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Mitschrift

Daniel Löcker: Einen schönen guten Abend, sehr geehrte Damen und Herren! Im Namen des Bürgermeisters und der Stadträtin für Kultur und Wissenschaft begrüße ich Sie sehr herzlich zur mittlerweile vierten Online-Ausgabe der Wiener Vorlesungen. In Krisenzeiten scheint es ein erhöhtes Grundvertrauen in die Wissenschaft zu geben. Die Vielfalt des Informationsangebotes wirft jedoch Fragen in Bezug auf Selektion und Glaubwürdigkeit auf, die durch vertrauenswürdige Formate der Wissenschaftsvermittlung abgefedert werden können. Diese unterstützen dabei, sich ein eigenes Urteil zu bilden, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen. Diese Maxime der Aufklärung hat heute angesichts dieses Berges an Informationen eine noch höhere Bedeutung.
Ich freue mich, dass wir mit den Wiener Vorlesungen einen Beitrag zur Orientierung in diesen Zeiten leisten können. Die ersten Vorlesungen online haben sich mit der Post-Corona-Demokratie in Europa, mit der psychischen Gesundheit in der Krise und mit einer sozialwissenschaftlichen Umfrage letzte Woche zum Verhalten in der Ausnahmesituation von uns allen auseinandergesetzt. Nach diesem Schwerpunkt im April werden wir uns im Mai mit interessanten Themen abseits der Covid-19-Pandemie beschäftigen.
Heute Abend wird sich aber der Arbeits- und Organisationspsychologe Christian Korunka noch einmal genau ansehen, was die für viele Menschen neuen Erfahrungen der Arbeit im Home-Office mit sich bringen. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen erhellenden Abend und übergebe nun das Wort an unsere Moderatorin des heutigen Abends, Sonja Kato.
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Sonja Kato: Herzlichen Dank, Daniel Löcker! Herzlich willkommen, Ihnen allen, zur vierten Online Wiener Vorlesung. Mein Name ist Sonja Kato und ich freue mich, dass Sie heute wieder dabei sind. Ging es in den vergangenen Online-Wiener-Vorlesungen einerseits um die Post-Corona-Demokratie in Europa, aber auch um die Auswirkungen dieser Pandemie auf unsere psychische Gesundheit oder wie letzte Woche um eine Gesellschaft im Umbruch, so wollen wir heute ganz gezielt auf einen besonderen Aspekt dieser Corona-Krise hinweisen und diesen Aspekt beleuchten.
Es geht um das Arbeiten im Home-Office. Etwas, was ich seit vielen Wochen tue, sicher viele von Ihnen auch. Und wir freuen uns sehr, dass heute bei uns zu Gast Christian Korunka ist. Er leitet den Arbeitsbereich Arbeits- und Organisationspsychologie an der Fakultät für Psychologie der Universität Wien und leitet auch den postgradualen Universitätslehrgang „Psychotherapeutisches Propädeutikum“. Er ist Gesundheitspsychologe, Supervisor und Psychotherapeut. Seine Forschungsinteressen sind generell Arbeit im Wandel, natürlich flexible Arbeit und neue Formen der Arbeit. Zahlreiche Veröffentlichungen in Büchern, Fachzeitschriften und internationalen Forschungskooperationen in diesem Bereich legitimieren ihn umso mehr, heute als unser Redner bei der Wiener Vorlesung online zu sein. Herr Professor, ich freue mich sehr, dass Sie die Zeit gefunden haben und darf an Sie übergeben.
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Prof. Korunka: Willkommen, vielen Dank für die nette Einführung. Willkommen aus dem Home-Office. Es ergibt irgendwie eine ganz ungewohnte Situation, eine Vorlesung über Home-Office aus dem Home-Office zu halten. Insofern ein ganz passender Hintergrund. Ich habe dazu einen Foliensatz vorbereitet, den ich gleich einblenden möchte. Arbeiten im Home-Office: Lernen aus der Krise. Dieses Wort Home-Office ist ja wirklich in aller Munde. Ich vermute ja fast, es wird irgendwann zum Wort des Jahres werden. Natürlich nach Corona, nach Covid-19. Aber man hat den Eindruck, alle arbeiten im Home-Office. Viele tun es wirklich. Es ist wirklich interessant. Diese Krise kann man ja als ein Erfahrungslabor bezeichnen. Für viele ist es zum ersten Mal. Wir arbeiten mit Kindern gemeinsam, die dann, man sieht das oft, an dem Bildschirm vorbeikommen usw. Es ist eine unglaubliche Herausforderung an die Führungskräfte, die ja nicht da sind, die Führung über Distanz machen müssen. Und es gibt jetzt schon einige Erfahrungen. Wir machen selber gerade aktuell auch Studien dazu. Ein Eindruck ist, man arbeitet mehr als sonst. Nicht weniger, eher mehr. Man merkt aber, was da alles funktioniert. Es geht fast alles von daheim. Vorträge, viele andere Dinge. Die Grenzen verfließen natürlich. Es ist eher anstrengend, mit Kindern schwierig usw.
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Prof. Korunka: Aber Home-Office ist nicht erst seit der Krise so ein Trend, sondern eigentlich schon länger. Wir haben vor einem Jahr eine Studie gemacht zum Home-Office in der österreichischen Wirtschaft. Wir haben da Experten befragt. Sie sehen, Home-Office wurde von vielen genannt, dass es jetzt schon länger gibt bzw. dass es gerade in Umsetzung ist. Man könnte fast sagen, die Krise ist da eigentlich zum richtigen Zeitpunkt gekommen, dass dieses Erfahrungslabor Home-Office genau zu einem Zeitpunkt kommt, wo es wirklich aktuell ist. Es sind aber gar nicht so viele, die dort arbeiten. Es gibt sehr interessante Daten von der Europäischen Union, ziemlich aktuelle Daten. Sie sehen, im Home-Office arbeiten nicht einmal 20 Prozent der arbeitenden Bevölkerung. Das sind die, die da unten in dieser Tortengrafik in Gelb, Orange und Rot abgebildet sind. Viele Jobs benötigen einfach die Anwesenheit, das sind diese Immer-da-Jobs. Viele Jobs sind ganz andere Jobs bei Kunden, in Fabriken usw. Also Home-Office ist trotz allem eine eher elitäre Anwendung, wo nur ungefähr maximal 20 Prozent der Bevölkerung dort arbeiten.
