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Mitschrift

Daniel Löcker: Einen schönen guten Abend, sehr geehrte Damen und Herren! Im Namen des Wiener Bürgermeisters und der Stadträtin für Kultur und Wissenschaft begrüße ich Sie sehr herzlich zu einer Wiener Vorlesung, einer weiteren Ausgabe der Wiener Vorlesungen online. Schön, dass Sie mit dabei sind. Mein Name ist Daniel Löcker. Ich programmiere die Wiener Vorlesungen und freue mich, dass wir in diesen herausfordernden Zeiten rasch ein Alternativprogramm für Sie auf die Beine stellen konnten. Ein Format, das es möglich macht, auch in Zeiten der Krise informiert zu bleiben, und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zwar nicht live, aber trotzdem hautnah bei Ihnen zu Hause zu erleben. Ich bitte Sie um Verständnis, dass es bei der ersten Online-Vorlesung zu technischen Schwierigkeiten gekommen ist. Sie können aber alle Sendungen nachsehen. Sie finden uns unter www.WienerVorlesungen.at und auf Facebook. Seien Sie auch in den kommenden Wochen unser Gast. An ausgewählten Donnerstagen werden wichtige Themen rund um den Coronavirus und darüber hinaus verhandelt. Heute kann ich Ihnen einen absoluten Experten in Sachen Krise ankündigen. Georg Psota, Chefarzt der Psychosozialen Dienste Wien, weiß, wovon er spricht, wenn er Hinweise für die Aufrechterhaltung der psychischen Stabilität gibt. Was uns nun eint, ist, dass wir uns alle einer besonderen Herausforderung stellen müssen. Jede und jeder Einzelne von uns findet sich in Ausnahmesituationen wieder. Wie geht es aber Menschen, für die bereits der normale Alltag eine enorme Kraftanstrengung bedeutet? Wir dürfen die anderen in schwierigen Zeiten nicht vergessen. Diese Situation werden wir nur gemeinsam gut bewältigen können. Ich freue mich auf eine Vorlesung, die uns nicht nur Hilfestellung sein kann und soll, sondern uns auch die positiven Momente einer konstruktiven Krisenbewältigung aufzeigt. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Wiener Kulturabteilung und der Wiener Vorlesungen wünschen Ihnen alles Gute. Ich übergebe nun das Wort an unsere Moderatorin des heutigen Abends, Sonja Kato.
00:02:33
Sonja Kato: Ja, herzlichen Dank, Daniel Löcker! Mein Name ist Sonja Kato und ich freue mich auch sehr, Sie heute bei der zweiten Wiener Vorlesung online begrüßen zu dürfen. In der letzten Woche ging es um die Folgen von Corona für die europäische Demokratie. Heute wollen wir uns den Folgen von Corona für unser aller Alltag widmen. Wir wollen den Bedeutungen, den Auswirkungen dieser Pandemie auf unsere psychische Gesundheit nachspüren. Und wir freuen uns sehr, dass wir niemand geringeren als Primarius Dr. Georg Psota, der nicht nur Leiter des neuen Krisenstabs für psychologische Gesundheit in der Stadt, sozusagen Leiter dieses neuen Krisenstabs ist, sondern auch langjähriger Chefarzt des Psychosozialen Dienstes der Stadt Wien und langjähriger Obmann von pro mente Wien. Er wird in seinem Vortrag heute unter dem Titel "Gemeinsam statt einsam. Wie wir in der Krise psychisch gesund bleiben" uns seinen Ausblick geben auf das, was einerseits an Maßnahmen da ist, aber auch, was wir selbst an unserem Verhalten hier beitragen können. Ich freue mich sehr, ihn jetzt bei der Wiener Vorlesung online zu begrüßen. Herzlich willkommen, Herr Primarius Psota!
