1. Einleitung und Erkenntnisse

1.3 Übergeordnete Energie- und Klimaschutzentwicklungen

Weltweite Trends und Entwicklungen, sowie klima- und energiepolitische Ziele und Entscheidungen auf EU- und Bundesebene haben unmittelbare Auswirkungen auf Wien. Darüber hinaus stellt die Stadt Wien selbst wichtige Weichen für den Dekarbonisierungspfad und gestaltet ihre Energiezukunft aktiv mit.

Weltweite Entwicklungen

Erderwärmung schreitet weiter voran

2020 lag weltweit unter den drei wärmsten Jahren der Messgeschichte, die globale Durchschnittstemperatur lag bereits 1,2°C über dem vorindustriellen Niveau (1850-1900). Es reiht sich damit ein in eine lange Abfolge überdurchschnittlich warmer Jahre ein, allein die letzten sechs Jahre waren global gesehen auch die sechs wärmsten je gemessenen.

Ein ähnliches Bild zeigt sich in Europa, wo 2020 mit einem Anstieg der durchschnittlichen Temperatur von 2,2°C sogar das bisher wärmste je gemessene Jahr war. In Österreich war 2020 das fünftwärmste Jahr der Messgeschichte. Das Jahr war um 2,1 °C wärmer als der Mittelwert im Bezugszeitraum 1961–1990, bezogen auf die Periode 1850-1900 betrug der Anstieg 2,6°C.

Auch in Wien zeigt sich ein deutlicher Erwärmungstrend: das letzte durchschnittlich warme Jahr liegt bereits 26 Jahre zurück, 12 der 13 wärmsten Jahren seit Mitte des 19. Jahrhunderts traten nach dem Jahr 2000 ein. Insgesamt war 2020 mit einer Abweichung von +2,2 °C gegenüber vorindustriellen Zeiten das fünftwärmste Jahr in Wien, nach 2018, 2019, 2015 und 2014. Gegenüber dem langjährigen Mittel (1961–1990) war die Temperatur um 2,0°C zu hoch.

Quellen:
WMO (2021): State of the Global Climate 2020
Copernicus Climate Change Service (2021): European State of the Climate
CCCA (2021): Klimastatusbericht 2020 Österreich
CCCA (2021): Klimarückblick Wien 2020

Fossile Energiepreise unberechenbar

Die Preise für fossile Energieträger zeichneten sich im letzten Jahr durch rasche Preisschwankungen aus. Der Ölpreis (WTI) für ein Barrel lag zu Beginn der COVID-19 Pandemie bei rund 55 Dollar, fiel für ein paar Wochen auf rund 20 Dollar um dann seinen Tiefstand von -40,32 Dollar (man bekam Geld, wenn man Öl abnahm) im April zu erreichen. Aktuell liegt der Preis wieder im Steigen bei rund 40 Dollar je Barrel. Weniger ausgeprägte Schwankungen gab es auch bei Kohle, Gas und anderen Ölsorten. In Summe liegen die Preise für fossile Energieträger aktuell unter den letztjährigen Werten, unter anderem auf Grund des eingebrochenen Energieverbrauchs. Die starken und äußerst kurzfristigen Reaktionen der fossilen Energiepreise spiegeln die Trägheit der fossilen Energiegewinnung wider und zeigen wie unberechenbar künftige Energiepreisentwicklungen sind.

Energieverbrauch bricht ein – Auswirkungen von COVID-19

Der Energieverbrauch ist in Regionen, in denen drastische Maßnahmen gegen die Ausbreitung von COVID-19 getroffen wurden, laut Analyse der Internationalen Energieagentur deutlich zurückgegangen. Beispielsweise war der Verbrauch elektrischer Energie auf dem Niveau von Sonntagen bzw. rund 20 Prozent unter dem Durchschnitt. Innerhalb der EU lag der Verbrauch Ende Juni 2020 noch in etwa zehn Prozent unter dem Durchschnitt, wohingegen in China keine Reduktion mehr zu verzeichnen war. Global gesehen ist der Anteil an erneuerbarer Energie im Elektrizitätsmix während der Maßnahmen gestiegen und fällt auch nach den Lockerungen höher aus als zuvor.

