Interview mit Christine Spiess, Projektleiterin Seestadt aspern

Christine Spiess, Projektleiterin der Stadt Wien, arbeitet mit Hochdruck an der Realisierung eines der größten Stadterweiterungsprojekte Europas. wien.at hat um eine Zwischenbilanz gebeten und gefragt, welche nächsten Schritte geplant sind.

Christine Spiess

Christine Spiess

wien.at: Gemeinsam mit der Entwicklungsgesellschaft Wien 3420 Aspern Development AG koordinieren Sie als städtische Projektleiterin die Entwicklungen in der Seestadt. Bei Ihnen fließen alle kommunalen Fäden zusammen. Wie organisieren Sie diese Vielzahl an Aufgaben?

Christine Spiess: Die Stadt Wien ist mit einer Vielzahl ihrer Dienststellen am Projekt beteiligt. In enger Kooperation mit zentralen Partnern wie der Wien 3420 Aspern Development AG oder den Wiener Stadtwerken, politischen Stakeholdern und privaten Investoren treiben wir eines der größten Stadtbauvorhaben Europas voran. Im Rahmen unseres übergeordneten Programmmanagements sind etwa 350 Personen in unterschiedlichem Ausmaß für die Seestadt tätig.

Video "Seestadt wächst weiter"

Aus städtischer Sicht geht es dabei nicht nur um behördliche Verfahren wie Flächenwidmung, Umweltverträglichkeitsprüfung, Baubewilligungen, Betriebsanlagengenehmigungen oder auch die Verkehrsorganisation. In Wien spielen der geförderte Wohnbau in hoher Qualität, erstklassige öffentliche Verkehrsanbindungen, tolle Freizeit- und Grünraumangebote, aber auch ungeheure Leistungen im Bereich der sozialen Infrastruktur eine wichtige Rolle. Ganz wesentlich für die Menschen sind hier Schulen, Kindergärten und Gesundheitseinrichtungen. Und der vorlaufende Tiefbau erhält nicht immer die Wertschätzung, die er verdient: In der Seestadt werden etwa weit über 20 Kilometer an Straßen und Wegen, inklusive aller nötigen technischen Einbauten, wie etwa Kanal und Wasserleitungen, errichtet.

wien.at: An welchem Punkt der Umsetzung befindet sich die Seestadt derzeit?

Spiess: Für das gesamte Areal liegt eine vom Gemeinderat beschlossene Flächenwidmung vor. Auch die umfassenden Umweltverträglichkeitsprüfungen für das Projekt Seestadt sind abgeschlossen. Schon ab 2019 können auch nördlich des Sees die ersten Quartiere errichtet werden. Derzeit wird mit dem zentral gelegenen Seeparkquartier der südliche Teil der Seestadt bis 2020 komplettiert. Schon heute leben 6.800 Menschen in rund 3.000 überwiegend geförderten Mietwohnungen und zwei StudentInnen-Heimen. Nach dem Betriebsstart von Hörbiger und Wien Work sowie in den ersten Einrichtungen, Geschäften und Gewerben vor Ort - Opel Wien zählen wir hier nicht dazu - arbeiten an die 2.000 Menschen vor Ort. Im Seeparkquartier kommen schon in den nächsten Jahren etwa 700 privat finanzierte Eigentums- und Mietwohnungen, Flächen für Handel, Gastronomie und Gewerbe, ein Kindergarten, eine Volkshochschule sowie ein weiteres StudentInnen-Heim und ein Gästehaus der Wiener Universitäten hinzu. Ein Amtshaus der Stadt Wien ist hier bereits seit Frühjahr 2018 in Betrieb. Außerdem wird in unmittelbarer Nähe das Technologiezentrum bis 2020 erweitert.

Bildungscampus und Gesundheitszentrum

Hängematte im Garten des Bildungscampus Seestadt

Bildungscampus aspern Seestadt

wien.at: Die gemanagte Einkaufsstraße besteht nun seit drei Jahren. Ungeachtet der Nahversorgung ist eine vielfältige soziale Infrastruktur ein wichtiges Rückgrat eines funktionierenden Stadtteils. Welche Einrichtungen und Angebote gibt es bereits?