00:03:56
Psota: Sehr geehrte Frau Magister Kato, liebe Sonja, meine sehr verehrten Damen und Herren, ich freue mich sehr, heute zu Ihnen zu sprechen. Ich fand die Wiener Vorlesungen schon immer großartig. Und außerdem bin ich begeistert, dass es so rasch gelungen ist, das Format den aktuellen Erfordernissen anzupassen. Dergleichen Flexibilität ist ja von uns allen derzeit dauernd gefordert. Und nicht immer wird diese große Herausforderung so gut bewältigt wie hier. Ich möchte sehr offen zu Ihnen sein und vorwegsagen, dass die aktuellen Umstände nicht nur von den Vortragsbedingungen her völlig anders sind, als es sonst bei den Wiener Vorlesungen der Fall ist. Ich beispielsweise blicke jetzt auf eine weiße Wand, mit einem kleinen schwarzen Kameraloch und habe keinen unmittelbaren Kontakt zu Ihnen und bemühe mich daher meine Spiegelneuronen möglichst zu aktivieren. Zudem ist es üblicherweise so, das habe ich mir von den entsprechenden Experten sagen lassen, dass die Vorbereitungszeit auf eine Wiener Vorlesung einige Monate beträgt. Meine Vorbereitungszeit allein war vier Tage. Das ist schon ein Unterschied. In Folge dieser beinahe surreal wirkenden Beschleunigung, die das Leben aller Gesundheitsanbieter und aller Veranstalter in Europa derzeit trifft, geschehen auch kleine Unschärfen, so bei dem Titel der heutigen Vorlesung, den ich selbst in größter Eile vorgeschlagen habe. Es geht natürlich nicht um irgendeine Krise, in der man psychisch gesund bleiben möge, sondern es geht um die Corona-Krise. Eine zweite nachzuholende Präzisierung des Vorlesungstitels betrifft den Passus, wie wir psychisch gesund bleiben können. Das setzt allerdings voraus, dass wir zurzeit alle psychisch gesund wären. Diverse Untersuchungen zeigen aber, dass zu einem x-beliebigen Zeitpunkt, also zum Beispiel gerade jetzt, etwa zehn Prozent der Bevölkerung psychisch erkrankt sind. Man nennt das Punkt-Prävalenz. Innerhalb eines Kalenderjahres sind dann etwa 30 Prozent der Bevölkerung psychisch erkrankt gewesen. Das wäre dann die sogenannte Ein-Jahres-Prävalenz. Jedenfalls ist mir dieser Teil der Bevölkerung ein besonderes Anliegen und für diese Gruppe geht es darum, nicht noch schwerer zu erkranken, als es ohnehin bereits der Fall ist. Es geht also in Summe darum, wie wir die Corona-Krise und ihre Folgen psychisch bewältigen. Und es geht darum, was wir als Einzelne und als Gemeinschaft dazu tun können. Eine erste Voraussetzung ist, dass wir das, was sich bei unseren Breiten in den letzten zehn, vor allem in den letzten sechs Wochen ereignet, als das erkennen, was es ist: eine Krise in existenziellem Ausmaß und in ungeheurem Tempo. Sei es durch die Pandemie selbst, sei es durch die Maßnahmen, die zur Eindämmung der Pandemie notwendig sind oder die man zumindest dafür für notwendig hält. Das für notwendig halten, ohne es genau zu wissen, ist übrigens keine Schande. Es gibt keine einfachen und bereits erprobten wirksamen Modelle zur Eindämmung einer derartigen Pandemie. Und es ist die weitaus heftigste, weltweite Krise der immerhin letzten 75 Jahre. Aber bevor wir das bewältigen können, müssen wir zuerst einmal erkennen, was es ist. Und dann müssen wir es auch verstehen, und dafür brauchen wir auch Zeit. Der Trend-Forscher Franz Kühmayer hat vor kurzem in einem Interview gemeint, dass wir - ich zitiere wörtlich – „auch bei der Corona-Krise den üblichen Krisenzyklus erleben werden. Leugnung, Schock, Aggression, Repression. Und dann die Freude, dass wir es geschafft haben.“ Ich möchte mich nicht festlegen, wo wir da geradestehen. Aber die Leugnung und den Schock haben wir zumindest zu einem Teil hinter uns. Die Freude liegt noch vor uns und es wird noch eine gewisse Zeit dauern, bis wir sie erreichen. Meine Hobbys sind ganz andere als das Bergsteigen, aber ich möchte mich doch einer Metapher mit einem Berg bedienen. Ein Berg als das Symbol der Krise. Und unsere Aufgabe ist es, diesen Berg zu überwinden, um unseren Weg danach nun viel leichter gegen Ende fortsetzen zu können. Um eine Krise alias Berg zu bewältigen, muss man zuerst einmal erkennen, wie hoch dieser Berg ist. Man ist auch gut beraten, es anzuerkennen, wie hoch er ist, also die Größe richtig einzuschätzen. Auch wenn uns dieses Einschätzen unangenehme Gefühle erbringt im Sinne von ziemlich hoch dieser Berg, und wir lieber hätten, er wäre kleiner, so gilt dennoch, dass sich dieser Berg nicht um unser Befinden kümmert. Wir können mit dem Berg nicht verhandeln. Und geübte Bergsteiger werden mir recht geben, dass es auch notwendig ist, Pausen einzuplanen. Und es überhaupt darauf ankommt, diesen Berg zu verstehen, also die günstigsten Bergwanderwege oder Kletterpfade zu bilden, und das sowohl beim Aufstieg wie auch beim Abstieg. Um eine Herausforderung zu bewältigen, müssen wir sie zuerst einmal also erkennen, richtig einschätzen und dann auch verstehen, und das gilt auch für die Corona-Krise. Zu verstehen, was macht dieses Virus und im Zusammenhang damit diese Krise so speziell? Erstens, dass wir entgegen unseren sonstigen Gewohnheiten keine Abwehrstoffe gegen dieses Virus haben, keine wirksamen Antikörper, bislang keine wirksamen Medikamente. Außer wir waren damit schon