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Mitschrift


* Streichmusik *

Willkommen
zur fuenften "Wiener Vorlesung"

im heurigen Jahr.

Mein Name ist Sonja Kato,
und ich freue mich sehr,

Sie durch diesen historischen,
denkwuerdig

und sicher ganz besonderen Abend
als Moderatorin zu begleiten.

Es ist schoen,
zu sehen,

wie viele der Einladung heute
gefolgt sind.

Aber es ist natuerlich auch ein Blick
in die erste Reihe beeindruckend.

Wir haben ganz viele Ehrengaeste
heute hier.

Erlauben Sie mir,
dass ich an der Spitze

unseren Buergermeister,
Dr. Michael Ludwig,

mitsamt seiner Ehefrau
herzlich begrueße.

Schoen, dass Sie hier sind.

An seiner Seite und mir als bekennen-
der Muenchenfan eine besondere Freude,

ihn hier zu begrueßen,

der langjaehrige Oberbuergermeister
von Muenchen Christian Ude mit Gattin.

Schoen, dass Sie hier sind,
herzlich willkommen in Wien.

Und nur um das richtigzustellen:
1860 natuerlich.

Wenn schon Muenchenfan,
natuerlich nicht FC Bayern.

* Gelaechter *

Wir freuen uns auch,
dass er heute hier ist.

Herzliches Willkommen dem Landtags-
praesidenten Ernst Woller mit Gattin.

Schoen, dass Sie hier sind.
* Applaus *

Und natuerlich
ein herzliches Willkommen

jener amtsfuehrenden Stadtraetin,
ohne die wir alle nicht hier waeren,

die das Programm der Wiener
Vorlesungen verantwortet.

Herzlich willkommen Frau Stadtraetin
Veronica Kaup-Hasler.

In Begleitung Ihres Ehemannes,
schoen, dass Sie hier sind.

* Applaus *
Und danke fuer das Programm.

Ein ebenso herzliches Willkommen
an den hoechsten Beamten

hier im Haus und natuerlich
heute auch hier im Saal.

Herzlich willkommen dem Magistrats-
direktor Dr. Erich Hechtner.

Schoen, dass Sie hier sind.
* Applaus *

Und natuerlich darf ich Sie
noch um zweimal Applaus ersuchen

fuer die wissenschaftlichen
Vortragenden und RednerInnen heute.

Ein herzliches Willkommen
Prof. Konrad und Prof. Hauch.

Schoen, dass Sie hier sind.
* Applaus *

100 Jahre Rotes Wien.

Heroische Vergangenheit.

Auftrag an die Zukunft.

Vielleicht in manchem
auch ein Mythos.

Jedenfalls aber markiert
dieser 100. Geburtstag

den Aufbruch
in eine moderne Stadt.

Mit sozialem Wohnbau,
wie wir ihn kennen,

mit menschengerechter Architektur,

mit Bildungs- und Kulturpolitik
fuer alle.

100 Jahre Rotes Wien
heißt aber auch,

sich an die beiden Faschismen
des 20. Jahrhunderts zu erinnern.

Die diesem Aufbruch
vor 100 Jahren

nicht nur ein brutales Ende
bereitet haben,

sondern auch viele Menschen,

die dieses Rote, dieses moderne Wien
gestaltet und entworfen haben,

ermordet oder vertrieben haben.

Diesen Architektinnen und Architekten
jener Stadtordnung,

wie wir sie heute noch kennen,

und die uns ganz sicher
auch heute noch

zur lebenswertesten Stadt der Welt
macht,

wollen wir ganz bewusst
am Beginn dieser Veranstaltung danken

und ihrer gedenken.

100 Jahre Rotes Wien
heißt aber auch,

wie es der Chefredakteur
der Wiener Stadtzeitung "Falter",

glaube ich,
ganz trefflich formuliert hat:

ein Basteln
an einer besseren Welt.

Aber dieses "Basteln"
ist natuerlich eine Uebertreibung,

eine Untertreibung - Pardon!

Es ist ein taegliches hartes Arbeiten
an dieser besseren Welt.

Und dieses taegliche harte Arbeiten
an dieser besseren Welt,

das tragen alle Verantwortlichen
in dieser Stadt

noch immer sehr bewusst
auf ihren Schultern.

An der Spitze natuerlich
der Chef der Stadtregierung,

den ich jetzt
auf die Buehne bitten darf.

Buergermeister Dr. Michael Ludwig,
bitte schoen.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

ich darf Sie herzlich begrueßen hier
im Festsaal des Wiener Rathauses,

zu einer weiteren "Wiener Vorlesung".

Es ist ja eine Reihe,
die es jetzt seit 33 Jahren gibt,

die von Prof. Hubert Christian Ehalt
gegruendet worden ist

und von Dr. Daniel Loecker sehr
umsichtig jetzt weitergefuehrt wird.

Und diese Reihe
hat vor allem das Ziel,

einen Diskurs zu fuehren,
im Sinne der Aufklaerung,

Inhalte zu behandeln,
auch in der oeffentlichen Diskussion,

basierend
auf wissenschaftlichen Erkenntnissen.

Wir haben uns immer wieder
Themenschwerpunkte vorgenommen.

Der Schwerpunkt im heurigen Jahr
ist Utopien, Dystopien.

Also wie stellt man sich
die Zukunft vor?

Wie soll sie sein?

Aber wie soll sie auch
nicht sein?

Nachdem wir immer auf den Schultern
unserer Vorgaenger stehen,

ist es wichtig, immer auch
einen Blick zurueck zu machen.

Das haben wir
in der Stadt Wien auch

mit verschiedensten Themensetzungen
in den letzten Jahren gemacht.

Ich denke nur:
150 Jahre Ringstraße, beispielsweise.

100 Jahre Jugendstil.

Wir haben uns
mit kontroversiellen Personen

der Geschichte auseinandergesetzt.

Mit Karl Lueger
beispielsweise,

der zu verurteilen ist
wegen seinem Antisemitismus,

umgekehrt aber auch ein erfolgreicher
Wiener Buergermeister war.

Also wir versuchen
mit dieser Reihe "Wiener Vorlesungen"

auch durchaus kontroversielle
Diskussionen anzustoßen.

Das gelingt uns auch.

Auch das letzte Mal,
mit dem Vortrag von Jean Ziegler.

Eine Diskussion, die nicht nur hier
Menschen begeistert hat,

sondern weit darueber hinaus
auch die Medien beschaeftigt hat.

So soll es auch sein.

Wir wollen mit dieser Reihe
auch stimulieren,

dass sich in der Oeffentlichkeit
inhaltliche Diskussionen ergeben.

Und wir sehen das durchaus auch als
Stadt Wien in Kooperation

mit den verschiedensten Einrichtungen
der Zivilgesellschaft,

der Erwachsenenbildung,
aber auch der Universitaeten.

Und wir sind sehr stolz,

dass wir im deutschsprachigen Raum
die staerkste Universitaetsstadt sind.

Mit fast 200.000 Studierenden,

neun Universitaeten,
fuenf Fachhochschulen,

fuenf Privatuniversitaeten.

Und dass wir gezielt versuchen,
mit den "Wiener Vorlesungen"

auch einen Transmissionsriemen
zu bilden.

Zwischen dem,
was die Wissenschaft entwickelt,

und dem, was wir auch in
der Bevoelkerung diskutieren wollen.

Vor allem dann, wenn es darum geht,
Zukunft zu entwickeln.

Von daher ist der Schwerpunkt
"100 Jahre Rotes Wien" ein wichtiger.

Weil er zurueckschaut
in die Vergangenheit.

Anlass ist,
ziemlich genau heute vor 100 Jahren,

am 04. Mai 1919,

war die erste freie, gleiche,
geheime, direkte demokratische Wahl

fuer den Wiener Gemeinderat,

das erste Mal fuer Maenner,
und ganz besonders auch fuer Frauen.

Als eine der ersten Staedte
auch in Europa.

Also von daher lohnt es sich,
zurueckzublicken.

Aber es soll nicht nur eine Dis-
kussion ueber die Vergangenheit sein,

sondern stimulieren,
Anlass geben nachzudenken,

wie wir die Gegenwart bestreiten
und die Zukunft gestalten.

Die Moderatorin, liebe Sonja,
du hast zu Recht darauf hingewiesen,

wenn man sagt "100 Jahre Rotes Wien",
muss ich mich gleich korrigieren,

es waren nicht 100 Jahre, sie waren
unterbrochen von zwei Faschismen.

In dem Zusammenhang moechte ich
ebenfalls an jene denken,

die in diesen beiden Faschismen
gelitten haben,

und stellvertretend
die liebe Frau

unseren unvergessenen
Prof. Rudi Gelbard begrueßen.

Liebe Inge,
herzlich willkommen.

Wir werden unseren Rudi
nie vergessen,

der so viel, auch als Zeitzeuge,
fuer uns in Wien geleistet hat.

Ich moechte Sie aber auch am Beginn
noch darauf verweisen,

dass wir ein sehr umfassendes
Programm zusammengestellt haben.

Da danke ich vor allem

unserer Stadtraetin fuer Kultur
und Wissenschaft, Kaup-Hasler,

und dem Landtagspraesidenten
Ernst Woller,

dass wir diese "Wiener Vorlesung"

eingebettet in einer ganzen Reihe
von Fuehrungen und Exkursionen

durch das Rote Wien anbieten.

Es gibt
ein sehr umfassendes Programm.

Ich moechte Sie hinweisen
auf eine Ausstellung,

die sich mit Victor Theodor Slama
beschaeftigt.

Mit Plakaten, Ausstellungen,
Masseninszenierungen

und auch mit dem Fotografen
des Roten Wien, Martin Gerlach.

Und es gibt ein Wien-Geschichte-Wiki.

Wenn Sie nachschauen wollen,
im Internet ...

Manche sind da, glaube ich,
ein bissel besser vernetzt als ich.

Da gibt es eine Moeglichkeit,

sich sehr umfassend ueber alles,
was das Rote Wien betrifft,

zu informieren.

Das wird laufend
vom Stadt- und Landesarchiv

und der Stadt- und Landesbibliothek
eingespeist.

Und ich moechte Sie
natuerlich hinweisen

auf die hervorragende Ausstellung
im MUSA,

ueber "100 Jahre Rotes Wien".

Ich habe jetzt nur mitgebracht
den Folder,

aber es gibt einen Katalog,
der war mir zu schwer,

um ihn auf die Buehne zu bringen.

Aber es ist eine wirklich
sehenswerte Ausstellung,

die letzten Montag eroeffnet wurde,
gegenueber vom Rathaus.

Ich freu mich sehr, dass der Direktor
des Wien Museums hier ist.

Matti Bunzl, herzlich willkommen
dir und deinem Kuratorenteam.

Eine tolle Ausstellung.

Und wenn ich schon am Wort bin,

abschließend
noch eine Werbeeinschaltung.

Wir haben vorgearbeitet
fuer den heutigen Abend.

"Wir" ist gut ...
* Lachen *

Die Frau Prof. Gabriela Hauch
und der Prof. Helmut Konrad

haben ihre Vortragsbeitraege
schon vorher ein wenig konzipiert.

Und wir haben gemeinsam
mit dem Picus-Verlag

in der Reihe der "Wiener Vorlesungen"
diesen Band herausgebracht,

den es am Buechertisch
dann anschließend

um zehn Euro
kaeuflich zu erwerben gibt.

Einen Teil davon
werden wir heute hoeren.

Aber wer das nachlesen will,

hat die Gelegenheit,
sich diesen Band zu erstehen.

Zum Schluss moechte ich Sie
noch darauf hinweisen,

dass zwei Kamerateams
unter uns sind.

Naemlich W24 -

da koennen Sie uebermorgen,
am Mittwoch,

in der Sendung nachsehen,

wie der heutige Abend
gestaltet war.

Und ich begrueße auch herzlich
das Team von ORF3.

Hier wird es eine Sendung geben,

die vor allem die Diskussion
im Mittelpunkt hat,

die am 13. Juni
ausgestrahlt wird.

Also falls es Ihnen
unangenehm sein sollte,

im Bild vorzukommen
bei einer der Aufzeichnungen,

bitte ich, das zeitgerecht zu sagen,
wir werden Sie rausschneiden.

Ich glaube, alle anderen sind dann
einverstanden, dass sie vorkommen.

In diesem Sinne,
sehr geehrte Damen und Herren,

freue ich mich sehr,
dass Sie heute hierhergekommen sind.

Besuchen Sie alle weiteren Ver-
anstaltungen, die wir anbieten.

Ein herzliches Glueckauf!

Herzlichen Dank,
Herr Buergermeister.

Und Sie sehen, sollten Sie jemals
ein Buch herausgeben,

eine Ausstellung konzipieren,
das ist Ihr Mann,

wenn Sie wirklich fette Werbung
haben wollen.

Danke vielmals auch fuer
den Querverweis auf den Buechertisch,

der sich sicher freut, wenn moeglichst
viele nachher vorbeischauen.

"100 Jahre Rotes Wien" -

damit meinen wir
den Ausgangspunkt vor 100 Jahren -

heißt aber natuerlich auch
in dieser Zeit immer,

auf andere Staedte zu blicken.

Sich nicht im Vergleich zu genuegen,
wenn man mal an der Spitze steht,

sondern auch voneinander zu lernen.

Miteinander Politik im Sinne
der kommunalen Selbststaendigkeit

zu machen, ich glaube,
das ist ein Band,

das Wien und Muenchen
traditionell verbunden hat.

Und wir freuen uns wirklich sehr
auch auf seine Grußworte,

nicht nur, dann spaeter auch
auf seine inhaltlichen Einblicke

in entsprechende Zeiten,
was die Muenchner Geschichte angeht.

