Geschichte des Wiener Gürtels

Linienwall

Historische Aufnahme bei Maria vom Siege

Dem Verlauf des heutigen Gürtels weitgehend entsprechend, wurde im Jahr 1704 unter Leopold I. aus Verteidigungsgründen ein Linienwall angelegt. Er umgab die Stadt in einem unregelmäßigen Halbkreis. Zusätzlich sollte ein der Verteidigungsmauer vorgelagerter Graben Schutz vor feindlichen Angriffen gewähren. An den wichtigsten Ausfallstraßen wurden Tore, Mautstellen (Linienämter) und Brücken errichtet. In deren Nähe wurden Linienkapellen gebaut, die dem Heiligen Johannes Nepomuk gewidmet waren.

Obwohl der Linienwall seine Bedeutung als Befestigungsanlage im folgenden Jahrhundert verloren hatte, blieb er aus steuerlichen Gründen erhalten. Ab 1829 hoben die Linienämter von allen in die Stadt gebrachten Lebensmitteln eine Verzehrungssteuer ein. Infolge dieser Besteuerung war das Leben innerhalb des Linienwalls teurer als außerhalb, wodurch der Linienwall gleichzeitig eine soziale Grenze bildete.

Wiener Stadtbahn

Historische Aufnahme der Stadtbahnbögen

1890 kam es zur politischen und administrativen Vereinigung Wiens mit seinen Vororten. Damit wurde der Beschluss gefasst, das Terrain des Linienwalls für den Bau eines innerstädtischen Bahnnetzes zu nutzen. Im Jahr 1894 kam es schließlich zur Schleifung des Linienwalls. 1895 wurde mit den Bauarbeiten zur Wiener Stadtbahn begonnen. Die baukünstlerische Ausgestaltung übernahm Architekt Otto Wagner. Er plante insgesamt 30 Stationsgebäude und konzipierte den Gürtel als repräsentativen Boulevard mit Alleen nach dem Vorbild der Wiener Ringstraße.


Gürtel als Verkehrsader

Die Motorisierung stieg rapide an. Der Gürtel verlor weitgehend seine potenziellen Funktionen als Grün- und Freiraum. Er entwickelte sich zu einem reinen Verkehrsband, zur Sammel- und Verteilerschiene des Individualverkehrs entlang der Grenze zwischen inneren und äußeren Bezirken. Mit dieser Entwicklung wurden jene bekannten, aber negativ wirksamen Effekte ablesbar, die einen Verlust an Urbanität kennzeichneten:

  • Verödung des städtischen Lebensraums
  • Höherwertige Nutzungen siedelten ab und machten Platz für Randbereiche des wirtschaftlichen Spektrums.
  • Die Sozialstruktur im Nahbereich zeigte zunehmend Schwächeindikatoren wie eine höhere Arbeitslosenrate oder einen niedrigeren Bildungsgrad gegenüber dem Stadtdurchschnitt.

Aufgrund der unterdurchschnittlichen Erneuerungsdynamik und der geringeren Investitionsbereitschaft wurde aus der potenziell attraktiven Verflechtungszone zwischen Innen- und Außenbezirken eine Randzone mit Barrierewirkung und strukturellen Schwächen.

Erneuerung

Hauptbibliothek und Überdachung mit großem Segel auf dem Urban-Loritz-Platz

Seit zumindest Ende der 1970er-Jahre steht der Westgürtel im Fokus der Stadtentwicklung. Im Rahmen der "Gürtelkommission" wurden aufgrund des ansteigenden Verkehrsaufkommens verkehrstechnische Lösungen und strukturstärkende Maßnahmen diskutiert.

Ein entscheidender Impuls für stadtstrukturelle Verbesserungen des Gürtels ging vom EU-geförderten URBION-Projekt der Stadt Wien Ende der 1990er-Jahre aus. Der Umbau einzelner Stadtbahnbögen und die Nutzung durch Gastronomie- und Geschäftslokale wie auch die Neugestaltung der Freiflächen in der Gürtel-Mittelzone, beispielsweise im Bereich Urban-Loritz-Platz, haben den Gürtel positiv verändert.

Darüber hinaus beginnen die Maßnahmen der Wiener Verkehrspolitik positiv zu greifen: Gegen die nationalen und internationalen Trends im Bereich des Individualverkehrs ist die Verkehrsmenge am Gürtel in den letzten Jahren eher gesunken als gestiegen. Dabei entfalten der Ausbau des U-Bahn-Netzes mit Park-and-Ride und die Parkraumbewirtschaftung in den inneren Bezirken ihre Wirkung.

Verantwortlich für diese Seite:
Stadtentwicklung Wien
Kontaktformular