einmal infiziert, haben diese Infektion überlebt und haben dabei Antikörper gebildet, um sie in ausreichender Zahl und in ausreichender Wirkdauer vor einer Neuinfektionen schützen. Über diese Problematik wissen wir noch zu wenig. Aber die gesamte Wissenschaft, sozusagen alle gemeinsam, forschen intensiv daran. Und eine wirksame Impfung, wie es sie in einigen Monaten geben wird, verändert die Situation völlig zu unseren Gunsten. Zweitens ist dieses Virus offenbar sehr ansteckend und zwingt uns, auf körperliche Distanz zu gehen. Ich halte übrigens den Begriff des Social Distancing für unpassend und irreführend. Denn es geht um ein körperliches Distanzieren, keineswegs um ein soziales, und schon gar nicht um ein emotionales Distanzieren. Im Gegenteil, es geht um soziale Nähe. Es geht um emotionale Nähe und körperlicher Distanz. Unser soziales Ich ist bloß stark daran gewöhnt, körperliche Nähe in verschiedensten sozialen Situationen anzuwenden. Verschiedene Formen menschlichen Sozialverhaltens, wie zum Beispiel in unseren Breiten das Händegeben, der Händedruck, sind ein symbolhaftes Verhalten dafür, dass man vertrauenswürdig ist. Und diese Verhaltensformen sind mit der nötigen körperlichen Distanz völlig unmöglich. Auch deshalb müssen wir sie derzeit unterlassen. Erst recht ist unser emotionales Ich gefordert, das im wahrsten Sinne des Wortes Streicheleinheiten braucht. All das hat Gründe in der speziellen Eigenheit unseres Wesens als Menschenleben, die Yuval Noah Harari in seinem Buch "Eine kurze Geschichte der Menschheit" wunderbar beschrieben hat. Ihm zufolge beruht das Erfolgsgeheimnis des Menschen auf diesem Planeten in vielfacher Weise auf den sozialen Fähigkeiten bei Menschen. Und ganz besonders darauf, sogar in sehr großen Gruppen gemeinsam zu handeln, eine gemeinsame Idee, eine gemeinsame Erzählung, Geschichte zu entwickeln und an sie zu glauben und sie gleichsam zu erzählen. Wie die britische Queen in einer herausragend guten Rede auf die traditionelle Fähigkeit der Briten, in schwersten Krisen einen Gemeinschaftssinn zu entwickeln, Bezug nimmt, dann erzählt sie eine Geschichte.
Und Millionen Briten übernehmen diese Geschichte und tragen sie gemeinsam. Unser emotionales Ich hingegen ist deshalb so gefordert, weil wir im Vergleich zu allen anderen Lebewesen auf diesem Planeten noch sehr unfertig geboren werden und vergleichsweise sehr viele Jahre abhängig von den sozialen Interaktionen und der emotionalen Nähe anderer Menschen sind. Und von Menschen, die sich um uns kümmern, solange wir Kinder sind. In dieser Zeit erfahren wir über körperliche Nähe und Wärme, über Geruch und Stimme ganz viele Elemente, wie Sicherheit, Zufriedenheit, Wohlbefinden und vieles andere mehr. Wir gewöhnen uns daran und haben auch als Erwachsene ein Bedürfnis danach. Auch diese notwendige Nahrung für unser emotionales Ich ist durch die Bedrohung des Corona-Virus um einiges schwieriger, zumindest riskanter zu [UNINTELLIGIBLE].
Wir bräuchten also gar keine weiteren Pandemie-Eindämmungs-Maßnahmen. Diese Formen auf uns Menschen belastend einzuwirken werden schon schwierig genug. Was können wir also all dem entgegenhalten? Wie können wir diese Corona-Krise bewältigen und wie können wir sie überwinden? Ich möchte Ihnen sieben Anhaltspunkte dazu geben, sieben Punkte, um sich psychisch anhalten zu können.
1. Die Perspektive:
Diese Krise wird vorbeigehen - und zwar sowohl medizinisch als auch wirtschaftlich und gesellschaftlich. Sie wird deshalb vorbeigehen, weil wir Menschen eben die Fähigkeit haben, dass wir in großen Gruppen sozial kommunizieren können und auch sehr gut gemeinsame Anstrengungen unternehmen können. Es haben sich zu Beginn dieser Krise verschiedenste Staaten nicht gerade solidarisch verhalten, aber zunehmend gibt es ein großes gemeinsames Bemühen. Das wird vieles möglich machen.
2. Der Schutz:
Dieser Schutz ist zum einen ein körperlicher im Sinne der körperlichen Distanz. Ebenso hilft uns auch eine psychische Distanz. Nehmen Sie zuerst einmal Tempo raus und schützen Sie sich vor einer Überflutung mit schlechten Nachrichten und ganz besonders vor Fake-News. Aber auch bei seriösen Fakten genügt es, drei Mal am Tag upgedatet zu sein. Machen Sie dazwischen Pausen. Kommen Sie zur Ruhe. Und wenn Sie die Zeit dazu haben, beschäftigen Sie sich mit schönen Dingen, mit solchen, die Sie schon lange mögen, die Ihnen vertraut sind. Lesen Sie ein gutes Buch! Schauen Sie einen guten Film per DVD! Bereiten Sie sich ein gutes Essen! Bemerken Sie auch, wie schön die Natur im Frühling bereits wieder ist! Belohnen Sie sich und schützen Sie sich mit dem Bewahren des Schönen vor den Widrigkeiten.
3. Die Struktur:
Schaffen Sie Strukturen, sei es in der Zeit, also im Tagesablauf, der einem ein Gerüst zum Anhalten geben soll, als auch in der Raumstruktur. Vor allem bei beengten Wohnverhältnissen achten Sie darauf, dass jeder seine Ecke, seinen eigenen Platz hat. Und dass dieser Platz wirklich diesem einzelnen Menschen vorbehalten ist. Schaffen Sie Ordnung ruhig auch mit Bedacht und ohne Hetze. Das gibt ein gutes Sicherheitsgefühl. Schaffen Sie auch eine Struktur in Ihren telefonischen Kontakten oder auch bei Ihrer Videotelefonie.