Jedenfalls jetzt darf ich ihn
auf die Buehne bitten,

nochmals
herzlich willkommen

dem langjaehrigen Oberbuergermeister
von Muenchen

Christian Ude -
bitte schoen.

Ja, meine sehr geehrten Damen
und Herren,

um Ihnen einen Eindruck
zu vermitteln,

welchen Ruf wie Donnerhall
das Rote Wien in Muenchen

seit vielen Jahrzehnten genießt,

mein erstes Erlebnis damit:

Ich bin 1966
der SPD beigetreten,

und damit auch
den Jungsozialisten.

Das ist jene
realistische Machtzentrale,

die sich derzeit fieberhaft

mit der Kollektivierung der
bayrischen Motorenwerke beschaeftigt.

* Gelaechter, vereinzelter Applaus *

Und was musste ich
als Erstes tun,

weil ich Schuelerredakteur war
und Umbruch und Layout machen konnte?

Ein großes Transparent gestalten,

das dann von einer JuSo-Gruppe

mit dem Omnibus
nach Wien gebracht wurde,

zur 01.-Mai-Demonstration:

"Das Rote Muenchen
grueßt das Rote Wien!"

Das war die erste Begegnung
mit dem Roten Wien,

das sich dann als Realitaet
erwiesen hat

und jahrzehntelang von mir
immer wieder besucht werden konnte.

Aber das Rote Muenchen war mehr
eine fantasievolle Eingebung.

Und das fuehrt gerade in diesem Jahr
zu einem Parallelrueckblick.

Denn wir feierten im vergangenen Jahr
100 Jahre Freistaat

und setzen uns in diesem Jahr
sehr kritisch und gespalten

mit 100 Jahre Raeterepubliken
in Muenchen auseinander,

das waren ja gleich zwei.

Und die Unterschiede,

die sich da zwischen Muenchen und Wien
auftun,

sind aus Muenchner Sicht
deprimierend,

aber auf jeden Fall
auch sehr lehrreich.

Es waren in beiden Faellen
Ereignisse der Aufklaerung,

der Demokratisierung,

mit einem sehr großen
humanistischen Anspruch.

Eisner war ja ein Theoretiker.
Ein Feuilletonredakteur.

Ein Kantianer.

Ein
waehrend des Ersten Weltkriegs

zum Pazifisten gereifter
Politiker.

Voller bester Vorsaetze.

Aber die Unterschiede
sind offenkundig.

In Wien war das Rote Wien

ein Projekt der Sozialdemokratie
als Partei der Arbeiterbewegung.

In Muenchen
legte die Sozialdemokratie

am Tag nach der Revolution
groeßten Wert darauf,

auf der Titelseite
ihrer Parteizeitung klarzustellen,

dass das gestrige Geschehen

"ohne unser Zutun"
passiert ist.

Das heißt,
es war ein unabhaengiger Sozialist,

der da eigenmaechtig
die Revolution ausgerufen hat.

Waehrend die Sozialdemokratie
noch am Vortag

an der Bayrischen Kabinettssitzung
teilnahm,

um zu eroertern,
ob es Unruhen geben koennte.

Und der Landesvorsitzende
hat versichert,

die Situation
fest im Griff zu haben.

Sodass man
dem morgigen Demonstrationszug

keine Bedeutung
beimessen musste.

Aber nicht nur das
war unterschiedlich,

sondern auch die Situation
in der Arbeiterschaft.

Die war auch in Muenchen
sehr gepraegt

durch Not, Elend,
Unzufriedenheit.

Wunsch
nach Frieden und Demokratie

und Ausstieg
aus der Monarchie.

Aber die Arbeiterschaft war nicht
gut und stark organisiert.

Und Verbuendete im Buergertum
hat es ueberhaupt nicht gegeben.

Und obwohl die ganze Revolution

eine Angelegenheit vor allem
von juedischen Intellektuellen war,

was wirklich stimmt,

hat sich die Kultusgemeinschaft
fast geschlossen

gegen die revolutionaeren Umtriebe
gestellt.

Also eine vollkommen
andere Situation.

Sodass es auch nicht Wunder nimmt,

dass es in Muenchen
sehr frueh gescheitert ist.

Waehrend in Wien
die Sozialdemokraten

mit all ihren sozialen, emanzi-
patorischen, fortschrittlichen Ideen

Realitaet
gestalten konnten.

Und die Muenchner haben zwar -
immerhin! -

den Acht-Stunden-Tag durchgesetzt
und das Frauenwahlrecht

und die Monarchie abgesetzt.

Aber ohne Rueckhalt in der Bevoelkerung
bei den ersten freien Wahlen -

und das ist der Unterschied
zum 04. Mai hier -

hat Kurt Eisner,

der mutige Vater
des Freistaats Bayern,

der ihn erst ausgerufen hat,

keine drei Prozent bekommen.

Die Wiener Sozialisten hingegen
die absolute Mehrheit.

Und die Wiener waren vielleicht
rhetorisch genauso revolutionaer

wie die Muenchner
in ihrem Ueberschwang.

Aber sie haben eine
sehr pragmatische Politik gemacht

und sofort begonnen, Lebens-
verhaeltnisse materiell zu verbessern.

Und deswegen bleibt uns jetzt
gar nichts anderes uebrig,

als uns respektvoll zu verneigen,
vor dem,

was das Rote Wien nicht nur fuer
die Wiener Bevoelkerung, sondern,

ich behaupte, fuer alle europaeischen
Großstaedte geschaffen hat.

Dieses Vorbild

an Bildungsbewegung,
Freiheitsbewegung, Kulturbewegung,

die dann Staedtebau und Architektur
grundlegend aendert

und Beispiele schafft,

wie Stadtviertel und Wohnungen

fuer arbeitende Menschen
und die ganzen Familien

aussehen koennen
und beschaffen sein muessen,

das war eine großartige Leistung.

Und ich behaupte -
das ist meine Schlussthese -,

dass das Wohnungsproblem

kein Problem
frueherer Jahrhunderte ist,

sondern das zentrale Problem des eben
begonnenen Jahrhunderts sein wird.

Weil der Zuzug aus den
laendlichen Raeumen und kleinen Staedten

in die großen Metropolen
nie gekannte Ausmaße annehmen wird.

Weil die Explosion der Mieten
jetzt erst begonnen hat

und unvermindert
sich verschaerfen wird.

Sodass das Beispiel Wien,

mit Gemeindewohnungen
und Sozialwohnungen,

die das auch dauerhaft bleiben,

immer mehr Leuchtkraft
und Vorbildcharakter

fuer alle anderen europaeischen
Großstaedte bekommen wird.

Und da darf ich mich stellvertretend
fuer die anderen Staedte bedanken

und Sie herzlich beglueckwuenschen.

Herzlichen Dank,
Herr Oberbuergermeister.

Ehrenbuerger in Muenchen
sind Sie schon,

ich glaube, Ehrenbotschafter von Wien
mit heute Abend auch.

Danke vielmals.

Ein herzliches Willkommen
allen Zuseherinnen und Zusehern,

die via ORF3 heute hier
bei der "Wiener Vorlesung"

"100 Jahre Rotes Wien -
die Zukunft einer Geschichte"

mit dabei sind.

Wir freuen uns,
Ihnen jetzt den Festredner

der heutigen "Wiener Vorlesung",
des heutigen Abends

ankuendigen zu duerfen.

Helmut Konrad, ehemals Rektor
der Karl-Franzens-Universitaet Graz,

mehrfacher Dekan der dortigen
Geisteswissenschaftlichen Fakultaet,

Historiker und Leiter
des Instituts fuer Geschichte in Graz,

setzt in seinem druckfrisch
im Picus-Verlag publizierten Buch

"100 Jahre Rotes Wien"

dieses mit der Idee der neuen Stadt
gleich.

Wir freuen uns sehr
auf seinen heutigen Vortrag,

auf seine Thesen
zu diesem besonderen Jubilaeum.

Ein herzliches Willkommen
hier im Wiener Rathaus,

Prof. Helmut Konrad -
bitte schoen!

Meine sehr geehrten Damen und Herren.

Es ist mir eine große Freude,

heute hier diese "Wiener Vorlesung"
halten zu duerfen.

Zu einem Wiener Thema,

vor jemandem, der Wien
aus der neidvollen Distanz anschaut.

Also, Muenchen hat den Neid auf Wien,
eine Bewunderung fuer Wien

bereits ein bisschen formuliert.

Was soll man da sagen, wenn man
aus dem Sueden Oesterreichs kommt

und tatsaechlich an Wien
nicht nur sein Herz,

sondern auch seine Kinder
inzwischen verloren hat.

Aber Ziel dieser "Wiener Vorlesung"
ist ja letztlich,

auf das Rote Wien zurueckzublicken
und zu versuchen, sich zu ueberlegen,

was von den Roten Wien als Modell
auch in der Gegenwart,

auch im 21. Jahrhundert
eventuell Bestand haben koennte.

Die Entwicklung
hin zu einer europaeischen Metropole

hat sich in Wien im letzten halben
Jahrhundert vor dem Ersten Weltkrieg

mit einer atemberaubenden
Geschwindigkeit vollzogen.

Ueber das ganze 19. Jahrhundert hinweg

hat sich die Einwohnerzahl der Stadt
versiebenfacht.

Wobei allerdings
zu beruecksichtigen ist,

das 1892 die Vororte
eingemeindet wurden.

Was einerseits
das Stadtgebiet

von 55 auf 178 Quadratkilometer
anwachsen ließ,

andererseits
den bis dahin 800.000 Einwohnern

600.000 neue Stadtbewohner
zufuehrte,

und Wien damit
zur Millionenstadt machte.

Zwei Drittel der Bewohner Wiens
hatten vor dem Ersten Weltkrieg

allerdings anderswo
ihr Heimatrecht.

Sie kamen aus
fast allen Kronlaendern der Monarchie

und brachten ihre kulturellen
und sprachlichen Praegungen

mit in die Großstadt.

Politisch wurde Wien bis 1894
liberal regiert.

Und die Stadt erhielt
in der liberalen Aera

innerstaedtisch jenes Gepraege,

das den Ruf als kulturelle Metropole
begruendete.

Die Donau wurde reguliert,

der Zentralfriedhof und die erste
Hochquellwasserleitung errichtet,

die Kanalisation wurde ausgebaut,
Maerkte und Lagerhallen

sorgten fuer die Nahversorgung
der buergerlichen Haushalte.

Dieser Schwung hatte allerdings auch
nicht intendierte Nebeneffekte.

Einerseits fand der Liberalismus
keine Antwort

auf Not und Elend
in den Vorstaedten.

Und andererseits entfaltete sich
als Reaktion

auf die als "Judenpartei" empfundene
liberale Bewegung

die spezifische Form
des Wiener Antisemitismus,

wie er fuer Karl Lueger
typisch war.

Nur hier in Wien,
wo der Antisemitismus

auch die katholische Antwort
auf den Liberalismus war,

konnte dieser Antisemitismus
sich aus christlichen Wurzeln speisen

und sich gleichzeitig als
kulturelle Gegenaufklaerung verstehen,

als Antithese zur Moderne.

In den 90er-Jahren
des 19. Jahrhunderts

wurde diese Bewegung
mehrheitsfaehig.

So umstritten Karl Lueger als Person
bis heute ist -

wir saßen gerade unter
dem Lueger-Bild im Roten Salon -,

so ist sein Beitrag zur kommunalen
Modernisierung Wiens doch beachtlich.

Es gab entscheidende Schritte
vorwaerts in Infrastrukturbereichen,

wie etwa der zweiten Wiener
Hochquellwasserleitung,

mit der Elektrifizierung
der Straßenbahn,

der Kommunalisierung
des Wiener Gaswerks,

dem Bau der Stadtbahn
und so weiter.

Eine kommunale Rentenversicherung
wurde angeregt,

der Zentralfriedhof
wurde vergroeßert,

die Zentralsparkasse gegruendet
und das Lainzer Altersheim gebaut.

Die sogenannte Hausherrenpartei
Luegers

sprach jene Kreise an,
die offen waren

fuer seinen Populismus
und seinen Antisemitismus,

die aber auch Angst vor der erstark-
ten Massenbewegung der Linken hatte.

Reaktionaere gesellschaftliche
und kulturpolitische Positionen

trafen sich unter Lueger

mit nachhaltigen Elementen
kommunaler Modernisierung.

Auch der Beamtenapparat, der spaeter
das Rote Wien mittragen sollte,

geht teilweise
auf diese Epoche zurueck.

Und von Lueger
zumindest nicht behindert,

bluehte das Wien
des Fin de Siècle auf,

das also ...
ueber den Kontinent hinaus

bis in die Gegenwart
Ausstrahlung hat.

Mit dem Tod Luegers
im Jahre 1910

hatte sich das politische Klima
allerdings gewandelt.

Die Sozialdemokratie zeigte bereits
in den Parlamentswahlen von 1911,

dass sie zur bestimmenden Kraft
in der Stadt geworden war.

Das allgemeine Maennerwahlrecht
offenbarte neue Kraefteverhaeltnisse.

Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs
gab es einen patriotischen Taumel,

der viele, wenn auch nicht alle,
erfasste.

Selbst die Sozialdemokratie
konnte sich dem nicht entziehen.

Die Hoffnungen
wurden aber rasch enttaeuscht.

Die Zuruecknahme
politischer Freiheiten, die Zensur

und, spaetestens ab Herbst 1916,
Versorgungsengpaesse,

die den Hunger in die Stadt brachten,
fuehrten zur Ernuechterung.

Die parlamentarisch
nicht mehr machbare Opposition

fuehrte zu
eruptivem Protestverhalten,

das im Attentat von Fritz Adler
am 21. Oktober 1916

auf den Ministerpraesidenten
Graf Stuergkh gipfelte.

