Geschichte der Wiener Müllabfuhr

Die Beseitigung des Hauskehrichtes oder Mülls erfolgte in früheren Zeiten auf einfache Weise. Wie aus einer Kundmachung vom 14. November 1560 zu ersehen ist, wurde "das Hausmist und andre Unsauberkait" auf öffentlichen Plätzen ausgeleert. Dieser behördliche Auftrag, dass der Hauskehrricht "in Putten, Scheibtruhen oder auf Kärren und Wagen strakhs aus der Statt" zu bringen sei, dürfte die Bevölkerung gar nicht begeistert haben und daher auch kaum befolgt worden sein.

So bot die Stadtverwaltung der Bevölkerung schon 1656 die Möglichkeit, den Hausmüll mit den damals bereits gemeindeeigenen Straßenkehrrichtwagen abtransportieren zu lassen. 1839 wurde diese Vorgangsweise verpflichtend vorgeschrieben. Einige Jahre danach erfolgte noch die Trennung der Abfuhrwagen für Straßenkehricht und Müll. Der "Mistbauer" als Transporteur des Hausmülls war geboren. Gesetzliche Verpflichtung für den Abtransport des Mülls bestand für die Stadtverwaltung allerdings nicht. Bis 1934 war die Müllabfuhr für die HauseigentümerInnen sogar kostenlos.

Der Beginn des "Müllauflegers"

Pferdegespann und zwei „Müllaufleger“

Im Jahr 1904 hatte die Stadt für die Müllsammlung bereits 104 pferdebetriebene Sammelwagen im Einsatz. Im 1. Bezirk erfolgte die Sammlung täglich, sonst ein- bis zweimal pro Woche. Die Sammelwagen wurden durch Glockenzeichen angekündigt, worauf die Hausparteien ihre Sammelgefäße selbst zum Wagen bringen und dem Arbeiter zum Entleeren, "zum Auflegen des Kehrichtes auf den Abführwagen" übergeben mussten. Aus dieser alten Tätigkeitsbeschreibung rührt auch die noch heute gültige Berufsbezeichnung "Müllaufleger" für das Sammelpersonal.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts stiegen die hygienischen Ansprüche. Daher war man auch bald von der Mangelhaftigkeit dieses Sammelsystems mit den offenen, staubenden Pferdewagen überzeugt. In der Folge versuchte man, den Müll unter anderem in genormten Gefäßen oder in Säcken zu sammeln. Versuche gab es auch mit einem so genannten Wechselkastensystem, bei dem volle Mistkisten gegen leere ausgetauscht wurden. Nach jahrelangen Versuchen entschloss man sich 1913, ein Umleersystem mit dicht schließenden Tonnen einzuführen. Als 1914 der Erste Weltkrieg begann, wurde die Müllbeseitigung zu einem nebensächlichen Problem.

Der Beginn des Colonia-Kübels

Erst im Jahr 1918 begannen in einigen Bezirken wieder Versuche mit Gefäßen nach dem System "Colonia", benannt nach der Stadt Köln. Dort wurde dieses System erstmals verwendet. Die Entleerung erfolgte fast staubfrei, die Handhabung der Gefäße war einfach. Doch der große Nachteil war wie beim alten Abholungssystem durch die Verwendung von Wohnungsgefäßen gegeben. Trotz aller Vorschriften waren die Hausparteien nicht dazu zu bewegen, die Gefäße erst kurz vor Ankunft des Sammelzuges auf die Straße zu bringen und nach der Entleerung sofort wieder wegzuräumen. Bevölkerung und Betrieb mussten also voneinander unabhängig gemacht werden. Das war nur durch die Aufstellung von Haussammelgefäßen möglich. Die Hausparteien konnten jetzt den Müll jederzeit ausleeren. Für die Müllabfuhr waren die Behälter jederzeit zugänglich.

Die Pferdewagen hatten ausgedient. Durch die technischen Ansprüche an das Sammelfahrzeug waren aufwändige und schwerere Konstruktionen nötig, die nur durch motorgetriebene Fahrzeuge gezogen werden konnten. 1923 wurde begonnen das Colonia-System flächendeckend in Wien einzuführen. 1928 war die Umstellung auf das Colonia-System in ganz Wien abgeschlossen. Mit der Auflassung des Pferdefuhrwerkbetriebes im Jahr 1926 endete eine Ära der Müllbeseitigung in Wien.