4. Der soziale Aspekt:
Achten Sie auf Ihre Beziehungsmenschen, auf Ihren sozialen Airbag. Bleiben Sie mit den Menschen, die Ihnen wichtig sind, und auch für die Sie wichtig sind, in Kontakt. Wenngleich jetzt eben in körperlich distanzierter Form. Aber wozu haben wir Menschen das Handy, Skype, Facetime, und was es sonst noch alles gibt, erfunden, wenn nicht für jetzt. Mit Ihren Kontakten seien Sie bitte freundlich. Sie werden davon profitieren. Denn dann wird man auch zu Ihnen freundlich sein. Zusätzliche Konflikte in der Krise sind ein entbehrlicher Mühsal. Helfen Sie anderen, ohne dabei unvorsichtig zu sein und lassen Sie sich auch helfen, wenn Sie Hilfe brauchen. Menschen können alleine sein und das Alleinsein gut aushalten, manchmal sogar brauchen. Aber niemand braucht es, einsam zu sein. Wenn wir aufeinander achten und in Beziehung bleiben, sind wir nicht einsam. Ein Interviewer hat mich kürzlich nach Möglichkeiten gefragt, älteren Menschen aus ihrer Isolation zu helfen. Ich meinte, dass aktives Anrufen gerade auch per Telefon eine Art des Besuches ist und gut helfen kann. Der Interviewer schien mir geradezu ein wenig enttäuscht. Aber als jemand, der 30 Jahre fast wöchentlich auf einem Krisentelefon tätig war, darf ich Ihnen versichern, dass ein Telefonat sehr hilfreich seien kann, um in eine gute menschliche Beziehung, in einen guten Kontakt zu kommen. Genau dieser Aspekt ist für viele Menschen wichtig. Für jene, die schon a priori an einer psychischen Erkrankung leiden, ist es derzeit ganz besonders.
5. Die körperliche Gesundheit.
Sie ist auch ein wesentlicher Aspekt für die psychische Gesundheit. Achten Sie auf Ihre Körperhygiene. Dazu gehört auch körperliche Betätigung, zum Beispiel Fitnessübungen zu Hause oder auch ein Spaziergang im Freien. Nehmen Sie Ihre notwendigen Medikamente gerade jetzt zu regelmäßigen Uhrzeiten. Achten Sie zum Beispiel auch auf Ihre Zahnhygiene, auch ausreichend Schlaf, der in der Regel vor Mitternacht beginnen sollte. Trinken Sie ausreichend, nicht alkoholische Flüssigkeiten und halten Sie gerade jetzt den Alkoholkonsum in verträglichen Grenzen und schaffen Sie nicht ein zusätzliches Problem für sich und andere.
6. Der Sinn:
Geben Sie Ihrem Dasein einen Sinn und frei nach Viktor Frankl, dem Erfinder der Logotherapie, kann dieser Sinn auch ausschließlich darin bestehen, diese schwierige Zeit zu überstehen. Selbstverständlich kann es auch darum gehen, anderen etwas zu geben. Aber es ist genauso legitim, wenn es jetzt einmal ausschließlich um Sie selbst geht.
7. Das Gemeinschaftsgefühl:
Ein menschliches Empfinden, dessen Entdeckung und Beschreibung wir dem Wiener Arzt und Psychotherapeuten Alfred Adler verdanken. Es wurde von ihm als eine Art Zusammengehörigkeitsgefühl aller Menschen zueinander beschrieben und mit modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen wie zum Beispiel zu den Spiegelneuronen in gewisser Weise bestätigt. Es ist der menschlichen Fähigkeit des Gemeinschaftsgefühls zuzuschreiben, dass Menschen Gesundheitsberufen in manchen Ländern, schlecht vor Ansteckung geschützt, sich um Corona-kranke Menschen kümmern und dabei persönlich viel riskieren. Auch die berührenden Bilder aus Italien oder England, wo hunderttausende Menschen zu bestimmten Zeiten, beispielsweise Donnerstag um 18 Uhr, alle gemeinsam sich bei diesen Heldinnen und Helden für ihre Leistung bedanken. Und eine große und berührende gemeinsame Geschichte teilen. Zum Abschluss möchte ich als jemand, der selbst in jungen Jahren an Intensivstationen tätig war, allen Kolleginnen und Kollegen aus der Ärzteschaft und der Pflege, die Corona-Kranke, auf welchen Stationen auch immer, behandeln, meinen Dank und meinen größten Respekt aussprechen, auch allen Schlüsselkräften, wie es heute so heißt. Und nicht zuletzt meinen Teams beim psychosozialen Dienst Wien, und auch bei pro mente Wien jenen Teams, die unmittelbaren Patientenkontakt haben, ganz besonders. Sie alle machen einen großartigen Job, und das in einer Atmosphäre, die ganz stark vom Gemeinschaftsgefühl geprägt ist. Mein Dank geht auch an alle Patientinnen und Patienten und deren Angehörige, dass sie diese veränderten Bedingungen dieser schwierigen Zeit mit einem so großen Bemühen akzeptieren und ebenso versuchen, das Beste daraus zu machen. Und schließlich noch eine Bitte an Sie alle, gerade jetzt vor den Osterfeiertagen. Es ist in dieser Stadt, in Wien, bislang ausnehmend gut gelungen, die medizinischen und menschlichen Katastrophen hintanzuhalten. Sicher auch aufgrund der weisen Maßnahme, hier mit Ärzte-Notdienst zu agieren, der ganz besonders hervorragende Arbeit leistet. Dennoch gibt leider es auch in Wien bereits zu beklagende Todesopfer der Corona-Krise und wir alle können einiges tun, um diese Zahl möglichst gering zu halten. Ein sozusagen gemeinsamer Appell an uns alle. Bleiben Sie überwiegend zu Hause. Halten Sie alle Vorsichtsmaßnahmen ein. Bleiben Sie besonnen und in körperlicher Distanz. Und haben Sie dafür umso mehr soziale und emotionale Nähe. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit. Ich wünsche Ihnen alles Gute und bleiben sie gesund.