Wie kam es dazu überhaupt? Der Hintergrund ist natürlich die Möglichkeit der Technologie. Wenn es diese ICT, Informations- und Kommunikationstechnologien nicht gäbe, könnten wir nicht so kommunizieren. Die brauchen wir dafür, die machen das möglich. Aber es ist natürlich auch die Globalisierung, die Krisen der Globalisierung, die Vermarktlichung der Unternehmen, die Konkurrenz usw. All das, was man unter dem Schlagwort Neoliberalismus bezeichnen könnte. Globalisierung, die es auch möglich machen, an ganz anderen Plätzen der Welt zu arbeiten. Und da braucht man eben so etwas wie Home-Office. Hartmut Rosa, der meines Wissens vor einigen Jahren bereits eine Wiener Vorlesung gehalten hat, hat dieses Konzept der sozialen Beschleunigung beschrieben, mit dem er sehr schön diese Entwicklung unserer Zeit beschreibt, die dann letztlich auch ins Home-Office führt. Die Arbeit wird selbst gesteuert. Wir sind immer mehr für unsere eigenen Leistungen zuständig. Entrepreneurship als Schlagwort. Es geht um Zielvereinbarungen. Es geht eben nicht mehr darum, wo gearbeitet wird, wann gearbeitet wird, sondern es geht um die Ziele. Aber das sehen wir auch: All das ist von erhöhtem Zeit- und Arbeitsdruck begleitet.
Da sehen Sie die Entwicklung dieser Informations- und Kommunikationstechnologien in der Arbeitswelt, auch sehr relativ aktuelle Daten, sehr gute Daten aus dem European Working Conditions Survey. Sie sehen, in allen Ländern der EU gibt es natürlich einen Anstieg. Die osteuropäischen Länder sind in einem rapiden Aufholprozess. Sie sehen aber auch, dass eben nicht alle diese Technologien nützen. Sie sehen, die Kurve gleicht sich ein bisschen an. Wir sind jetzt bei 60, 70 Prozent der Arbeitenden, die Informations- und Kommunikationstechnologien nutzen. Diese Technologien sind natürlich positiv, natürlich überhaupt nicht wegzudenken von unserer Arbeitswelt. Aber sie haben auch viele Folgen. Wir merken zum Beispiel, und da gibt es schon viele Studien dazu: Durch diese Zunahme der Antwortgeschwindigkeit - auf eine E-Mail reagiert man quasi in Echtzeit - gibt es einen steigenden Arbeitsdruck, weil die Erwartung ja wechselseitig steigt, hier schneller zu antworten. Wir haben immer mehr Information zu verarbeiten. Und ganz wichtig: Wir werden immer mehr unterbrochen. Unterbrechungen in der Arbeitswelt sind immer problematisch. Wir werden durch E-Mails unterbrochen, durch Handyanrufe und im Home-Office natürlich durch viele andere mögliche Störungen. Und diese Unterbrechungen unterbrechen nicht nur den Arbeitsfluss, sie sind auch schlecht für die Produktivität, für die Qualität des Arbeitslebens. Damit auch unter Umständen nicht nur höhere, sondern auch geringere Produktivität.
Andererseits kann man natürlich, und das ist auch im Home-Office wichtig, Warte- und Fahrzeiten nutzen im Sinne von „Ich kann ja daheimbleiben“. Es ist ökologisch gut. Wartezeiten fallen weg, dadurch aber auch wieder weniger Pausen. Arbeitsintensivierung, das haben wir selber immer wieder in Studien beobachtet, sehen wir sehr, sehr stark in der gesamten westlichen Welt. Auch Extensivierung im Sinne von längeren Arbeitszeiten. emotionale Erschöpfung ist ein Preis, der sich quasi vom Krankenhaus hin zu den Büroarbeitsplätzen entwickelt hat. Erschwertes Abschalten von der Arbeit, wir können ja immer und überall arbeiten. Mangelnde Erholung. Und damit wird insgesamt diese Balance, diese sehr subtile Balance zwischen Arbeit und Familie beeinträchtigt. Sie sehen, für die hohe Leistung, die uns da möglich ist, für diese vielen Möglichkeiten der Informations- und Kommunikationstechnologien zahlen wir durchaus einen Preis, der gar nicht so unbeträchtlich ist. Es ist immer sehr interessant zu sehen, dass eigentlich die positiven Aspekte und die kritischen wirklich sehr eng nebeneinanderstehen.
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Prof. Korunka: Jetzt zurück zum Home-Office. Da gibt es einen sehr interessanten Befund, auch wieder auf der europäischen Ebene, von der international Labour Organization und von Euro-Fund. Da hat man versucht, diverse Tätigkeiten in eine Matrix von Autonomie und Intensität einzuordnen. Sie sehen, der große blaue Kreis ist die ganz konventionelle Arbeit vor Ort beim Arbeitgeber, mittelintensiv, wenig autonom. Und das ganz andere Extrem wäre jetzt diese hoch mobile Tätigkeit, die Home-Office-Tätigkeit, Telearbeit, um diesen älteren Begriff auch zu verwenden. Man sieht da jetzt, und das ist wirklich interessant, dass hohe Arbeitsintensität und hohe Autonomie einhergehen. Autonomie ist günstig. Autonome Jobs sind an sich immer positive Jobs. Intensität ist belastend. Sie sehen da eigentlich eine paradoxe Situation, dass hohe Autonomie mit hoher Intensität einhergeht. Und das ist auch dieses Spezifikum, was dieses Home-Office so interessant macht. Hohe Möglichkeiten der Autonomie, die aber auch erst gestaltet werden müssen. Und damit kommen wir eigentlich zu diesen Einschätzungen dieser Chancen und Herausforderungen, die da wirklich immer wieder nebeneinander eigentlich gegenüberstehen.
