann stellt sich die Frage, nach einer entsprechend guten Klärung und Untersuchung, in welchem Zusammenhang das zu sehen ist.
Moderatorin: Sie haben gerade gesagt, es ist ein Kontinuum. Ich finde es sehr schwierig, wenn ich in dieser Situation drinnen stecke. Bei leichten Verschlechterungen über die Zeit selber zu verstehen, dass ich mir jetzt Hilfe suchen muss, dass der Punkt gekommen ist. Sind da die Freunde und die Angehörigen wichtig? Die bekommen Veränderungen ganz anders mit.
Georg Psota: Ja, sie sind ein wesentlicher Spiegel, ohne jede Frage. Aber auch die Betroffenen selbst, sofern sie nicht die große Sorge haben, es möge ja keine psychische Krankheit sein. Wenn Betroffene merken, dass sie in einem Jahr 10 bis 30 Phasen über mehrere Tage haben, dann ist das etwas anderes als eine kurzfristige Befindlichkeitsstörung. Das nimmt einen Menschen ganz anders mit. Das ist etwas, was in wesentlich mehr beeinträchtigt. Das kann schon auch von den Betroffenen selbst ausgehen, aber natürlich wird es auch von der sozialen Umgebung rückgemeldet. Sofern die soziale Umgebung nicht auch so denkt, dass es keine psychische Erkrankung sein darf.
Moderatorin: Leonie Rachel Soyel, wie war das denn bei Ihnen? War es auch sein Kontinuum? Und dann war irgendwann der Leidensdruck so groß. Oder haben Sie Freundinnen, Freunde darauf aufmerksam gemacht, dass sie sich Sorgen machen?
Leonie Rachel Soyel:  Ich war ja noch ein Teenager. Meine Eltern haben sich einfach Sorgen gemacht, weil sie gemerkt haben, dass es mir psychisch nicht sehr gut geht. Meine Mutter hat dann Suizidgedanken, die ich zu Papier gebracht hatte, gefunden. Aufgrund dessen hat sie mich in Therapie gebracht. Ich hab das dann aber relativ schnell verweigert. Ich wollte damit nichts zu tun haben. Aber der Support war in meiner Familie immer da, auch in meinem Freundeskreis. Ich habe auch heute meine Freunde eingeladen, die mich auf meinem Weg immer unterstützt haben. Und die auch sehr ehrliches Feedback geben, wenn Situationen oder Sachen nicht in Ordnung sind. Das war mir auch immer sehr wichtig, dass ich das offene Gespräch führen kann. Weil meine Borderline-Erkrankung impulsives Verhalten als Symptom hat und ich da einfach manchmal nicht so die Kontrolle darüber habe. Dass sie mir ehrliches Feedback im Nachhinein geben, wie sie die Situation empfunden haben. Dann kann ich viel besser an mir arbeiten. Das offene Gespräch war mir immer sehr wichtig. Ich habe das Glück, dass ich großen Support in der Familie und im Freundeskreis habe. Das hat leider nicht jeder. Hoffentlich ändern wir da etwas.
Moderatorin: Darüber sprechen ist wichtig. Von der eigenen Geschichte zu erzählen, ist wichtig. Das alles schafft Sichtbarkeit. Warum ist diese Sichtbarkeit denn so wichtig, wenn wir daran arbeiten wollen, diese Stigmata zu demontieren?
Ewald Lochner: Es ist wie bei jeder anderen Erkrankung. Eine psychische Erkrankung wird nicht besser, wenn sie nicht behandelt wird. Es ist eher davon auszugehen, dass sie schlechter wird. Das hat viel mit Sichtbarkeit zu tun. Wenn wir etwas sichtbar machen, zeigen wir es her. Wir sind damit auch in der Lage, es in eine Behandlung überzuführen. Das ist ein entscheidender Punkt. Das heißt, man muss darüber sprechen. Die Frage "Wie geht's dir?" muss man zum Beispiel ernst nehmen. Entweder stellt man die Frage, weil man eine Antwort haben will oder weil man in ein Gespräch kommen möchte. Es sind beide Varianten offen. Wie geht man mit einer ehrlichen Beantwortung dieser Frage um? Das kann sich jeder für sich überlegen. Wie oft antwortet man ehrlich auf diese Frage? Und möchte man auch eine ehrliche Antwort bekommen? Das ist ein Gedankengang, ein Experiment, das man anstellen kann. Es führt genau in die Richtung des Sichtbarmachens. Es hat aber auch damit zu tun, dass man mit struktureller Stigmatisierung anders umgeht.
Was bedeutet der Begriff strukturelle Stigmatisierung? Was kann man sich darunter vorstellen? Beispielsweise sind PsychiaterInnen bezüglich Nachwuchs nicht sehr überlaufen. Das ist ein Teil einer strukturellen Stigmatisierung. Man könnte noch einen Schritt weitergehen. Es gibt eine Interessensvertretung der ÄrztInnen nach unterschiedlichen Fächern. Wie ausgeprägt ist dort das Fach Psychiatrie? Auch da sieht man strukturelle Stigmatisierung. Aber auch in der Behandlung. Bei psychischen Erkrankungen ist es nicht ganz klar, wenn man abklären möchte, was mit einem los ist, dass man in erster Linie einen Arzt, eine Ärztin aufsucht. Das ist nicht üblich.
Überlegen wir uns den medialen Diskurs, den wir in den letzten paar Wochen mitbekommen haben. Der Ruf nach Psychotherapie ist ein sehr lauter, heerer und richtiger, aber es muss der Ruf nach mehr PsychiaterInnen, nach ÄrztInnen, die diese Krankheiten diagnostizieren, mindestens genauso laut sein.
Wir müssen in eine Struktur kommen, wo der erste Ansprechpartner ein Arzt ist. Wie bei einer Diabetes- oder Herzkreislauferkrankungen. Der stellt eine Diagnose und darauf basierend wird eine Therapie umgesetzt. Bei psychischen Erkrankungen gibt unterschiedlichste Varianten an Formen der Therapie. Das ist ein Beispiel dafür, wie strukturelle Stigmatisierung ausschaut.
