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Mitschrift

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Moderatorin Anna Wallner: Meine Damen und Herren, herzlich willkommen zu einer weiteren Ausgabe der Wiener Vorlesungen online. Ich begrüße Sie sehr herzlich hinter Ihren Laptop-, PC- und Smartphone-Bildschirmen, liebe Zuseherinnen und Zuseher. Egal ob daheim, im Büro schon wieder oder unterwegs. Mein Name ist Anna Wallner, und ich freue mich sehr, dass Sie heute eingeschaltet haben. Es erwartet Sie nämlich ein spannendes Programm mit der Philosophin Lisz Hirn. Aber zuerst wird die Wiener Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler ein paar Begrüßungsworte an Sie richten.

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Vorwort Veronica Kaup-Hasler: Einen schönen guten Tag, meine Damen und Herren, wo auch immer Sie sich befinden. Die Wiener Vorlesungen, die weit verbreitet in diesen Corona-Zeiten verschiedenste Menschen - vielleicht sogar mehr denn je - erreicht haben, haben wieder eine neue Edition. Und gleichzeitig muss ich sagen: Wir vermissen Sie sehr und wir freuen uns unglaublich auf Sie - dann im Herbst, wenn wir wieder physisch zusammenkommen können.

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Vorwort Veronica Kaup-Hasler: Heute steht auf dem Programm ein Vortrag von und ein Gespräch mit Lisz Hirn. Eine Philosophin, die sich besonders Gedanken gemacht hat um etwas, was ein populäres Phänomen ist, nämlich die große Fülle an Superheldenthematiken und Filmen, wie sie in der letzten Zeit, in den letzten Jahrzehnten aufgekommen ist. Interessanterweise immer wieder sehr oft in dystopischen Kontexten, in Kontexten, wo es um eine Person geht oder wie bei MARVEL oder DC eine Gruppe von Superhelden, die gegeneinander kämpfen oder die Welt retten. Sehr oft natürlich auch in einer Übersteigerung des eigenen Körpers im Sinne von Prothesen, von unterschiedlichen technischen Devices, die in den Körper schon eingebaut sind.

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Vorwort Veronica Kaup-Hasler: Das ist ein unglaublich spannendes Thema, weil es einen Umgang mit Katastrophen vorweggenommen hat. Einen Umgang mit dystopischen gesellschaftlichen Momenten, wie wir sie in bestimmten Teilen auch jetzt erleben. Umso wichtiger ist es, dieses sehr männliche Prinzip der Superhelden immer wieder zu brechen und auch zu hinterfragen. Deswegen freue ich mich außerordentlich, dass es gerade eine Frau ist, eine Philosophin ist, die mit ihrem Blick dieses Phänomen analysiert und aus ihrer Sicht beschreibt. Einen schönen Tag wünsche ich, eine spannende Wiener Vorlesung und ein schönes Wiedersehen dann im Herbst. Alles Gute Ihnen.

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Moderatorin Anna Wallner: Vielen Dank, Frau Stadträtin Kaup-Hasler. Es wurde schon erwähnt: Im Fokus steht heute die Philosophin Lisz Hirn und ihre Thesen und Forschungen zum Begriff der Superhelden. Ich möchte die Philosophin aber zuerst ein bisschen vorstellen. Sie wurde 1984 geboren und studierte in Graz, Wien, Paris und Katmandu Geisteswissenschaften, aber auch Gesang. Sie ist heute als Philosophin, Publizistin und als Dozentin in der Jugend- und Erwachsenenbildung tätig. Zuletzt erschien im MOLDEN Verlag ihr Buch "Wer braucht Superhelden? Was wirklich nötig ist, um unsere Welt zu retten." Auch ein Anlass oder ein Grund, warum wir heute über dieses Thema sprechen wollen. Lisz Hirn produziert außerdem seit März einen hörenswerten Podcast in Kooperation mit dem MOLDEN Verlag und Jeanne Nickels und ihrer Produktionsfirma OH WOW PRODUCTIONS. Der heißt "Philosophie mit Hirn". Da beantwortet die Philosophin 14-tägig philosophische Alltagsfragen, die ihr das Publikum stellt. Jetzt aber gebe ich gleich einmal zu ihr. Sie wird uns eine historisch-philosophische Spurensuche rund um den Superheldenbegriff geben. Nachher werden wir beide noch ein bisschen über das Thema diskutieren und miteinander sprechen. Bitteschön.

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Redner Lisz Hirn: Vielen Dank, liebe Anna! Ja, geehrtes Publikum. Ich möchte heute mit Ihnen mithilfe eines wirklich kurzen historischen und philosophischen Einblicks, Überblicks einer der wirkmächtigsten Fantasien der Menschheitsgeschichte nachspüren. Dem Bild des Helden, das uns heute nicht nur, aber ganz besonders in Gestalt der Superhelden entgegentritt. Ein Bild also, so möchte ich behaupten, dass uns ganz im Sinne des berühmten Ludwig Wittgenstein "gefangen hält und aus dem heraus wir nicht konnten".

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Redner Lisz Hirn: Denn es lag in unserer Sprache, und sie schien es uns nur unerbittlich zu wiederholen. Dieses Bild des Helden und seiner Heldenreise ist fester Bestandteil aller kulturellen Narrative, wie schon der US-amerikanische Mythologe Joseph Campbell belegte. Ob Achilles oder Superman, ob starke Männer von Wladimir Putin bis Donald Trump, mehr oder minder starke Männerfantasien scheinen nicht nur die Mythologie, sondern auch die Politik zu bestimmen.

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Redner Lisz Hirn: Was aber macht einen Menschen überhaupt zum Helden? Gibt es so etwas wie Bestandteile des Heldischen? Was verraten unsere Superhelden über uns und unsere Gesellschaft? Und wer braucht eigentlich Superhelden?

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Redner Lisz Hirn: Um uns all diesen Fragen anzunähern, beginne ich mit dem Versuch, Komponenten, Bestandteile des Heldischen zu finden. Da gibt es eine schöne Definition aus dem Zedler-Lexikon aus der Mitte des 18. Jahrhunderts, dem damaligen enzyklopädischen Nonplusultra, also quasi das Wikipedia des 18. Jahrhunderts. Und dort findet man unter dem Eintrag Held/Heros: "Held oder Heros ist einer, der von Natur mit einer ansehnlichen Gestalt und ausnehmender Leibesstärke begabet, durch tapfere Taten Ruhm erlanget und sich über den gemeinen Stand derer Menschen erhoben."

