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Mitschrift

Willkommen auf der Homepage der Desinfektionsmittel-Datenbank WIDES. Mein Name ist Manfred Klade. Ich habe in Kooperation mit einem Expertenteam das Bewertungsraster für die Datenbank entwickelt. In den nächsten Minuten werde ich Ihnen die wesentlichen Grundlagen der Bewertung von Desinfektionsmitteln in der WIDES-Datenbank vorstellen. Das Bewertungsraster der WIDES wurde in drei Schritten erstellt. Zuerst wurden jene nachteiligen Wirkungen auf Umwelt und Gesundheit kategorisiert, welche aus Sicht des Expertenteams relevant sind. In einem zweiten Schritt wurden Wirk- und Inhaltsstoffe von marktüblichen Desinfektionsmitteln in diesen Kategorien bewertet. Anschließend wurden die Desinfektionsmittel selbst einer Bewertung unterzogen. Dies auf Basis der Inhaltsstoffbewertung und unter Berücksichtigung der jeweiligen Konzentrationen der enthaltenen Stoffe in der Gebrauchslösung.

Kategorien nachteiliger Wirkungen

Hier sehen Sie die von unserem Expertenteam ausgewählten sechs Wirkkategorien. Diese beschreiben nachteilige Eigenschaften von Desinfektionsmitteln für Anwender und Anwenderinnen wie die Reiz- und Ätzwirkung, die akute Giftigkeit, insbesondere für die Atemwege, das allergene Potenzial sowie erbgutschädigende, krebserzeugende und reproduktionstoxische, kurz CMR-Eigenschaften, einschließlich chronisch toxischer Wirkungen. Desinfektionsmittel gelangen auch in das Abwasser und können dabei die Biologie von Kläranlagen und Wasserorganismen schädigen. Diese nachteiligen Wirkungen werden mit den Wirkkategorien "Verhalten in Kläranlagen" und "Verhalten in Oberflächengewässern" erfasst.
Bewertung von Wirk- und Inhaltsstoffen

Nun zum zweiten Schritt, der Bewertung von Wirk- und Inhaltsstoffen. Die Grundregel dabei lautet: Jedem Wirkstoff wird in allen sechs Wirkkategorien eine Bewertungszahl zugeordnet. Diese ist ein Maß für die von einem Stoff ausgehende Gefährdung, wobei die Bewertungszahl 1 keine, 2 eine geringe, 3 eine mittlere, 4 eine hohe und 5 eine sehr hohe Gefährdung repräsentiert.

Regeln für die Stoffbewertung
Nun werde ich kurz auf die Regeln eingehen, nach denen die Bewertungszahlen zugeordnet werden. Hier orientieren wir uns am EU-Chemikalienrecht. Mit 1.12.2010 hat die C LP-Richtlinie die EU-Stoffrichtlinie abgelöst und es sind für die Gefahrenkennzeichnung von Stoffen die H-Sätze zu verwenden. Diese sind zusammen mit den weiterhin für Zubereitungen gültigen R-Sätzen in das WIDES-Bewertungsraster integriert und werden vorzugsweise für die Stoffbewertung verwendet. Das Beispiel bezieht sich auf die Stoffeigenschaft "Akute Giftigkeit". Ist ein Stoff diesbezüglich gut untersucht und kein H-Satz zugeordnet, vergeben wir die Bewertungszahl 1. Das heißt, der Stoff ist in dieser Wirkkategorie unbedenklich. Wir vergeben die Bewertungszahl 2, wenn der Stoff als gesundheitsschädlich eingestuft ist. Für giftige Stoffe vergeben wir die Bewertungszahl 3. Die Bewertungszahl 4 kann entweder ein als lebensgefährlich eingestufter Stoff erhalten oder ein Stoff, wenn er zugleich als giftig und ätzend eingestuft ist. Die höchste Bewertungszahl 5 erhalten Stoffe, wenn sie als lebensgefährlich und zugleich ätzend eingestuft sind. Schließlich gilt: Ist die Datenlage widersprüchlich oder unzureichend, dann vergeben wir keine Bewertungszahl, sondern markieren diesen Umstand durch ein Fragezeichen.

Beispiel für eine Wirkstoffbewertung: Glutaraldehyd

Dazu ein praktisches Beispiel. Dieses zeigt, wie wir den Wirkstoff Glutaraldehyd bewerten. Für Glutaraldehyd weist das EU-Chemikalienrecht folgende H-Sätze aus: Glutaraldehyd ist giftig beim Verschlucken und Einatmen (H301, H331). In Kombination mit seiner ätzenden Wirkung wird dafür die Bewertungszahl 4 vergeben. Für seine ätzende Wirkung als solche wird der Stoff in der Kategorie "Reiz- und Ätzwirkung" mit 4 bewertet. Weiters ist Glutaraldehyd mit dem H-Satz 334 als sensibilisierend bei der Einatmung eingestuft, was wir mit der höchsten Bewertungszahl 5 ausweisen. H-Satz H400 bedeutet, dass Glutaraldehyd sehr giftig für Wasserorganismen ist. Dies bewerten wir mit 4. Glutaraldehyd ist mäßig toxisch für Bakterien in Kläranlagen, wofür wir Bewertungszahl 3 vergeben. Und schließlich werden für Glutaraldehyd nach aktueller Datenlage kanzerogene, mutagene und reproduktionstoxische Gefährdungen nicht angenommen. Wir bewerten diese Datenlage mit der Bewertungszahl 1 für CMR-Eigenschaften.