00:22:00
Sonja Kato: Herzlichen Dank, Primarius Psota. Danke vielmals für diese Einschätzung der momentanen Lage. Danke auch für die sieben Punkte, die Sie uns mitgegeben haben. Sie sind natürlich sicher vielen, die heute mit dabei sind, auch als Buchautor bekannt. „Das weite Land der Seele. Über die Psyche in einer verrückten Welt“ der Titel des einen und „Angst erkennen, verstehen und überwinden“ der andere Buchtitel. Man könnte sagen, Sie sind wahrscheinlich auch durch Ihre jahrelange Erfahrung keiner, an dem man auch nur irgendwie vorbeikann, wenn es um die psychische Gesundheit einer Gesellschaft geht. Wenn ich Sie jetzt fragen würde um Ihre Einschätzung, aus der langjährigen Erfahrung kommend, aus der Theorie kommend, aus der Wissenschaft kommend, jetzt quasi im Feld mit einer Pandemie, wo Sie sagen, das Krisenausmaß ist das letzte Mal vor 75 Jahren in etwa so hoch in diesem Land empfunden worden. Wie halten sich die Wienerinnen und Wiener Ihrer Einschätzung nach? Hätten Sie das so erwartet, von dem, was Sie vorher beforscht und auch schon durch Ihre Arbeit im PSD und bei pro mente Wien erfahren haben? Hätten Sie das so eingeschätzt? Oder haben Sie das Gefühl, hier überrascht Sie auch etwas am Umgang mit der Krise?
00:23:23
Psota: Also. Vorweg: Ich glaube an die Wienerinnen und Wiener. Und ich bin auch davon überzeugt, dass die Wienerinnen und Wiener mit dieser Situation so gut zurechtkommen, wie sie es nur irgendwie schaffen. Man muss schon bedenken, dass es die Wienerinnen und Wiener schwerer haben wahrscheinlich als irgendeine andere Population in Österreich, weil es einfach noch mehr kleine Wohnungen gibt und mehr Menschen auf gänzlich engem und bedrängtem Raum zusammenkommen. Aber so sehr ich glaube, dass wir in Wien ganz gut unterwegs sind und diese Krise noch ziemlich, zumindest medizinisch, im Rahmen halten können, so sehr bin ich auch sicher, dass das weiterhin notwendig sein wird.
00:24:10
Sonja Kato: Sie haben ja auch in Ihrem Vortrag explizit darauf hingewiesen, dass die bevorstehenden Osterfeiertage nicht dafür genutzt werden sollen, dass man sozusagen unter Leute geht, dass man diese Aufrechterhaltung der Maßnahmen unterwandert. Und Sie haben da auch, glaube ich, eine ganz wichtige Unterscheidung getroffen zwischen dem Begriff des Social Distancing, der ja doch in aller Munde ist, und dem, worum es eigentlich geht. Nämlich um das Physical Distancing, um das körperliche Distanziertsein. Welche Rolle sehen Sie da in dieser Situation, die durch die sozialen Medien sozusagen eingenommen werden können? Sehen Sie das eher positiv, oder ist da auch die Gefahr momentan zu groß, dass man dem auch von Ihnen angesprochenen Phänomen der Fake News ausgesetzt ist?
00:25:03
Psota: Ich habe den Eindruck, dass die sozialen Medien, wenn man sie als Gesamtheit betrachtet, ja auch eine der Möglichkeiten des Austausches, des sozialen Austausches sind. Dass die Heftigkeit oder Tendenz der Fake News, der Varianten ja mittlerweile schon abgenommen hat. Was mir aber besonders wichtig ist, ist, darauf hinzuweisen, dass wir eben dieses Phsyical Distancing sicher noch einige Zeit aufrechterhalten sollten. Ich habe es ja schon angesprochen. Es ist ja wirklich vonnöten, dass wir weiterhin besonnen bleiben, sonst ist all das, was wir uns mühevoll in den letzten Wochen sozusagen an Vorsprung gegenüber Corona erarbeitet haben, ist das dahin. Das wäre sehr schade. Wenn es uns gelingt, diese mangelnde körperliche Nähe - es ist ein Mangel, es fehlt uns, selbstverständlich fehlt uns das. Auch unsere ganzen sozialen Riten! Das ist eine Soziobezeichung. - Wenn es uns gelingt, diesen Mangel einfach durch besonders geschickten Umgang mit den technischen Möglichkeiten, aber auch durch besondere emotionale Wärme auszugleichen, dann haben wir viel erreicht.