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Redner Lisz Hirn: Auch wenn diese etwas veraltete Definition einen äußerst groben Umriss liefert, lassen sich einige wesentliche Komponenten des Helden dabei eindeutig feststellen. Und ich würde sie auch nochmal leicht ergänzen wollen. Oberflächlich feststellbar beinhaltet der Heldenbegriff Kriterien wie Männlichkeit. Unbestrittener Weise ist die große Mehrheit der Helden männlich und auch die Konstruktion des Heldenideals, des Helden selbst ist seit jeher ein essenzielles Merkmal männlicher Inszenierung. Deshalb werde ich im Folgenden vor allem den Begriff der Helden verwenden, auch wenn ich natürlich weiß und Sie natürlich auch wissen, dass es Heldinnen immer schon gab und geben wird.

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Redner Lisz Hirn: Neben dieser männlichen Inszenierung gibt es natürlich noch andere Voraussetzungen, zum Beispiel eine außergewöhnliche körperliche Begabung. Das ist entscheidend im kämpferischen beziehungsweise militärischen Kontext. Dazu kommt noch, dass Helden ein sehr spannungsgeladenes Verhältnis zum anderen Geschlecht haben, also auch Ausdruck einer heterosexuellen Praxis sind. Weiters sind Helden wichtige Identifikationsfiguren - das wissen wir und kennen wir auch aus der Politik und der Geschichte - für Stamm, Stadt, Nation. Sie sind eingebettet in die hierarchischen Strukturen, mit denen die Helden, vor allem die klassischen Helden, allerdings immer wieder in Konflikt geraten. Sei es mit ihren Oberen oder auch sogar mit Gott oder Göttern.

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Redner Lisz Hirn: Zu diesem großen Konglomerat an Eigenschaften, die zum Heldischen dazugehören, kommt noch eine sehr spezielle Charakterdisposition. Und die lässt sich sehr gut mit Hilfe dreier griechischer Begriffe fassen. Und zwar Hybris, übersetzt als Frevel und Übermut, Pothos als Verlangen, Streben nach Ruhm und Pathos als Leiden, Schmerz, Leidenschaft. Diese drei Begriffe beschreiben gut die Dynamik, die das Handeln des Helden im Mythos vorantreiben.

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Redner Lisz Hirn: Es war der Altphilologe und Philosoph Friedrich Nietzsche, der erstmals in seinem Buch "Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik" darauf hinwies, dass diese Elemente, die so wesentlich den griechischen Heros, aber auch die anderen Helden bestimmen, auch als die drei Mütter des Seins zu bezeichnen wären. Nämlich als Wahn, Wille und Wehe. Sehen wir uns diese drei etwas komplexen Begriffe anhand eines typischen Beispiels an. Sie kennen sicher alle den griechischen Heros Achilles: Kämpfer auf griechischer Seite im Trojanischen Krieg, der mit Hilfe seiner außergewöhnlichen Kampfesfähigkeiten den Krieg für die Griechen entscheidet. Aber auch mit seiner frevelhaften Anmaßung, stärker als alle Lebenden zu sein, den Göttern gleich sein zu wollen, seinen Sturz in den Tod unausweichlich macht.

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Redner Lisz Hirn: Aber: Warum handelt Achilles überhaupt, wie er handelt? Angetrieben wird er von diesem etwas seltsamen Phänomen: dem Verlangen nach Ruhm, nach Unsterblichkeit - natürlich ohne die je erlangen zu können. Es geht im übertragenen Sinne aber auch nicht darum, ewig zu leben, sondern dass der Ruhm der eigenen Taten, des Handelns und damit der eigene Name noch lange nach dem physischen Tod überdauert. Diese Inszenierung der heldischen Männlichkeit ist auch ein wichtiger Faktor für die spätere Politik des Herrschers Alexander des Großen, der sich - wie auch viele Cäsaren in Folge im römischen Kaiserreich - auf diesen sagenhaften Helden berief, um sich selbst zu legitimieren, oder auch um den Machthunger oder das Handeln zu legitimieren.

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Redner Lisz Hirn: Aber Pothos ist nicht nur die Sucht nach Ruhm und nach menschlicher Unsterblichkeit, sondern es geht auch um das Ringen, besser zu sein. Denn, so schreibt Philosophin Hannah Arendt in ihrem Werk "Vita activa": "Nur die Besten, die zudem ständig sich als die Besten erweisen müssen, und zwar dadurch, dass sie den immerwährenden Ruhm den sterblichen Dingen vorziehen, diese sind mehr als bloße Lebewesen. Die vielen, zufrieden mit dem, was die Natur ihnen gewährt, leben und sterben wie die Tiere." Das heißt: Für einen typischen Heros, einen typischen Helden ist ein gewöhnliches Leben unerträglich.

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Redner Lisz Hirn: Nichtsdestotrotz sterben auch Helden wie Achilles. Die mythischen Erzählungen zeichnen immer auch das heroische Pathos nach, also das spezielle Leidenserlebnis des Helden, und bezeugen damit auch seine Bereitschaft zum Opfer. Und dieses ist wesentlich, um den heldischen Ruhm in einer Gruppe, im Staat, in der Stadt, in der Nation oder Ähnlichem zu legitimieren. Hybris, Pothos, Pathos. Was haben Heroen wie Achilles mit uns heute zu tun? Will man der Spur von den klassischen Helden der Antike zu den Ursprüngen der populären Superhelden folgen, sollte man sich nicht von diesen veralteten Begriffen abschrecken oder täuschen lassen. Auch heute bestimmen diese Aspekte, diese Motive ganz, ganz wesentlich die Dynamik unserer Bilder, unserer Wahrnehmung von Heldentum. Seien es nun Kriegshelden, Actionhelden oder eben Superhelden.

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Redner Lisz Hirn: Sie alle stehen auch dafür Zeuge, dass die Geschichte von Zivilisation immer auch eine Gewaltgeschichte ist. Und in der nehmen Helden eine ganz spezielle Rolle ein. Auch die Erfindung des ersten Superhelden Superman belegt anschaulich, dass jede Zeit mit ihren Herausforderungen ihre eigenen Helden schafft. Besonders erstaunlich ist dabei die Tatsache, dass Superman von Jerry Siegel und Joe Shuster, der ja übersetzt Übermensch heißt, eine Reaktion auf eine der problematischsten philosophischen Ideen der jüngeren deutschen Philosophiegeschichte ist. Die Idee des Übermenschen vom bereits genannten Philosophen Friedrich Nietzsche.