Jede Chance ist auch eine Herausforderung, ganz klassisch Work-Life-Balance. Im Home-Office kann ich daheim arbeiten. Da sind aber natürlich auch Familie und Kinder et cetera. Das heißt, ich habe Möglichkeiten zur Gestaltung der Work-Life-Balance. Aber gleichzeitig verfließen die Grenzen, die Work-Life-Balance wird gleichzeitig bedroht. Es gibt weniger Unterbrechungen dadurch, dass ich in Ruhe daheim arbeiten kann, aber dafür wieder neue Formen der Unterbrechungen und Ablenkungen, gerade in der Corona-Zeit. Unsere aktuelle Studie hat das gezeigt. Wir waren natürlich in dieser ersten Zeit alle durch Medien abgelenkt usw. Wir merken Arbeitsintensivierung. Autonomie, und das ist auch sehr interessant, wird zur Anforderung. Etwas, was an sich sehr positiv ist, wird dann eine neue Anforderung. Es kann sogar Konflikte zwischen Arbeit und Freizeit geben. Und es ist auch ganz wesentlich, wir beobachten auch eine Zunahme von sozialer Isolation, weil Arbeitswelt ja auch die Möglichkeit bietet, in Kontakt zu treten, und diese Kontakte im Home-Office verloren gehen bzw. auf virtuelle Kommunikation zurückgeworfen werden. Und damit, das ist auch interessant, sogar weniger berufliche Entwicklungsmöglichkeiten, weil einfach die informellen Kontakte zum Unternehmen fehlen, der Kontakt zu den Führungskräften fehlt und die Entwicklung dadurch sogar eingeschränkt sein kann.
Was gibt es da jetzt für Lösungsansätze? Was haben wir für Möglichkeiten, die hohe Qualität des Arbeitslebens im Home-Office uns zu bewahren? Das ist einmal sehr grundlegend. Es geht einmal um die Ausstattung. Wir haben gerade aktuell in den letzten Wochen eine Studie durchgeführt. Sie sehen hier die allerersten Ergebnisse von dieser Studie. Wir haben hier mit diesem Stand ungefähr 2000 Personen befragt, die im Home-Office arbeiten. Jetzt, in dieser Krisensituation, quer über Österreich, quer über Branchen, öffentlicher Bereich, Privatbereich usw.
Sie sehen, wir haben zwar alle eine schnelle Internetverbindung, aber nur 57 Prozent haben wirklich das eigene Büro, das ja wirklich notwendig ist, um diese Trennung eher gut zu machen. 13 Prozent müssen sich den Arbeitsplatz teilen. Einige arbeiten auf Küchenarbeitsplätzen usw. Die technische Ausstattung funktioniert ganz gut. Aber, und das ist auch nicht zu unterschätzen, die Arbeitsplätze daheim sind von ergonomischen Standards oft sehr weit entfernt. Und das ist schon ein Thema auch, wo man überlegen kann, solche Dinge wie Rückenschmerzen und so etwas wird jetzt vermehrt auftreten. Und so sehen wir auch in unserer eigenen Studie, dass Wohlbefinden sehr mit dieser Ausstattung korreliert. Wohlbefinden ist quasi das positive Gegenteil von Stress. Also die Frage, heute fühle ich mich entspannt, ruhig, gelassen, deutet darauf hin, mit Stress gut umgehen zu können. Das passiert dort, wo die Ausstattung gut ist. Da sehen Sie höhere Einschätzungen. Und dort, und das ist ja auch interessant, wo es viel Vorerfahrung im Home-Office gibt. Home-Office muss erst gelernt werden. Auch das ist ja Teil dieser Krisensituation, dass wir sehr neu lernen, mit diesen Dingen umzugehen. Das heißt durchaus positiv formuliert, und da ist diese Krise wirklich ein Erfahrungslabor, wir können diese Krise durchaus als Chance nützen in dem Sinne, dass wir da wirklich diese Erfahrung sammeln, die letztlich vielleicht auch für viele von uns zu einem guten Arbeitsplatz führen kann. Ein weiterer Aspekt ist diese ständige Erreichbarkeit, die ja eigentlich schon vor dem Home-Office begonnen hat mit diesen Möglichkeiten von Handys usw. Wir sind permanent erreichbar. Früher, im alten Modell, gab es diese Arbeitszeit Nine-to-Five. Man hat den Job in der Früh begonnen, ist um fünf gegangen, hat umgeschaltet auf Freizeit, war nicht mehr erreichbar für Kollegen und Kolleginnen, für Vorgesetzte. Jetzt gibt es die ständige Erreichbarkeit, technisch möglich über E-Mails usw. - auch über die vereinbarte Arbeitszeit hinaus. Es gibt auch so eine, man könnte sogar sagen, kulturelle Veränderung, die in Richtung einer ständigen Nutzung geht. Handys, PC können permanent genutzt werden. Man denke nur an das Bild, wenn die U-Bahnen wieder voll sind, in einer vollen U-Bahn, wo jeder vor seinem Handy sitzt und etwas vielleicht Privates, aber natürlich auch Berufliches machen kann. Es geht völlig fließend ineinander über.
Gleichzeitig nehmen Studien zu, die zeigen, dass das Abschalten nach der Arbeit schwerer möglich ist. Abschalten nach der Arbeit ist ganz wichtig, weil es eigene Grundlage für gute Erholung ist. Und das hängt natürlich auch mit dieser Erreichbarkeit zusammen. Was gibt es dafür Ansätze?