Moderatorin: Laut Stephan Rudas sind psychische Erkrankungen genauso gut behandelbar wie organische. Wie schaut denn aus heutiger Sicht eine gute Behandlung aus? Was deckt diese ab, was gehört alles dazu?
Georg Psota: Ich würde sagen, dass aus heutiger Sicht psychische Erkrankungen in den einzelnen Erkrankungsphasen sogar besser behandelbar sind als organische Erkrankungen. Was gehört jetzt zu der jeweiligen Behandlung dazu? Das ist ein breites Spektrum von psychotherapeutischen über sozialtherapeutische bis zu pharmakotherapeutischen und anderen biologischen Methoden. Ein relativ weites Feld mit etlichen Möglichkeiten, die wir heute zur Verfügung haben. Allerdings ist es so, dass das strukturelle Stigma im Moment hochwirksam ist. Im Bereich der Psychopharmakologie sind in den letzten zwanzig Jahren kaum Fortschritte gelungen. Nur sehr wenig, obwohl Psychopharmaka nicht mehr so verrufen sind.
Die großen Pharmakonzerne sind gar nicht mehr daran interessiert, sehr aufwändige Forschung in großem Rahmen zu betreiben. Das hat viele Gründe, auch weil Innovationen auf diesem Gebiet eher nicht von den Krankenkassen übernommen werden. Auch das ist eine Form der strukturellen Stigmatisierung. Es gibt genug andere Bereiche der Medizin, in denen bestimmte Therapien sehr teuer sind, aber auch sehr wirksam. Die Frage, ob eine solche Therapie so teuer sein darf, wird in der Psychiatrie viel stärker gestellt. Gegenüber der Psychiatrie und den psychisch Kranken gibt es hier ganz klar strukturelle Diskriminierung. Gar keine Frage. Hier bleibt noch viel zu tun. Es gäbe neue therapeutische Möglichkeiten in den verschiedensten Bereichen, auch in der Psychotherapie, wenn das auch entsprechend beforscht würde. Sie bieten ja auch psychosoziale Betreuung an. Es scheint so zu sein, dass jeder Betroffene einen Weg für sich finden muss, der sich aus vielen einzelnen Bausteinen zusammensetzt. In der Therapie, in der Begleitung, wie man sich sein Leben organisiert.
Was kann denn da alles hineinfallen? Aus der Sicht und Handlungsweise der Psychosoziale Dienste: Es geht um ein multiprofessionelles Tun für Menschen, die Bedarf an einem multiprofessionellen Zugang zu einer bestimmten Problematik haben. Sie haben eingangs das Durchschnittseinkommen unserer Klientel erwähnt. Die beste antidepressive Behandlung oder Therapie wird weniger nutzen, wenn Menschen gleichzeitig die Wohnung und den Job verlieren und in eine gravierende Armutsfalle schlittern. Es geht auch um soziale Aspekte, die bei psychischen Erkrankungen in einem besonders hohen Ausmaß auftreten und oft schon vorher da sind. Es geht um die die Begleitung dessen, was im Leben wichtig ist für die Betroffenen. Das können ganz verschiedene Aspekte sein, die in einem großen Ausmaß auch den sozialen Bereich betreffen.
Moderatorin: Frau Soyel, was ist denn das zum Beispiel bei Ihnen? Was sind das für Aspekte, die für Sie wichtig sind? Die Sie unterstützen, die Ihnen Kraft geben?
Leonie Rachel Soyel: Ich gehe in Therapie. Aber neben meiner Therapie mache ich sehr viele Yoga, weil mir das sehr geholfen hat. Ich mache zurzeit eine YogalehrerInnen-Ausbildung, weil ich gemerkt habe, dass mir die Bewegung, die Atemtechnik, auch das Fokushalten extrem geholfen haben. Natürlich auch mit der Unterstützung meiner Therapeutin. Jeglicher Sport steigert den Serotoninhaushalt. Da fängt es schon mal an. Die Bewegung, die Atemtechniken helfen in Krisensituationen. Wie kann ich meinen Körper, mein Nervensystem wieder beruhigen? Das hat mir sehr geholfen. Deswegen möchte ich auch Lehrerin werden, weil ich anderen Menschen auch zeigen möchte, dass es auch diese Möglichkeit gibt. Es geht trotzdem nicht ohne Therapie. Ich habe zusätzlich auch noch ein Coaching, weil ich gemerkt hab, dass Stress im Beruf bei mir ein Trigger-Punkt ist, der es verstärkt. Es nimmt sehr viel Zeit in Anspruch.
Ich habe Gott sei Dank das Privileg, dass ich mir das auch leisten kann, Zeit und auch Geld in meine mentale Gesundheit zu investieren. Das können leider viele nicht. Sie versuchen also, ganz bewusst Stress zu reduzieren, auch weil Sie wissen, dass er Ihnen einfach nicht guttut. Absolut. Und es ist leider traurig, dass in unserer westlichen Welt Stress ein Indikator für Erfolg ist. Wenn ich Leuten sage, ich gehe ins Yoga und ich mach etwas für meine Gesundheit, dann kommt "Du hast ja die Zeit dafür!" Ich nehme mir die Zeit dafür, weil ich mental gesund bleiben möchte. Mir ist meine mentale Gesundheit halt wichtiger als manche anderen Aspekte. Ich brauche halt keine Gucci-Handtasche dafür.
Moderatorin: Yoga gehört zu den Dingen, die sicher sehr gesund sind, wenn man Stress hat, um sich abzulenken, um auch den Stress weg zu lenken. Viele Menschen können das aber nicht, die haben keinen Zugang zu solchen Techniken. Da kommen oft Süchte ins Spiel. Das sind Erkrankungen, die ebenfalls stark stigmatisiert sind. Um Dampf abzulassen, wird etwas getrunken oder es werden andere Substanzen genommen. Thematisieren diese Betroffenen denn ihren Druck, ihre Ängste wenn sie in Einrichtungen des Sucht- und Drogenhilfe-Netzwerks der Stadt Wien kommen? Leben diese Menschen mit diesen Vorurteilen?