Entwicklungen auf EU-Ebene

Green Deal – Strategie für ein klimaneutrales Europa

Die seit 1. Dezember 2019 amtierende Präsidentin der Europäischen Kommission Ursula von der Leyen hat kurz nach Amtsantritt den „Green Deal“, einen Fahrplan der Europäischen Union in Sachen Klimaschutz bis 2050, vorgestellt. Mit dieser Wachstumsstrategie soll der Übergang zu einer ressourcenschonenden und wettbewerbsfähigen Wirtschaft gesichert werden. Die übergeordneten Ziele sind:

  • bis 2050 keine Netto-Treibhausgasemissionen mehr zu verursachen,
  • das Wirtschaftswachstum von der Ressourcennutzung abzukoppeln und
  • niemanden, weder Mensch noch Region, im Stich zu lassen.

Um die Ziele zu erreichen, soll das bisherige CO2-Reduktionsziel für 2030 auf 50 bzw. 55 Prozent angehoben werden. Dafür sind deutliche Nachschärfungen der nationalen Energie- und Klimapläne der Nationalstaaten notwendig. Das Emissionshandelssystem (ETS) soll auf den Flug- und Schiffsverkehr ausgeweitet und eine Mobilitätsstrategie für nachhaltige Mobilität inklusive Umbau des Nahverkehrs unter Berücksichtigung von E-Auto-Batterien bereitgestellt werden.

Der Green Deal stärkt die Ambitionen durch einen Fahrplan mit konkreten Maßnahmen unter anderem in den Bereichen saubere Energie, nachhaltige Industrie, Gebäude und Sanierung, nachhaltige Mobilität, Biodiversität, Land- und Forstwirtschaft und Finanzmarktregulierung. Erforderliche Investitionen werden aufgezeigt und Möglichkeiten zur Finanzierung dargestellt.

Für die angestrebte Klimaneutralität bis 2050 will die Europäische Kommission im nächsten Jahrzehnt eine Billion Euro mobilisieren. Dafür soll die Europäische Investitionsbank zur Klimabank werden und Gelder aus dem EU-Haushalt (über 500 Mrd.), aus Investitionsprogrammen (rund 280 Mrd.) und von Mitgliedsstaaten (über 110 Mrd.) bereitgestellt werden. Neben technischer Hilfe beim Übergang zur klimaneutralen Gesellschaft sollen mehr als 140 Mrd. für den Ausstieg aus Kohle bereitgestellt werden.

Die Umsetzung des Green Deals wird 2021 durch legislative Ergänzungen begleitet. Dazu zählen unter anderem

  • das Klimaschutzgesetz
  • die Richtlinien zu erneuerbarer Energie und Energieeffizienz (Nachschärfung) von Teilen des 2018 beschlossenen Clean Energy Package),
  • die Energiesteuerrichtlinien,
  • die Rahmenvorschriften zur Besteuerung von Energieerzeugung und elektrischen Strom

Darüber hinaus sollen Maßnahmen zur smarten Sektorkopplung von Strom, Gas, Wärme, Transport und Industrie vorgelegt werden.

Weitere Informationen zum Green Deal

Mehr Transparenz für ökologische Investitionen

Unterstützend zum Green Deal haben das Europäische Parlament und der Rat im Juni 2020 eine Taxonomie-Verordnung erlassen. Dadurch sollen nachhaltige und ökologische Investitionen für Private leichter erkenntlich und einheitlich bewertet sein um mehr private Gelder in nachhaltige Wirtschaftstätigkeiten zu lenken. Die Verordnung trat im Juli 2020 in Kraft und definiert sechs Umweltziele, die von verpflichteten Unternehmen ab 2022 (Ziel 3 bis 6 ab 2023) für ihre Wirtschaftstätigkeit bewertet werden müssen.