Spiess: Die Stadt Wien legt sehr hohen Wert auf eine umfassende soziale Infrastruktur in Neubaugebieten. In der Seestadt haben wir mit dem Campus Seestadt bereits einen geöffneten Bildungscampus der Stadt Wien und einem hochmodernen Bundesschulzentrum bald das erste Bildungsquartier für beinahe 2.000 Kinder und Jugendliche von null bis 18 Jahren umgesetzt. Dazu gibt es mehrere private Kindergärten und Initiativen sowie weitere Betreuungseinrichtungen wie ein SOS-Kinderdorf oder ein Jugendwohnheim. Um den großen örtlichen Bedarf decken zu können, wird nördlich des Sees ein zweiter städtischer Bildungscampus bis 2021 errichtet. Ich bin auch sehr froh, dass wir im Stadthaus bereits ein Gesundheitszentrum mit vielen ärztlichen und therapeutischen Angeboten auf den Weg bringen konnten. Selbstverständlich werden diese Angebote im Zuge der künftigen Bauetappen weiter maßgeschneidert. Die Seestadt profitiert auch vom nahen, via U2 direkt erreichbaren SMZ-Ost. Mit Wien Work hat sich im Übrigen ein großer sozialwirtschaftlicher Akteur mit mehr als 500 MitarbeiterInnen für den Standort Seestadt entschieden.

Ein neuer lebendiger Wiener Stadtteil entsteht

Bücherregale und Büchertische in der Buchhandlung Seeseiten

Beliebter Treffpunkt ist die Buchhandlung Seeseiten an der Janis-Joplin-Promenade.

wien.at: Wie bringen sich die SeestädterInnen ein, um ihr "Grätzel" aktiv mitzugestalten?

Spiess: In und rund um die Seestadt wird Beteiligung seit vielen Jahren großgeschrieben. Ob im Zuge des Masterplan-Prozesses oder auf dem Wege sogenannter Citylabs konnten und können Interessierte immer wieder an den Planungsprozessen teilhaben. Einrichtungen wie die mobile Jugendarbeit SEA oder das Stadtteilmanagement in der Seestadt dienen hingegen als permanente Anlaufstellen. Ein eigenes Stadtteilmanagement-Team bietet eine Vielzahl von Formaten - zum Beispiel das Seestadtforum oder Ideenwettbewerbe - an. Ungeachtet dessen stehen wir gemeinsam mit der Wien 3420 Aspern Development AG und der Bezirksvertretung Donaustadt im laufenden Dialog mit BewohnerInnen und AnrainerInnen. Die Seestadt soll ja auch als Urban Lab, also als Testgebiet der Smart City Wien, genutzt werden. Als ein Ort, wo innovative und engagierte Menschen intelligente Ideen ausprobieren können.

Luftbildaufnahme der Seestadt 2018

wien.at: Welche Zwischenbilanz ziehen Sie, nachdem der erste Teil der Seestadt in Betrieb genommen worden ist?

Spiess: Die Seestadt aspern wird in mehreren Etappen entwickelt. Folgerichtig wird das Angebot schrittweise erweitert. Wir versuchen, hier die Bedürfnispyramide von unten nach oben zu klettern und starten mit Einrichtungen, die für alle im täglichen Leben unverzichtbar sind. Mit dem Erwachsenwerden der Seestadt werden wir auch auf individuellere Anliegen und Bedürfnisse im Bereich Kultur, Soziales und Arbeitswelt abzielen können. Mit Angeboten und Rahmenbedingungen, die nicht nur für die SeestädterInnen, sondern auch für die Menschen in der Nachbarschaft in und außerhalb der Donaustadt interessant sind. Wir erfahren hier jeden Tag, dass ein junger Stadtteil ein sehr lebendiger Organismus ist. Diesem können wir mit zeitgemäßen Infrastruktur- und Serviceangeboten sowie mit innovativen Spielregeln einen äußeren Rahmen geben. Pulsierendes Stadtleben verlangt aber, dass die Menschen sich einen Ort aneignen. Die Seestadt wird ihre Metamorphose vom Masterplan hin zu einem lebendigen Wiener Stadtteil erst durch die von den Menschen vor Ort erlernten und gepflegten Alltagskulturen vervollständigen. Natürlich werden wir auch aus unseren bisherigen Erfahrungen lernen und diese in die weiteren Bauetappen mit einfließen lassen. Eine so positive Zwischenbilanz ist auch nur mit besonders engagierter Teamarbeit aller Beteiligten möglich. Das Ganze ist ein Prozess! Angesichts der Vorhaben in und rund um die Seestadt bin ich aber sehr zuversichtlich, dass sich die Seestadt langfristig zu einem pulsierenden lokalen Zentrum im Sinne des Wiener Stadtentwicklungsplans und des Fachkonzepts Zentren entwickeln wird.

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