Ewald Lochner: Ja und nein. Erstens ist Sucht eine psychische Erkrankung. Das vergisst man sehr schnell. Sucht ist nicht isoliert, sondern gehört zu den psychischen Erkrankungen. Zweitens ist es immer eine Henne-Ei-Frage. Existiert die Sucht alleine? Oder war da nicht vorher schon eine andere psychische Erkrankung? Oder ist infolge der Sucht eine andere psychische Erkrankung gekommen? Das muss man immer bedenken. Sucht ist in weiten Teilen sehr stigmatisiert, in anderen Teilen wieder überhaupt nicht. Zum Beispiel Alkoholkonsum. Der Konsum ist noch keine Sucht. Aber da ist eine fließende Grenze, ein fließender Übergang. Das muss man sich vergegenwärtigen, wenn wir an Sucht denken und uns opiatabhängige, intravenös konsumierende Menschen vorstellen. Da gibt es ein ganz klares Stigma. Da hat die Gesellschaft eine ganz klare Ansage, wo die sein sollen und wo die nicht sein sollen. Aber auch hier ist es ein breites Spektrum.
Begeben sich Menschen, die eine Suchterkrankung haben, in eine Behandlung? Das dauert sehr lange, leider zu lange. Meistens ist die Krankheit schon sehr weit fortgeschritten. Wenn sich Menschen dann in eine Behandlung begeben, dann beginnt natürlich dieser Prozess, sich damit auseinanderzusetzen, darüber zu reden und auch diese Dinge zu bearbeiten. Aber auch hier gilt für unsere Gesellschaft: Erstens ein Auge auf unser Umfeld zu haben, das auch wieder zu thematisieren. Es ist darüber zu reden, wenn ich einen Arbeitskollegen, eine Arbeitskollegin habe, die an sechs Tagen in der Woche eine erhebliche Menge Alkohol konsumiert. Das kann man thematisieren. Das ist etwas, wo man kein Geheimnis draus machen muss, wo man nicht darüber reden kann. Das ist wichtig. Nur wenn man darüber redet, dann wird es irgendwann einmal vielleicht doch in das Bewusstsein der Gesellschaft eindringen. Dann ist es nicht mehr so schwierig, auch da eine Behandlung zu bekommen. Und daher sich auch von dieser Sucht nicht ganz zu lösen.
Es gibt der Erkrankungen, die sind chronisch rezidivierend. Da gehören Suchterkrankungen dazu. Chronisch heißt, dass sie dauerhaft sind. Und rezidivierend, dass sie immer wieder in Abständen, stärker oder schwächer, wiederkommen. Das ist nun mal so. Die Frage ist: Wie gehe ich damit um? Als Betroffener und als Gesellschaft.
Moderatorin: Jetzt frage ich Sie ganz direkt. Wie spreche ich das am besten an? Ich kenne viele Menschen, die Hemmungen haben, jemand mit dem Kopf drauf zu stoßen. Wenn jemand jeden Tag mit einer Fahne vom Vorabend in die Arbeit kommt. Oder in der Arbeit zu Mittag zwei Bier trinkt, wo man sich denkt: "Das ist zu viel, am Abend könnte es so weitergehen." Aber ich will nicht hingehen und sagen, was mir aufgefallen ist und dass derjenige ein Problem hat. Wie beginne ich das Gespräch? Welche Formulierung ist gescheit?
Ewald Lochner: Da gibt es kein Kochrezept. Es wäre unseriös, das jetzt so zu beantworten. Wir haben in unserer Kampagne #darüberredenwir Factsheets herausgebracht, wie man solche Sachen thematisieren kann. Und wir haben Möglichkeiten gefunden, wie solche Dinge auch gemeinsam thematisiert werden. Wie man zum Beispiel im Betrieb über solche Themen gemeinsam sprechen kann. Gerade bei Alkohol funktioniert es, wenn Betriebe gemeinsam mit der Personalvertretung oder dem Betriebsrat Betriebsvereinbarungen abschließen und damit ein ganz klares Vorgehen definieren, Dann ist das schon so thematisiert im Betrieb, dass es meistens sehr gut funktioniert. Wir bieten aber auch Hilfestellung an. Wenn die Notwendigkeit besteht, helfen wir auch gerne, was Formulierungen et cetera betrifft. Wichtig ist nur, dass es thematisiert wird und dass darüber gesprochen wird. Aber ich würde Ihnen jetzt auch nicht empfehlen, hinzugehen und zu sagen: "Du hast ein Problem." Das ist eine Vorgehensweise, da fühlt sich niemand wohl.
Moderatorin: Herr Dr. Psota, fällt Ihnen Ihnen eine Fallgeschichte von jemandem ein, der wegen dieser Selbstthematisierung erst sehr spät Hilfe gesucht hat? Der sonst vielleicht schon früher gekommen wäre, wenn er nicht vor Vorurteilen oder Verurteilung Angst gehabt hätte?
Georg Psota: Zahlreiche Beispiele. Ich tue mir schwer, eines herauszugreifen. Ich nenne jetzt kein konkretes Beispiel, sondern versuche eine Gesamtformulierung. Menschen mit einer Depression kommen erst dann zum Facharzt für Psychiatrie, wenn bereits seit Monaten eine schwere Durchschlafstörung vorliegt. Jede Nacht verschwitzt, sodass schon die Sorge besteht, dass dieses Schwitzen auch eine körperliche Erkrankung sein könnte. Dieses Schwitzen taucht in der sogenannten somatischen Depression auf. Seit Wochen, manchmal sogar schon seit Monaten, gelingt es kaum mehr, in der Früh aufzustehen. Die Erschöpfung ist grenzenlos. Das Selbstbild ist eines, das nur von dunklen Farben gezeichnet ist. Dieser Zustand besteht nicht seit zwei oder vier Wochen, sondern seit einem halben Jahr. Und er hat schon in eine sekundäre Erschöpfung durch die schon länger bestehende Depression geführt. Und davor wurde schon alles Mögliche abgeklärt. Wenn das es differenzierte Menschen sind, die sich auch sonst um sich selber kümmern, ist schon jede andere mögliche Erkrankung ausgeschlossen. Nur die noch nicht. Weil die, die vermutet oder befürchtet wird, darf es ja nicht sein. Das ist viel Zeit, die da verloren gegangen ist. Je länger das angehalten hat, desto länger dauert es auch, bis jemand wieder gesund wird. Überwiegend werden Menschen nach seiner Phase wieder gesund. Weit überwiegend. Aber es ist schade um die Zeit, die in der Erkrankung verbracht wurden.