00:26:36
Sonja Kato: Ein Phänomen war in Wien vor allem zu beobachten, nämlich dass aus Nachbarschaften wieder echte Gemeinschaften geworden sind. Ich kenne persönlich kein Haus, in dem mir Angehörige oder in dem ich selbst wohne, wo nicht binnen 48 Stunden eine Liste hang, meistens von den jüngeren Hausbewohnerinnen und Hausbewohnern gestartet: „Brauchen Sie Hilfe? Hier können Sie mich erreichen. Ich übernehme gerne Besorgungen für Sie.“ Etwas, was einer Millionenstadt wie Wien zweifellos guttut, wenn wir alle ein Stück zusammenrücken. Und trotzdem muss man beobachten, dass sich manche schwertun dabei, sich helfen zu lassen. Das hat natürlich auch viel mit dem eigenen Anspruch auf Autonomie zu tun. Welche Bevölkerungsgruppen würden Sie da als besonders gefährdet dafür einschätzen, die sich jetzt schwertun damit, sich helfen zu lassen? Was können wir diesen zur Seite stellen? Oder was ist da auch Ihr fachlicher Rat?
00:27:40
Psota: Ich glaube, dass das Sich-helfen-lassen-können, oder eben das nicht zu können, eine sehr individuelle Angelegenheit ist, also es sehr auf den individuellen Menschen ankommt, und würde das gar nicht unbedingt bestimmten Bevölkerungsgruppen zuschreiben. Aber vor allem finde ich es großartig, dass es eben jetzt so ein gutes Beispiel für das Gemeinschaftsgefühl, so eine Atmosphäre gibt, in dem viele bereit sind, den anderen zu helfen. Ich denke, dass eine der wenigen Möglichkeiten, denen, die Hilfe sehr schwer annehmen können, trotzdem es ihnen gleichsam nachzutragen, aber ohne ihre Grenzen zu verletzen. Ich meine natürlich alles in physischer Distanz. Aber es geht um Angebote, die wir setzen müssen, dass auch diejenigen, die sich schwer damit tun, sich helfen zu lassen, darauf einstellen können.
00:28:44
Sonja Kato: Abgesehen von Hilfen im Alltag, wenn man merkt, da gibt es jemanden, der Hilfe braucht beim Einkauf. Wie kann man auch Hilfe vermitteln, die zum Beispiel über die Ambulatorien des Psychosozialen Dienstes der Stadt Wien angeboten wird? Wie kann man hier hilfreich sein? Gibt es Telefonnummern, die Sie empfehlen? Was ist eine Verhaltensmaßregel, an der man sich orientieren kann, wenn man merkt, da ist jemand in meiner Umgebung. Ich merke es vielleicht auch an der Stimme am Telefon, der droht mir jetzt wegzubrechen. Dem sind die vier Wochen jetzt einfach schon zu viel.
00:29:22
Psota: Das erste, was man machen kann und soll, ist, das gegenüber diesem Menschen auch anzusprechen. Dass man den Eindruck hat, dass es so ist. Und wenn der betroffene Mensch dann fürs Erste nicht gleich in der Lage ist, Hilfe annehmen zu wollen, dann ist es wichtig, sich zu erkundigen, wie denn die Hilfe aussehen könnte. Wenn man das Hilfsangebot schon ein Stück weit besser beschreiben kann, ist es einen neuerlichen Versuch wert, mit diesem Menschen, der einem wichtig ist, zu sprechen und dieses Hilfsangebot jetzt in mundgerechter Weise zu unterbreiten. Das ist etwas, was in Krisentelefonen, Sozialpsychiatrischen Notdiensten, psychosozialen Informationen mit der Nummer 0131330 geschieht. Wir können aber dann fürs Erste auch nur beratend helfen.
00:30:28
Sonja Kato: Sie haben trotzdem vorhin der Bedeutung des Telefonats sozusagen, für die Bedeutung des Telefonats eine Lanze gebrochen. Sie haben gemeint, das kann trotzdem wirklich ganz viel helfen, wenn man sich telefonisch umeinander kümmert. Trotzdem ist die Frage: Jetzt sind wir am Ende der vierten Woche von einem sehr isolierten Leben. Sie haben vorhin gemeint, Sie wissen noch nicht genau bei der Metapher des Berges, wo wir uns hier befinden. Wie weit werden uns die Möglichkeiten, die wir jetzt haben, also eben durch das physikalische sozio- und körperliche Distanziertsein, nur über Telefon oder wie wir das jetzt auch machen, mit Videokameras über verschiedene Standorte hinweg zu kommunizieren. Wie lange wird uns das noch genügen? Oder andersherum gefragt: Wie können wir verhindern, dass die Bereitschaft der Menschen, sich an diese Form der Kommunikation und des Miteinanders zu halten, nachlässt?