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Redner Lisz Hirn: Diese Idee wurde speziell nach seinem Tod, aber auch schon davor, problematisiert und von den deutschen Nationalsozialisten für ihre ideologischen Zwecke instrumentalisiert. Das Anliegen von Jerry Siegel und Joe Shuster war es - entsetzt über die Judenverfolgung im Dritten Reich, die Expansionspolitik der Nationalsozialisten, der faschistischen Propaganda von Deutschamerikanern in den USA - einen Beitrag zu leisten, indem sie den ersten Comic-Superhelden mobil machten. Und zwar 1938. Und diesen US-Superman gegen die deutschen Übermenschen ins Feld schickten. Nicht nur um die Moral zu heben, sondern auch um die eigenen Landsleute zum Kriegseintritt zu bewegen. Ihrem US-Supermann gelang es in den Comics, was kein Politiker, kein Held, so groß er auch sein mag, je hätte schaffen können: Diktatoren zu ohrfeigen, den Krieg zu beenden und die internationale Ordnung durch die gerechte Bestrafung der Übeltäter wiederherzustellen.

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Redner Lisz Hirn: Eine Ordnung allerdings, in der die USA zukünftig den Ton angeben sollten. Und von den USA aus traten diese neuen Helden wie Superman, Captain America, Batman, Wonder Woman an, die Welt zu retten und nebenbei auch die Märkte zu erobern. Der Superheld ist also ein ganz besonderer Held, der sich in einigen Punkten sehr stark vom klassischen Typus unterscheidet. Trotz vieler Analogien war es gerade nach den Wirren und Katastrophen des Zweiten Weltkriegs nötig geworden, das Heldenbild, den Heldentypus zu überdenken. Es gab nach Kriegsende ein sehr großes Misstrauen gegen diesen Mythos des nationalen Kriegshelden, der in der Schlacht stirbt. Nicht nur, weil Superhelden oder in dem Fall Helden die von ihnen inkriminierte kulturelle Männlichkeit verkörpern und darstellen, sondern auch, weil sie zeigen, was im gesellschaftlichen Kontext anerkannt wird und was es im gesellschaftlichen Kontext bedeutet, Mann oder Frau zu sein.

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Redner Lisz Hirn: Und auch, was die jeweiligen moralischen Wertmaßstäbe sind. Das heißt, wie man - der Mensch - idealerweise sein sollte. Um diesen Weltkrieg zu beenden und die Zeit danach zu überstehen, braucht es eine neue Art des Helden, der sprichwörtlich super ist. Seine Fähigkeiten mussten über alle bekannten klassischen heldenhaften Fähigkeiten und Tugenden hinausgehen. Superman musste nicht nur den technologischen Anforderungen des 20. Jahrhunderts gewachsen sein, sondern auch den moralischen Dilemmata. Kommen wir zurück auf das Beispiel des Achilles. Stellt der klassische Held noch eine Gefahr für die bestehende Ordnung dar, ist der Superheld der perfekte Untertan: Im Alltag ein braver, angepasster Angestellter, maskiert, der hypermaskuline Mann mit übermenschlichen Kräften. Kämpften die klassischen Helden noch für ihre Stämme, Gruppen oder Länder, geht es bei den Superhelden um nichts mehr als um die Rettung der Menschheit. Und das alles, ohne die bestehende Ordnung zu gefährden.

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Redner Lisz Hirn: Hatte Achilles verletzter Stolz beinahe noch den Griechen vor Troja den Sieg gekostet, ist Clark Kent alias Superman ein braver Staatsbürger ohne den Willen zur Macht. Seine moralische Gesinnung, seine Integrität verhindert, dass er mit seinen Kräften die Welt aus den Angeln hebt und sich beispielsweise als Diktator selbst installiert. Die Gefahr, die vom Helden ausgeht, dass er seine Stärken, Fähigkeiten, Kräfte missbraucht, um die Herrschaft an sich zu reißen, wird beim Mythos des Superhelden entschärft. Aber nicht nur das. Als Bonus kommt diese Hypermaskulinität auch noch mit einem entschärften Geschlechtsteil. Den Teil, der noch die stärksten Heroen wie Herakles aus der Contenance gebracht hat, also schwächen konnte, den haben die Superhelden symbolisch abgelegt. Nicht einmal der Geschlechtstrieb kann ihrer Mission noch gefährlich werden.

00:18:02
Redner Lisz Hirn: Aber was verraten diese neuen Helden über uns? Über unser Verständnis von Menschsein? Unsere anthropologischen Ideale? Ich denke, es lohnt sich, hierfür einen Blick auf die Superkräfte zu werfen. Denn in der Idee des Superhelden spiegelt sich nicht nur die alte Sehnsucht des Menschen nach dem Optimum, nach dem Bessersein, nach dem Besserwerden, nach dem Besten, nach Unsterblichkeit, Unverletzlichkeit, nach Allmacht und danach, seinen eigenen technischen Maschinen zumindest kräftemäßig überlegen zu sein.

00:18:40
Redner Lisz Hirn: Die superheldische Konstitution spiegelt auch den Wunsch nach Superkräften, der gerade unserem Lebensstil geschuldet ist und dessen Aufrechterhaltung im übertragenen Sinn übermenschliche Kräfte erfordert. Und gleichzeitig mit diesem Wunsch, den Zustand aufrecht zu erhalten, geht natürlich auch die Angst einher, nicht mehr genug Kräfte aufbringen zu können, um die Alltagsexistenz bewältigen zu können. Achilles ist immer Achilles. Clark Kent alias Superman ist im Alltag nur ein unauffälliger Jedermann. "Superman", so schreibt der renommierte Kommunikationstheoretiker Marshall McLuhan, "ist nicht nur eine Erzählung über tatsächliche oder eingebildete Eroberungen und Errungenschaften des technologischen Zeitalters. Es ist für den technologisierten Menschen auch das Drama seines eigenen psychischen Scheiterns."

00:19:43
Redner Lisz Hirn: Seine Erzählung wirft aber auch die Frage auf, welche Art von Menschsein, welches anthropologische Ideal sich im Angesicht von steigender Roboterisierung, Digitalisierung und aus den Krisen wie beispielsweise der Klimakrise ableiten lässt. Was bleibt uns anderes übrig, als über alternative Formen der Optimierung des Menschen nachzudenken, um ihn endlich wirklich besser zu machen?

00:20:11
Redner Lisz Hirn: Und die Idee, den Menschen durch Bildung, Erziehung, Technik, Medizin, Sport zu optimieren, ist natürlich nicht neu. Sie wurde zum Beispiel als Kernaufgabe des Humanismus gesehen. Zweifellos eine Mission mit Rückschlägen. Im Angesicht globaler Gewaltexzesse, religiöser Fundamentalismen, Rassismus, Sexismus und der akuten Klimakrise könnte manch einer sogar meinen, dass diese Aktion, dieses Projekt, den Menschen von außen zu verbessern, gänzlich als gescheitert zu betrachten wäre.