Moderatorin: Ist es so, dass Erkrankungen mit einem Kontinuum schwieriger zu erkennen sind? Wo man selbst vielleicht nicht merkt, dass man drinnen steckt? Ist beispielsweise eine Angststörung offensichtlicher? Ist mir da schneller klar, dass ich mir Hilfe suchen muss?
Georg Psota: Bei Angststörungen gibt es sogar ein sehr starkes Kontinuum. Wenn jemand sagt, dass er gar keine Angst hat, dann halte ich das eher für pathologisch. Auch in der heutigen Zeit darf das nicht als Normalzustand gelten. Angst etwas sehr Wichtiges. Angst schützt uns davor, uns bestimmten Gefahren auszusetzen. Übrigens, auch Angst vor einem Übermaß an Stress ist etwas Hochvernünftiges. Auch bei den Angsterkrankungen gibt es ein Kontinuum. Es gibt einen bestimmten Punkt, wo Angsterkrankungen Menschen in ihren Möglichkeiten, zu lieben, Beziehungen zu leben und zu arbeiten, dermaßen einschränken, dass es eindeutig krank ist. Und es gibt davor auch einen Weg des Kontinuums. Da gibt es Etappen und unterschiedliche Ausprägungen.
Generell haben psychische Erkrankungen die Eigenheit, dass sie so ablaufen wie Erkrankungen sonst auch. Sie können leicht, mittel oder schwer sein. Sie können chronisch oder akut sein und wieder vorbei gehen. Sie können rezidivieren und wieder vorbeigehen. Das Beste ist immer, sie gehen vorbei. Das andere Beste ist - und das soll man in der Antistigmaarbeit ganz stark betonen - dass der Fokus auf der Genesung ist. Dass der Fokus auf der Recovery ist. Dass der Fokus auf die Möglichkeiten, wieder zu genesen, gerichtet ist. Das ist ja auch überwiegend der Fall, natürlich auch bei Angsterkrankungen.
Moderatorin: Frau Soyel, das haben sie ja gesagt. Bei Ihnen liegt der Fokus auf der Genesung. Sie sind sehr positiv. Deswegen wollen Sie auch so negative Schlagzeilen nicht. Das ist ja absolut nachvollziehbar. Wie ist es denn im Austausch mit Ihren Followern? Können Sie auf Social Media einen positiven Weg einschlagen? Das ist ja oft mit großem Leid verbunden.
Leonie Rachel Soyel: Von meiner Community bekomme ich oft sehr positive Nachrichten. Viele sagen: "Wegen dir habe ich den Weg zu einem Therapeuten gewagt, zu einem Arzt gewagt, der mir eine Diagnose gestellt hat. Ich kann jetzt endlich etwas damit anfangen. Ich kann jetzt an mir und an meiner Krankheit arbeiten und einen Weg der Genesung und der Besserung gehen." Das erfüllt mich wirklich jedes Mal, wenn ich das lese. Es ist der Beginn. Und ich weiß, wie hart der Beginn ist und dass man da oft alles wieder abbrechen möchte. Alles wieder zumachen möchte und es lassen, wie es war. Ich finde es schön, dass ich dazu inspirieren kann, diesen Weg zu gehen. Deswegen möchte ich auch weiterhin auf Instagram zeigen, dass diese Genesung möglich ist. Ich habe jetzt schon sehr lange keine Symptome meiner Borderline-Erkrankung mehr gespürt. Ich bin aber darauf eingestellt, dass es auch wiederkommen kann und habe dafür auch nicht Angst.
Ich möchte den Leuten zeigen, dass es auch Rückschläge geben kann. Das ist normal. Das ist auch bei anderen Krankheiten ganz normal, dass es Rückschläge gibt. Ich versuche, jeden Tag ein ehrliches Bild auf Instagram abzugeben, wie es mir geht. Als Antwort auf die Frage: "Wie geht es dir wirklich heute?" Dass ich auch zeige, heute geht es mir Scheiße. Entschuldigung! Und ich zeige heute nichts auf Instagram. Ich beschäftige mich mit mir und mache meine Sachen. Ich schaue, dass es mir wieder gut geht und melde mich dann, wenn es mir wieder besser geht. Ich finde das wichtig, dass die Leute sehen, es gibt den Weg der Genesung. Aber es ist nicht immer nur heile Scheinwelt, sondern die hat auch ihre Tücken und ihre Tiefen. Es ist nicht immer so Superklasse zum Durchmarschieren. Das versuche ich halt. Und ich glaube, meine Community reagiert sehr positiv darauf.
Moderatorin: Sie haben vorhin gesagt, dass Sie großes Glück hatten, weil Ihre FreundInnen, Ihre Angehörigen sehr unterstützend waren und sehr positiv reagiert haben. Wie ist das denn in Ihrer Community? Thematisieren da vielleicht manche, dass sie diese Unterstützung zu Hause oder im engsten Freundeskreis nicht bekommen?
Leonie Rachel Soyel: Ich habe schon einige Follower, mit denen ich schon seit sehr vielen Jahren in Kontakt bin. Mir fällt gerade eine Person ein, die transgender ist und dementsprechend einen Weg mit Therapie etc. hatte. Sie ist deswegen in Therapie gegangen. Sie hat zum Beispiel gesagt, dass sie von ihrer Familie verstoßen worden ist. Nicht nur wegen ihres Entschlusses, als Frau zu leben, sondern auch wegen der psychischen Erkrankung, die sie zusätzlich noch hat. Die Depressionen, die dazu kamen. Ich versuche, da auch immer den Kontakt zu halten und doch Hilfestellung zu geben, soweit das möglich ist. Ich finde es extremst traurig, wenn ich lese, dass die Kontaktaufnahme verweigert wird. Es ist Gott sei Dank ein nicht so großer Teil. Zumindest wird mir das nicht so oft zugetragen. dass der Background nicht so positiv reagiert. Ich versuche, genau diesen Leuten die Online-Freundin zu sein, die vielleicht einmal mit einem Ratschlag, einer Hilfestellung dasteht. Die die richtigen Nummern vielleicht schneller zur Hand hat und in einer Notsituation dann trotzdem mal helfen kann.