Der Prozess gegen Friedrich Adler,
der neuen Symbolfigur,

wurde zum Wendepunkt.

Politische Formierung
wurde wieder moeglich,

die Versorgungslage aber
blieb dramatisch.

Mangelkrankheiten nahmen zu,
der Schwarzmarkt bluehte,

der Wienerwald und die Parks
wurden abgeholzt,

und die Spanische Grippe
raffte um das Kriegsende

Zehntausende Menschen hinweg.

Die Bevoelkerungszahl sank dramatisch.

Fast 70.000 ergeben sich als Minus
aus den Geburts- und Sterberegistern,

ohne die Kriegstoten,
die hier nicht miterfasst sind.

Insgesamt kann man
von einem Bevoelkerungsverlust

von weit ueber 120.000 Menschen
ausgehen.

Die Tuberkulose
wurde zur Wiener Krankheit,

verstaerkt durch
die tristen Wohnsituationen

in den lichtarmen Zinskasernen.

Als die Soldaten
aus dem Krieg zurueckstroemen,

verstaerkt sich das Chaos
in der Stadt.

Viele Menschen
hofften einfach darauf,

dass Wien ihre neue Heimat
werden koennte,

obwohl das Heimatrecht sie eigentlich
an nunmehr andere Staaten bannt.

Aber was sollten deutschsprachige
Juden aus Galizien oder der Bukowina

in Polen oder Rumaenien
erwarten,

wo der Antisemitismus
bereits grausame Realitaet war?

Chaos und Elend
bildeten den Naehrboden

fuer das, was man retrospektiv
oesterreichische Revolution nennt.

Von den Matrosenaufstaenden in Cattaro
ueber den großen Jaennerstreik in Wien

bis hin zu den Hungerkrawallen

hatten sich neue Organisationsformen
herausgebildet.

Heimkehrer aus Russland
trugen das Ihre dazu bei,

dass Arbeiter- und Soldatenraete

zu einem politischen Machtfaktor
geworden waren.

Politik bekam spontane Elemente,

fand auch - oder man kann fast sagen:
vor allem auf der Straße statt.

Die organisierte und hoch-
disziplinierte Sozialdemokratie

schien die Deutungshoheit
zu verlieren.

Zumal sich in den Nachbarlaendern
von Muenchen bis Budapest

aktivistische Politikformen
durchzusetzen begannen.

Dass es der oesterreichischen
Sozialdemokratie gelang,

das revolutionaere Potential
zu domestizieren,

war ein europaeisches Modell
an politischem Geschick.

Einerseits gelang es,

das revolutionaere Bedrohungspotential
so hoch zu halten,

dass den buergerlichen Parteien
gewaltige Zugestaendnisse -

Sozialgesetzgebung, Frauenwahlrecht,
Verfassung -

abgerungen werden konnten.

Andererseits wurde
ueber das Betriebsraetegesetz

und die Arbeiterkammern
die revolutionaere Struktur

in die demokratische Struktur
des neuen Staates integriert.

Das machte
die Mehrheitsfaehigkeit aus,

die uns von Muenchen
unterscheidet.

In Wien wurde schon wenige Tage
nach dem Kriegsende

eine provisorische Gemeindevertretung
errichtet.

Sie orientierte sich
allerdings

an den Staerkeverhaeltnissen
der Gemeinderatswahlen vor dem Krieg,

sodass die Christlich-Sozialen
am Anfang eine Mehrheit hatten.

Aber bei den ersten Wahlen
am 04. Mai 1919,

wurden die Staerkeverhaeltnisse
zurechtgerueckt.

Die Sozialdemokratie
errang 54 Prozent der Stimmen.

Und mit 100 von 165 Mandaten
die absolute Mehrheit.

Und es zogen die ersten Frauen
mit ins Parlament ein,

und das ist, denke ich,
gerade etwas,

woran man heute
mit Nachdruck erinnern muss.

Buergermeister wurde der bisherige
Vizebuergermeister Jakob Reumann,

und blieb dies bis 1923.

Der Kanzler wird als der Gruendervater
des Roten Wien bezeichnet werden.

Vor allem aber
legte er die Grundmauern

fuer das Reformwerk
der spaeteren Jahre,

nicht zuletzt die Trennung
von Wien und Niederoesterreich.

Es gab Plaene,
Wien um große Gebiete zu erweitern -

das wurde nicht realisiert.

Das war politisch heikel zwischen
Konservativen und Sozialdemokraten

und den unterschiedlichen
Verhaeltnissen.

So wurde Wien
in seiner Groeße belassen,

was Auswirkungen spaeter auf
die Moeglichkeiten des Wohnbaus hatte.

Die Bundesverfassung vom November
1920 legte die Trennung fest,

vollzogen wurde sie
im Dezember 1921.

Ab 01. Jaenner 1922
war der Buergermeister

gleichzeitig
Landeshauptmann von Wien.

Dies war nur fuer fast zwei Jahre
Jakob Reumann.

Und in dieser Zeit

wurden wesentliche Grundlagen
des Reformwerks beschlossen.

Das begann mit dem Beschluss,

in fuenf Jahren
25.000 Wohnungen zu errichten,

den Mieterschutz zu reformieren,
ein Gesundheitssystem aufzubauen

und fuer ein Bildungs-
und Freizeitangebot zu sorgen.

Es war auch Reumann,

der die wichtigsten Gestalten
in die Stadtregierung berief.

Hugo Breitner bereits 1919,
Julius Tandler und Otto Gloeckel 1920.

So konnte das Aufbauwerk
schon beginnen,

noch ehe Wien seine Eigenstaendigkeit
erhalten hatte.

Hatte Jakob Reumann
die Grundlagen geschaffen,

so war es doch
sein Nachfolger Karl Seitz,

der auch Parteiobmann
der Sozialdemokratie war,

mit dem das Rote Wien
bis zur Gegenwart

fast noch staerker identifiziert wird
als mit seinem Vorgaenger.

Es ist auffallend -
das ist mir besonders wichtig -,

dass jenes Team, das die Gestaltung
des neuen Wien in Haenden hatte,

nicht junge Revolutionaere,
sondern erfahrene Fachleute waren.

Julius Tandler war ein Jahrgang 1869,
also gut 50 Jahre alt,

ein angesehener Anatom und Eugeniker,

Dekan der Medizinischen Fakultaet
im Ersten Weltkrieg.

Hugo Breitner,
nur vier Jahre juenger,

war schon 1914 stellvertretender
Direktor der Laenderbank

und ab 1917 deren Direktor.

Nur ein Jahr juenger
war Otto Gloeckel.

Von Karl Lueger
aus dem Schuldienst vertrieben,

aber seit 1907
Reichsratsabgeordneter

und dann auch erster Unterrichts-
minister der Ersten Republik,

ehe er nach Wien wechselte.

David Josef Bach, der Begruender
der Arbeitersymphoniekonzerte,

war auch Jahrgang 1874

und wurde schon 1897
als Philosoph in Wien promoviert.

Die Wiener Gemeindebauten wurden von
insgesamt 190 Architekten realisiert,

von denen nur 20
neue Beamte der Stadt waren,

waehrend der Großteil
aus den alten Architekturklassen kam.

Nicht weniger als 33 von ihnen
waren direkte Schueler Otto Wagners.

Dass dies alle
keine Revolutionaere waren,

macht auch den Unterschied zu anderen
Revolutionen in Europa deutlich.

In Wien ging es nicht
um die Zerschlagung

und um den kompletten Neuaufbau,

sondern in erster Linie
um Aneignung.

Und somit um Demokratisierung
und um eine gerechtere Verteilung

materieller und kultureller
Ressourcen.

So stellt sich Wien
auch nicht wirklich

als Gegenentwurf
zur vorherigen Epoche dar.

Sprach in Weimar und spaeter in Dessau
etwa Walter Gropius von einem Vakuum,

in das man mit neuen Formen
und Materialien vorzustoßen habe,

so greifen die Wiener Gemeindebauten

vielfach traditionelle
architektonische Formensprachen auf,

die nur unter sozialen Vorgaben
neu interpretiert zu werden hatten.

Da die oesterreichische Revolution -

im Gegensatz zu Ungarn oder wo immer
man in der Zeit hinschauen kann -

politisch nicht
zu einer Vergesellschaftung

der Produktionsmittel
gefuehrt hatte,

wurde die Kultur
das Substitut,

der Reproduktionsbereich
zur politischen Arena,

in der das Gefuehl der politischen
Macht gelebt werden konnte.

In Utopie wurde in der pseudo-
religioesen Ueberhoehung zwar besungen,

insgesamt aber
ist es wohl richtiger,

von radikalen Umsetzungen
aufklaererischer Ideale

im Rahmen bestehender Strukturen
zu sprechen.

Von einem Ausreizen
der Moeglichkeiten,

die
die neuen demokratischen Strukturen

und die neuen Gestaltungs-
moeglichkeiten

einer Stadt
als Bundesland boten.

Die Moeglichkeiten
haengen natuerlich davon ab,

wie man die finanzielle Basis
schaffen konnte.

Hugo Breitner
war ein angesehener Bankfachmann.

Er konnte aber auch den alten
Beamtenapparat gut einbinden,

und andererseits, trotz
mancher antisemitischer Vorwuerfe,

wurde er nicht
zum allergroeßten Feindbild.

Dazu diente Otto Gloeckel,

der auf dem sensiblen Bereich
der Schule ja bis heute

in seinen Thesen durchaus etwas ist,
was auf Widerspruch stoeßt.

Ganz lieb, herzlichen Dank.

Breitner hingegen,
unterstuetzt etwa von Rudolf Neumayer,

der spaeter auch
ganz anderen Regierungsformen diente,

galt als Pragmatiker.

Er fuehrte direkte Steuern ein,
mit starker Progression,

sodass die Reichen ueberproportional
zur Kasse gebeten wurden.

Aber er war strikt
gegen kommunale Verschuldung

und setze auch Sparprogramme durch.

Die christlich-soziale
Vorgaengerregierung

hatte im Krieg bereits
eine Wertzuwachsabgabe

fuer Grundstuecke eingefuehrt,
auf dieser konnte Breitner aufbauen.

Da die Inflation die Grundstueckpreise
gewaltig ansteigen ließ,

wurde die Steuer auf Grundbesitz
eine sprudelnde Einnahmequelle,

Spekulationen
wurden so unterbunden,

und die Stadt
konnte fuer ihre Bauvorhaben

zum Grundstueckseigentuemer werden.

Die Luxussteuern - bis heute oft im
Brennpunkt politischer Diskussionen -

hatten daneben
eher symbolischen Wert.

Klaviersteuer, Billardsteuer,
Steuer auf Luxushunde oder Gluehlampen

spuelten nicht das große Geld
in die Kassa.

Von zentraler Bedeutung war hingegen
die 1923 eingefuehrte Wohnbausteuer,

eine Kombination aus direkter Steuer
und Luxussteuer.

Mit ihr konnte das ambitionierte
Bauprogramm durchgezogen werden,

der private Wohnbau
kam praktisch zum Erliegen,

da der Mieterschutz
eine Geldanlage ueber Immobilien

unrentabel erscheinen ließ.

Der Krieg hatte zwar
die Einwohnerzahl Wiens reduziert -

von 2,2 Millionen auf 1,85 -,

dennoch war die Wohnungsnot
betraechtlich.

Es gab nicht nur
die ueberfuellten Zinskasernen,

sondern auch etwa 30.000
wilde Haushalte, Barackensiedlungen

in den ehemaligen vor allem
Schrebergaerten am Stadtrand.

Daraus entstand eine Siedlerbewegung,

genossenschaftlich organisiert,
an kleinen Strukturen orientiert.

Sie fand prominente Unterstuetzung
durch Adolf Loos.

Die erste Alternative
zur Wohnraumbeschaffung

war einige Jahre erfolgreich,
schrieb sich ins Stadtbild ein.

Sie scheiterte auch daran,

dass sich das Stadtgebiet Wiens
nicht erweitert hatte.

Mit der Entscheidung
fuer große Wohnblocks

wurde wieder das Machbare realisiert.

Eine optimale Ausnutzung

der vorhandenen innenstadtnahen,
verbauungsgeeigneten Grundstuecke.

Der Bau von zumindest
5000 Wohneinheiten pro Jahr

hatte zudem positive Nebeneffekte.

Er reduzierte die Zahl
der Arbeitslosen auf ein Viertel,

da man wenig maschinenintensiv
arbeitete.

Und hatten die alten Zinshaeuser

eine Verbauungsdichte
von 85 Prozent im Schnitt,

so wurde diese in den Gemeindebauten
auf unter 30 Prozent reduziert.

Das machte die Wohnungen heller,
lichtdurchfluteter,

und zudem gab es nun Wasser und WC
im Innenbereich,

Strom und Gas
wurden eingeleitet.

Die Ikone der Gemeindebauten
wurde der Karl-Marx-Hof.

Hier wurden sogar nur 18,4 Prozent
der Gesamtflaeche verbaut.

Dennoch umfasste er
fast 1400 Wohneinheiten.

Umfasst - auch heute noch,
nicht "umfasste".

Der Grundriss der Wohnungen
war relativ klein.

Aber die Innenhoefe
verfuegten ueber Gruenflaechen,

es gab Konsumlaeden, zwei Zentral-
waeschereien mit 62 Waschplaetzen,

ein Krankenambulatorium,
eine Zahnklinik,

eine Zweigstelle
der Wiener Buechereien,

zwei Kindergaerten,
ein eigenes Postamt.

Und die Gesamtlaenge des Karl-Marx-
Hofs ist ueber einen Kilometer.

