Pilotprojekt FußgängerInnenverkehr Elterleinplatz

Zwei im spitzen Winkel aufeinander treffende Straßen, Häuser, Fußgänger, Autoverkehr,  Straßenbahn, Radfahrer

Hernalser Spitz (Teilbereich Elterleinplatz)

2005 wurde das Pilotprojekt Vorher-Untersuchung an der Kreuzung Elterleinplatz/Hernalser Hauptstraße/Jörgerstraße/Kalvarienberggasse im Zentralraum Hernals im 17. Bezirk methodisch entwickelt und durchgeführt. Nach der Durchführung der baulichen Maßnahmen fand im Jahr 2009 die Nachher-Untersuchung statt.

Motivation und Ziele des Pilotprojekts

Beim Pilotprojekt wurde ein neues qualitatives Verfahren entwickelt und getestet, das Analysen der Situation von Fußgängerinnen und Fußgängern vor und nach Umgestaltungsarbeiten im öffentlichen Raum erlaubt. Diese gehen über verkehrstechnische Parameter hinaus.

Der Baustein zur systematischen Erfassung des FußgängerInnenverkehrs kann bei Projekten der Stadtplanung wie zum Beispiel bei Umgestaltungen an Kreuzungen eingesetzt werden (Teil 1: Vorher-Untersuchung, Teil 2: Nachher-Untersuchung). Das Verfahren ermöglicht es aufzuzeigen, dass bauliche Veränderungen zur Verbesserung der Situation von Fußgängerinnen und Fußgängern beitragen können.

Methodenentwicklung

Das methodische Konzept des Pilotprojekts basiert auf der Zielsetzung, die Gehbedingungen im öffentlichen Raum in Wien unter Einbeziehung der Nutzerinnen und Nutzer zu optimieren. Die wichtigsten Bedingungen für die Optimierung des Gehens aus Sicht der Fußgängerinnen und Fußgänger sind:

  • Die Verkehrssicherheit, die unter anderem durch geringe Geschwindigkeiten des motorisierten Individualverkehrs (MIV) und kurze Wartezeiten an den Verkehrslichtsignalanlagen (VLSA), gute Sichtbeziehungen und klare Wegeverbindungen gegeben ist
  • Die Aufenthaltsqualität und NutzerInnenfreundlichkeit, die durch Barrierefreiheit, ausreichendes Raumangebot für Fußgängerinnen und Fußgänger (bei Gehsteigen, Straßenbahnhaltestellen et cetera), gestalterische Ausführungen der Querungsrelationen wie Gehsteigabsenkungen und -verbreiterungen, Qualität der Beläge gewährleistet werden kann
  • Die Attraktivität und das Wohlbefinden, das durch ansprechende Gestaltungs- und Begrünungsmaßnahmen (Beleuchtung, Sitzgelegenheiten, Witterungsschutz, et cetera) erreicht werden kann

Methodische Herangehensweise und Arbeitsschritte

Entwickelt wurde ein qualitatives Bewertungsverfahren zur Beurteilung der Situation von Fußgängerinnen und Fußgängern in Kreuzungsbereichen.

Kreuzungsbereich vor dem Umbau: breite Verkehrsfläche mit Autofahrbahnen, Straßenbahngleisen und Zebrastreifen

Kreuzungsbereich vor dem Umbau

Kreuzungsbereich nach dem Umbau: schmalere Autofahrbahn, breitere Gehsteige in Rot, mehr Komfort und Sicherheit für FußgängerInnen

Kreuzungsbereich nach dem Umbau


Zu den Arbeitsschritten gehörten die:

  • Bestandsaufnahme der allgemeinen Situation für Fußgängerinnen und Fußgänger vor und nach Umgestaltungsarbeiten im öffentlichen Raum
  • Erhebung der Verkehrsorganisation und der Verkehrssituation
  • Beobachtung der Verkehrsabläufe, insbesondere des FußgängerInnenverhaltens im Kreuzungsbereich
  • Befragung der Fußgängerinnen und Fußgänger sowie Gespräche mit Multiplikatorinnen und Multiplikatoren

Ergebnisse der Beobachtung und Befragung

Fahrgäste besteigen und verlassen Straßenbahn 43 an Haltestelle und queren die Straße

Haltestelle Straßenbahnlinie 43 stadtauswärts

Die Beobachtungen und Befragungen zeigen eindeutig, dass die Umgestaltung des Elterleinplatzes die Verkehrssicherheit und die Geh- und Aufenthaltsqualität für Fußgängerinnen und Fußgänger wesentlich erhöht hat.

Verkehrssicherheit

Das subjektive Sicherheitsempfinden hat sich deutlich verbessert, unter anderem durch Fahrbahnverengungen und Aufdoppelungen (Verkehrsberuhigungsmaßnahmen). Die Beleuchtungssituation im Kreuzungsbereich wird überwiegend gut beurteilt.


Aufenthaltsqualität

Elterleinplatz, Ecke Kalvarienberggasse: verbreiterte Gehsteige in Rot, gut markierter Zebrastreifen, FußgängerInnen

Elterleinplatz, Ecke Kalvarienberggasse

Das Raumangebot auf den Gehsteigen und im Kreuzungs- und Haltestellenbereich der Straßenbahnlinie 43 ist wesentlich verbessert worden und wird als erhöhter Komfort empfunden.

Infrastrukturmaßnahmen wie Gehsteigvorziehungen, Gehsteigverbreiterungen und Gehsteigabsenkungen und die Qualität der neuen Schutzwege und der Beläge werden als positiv wahrgenommen. Dies erhöht nicht nur den Komfort und die Aufenthaltsqualität, sondern auch die Verkehrssicherheit, insbesondere für mobilitätseingeschränkte Personen oder Personen mit Kinderwagen.