Moderatorin: In Ihrer Community können sie sich auch gegenseitig helfen, wenn zum Beispiel ein neues Problem auftritt oder ein Symptom, das man vielleicht noch nicht so gut einordnen kann. Man kann nicht schlafen oder man wird nervös. Oder man weiß nicht, wie man mit Stress umgehen soll. Können Sie sich da auch gegenseitig helfen?
Leonie Rachel Soyel: Ich verweise sehr gerne auf die Kampagne #darüberredenwir und ich teile auch gerne die Postings. Sie erklären sehr, sehr gut, wann man sich Sorgen machen muss. Was sind Anzeichen, was könnten Symptome sein? Wie kann man als Angehöriger mit gewissen Dingen umgehen? Meine Kapazität ist halt auch nicht unendlich und ich bin auch keine Expertin im Gebiet psychischer Erkrankungen. Ich kann nur meine eigene Geschichte erzählen. Ich sage ganz oft, dass ich nur meinen Weg zeige. Das ist nicht für jeden der richtige Weg. Es muss nicht jeder Yoga machen. Obwohl, ich würde es jedem raten. Mir ist wichtig, dass ich meinen Followern zeige, dass es ganz normal sein sollte, sich Hilfe von einem Arzt zu holen, wenn es um mentale Gesundheit geht. Das sollte ganz normal sein. Das sollte genauso normal sein, wie wenn man sich den Arm gebrochen hat und zum Arzt geht. Genauso sollte das mit der mentalen Gesundheit stattfinden. Es ist besser, man prüft etwas zu viel ab als zu wenig und schlittert dann in eine Depression et cetera.
Ich finde, die Leute gehen sehr schnell mal zum Arzt, wenn sie vor ihrem Berufsalltag fliehen wollen, und lassen sich krankmelden. Sie machen das aber sehr ungern, wenn es um ihre mentale Gesundheit geht, die so wichtig ist. Vor allem jetzt.
Moderatorin: Jetzt haben wir schon gehört, dass die Symptome teilweise sehr komplex sind. Dass es manchmal schwierig festzustellen ist, dass man eine Erkrankung hat. Das ist etwas, wo man jetzt schon etwas tun muss. Ich bin ja auch keine studierte Medizinerin. Wenn ich etwas habe, dann würde ich den Hausarzt, die Hausärztin aufsuchen. Ewald Lochner, welche Rolle spielen denn diese MedizinerInnen als Ersthelfende? Wirkt da dieses Stigma vielleicht auch manchmal?
Ewald Lochner: Ja und nein. Natürlich ist es der erste Weg und ein guter Weg, wenn man einen Allgemeinmediziner aufsucht. Entscheidend ist, wann der Zeitpunkt gekommen ist, um einen Facharzt zu konsultieren. Das kann der Patient bei vielen anderen somatischen Erkrankungen ja auch selbst entscheiden. Der Weg zum Orthopäden, das kann man auch selber entscheiden. Ich möchte wirklich handfeste Vergleiche. Also kann man den Weg auch finden. Ganz so einfach ist es momentan bei uns in Österreich und in Wien nicht, einen relativ schnellen Termin bei einem Facharzt für Psychiatrie zu bekommen. Das hat damit zu tun, dass es zu wenige gibt. Weil zu wenige Kassenstellen finanziert werden. Da sind wir wieder beim Thema der strukturellen Stigmatisierung.
Aber selbstverständlich sind AllgemeinmedizinerInnen gute Anlaufstellen. Was nicht passieren sollte, ist, dass dort über lange Zeit Psychopharmaka verschrieben und verwendet werden, ohne dass ein Facharzt in irgendeiner Form konsultiert worden ist. Das ist ein Thema, mit dem muss man sich im Gesundheitssystem auseinandersetzen. Das zu tun, sind wir aufgerufen, und das machen wir auch.
Man kann also als PatientIn sagen, man hätte gerne eine Überweisung. Mittlerweile braucht man nicht unbedingt eine Überweisung. Man kann mit der E-Card einfach zu einem Facharzt für Psychiatrie gehen.
Moderatorin: Jetzt ist gerade dieses Jahr ein besonders herausforderndes, die Coronavirus-Pandemie, der Lockdown. Das war und ist für viele Menschen sehr belastend. Warum ist denn das Stigma, das auf psychischen Erkrankungen liegt, gerade jetzt vielleicht noch problematischer, Herr Dr. Psota?
Georg Psota: Ich bin nicht so sicher, ob es jetzt noch problematischer ist. Ich höre von PatientInnen, dass sie zum Teil damit sehr gut zurechtkommen. Sie sehen jetzt, wie andere Teile der Bevölkerung Angst haben. Diejenigen, die mit ihrer Angsterkrankungen schon längere Zeit eine gute Therapie haben, oder die Angsterkrankung ist abgeklungen und der Weg der Genesung beschritten, die kommen sehr gut damit zurecht. Sie haben einige Tools, beispielsweise Yoga. Bewegung und Sport ist ein wesentlicher Punkt. Aber es könnte schon noch mehr von Belang sein. Die weltweite Corona-Situation, respektive die Pandemie mit Maßnahmen in den Griff zu kriegen, auch die daraus folgenden sozialen Schwierigkeiten wie Arbeitslosigkeit usw., das ist ein Faktor, der psychisches Krankwerden triggert oder triggern kann. Verlässliche Daten haben wir dazu noch nicht. Es wir bald so weit sein, denke ich. Aber das ist schon ein Punkt, wo es noch mehr Menschen betreffen kann.