Die Gemeindebauten
waren der sichtbarste Ausdruck

sozialdemokratischer Kommunalpolitik

und wie Wolfgang Maderthaner
gesagt hat: Stein gewordene Utopie.

Aber es wurde nicht alles,
was moeglich war ...

.. und auch angedacht wurde,
tatsaechlich realisiert.

So waren die Wohnungen sehr klein,
die 60 Quadratmeter

wurden in den großen Wohnblocks
deutlich unterschritten,

die Organisationsform in Stiegen,
also die vertikale Gliederung,

erhoehte die durchaus erwuenschte
soziale Kontrolle.

Das Ideal
der vierkoepfigen Kleinfamilie

und die konservative Architektur
boten wenig Gelegenheit,

alternative Lebensformen
auch nur anzudenken.

Ideen wie das Einkuechenhaus
blieben exotische Randphaenomene,

und in den Waschkuechen
wurde mitunter heftig gestritten.

Die neuen Menschen lebten ueberwiegend
einen kleinbuergerlichen Alltag.

Das utopische Element
zeigte sich also nicht

in einer modernen Formensprache,

in gewagten Gegenentwuerfen
zur traditionellen Bauweise.

Die gelebte Utopie

war die Schaffung von gesundem
Wohnraum fuer Hunderttausende,

die Erloesung
aus den Elendsquartieren

und das Anbieten der Moeglichkeit
eines geordneten Lebens

mit allen Chancen
fuer die heranwachsende Generation.

Der Krieg und die Not
der Nachkriegszeit

hatten die Saeuglingssterblichkeit in
Wien um 100 Prozent ansteigen lassen.

Mangelernaehrung
und schlechte Wohnverhaeltnisse

hatten die Tuberkulose
zur "Wiener Krankheit" gemacht.

Julius Tandler
war ein Kind seiner Zeit

und stand auch in Traditionen,
die wir heute skeptisch sehen.

Manche seiner wissenschaftlichen
Bemerkungen sind problematisch.

Er sprach etwa
von Aufzuchtsoptimierung

als Hauptgewicht
sozialer Bevoelkerungspolitik.

Manches dieser Gedankenwelt
floss in die reale Politik ein.

Die Kernfamilie mit Mutterberatung
und Saeuglingspaketen

war in Tandlers Augen die Basis
fuer ein gesundes Heranwachsen.

Die Alternative fuer Kinder
außerhalb dieser geregelten Welt

war ein System, das Kinder
in Fuersorgeheime verfrachtete,

und diese wurden als glueckliche Orte
dargestellt.

Inzwischen kann jemand,

der selbst Heimerfahrung
einige Jahre mitgemacht hat,

durchaus auch anderes
zu Heimen berichten.

Dennoch waren die Erfolge
von Tandlers Maßnahmen beeindruckend.

Die Saeuglingssterblichkeit sank
auf die Haelfte des Vorkriegsniveaus,

fast auf ein Viertel
der unmittelbaren Nachkriegszeit.

Die Tuberkulose
wurde entscheidend eingedaemmt.

Eine ganze Stadt wurde hygienisiert,
Sportstaetten wurden errichtet.

Koerperliche Ertuechtigung
war angesagt.

Die Arbeiterolympiade war der
gewaltige Ausdruck dieser Politik.

Und das Krematorium in Simmering
stand dann am Ende

des angestrebten
saekularen, gesunden Lebens.

Von der Wiege bis zur Bahre
war die Bevoelkerung Wiens geschuetzt,

aber auch geleitet vom einem
paternalistischen Fuersorgeprogramm.

Tandler stand in der Tradition

der aufgeklaerten angelsaechsischen
Sozialreformer,

die dem Einzelnen
nicht wirklich vertrauten,

die das Individuum einem "gesunden
Stadtorganismus" unterordneten.

Paternalistische Anleitung,

Erziehung hin zu den als normal
und gesund empfundenen Lebensformen -

all das hatte rasch
positive Auswirkungen

auf die Gesundheit
der Bevoelkerung.

Es war aber auch
ein wesentlicher Eingriff

in die individuelle Entscheidungs-
freiheit zur Wahl der Lebensformen.

Karl Seitz und Otto Gloeckel
gerieten als junge Lehrer

in Konflikt mit den paedagogischen
Vorschriften von Karl Lueger.

In Wien wurde Gloeckel dann Zweiter
Praesident des Landesschulrates

und konnte hier seine Ideen
aus der Zeit der Regierung in Wien,

seinen Erlass auch umsetzen.

Die anderen Bundeslaender
haben den Erlass nicht realisiert.

Er wolle den Kindern -
wie die Karikatur sagt:

"den lieben Gott wegnehmen"

und mit der Entfernung der Kreuze
aus den Klassenzimmern

die alte Ordnung aushebeln,

machten ihn zum bevorzugten Feindbild
der Konservativen.

Wien stellte Unterrichtsmittel
kostenlos zur Verfuegung,

womit die Diskriminierung
der Beduerftigen entfiel.

Horte fuer die Nachmittagsbetreuung
wurden eingerichtet,

Schulausspeisung,
Kleideraktionen, Schulbaeder

halfen in Richtung Chancengleichheit.

Mit Karl und Charlotte Buehler
arbeitete das Psychologische Institut

mit Gloeckel
an der Schulausbildung.

Ziel war die Chancengleichheit
und die Durchlaessigkeit

der Bildungssysteme,
um Startnachteile auszugleichen.

Dazu sollte auch
der zweite Bildungsweg offenstehen.

Die Kurse der Urania,
die Bibliotheken

fuehrten zumindest einen Teil
der Wiener Bevoelkerung

an Kultur und Wissenschaft heran.

Groschenromane waren verpoent,

selbst Hugo Bettauer,
obwohl viel gelesen,

wurde nicht wirklich akzeptiert.

Es galt der klassische Bildungskanon.

Hugo Bettauers Wochenschau
wurde von den Leuten,

die ich aus der Generation kenne,
als ...

"Hugo Wochenauers Bettenschau" ...

Es war also zu unanstaendig,
das kann man nicht lesen.

Man hat sich gefaelligst an den
klassischen Bildungskanon zu halten.

Die Kultur,
in der das Rote Wien versuchte,

das Erbe des alten Oesterreichs
zu uebernehmen,

zu pflegen
und den Massen zugaenglich zu machen,

war das Feld, in dem tatsaechlich
Meilensteine gesetzt wurden.

David Josef Bach organisierte
Arbeitersymphoniekonzerte,

Anton Webern stellte sich
in den Dienst dieser Bemuehungen.

Die Bevoelkerung
sollte stolz auf ihre Stadt sein,

die Prachtbauten
als Teil ihrer Umgebung erfassen,

an der Kultur teilhaben.

Wer waren aber
diese angestrebten neuen Menschen?

Wer zaehlte zum Bauvolk
der kommenden Welt?

Welche Eigenschaften
sollten die Personen haben?

Und was war das fuer ein Konzept?

Die paternalistischen Vorstellungen
fuer ein Leben im Roten Wien

entfalteten sich vertikal
im Lebenszyklus.

Vom Saeuglingspaket
ueber die Kinderfuersorge,

die Schule, die Eheberatung,
die Wohnung, den Arbeitsplatz,

die Altersversorgung
und die Feuerbestattung.

Insgesamt aber setzte das Konzept
besonders auf die Jugend.

Die organisierte
und meist gebildete Jugend.

Im Verband Sozialistischer Mittel-
schueler oder bei Hashomer Hatzair

griff man die rigiden moralischen
und politischen Wertvorstellungen

auf und versuchte,
diese auch zu leben.

Im "Lied der Arbeit" wird
die staerkste der Parteien beschworen,

das war die Wiener Sozialdemokratie
zweifellos.

Jeder Dritte in der Stadt
war in der Partei.

Man zaehlte ueber 400.000 Mitglieder.

Und auch der Frauenanteil
lag immerhin bei 38 Prozent.

Ueber 60 Prozent der Waehlerinnen
und Waehler gaben, nach 1919 dann,

regelmaeßig den Sozialdemokraten
ihre Stimme.

Dazu kamen
die vielen Vorfeldorganisationen,

von den Anglern
zu den RadfahrerInnen,

und sogar wo man Schach spielte,
war politisch ueberformt.

Sportorganisationen woben ein dichtes
Netz zur Erfassung der Jugend.

Und im "Konsum" trafen sich alle.

Diese Genossenschaft, die KundInnen
zu Miteigentuemern machte,

war nicht nur
taegliche Versorgungsstation,

sondern sie vermittelte den Menschen
das Gefuehl,

dass die Not,
die erst wenige Jahre zuruecklag,

tatsaechlich
der Vergangenheit angehoerte.

Man lebte also
in einer umfassenden Gegenkultur,

die fuer die meisten Menschen
rasch selbstverstaendlich wurde,

hatte sie doch symbolisch
die Hegemonie in der Stadt.

Aber die kulturelle Hegemonie
war auch eine Selbstinszenierung,

ein schoener Schein, die die oeko-
nomischen Grundlagen uebertuenchten.

Dazu kam, dass man,
wenn man genau hinschaut,

die wirkliche Identifikation
mit dem Ganzen

dennoch ein Minderheitenprogramm
blieb.

In den Gemeindebauten
herrschte auch Streit.

Es gab in den Vororten
Alkoholismus.

Die Kinder spielten auch auf
den Straßen, nicht nur in den Horten.

Und es lebten in Wien auch Menschen -
etwa ein Drittel -,

die der Sozialdemokratie
nicht verbunden waren.

Es gab das Großbuergertum,
die Beamten der Republik,

und auch die Kirchen
wurden besucht.

Unterhalb der Organisationsschwelle
der Arbeiterbewegung

gab es viele Zuwanderer,
oft "Luftmenschen",

auf der "Mazzesinsel"
im 2. und 20. Bezirk.

Es gab schlecht integrierte
laendliche Arbeitsmigranten.

Es gab Spelunken,
es gab Kriminalitaet und Prostitution.

Aber innerhalb
der organisierten Massen

konnte man in dem Glauben leben,
es gehoeren alle dazu.

Man konnte und wollte
das andere Wien nicht wahrhaben.

Der historische Befund
ist eindeutig.

Das Experiment des Roten Wien
ist nicht gescheitert,

es wurde gewaltsam zerstoert.

Allerdings hatte das Zerstoerungswerk
relativ leichtes Spiel.

Da Wien schließlich nicht

von der in die Krise gekommenen
marktwirtschaftlichen Oekonomie

abgekoppelt war.

So schlug die Weltwirtschaftskrise

auch auf das Finanzfundament
der Stadt durch.

Und die Bundesregierung
beschleunigte diesen Prozess

durch den rigiden
neuen Finanzausgleich.

Entscheidend
war aber schließlich

der politische Wille
der Gegner des Roten Wiens,

den Weg der Demokratie zu verlassen,
das Parlament auszuschalten

und schließlich
im Februar 1934

den Verzweiflungsaufstand von Teilen
der Arbeiterbewegung

blutig niederzuschlagen.

Wenn neue Untersuchungen auch

die Zahl der Opfer dieser Februar-
kaempfe etwas relativieren,

die Symbolik dieses Aufstandes

ist auch im internationalen Maßstab
ungebrochen.

Die Einschussloecher im Karl-Marx-Hof
und die anschließende Umbenennung,

vorerst in Biedermann-Hof
und dann in Heiligenstaedter Hof,

stehen bis heute symbolisch fuer
das gewaltsame Ende des Roten Wien.

Wiens welthistorische Bedeutung
ging aber 1938 endgueltig zu Ende,

mit der Eingliederung Oesterreichs

in das nationalsozialistische
Deutschland.

Wien wurde gewaltsam
provinzialisiert,

vor allem durch die Vertreibung
und Vernichtung

der juedischen Wienerinnen und Wiener

und der damit verbundenen Austreibung
der Vernunft.

Mit der Niederringung
des Nationalsozialismus,

der Wiedererrichtung
der Republik Oesterreich

und der Teilung der Stadt
in Besatzungszonen

stellte sich die Frage,
in welcher Form man

an die Errungenschaften des Roten
Wiens anknuepfen konnte oder sollte.

Die Jahre der Naziherrschaft hatten
weltweit Ideologien diskreditiert,

die alle Lebensbereiche
umfassen wollte.

Die Pervertierung dieser Konzepte

durch die Einengung
auf eine bestimmte Gruppe

und durch die Ausschließung vieler

auf der Grundlage
biologistischer Argumentationen

hatte sich gezeigt

in einer bis dahin unvorstellbaren
Dimension des Schreckens.

Die groeßten Verbrechen der Geschichte

wurden durch die Konzepte,
die auf eine Herrenrasse zielten,

fuer eine breite Oeffentlichkeit
scheinlegitimiert.

Das war die Dystopie,

die Schreckensantwort auf die
utopischen Elemente des Roten Wien.

Und auch im Stalinismus,

der im Wien der Nachkriegszeit
durchaus praesent war,

konnte man
dystopische Merkmale erkennen.

Die sich zwar
mit anderen Argumenten speisten,

aber doch
spuerbar und sichtbar waren.

Ein Modell fuer die Stadt,

das also wieder auf neue Menschen
abzielen sollte,

war daher 1945 keine Option.

Wohl aber konnte man anknuepfen

an die pragmatische Grundhaltung
des Roten Wien.

Weil es nunmehr wieder darum ging,
den Hunger zu bekaempfen,

das zerstoerte Wien neu aufzubauen und
zusaetzlichen Wohnraum zu schaffen.

Die Infrastruktur
hatte mitzuwachsen

und moeglichst vielen Menschen
die Teilhabe

an der Moeglichkeit
einer modernen Großstadt zu bieten.