Erstens einmal sind die Nutzungsbedürfnisse unterschiedlich. Es gibt Leute, die lieben das. Für die wäre es sogar schlimm, wenn man ihnen natürlich das Handy wegnehmen würde. Aber es gibt andere, diese Separators, die eher die Arbeitsbereiche separieren wollen. Also Integrators sind eher die, die Beruf und Freizeit verbinden. Separators sind die, die es gerne trennen. Diese Nutzungsbedürfnisse sollten auch von Führungskräften ernst genommen werden. Dazu kann es Vereinbarungen geben. Die sollten auch so klar wie möglich sein. Denn es ist natürlich für eine Führungskraft leichter, den Mitarbeiter, die Mitarbeiterin zu erreichen als umgekehrt. Man sollte auch selber nicht vergessen, man kann ja Pausen machen. Das Home-Office verleitet zu Mehrarbeit. Auch das ist eindeutig. In dem Sinne, dass der Bildschirm eine gewisse Sogwirkung hat, wir viel machen können. Und wir müssen selber uns dazu motivieren, auch diese Pausen zu gestalten. Und ein ganz wichtiger Aspekt, der ganz grundsätzlich für die Arbeitswelt gilt, ist, sich zu überlegen: Werden zentrale Bedürfnisse erfüllt? Zentrale Bedürfnisse sind etwas Menschenimmanentes. Wir haben alle ähnliche Bedürfnisse. Diese Bedürfnisse kann man ganz gut kategorisieren. Wir haben beispielsweise alle das Bedürfnis nach Autonomie, das Bedürfnis nach Selbstbestimmung. Wir wollen Wahlfreiheit haben. Das sieht man übrigens auch sehr gut gerade in der derzeitigen Situation, wo die Einschränkungen durch die Krise für viele sehr, sehr irritierend sind. Und das könnte man eigentlich auf dieser Ebene als eine Verletzung dieses Grundbedürfnisses nach Selbstbestimmung, nach Wahlfreiheit, ich möchte selber bestimmen, wann und wo ich hingehe usw., sehen. Wir sind neugierig. Wir haben das Bedürfnis nach Kompetenz, nach Wirksamkeit, nach Wissen, nach Weiterentwicklung. Wir wollen aber auch sozial eingebunden sein. Wir brauchen den anderen. Wir brauchen das Gegenüber, wir brauchen die Begegnung. Wir brauchen Familie. Wir brauchen Freunde. Und wir brauchen auch Struktur und Sicherheit. Das sind diese vier Grundbedürfnisse. Ursprünglich in dieser Self-determination Theory waren es drei. Die wurden dann auf ein viertes erweitert, dieses Strukturbedürfnis. Diese Bedürfnisse sind die Basis für alles eigentlich, für ein zufriedenes Leben, aber auch in der Arbeitswelt, für Motivation, Produktivität, hohe Qualität. Ganz grundsätzlich geht ja hohe Qualität des Arbeitslebens im Sinne von Zufriedenheit, Well-Being usw. in der Regel auch mit hoher Produktivität einher, ist also immer im Interesse der Arbeitgeber- und der Arbeitnehmerseite gleichzeitig. Jetzt kann man sich überlegen, wie sehr diese Bedürfnisse in dieser modernen Arbeitswelt befriedigt werden. Zum Beispiel dieses Bedürfnis nach Autonomie, die an sich ja positiv ist, aber vielleicht zu viel wird, gerade im Home-Office. Wir brauchen hier klare Vorgaben und wir müssen uns auch selber eine klare Struktur schaffen. Einerseits die Verantwortung der Führungskräfte im Sinne von Vorgaben, Rückmeldung, Feedback, aber auch die Eigenverantwortung im Sinne des Umgangs mit dieser Freiheit, diese Notwendigkeit, klare Struktur selber zu schaffen. Das heißt, man könnte sagen, das Ziel ist die Vorgabe, aber auch der Weg muss klar sein. Es muss auch möglich sein, man sollte auch wissen, wie man dorthin kommt. Selbstorganisation wird immer mehr gefordert. Selbstbestimmung ist immer positiv. Aber Selbstorganisation ist auch ein gewisser Aufwand, den wir jetzt neu zu tätigen haben, den man aber auch lernen kann. Das ist sicher ein Entwicklungsbereich. Auf der Ebene der Kompetenz bieten die neuen Technologien ja viele, viele Lernmöglichkeiten. Wir alle merken das ja gerade. Wir lernen alle neue Worte kennen, von Jitsi bis Zoom usw. und können plötzlich damit umgehen. Man kann vieles machen. Technologie ist quasi ein Spielfeld für Kompetenzentwicklung. Aber Lernen braucht immer auch die Kommunikation. Lernen alleine ist nur eine Seite, und auch insbesondere diese Karriereentwicklung braucht den anderen. Da ist schon immer diese Isolation des Home-Office auch mit zu bedenken. Und ganz wichtig natürlich die soziale Eingebundenheit.
Wir haben alle erfahren in den letzten Wochen, dass diese virtuelle Kommunikation zwar toll ist, Möglichkeiten schafft in der Familie, im Job usw., aber natürlich ihre Grenzen hat. Es ist ein Unterschied, direkt in Begegnung zu sein. Und man muss sich halt überlegen, wie sehr kann man das simulieren gewissermaßen? Welche Möglichkeiten gibt es hier im Home-Office? Man kann versuchen, einen persönlichen Austausch zu gestalten, ähnlich wie es den Smalltalk im Unternehmen gibt. Vielleicht findet man auch in dieser Form einen Rahmen, in Kontakt zu treten, in einen virtuellen „persönlichen“ Austausch zu kommen. Technische Kommunikation ist immer nur eine Ergänzung zur persönlichen Kommunikation. Es ist etwas anderes, jemandem gegenüberzusitzen im Kaffeehaus. Alles Dinge, die wir uns im Augenblick ja kaum mehr vorstellen können, da zu plaudern usw. Das kann die technische Kommunikation nur bedingt ersetzen. Und wenn sie es ersetzen kann, dann muss sie auch synchron ablaufen. Synchron heißt wirklich zeitgleich, asynchron verschoben ist immer schwieriger. Also Kommunikation mit diesen Online-Medien ist auf jeden Fall besser als E-Mails hin und her schicken beispielsweise.