Wenn das Stigma diese Menschen davon abhält, sich wie sonst Hilfe zu holen, dann betrifft das noch mehr. Insofern ist es dann schon von großem Belang. Wie haben wir reagiert? Die Stadt Wien hat mit dem PSD Wien eine Corona-Sorgen-Hotline initiiert und gestaltet, um einen möglichst niederschwelligen Zugang zu bieten. Bei Sorgen wegen Corona kann man dort anrufen. Die Nummer ist 01/4000 53000. Das halte ich schon für einen sehr wichtigen Zugang, in einem ersten Schritt dort anrufen zu können. Und dann auch eine wirklich fachkundige Beratung zu bekommen, aus der sich Verschiedenes ergeben kann.
Was Corona, die Maßnahmen und die Gesamtsituation mit uns macht? Dieses unselige Social Distancing, was ein Quatsch ist, es geht ja nicht um soziale Distanz, sondern um physische Distanz. Es geht um soziale Nähe, emotionale Nähe, aber um physische Distanz. Was es mit uns macht, das aus der physischen Distanz heraus zu gestalten, das weiß noch niemand wirklich genau. Das werden wir sehen. Aber ganz sicher ist es so, dass wir wachsam sein müssen, was das mit der Gesellschaft als Ganzes macht. Was das mit uns allen Menschen macht. Ganz sicher ist es so, dass verschiedene Dinge, wie Struktur, aber auch Sport, Bewegung, das Schöne suchen, und auch Yoga-Methoden sind, um das zu bewältigen.
Moderatorin: Große epidemiologische Studien zur psychischen Belastung während des Lockdowns und zu Corona überhaupt kann es ja noch gar nicht geben. Es gibt erste Hinweise, kleinere Studie. Die zeigen, dass depressive Symptomatiken zugenommen haben, dass Suchtprobleme schlimmer geworden sind, dass Leute mehr Alkohol getrunken haben. Ewald Lochner, haben Sie das in den Beratungsstellen auch beobachtet?
Ewald Lochner: Ja. Wenn Menschen eine Suchterkrankung im Bereich von illegalen Substanzen haben, dann hatte das eine sehr hohe Konstanz während Corona. Hier gab es wenig Veränderung im Vergleich zu davor.
Bei Suchterkrankungen im Bereich Alkohol war es schon allein an der Inanspruchnahme der Angebote merkbar, dass die Alkoholproblematik durch COVID-19 verstärkt wurde. Das hat aber viel damit zu tun, dass Suchterkrankte gerade im Bereich Alkohol eine sehr klare Tagesstrukturierung brauchen. Die ist mit COVID weggebrochen. Die ist für uns alle bis zu einem gewissen Grad weggebrochen. Ein Teil der Bevölkerung musste plötzlich Zuhause bleiben und hatte keine Tagesstruktur mehr, wie das bisher durch den Job gegeben war. Ein anderer Teil musste extrem viel arbeiten und extrem viel auffangen. Das alles begünstigt grad bei Erkrankungen im Bereich Alkohol, dass es Rückfälle gibt. Das können wir schon sehen.
Entscheidend ist, dass wir diese Menschen weiter behandeln, egal, welche Sperren es gibt, egal, welche Hygienevorschriften et cetera es gibt. Wir müssen die Menschen weiter behandeln, ob es nun in der Sozialpsychiatrie oder im Suchtbereich ist. Das haben wir getan und das werden wir auch weiter tun. Der PSD behandelt weiter PatientInnen. Das gesamte Sucht- und Drogenhilfe-Netzwerk behandelt weiter PatientInnen. Das ist entscheidend.
Moderatorin: Herr Lochner, was kann man denn einem Menschen raten, der wegen der Coronavirus-Pandemie großen Druck verspürt? Der vielleicht Angst hat und auch Angst hat, etwas zu trinken, um irgendwie den Stress loszuwerden. Gibt es da eine Empfehlung, wie man damit umgehen kann? Was man so jemanden raten kann?
Ewald Lochner: Ja, drüber reden und Hilfe suchen. Das geht in erster Linie direkt über die Corona-Sorgen-Hotline. Deswegen haben wir sie geschaffen. Deswegen wird sie auch weiter finanziert. Wenn es im Bereich Suchterkrankung ist, haben wir ganz bestimmte Anlaufstellen. Ein regionales Kompetenzzentrum, wo man anrufen kann, wo man hinkommen kann, wenn man das Gefühl hat, da stimmt etwas nicht mit einem. Und immer der erste Schritt: darüber reden.
Moderatorin: Frau Soyel, wie haben Sie denn diese Zeit erlebt? Haben sich mehr Menschen bei Ihnen gemeldet? Wurde da mehr über psychische Belastungen diskutiert?
Leonie Rachel Soyel:  Ich selber bin vor dem Lockdown von einer sechswöchigen Asienreise zurückgekommen. Ich bin von sechs Wochen allein durch Asien reisen direkt in den Lockdown. Ich habe gemerkt, dass für mich dieser Ausnahmezustand einfach oft Normalität war. Deswegen war ich darauf sehr gut vorbereitet. Ich hab die Zeit eigentlich für mich sehr sinnvoll nutzen können. Ich bin in meinem Freundeskreis draufgekommen, dass Menschen, die gedacht haben, dass sie mental super fit sind, auf einmal in Panik ausgebrochen sind. Ich wurde gefragt, ob ich akut weiß, wo man sich Hilfe holen kann. Ich hab dann eben auf die Sorgen-Hotline verwiesen. Ich hab auch gesagt, dass gewisse Therapeuten per Zoom Therapie und Hilfe anbieten. Dass man sich da schon auch Hilfe suchen sollte, bevor sich das irgendwie verfestigt.
Mir ist aufgefallen, dass in der Corona-Zeit die Stimmung noch sehr positiv war. Wir halten zusammen, wir schaffen das zusammen, wir sind Team Österreich. Das Team Österreich hat sich aber nach dem Lockdown wieder aufgelöst. Die Leute sind jetzt zum Teil ein bisschen verloren, wo sie sich hinwenden können, was sie jetzt weiter machen können. Die Angst ist ja trotzdem bei vielen noch da. Viele wurden dadurch wachgerüttelt und haben erkannt, dass sie mental nicht da sind, wo sie gerne sein möchten. Manche haben durch die Veränderungen gemerkt, dass sie beruflich in eine andere Richtung gehen möchten, aber in der jetzigen Situation ihren Job nicht verlieren können.