Dass diese gelungen zu sein scheint,
zeigen alle Rankings,

die bewerten,
was lebenswerte Großstaedte ausmacht.

Schaut man aus der Gegenwart
auf das Rote Wien zurueck,

so steht außer Streit,
dass die Jahre 1919 bis 1934

Wien entscheidend veraendert
und langfristig gepraegt haben.

Das gilt fuer das Erscheinungsbild
der Stadt

wie fuer ihr Selbstverstaendnis
bis in die Gegenwart.

In der historischen Bewertung
herrscht nicht so klar Einmuetigkeit.

Fest steht aber, dass das Rote Wien
eine Vorgeschichte hatte,

ohne die das Vorhaben
keine Grundlage gehabt haette.

Sie wurde einerseits
bereits von der Sozialdemokratie

und der Gewerkschaftsbewegung
in der Monarchie geschrieben,

es waren andererseits kommunale Mo-
dernisierungsschuebe der liberalen Aera

und soziale Komponenten
von Luegers Kommunalpolitik,

die am Bau dieses Fundaments
mitwirkten.

Dazu kam,
dass das Chaos,

welches das Ende des Ersten
Weltkriegs hinterlassen hatte,

ein rasches und unkonventionelles
Handeln erforderlich machte.

Vieles war aus der Not geboren ...

Vieles war aus der Not geboren,

getragen von einer angelsaechsischen
Tradition der Sozialpolitik

fuer, aber nicht notwendigerweise
mit allen Menschen.

Manche Entscheidungen
fielen pragmatisch,

mitgetragen
von der alten Beamtenschaft

und umgesetzt etwa von Architekten,
die aus Otto Wagners Tradition kamen,

oder von Medizinern,

die Gesundheitspolitik
auch als Ordnungspolitik verstanden.

Dennoch kann man das Rote Wien
durchaus

als Modell fuer die Krisenbewaeltigung
in modernen Großstaedten sehen.

Es war auch
ein utopisches Experiment.

Zumindest im kulturellen Bereich und
fuer eine junge gebildete Minoritaet.

Wien war aber wohl vor allem

die radikale Umsetzung
aufklaererischer Ideale.

Eine Antithese
zur konservativen Welt,

die das uebrige Oesterreich,

alle Bundeslaender
und den Staat dominierte.

Niemand wird es dem Roten Wien
absprechen koennen,

dass es ein großes humanistisches,
aufklaererisches Experiment war.

Es war die Kunst des Moeglichen,
eine staendige Gratwanderung,

die es zum Ziel hatte,

moeglichst vielen Menschen
aus der unmittelbaren Not zu helfen

und der jungen Generation
eine Perspektive zu geben.

Das scheint in diesen Jahren
gelungen.

Und glauben Sie mir,
das ist viel.

Herzlichen Dank.

Herzlichen Dank.

Herzlichen Dank,
Herr Prof. Konrad.

Ich darf Sie gleich bitten,
auf der Buehne Platz zu nehmen,

und jetzt fuer eine Podiumsrunde

noch einmal die beiden Buergermeister
zu uns bitten.

Nochmals herzlich willkommen
Buergermeister Dr. Michael Ludwig

und Buergermeister Christian Ude.

Bitte schoen, herauf auf die Buehne.
Sie duerfen gerne applaudieren.

Und ...

Ich freue mich ganz besonders,

Ihnen jetzt eine weitere Stimme
der Wissenschaft

hier auf der Buehne
anbieten zu duerfen.

Ich darf um Applaus ersuchen fuer
Frau Univ.-Prof. Dr. Gabriela Hauch.

Herzlich willkommen!
Bitte schoen.

Das ist aber lieb von dir, danke.

Wir haben hier
ein First-Class-Service

durch den Herrn Buergermeister.

Service des Hauses.
* Lachen *

Frau Prof. Hauch,

es ist auffaellig und natuerlich
auch bewusst zugespitzt gewesen

vom Vortragenden,

das Paternalistische
an der sozusagen Ursprungsidee

der Roten Wien
auch herauszustreichen.

Er hat natuerlich
darauf hingewiesen,

dass es begonnen hat
mit den ersten freien Wahlen,

an denen auch Frauen
beteiligt waren.

Aber ich habe
sehr gewissenhaft zugehoert,

bei all den Persoenlichkeiten,
die Herr Prof. Konrad angefuehrt hat,

war kein einziger weiblicher Name
zu hoeren.

Es gibt sie aber auch,

diese Architektinnen des Roten Wien,
diese Gestalterinnen.

Wie untrennbar war letztlich
auch die Geschlechterfrage

mit diesem neuen
gesellschaftlichen Konzept verbunden?

Ich denke, die Geschlechterfrage
ist eine strukturelle Frage,

die die Entwicklung
der buergerlichen Moderne

spaetestens seit der -

sehr oft von Helmut Konrad
in den Mund genommenen -

Aufklaerung begleitet.

Die Aufklaerung
hat zwar Gleichheit, Freiheit

und - man koennte sagen:
Geschwisterlichkeit

auf ihre Fahnen geheftet.

Aber die Aufklaerung
hat es nicht geschafft,

die real existierenden Differenzen,
die auch mit Hierarchien,

verschiedenen Positionierungen
in der Gesellschaft verbunden waren,

auszugleichen.

Das ist auch der Sozialdemokratie
im Roten Wien nicht gelungen.

Wenn man sich jetzt fragt,
wie kann man das ueberhaupt bewerten,

Geschlechterfrage und Rotes Wien:

Auf der einen Seite
muessen wir schauen,

wir haben
die oesterreichische Revolution,

wie es Otto Bauer genannt hat,

die heute von den HistorikerInnen
vor allem auch damit verknuepft wird,

dass Frauen zu gleichberechtigten
Staatsbuergerinnen geworden sind.

Und da ist dann der erste Blick:

Es gibt die ersten
demokratischen Wahlen.

Wie schaut es jetzt
mit der Repraesentation

dieses vormals noch als unpolitisch
definierten Geschlechts aus?

Da muss man sagen,
dass das Rote Wien,

und nicht nur das Rote Wien,
sondern auch das ... Schwarze Wien

eigentlich ... ziemlich viel Frauen

in den Gemeinderat beziehungsweise
in den Landtag gebracht hat.

Also wir haben sogar -

und das finde ich
besonders spannend eigentlich -

im sogenannten
provisorischen Gemeinderat,

den Helmut Konrad
auch angesprochen hat,

wo ja die Parteien, Mandatare
und Mandatarinnen delegiert haben,

außergewoehnlich viel Frauen.

Naemlich fuenf Sozialdemokratinnen,
fuenf christlich-soziale

und zwei deutschfreiheitliche Frauen,
wie sie genannt werden.

Wir haben nach den ersten Wahlen 1919

einen Prozentsatz von 12 Prozent
weiblicher Mandatarinnen,

und der erhoeht sich dann
in den Wahlen von 1932.

In den letzten Wahlen,

wo die Nationalsozialistische
Arbeiterpartei so hinaufgegangen ist,

erhoeht sich dieser Frauenanteil
auf 15 Prozent.

Das heißt,
es waren 13 Sozialdemokratinnen

und zwei christlich-soziale Frauen.

Das mag uns heute
als laecherlich wenig erscheinen,

aber schauen wir in andere Landtage,
andere Gemeinderaete,

ist Wien ganz weit vorne.

Okay, das ist jetzt die Basis.

Und ich muss auch dazusagen,

wir haben noch keine
wissenschaftlichen Untersuchungen,

was haben diese Gemeinderaetinnen
ganz konkret gemacht,

wie haben sie sich in den Diskurs
und auch in die Praxis

der Geschlechter- beziehungsweise
der Frauenpolitik eingeschalten.

Wir sind daran, es wird in Baelde
Ergebnisse dazu geben.

Aber schaue ich mir nun die großen
Maenner, die Vaeter des Roten Wiens an,

dann muss ich sagen ...

1919 war auch eine Mutter dabei,
naemlich Amalie Seidel.

Amalie Seidel
ist Stadtraetin fuer Fuersorge geworden,

aber sehr bald von -

Professor, Dekan und so weiter -
Julius Tandler abgeloest worden

und ist dann im Bund verschwunden -
unter Anfuehrungszeichen.

Vielleicht auch interessant,

dass es eine zweite
weibliche Stadtraetin gab:

Alma Motzko-Seitz
von der Christlichsozialen Partei.

Sie war Stadtraetin
ohne Portefeuille,

aber sie war das
die ganze Erste Republik.

Es hat eben viele Vaeter gegeben,

und das war gut
fuer Krisenbewaeltigung,

das war wunderbar,
um das herrschende Elend -

Helmut Konrad hat es ausgefuehrt -

in der Stadt in den Griff zu kriegen,
Krisenbewaeltigung zu machen.

Und Krisenbewaeltigung
hat in der damaligen Zeit geheißen,

nicht nur die Kindersterblichkeit,
die Wohnungsnot et cetera zu mildern,

sondern Krisenbewaeltigung
hat auch bedeutet:

Wie kriege ich
die gestoerten Mentalitaeten

nach dem Ersten Weltkrieg
in den Griff?

Und da war das Rezept
der Baumeister des Roten Wiens

die sogenannte idealtypische
buergerliche Familie.

Also, der Mann
verdient einen Familienlohn -

Gewerkschaften
haben das fest unterstuetzt -,

die Frau kann zu Hause bleiben.

"Meine Frau braucht nicht
arbeiten gehen" -

ein Statuskennzeichen dann
der 1960er-, der 1950er-Jahre.

Das war auch in Stein gegossene
Familiarisierung des Proletariats

oder der Arbeiterschaft
in den Gemeindebauten.

Die ein Segen waren.

Aber die eine gewisse
buergerliche Struktur

mit buergerlicher Familienform ...
- Kleinbuergerlich.

Kleinbuergerlich - koennte man sagen.

Aber eine Familienform,
die auch noch per Gesetz damals

den Vater, den Mann als das Haupt
der Familie festgelegt hat.

Und das ist festgelegt worden,
obwohl -

und jetzt komme ich endlich
zu deiner Frage -:

Es hat die Kritikerinnen dagegen
gegeben.

Kritikerinnen,
nicht nur Sozialdemokratinnen,

die gesagt haben:

Welche neue Welt wollen wir?

Wir muessen uns trauen,
auch anders zu denken.

Und da geht es nicht nur
um das Einkuechenhaus,

das du schon erwaehnt hast,
sondern auch ...

Die fuehrende Sozialdemokratin,
Therese Schlesinger,

verantwortlich fuer das Frauenprogramm
des Linzer Programms von 1926,

die hat das als laecherliche
Kleinhaushalte bezeichnet,

diese ... in Stein gebaute Utopie.

Oder wir haben ...

die sozialdemokratische
Massenzeitschrift fuer Frauen

"Die Unzufriedene" -
das war ein Massenblatt.

Es war nicht so ganz wie Hugo
Bettauers Wochenzeitschrift,

aber doch eine Zeitschrift,
die versucht hat,

an den Lebensrealitaeten,
an den Notwendigkeiten anzuknuepfen.

Da drinnen wurde diskutiert:

Warum sollen Maenner nicht
Hausarbeit verrichten?

* Lachen *

Ja, das war in den 1920er-Jahren.

Vielleicht erinnern sich
einige von Ihnen noch,

welcher Skandal das damals
von der Frauenministerin Konrad war,

ihre Kampagne "halbe-halbe" -
das war in den 90er-Jahren.

Wir haben also in den 1920er-
und Anfang 1930er-Jahren

zu diesem krisenbewaeltigenden
Familiendiskurs,

gefuehrt von den Baumeistern
des Roten Wiens,

auch eine Gegenlinie drinnen.

Und zwar eine Gegenlinie,

die von fuehrenden Sozialdemokratinnen
gefuehrt wurde,

eine Gegenlinie,
die wir aber dann

in den 50er-, in den 60er-Jahren
nicht mehr finden koennen.

Und eine, die auch als,
vielleicht als eine ...

ja, eine große Frau des Roten Wiens
bezeichnet worden ist,

ist Kaethe Leichter.

Kaethe Leichter,
die 1925 die Frauenabteilung

der Wiener Arbeiterkammer
aufgebaut hat

und die Massenbefragungen
gemacht hat.

Unter Heimarbeiterinnen,

aber vor allem dann auch
eine unter Fabriksarbeiterinnen.

Das Spannende ist,

dass das Rote Wien
sich diese Untersuchungen

von Sozialwissenschaflerinnen,
aber auch von Sozialwissenschaftern

eigentlich hereingeholt hat.

Um eine wissenschaftliche Basis

fuer politische Maßnahmen
entwickeln zu koennen.

Und wenn wir uns diese Untersuchung
von Kaethe Leichter

zu den Industriearbeiterinnen
anschauen,

die '32 erschienen ist,
dann muss man sagen,

da haben wir Schwarz auf Weiß,
was funktioniert

mit der Geschlechtergerechtigkeit
im Kleinen, im Alltag: ganz wenig.

Herzlichen Dank, Gabriela Hauch.

Ich kann nur ...

* Applaus *

.. aufgreifen,

nicht ohne auch
die anwesende

ehemalige Bundesministerin
fuer Frauenangelegenheiten

Dr. Helga Konrad
herzlich bei uns zu begrueßen.

Ich habe Sie jetzt
im Publikum erspaeht.

Danke ...

Danke vielmals fuer "halbe-halbe".

Oesterreich mueht sich immer noch
damit ab, hat man den Eindruck.

Was schaust mich an?
- Nein, nein!

Ich mach halbe-halbe.

Der Blick ging nur in diese Richtung,
um den Bogen wieder zu spannen.

