Interview mit Bettina Wagner und Johannes Kößler von der Seeseiten Buchhandlung

Die Buchhandlung Seeseiten feierte am 25. Mai 2018 ihr dreijähriges Jubiläum. Kurz zuvor wurde sie als eine der besten Buchhandlungen Österreichs ausgezeichnet. wien.at nimmt dies zum Anlass, um mit Bettina Wagner und Johannes Kößler, waschechten Seestadt-PionierInnen, ein Gespräch über Kultur, Kommunikation, Stadtwerdung und die Menschen vor Ort zu führen.

Bettina Wagner und Johannes Kössler

Bettina Wagner und Johannes Kößler

wien.at: Sind Eure KundInnen alle so originell wie der, der gerade reingekommen ist?

Johannes Kößler: Die meisten sind doppelt so lustig. Spaß beiseite: Man muss sich seine Kurzfilme anschauen. Er hat eine ganze Serie gemacht. Die haben wir hier und verkaufen sie auf DVD. Da macht er richtiggehend Terence Hill-Bud Spencer Martial Arts-Action.
(Anmerkung: Die Rede ist von dem Donaustädter Schauspieler und Autor Wolfgang Rauh und seiner Serie Wolfman Solutions)

wien.at: Seid ihr hier mittlerweile eine Plattform, wenn Menschen vor Ort etwas zu präsentieren oder zu teilen haben?

Bettina Wagner: Wir haben sehr interessante und spannende KundInnen. Und wir wissen nach beinahe drei Jahren Seestadt wirklich viel von den Leuten. Das ist meistens so: Kurz reinkommen, tratschen. Was ist los? Was gibt es Neues? Was macht der? Was macht die? Es ist beinahe wie im Dorf.

wien.at: Gibt es die typische Seestädter Kundin oder den typischen Seestädter Kunden?

Bettina Wagner: Derzeit gibt es schon viele junge Familien. Ich finde das ist bezeichnend für die ebenfalls noch junge Seestadt.

wien.at: Ihr habt vor drei Jahren begonnen. Hat sich der Austausch mit den Menschen verändert? Gibt es Interessensschwerpunkte, die die Menschen hier immer wieder thematisieren?

Bettina Wagner: Es ist nicht konstant.
Johannes Kößler: Literarisch sind die Interessensschwerpunkte eher Kinderbuch, Krimi, Belletristik und Kulinarik.
Seeseiten Buchhandlung in der Seestadt

Seeseiten Buchhandlung

wien.at: Warum glaubt Ihr, mögen euch die Leute hier so gerne?

Johannes Kößler: Wir sind ein Treffpunkt, ein Ort, wo man sich unterhält. Und die Menschen wissen, sie kriegen hier ein gutes Service und können hier Zeit verbringen, ohne dass man irgendwie angegangen wird und etwas machen muss. Und wir sind einfach super (lacht).

Bettina Wagner: Und wir kennen uns gut aus. Wir lesen wahnsinnig viel und das schätzen die Leute, die zu uns kommen. Dadurch, dass wir so viel mit ihnen kommunizieren, kommunizieren sie auch sehr viel mit uns.

wien.at: Das heißt, eure Stammkundenquote ist hoch?

Bettina Wagner: Ja. Mindestens 85 Prozent sind StammkundInnen.

wien.at: Das ist verständlich in diesem frühen Entwicklungsstadium der Seestadt. Das könnte sich aber verschieben, weil der zentrale Ort hier direkt am Seepark eine innerstädtische Qualität bekommen wird, wenn alles fertig ist.

Johannes Kößler: Genau. Aber es ist einfach so, dass wenn jemand einmal bei uns war, dann kommt er meistens wieder. Und dafür kann man eigentlich nur dankbar sein. Da sind wir sehr froh darüber.

wien.at: Würdet ihr sagen, dass viele bewusst in die Buchhandlung kommen und den sozialen Austausch suchen, statt einfach nur per Klick etwas zu bestellen?

Johannes Kößler: Das bewusste Herkommen, Quatschen und das entspannte Auswählen von Lesestoff in einer guten Qualität, das steigt jedenfalls.
Bettina Wagner: Die Menschen, die zu uns kommen, sind auch unsere besten WerbeträgerInnen, weil sie wahnsinnig viel Mundpropaganda machen. Das hat sich total entwickelt. Als wir 2015 angefangen haben, sind wir davon ausgegangen, unsere KundInnen werden vor allem SeestädterInnen sein. Mittlerweile kaufen jedoch wirklich viele Menschen vom 22. Bezirk bei uns ein. Und seit unserer Auszeichnung kommen auch viele aus anderen Teilen Wiens zu uns. Die Buchhandlung und die Seestadt anschauen! Weil, da wollten sie sowieso schon immer einmal her.

wien.at: Aus der Donaustadt, vor allem aus Essling und Aspern, in das neue lokale Zentrum Seestadt?