00:31:32
Psota: Ich glaube, das ist auch sehr unterschiedlich, in welchem Ausmaß und in welcher Zeitdauer das Menschen aushalten. Ich glaube, dass es eine ganz, ganz große überwiegende Mehrheit gibt, die das so lange aushalten, solange es nötig ist. Und es wäre ganz wichtig, dass diese große, überwiegende Mehrheit auch den anderen mit Besonnenheit vermittelt oder den anderen in dieser schwierigen Lage, die eben nicht so besonnen sind, mit Besonnenheit vermittelt, dass es notwendig ist, das weiter auszuhalten, weil wir keine großartigen anderen Optionen haben. Die Alternative dazu, diesen Berg zu überwinden, ist nicht wirklich gegeben. Wir können, solange es noch keine Impfung und keine entsprechenden Medikamente gibt, nicht einfach umkurven. Das wird nicht gelingen. Daher plädiere ich sehr, appelliere ich sehr an diese Eigenschaften wie Besonnenheit und auch ein Stück weit Disziplin.
00:32:55
Sonja Kato: Besonnenheit, Disziplin, das sind ganz sicher auch Eigenschaften, die Sie brauchen in Ihrer Funktion als Leiter des Psychosozialen Krisenstabs der Stadt Wien, der Anfang des Monats April eingerichtet wurde. Wollen Sie uns da vielleicht ganz kurz erzählen, wie dieser Krisenstab funktioniert. Was hier für Entscheidungen getroffen werden oder wie regelmäßig man sich hier austauscht und welchen Handlungsspielraum es da gibt?
00:33:22
Psota: Ja, dieser Wiener psychosoziale Krisenstab wurde Ende März von Stadtrat Hacker initiiert. Ich wurde damit beauftragt, einen solchen Krisenstab zu bilden, und es ist dann auch in sehr kurzer Zeit gelungen, das mit einer ganzen Reihe von wesentlichen Komponenten dieser Stadt zu tun. Und es sind in diesem Krisenstab alle wesentlichen Institutionen des psychiatrisch-psychosozialen Bereichs der Stadt vertreten. Die einzelnen Damen und Herren des Krisenstabs sind eine mittlerweile sehr innig und viel kooperierende Gruppe geworden. Wir haben mittlerweile auch viele internationale Daten zu all diesen psychosozialen Themen, die heute zum Teil zumindest angeschnitten wurden, und es ist ganz eindeutig so, dass eine Pandemie, sei es durch die Pandemie selbst, aber auch durch die Maßnahmen, die im Rahmen von Pandemien gebraucht werden und die auch jede Menge wirtschaftliche und existenzielle Folgen haben, dass zuerst natürlich die medizinischen und körperlichen Auswirkungen im Vordergrund sind. Und mit der Zeit dann recht bald die psychosozialen Folgen zunehmen und ein beträchtliches Ausmaß annehmen können. Und genau um diese psychosozialen Folgen so gering wie möglich, um negative Auswüchse so gering wie möglich zu halten, sind möglichst viele positive Ansätze dem entgegenzuhalten. Genau zu diesem Zweck wurde dieser Krisenstab etabliert.
00:35:16
Sonja Kato: Danke vielmals. Meiner Einschätzung nach ist da auch die Stadt Wien einen Schritt voraus, dass das hier von relativ Anfang an mitgedacht wird und auch Angebote formuliert werden. Sie haben aber ganz am Beginn Ihrer Wiener Vorlesung natürlich auch darauf Bezug genommen, dass wir auch unter so genannten normalen Bedingungen natürlich einen gewissen Anteil - zehn Prozent in etwa - in der Bevölkerung haben, die sozusagen nicht psychisch gesund sind, die schon psychisch erkrankt sind, bevor oder ganz unabhängig davon, ob eine gesamte Krise die Gesellschaft erfasst. Wie geht diese Klientel, die vermutlich auch sonst schon die Einrichtungen der Stadt Wien hoffentlich kennt und auch nutzt, wie geht die mit dieser besonderen Krise um? Merken Sie da einen Anstieg an entsprechenden Kontakten bei den Ambulatorien des PSD oder bei anderen Einrichtungen der Stadt?