Von der angesprochenen Ausstellung
im MUSA,

die das Wien Museum sozusagen
jetzt als Ausweichquartier

mit der Ausstellung
"100 Jahre Rotes Wien" bespielt.

Wir haben auch dort
genau diese Frageboegen.

Wir koennen nachschauen,
es ist oftmals erschreckend,

dass es Fragen sind, die man
vermutlich heute noch stellen wuerde.

Dennoch wuerde ich gerne
bei der Stein gewordenen Utopie

noch einmal anknuepfen,
dem Wiener Wohnbau.

Der ganz zweifellos auch nicht nur in
dieser wirklich beeindruckenden Schau

des Wien Museums im MUSA
zu Recht eine große Flaeche einnimmt.

Sondern von dem wir auch wissen,
dass er,

egal, ob es Universitaeten sind
oder kuenstlerische Einrichtungen,

ganz viele Menschen
immer noch nach Wien holt.

Dieser Wohnbau
und dieser soziale Wohnbau -

Herr Oberbuergermeister Ude hat das
durchaus schon anklingen lassen -

ist nicht nur etwas,
worum uns die ganze Welt beneidet,

sondern auch etwas,
wo man den Eindruck hat,

dass die Politik
jetzt wieder mehr als je zuvor

sich schuetzend wie ein Loewe
davor stellt.

Um auch nicht eine neue
Auseinanderbrechung der Gesellschaft,

den Menschen, die sich
wohnen in der Stadt leisten koennen,

und jene, die es sich nicht mehr
leisten koennen, mitzuverursachen.

Taeuscht dieser Eindruck?

Oder ist der soziale Wohnbau
ungebrochen Herzstueck

von roter Wiener Stadtpolitik?

Es ist sicher richtig
und ein guter Anlass,

ausgehend
von der Vergangenheit

den Bogen in die Gegenwart
und in die Zukunft zu spannen.

Denn in der Tat ist ja Geschichte
kein linearer Prozess,

sondern, wie wir wissen,
ein dialektischer.

Der allerdings sich
auch fortentwickelt

in einer gewissen Kontinuitaet.

Das sieht man gerade im Wohnbau
in Wien sehr, sehr schoen und stark.

Denn der Grund,
warum die Sozialdemokratie

gerade dem Wohnbau
eine zentrale Rolle eingeraeumt hat,

war ja der Umstand, dass
die Wohn- und Lebenssituation davor,

in der Monarchie, in Wien
eine ganz besonders schlechte war.

Wien war sicher,
was die Wohnsituation betrifft,

die schlechteste Stadt ueberhaupt,
in ganz Europa.

Auch durch das sehr dynamische,
sehr ueberhastete Bevoelkerungswachstum

und den damit verbundenen
Verwerfungen

bei der Grundstuecksmobilisierung
und der Grundstueckspekulation,

die ja dann zu den sogenannten
Zinskasernen gefuehrt hat.

Man darf nicht vergessen,
dass Wien

am Ende des 19. Jahrhunderts
die drittgroeßte Stadt in Europa war.

Nach London und Paris.

Weit vor Muenchen
und auch weit vor Berlin.

Und dass es die viertgroeßte Stadt
weltweit war.

Da war nur mehr New York
und spaeter Chicago groeßer.

Das kann man sich heute
nicht mehr vorstellen,

wenn man denkt, es gibt Metropolen
mit 20 Millionen Einwohnern und mehr.

Aber damals war Wien eine
der ganz großen Metropolen weltweit.

Allerdings nicht nur verbunden
mit der großartigen Ringstraße,

den großartigen Palais
und Repraesentationsbauten,

auf die wir bis heute
sehr stolz sind,

wo aber nur ein Bruchteil
der Bevoelkerung gelebt hat.

Der ueberwiegende Teil
war untergebracht in Zinskasernen.

Wo am Ende des Ersten Weltkrieges,
1917, 1918,

92 Prozent der Wohnungen kein Wasser
und kein WC in der Wohnung hatten.

92 Prozent.

Es hat damals das Phaenomen
der sogenannten Bettgeher gegeben.

Das waren rund 60.000 Menschen,

die nicht nur keine eigene Wohnung
gehabt haben,

sondern nicht einmal
ein eigenes Bett.

Also da ist in der Frueh
der Schichtarbeiter gekommen,

hat sich in das Bett gelegt,

der, der in der Nacht dort
gelegen ist, ist aufgestanden,

natuerlich ohne zu duschen,
ohne irgendein Nachtgewand,

also man kann sich die hygienischen
Verhaeltnisse vorstellen,

aber auch die zwischenmenschlichen
Beziehungen.

Gabriele Proft hat in ihren
Erinnerungen geschrieben,

sie war kurz in einer Wohnung
untergebracht,

wo drei Erwachsene und zwei Kinder
sich zwei Betten geteilt haben.

Es gab damals das sogenannte
Phaenomen der Bettmaedel.

Sie ist dann sehr schnell
aus dieser Wohnung wieder ausgezogen,

sicher nicht nur wegen
der raeumlichen Situation.

Und wie das praktiziert worden ist,
liest man in einem beruehmten Buch,

das meiner Meinung nach
immer faelschlicherweise

als pornografischer Roman durchgeht.

Naemlich die "Josefine Mutzenbacher"
vom Felix Salten,

wo diese Wohnsituation
beschrieben wird,

mit den Bettgehern und den doch
sehr engen sozialen Verhaeltnissen.

Von daher war es fast logisch,

dass die Sozialdemokratie
schon am Ende des 19. Jahrhunderts

sich in mehreren Wohnbauprogrammen
ueberlegt hat,

was passiert,
wenn wir die Moeglichkeit haben,

in einer Stadt zu zeigen,
wie Wohnbau funktioniert.

Da war sicher
die wichtigste Voraussetzung,

die der Prof. Konrad
auch angesprochen hat,

dass es moeglich war,

in Wien eine eigene Wohnbausteuer
einzuheben,

nachdem Wien ein eigenes Bundesland
geworden ist, 1922.

Und der geniale Finanzstadtrat
Breitner

dann diese Wohnbausteuer
eingefuehrt hat,

eine klassische Luxussteuer.

Und damit in der Ersten Republik

rund 65.000 Gemeindewohnungen
errichtet werden konnten.

In relativ kleinem raeumlichen Ausmaß.

Ich bin selber in einer solchen
Gemeindewohnung groß geworden.

Die typische Groeße
war 44 Quadratmeter.

Es hat kleinere gegeben
mit 35 Quadratmeter.

Aus heutigen Verhaeltnissen
wuerde man sagen, sehr klein,

war konzipiert fuer Familien.

Allerdings ergaenzt mit sehr vielen -
du hast das zu Recht angesprochen -

Gruen-, Freiflaechen,
Gemeinschaftsmoeglichkeiten.

Von Arbeiterbuechereien
bis Kinderfreibaedern und vieles mehr.

Wo man die Moeglichkeit gehabt hat,
Gemeinschaften zu bilden.

Jeder, der in einem Gemeindebau
groß geworden ist,

erzaehlt auch davon,
dass es natuerlich Banden gegeben hat,

wo man sich wechselseitig
ein bissel bekriegt hat.

Aber wo das Miteinander schon
von Kindheit an erlernt worden ist.

Natuerlich mit allen Effekten,

dass es auch Streitereien gegeben hat
und auch heute noch gibt,

aber doch das Miteinander
im Vordergrund gestanden ist.

Wir sprechen immer vom Roten Wien
der Ersten Republik,

aber darauf aufgebaut
wurde auch in der Zweiten Republik.

Denn man darf nicht vergessen,
dass der Zweite Weltkrieg

90.000 Wohnungen zerstoert
oder schwer beeintraechtigt hat.

Das heißt, es ist im Zweiten
Weltkrieg mehr zerstoert worden,

als die Sozialdemokratie in
der Ersten Republik errichten konnte.

Von daher war es eine große Leistung
auch in der Zweiten Republik,

dieses Wohnbauprogramm fortzusetzen.

Wir haben heute
220.000 Gemeindewohnungen

in 2000 staedtischen Wohnhausanlagen

und zusaetzlich 200.000 gefoerderte
Miet- und Genossenschaftswohnungen,

die mit gemeinnuetzigen Bautraegern
errichtet worden sind.

Das heißt, 62 Prozent
aller Wienerinnen und Wiener

leben in einer gefoerderten,
heißt leistbaren, Wohnung.

Das bedeutet nicht,
dass nicht die Herausforderungen

am Wohnungsmarkt in Wien
nicht auch groß waeren,

wie auch in anderen Staedten, vor
allem im privaten Wohnhausbereich.

Aber ein großer Teil der Wohnungen
ist dem Wohnungsmarkt entbunden.

Und wenn ich noch eine Anmerkung
machen darf,

naemlich auch dass das
keine Selbstverstaendlichkeit ist,

ist der Umstand,
dass es auch in der EU ...

Die stark gepraegt ist
von neoliberalen Ueberlegungen.

In der Europaeischen Union
kommt es ja immer darauf an,

wer dort das Sagen hat.

Sollte man nicht vergessen,
wenn am 26. Mai

die Wahlen zum Europaeischen Parlament
sind.

Aber es hat die Ueberlegung gegeben
in den Lissabonner Vertraegen,

dass der gefoerderte Wohnbau nur mehr
fuer sozial Schwache vorzusehen ist.

Da waren wir in Wien
massiv dagegen.

Also mein Amtsvorgaenger,
der Michael Haeupl,

und ich damals als Wohnbaustadtrat.

Weil eine Besonderheit von Wien
ist die soziale Durchmischung.

Darauf hat man in der Ersten Republik
schon geachtet.

Gemeindebauten gibt es
in ziemlich allen Teilen der Stadt.

Ziel war, keine Ghettos herzustellen,
sondern eine soziale Durchmischung.

Das gilt aber auch
fuer die Wohnhausanlagen in sich.

Darum haben wir sehr drauf gedraengt
und eine Resolution verabschiedet,

der sich 30 Staedte
angeschlossen haben, auch Muenchen.

Wo wir gesagt haben,
parteiuebergreifend,

unabhaengig,
ob es sozialdemokratische,

liberale oder konservative
BuergermeisterInnen gegeben hat,

das wollen wir nicht.

Wir wollen auch in Zukunft
die Wohnbaupolitik so ausrichten,

wie das bei uns
historisch gewachsen ist.

Ich sage, in Wien besser
als in anderen Staedten,

darum verteidigen wir das auch ganz
massiv und wollen keine Eingriffe.

Warum?

Weil ueberall dort, wo man
die Einkommensgrenzen gesenkt hat

fuer den Zugang
zum gefoerderten Wohnbau,

war vor allem ein großer Teil
der jungen Menschen gezwungen,

sich am freien Wohnungsmarkt
zu versorgen.

Was ist dort eingetreten?

Die Mietpreise
sind drastisch gestiegen.

Es ist eine starke Nachfrage
entstanden.

Und natuerlich ist es dann
zu einer Verschiebung gekommen,

zugunsten der Immobilienbesitzer
und der Wohnhausbesitzer.

Und das wollen wir in Wien nicht.

Von daher wird es notwendig sein,

dass wir das ganz stark in Wien
schauen, dass das so bleibt.

Ich bin gegen jede Privatisierung
von Gemeindewohnungen.

Das ist ein Asset,
das man verteidigen muss.

* Applaus *

Andere Staedte bereuen das heute
ganz bitter,

dass sie in den 80er- und 90er-Jahren
ihren kommunalen Wohnungsbestand,

den es frueher auch
in anderen Großstaedten Europas gab,

verkauft und privatisiert haben.

Dort sind die Mieten alle gestiegen.

Und wenn ich mir anschaue, wie
Mietvertraege heute ausschauen,

die neu geschlossen werden in der
BUWOG, da steigen die Mieten auch.

Von daher muss es einen Schutz
fuer MieterInnen geben.

So lebt fuer mich das Rote Wien
der Ersten Republik weiter.

In einer anderen Auseinandersetzung,

aber mit gar nicht
so unaehnlichen Konfliktpartnern

wie in der Ersten Republik.

Gott sei Dank nicht mit
diesen Mitteln, die gefuehrt werden,

aber doch in einer intensiven Haerte,
der wir uns aber gewachsen fuehlen.

Herzlichen Dank, Herr Buergermeister.
Man darf gerne applaudieren.

Ich moechte da vielleicht den Bogen
nach Muenchen spannen.

Ein sehr leidenschaftliches Plaedoyer,

gewisse zentrale Elemente
der kommunalen Gestaltung

dem freien Markt
sozusagen zu entziehen.

Und zwar nicht aus
protektionistischen Gruenden,

sondern aus wohlueberlegten,

die dem sozialen Zusammenhalt
naturgemaeß foerderlich sind.

Sie waren in Ihrer aktiven Zeit auch,
und sicher auch jetzt noch,

sehr aktiv bemueht darum,
dass kommunale Versorgung

auch in den Haenden
der kommunaler Strukturen bleibt.

Ihr leidenschaftliches Thema war
vor allem immer die Wasserversorgung.

Etwas, worueber wir in Wien auch,
glaube ich, gut beraten sind,

die oeffentliche Hand
draufzulassen.

Trotzdem:
Wie kann sich da ein Bogen spannen

auch in einen ganz anderen
historischen Ausgangspunkt,

den Sie fuer Muenchen
schon ein bisschen skizziert haben,

aber vielleicht jetzt noch einmal
betonen wollen.

Prof. Konrad hat gesagt,

dass in dieser Utopie des Roten Wien
vor 100 Jahren gelungen ist,

die Revolution sozusagen
in das Machbare

umzuwandeln oder zu integrieren.