Stärkung der Mobilität

Durch Fahrbahnverengungen und -anhebungen wird der Fahrzeugverkehr verlangsamt. Dies erhöht die Sicherheit und den Komfort der Passantinnen und Passanten und wurde bei der Befragung positiv empfunden.

Die Wegstrecken auf den Übergängen für Fußgängerinnen und Fußgänger sind kürzer geworden.

Die Realisierung eines ergänzenden Blindenleitsystems (und Blindenakustik) im Bereich der lichtsignalgeregelten Übergänge, der Haltestellenbereiche sowie des Eingangs zum Amtsgebäude wird sehr positiv beurteilt.

Interaktion FußgängerInnen und motorisierter Individualverkehr (MIV)

Elterleinplatz, Hernalser Spitz: FußgängerInnen queren bei Grün auf Zebrastreifen

Elterleinplatz, Hernalser Spitz, Querung bei Grün

Durch die Reduktion von Fahrbahnbreiten auf eine Fahrspur und Aufdopplungen ist die Verkehrssituation im Kreuzungsbereich ruhiger geworden (Verkehrsberuhigungsmaßnahmen).

Queren bei Rot ist das häufigste Fehlverhalten der Fußgängerinnen und Fußgänger. Es wurde 2005 von den Befragten teilweise als gefährlich wahrgenommen, 2009 jedoch kaum noch erwähnt. Die Anpassung der Ampelphasen an die Bedürfnisse der Fußgängerinnen und Fußgänger insbesondere in Verbindung mit der Ampelschaltung und der Phasenbeeinflussung durch die Straßenbahnlinie 43 ist hier ein besonderes Anliegen.

Grünphasen werden weiterhin von vielen Befragten als zu kurz empfunden. Die Räumphasen sind vor allem für ältere Personen und jüngere Kinder schwer verständlich.

Zusammenfassung der Ergebnisse

Lageskizze Umbau 2009: Fahrtrichtungen, Ampeln, Neuplanung der Gehsteige, Radfahrstreifen

Plan des Kreuzungsbereiches nach der Umgestaltung

Sicherheit, Komfort und die NutzerInnenfreundlichkeit werden nach der Umgestaltung generell als stark verbessert beurteilt. Die Umgestaltungen im gesamten Kreuzungsbereich werden überwiegend positiv wahrgenommen. Sie steigern die Aufenthaltsqualität und das Wohlbefinden der Fußgängerinnen und Fußgänger.

Die Ergebnisse der Befragung nach den verbliebenen Problemen der Passantinnen und Passanten am Elterleinplatz zeigen eine deutliche Verringerung der Kritik an verkehrstechnischen Aspekten (etwa die Geschwindigkeit des motorisierten Individualverkehrs) und auch Aspekten des Komforts (wie etwa das Raumangebot für Fußgängerinnen und Fußgänger).

Nach der Beseitigung der Mängel in den Bereichen der Verkehrssicherheit von Fußgängerinnen und Fußgängern, des Komforts und der NutzerInnenfreundlichkeit tritt die ästhetische Gestaltung des gesamten Bereiches in den Vordergrund. Diese wird sowohl mit Kritik als auch mit positiven Rückmeldungen bedacht.

Resümee des Pilotprojekts

Die Vorher-Nachher-Untersuchung stellt ein kleines kompaktes Planungs-Werkzeug dar, das leicht an andere Kreuzungsanforderungen beziehungsweise sonstige städtebauliche Situationen adaptierbar ist.

Die Ergebnisse des Pilotprojekts trugen zur Optimierung der Straßenraumqualität, der Verkehrssicherheit und zur Stärkung der Mobilitätschancen für Fußgängerinnen und Fußgänger bei. Sie wurden von der Bevölkerung äußerst positiv beurteilt und angenommen.

Generell konnte festgestellt werden, dass Vorher-Nachher-Untersuchungen das Aufzeigen von situationsspezifischen Problemen und die Entwicklung von maßgeschneiderten Lösungen für Fußgängerinnen und Fußgänger ermöglichen. Ebenso waren die verbesserte Darstellung der Ergebnisse, die Folgen dieser Planungen und die Weiterentwicklung allgemeiner Standards zur FußgängerInnenfreundlichkeit und Qualitätsverbesserung möglich.

Aufgrund der positiven Erfahrungen am Elterleinplatz wurde dieses Werkzeug in Hernals (17. Bezirk) erneut aufgegriffen und an weiteren Orten im Zusammenhang mit Planungen im Zentralraum Hernals erfolgreich angewandt. Die Ergebnisse dienen darüber hinaus als Basis für eine intensive Öffentlichkeitsarbeit zur Stärkung der Anliegen der Fußgängerinnen und Fußgänger.

Prämierungen

Das Projekt belegte im Rahmen des "Walk-space AWARD 2010 – Landespreis Wien" in der Kategorie "Bewusstseinsbildung / Prozesshaftes" den zweiten Platz und wurde mit einer Urkunde ausgezeichnet.

Fünf Personen mit einer Urkunde in Händen

DI Dieter Schwab, Amtsf. StR DI Rudi Schicker, Mag.a Dr.in Astrid Klimmer, BVin Dr.in Ilse Pfeffer und DKfm. Werner Sogl

Urkunde

Urkunde für den 2. Platz beim Walk-Space-AWARD 2010 in der Kategorie Prozesshaftes/ Bewusstseinsbildung


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