00:20:44
Redner Lisz Hirn: Transhumanisten beispielsweise schlagen deshalb einen anderen Weg ein. Sie wollen den Menschen von innen heraus verbessern, optimieren. Über die derzeit angeborenen menschlichen Fähigkeiten hinaus. Hier geht es auch darum, Chips und Implantate anzuwenden, um beispielsweise menschliche Defizite wie Aggression und Gewaltpotenzial präventiv und effektiv zu verhindern. Aber auch körperliche Beeinträchtigungen oder Schäden, wie sie zum Beispiel bei Krankheiten wie Alzheimer auftreten, zu beseitigen. Und überhaupt gleich das menschliche Genmaterial Pränatal so zu verändern, dass gewisse Erbkrankheiten nicht mehr möglich sind.

00:21:27
Redner Lisz Hirn: Dass diese medizinischen und technologischen Möglichkeiten ethische Kontroversen auslösen, ist wünschenswert. Man kann nämlich transhumanistische Stoßrichtungen auch kritisieren, ohne unter den Generalverdacht zu kommen, generell technologischen Fortschritt abzulehnen. Es heißt lediglich zu berücksichtigen, dass es einen qualitativen Unterschied gibt zwischen einem Verständnis beziehungsweise einer Entwicklung des Menschen durch Lernen, Denken oder auch Üben und seiner Optimierung durch Technik.

00:22:02
Redner Lisz Hirn: Jede neue technologische Errungenschaft kann als Bedrohung und als positiver Katalysator wirken. Bedrohend ist sie jedenfalls, das lernen wir auch aus Superhelden-Comics, wenn ihre moralische Integrität nicht vorab gesichert ist. Dazu passt gut die Anfangsstory des allseits bekannten Superhelden Spiderman alias Peter Parker. Ich denke, das unterstreicht die These sehr gut. Wir erinnern uns: Der moralisch integre Peter Parker mutiert durch einen zufälligen Biss zum Spinnenmann, während sein Gegenspieler, der Machtwillige Norman Osborn alias Grüner Kobold, im absichtlichen Selbstversuch genmanipulierte Stoffe in seinen Körper einflößt, um Macht zu erlangen, seine Macht auszubauen. Der eine wird durch diese Transformation zum potenziellen Retter der Menschheit, der andere zu ihrer Bedrohung.

00:23:02
Redner Lisz Hirn: Diese potenzielle Bedrohung führt uns zum Abschluss meines wirklich kurzen Überblicks nochmals zu einer der grundlegenden Fragen der Philosophie zurück, nämlich wie wir Menschsein, den Menschen zukünftig konzipieren wollen. Als Zweck im Sinne Kants. Also als Wesen, das sein Handeln, nicht aber seine Existenzberechtigung ständig vermessen oder evaluieren muss.

00:23:31
Redner Lisz Hirn: Oder wollen wir ihn als bloßes Mittel zur Optimierung der Gattung? Vielleicht sind die modernen Mythen unsere Superhelden auch als Vorboten dieser Frage zu betrachten, auf die wir irgendwann, möglicherweise viel schneller als erwartet, werden antworten müssen. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

00:23:55
Moderatorin Anna Wallner: Ja, vielen Dank, liebe Lisz Hirn, für diesen spannenden Vortrag und diese spannende Einführung ins Thema. Danke vielmals fürs Kommen. Ich habe viele Fragen. Das Thema ist so breit und so weit. Man kann in so viele Verästelungen gehen.

00:24:11
Moderatorin Anna Wallner: Zuallererst würde ich aber gerne wissen... Wir haben jetzt gehört und gelernt: Jede Zeit schafft ihre Helden. Das Heldenbild verändert sich. Jetzt würde ich gerne in die Gegenwart, aber auch ins Real life gehen. Also ein bisschen weg von den Figuren, die wir im Fernsehen oder im Kino sehen. Deswegen ist meine Frage: Wer ist denn heute ein Held? Und was sagt uns der Held oder die Person, die wir zu Helden stilisieren, über unsere Zeit?

00:24:39
Redner Lisz Hirn: Was ich gerade jetzt im Laufe der Corona-Krise habe feststellen können, ist, dass wir doch eine recht inflationäre Verwendung des Begriffs Held, Heldinnen haben, die jetzt überhaupt nicht zu diesen gängigen, sei es klassischen oder Superhelden-Interpretationen, gehört. Ich denke zum Beispiel an die Heldinnen des Alltags, die ja gefallen sind. Und wenn man sich anschaut, wie sich dieses Bild verändert hat, in der Geschichte, aber auch kulturwissenschaftlich. Das sind ja, du hast das angesprochen, extrem viele Felder.

00:25:09
Redner Lisz Hirn: Dann lässt sich schon feststellen, dass es eine Neigung dazu gibt, diesen Begriff des Helden und der Heldin sehr weit zu fassen und in speziellen Kontexten, natürlich auch politisch, zu instrumentalisieren. Das fällt auf der weltpolitischen Bühne genauso wie bei der Krisenbekämpfung auf. Es wird sehr schnell das Etikett Held, Heldin verteilt. Natürlich auch mit diesem gewissen Anspruch, den ich schon erwähnt hatte, unter diesem Pathos-Begriff. Nämlich, dass man den moralischen Anspruch an den Helden, die Helden stellt, sich zu opfern. Also vielleicht gar nicht die Bedingungen der Arbeit, sei es jetzt im Supermarkt et cetera anzuprangern, sondern tatsächlich diesen Dienst brav zu versehen, um sich für das Kollektiv zu opfern.

00:25:58
Redner Lisz Hirn: Dieser Begriff ist in aller Munde. Er wird überall plakatiert, aber ich denke mehr im Sinne von einer Instrumentalisierung als mit der Konnotation von früher. Also diesen sehr, sehr starken Begriff des sozialen Zusammenhalts, der einen Stamm fördert.

00:26:16
Moderatorin Anna Wallner: Dazu passt vielleicht mein Beispiel. Nehmen wir als Beispiel - da würde ich jetzt vielleicht nicht Superheld sagen, aber Held - der Vater: ein engagierter Vater. Da ist immer wieder zu beobachten: Es kommt darauf an, wen man fragt, wie diese Person gesehen wird. Denn für eine liberale, aufgeschlossene Gesellschaft ist ein engagierter Vater, der in Karenz geht, der sich kümmert, der von Anfang an auch die Teilhabe an der Erziehung einfordert, vielleicht ein Held. Fragt man aber konservativere, rückständigere Menschen, dann sieht man es eher verweichlicht und nicht so heldenhaft, oder? Es kommt immer auch ein bisschen auf die Perspektive an.