Wuerden Sie auch sagen,
das war der Grund,

warum das in Wien
so gekommen ist,

wie wir es jetzt mit 100 Jahren
befeiern koennen,

und in Muenchen sozusagen
der andere Zugang,

der revolutionaere Zugang,
der Umbruchszugang

eben nicht funktioniert hat?

Also, es ist meines Erachtens
ganz klar,

dass kommunale Dienstleistungen,

und zwar auch schon die,

die bereits bei Lueger
kommunalisiert worden sind -

Strom, Gas,
Wasser und Verkehrsbetriebe -

unbedingt in kommunaler Hand
bleiben muessen,

und eben auch der Wohnungsbau.

Nur dann koennen die Staedte

die Grundbeduerfnisse ihrer Buerger
befriedigen

und den staedtischen Frieden
aufrechterhalten.

Wenn das zum Spielball
der Spekulation wird,

dann kommen die wirtschaftlich
schwaecheren Bevoelkerungskreise

in brutaler Weise zu kurz.

Und beim Wohnungsbau
muss man halt

noch ein bisschen Sozialkunde
hinterherschieben.

Nicht fuer Sie,
sondern fuer alle Nichtwiener.

Viele wissen nicht,

dass es halt Wien
als Bundesland moeglich war,

die Finanzierung zu regeln,
wie es Hugo Breitner getan hat.

Mit einer Steuer,

die ja sowohl Luxussteuer war,
fuer den sozialen Ausgleich,

als auch Massensteuer, um wirklich
Geld in die Kasse zu bringen.

Eine solche Chance hat es niemals
in einer deutschen Stadt gegeben.

Und das Zweite ist,

wir sind auch nicht in der Lage,
den eigenen Gesetzgeber zu spielen.

Zumal Wirtschaftsverfassungsfragen
in die Bundeskompetenz fallen.

Also selbst die Bundesstaaten
Hamburg und Berlin

koennen sich keine Wirtschafts-
verfassungsgesetze geben,

sind beim sozialen Wohnungsbau auf
die Bundesgesetzgebung angewiesen.

Und da ist es seit der Adenauer-
Regierungszeit, '50/'51,

ein ehernes Gesetz:

Eine Sozialwohnung in Deutschland
darf das nur voruebergehend sein.

Laengstenfalls 30 Jahre.

Aber wenn der Investor
in der Lage ist,

die Darlehen frueher zurueckzuzahlen,

dann kann es schon nach acht,
zehn oder zwoelf Jahren aus sein.

Und dann ist die Sozialwohnung
eine gewesen,

aber sie ist keine mehr.

Sie wird Spielball
der Marktverhaeltnisse.

Und in Staedten
mit großer Wohnungsnachfrage

gelten nur noch
die Gesetze des Marktes.

Und das ist
der grundlegende Unterschied.

Deswegen sehe ich - das ist
der einzige Punkt der Kritik -

an Ihrem Sprachgebrauch,

dass Sie immer das Rote Wien
als Experiment bezeichnet haben.

Ich sage, ein Experiment ist, wenn
ich mal das probiere und das probiere

und dann schaue,
was besser ist.

Nein, die Wiener haben Gott sei Dank
nicht experimentiert.

Sondern die haben gesagt,

wir bauen Gemeindewohnungen
und Sozialwohnungen,

und die sollen und muessen das
in der naechsten

und ueber- und ueberuebernaechsten
Generation auch noch sein.

Experimentiert hat ausgerechnet
in Deutschland die CDU.

Die den Wahlslogan hatte:
"Keine Experimente - waehlt Adenauer".

* Gelaechter *

Aber der Wohnungsbau
war ein einziges Argument.

Wir haben immer
die naive Hoffnung gehabt,

oder vielleicht nicht mal das,

dass die Sozialwohnung
erst einmal Ruhe schafft,

fuer diese und die naechste
Wahlperiode,

aber dann hoert's
mit der Sozialbindung auf.

Und dann kann die eigene Klientel
die Miete erhoehen,

und die Sozialmieter sollen schauen,
wo sie bleiben.

Also experimentiert
hat bis zum heutigen Tag,

mit entsetzlichem Ergebnis,

die konservativ-liberale Politik
in Deutschland.

Und nicht die Berliner,

die haben Verhaeltnisse
fuer Generationen geschaffen.

Gott sei Dank!

(Kato:) Ich nehme an, die Wiener.

(Ude:) Wiener, natuerlich!

Wir sind in der Stadt Sigmund Freuds,

und ich glaube,
dass Sie jetzt Berliner gesagt haben,

war ein Wunschtraum.

Hier war der Wunsch
der Vater des Versprechers.

So soll es sein.
Bitte.

Wenn ich eine Anmerkung
machen darf.

Es steht mir nicht zu,
andere Staedte zu kritisieren.

Aber Berlin hatte auch einen hohen
Stand an kommunalen Wohnungen,

der privatisiert worden ist.

Das war eine politische Entscheidung,
die heute auch bereut wird,

von allen politischen
Entscheidungstraegern.

Das waren die Sozialdemokraten.
- Ja, auch.

Der neoliberale Zug
in den 80er- und 90er-Jahren

hat durchaus auch Teile der euro-
paeischen Sozialdemokratie erfasst.

Nicht in Wien,
erfreulicherweise.

Wir wurden damals
als altmodisch bezeichnet.

Das hat sich rueckblickend
als richtig herausgestellt.

In der Kohl-Regierung wurde
die Gemeinnuetzigkeit abgeschafft.

Auch ein schwerer Fehler.

Denn mit gemeinnuetzigen Bautraegern,
die nicht gewinnorientiert sind,

bleibt Geld auch im Kreislauf,
in der Sanierung und im Neubau.

Auch das unterscheidet uns in Wien
von anderen Staedten.

Vielleicht nur zur Privatisierung
und zur Kommunalisierung eine Zahl.

Ich habe vor Kurzem eine Studie
praesentiert von Wissenschaftlern,

die erhoben haben, dass
in den letzten Jahren in 20 Laendern

700 Rekommunalisierungen
stattgefunden haben.

Wo die Stadtverwaltungen
Leistungen der Daseinsvorsorge

wieder aus dem privaten Bereich
zurueckgekauft haben,

zum Teil
mit großem finanziellen Aufwand.

Im Bereich der Energieversorgung,
der Wasserversorgung,

der Abfallentsorgung,
des oeffentlichen Verkehrs.

Das heißt, es gibt durchaus
einen sehr starken Zug

insgesamt
in den europaeischen Staedten,

sich wieder der kommunalen
Daseinsvorsorge zu verschreiben.

Und ich finde,
das ist ein Thema,

das wir als Staedte
in der EU vorantreiben sollten,

gemeinsam, Muenchen, Wien und viele
andere, die sich uns anschließen.

Das passiert ganz zweifellos.

Gerade beim Thema Wohnung,

"Social Housing for All" -
eine Petition,

die man jetzt europaweit
unterschreiben kann.

Herr Prof. Konrad,

ich moechte trotzdem
an den Punkt zurueckkommen,

wo Sie auch in Ihrem Vortrag

sozusagen das Ende einmal lose
in den Raum gestellt haben,

wo man nicht anknuepfen kann.

Es ist ganz offenkundig,
dass man nach dem Nationalsozialismus

auch durch die neuerlichen
Wohnungsnoete anknuepfen konnte

an der Frage des Wohnraumschaffens.

Man konnte anknuepfen
in der Bildungspolitik.

Man konnte anknuepfen
in der Sozialpolitik.

Aber wenn ich das verknappen darf,
was Sie vorher gesagt haben.

Nach der Shoa konnte man also
nicht mehr anknuepfen

an dem Konzept des neuen Menschen.

Dieser Begriff -
wuerden Sie das unterschreiben? -

wurde quasi in Auschwitz
mitvernichtet.

Oder kann man auch sagen,

dass der Anspruch
an einen neuen Menschen

in der Zweiten Republik,
wie wir sie in Oesterreich nennen,

aber jedenfalls nach '45 irgendwo
wieder eine Behauptung gefunden hat?

Ich glaube,
das Bild trifft es sehr genau,

dass das in Auschwitz
mitvernichtet wurde.

Man darf nicht vergessen,
dass die Idee,

mit der der Nationalsozialismus
die Massen anzieht,

hat ja auch etwas Dystopisches von
der Erfassung des ganzen Menschen.

Die komplette Kontrolle,

die Einbindung des Menschen
in eine Gemeinschaft.

Von der Hitlerjungend
ueber Bund Deutscher Maedel

bis Wehrverbaende,
paramilitaerische Verbaende,

Also militaerisch durchorganisiert

bis in die Familien,
die Schulen und so weiter.

Das ist auch ein Versuch gewesen
fuer ... eine Bevoelkerungsgruppe,

fuer einen Teil der Bevoelkerung

so was wie
eine umfassende Neumenschkonzeption,

einer germanischen Herrenrasse,
wie auch immer,

in die Welt zu setzen.

Es gibt Neumenschenversuche.

Von mir aus bis hin im Maoismus,
in den 60er-Jahren.

"Trau keinem ueber 30!" -

Kampagne, die wir aus
der chinesischen Geschichte kennen.

Ich denke,
diese Idee des neuen Menschen,

die ich als Utopie
der Zwischenkriegszeit sehe,

ist von Dystopien
ueberlagert worden.

Diese zentrale Vernichtung dieses
Gedankens natuerlich ist Auschwitz,

das ist ganz klar.

Aber die Dystopien machen ein
Anknuepfen an ein solches Programm -

ich will den ganzen Menschen

vom Saeuglingspaket
bis zur Urne begleiten,

und ich begleite ihn, Gabriela,
paternalistisch durch.

Mit der kleinen Kernfamilie,
mit der Vorstellung, was richtig ist.

Ich habe versucht zu sagen,

Politik fuer die Menschen, nicht
notwendigerweise mit den Menschen.

"Wir sagen euch,
was gut ist."

"Ihr werdet sehen,
wie toll das alles ist."

Das ist nach den Experimenten,

die auf der einen Seite
der Nationalsozialismus,

auf der anderen der Stalinismus

und auf der dritten Seite
der Maoismus gebracht hat -

kann kein Thema mehr sein
fuer eine demokratische Bewegung

wie die Sozialdemokratie.

Andererseits muss aber sehr vieles
aus dem Roten Wien Thema sein.

Und das ist in Wien
tatsaechlich schoen aufgeloest.

Wien setzt genau dort auf,
wo man sagen kann,

es geht uns darum,

den Menschen ein Leben ...
in Sicherheit,

in oekonomischer,
sozialer und politischer Sicherheit,

ein Leben in einer lebenswerten Stadt
mit leistbarem Wohnen

und funktionierender Infrastruktur
zu bieten.

Also das ist meines Erachtens
so wie Wien heute.

Die Umfragen,

die Wien immer an die Spitze
von den lebenswerten Staedte reihen,

sind ja kein Zufall.

Das greift jene Elemente auf,
sie sagen,

in dieser Stadt soll es
keine soziale Not geben,

es sollen so wenig Menschen
wie moeglich ausgegrenzt sein,

diese Stadt soll offen sein,

es soll eine lebenswerte Stadt
fuer die zwei Millionen Menschen sein,

die da leben.

Und ich komme gerne nach Wien.

Ich schaue mit Bewunderung
auf deine, auf Michels Arbeit,

aus der Provinz,
als G'scherter,

auf das,
was sich in dieser Stadt tut.

Ich muss aber zum Experiment
noch einen Satz sagen.

Das Rote Wien
war ein Experiment.

Es war ein gelungenes Experiment.

Es war der Versuch, etwas,
was es noch nicht gegeben hat,

was in den Koepfen und Vorstellungen,

auch schon der Kaethe Leichter
mit Otto Bauer 1919,

existiert hat,
obwohl da vieles nicht umsetzbar war.

Die wollte die Sozialisierung und
die oekonomische Grundlage aendern.

(Hauch:) Nicht nur von BMW.
- Ja, eben, nicht nur von BMW.

Also das haette da vielleicht
neue Konflikte,

aber vielleicht auch neue Fundamente
reinziehen koennen.

Aber es ist ein Experiment.

Ich verstehe unter Experiment
den Versuch, etwas umzusetzen,

was es noch nicht gegeben hat.

Es ist ein gelungenes Experiment,
es ist EIN Experiment,

es ist nicht Herumexperimentieren.

Am Anfang vielleicht auch mit
der kleinen Siedlerbewegung und so,

das gibt es schon natuerlich auch, bis
man die Orientierung gefunden hat,

die eine oder andere Form
von Abzweigungen vom Experiment.

Aber es ist EIN Experiment,
auf das man stolz sein kann.

Ich glaube, da gibt es
Ad-hoc-Bedarf vom Buergermeister.

* Applaus *

Prinzipiell gebe ich dir schon recht,

aber es muss trotzdem Anspruch
einer politischen Bewegung sein,

die sich als eine solche versteht,
Lebensumstaende zu definieren.

Dass wir heute sagen,

wir wollen nicht nur kleinbuergerliche
Strukturen beruecksichtigen,

sondern wollen durchsetzen,
dass die Menschen,

in bunten, unterschiedlichen Formen
in einer Stadt leben koennen.

Das ist ein Anspruch, den man
gegen Widerstand durchsetzen muss.

Das ist Wien jetzt fuer uns
etwas Selbstverstaendliches.

Aber ich bin oft zusammen mit
BuergermeisterInnen anderer Staedte.

Und wenn wir in wenigen Wochen
die EuroPride haben,

wo 500.000 Menschen
aus ganz Europa kommen,

um bunte, vielfaeltige Lebensformen
gemeinsam zu begehen,

erzaehlen die aus ihren Heimatstaedten
ganz was anderes.

Die erzaehlen, dass sie in Budapest,
zum Teil in Prag, in Belgrad

verpruegelt werden auf der Straße.