Und natürlich, und das ist jetzt der abschließende Punkt, der aber auch nicht zu unterschätzen ist: Struktur und Sicherheit. Da sehen wir das Problem der Krise, das ja jetzt nicht direkt das Home-Office betrifft, ganz im Gegenteil. Home-Office ist das Entwicklungspotenzial, aber viele Tätigkeiten gehen verloren. Arbeitsplatzsicherheit hat eine ganz, ganz neue Qualität bekommen. Wir nähern uns ja unglaublichen Zahlen der Arbeitslosigkeit. Das ist wohl die schlimmste Bedrohung der Arbeitswelt. Man kann ja auch eine Polarisierung annehmen, dass sich quasi gute Jobs weiterentwickeln. Sehr pointiert formuliert: Home-Office versus Arbeitslosigkeit. Und das ist wirklich ein großes Thema, das uns alle in Zukunft sehr beschäftigen wird, wo es sehr zu hoffen ist, dass wir aus dieser Polarisierung wieder rauskommen.
Die Strukturen intern sind noch ein zweiter Aspekt, gute Arbeit braucht klare Strukturen. Und diese Strukturen, wie gesagt, sind insbesondere im Home-Office wichtig.
00:23:25
Prof. Korunka: Wenn wir das zusammenfassen: Home-Office nach der Krise, Krise als Chance. Oft gesagt, man kann es gar nicht mehr hören. Aber natürlich trifft es auch auf die Arbeit im Home-Office zu. Wir wurden da in eine Erfahrungswelt gestoßen, viele schon zum wiederholten Mal, also da war es vertraut. Viele aber auch zum ersten Mal. Und der Grundtrend ist eigentlich ein positiver. Man kann diese Chancen und Möglichkeiten nutzen, aber jede Chance, und das ist wirklich interessant im Home-Office, hat immer diese Schattenseite. Es ist immer Autonomie versus Kontrolle, Unterbrechung versus Einsamkeit, Integration versus Separation usw. Es gibt kaum einen Arbeitsbereich, wo die Möglichkeiten und die Risiken so eng nebeneinander liegen. Und davon abgesehen, ist das Home-Office natürlich auch so etwas wie ein Mikrokosmos im wahrsten Sinne des Wortes eines guten Arbeitsplatzes. Was ist ein guter Arbeitsplatz? Da geht es um Ausstattung. Da geht es um die Etiketten, um Rahmenbedingungen, die passen müssen, insbesondere natürlich um die Erfüllung der Grundbedürfnisse, wie vorher genannt. Gute Arbeit erfüllt diese Grundbedürfnisse. Ja. Versuchen wir, diese Chancen zu nützen. Vielen Dank!
00:24:48
Sonja Kato: Herzlichen Dank, Herr Professor Korunka, für diesen Vortrag, für die Vorlesung, auch für die aktuellen Zahlen, die Sie uns mitgebracht haben aus einer Umfrage, wie Sie gesagt haben, unter 1000 Menschen, die jetzt im Home Office arbeiten, ganz Österreich abgedeckt.
Lassen Sie mich vielleicht mit einem Aspekt des Themas beginnen, der, glaube ich, ganz viele betrifft, die uns heute zusehen oder diese Wiener Vorlesung dann anschauen. Sie sprechen immer von dem Arbeitsplatz im Home-Office. Sie haben es auch angesprochen, das eigene Büro, auch der eigene Arbeitsplatz, ist nicht für alle machbar. Wir haben viele Situationen, wo jetzt beide Partner in einer Beziehung, die zu Hause eben diese Quarantänezeit verbringen, Home-Office machen müssen. Diese besondere Herausforderung, dass plötzlich beide Arbeitsplätze ins Home-Office verlagert werden, schreiben Sie das der momentanen Ausnahmesituation zu? Oder sehen Sie auch da ein Zukunftsszenario?
00:25:58
Prof. Korunka: Nein, ich würde sagen, ich würde da unterscheiden. Home-Office ganz grundsätzlich ist eine Möglichkeit für jede Form der Büroarbeit. Da steckt die große Chance drin, wenn man sich die Zahlen vorher anschaut und auch die Verbreitung von Home-Office. Das war ein Trend, der ganz klar im Kommen war. Das zeigen diese Zahlen auch aus dem letzten Sommer beispielsweise. Home-Office setzt sich quasi durch. Zuerst gab es die Flexibilisierung der Arbeitszeit in den letzten schon Jahrzehnten. Jetzt kommt diese Flexibilisierung des Arbeitsortes noch dazu. Das ist diese grundsätzliche Entwicklung, die führt dorthin. Gleichzeitig sehen wir aber in diesen früheren Studien, es war zeitlich begrenzt. Also das „typische“ Home-Office war vielleicht ein Tag pro Woche, zwei Tage pro Woche, drei Tage im Unternehmen. Das hat sich durch die Krise verdichtet. Insofern ist dieser Aspekt, diese Verdichtung, schon eine Sondersituation der Krise, die ich unterscheiden würde. Sollte sich das so weiterentwickeln in Zukunft, würde ich auch vermuten, dass die 100 Prozent Home-Office dann wieder vielleicht nur 70 Prozent sein werden. Ich würde mal vermuten, dass der Anteil des Home-Office größer werden wird, aber eher nicht in Richtung dieser 100 Prozent kommen wird. Aus vielen Gründen, unter anderem aus Gründen der Kommunikation, aber natürlich auch den Aspekt, den Sie ansprechen. Das ist ein ganz wichtiger. Wir sind daheim nicht vorbereitet. Wer hat schon zwei Arbeitszimmer daheim? Das gibt es so ganz selten. Und insofern findet auch hier gewissermaßen eine Polarisierung statt. Es gibt halt die ideale Ausstattung, und die haben halt vermutlich auch Leute mit besseren Tätigkeiten. Und das ist schon noch ein Punkt, dass diese Polarisierung, die wir schon länger in der Arbeitswelt beobachten, halt möglicherweise wieder einen weiteren Schwung bekommen hat.