Bettina Wagner: Ja. Aber auch aus Kagran und Hirschstetten. Es ist alles dabei. Das können wir total bestätigen. Nicht nur, was unsere Buchhandlung betrifft. Mir fällt es auch beim Essengehen auf. Zum Italiener oder so. Es gehen sehr viele Menschen gerne hierher in die Seestadt. Aber da geht auf jeden Fall noch mehr! Spannend wird es, wenn das Seeparkquartier fertig sein wird und noch mehr Menschen hier einziehen. Das werden unsere unmittelbaren Nachbarn. Da werden wir noch einmal einen Schub spüren.
Johannes Kößler: Zweitausend EinwohnerInnen mehr und eine Menge neuer Institutionen, die wiederum neue Menschen anziehen. Das neue Amtshaus der Stadt Wien zieht jetzt schon sehr viel neues Publikum an.
Bettina Wagner: Das stimmt. Wir haben dadurch schon sehr viele Menschen in unserem Geschäft. Nach dem Amtsweg kommen viele noch hierher. Die meisten via Öffis, Fahrrad oder zu Fuß. Manche kommen natürlich auch mit dem Auto. Das sind aber auch welche dabei, die sich mit den Parkplätzen in der Seestadt noch nicht auskennen. Dann erklären wir ihnen das Mobilitätskonzept der Seestadt.
Johannes Kößler: Und wo die Sammelgaragen sind. Es gibt aber auch Kurzparkzonen in unmittelbarer Nähe - so wie überall in Wien.

wien.at: Wenn ihr an die künftige Entwicklung denkt, gibt es etwas, was ihr euch besonders wünschen würdet?

Bettina Wagner und Johannes Kössler auf einen Trampolin

Bettina Wagner: Ich möchte eine Schiffsanlegestelle an der gegenüberliegenden Seite des Sees haben, wenn es soweit ist (lacht). Eine Anlegestelle, wo ein Buchboot einmal täglich fährt und Bücher zugestellt werden können.

Johannes Kößler: Ich wünsche mir, dass es weiter so unkomplizierte und starke Unterstützung von den verantwortlichen Stellen gibt. Und ich wünsche mir, dass wir mit der umweltfreundlichen Mobilität weiterkommen. Dass man zum Beispiel ein Seestadt-internes Transportkonzept macht, sodass der lokale Handel funktionieren kann und sich mit einem lokalen Transportkonzept verbindet.

Bettina Wagner: Was ich mir wünsche, wäre noch mehr Gastronomie. Eine klasse Weinbar und ein weiteres tolles Kaffeehaus zusätzlich zum Leo. Das könnte man auch kombinieren mit einem Mittagstisch, weil hier viele Jungeltern mit ihren Kindern herumrennen, so wie es vor Ort der Verein KönigsKinder gemacht hat.

wien.at: Wenn ihr in der Seestadt etwas total Innovatives ausprobieren könntet, was würde das sein?

Bettina Wagner: Ich würde voll gerne gemeinsam mit anderen einmal im Jahr ein zweitägiges Musik- und Literaturfestival auf die Beine stellen.

wien.at: Für die weitere Belebung des öffentlichen Raums?

Johannes Kößler: Genau. Mit Bühne am See. Das wäre schon cool. So wie unsere Mondscheinlesung. Nur größer!
Auch ganz wichtig sind Eigeninitiativen wie das, was der Franz macht: Die Seestadt Selbermacherei. Oder die Dachgärten.
Bettina Wagner: Ja. Es gibt wirklich viele spannende Leute hier. Und wenn dieser Spirit, dieses Pionierhafte bleibt, dann wäre das schon sehr wünschenswert.

wien.at: Geht ihr vor Dienstbeginn schwimmen?

Bettina Wagner: Wir gehen schon schwimmen, aber selten in der Früh. Halt immer wieder mal.
Johannes Kößler: Aber nach der Arbeit kann man den Buchhändler schon mal in der Badehose durch den See pflügen sehen. Das ist dann einer der wenigen Momente, in denen ich in meiner Freizeit nicht lese.

wien.at: Danke für das Gespräch!

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