00:36:18
Psota: Ich möchte erst noch festhalten, dass diese Gruppe innerhalb eines Jahres 30 Prozent ist. Zu einem bestimmten Zeitpunkt sind es zehn Prozent. Zum zweiten ist ganz wichtig festzustellen, dass das eine sehr heterogene Gruppe ist. Womöglich sind es ja auch im nächsten Jahr nicht die gleichen 30 Prozent, und im Jahr davor waren es auch nicht die gleichen 30 Prozent. Hier geht es um sehr heterogene Sub-Gruppen. Es geht letztlich darum, wie unterschiedlich einzelne Menschen mit der Situation zurechtkommen. Wir machen die Erfahrung, dass es a priori psychisch kranke Menschen gibt, die mit dieser Situation erstaunlich gut zurechtkommen. Die in gutem Kontakt mit uns sind und bleiben. Wir machen auch andere Erfahrungen. Aber es unterscheidet sich aus meiner Sicht gar nicht so wesentlich, wie es jetzt bei anderen Gruppen der Bevölkerung ist, dass es psychisch kranke Menschen gibt, die mit dieser Situation ganz schwer zurechtkommen und in große Schwierigkeiten geraten. Und in all diesen Unterschiedlichkeiten, ist es notwendig, dass wir den Menschen versuchen, eine Stütze zu sein. Wir bemerken beim Psychosozialen Dienst keine Zunahme unserer Kontakte. Wir haben sie ja auch reduziert, die persönlichen Kontakte, weil das aus letztlich virushygienischen Gründen eine weise Überlegung ist, das zu tun, weil sonst natürlich auch die Gefahr besteht, dass es bei unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in einem höherem Ausmaß zu Infizierten kommen. Was zum einen den Personen schlecht tut oder zum anderen dem Gesamtgebilde als Struktur unserer Funktionen auch ausfallen würden. Aber wir machen die Erfahrung, dass die sehr veränderten Formen des Kontaktes, die wir derzeit mit unseren Patientinnen und Patienten haben, auch mit unseren Angehörigen oder Nicht-Angehörigen der Patienten, dass diese Formen des Kontaktes überwiegend sehr gut angenommen werden. Ich möchte noch etwas hinzufügen. Das kann ich auch verdichten und verdeutlichen. Es ist einfach wichtig, dass wir mit unseren Patientinnen und Patienten in Beziehung bleiben, dass diese Konstanz einfach erhalten bleibt. Das ist ein Faktor, der mit Sicherheit sehr hilfreich ist.
00:39:01
Sonja Kato: Das heißt, auch hier gilt Stabilität geben. Der Appell, den Sie auch vorhin an die Mehrheit der Gesellschaft gegeben haben. Die, die diese Krise gut tragen können, sollen sozusagen durch ihr Verhalten auch die anderen, die vielleicht ein bisschen instabiler sind, mittragen. Abschließend darf ich vielleicht noch einmal auf das Bild, auf die Metapher mit dem Berg kommen. Sie haben in Ihrem Vortrag gemeint, dass einerseits sozusagen die Krise und damit der Berg, die Höhe des Berges, die Ausformung des Gesteins, das ist nicht verhandelbar. Das ist die Grundannahme. Aber es ist trotzdem wichtig, sich auf diesem Weg immer wieder Pausen zu gönnen. Jetzt sind vor uns die Osterfeiertage. Physical Distancing ist die Botschaft der Stunde. Aber wie können wir diese Pause trotzdem so für uns gestalten, dass sie uns psychisch stabiler und sozusagen kräftig macht für das eigene Wohlbefinden, aber auch, um für andere stabil zu sein?
00:40:13
Psota: Also, ich glaube tatsächlich, dass die erste und wichtigste Botschaft ist, jetzt erst mal zur Ruhe zu kommen. Zumindest diejenigen, die jetzt zur Ruhe kommen können aufgrund ihrer äußeren Faktoren, sollten das wirklich gut nützen. Es ist wirklich wichtig, dass wir von diesem beschleunigten Aufregungsleben einfach zu einer gewissen Ruhe wieder zurückfinden. Ein anderer Aspekt ist sicher, dass auch wenn wir es jetzt sinnvollerweise nicht alle zugleich unbedingt die Natur erleben sollten, weil das dann auch einfach eine räumliche Enge produziert, die schon auch Nachteile und Gefahren durch den Virus mit sich bringt. Aber so können wir doch auch die Freude empfinden, dass das Frühjahr jetzt begonnen hat und hier wirklich sehr Schönes sehen. Und ich denke, es ist ganz wichtig, dass wir dieses Schöne zulassen, dass wir es bemerken, dass wir es spüren und in uns aufnehmen und dass wir es auch weitergeben, dass wir auch davon anderen erzählen. Und das andere wichtige in diesen nächsten Tagen ist, denke ich, mit den Beziehungsmenschen einfach in Beziehung zu bleiben und diese Beziehungen durch zwar, wie bereits öfter gesagt, physische Distanz, aber soziale und emotionale Nähe zu bekräftigen.
00:41:46
Sonja Kato: Herzlichen Dank, Herr Primarius Psota. Mir bleibt, mich bei Ihnen und natürlich auch bei Ihnen im Publikum der Wiener Vorlesungen online herzlich für das Dabeisein heute zu bedanken. Und ich darf Sie auch jetzt schon zur nächsten Wiener Vorlesung, die in zwei Wochen, ebenfalls am Donnerstag um 18 Uhr, den 23. April stattfinden wird, einladen. Der Titel der nächsten Wiener Vorlesung: „Gesellschaft im Umbruch. Was macht die Pandemie mit uns?“ Es werden erste Ergebnisse aus den Sozialwissenschaften präsentiert von Barbara Prainsack vom Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien. Moderiert wird die nächste Vorlesung wieder von meinem Kollegen Günther Kaindlstorfer.
Herzlichen Dank! Schönen Abend und schöne Feiertage.

Wiener Vorlesung online: Gemeinsam statt einsam

Wie wir in der Krise psychisch gesund bleiben. Vortrag von Georg Psota, Chefarzt der Psychosozialen Dienste in Wien, am 9. April 2020, anschließend im Gespräch mit Moderatorin Sonja Kato.

Produktionsdatum: 2020
Copyright: w24

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