00:27:44
Sonja Kato: Polarisierung ist das eine Stichwort. Sie haben sozusagen die Extrempole vorhin auch in Ihrem Vortrag angesprochen, Home-Office einerseits, Arbeitslosigkeit andererseits. Die zweite Dynamik, die wir aber alle in den letzten sechs Wochen bemerkt haben, und das hat durchaus auch mit der Gleichzeitigkeit von Arbeit zuhause zu tun, ist, dass ganz viele Frauen diese letzten Wochen als einen enormen Backlash erlebt haben. Man hat sozusagen das geflügelte Wort: Freitag, der Dreizehnte, waren wir noch im Jahr 2020, am Montag der Folgewoche gefühlt im Jahr 1950. Das hat natürlich auch viel mit Hierarchien im Arbeiten zu tun, mit Prioritäten. Gehen wir im Idealfall davon aus, es gibt überhaupt ein Arbeitszimmer, wer darf es wann in Anspruch nehmen? Welche Tätigkeiten, wenn z.B. Kinder im gemeinsamen Haushalt sind, sind sonst noch zu erledigen, und wer erledigt sie? Wenn wir daher auf den von Ihnen sozusagen geprägten Begriff des Erfahrungslabors zurückgreifen, was für ein Erfahrungslabor ist das, was sozusagen hier jetzt die Emanzipationsbewegung in Österreich und auch weltweit wahrscheinlich betrifft? Welche Schlüsse können Sie da auch ziehen?
00:29:04
Prof. Korunka: Ja, das ist eine ganz schwierige und auch ganz heikle Frage. Wir sollten nicht vergessen, dass wir in Österreich in einem Land sind, wo Rollenmuster eher traditionell sind. Da gibt es viele europäische Vergleichsstudien, die zeigen das. Und es ist halt, und das bestätigen auch die Erfahrungen derzeit im Home-Office… Dieses traditionelle Bild wird weiter tradiert und da könnte es eben, und das ist genau der Punkt, den Sie ansprechen, zu einer weiteren Polarisierung kommen. Unsere ganz aktuelle Studie liefert sogar Zahlen dafür. Wir haben Leute nach den Unterbrechungen gefragt, Unterbrechungen als Störfaktor im Home-Office. Unterbrechungen gibt es viele, durch Handys, durch Chefs usw. Aber natürlich auch Unterbrechungen durch Kinder und Familie. Und wenn man sich da Männer und Frauen anschaut, werden Frauen deutlich mehr durch Kinder und Familie unterbrochen bzw. lassen sich unterbrechen. Das hat ja zwei Seiten. Das heißt, da gibt es möglicherweise einen Mann dazu, der halt ungestört vielleicht im anderen Zimmer arbeitet. Also da ist es völlig richtig, dass traditionelle Muster sich im Augenblick verstärken. Was das mittelfristig bedeutet, ist noch sehr schwer abschätzbar. Ich habe eher den Eindruck insgesamt, diese Erfahrungen, die wir machen, die sind ja noch immer relativ kurzfristig, wie Sie sagen. Freitag, der Dreizehnte - sechs Wochen ungefähr, sechs Wochen im Vergleich zu einem jahrzehntelangen Arbeitsleben ist kurz. Es wird eher die Frage sein, wann findet die Rückkehr statt? Wenn die sehr schnell kommt, dann ist doch im positiven Sinne zu vermuten, dass wir auch wieder in die Zeit vor dem Freitag, den Dreizehnten zurückkehren, aber vielleicht auch diese Erfahrungen weniger tradieren. Es hat immer beide Seiten.
00:30:47
Sonja Kato: Das würde ich gerne aufgreifen, dieses Szenario danach. Wenn Sie einerseits diese Bipolarität zwischen Home-Office und Arbeitslosigkeit skizzieren als extreme Pole, dann ist das natürlich für manche trotzdem eine ganz reale Situation, eine ganz reale Bedrohung, dass zum Beispiel in den letzten sechs Wochen ein Arbeitsplatz, der eben nicht im Home-Office gemacht werden kann, generell wegbricht. Andererseits kann es aber auch für jene, die im Home-Office arbeiten können und dürfen, der enorme Druck sein, wenn dann danach, nach sozusagen einer Rückkehr in eine Normalität am Arbeitsmarkt, trotzdem der Druck da ist, weiter im Home-Office zum Beispiel zu arbeiten. Wie sehr sehen Sie hier auch neue arbeitsrechtliche, um nicht gewerkschaftliche zu sagen, Entwürfe, die man braucht, um auch hier noch einmal klarer zu definieren, was freiwillig Home-Office betrifft, wo ja momentan ganz klare Regeln da sind. Und was jetzt sozusagen dieses über uns alle hereingebrochene Home-Office angeht, das vielleicht manchen Firmenchefs ganz bequem ist, wenn sie sagen können: „Gut. Da könnte ich meine Bürofläche zum Beispiel verkleinern, habe ich weniger Ausgaben.“
00:32:11
Prof. Korunka: Na, diesen Trend, dass Home-Office auch einen Kostenfaktor hat, gibt es ja auch schon länger. Es gibt viele Unternehmen, die diese New-Office-Konzepte umsetzen. Banken, Versicherungen und so weiter, die dann mit gemeinsamen Arbeitsplätzen arbeiten, wo es Ruhezonen, Konferenzzonen usw. gibt, die haben immer einen Nebenaspekt. man braucht weniger Raum als vorher, es wird Geld gespart. Wenn man das Ganze weiterspinnt, kann man natürlich sagen: Wenn der eigene Computer den eigenen Strom verbraucht und nicht mehr den vom Unternehmen, ist das ein ökonomischer Aspekt. Ich würde sagen, das ist ein Teil der Geschichte. Ich würde da auch wieder unterscheiden, auch die Krisensituation von der späteren Situation. In der Krisensituation ist natürlich das Home-Office die beste Chance, Ansteckung zu vermeiden. Also von daher ist es völlig klar und auch völlig nachvollziehbar, dass es vermutlich so sein wird, dass wir hier noch länger verweilen werden, wenn wir schon diese luxuriöse Möglichkeit haben.