Wir wissen alle nicht, was als nächstes kommt. Das ist auch eine psychische Belastung. Da wird dann oft zu Alkohol gegriffen. Ich hab das in der Corona-Zeit gemerkt, dass man sich auf Zoom-Drinks usw. trifft. Dann hat man bei manchen gemerkt, dass das nicht nur einmal in der Woche ist, sondern täglich. Und das wurde danach weitergeführt. Ich finde, dass wir nicht vergessen dürfen, weiterhin Team Österreich zu sein. Dass nicht jeder auf seinen eigenen kleinen Fleck schaut, sondern dass wir darüber reden, dass wir Hilfe anbieten. Dass man diese Frage "Wie geht es dir heute?" ernst und oft stellt und auch mal nachhakt. "Wie geht es dir mit dem Lockdown? Wie geht es dir jetzt mit der Angst?" Da ist nach wie vor große Angst da.
Ewald Lochner: Wichtig ist, dass wir uns als Gesellschaft vergegenwärtigen. Wir leben jetzt seit mindestens sechs Monaten in einer ganz besonderen Form. Ich möchte das Wort Ausnahmezustand eigentlich nicht verwenden. Es ist eine ganz besondere Form. Auf den Punkt gebracht leben wir seit sechs Monaten in einer Form der Krise. Vor einem Jahr hätte jeder gesagt, dass es gar nicht geht, sechs Monate in einer Krise zu leben. Das schafft man gar nicht. Das ist aber etwas, das wir jetzt erleben und wo unsere Perspektive keine besonders positive ist. Damit müssen wir als Gesellschaft umgehen. Mit etwas umgehen heißt immer, dass ich es thematisiere, dass ich darüber rede und etwas daraus mache. Wenn ich das Ganze schon nicht lösen kann, dann kann ich darüber reden und es damit eingrenzen. Ich kann sagen, was es ist. Wenn ich es benennen kann, tu ich mir schon leichter damit. Das erachte ich als ganz wichtig, weil wir nicht wissen, wie lange das dauern wird. Herr Dr. Psota, Sie haben es vorhin schon gesagt: Social Distancing soll nicht heißen, dass man sozial auf Distanz geht.
Die Moderatorin: Die Angehörigen sind wichtig, die engste Familie, die FreundInnen, wenn man eine psychische Erkrankung hat. Warum ist das so wichtig, dass die Familie zu einem hält, dass die Familie einen unterstützt? Was bringt mir das, wenn ich von einer psychischen Erkrankung betroffen bin?
Georg Psota: Es bringt enorm viel! Wahrscheinlich ist der Social Airbag, wie ich es gerne nenne, die entscheidende Hilfe in unmittelbarer Weise. Warum das so ist, ist ganz einfach. Weil Menschen soziale Wesen sind. Und weil man in einem Prozess, in dem man sowieso an den Rand gedrängt wird, durch die Erkrankung und durch das nachfolgende Stigma, ohnehin schon ziemlich aus der sozialen Gesellschaft draußen ist. Man hat auch Schwierigkeiten in der Gesellschaft. Ich nehme jetzt wieder die Depression her. Besonders lustig ist man nicht, wenn man depressiv ist. Besonders unterhaltungswillig ist man auch nicht. Man hat nicht unglaublich viel einzubringen. Das weiß man jetzt ohnehin bereits. Von sich aus wird man das nicht unbedingt vorantreiben, dass man sich trifft und dergleichen. Das heißt, es hängt stark davon ab, wie die Umgebung damit umgeht. Wenn die sagt: "Das mag schon sein. Das ist jetzt bei dir der Fall. Es ist gut. Miteinander werden wir das auch schaffen. Aber komm doch, sprich mit uns, tausch dich aus, wenn es irgendwie geht." Das ist ein ganz wichtiger Support. Ich glaube, es ist sogar der entscheidende Support. Natürlich sind die Psychiatrie, Psychologie und Psychotherapie wichtig, keine Frage. Das möchte ich schon feststellen. Aber der Social Airbag ist "the First aid, the Most important."
Moderatorin: Ewald Lochner, ich würde Sie gerne noch etwas fragen. Wir haben vorhin darüber geredet, was ich tun kann, wenn mir auffällt, dass es einer Kollegin, einem Kollegen nicht gut geht. Ich kann die Kampagne konsultieren und mehr überlegen, wie ich das am besten ansprechen kann. Was, wenn ich die Betroffene bin? Wie kann ich dann eine Strategie finden, um am Arbeitsplatz darüber zu sprechen? Davor fürchten sich ja ganz viele, zu sagen, dass sie krank sind. Gibt es da Möglichkeiten?
Ewald Lochner: Wie Herr Dr. Psota gesagt hat, gibt es die Stigmatisierung am Arbeitsplatz. Wenn man selber betroffen ist, ist es nicht unbedingt der richtige Weg, da jetzt irgendwie vorzupreschen und entstigmatisieren zu wollen. Das muss man sich schon gut überlegen. Da ist der erste Weg, zuerst einmal Stabilität im Rahmen einer Behandlung zu bekommen. Erst dann es zu thematisieren. Entscheidend ist schon, dass man sich Vertraute am Arbeitsplatz sucht und darüber spricht. Viele Dinge klären sich damit auf. Das ist nicht ungefährlich. Auch da bieten wir Hilfe und Möglichkeiten im Rahmen der Kampagnen. Wie kann man darüber sprechen? Wann und in welchem Zusammenhang ist es sinnvoll? Zum Beispiel mit PersonalvertreterInnen oder Betriebsräten sprechen, weil vieles damit klarer wird. Blauäugig sollte man in dem Fall auch nicht an die Sache herangehen, weil der Verlust des Arbeitsplatzes auch unmittelbare Auswirkungen auf die Entwicklung der psychischen Erkrankung hat.