00:27:00
Redner Lisz Hirn: Es kommt auf die Perspektive an. Und natürlich auch, wie stark wir denn den Begriff von der ursprünglichen Konnotation her als männlich besetzt denken. Und da kann man schon feststellen, und ich erlebe das auch oft in Diskussionen... Natürlich gibt es Heldinnen, auch Superheldinnen, die versuchen, die "weibliche Seite" zu repräsentieren. Dennoch lässt sich feststellen, dass die Bilder, die erzeugt werden, sei es jetzt durch Filme in Comics, auf Schlafanzügen oder Tassen, dass es eine Darstellung ist, die sehr stark männliche Fantasien bedient. Das heißt, einfach nur eine Frau in ein Superheldinnenkostüm zu stecken, wird nicht ausreichen.

00:27:39
Redner Lisz Hirn: Erstens den Blick auf die Gewaltthematik zu schärfen, weil Helden natürlich auch einen sehr gewalttätigen Aspekt nicht nur der Zivilisation, sondern allgemein der Menschheitsgeschichte repräsentieren. Insofern finde ich es auch nicht so gut, auf engagierte Väter den Begriff Held anzuwenden. Ich würde eher dafür plädieren, dass wir Begriffe verwenden wie Vorbild. Wobei ich natürlich weiß, dass sich das medial nicht so gut verkaufen lässt wie Held. Weil bei Helden haben wir alle unsere Fantasie.

00:28:05
Moderatorin Anna Wallner: Das ist gut, dass du das sagst. Ich habe den Begriff "Vater" bewusst genommen. Es gibt, glaube ich, Menschen, die ihn als Helden sehen, obwohl es eigentlich nichts Heldenhaftes ist, sich um die Kinder zu kümmern. Und wenn man es jetzt umdreht und auf Mütter umlegt, würde nie eine Mutter als Heldin dastehen, weil sie sich engagiert. Ich finde es interessant, dass es immer die Frage ist: "Wie schaust du darauf? Wie blickst du darauf?"

00:28:33
Redner Lisz Hirn: Genau. Es verrät aber auch, wenn wir bei deinem Beispiel "der engagierte Vater als Held" bleiben, dass es eine außergewöhnliche Situation ist. Es zeigt uns, dass unser generelles System, was wir gewohnt sind, da durchbrochen wird, weil Helden immer das Gewohnte durchbrechen. Sie sind etwas Außergewöhnliches. Deshalb finde ich es auch äußerst amüsant, wenn von Helden, Heldinnen des Alltags die Rede ist. Denn genau das sind eben Helden nicht. Da sind die Superhelden nochmal eine ganz spezielle Ausnahme, die diese Thematik unseres Systems, Globalisierung, aber auch Kapitalismus et cetera, kritisch ansprechen. Aber prinzipiell sind Helden außergewöhnlich und haben nicht 08/15-Jobs, die sie machen müssen. Die dafür quasi zu beklatschen und zu sagen, sie sind Helden, ist natürlich politisch billig, aber würde ich schon als eine Instrumentalisierung des Heldenbegriffs sehen.

00:29:23
Moderatorin Anna Wallner: Jetzt sind aber die von dir schon erwähnten Heldinnen des Alltags, die gerade jetzt in den Corona-Isolationswochen so oft von Medien und der Öffentlichkeit zu diesen Alltagsheldinnen gemacht worden. Das trifft sich, finde ich, ganz schön, die beiden Themen, mit denen du dich viel beschäftigt hast. Einerseits in dem Buch, das ich auch hier habe, um es auch noch einmal zu zeigen "Wer braucht Superhelden?", aber auch in deinem vergangenen Buch "Gehts noch? Warum die Konservative Wende für Frauen gefährlich ist." Da treffen sich die beiden Themen. Es trifft sich die Geschlechterfrage, die Frage von Emanzipation mit diesem Heldinnenthema. Ich weiß, dass du das auch sehr kritisch gesehen hast. Warum denn genau? Dass man die Supermarktkassiererin, die Krankenschwester zu Heldinnen gemacht hat und auch gesagt hat: "Super! Toll! Danke, dass ihr das gemacht habt!" Und jetzt ist es wieder vorbei und...

00:30:21
Redner Lisz Hirn: Es ändert sich nicht wirklich etwas.

00:30:23
Moderatorin Anna Wallner: Genau. Warum ist das für dich eher problematisch gewesen? Es gab ja auch viele, die gesagt haben: "Endlich sieht man jetzt, was die machen."

00:30:33
Redner Lisz Hirn: Naja, die Frage ist natürlich auch: Wer bekommt dieses Etikett umgehängt? Wir sprechen da von vielen Berufen, die keinen besonders hohen sozialen Status genießen, einige etwas mehr, einige einen ganz niedrigen sozialen Status. Die Wahl, diesen Beruf auszuüben, ist ja nicht eine, die diese Supermarktkassierin in dem Gedanken, Heldin sein zu wollen, getroffen hat, sondern tatsächlich, um zu überleben. Keine von denen hat gesagt, sie wollen sich opfern, sie wollen erkranken. Aber ihnen dieses Etiketts umzuhängen, diesen moralischen Anspruch zu stellen: "Auch in der Krise funktioniert ihr weiter. Ihr seid systemrelevant. Ihr erhaltet das System aufrecht", heißt natürlich auch, sie in die Verantwortung zu nehmen. Wenn sie das nicht tun, wenn sie sagen, sie möchten es nicht riskieren aufgrund von körperlicher Integrität oder weil sie vielleicht betroffene Kinder oder ältere Menschen im Bekanntenkreis haben. Das heißt, dass sie quasi in die moralische Pflicht genommen werden, weiterzumachen. Anstatt dass daran gearbeitet wird, dass dieser Beruf sicher und gut ausgeübt werden kann, wurde, so ist es zumindest mir im medialen Kontext erschienen, dieses Etikett umgehängt. Wo man sagen kann: "Okay, wir müssen uns nicht unbedingt gleich darum kümmern. Wir müssen uns vielleicht gar nicht darum kümmern. Aber ihr habt diesen kurzzeitigen temporären sozialen Status gewonnen, quasi Helden und Heldinnen zu sein."

00:32:01
Moderatorin Anna Wallner: Und insofern ist eigentlich der Begriff wieder ganz anders konnotiert. Er wird eigentlich automatisch zu etwas Minimierendem, Schlechtem fast schon.

00:32:15
Redner Lisz Hirn: Spannend ist, dass die Wahrnehmung, wenn man jetzt selbst nicht als Held klassifiziert ist, ja die ist, dass Heldsein etwas Tolles ist.

00:32:21
Redner Lisz Hirn: Wenn man zum Beispiel Kinder beobachtet, wie sie mit diesen Superhelden, Superheldinnen umgehen und die im Alltag überall irgendwie auf T-Shirts et cetera sind. Aber die Sache oder dieses Grundmotiv des Helden ist ja nicht, dass er ein wunderschönes Leben hat, sondern dass er eine gesellschaftliche Funktion erfüllt, die durchaus nicht gut ausgeht. Diese Helden, Heldinnen haben ja kein schönes Leben an sich. Der Superman hat auch kein tolles Leben.