Vom Wegkippen zur Deponierung

Als die billigste Art, den Müll loszuwerden, wurde früher natürlich das Wegkippen in Gruben und Löcher angesehen. Aufgelassene Sand- und Schottergruben sowie natürliche Terrainmulden waren als Deponien (so genannte Planierungen) sehr begehrt. Eine der ersten großen Deponien für das neue Colonia-System war das Gebiet des Bruckhaufens. Weitere Deponien dieser ersten Jahre waren ein Areal bei der Lidlgasse im 17. Bezirk, das allerdings schon bald geschlossen wurde. Daneben existierte noch ein großes Gebiet im 10. Bezirk bei der Laxenburger Straße.

Durch das Prinzip der Bodenentleerung der Müllanhänger mussten spezielle Entleerungsanlagen mit Auffahrtsrampen und Entleerungsbrücken errichtet werden. Der Mist wurde in Spezialwagen entleert, die anschließend mit Raupenschleppern oder mit Feldbahnen auf das Deponieareal geschleppt wurden.

Nach dem 2. Weltkrieg verschwanden die alten Müllanhänger ziemlich schnell und machten die Müllbahnen und Umleerstationen überflüssig. Ende der 1950er-Jahre waren alle diese Anlagen abgebaut. Die neuen Müllwagen mit Heckentleerung konnten selbst jeden Teil der Schüttfläche erreichen und den Müll problemlos abkippen. Schwere Planierraupen walzten und verpressten den Müll so weit, dass das Befahren wieder möglich war.

In den ersten Nachkriegsjahren war es noch relativ unproblematisch, Deponieflächen zu finden. Neben verschiedenen kleinen Flächen wurde zwei große Deponien im 12. Bezirk, in der Eibesbrunnergasse, und die so genannte Löwygrube neben der Bitterlichstraße im 10. Bezirk gefüllt. Der Bruckhaufen war noch bis 1964 in Verwendung. Nach und nach füllten sich alle diese Deponien und neue Standorte waren auch im Umland nicht mehr durchsetzbar.

Im Jahr 1978 wurde im 22. Bezirk eine bereits Jahre zuvor geschlossene Deponie wieder eröffnet, die heute die größte Reststoffdeponie Österreichs ist. Die Deponie Rautenweg war damals nur eine einfache Grube. Ab 1985 wurde die Deponie saniert und durch eine Umschließungswand zum Grundwasserschutz, ein Gassammelsystem, Randwälle aus Schlackenbeton und andere Maßnahmen in eine Anlage verwandelt, die auch international ihresgleichen sucht. Heute werden auf der Deponie Rautenweg neben Bauschutt für den Wegebau nur noch Verbrennungsrückstände aus den Müllverbrennungsanlagen der Stadt Wien abgelagert. Grund dafür ist die Deponieverordnung, wonach das Ablagern von unbehandelten Abfällen mit einem organischen Anteil von über fünf Prozent TOC (=Restmüll) untersagt ist. Seit 1. Jänner 2009 werden daher nur noch Verbrennungsrückstände abgelagert. Die Deponie Rautenweg wurde somit von der Massenabfalldeponie zur Reststoffdeponie.

Die Fahrzeuge der Müllabfuhr

Das Hauptziel der Umstellung der Mülleinsammlung auf das System Colonia war die Vermeidung der Staubbelästigung bei der Entleerung. Die Stadt half sich selbst. Die Hauptwerkstätte entwarf und baute ein Sammelfahrzeug, das den Wiener Anforderungen vollauf entsprach.

Colonia-Sammelzug bestehend aus Zugmaschine und zwei Anhängern

Die Sammelwagen wurden als Anhänger entworfen, die von einem Zugfahrzeug gezogen werden konnten. Um ein möglichst großes Fassungsvermögen zu erhalten, waren einige konstruktive Finessen nötig. Da die Gefäße händisch in die Entleervorrichtung eingehängt werden mussten, war die Wagenhöhe natürlich begrenzt. Der Aufbau wurde also möglichst tief gelegt. Da ein Abkippen am Entleerungsort damit nicht mehr möglich war, wurde die Bodenentleerung gewählt. Der erste Anhänger wurde auf das Zugfahrzeug aufgesattelt, ein zweiter konnte nachgezogen werden. Der komplette Zug war über 17 Meter lang und fasste 13 Kubikmeter Abfall. Über zwei Jahrzehnte waren diese Gespanne im Einsatz.

Die Zugfahrzeuge waren anfangs mit Benzin betrieben, ab 1925 kamen auch Elektrozugwagen zum Einsatz. Zu diesem Zweck wurde in der Garage Leystraße eine Ladestation errichtet. 1935 begannen Versuche mit dem Stadtgasbetrieb, die in den folgenden Jahren zur Umstellung des Fuhrparks auf Gasbetrieb und zur Errichtung mehrerer Gastankstellen führten. Keine dieser Anlagen hat den Krieg unbeschädigt überstanden. Die nach dem Krieg angeschafften Fahrzeuge wurden bereits für den damals preisgünstigeren Dieselbetrieb gebaut.