Bewertung von Produkten

Das eigentliche Ziel ist die Bewertung von Produkten. Dazu ist die Bewertung von Wirk- und Inhaltsstoffen nur eine notwendige Voraussetzung. Ich möchte nun skizzieren, wie eine Produktbewertung durchgeführt wird. Dazu wird die Bewertungszahl gespreizt, das heißt, sie wird logarithmisch skaliert und der erhaltene Zahlenwert wird mit der jeweiligen Stoffkonzentration multipliziert. Dann werden alle Zahlenwerte aller im Produkt enthaltenen Stoffe aufsummiert und die Summe wird entlogarithmiert. Schließlich werden die Bewertungszahlen für das Produkt in Farbcodes von hellgelb bis rot umgewandelt. Der gewünschte Effekt ist folgender: Ein Wirkstoff mit hohem Gefährdungspotenzial, aber geringer Konzentration wird so in der Bewertung angemessen berücksichtigt.

Rechenmodell an einem Beispiel erläutert

Diese Folie erläutert das Rechenmodell an einem Beispiel. Das Produkt enthält den Wirkstoff A mit hoher Gefährdung und somit Bewertungszahl 5 in einer geringen Konzentration von 0,8 Prozent. Weiters enthalten ist ein Wirkstoff B mit einer geringen Gefährdung (Bewertungszahl 2) in einer Konzentration von 20 Prozent. Die Spreizung beziehungsweise logarithmische Skalierung der Bewertungszahl erzeugt nun für den Wirkstoff A den Zahlenwert von 100.000, für B den Wert von 100. Diese Zahlenwerte werden jeweils mit den aus der Konzentration abgeleiteten Stoffanteilen 0,008 für A beziehungsweise 0,2 für B multipliziert. Beide Zahlenwerte werden nun addiert und die dabei erhaltene Summe von 820 wird entlogarithmiert. Die daraus erhaltene dimensionslose Zahl 2,9 ist ein Bewertungsmaß für das Produkt. Dieser Zahlenwert hat keine Aussagekraft an sich, sondern immer nur in Relation zu anderen Produkten.

Vergleich WIDES und CLP

Hier ein methodischer Vergleich der WIDES-Bewertung mit dem von der CLP-Verordnung vorgegebenen Berechnungsmodell für die Einstufung von Zubereitungen. Nach CLP ist ein giftiger Inhaltsstoff in einer Konzentration kleiner 0,1 Prozent nicht zu berücksichtigen. Von 0,1 bis 5 Prozent erfolgt keine Einstufung. Ist der Stoff zwischen 5 und 33 Prozent im Produkt enthalten, dann wird dieses als gesundheitsschädlich (H302) eingestuft. Bei einem Gehalt über 33 Prozent ist die Zubereitung als giftig mit H301 einzustufen. Diese Vorgangsweise führt bei der EU-Zubereitungsrechnung zu einer gestuften Bewertung. Im Vergleich dazu ist die WIDES-Bewertung geglättet und vermeidet Stufen. Dieser Effekt ist insbesondere bei der Bewertung von unterschiedlichen Wirkstoffkonzentrationen vorteilhaft.

Wirkkategorie Entzündlichkeit
Etwa ein Drittel der Produkte in der WIDES werden für die Flächen-Schnelldesinfektion, Händedesinfektion und Hautantiseptik angewendet. Diese Produkte sind mehrheitlich als entzündlich eingestuft und enthalten Alkohole in unterschiedlicher Konzentration. Bei Produkten in den genannten Anwendungsbereichen wird das Gefährdungspotenzial mit der Wirkkategorie "Entzündlichkeit" bewertet. Dabei sind die Produkte selbst Gegenstand eines zweistufigen Verfahrens. In einem ersten Schritt wird die Basisbewertungszahl anhand der H-Satz-Einstufung eines Produktes ermittelt, wobei die Klassifikationskriterien "Flammpunkt" und "Siedepunkt" sind. Im zweiten Schritt werden Zu- oder Abschläge ausgehend von der Basisbewertungszahl berechnet. Dazu werden geprüfte Produkteigenschaften herangezogen und zwar ein Flammpunkt unter 10°C, die Zündtemperatur, die untere Explosionsgrenze und der Explosionsbereich. Gewünschter Effekt der Zu- und Abschläge ist etwa, dass eine hohe Zündtemperatur gefährdungsmindernd und eine niedere Zündtemperatur gefährdungssteigernd wirkt.

(Keine) Expositionsberechnung
Risikobewertungen auf EU-Ebene berücksichtigen die Exposition für Mensch und Umwelt. In der WIDES-Bewertung ist das nicht vorgesehen, da nur Produkte in der gleichen Anwendungsgruppe verglichen werden. Aufgrund des identen Anwendungskontextes für Umwelt und AnwenderInnen können dabei aber auch ohne Expositionsdaten vergleichende Aussagen getroffen werden. Die WIDES berücksichtigt aber die Flüchtigkeit der Inhaltsstoffe durch vom Dampfdruck abhängige Korrekturfaktoren, da die Flüchtigkeit der enthaltenen Stoffe darüber Auskunft gibt, ob ein Stoff vermehrt eingeatmet werden kann oder ins Abwasser gelangt.

Weiterführende Informationen

Weitere Informationen zum Bewertungsraster finden Sie in der Datenbank in der Rubrik Dokumentationen im pdf-Dokument "Bewertungsraster".

Danke für Ihre Aufmerksamkeit.

Das Bewertungsraster der WIDES-Datenbank

Dr. Manfred Klade erläutert in einer ppt-Präsentation das Bewertungsraster der Wiener Desinfektionsmittel-Datenbank „WIDES“.

Länge: 9 Min. 22 Sek.
Produktionsdatum: 2013
Copyright: Stadt Wien

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