00:32:48
Moderatorin Anna Wallner: Sie haben zwar kein langweiliges, eintöniges Leben, aber sie haben auch kein besonderes sicheres.

00:32:51
Redner Lisz Hirn: Ganz genau. Bei den Superhelden ist es nochmal insofern erschwerend, denn die haben auch gar nicht diesen Ruhm zu erwarten. Oder diese Unsterblichkeit. Darauf verlassen sich quasi noch die klassischen Helden, die sagen: "Ich sterbe zwar dramatisch, ich sterbe jung", das war ja ein wesentlicher Aspekt, dieses "jung" in der Schlacht sterben, im Kampf sterben, "dafür währt mein Name dann ewig!" Das sind ja alles Motive, die will man ja so eigentlich nicht. Da geht es wirklich um Opfer. Insofern finde ich es amüsant, dass wir einen fast schon naiven Zugang zu diesem Heldenimage haben, dass ja eigentlich tatsächlich bedeutet, dass sich Menschen in dieser Rolle aufopfern für das Kollektiv. Zumindest das Grundverständnis davon lässt sich nicht von diesem Pathoselement trennen. Es gibt nicht nur die schönen Seiten von Helden und Heldinnen, sondern eben auch die, dass sie früh sterben können, dass sie großen Gefahren ausgesetzt sind, dass sie eben nicht glücklich leben. Das ist quasi der Preis, das Opfer für ein Weiterleben des Namens.

00:33:50
Moderatorin Anna Wallner: Kommen wir jetzt wieder ein bisschen in die fiktionale Welt. Blicken wir da ganz kurz hinein. Und zwar war im Jahr 2020. Es ist interessant zu beobachten, dass sich in den vergangenen Jahren - eigentlich erst recht kurz - in Hollywood, im MARVEL-Spektrum, im Comic-Spektrum langsam auch durchgesetzt hat, dass es nicht ganz blöd ist, wenn man eine Frau als Superheldin etabliert. Entweder es gab sie schon, oder sie jetzt noch mehr etabliert.

00:34:13
Moderatorin Anna Wallner: Ein Film ist knapp vor Corona angelaufen im Kino, "Harley Quinn - Birds of Pray". Da spielt Margot Robbie die Heldin Harley Quinn. Der Film ist interessanterweise nicht besonders gut gegangen. Es wurde dann auch noch der Titel geändert. Verbessert. Und im Herbst ist "Black Widow" angekündigt. Das ist die MARVEL Heldin Natasha Romanoff, gespielt von Scarlett Johansson. Was sagt uns denn das jetzt, dass die Superheldinnen aus dem Comic-Spektrum jetzt auch im Kino ankommen, auf die große Leinwand kommen? Ist das gut?

00:34:53
Redner Lisz Hirn: Wenn ich jetzt mal böse bin, würde ich unterstellen... Das sehen wir bei den Versuchen mit "Black Panther" et cetera irgendwie diverser zu wirken in diesem MARVEL- und DC-Universum. Da könnte man sagen "Ja, gut, da gibt es Fortschritte, da gibt es den Versuch, auch diese Gruppen zu repräsentieren." Wenn man einen ökonomischen Blick darauf wirft, gibt's natürlich auch Geschäftsinteressen in dieser Branche, die zu über 90 Prozent vom Drehbuchschreiber bis zum Regisseur männerdominiert ist. Interessen, ihren Verkaufskreis zu erweitern. Und natürlich auch Charaktere zu erschaffen, die über das westliche Publikum hinausgehen.

00:35:34
Redner Lisz Hirn: Wir stellen auch fest, dass Superman, wenn man auf den ersten zurückgeht, wirklich der erste globale Held war. Der dann langsam über die Grenzen der USA hinaus die Popularität genossen hat. Natürlich gibt es auch in Japan oder auch in China eigene HeldInnenkategorien. Aber prinzipiell hat sich dieser Held einfach wahnsinnig gut verkauft und auch die Superhelden im Anschluss. Das heißt, ich sehe das jetzt nicht so positiv als Emanzipationsbewegung. Ich sehe, dass es hier einen Druck gibt, auch andere Zielgruppen zu erreichen, auch zum Kauf, zum Kinobesuch zu bewegen. Das finde ich an sich sehr positiv insofern, dass wir zumindest sehen, dass es denkbarer wird, Frauen im Gewaltkontext zu denken. Nicht nur als die Opfer oder die, die beschützt werden müssen, sondern auch die, die Gewalt ausüben. Was ich sehr problematisch daran finde und das hat sich meiner Ansicht nach kaum geändert seit der Wonder Woman, die ja auch als emanzipatorisches Projekt von einem Psychiater damals eingeführt wurde, damit es endlich auch eine Superheldin gibt, ist dieser sexuelle Aspekt. Sexualität, gerade auch weibliche Sexualität, wird da nicht frei gelebt, sondern in dem Moment, wo Wonder Woman sich verliebt, wo sie sich einlässt, wo Sexualität eine Rolle spielt - sie wird ja auch als Amazone bezeichnet - sind Ihre Kräfte bedroht.

00:36:55
Redner Lisz Hirn: Diese Superkräfte gibt es quasi nur, wenn sie moralisch handelt und keusch ist. Und wenn wir uns jetzt-

00:37:02
Moderatorin Anna Wallner: Wobei das beim männlichen Superheld ja auch so ist-

00:37:06
Redner Lisz Hirn: Ja, wobei das gar nicht so thematisiert wird. Da gibt es die Männlichkeit ohne diese Beziehungsschiene. Natürlich gibt es mittlerweile schon sehr vieles. Man passt sich ja auch dem Markt an. Es gibt dann auch Superhelden-Ehepaare. Aber wenn wir uns wirklich die populären Helden anschauen, die wirklich gut verkauft werden, die wirklich überall präsent sind, dann sind es schon diese typischen klassischen Superheldentypen, die man wirklich sehr gut skizzieren kann. Und wo man auch die Entwicklung verfolgen kann. "Black Widow" kenne ich noch nicht. Aber da sehe ich ganz stark, dass diese Superheldinnen auch immer den Bezug zu einem Mann haben, zu einem männlichen Antihelden oder Superhelden haben und da quasi auch, ich will jetzt nicht sagen, psychische Schwierigkeiten haben... Aber in dem Fall auch die Trennung dieser Harley Quinn vom Joker et cetera eine Rolle spielt in dieser Dynamik oder auch sogar diese Missbrauchsgeschichte von Joker zu Harley Quinn et cetera, diese Einflussnahme eine Rolle spielt. Diese Frauen gibt es quasi nicht als selbständige starke Heldinnen, sondern immer in einem sehr, sehr starken heterosexuellen Spannungsgeflecht. Würde ich tatsächlich als Geflecht sehen.