Nach Kriegsende musste die Müllabfuhr von vorne beginnen. Der gesamte Fuhrpark bis auf sechs Fahrzeuge war zerstört worden oder in der Garage Leystraße verbrannt. Das Gespannsystem war technisch überholt. Man besann sich der letzten Vorkriegsversuche mit Einzelfahrzeugen mit Verdichtungseinrichtung. Die österreichischen Saurer-Werke lieferten das Fahrgestell und die Wiener Brückenbau AG fertigte nach einem Patent der Schweizer Firma Ochsner einen Aufbau mit Verdichtungssystem. 14 Kubikmeter Müll konnten auf zehn Kubikmeter verdichtet werden. Aus den Anfangsbuchstaben der Firmen Wiener Brückenbau und Ochsner ergab sich das Wort WIBRO, das auch heute noch der Spitzname der Wiener Müllfahrzeuge ist. Die Entleerung auf der Deponie erfolgte durch Hinterkippen.

Anfangs erfolgte die Kübelentleerung noch händisch. In den 1950er-Jahren erleichterten pneumatische und später hydraulische Entleerungssysteme die Arbeit.

Die immer größer werdende Behältervielfalt und der Beginn der getrennten Altstoffsammlung erforderten verschiedenste Wagentypen und Schüttsysteme. Für die 2200-Liter-Behälter werden keine Drehtrommelfahrzeuge verwendet, sondern solche mit einer hydraulische Pressplatte. Weiß- und Buntglas werden in einem Fahrzeug mit zwei separaten Sammelkammern transportiert. Sammelfahrzeuge für biogene Abfälle können im Winter als Schneepflug verwendet werden.

Einsammeln des Mists

Die ersten Mistkübel des Systems Colonia hatten einen runden Boden, eine eckige Einschüttöffnung und ein Fassungsvermögen von 90 Litern. Ein schwenkbarer Deckel schnappte in der Endstellung ein. Die Kübel wurden in den Häusern auf Trägern mit 15 Zentimeter Bodenfreiheit aufgehängt. Das war nötig, da die Schnappdeckel bei leerem Kübel sonst nicht zu öffnen wären.

Die Mülleinsammlung war anfangs noch kostenlos. Erst 1934 wurde das Wiener Landesgesetz zur Müllabfuhr mit Vorschreibung eines Entgeltes verabschiedet. Dieses wurde 1965 durch ein neues Müllabfuhrgesetz ersetzt. 1994 trat das Wiener Abfallwirtschaftsgesetz in Kraft. Bereits 1934 wurde die Abgabe durch Gefäßzahl, Entleerrhythmus und Grundgebühr festgelegt. Nach Einführung verschiedener Gefäßgrößen kam noch dieser Faktor hinzu. Seit 1965 ist in Wien eine mindestens wöchentliche Abholung vorgeschrieben, während es davor Intervalle bis zu 14 Tagen gab.

Anfang der 1960er-Jahre wurden die 90-Liter-Gefäße zu klein und durch runde 110-Liter-Tonnen mit Klappdeckel ersetzt. Doch das Müllvolumen stieg weiter rasch an und machte eine Beschleunigung und Vereinfachung der Arbeitsabläufe bei der Sammlung nötig. Ab 1964 kamen erstmals in Europa 1.100-Liter-Großgefäße zum Einsatz, ab 1973 auch 770-Liter-Gefäße.

Zur Erleichterung der Tätigkeit des Personals wurden ab 1974 leichtere 120- und 240-Liter-Kunststoffgefäße eingeführt und die alten 110-Liter-Tonnen entfernt. Diese Kunststofftonnen werden auch für die Altstoffsammlung verwendet. Seit 1993 werden viele dieser Tonnen aus Kunststoffrecyclat hergestellt.

Die Entleerung der Müllgefäße war immer schon eine harte Knochenarbeit. Die ersten Tonnen waren aus Stahl und hatten ein hohes Eigengewicht. Bei den ersten Sammelwagen lag die Entleeröffnung circa 1,7 Meter über dem Boden, und die Tagesleistung lag bei mehreren 100 Kübeln. Trotz aller technischer Hilfsmittel ist die Arbeit auch heute noch schwer: im dicht verbauten Gebiet müssen Mülltonnen durch Stiegenhäuser geschleppt und an parkenden Autos vorbeimanövriert werden.

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