Israelitische Kultusgemeinde, katholische Kirche und Vereine - Vermögensentzug in der NS-Zeit

Das NS-Regime beschlagnahmte das Vermögen von Kirchen und Religionsgemeinschaften sowie von Vereinen, Stiftungen und Fonds.

Israelitische Kultusgemeinde Wien

Bereits am 13. März 1938 wurden alle Büros wichtiger jüdischer und zionistischer Organisationen verwüstet und geschlossen, Akten und Gelder konfisziert, Funktionärinnen und Funktionäre verhaftet. Die gesamte jüdische Interessenvertretung wurde dadurch lahm gelegt. Nach der angeordneten Wiedereröffnung der Israelitischen Kultusgemeinde Wien (IKG) (2. Mai 1938) und des Palästina-Amtes (3. Mai 1938) wurde der Aufgabenkreis im Sinne der NS-Politik völlig verändert und für deren Anliegen bis zur Verfolgung und Deportation instrumentalisiert. Aufgrund einer Verfügung der Gestapo wurde der zuvor inhaftierte Josef Löwenherz mit der Leitung der IKG beauftragt. Durch die Zusammenlegung der Verantwortlichkeiten versprachen sich die NS-Behörden einen leichten Umgang mit jüdischen Institutionen. Statt der ursprünglichen religiösen, sozialen und kulturellen Aufgaben wurden die Organisierung der jüdischen Auswanderung und die (zwangsläufige) Fürsorge zu den fast ausschließlichen Funktionen der IKG.

Die umfangreichen Aufgaben mussten unter extrem angespannten finanziellen Verhältnissen bewältigt werden. Im November 1942 wurde das Vermögen der Kultusgemeinde dem "Ältestenrat der Juden in Wien" überschrieben und die Agenden übergeben. Rund 283.000 Reichsmark wurden bei Auflösung der Kultusgemeinde dem Ältestenrat zur Verfügung gestellt. Die restlichen Vermögen von circa 6,5 Millionen Reichsmark mussten dem Auswanderungsfonds ausbezahlt werden. Kultusgemeinde und Ältestenrat wurden für die Verfolgung und Deportation instrumentalisiert.

Bis 1942 vertrat neben der IKG-Wien die "Gildemeester-Aktion" (ab 1939 "Auswanderungshilfsstelle für Nichtglaubensjuden") die Nichtglaubensjuden. Diese unterstanden der strikten Kontrolle der Zentralstelle für jüdische Auswanderung und deren Leiter Adolf Eichmann. Im Zuge der Auflösung aller Kultusgemeinden außerhalb Wiens (1940) wurden alle verbliebenen finanziellen Mittel dem Sprengel der IKG zugewiesen.

Katholische Kirche

Das dichte Netz von Einrichtungen der katholischen Kirche und ihre tiefe Verankerung in der Gesellschaft gefährdeten die Ziele der NS-Herrschaft: die totale Kontrolle über die Menschen. Zur Durchsetzung des ideologischen Alleinvertreteranspruches wurde der kirchliche Einfluss auf das Bildungswesen ausgeschaltet. Das konfessionelle Schulwesen und die katholischen Vereine wurden aufgelöst beziehungsweise zur Selbstauflösung gezwungen. Das Gebiet Österreichs wurde zum konkordatsfreien Raum (Ungültigkeit des Vertrages mit dem Vatikan).

Die Nationalsozialisten griffen auf die Vermögenswerte der katholischen Kirche in Österreich zu. Statt der Finanzierung durch den "Religionsfonds" (Erträge des von Kaiser Joseph II. eingezogenen Kirchenvermögens) und staatlichen Zahlungen wurde das Kirchenbeitragssystem eingeführt. Die NS-Führung hoffte laut Gesprächsprotokollen, dass Katholikinnen und Katholiken daraufhin scharenweise die Kirche verlassen würden. Christliche Kirchen verloren so auch staatliche Unterstützungen. Das vielfältige katholische Vereinswesen wurde aufgelöst. Der Vermögensentzug betraf auch 26 große Stifte mit umfangreichen landwirtschaftlichen Besitzungen, gewerblichen Betrieben und Kunstschätzen.

Teile der evangelischen wie auch der katholischen Kirche standen dem "Anschluss" positiv gegenüber. Durch die antireligiösen Maßnahmen des NS-Regimes führte insbesondere die Umstellung auf das Kirchenbeitragssystem auch in den evangelischen Kirchen zu einer deutlichen Finanzreduktion.

Vereine, Stiftungen und Fonds

Die am 18. März 1938 geschaffene Dienststelle des Stillhaltekommissars war für die ideologische Gleichschaltung und materielle Ausbeutung der Vereine, Organisationen und Verbände zuständig. Die Eingriffe erstreckten sich auch auf andere Organisationsformen wie Kammern und Gewerkschaften, Zünfte und Innungen, Religionsgemeinschaften, katholische Kongregationen, die Vaterländische Front, Versicherungsvereine, berufsständische Organisationen oder Interessenvertretungen.

Die festgestellten Reinvermögen der Vereine bildete die Grundlage für die Berechnung der Aufbauumlage (für den Aufbau der NSDAP) und der Verwaltungsgebühr (zur Deckung der laufenden Ausgaben der Stillhaltekommissar-Dienststelle).

Vereine konnten aufgelöst, samt ihrem Vermögen in andere (vor allem NS-)Organisationen eingewiesen oder unter nationalsozialistischem Einfluss freigestellt werden. Bei aufgelösten Vereinen wurde das gesamte Vereinsvermögen beschlagnahmt. Insgesamt wird von rund 70.000 durch den (bis 30. November 1939 bestehenden) Stillhaltekommissar abgewickelten Vereinen und Organisationen ausgegangen. Aufgrund der großen Vermögenswerte nahmen Stiftungen und Fonds eine Sonderstellung ein. Der Wert des vom Stillhaltekommissar entzogenen Vermögens liegt zwischen 236 und 253 Millionen Reichsmark. Nutznießer waren die NSDAP und ihre Unterorganisationen, aber auch Gemeinden und im nationalsozialistischen Sinn umgeformte oder neu geschaffene Dachverbände wie die Wirtschaftskammer Wien. Das Vermögen jüdischer Organisationen wurde zu einem Teil zur Finanzierung der Flucht und für die Fürsorge verwendet.

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