00:38:14
Moderatorin Anna Wallner: Jetzt ist gerade der Begriff Antiheld gefallen. Ich finde das auch spannend. Wann ist eigentlich der Antiheld entstanden und was macht den Antihelden zum Helden? Wie ist da die Entwicklung? Das ist ja schon etwas sehr Popkulturelles.

00:38:32
Redner Lisz Hirn: Da würden jetzt wahrscheinlich Historiker nochmal anders als Kulturwissenschaftler argumentieren. Was ich an dem Aspekt spannend finde, ist, dass tatsächlich sehr früh, nachdem die Superhelden in Erscheinung getreten sind, nachdem der Zweite Weltkrieg vorbei war, sich sehr viele Psychiater auch die Frage gestellt haben, in wieweit nicht diese Superhelden auch diese "Untermenschen" brauchen würden. Dass dieser Superheldentypus immer wieder neue Bösewichte braucht, die auch auf seiner Ebene spielen müssen. Ein Superheld, der moralische integer ist und sich dann an jemandem auslässt, der so überhaupt keine Fähigkeiten hat, wäre ja vollkommen absurd. Das heißt mit den Superkräften, mit der Art, wie dieser Held auch gesehen und ausformuliert wird, muss auch die Bösartigkeit oder die Destruktivität des Antihelden sozusagen steigen.

00:39:23
Redner Lisz Hirn: Und oft war's - jetzt ändert sich das etwas - das Motiv, das diese Antihelden die besonders Intelligenten sind. Also die, die mit ihrer Intelligenz und ihrem Machthunger, ihrem Willen zur Macht quasi die Welt beherrschen wollen, eine Welt zerstören wollen und dann quasi diese andere Kraft brauchen, diesen guten Superhelden, der sie im Zaum hält.

00:39:46
Redner Lisz Hirn: Da waren schon auch in den 1940er, 1950er Jahren in den USA starke Anfeindungen gegenüber der Intelligenzia da. Dieser vom Land kommende Clark Kent, der moralisch integer ist, kommt in die Stadt, die natürlich dieses Klischee des Babylons hat, dieses Sündenpfuhls, und versucht da mithilfe der Polizei Ordnung zu schaffen und diese bösen Antihelden im Zaum zu halten. Da sieht man schon, dass man das nicht voneinander getrennt sehen kann, sondern dass die natürlich immer in einer Art von Symbiose sind oder aufeinander angewiesen sind. Sie funktionieren nicht alleine.

00:40:28
Moderatorin Anna Wallner: Zum Schluss vielleicht noch den Hinweis auf die auch schon erwähnte interessante Thematik Gewalt. Superheld ist immer einer mit Superkräften, der eben gegen das Böse kämpft oder selbst böse ist oder sich in diesem Spannungsfeld zwischen Gewalt und Normalität befindet. Was macht denn das mit uns? Warum ist der Mensch überhaupt so gepolt, dass er diesen Superhelden als Gewalttätigen oder auch als einen, der sich sozusagen gegen alle Macht wehren kann, erdacht hat? Es hätte ja auch sein können, dass sich irgendwann mal jemand hinsetzt und sagt: "Der Superheld ist derjenige, der à la Franz von Assisi mit den Tieren spricht und alle liebhat und ein offenes Herz hat oder was auch immer." Warum ist das so entstanden?

00:41:13
Redner Lisz Hirn: Da können wahrscheinlich Biologen und Verhaltensforscher mehr sagen. Aber spannend ist tatsächlich, wie wir diese Gewalt im Mythos thematisieren oder auch in den Filmen. Und Joseph Campbell, ich habe ihn am Anfang vom Vortrag erwähnt, ist ja insofern auch spannend, weil er sich sehr, sehr stark mit verschiedensten Mythen weltweit beschäftigt hat. Inklusive auch den philosophischen Komponenten, also auch mit den sehr problematischen Konzeptionen von Friedrich Nietzsche zu diesem Thema, der aber Held oder Heros wieder anders denkt. Aber spannend dabei ist, dass er schon feststellt, dass es eine Dynamik gibt in diesen mythischen Erzählungen bis heute, wie wir Helden, Heldentum verstehen. Diese Heldenreise ist nicht so subjektiv, sondern wird tatsächlich gezielt angewendet. Wir können dieses Motiv weiterverfolgen. Er meint in allen Kulturen und belegt das meiner Ansicht nach sehr gut. Und wenn man sich anschaut, die modernen Filmschaffenden haben Joseph Campbell extrem rezipiert. George Lucas beispielsweise hat die Star Wars Saga auf diese Heldenreise, diesen erforschten Bereich aufgebaut und wirklich nach diesem Konzept gearbeitet. Es gibt wahnsinnig viele Drehbuchschreiber, die genau nach diesem Konzept arbeiten. Jetzt kann man fragen: Was war vorher? Der Mensch oder die Gewalt? Vielleicht ist es einfach so wie die Aggression, die destruktiv als Bedrohung oder auch konstruktiv als Katalysator verwendet werden kann. Wie sehe ich den Menschen?

00:42:37
Redner Lisz Hirn: Spannender daran finde ich, dass diese Gewalt im Sinne von Krieg, im Sinne von Blut in der Ilias, wo der Achilles sehr viele niedermetzelt, sehr deutlich gezeigt wird. Das ist ganz anders in den Superheldenfilmen. Da sehen wir nämlich kaum Blut. Da sterben die Menschen auch nicht, sondern da gibt es wirklich diesen Bezug darauf, die einer Gerechtigkeit, einer Justizgerechtigkeit beispielsweise zuzuführen. Wir haben schon auch zumindest medial diesen Blick auf das Gewaltphänomen verändert. Oder besser gesagt: Einige Menschen, die diese Drehbücher schreiben, haben sie verändert. Spannender ist für mich, was das mit uns macht. Auch diesen Bezug zur Gewalt fernab vom Blut. Dieser Bezug zur Sexualität im anderen Geschlecht, ohne dass es diese Interaktion in diesem Ideal vom Menschsein der Superhelden so gibt. Da spielt Sexualität kaum eine Rolle bis keine Rolle. Außer man sieht vielleicht die Hypermaskulinität oder das Hyperfeminine der Superheldinnen in diesen engen Uniformen.