Also den Anspruch zu haben,

auch gegen Widerstand
diese Moeglichkeit durchzusetzen,

ist auch ein Anspruch.

Von daher bin ich auch
durchaus dafuer,

dass wir sagen,
wir wollen nicht den neuen Menschen,

aber wir wollen
eine neue Gesellschaft, eine bessere.

Ich kann mich erinnern, als Kind hat
mir die Großelterngeneration gesagt,

es wird nie
eine Welt ohne Krieg geben.

Weil sie selber zwei Weltkriege
erfahren haben.

Heute, in einem gemeinsamen Europa,
hoffen wir,

dass wir diese friedliche Zeit
auch in Zukunft fortschreiben koennen.

Und ich hoffe, dass die Erfahrungen
aus der Ersten Republik

auch in fortlaufenden
Zweiten Republik dazu fuehren,

dass wir Konflikte
in unserer Gesellschaft

anders austragen
als in der Ersten Republik.

Darum bin ich ein großer Verfechter
der Sozialpartnerschaft.

Weil es zeigt,
wir koennen aus der Geschichte lernen.

Und der Anspruch,
einen neuen Menschen zu machen,

war verbunden
mit weitreichenden Ueberlegungen.

Was Max Adler geschrieben hat in
"Politische und soziale Demokratie",

wurde verbunden mit dem Anspruch
einer Verbesserung der Gesellschaft.

Abschließend noch ein Hinweis,

weil ich den Herrn Generaldirektor
des Oesterreichischen Staatsarchivs,

den Dr. Wolfgang Maderthaner,
hier sitzen sehe.

Er hat ein sehr interessantes
Experiment gemacht.

Naemlich 100 interessante Exponate
vorgestellt

aus dem Bestand des Staatsarchivs.
- (Konrad:) 99.

Eines davon war
von Josef Luitpold Stern.

Aus Anlass des 58. Geburtstags

vom damaligen Buergermeister
Karl Seitz.

Und der hat ihm ein Werk uebergeben
aus der Buechergilde Gutenberg -

im Uebrigen großartig dargestellt,
kuenstlerisch aufbearbeitet -,

wo er eine Zusammenfassung macht

dieses gesellschaftspolitischen
Anspruches.

Und das war,
wenn man so will,

auch eine typische Verbindung
der Intellektuellen,

die es im Roten Wien
der Ersten Republik gegeben hat,

mit den pragmatischen Forderungen
der politisch Verantwortlichen

und dem, was sich die Arbeiter-
bewegung auch erwartet hat.

Ich kenne Menschen,

die aus der Ersten Republik
ihre Taetigkeit begonnen haben,

die gesagt haben,
sie haben fuer diese Vision gelebt.

Die Vorstellung,
eine bessere Gesellschaft zu machen,

war ein Anspruch,
der uns nicht verlassen sollte,

die Gesellschaft und die Welt
besser zu machen.

Ich bin eh bei dir.

Die Einleitungssequenz unseres Buchs
ist das, ist der Luitpold Stern.

Aber gleichzeitig ist das auch,
gerade der Luitpold Stern,

eine religioese Ueberhoehung von dem,
diese Verengung.

Darf ich kurz noch den Aspekt
wieder zurueck ins Boot holen,

wenn wir vom neuen Menschen sprechen,

davon, dass wir die Gesellschaft
besser machen wollen,

dann bin ich ganz bei Ihnen,
Prof. Hauch.

Dass natuerlich das
ohne den Beitrag,

der auch schon am Beginn dieser
Utopie von Frauen geleistet wurde,

wahrscheinlich,
auch in der Anknuepfung,

wenn wir jetzt historisch
in der neuen Geschichte bleiben,

nach dem Zweiten Weltkrieg
so nicht denkbar gewesen waere.

Eine weitere gesellschaftliche
Utopie: die zweite Frauenbewegung.

Auch da wuerde ich gerne wissen,
wie sehr, wuerden Sie sagen,

sind das noch Auslaeufer
oder fixe Bestandteile

auch dieses 100-Jahre-Jubilaeums,
das wir jetzt begehen?

Ich denke mir,
das ganz Zentrale,

das galt fuer den Prozess,
den Transformationsprozess 1918/1919,

von der Monarchie
hin zur parlamentarischen Demokratie,

das gilt aber auch fuer heute.

Die parlamentarische Demokratie hat
ein politisches System geschaffen,

wo politische Gleichberechtigung

kombiniert worden ist
mit sozialen Differenzen.

Und nicht nur
mit sozialen Differenzen

in Bezug auf Klasse oder soziale
Schicht oder Positionierung,

sondern auch in Bezug auf
Geschlechterdifferenzen

oder andere Differenzen.

Und dort,
wo das ausverhandelt wird,

die parlamentarischen Institutionen,
Landtage, Gemeinderaete et cetera,

das sind Handlungsraeume.

Handlungsraeume,
in denen diese Machtverhaeltnisse,

und damit Geschlechterverhaeltnisse,

immer wieder neu
ausverhandelt werden muessen.

Und das galt fuer die Erste Republik,

und das galt auch
fuer die Zeit nach 1945.

Da moechte ich anknuepfen an das,

womit Helmut Konrad
seine Ausfuehrungen beendet hat.

Naemlich an der nachhaltigen Zer-
stoerung der Demokratie in Oesterreich

durch den autoritaeren christlichen
Staendestaat oder Austrofaschismus,

wie immer man das nennen will,
und dem Nationalsozialismus.

1934/35,
der Staendestaat hat bedeutet,

dass die Verfassung von 1920,
die die politischen Rechte

ohne Unterschied des Geschlechts
festgeschrieben hat,

aufgehoben wurde.

Das heißt, wir haben keine politische
Gleichberechtigung mehr von Frauen.

Noch Nationalsozialismus,
Helmut hat das alles ausgefuehrt.

Aber, wie lange es gebraucht hat,

naemlich Jahrzehnte,
bis in die 1970er-Jahre,

wo diese Utopien in Richtung
Geschlechtergerechtigkeit,

in Richtung Frauenbefreiung,

wie es in den 1920-Jahren
geheißen hat

und dann auch in den
1970er-/80er-Jahren geheißen hat,

dass das ueberhaupt wieder moeglich war
zu denken.

Das gilt irgendwie auch
fuer die Sozialdemokratie.

Also die frauenpolitischen
Vorstellungen aus den 1920er-Jahren,

die kommen in den 1970er-Jahren
wieder.

Da war irgendwie eine Zeit,
da wurde das nicht gedacht.

Weil zuerst schon der Name
Gabriele Proft gefallen ist,

sie war die Alte innerhalb der
sozialdemokratischen Frauenbewegung.

Ich kenne Interviews mit
Zeitgenossinnen, die gesagt haben:

"Ja, die Alte war die Radikalste."
Die aus der Zeit gekommen ist, ja?

Deswegen moechte ich auch noch mal
auf das Experiment hin.

Wir wissen es noch nicht,
wie es funktioniert.

Diese lange Dauer,
infolge der Aufklaerung,

in der buergerlichen Moderne,

wo die Geschlechterdifferenzen mit
Machtverhaeltnissen aufgeladen sind,

die sind ganz tief verwurzelt
in unsere Strukturen.

Nicht nur im Kopf und im Bauch,

sondern auch in unseren oekonomischen
und sozialen Strukturen.

Und wie das aufzubrechen ist,
da gibt es kein Rezept.

Deswegen brauchen wir Experimente,

wir muessen uns das ueberlegen
und auch ausprobieren.

(Konrad:) Ein gelungenes Experiment.
- Ein gelungenes Experiment!

Das wuerde ich mir wuenschen.

Die Wissenschaft einigt sich auf
EIN gelungenes Experiment.

Erlauben Sie mir, dass ich
in abschließenden Wortmeldungen

noch einmal an die Politik
zurueckgebe.

Die Wissenschaft sagt,
ein gelungenes Experiment.

Wenn wir jetzt uns wuenschen wuerden
oder vorstellen wuerden,

vielleicht in 100 Jahren
sitzt hier eine ebenso illustre Runde

und begeht 200 Jahre Rotes Wien,

laedt dann vielleicht ...
* Applaus *

.. einen nachgefolgten Buergermeister
aus Muenchen wieder zu Gast ein:

Auf was sollte der zurueckblicken,

was das gelungene Experiment
der Gegenwart ist?

Ich glaube, dass im Moment die
groeßte Gefahr fuer den humanistischen,

fuer den humanitaeren und demo-
kratischen und sozialen Aspekt ist,

dass es einen Rechtsruck gibt,
der alles wegwischt.

Wie Thomas Mann gesagt haette,

dass laengst widerlegte Gespenster
wieder die Buehne beherrschen.

Und das ist jetzt notwendig:

die kommunale Daseinsvorsorge
verteidigen

gegen die, die sie immer wieder
durchloechern wollen.

Jetzt mit dem Verkauf an Mieter,
was so nett klingt,

aber das heißt halt
Spaltung der Mieterschaft.

Und die Bestaende zerrinnen
der Kommune doch auf lange Sicht.

Wir muessen aufpassen,
dass der Gedanke der Toleranz,

der ja nicht ganz astrein durch-
gehalten worden ist im Roten Wien,

nicht mehr
infrage gestellt werden darf.

Ob es um die juedische Minderheit geht
oder um andere.

Das muss vielleicht
noch konsequenter werden.

Und die damals vernachlaessigte Frage
der ...

nicht nur im Reproduktionsbereich,

sondern auch im Produktionsbereich
faelligen Demokratisierung,

die muesste nachgeholt werden.

Gerade auf europaeischer Ebene,
wo sie inzwischen verhandelt wird.

Herzlichen Dank, Christian Ude.

* Applaus *

Die Ebene des gelungenen Experiments

sozusagen
ueber die Stadtgrenzen hinaus

auch auf europaeische Ebene zu heben,
auch das wurde schon angesprochen.

Was ist die Utopie,
die es heute zu entwickeln gilt

und vor der vielleicht unsere Nach-
fahren sich einmal verneigen werden?

Keine Stadt und keine Gesellschaft

hat zwei Geschwindigkeiten
zuzulassen.

Was meine ich damit?

Zum einen gibt es die Gefahr,
die Christian Ude angesprochen hat,

der Renationalisierung.

Eine Akzeptanz einer
immer weiter rechts orientierten

Gesellschaft und Politik.

Aber es gibt zum anderen
auch die Gefahr,

die neoliberal aus dem Bereich
internationaler Konzerne kommt.

Es gibt
technologische Entwicklungen,

wie Digitalisierung,
kuenstliche Intelligenz,

die stark von Konzernen
vorgetragen wird.

Wo man sehr darauf achten muss,

dass man die gesellschaftspolitische
Kontrolle nicht verliert darueber.

Das ist auch eine der großen Heraus-
forderungen der Arbeiterbewegung,

der Gewerkschaften,
der Sozialdemokratie,

auch aller liberalen Organisationen.

Es wird darum gehen,
dass nicht ein Teil der Gesellschaft

stark profitiert
von dieser Entwicklung

und der andere Teil der Gesellschaft
zurueckbleibt.

Das wird eine
der großen Herausforderungen.

Das war auch im Roten Wien
der Ersten Republik ganz wichtig,

dass man flaechendeckend ueber
die ganze Stadt und die Gesellschaft

hier versucht hat,
alle einzubinden.

Und nicht dem nachgegeben hat,
was spaetere Regime wollten:

eine Gruppe gegen die andere
ausspielen.

Von daher glaube ich,

dass die Tradition des Roten Wien
noch nie so wichtig war wie jetzt,

umzugehen mit den technologischen
Herausforderungen,

den gesellschaftspolitischen
Herausforderungen.

Das ist sicher etwas,

was wir in die Zukunft
weitertransportieren koennen.

Zu verhindern,

dass eine Gruppe der Gesellschaft
gegen eine andere ausgespielt wird.

Egal ob Frauen gegen Maenner,
verschiedene Zuwanderergruppen

gegen die schon hier lebende
Bevoelkerung ausgespielt werden.

Hier haben die Staedte
eine große Aufgabe.

Denn wenn es auf nationaler Ebene
Konflikte gibt,

die Kooperation der Kommunen,
auch innerhalb Europas untereinander,

ist eine sehr dichte
und ist fuer mich eine Hoffnung,

dass wir die Tradition des Roten Wien
in die Zukunft fortschreiben koennen.

Ich moechte schließen mit einem Satz
von Karl Seitz,

der bei der Oeffnung
des Karl-Marx-Hofes gesagt hat:

"Wenn wir einmal
nicht mehr sein werden,

diese Steine
werden fuer uns sprechen."

(Ude lachend:) So viel
zum Experiment.

Herzlichen Dank, Herr Buergermeister,
danke, Herr Buergermeister,

danke Ihnen beiden auch
fuer dieses interessante Gespraech.

Danke Ihnen fuer Ihr Interesse
an dieser "Wiener Vorlesung".

Die naechste Veranstaltung im Zyklus
der "Wiener Vorlesungen" im Jahr 2019

findet am 28. Mai
im Radiokulturhaus in Wien statt

zum Thema "Wozu Wissenschaft - junge
Wissenschaftstalente im Gespraech".

Herzlichen Dank fuer Ihr Interesse.

Ich darf gerne noch einmal
auf den Buechertisch,

der sich vor dem Eingang
des Festsaales befindet, hinweisen,

wuensche Ihnen einen schoenen Abend -
auf Wiedersehen.

100 Jahre Rotes Wien - Die Zukunft einer Geschichte

Wiener Vorlesung zum Thema "100 Jahre Rotes Wien - Die Zukunft einer Geschichte", im Festsaal des Wiener Rathauses.

Produktionsdatum: 2019
Copyright: ORF III

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