Die Zeit nachher wirft eigentlich wieder die Fragen von vorher auf. Genau die gleichen. Das sind ja auch Fragen, rechtliche Fragen, auf allen Ebenen. Wie schaut ein gesunder Arbeitsplatz aus? Wie schaut Arbeitssicherheit aus daheim usw.? Ich würde diese Fragen eher getrennt von dieser Diskussion jetzt… Also, ich glaube, da ist die Krise schon eine Notsituation, das sollte man sauber trennen. Die Polarisierung, die wird uns natürlich beschäftigen. Und das sollte man auch nicht vergessen, dass Home-Office ja wirklich die Luxusvariante der derzeitigen Arbeitswelt ist. Die haben Leute im Home-Office in der Regel auf sicheren Arbeitsplätzen. Das geht natürlich einher oder in vielen Fällen einher und nicht unbedingt Kurzarbeit und all diese Entwicklungen. Als Arbeitspsychologe sollte man immer diese andere Gruppe ständig darauf hinweisen, dass es da wirklich eine große Gruppe gibt, die uns noch lange beschäftigen wird. Wir wissen seit den berühmten Arbeitslosen von Mariental, dieser berühmten österreichischen Studie, was Arbeitslosigkeit bedeutet. Und da sollten wir auf jeden Fall unseren Fokus dorthin richten.
00:34:14
Sonja Kato: Da haben Sie sicher recht. Trotzdem möchte ich mich noch einmal dem Aspekt heute des Home-Office zuwenden. Sie haben sehr eindrucksvoll geschildert, und ich glaube jeder, der im Home-Office arbeitet, kann das auch bestätigen, dass natürlich die Arbeitszeit, die Ruhezeit beginnen, ineinander zu verfließen, und ganz generell im Home-Office mehr gearbeitet wird. Wenn wir jetzt aber auch andere Aspekte des Arbeitslebens betrachten, zum Beispiel den Krankenstand, höre ich durchaus jetzt schon von manchen Unternehmen, die auch gerade in dieser vor uns liegenden, nach wie vor nicht ganz klar einschätzbaren Zeit, trotzdem einige Arbeitsplätze auf Home-Office ausgestattet lassen wollen, um zum Beispiel im Herbst, wenn dann erste Verkühlungen kommen, auch zu sagen: „Also mit einem Schnupfen kommt mir niemand mehr ins Büro, der kann ja von zuhause arbeiten.“ Da stellen sich mir die Nackenhaare auf, weil entweder hat man eine Krankheit, dann sollte man generell nicht arbeiten, oder eben man kann arbeiten gehen. Was sehen Sie da auf uns zukommen?
00:35:21
Prof. Korunka: Das sind unterschiedliche Aspekte, die Sie ansprechen. Dieser erste Aspekt ist ganz wichtig, diese Intensivierung der Arbeit im Home-Office. Also der erste Eindruck von Führungskräften, die das noch nicht kennen, ist ja, wenn die jetzt daheim sind, arbeiten sie nicht. Die Studien zeigen tendenziell das Gegenteil. Man könnte natürlich auch argumentieren, Leute unterscheiden sich in ihrer Arbeitsleistung und das wird im Home-Office nicht viel anders sein. Trotzdem, der Grundtrend geht in Richtung einer höheren Produktivität, wobei es natürlich auch von den Tätigkeiten abhängt. Dass Tätigkeiten, die anspruchsvoller sind, vielseitiger sind, auch leichter im Home-Office umzusetzen sind als einfache Routinetätigkeiten usw. Diesen Aspekt mit der Gesundheit würde ich auch wieder, ich würde das nicht vermischen wollen. Ich denke, Krankenstände sind als Kennwerte in der Forschung problematisch. Krankenstände sind ein eigenes Thema und sollten im Bereich der Gesundheit und auch dort mit Regelungen dort, die dann weiterhin natürlich Gültigkeit haben. Diese Vermischung sehe ich ähnlich problematisch, wie Sie das gerade angedeutet haben.
00:36:31
Sonja Kato: Wenn wir noch einmal zurückgehen, auch zu den vier Bereichen, die Sie genannt haben, für all das, was man braucht, um ein gutes, zufriedenes Leben zu führen, haben Sie gesagt und explizit darauf hingewiesen, dass diese vierte Begrifflichkeit und Begriffswelt der Struktur und Sicherheit quasi auch in der Wissenschaft die jüngste Ergänzung ist. Ich finde, diese Phase, durch die wir da jetzt gehen, hat gezeigt, wie richtig die Entscheidung war, Struktur und Sicherheit hier als Begrifflichkeitswelt zur Frage, was ein zufriedenes Leben macht, was es für ein zufriedenes Leben braucht, dazu zu nehmen. Wie schätzen Sie es als Psychologe ein? Wie wichtig war es jetzt auch in diesen Wochen der völlig neuen Alltagssituation, Struktur, Sicherheit auch im Alltag zu etablieren?
00:37:35
Prof. Korunka: Ich denke, das sind Ambivalenzen, und das ist ja auch das ganz Interessante. Man könnte Autonomie der Struktur gegenüberstellen. Wir sind nicht so einfach, dass wir nur zu einem tendieren. Wir sind ambivalente Wesen, und das ist auch gut so. Sie haben Autonomie versus soziale Eingebundenheit. Wir wollen alleine sein, wir brauchen den anderen, wir wollen uns an keine Grenzen halten und brauchen aber diese Grenzen. So würde ich auch Struktur und Sicherheit einschätzen. Und gerade die aktuelle Diskussion zeigt das ja in nahezu perfekter Weise. Wir sehen Bestrebungen natürlich auch mit politischem Hintergrund. Aber trotzdem könnte man sie auf dieser Ebene der Grundbedürfnisse diskutieren. Es gibt Leute, die brauchen vermehrte Sicherheit, brauchen das Regelwerk. Es gibt aber jetzt gerade die letzten Wochen, wo wir das alle immer weniger aushalten, daheim zu sitzen, auch diesen Schrei nach endlich raus, und zwar nicht nur bei uns. Das gibt es weltweit, und das drückt genau dieses Spannungsgefüge aus. Die Sicherheit hat noch mehrere Aspekte. Die hat natürlich auch den ökonomischen Aspekt. Ich würde Struktur und Sicherheit auch noch einmal unterscheiden. Struktur wäre diese Vorgabe eines klaren Rahmens. Das kann man im Unternehmen über die Vorgesetzten genauso sehen wie jetzt in der Krise durch gesellschaftliche Vorgaben. Sicherheit hat viele Aspekte, von der Sicherheit des Friedens bis zur ökonomischen Absicherung. Und da ist gerade natürlich wieder diese ökonomische Absicherung ein ganz wesentlicher Punkt.