00:43:36
Redner Lisz Hirn: Aber prinzipiell sind sehr viele Aspekte, die gerade in der Philosophie viele als wirklich wichtig für die menschliche Existenz sehen, überhaupt so nicht mehr gezeigt. Es gibt keine Bilder mehr dafür. Und die Frage ist: "Wo sind die also?" Legen wir sie sukzessive ab? Verdrängen wir sie? In welche Bereiche verdrängen wir sie? Das kann ich auch nicht sagen, aber ich denke, es ist interessant zu beobachten, wohin es uns anhand von Krisen, technologischen Errungenschaften et cetera führen wird.

00:44:03
Redner Lisz Hirn: Ich finde es zum Beispiel sehr schwierig, mir einen anderen Typus des Superhelden zu denken. Das finde ich spannend. Wie wird sich das weiterentwickeln, wenn wir uns selber besser modifizieren können? Wie werden sich diese Superhelden weiterentwickeln? Schaffen wir sie ab, weil wir sie nicht mehr brauchen?

00:44:23
Moderatorin Anna Wallner: Oder werden sie genau das Gegenteil, Antipoden?

00:44:27
Redner Lisz Hirn: Oder kommt dann wieder dieser natürliche Held, der ohne technische Goodies auskommen wird? Weil das dann unser Sehnsuchtsbild ist vom Menschsein? Das weiß ich nicht. Das traue ich mich auch nicht zu prognostizieren. Aber wie gesagt: Ich finde, es lohnt mal wirklich, diese Frage aufzuwerfen. Welches Ideal vom Menschsein malen wir eigentlich mit diesen Superhelden? Diese Phantasie zu unterschätzen, die wirklich eine durch die Menschheitsgeschichte wirkmächtige war und so wesentlich auch für Identifikation als Katalysator, aber auch für die Destruktion... Es wäre sehr schade. Wir hätten sehr viel Potenzial, das auch in Zukunft auszuarbeiten.

00:45:03
Moderatorin Anna Wallner: Das finde ich sehr, sehr schön, dass du das jetzt gesagt. Weil es die Antwort auf die Frage ist, die ich jetzt stellen wollte. Warum setzt sich eine Philosophin überhaupt mit Superhelden auseinander und schreibt ein Buch darüber? Aber das hast du jetzt hiermit perfekt gemacht und uns genau das erklärt. Ich habe einen Satz im Klappentext gefunden: Dass wir alle sozusagen eine geheime Superkraft haben, die wir einsetzen könnten und viel öfter einsetzen sollten - und das ist die Vernunft. Wie stellst du dir das vor? Und warum glaubst du, dass es um die Vernunft zwischendurch so schlecht bestellt ist?

00:45:39
Redner Lisz Hirn: Man könnte natürlich sagen, es ist sehr naiv, auf Vernunft zu hoffen, wenn wir so viele Affekte haben, die uns scheinbar in vielen Krisensituationen stärker beherrschen. Ich würde es in dem Fall aber gar nicht so pessimistisch sehen, sondern die Vernunft ist eine Fähigkeit, die wir als einzige Lebewesen in dieser Art und Weise haben. Das heißt, wir haben tatsächlich Wahlmöglichkeiten. Wir können uns entscheiden, das zu tun oder das andere. Da will ich jetzt gar nicht von Gut und Böse reden. Aber es macht etwas mit mir, tatsächlich die Möglichkeit anzudenken: "Was, wenn diese Entscheidung gar nicht mehr meine ist, sondern zum Beispiel wir ein Implantat haben, dass es unmöglich macht, diese Entscheidung zu treffen? Weil die Entscheidung für mich getroffen wird." Das heißt, ich kann mich nicht einmal mehr absichtlich gegen das Böse oder Destruktive entscheiden, sondern es gibt eh nur das eine, was mir vorgegeben ist. Ich finde, das sind essenzielle Fragen, mit denen wir uns auch wirklich auseinandersetzen müssen. Jetzt scheint es vielleicht für die, die zuhören, so wie: "Na, das ist ja schon noch sehr weit weg von uns". Ich erinnere an das Social-Credit-System in China, wo soziale Handlungen bewertet werden, wo man Punkte bekommt, wie moralisch anständig man sich verhält oder nicht. Wir sind nicht so weit weg von Szenarien, die wirklich daran arbeiten, den Menschen und Menschen zu verbessern. Auf verschiedenen Ebenen, aber dennoch. Und ich denke, diese Frage ist eine, die uns sehr bald ins Haus steht. Wie gesagt, diese Implantate für Alzheimerkranke, die gibt es. Auf den ersten Blick würde ich sagen: "Vollkommen klar, wunderbare Sache! Das machen wir sofort." Aber das verrät natürlich auch, wie wir geneigt sind, mit menschlichen Schwächen wie eben Sterblichkeit, Verletzlichkeit et cetera umzugehen. Was ich schon herauslese aus dieser Vorstellung des Superhelden, dem nichts mehr körperlich etwas anhaben kann, ist schon auch eine Tendenz. Ich will jetzt nicht so weit gehen, den Leib oder den Körper abzuschaffen. Aber eine gewisse Art von Leibfeindlichkeit, die sagt: "Wären wir nicht besser dran ohne diesen Körper? Was ist, wenn wir einfach nur noch neuronale Struktur wären? Was ist, wenn wir uns digital speichern könnten?" Wenn wir das, was uns schwächt, was uns korrumpierbar macht, was uns Schmerzen verursacht, Unwohlsein verursacht, wenn wir das einfach loswerden könnten? Und das hat extreme Auswirkungen darauf, wie sich Menschsein in Zukunft entwickeln wird. Und was das auch für politische und soziale Folgen haben wird.

00:48:07
Moderatorin Anna Wallner: Spannende Fragen, spannende Gedanken, die man noch sehr lange diskutieren könnte. Vielen, vielen Dank für deine Zeit und für diesen spannenden Vortrag und für die Möglichkeit, dass du heute die Wiener Vorlesungen-

00:48:19
Redner Lisz Hirn: Danke für die Einladung! Danke dir!

00:48:23
Moderatorin Anna Wallner: Vielen Dank auch Ihnen, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, oder liebe Zuseherinnen und Zuseher. Vielen Dank fürs Aufdrehen und dabei sein. Die Wiener Vorlesungen gehen jetzt in eine Sommerpause und kehren im September mit neuen Ausgaben zurück. Mehr Informationen dazu finden Sie rechtzeitig unter vorlesungen.wien.gv.at oder auch auf Facebook. Ich wünsche Ihnen noch einen guten Abend, eine gute Woche und sage: "Machen Sie es gut!"

 

Wiener Vorlesung online: Wer braucht Superhelden?

Eine Wiener Vorlesung, die sich auf eine historische und philosophische Spurensuche über eine der wirkmächtigsten Phantasien der Menschheitsgeschichte begibt. Moderatorin Anna-Maria Wallner im Gespräch mit der Philosophin Lisz Hirn.

Produktionsdatum: 2020
Copyright: ORF III

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