Moderatorin: Wenn es um Unterstützung, Behandlung und Prävention geht, dann ist natürlich auch immer die Rede davon, was wir im Gesundheitssystem idealerweise brauchen würden, was wir vielleicht nicht haben. Dazu gehören zu wenige Plätze in der Kinder- und Jugendpsychiatrie, zu wenige FachärztInnen, zu wenige Therapieplätze. Ewald Lochner, könnten denn mehr Angebote bei Therapie, Betreuung, Prävention auch dazu beitragen, Stigmata abzubauen?
Ewald Lochner: Selbstverständlich. Das müssen wir auch tun. Das war uns ein ganz großes Anliegen. Erst nachdem wir große Projekte in Wien auf den Weg gebracht hatten, was die Behandlung von psychischen Erkrankungen von Erwachsenen, Kindern und Jugendlichen betrifft - die beginnen jetzt schön langsam Formen anzunehmen - haben wir begonnen mit der Entstigmatisierung. Warum? Es ist schon davon auszugehen, wenn psychische Erkrankungen entstigmatisiert werden, dass sich mehr Menschen in Behandlung begeben wollen. Dann müssen wir aber auch als Kommune oder als Staat diese Behandlungen anbieten können. Und daran arbeiten wir massiv.
Was brauchen wir? Wir brauchen integrierte Versorgung von Menschen mit psychischen Erkrankungen. Das ist eine Vielzahl an Behandlungen, sowohl bei den Erwachsenen wie auch bei den Kindern und Jugendlichen. Was wird denn kommen in nächster Zeit? Wir werden versuchen, weiter mit unseren PartnerInnen im Bereich des Gesundheitssystems gemeinsam Finanzierungsmodelle zu schaffen, damit wir solche integrierte Versorgungsmodelle anbieten können. Oft scheitert so etwas an der Kostenträgerschaft, dass die Kostenträger miteinander nicht ausreichend reden oder sich nicht ausreichend abstimmen. Damit sind auch die Behandlungsangebote für die Betroffenen nicht gut abgestimmt. Das ist der nächste große Schritt, den wir uns vornehmen.
Moderatorin: Leonie Rachel Soyel, was fehlt dann aus Ihrer Sicht? Was würden Sie sich wünschen für die Zukunft? Welche Veränderungen braucht es?
Leonie Rachel Soyel: Was ich von meiner Community oft höre: schnell an einen Krankenkassenplatz zu kommen, ist sehr wichtig. Auch dass die Anlaufstellen sichtbarer sind. Die Kampagnen #darüberredenwir hat sicher sehr geholfen, dass man weiß, welche Nummern es gibt, und wo es Informationen gibt. Aber das muss dauerhaft präsent sein. Das muss einfach präsent sein in den Medien, sowohl sozialen Medien, als auch klassischen Medien. Ich finde den Punkt mit den Krankenkassenplätzen sehr, sehr wichtig. Ich höre oft, ich habe eineinhalb Jahre, zwei Jahre auf meinem Platz gewartet. Ich trau mich auch nicht zu wechseln, auch wenn es da jetzt gerade nicht so passt. Auch wenn die Therapie nicht so fruchtet, traut man sich nicht zu wechseln. Das kann es nicht sein. Das sollte sich auf jeden Fall ändern. Ich hoffe, das ändert sich.
Moderatorin: Herr Dr. Psota, was kann denn jeder einzelne tun, dazu beitragen, - betroffen oder nicht - die Stigmatisierung psychischer Erkrankungen zu verringern, abzubauen.
Georg Psota: Zusammenfassend, das ist gar nicht so leicht. Was jeder und jede tun kann, ist, auf die eigene Sprache zu achten. Was jeder und jede tun kann, wenn es nahestehende Menschen betrifft, diese soziale Funktion möglichst auszufüllen zu versuchen. Da habe ich noch einen kleinen Wunsch an die Betroffenen selbst, dass die dann auch in der Lage sind, diese Hilfe anzunehmen. Das ist unter Umständen eine relativ schwierige Übung. Das können die Betroffenen selbst tun, dass sie Hilfe annehmen. Ansonsten ist es durchaus auch okay, wenn sich Menschen mehr über psychische Erkrankungen informieren. Wenn es einen selber betrifft, merken, wo man Hilfe braucht und dieses Holen von Hilfe oder Unterstützern als etwas ganz Normales zu verstehen. Das tun wir ja sonst auch.
Moderatorin: Sie haben am Ende des Vortrags gesagt, dass die Stigmatisierung auch zunehmen könnte. Sind Sie denn optimistischer?
Georg Psota: Ich habe meinen Vortrag damit beendet, dass aus der Raupe ein Schmetterling wird. Dass aus der sich langsamen bewegenden Raupe dar schöne, bunte, flugfähige Schmetterling wird, der sagt: "So muss es nicht bleiben." Und so sehe ich es auch. Ich bin da optimistisch und glaube daran, dass wir das als Gesellschaft sehr wohl schaffen können, nur ist das eine ziemliche Entwicklung, die vor uns liegt. An der müssen wir arbeiten. Das ist ja gut so. Wir haben etwas zu tun und das passt.
Moderatorin: Leonie Rachel Soyel, Ewald Lochner und Georg Psota, vielen Dank für das interessante Gespräch. Wenn Sie noch einmal in die heutige Wiener Vorlesung reinhören und reinschauen wollen, um das Gesagte zu vertiefen, oder wenn Sie irgendwas verpasst haben, dann schalten Sie am Samstag, den 19. September, um 18.30 Uhr den Fernseher ein. Auf dem Kanal W24 wird die gesamte Wiener Vorlesung gezeigt. Vielen Dank fürs Kommen! Die Wiener Vorlesungen wünschen Ihnen noch einen schönen Abend.

Wiener Vorlesung "Psyche & Stigma"

Wiener Vorlesung zum Thema "Psyche & Stigma" - Darüber reden wir. In Kooperation mit dem Psychosozialen Dienst in Wien am 14.9.2020 im Gartenbaukino.

Produktionsdatum: 2020
Copyright: w24

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