00:38:59
Sonja Kato: Eine vorletzte Frage noch für jetzt. Wenn wir über Home-Office sprechen, dann klingelt trotzdem bei ganz vielen momentan auch das schöne Wort des Homeschooling mit. Jetzt ist das natürlich keine klassische Parallele zum Home-Office, sondern tatsächlich den momentanen Gegebenheiten geschuldet. Trotzdem hat das auch Auswirkungen. Auch da gibt es wie bei den Erwachsenen, möchte man sagen, Kinder, die damit besser umgehen können, natürlich auch Umgebungen, die besser darauf vorbereitet sind, vor allem ökonomisch, aber auch vom Bildungshintergrund der Eltern, die hier begleiten können. Sehen Sie da die Befürchtungen Ihrer Kolleginnen und Kollegen auch, dass hier eine zu große sozusagen Parallelität von zwei oder sogar drei Geschwindigkeiten da ist, die dazu führt, dass wir ganz viele Kinder in diesen letzten Wochen bildungstechnisch, was den Anschluss an ihr Wissen angeht, verloren haben?
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Prof. Korunka: Ich würde es auch grundsätzlicher sehen. Wir befinden uns in einer Welt, wo Polarisierungen zunehmen. Das können wir weltweit über die Globalisierung beobachten. Das können wir im Mikrokosmos der Arbeitswelt beobachten und auch hier ganz genauso. Bei den Kindern kommt noch dazu, das haben wir auch in unseren Studien über Interviews immer wieder gesehen, diese neuen Medien brauchen einen gewissen Erfahrungshorizont. Erwachsene tun sich leichter, bei den Studierenden gehen Dinge, die bei Volksschülern nicht möglich sind. All diese Dinge sind mitzudenken, und je weniger möglich ist, umso mehr kommt Unterstützung von außen dazu, umso mehr besteht wieder das Potenzial von „die einen haben die Unterstützung, die anderen nicht“ und damit wieder ein Potenzial für Polarisierung.
00:40:49
Sonja Kato: Lassen Sie mich auch da sozusagen den Schluss setzen beim Begriff der Polarisierung. Home-Office versus Arbeitslosigkeit sozusagen die Hauptspange, die Sie getroffen haben. Ich weiß, Sie sind kein Zukunftsforscher, aber was meinen Sie, wohin könnte die Reise gehen? Oder andersherum gefragt: Was können wir als Gesellschaft tun? Wo gilt es besonders achtsam zu sein in den nächsten Wochen und Monaten, um aus dieser Polarisierungsfalle ein bisschen herauszukommen?
00:41:25
Prof. Korunka: Ja, da gibt es auch viele Aspekte. Um vielleicht mit einem positiven zu beginnen: Ich finde es ja auch ganz interessant bei diesem Blick auf die Arbeitswelt, das sehe ich, dass sich der Status von Berufen verändert. Also die Kassiererinnen in den Supermärkten waren früher ein Forschungsgegenstand für hohe Belastung. Momentan sind sie Helden unserer Gesellschaft, und das ist ja durchaus ernst gemeint. Ich denke, da gibt es schon noch Verschiebungen, dass man erkennt, dass bestimmte Tätigkeiten einfach ganz wichtig sind. Und das Grundlegende ist natürlich, um noch mehr auf das Thema zu kommen, diese Sache mit der Arbeitslosigkeit. Wenn man bedenkt, wie wichtig Arbeit ist, nicht nur im Sinne der „ökonomischen“ Grundbedürfnisse, sondern auch wieder im Sinne einer Befriedigung der Grundbedürfnisse von Lebenszufriedenheit und all diesen Dingen. Also das ist der wichtigste Ansatzpunkt. Beim Home-Office, würde ich sagen, sehen wir es als einen Lernschub. Der wird uns sowieso weiter beschäftigen. Das will ich dann gar nicht so dramatisch sehen. Ich nehme an, da wird man einige Dinge mitnehmen. Es wird schon einen Schub dorthin geben. Aber das ist, wie gesagt, ein guter Teil der Arbeitswelt und wird es auch nachher so bleiben.
00:42:46
Sonja Kato: Herzlichen Dank, Herr Professor Korunka! Danke vielmals für Ihren Vortrag. Danke auch, dass Sie sich noch die Zeit fürs Gespräch genommen haben, und danke Ihnen allen auch fürs Zusehen.
Die nächste Wiener Vorlesung Online ist am Donnerstag, den 14. Mai 2020, wieder um 18 Uhr, zum Thema: Das Eigene und das Fremde. Es geht um einen Einblick in die Disziplinenvielfalt der Central European University. Drei Wissenschaftlerinnen geben einen Kurzüberblick. Moderiert wird diese Vorlesung von Marlene Nowotny, Wissenschaftsjournalisten und Redakteurin bei Ö1. Herzlichen Dank, dass Sie heute dabei waren. Einen schönen Abend noch und bleiben Sie gesund.

Wiener Vorlesung online: Arbeiten im Home-Office

Lernen aus der Krise. Vortrag von Christian Korunka, Universität Wien, am 30.4.2020, anschließend im Gespräch mit Moderatorin Sonja Kato.

Produktionsdatum: 2020
Copyright: W24

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