  1. Klimaschutz
  2. Klimawandelanpassung
  3. nachhaltige Nutzung und Schutz von Wasser- und Meeresressourcen
  4. Übergang zu einer Kreislaufwirtschaft, Abfallvermeidung und Recycling
  5. Vermeidung und Verminderung der Umweltverschmutzung
  6. Schutz gesunder Ökosysteme

Die Verordnung verpflichtet Finanzmarktteilnehmerinnen und -teilnehmer wie Investmentfonds ihre angebotenen Produkte gemäß festgelegter Kriterien bezüglich Ökologie und Nachhaltigkeit zu bewerten. Nur Produkte, die den Kriterien entsprechen, dürfen als nachhaltig beworben werden. Unternehmen, die auch nicht-finanzielle Berichte legen müssen, sind verpflichtet, ihre Tätigkeiten gemäß den neuen Vorschriften auf Nachhaltigkeit und Ökologie zu bewerten. Eine Wirtschaftstätigkeit gilt als ökologisch nachhaltig, wenn sie

  • wesentlich zur Verwirklichung eines oder mehrerer Umweltziele beiträgt,
  • zu keiner erheblichen Beeinträchtigung der obigen Umweltziele führt,
  • unter Einhaltung des festgelegten Mindestschutzes (Arbeitsrechte) ausgeübt wird,
  • im Einklang mit technischen Evaluierungskriterien steht.
Weitere Informationen

Entwicklungen auf Bundesebene

Energie- und Klimaschutzziele der neuen Bundesregierung

Am 7. Jänner 2020 wurde die neue Regierung angelobt. Die neue österreichische Bundesregierung hat in ihrer Koalitionsvereinbarung viele energierelevante Ziele formuliert, aus denen sich Rückenwind für die Erreichung der ambitionierten Wiener Energie- und Klimaschutzziele ergeben kann, unter anderem:

  • Klimaneutralität bis 2040 im Klimaschutzgesetz verbindlich festgelegt inklusive der Definition von Emissionsreduktionspfaden zur Einhaltung des aus den Paris-Zielen abgeleiteten CO2-Budget
  • Strom zu 100% (national bilanziell) aus erneuerbaren Energiequellen bis 2030 inkl. Definition von klaren Ausbauzielen für Technologien (Überarbeitung des Erneuer baren-Ausbau-Gesetzes). Dafür ist ein Zubau von 27 TWh notwendig, der sich wie folgt verteilen soll:
    • Photovoltaik + 11 TWh (Erzeugung 2019: 1,7 TWh) & 1-Million-Dächer-Photovoltaik-Programm
    • Wind +10 TWh (Erzeugung 2019: 7,5 TWh)
    • Wasserkraft +5 TWh (Erzeugung 2019: 40,5 TWh)
    • Biomasse +1 TWh (Erzeugung 2019: 4,8 TWh)
  • Erhöhung der Sanierungsrate und -qualität bei Gebäuden durch Weiterentwicklung der Wohnbauförderung und Bauvorschriften.
  • Phase-out fossiler Energieträger in der Raumwärme bedeutet ein Aus für alle Öl- und Kohleheizungen bis 2035 und ein Verbot für den Einbau von Gaskesseln im Neubau ab 2025. Eine Wärmestrategie soll zur vollständigen Dekarbonisierung des Wärmemarktes erarbeitet werden. Die Grundsätze sind:
    • Forcierung der Nah- und Fernwärme leistet einen großen Beitrag zur Erreichung des österreichischen CO2-Reduktionsziels im Non-ETS-Sektor.
    • Phase-out für Öl und Kohle in der Raumwärme wird mittels Bundesgesetz geregelt und von Förderungen zur Abfederung sozialer Härtefälle begleitet. Der Stufenplan schließt Öl und Kohle im Neubau (ab 2020), bei Heizungswechsel (ab 2021) beziehungsweise durch den verpflichtenden Austausch von Kesseln älter als 25 Jahre (ab 2025) und Austausch aller Kessel spätestens im Jahr 2035 aus.
    • Analog zum Stufenplan Öl und Kohle werden die gesetzlichen Grundlagen zum Ersatz von Gasheizsystemen geschaffen. Diese beinhalten den Ausschluss im Neubau ab 2025 und einen Ausbaustopp von Gasnetzen zur Raumwärmeversorgung.
  • Weiterentwicklung und Novellierung des Energieeffizienzgesetzes für den Zeitraum 2021 bis 2030 gemäß EU-Richtlinien auf Basis folgender Grundlagen:
    • Bewährtes System der Kombination von strategischen Maßnahmen (Steuerrecht, Ordnungsrecht, Förderungen) und einer Verpflichtung der Energielieferanten Einsparmaßnahmen zu setzen soll bestehen bleiben.
    • Einsparverpflichtungen sollen durch Zahlung an einen Fonds ersetzt werden können, welcher zur Finanzierung von Energieeffizienzmaßnahmen in Haushalten (besondere Berücksichtigung sozialer Härtefälle) bereitgestellt werden soll.
    • Nachschärfung des Katalogs anrechenbarer Maßnahmen mit Reduktion auf Maßnahmen, die belegbare Energiereduktionen gewährleisten und nicht auf den Wechsel zu fossilen Energieträger basieren.
    • Energieaudits werden auf einen größeren Kreis von Unternehmen ausgeweitet.
  • Österreich positioniert sich als Klimaschutzvorreiter in Europa und tritt für CO2-Zölle auf europäischer Ebene, für die Paris-kompatible Anpassung der Zielsetzungen der EU bis 2030 und 2050, gegen Atomkraft und für den Kohleaustieg in ganz Europa ein.
  • Österreich wird die Wasserstoff-Nation Nummer eins.
Weitere Informationen (PDF)

Nationaler Energie- und Klimaplan

Im Dezember 2019 wurde der überarbeitete Nationale Energie- und Klimaplan (NEKP) an die Europäische Kommission übermittelt. Damit sollen die Anstrengungen Österreichs zur Erreichung der Europäischen Energie- und Klimaschutzziele aufgezeigt werden. Durch die geplante Nachschärfung der aktuellen Zielsetzungen auf europäischer Ebene wird eine Überarbeitung des österreichischen NEKP notwendig.

Diesbezüglich ist im aktuellen Regierungsprogramm festgehalten, dass der NEKP

  • die erwartbare Erhöhung der Effort-Sharing-Ziele im Non-ETS-Bereich widerspiegeln wird,
  • in einem ausreichenden Detaillierungsgrad von Maßnahmen, Verantwortlichkeiten inklusive Finanzierungsplan für die Gesamtheit der Maßnahmen erstellt wird,
  • durch unabhängige und wissenschaftlich fundierte Wirkungsfolgenabschätzung zur Bestätigung der Zielvorgaben geprüft wird und
  • als verbindliche Grundlage für den Klimaschutz dient.

Sinkende Emissionen und Energieverbrauch auf hohem Niveau

Österreichs Emissionen waren 2019 mit 79,8 Mio. t CO2-Äquivalente um 1,5 Prozent höher als im Jahr 2018 und liegen damit auch 1,8 Prozent höher als im Basisjahr 1990. Gegenüber 2005 sanken die Emissionen um 13 Prozent. Der erneute Anstieg kommt vor allem durch höhere Stahlproduktion (nach dem Wartungsstillstands eines Hochofens der Voestalpine im Jahr 2018) und eine höhere Stromproduktion in Gaskraftwerken als im Vorjahr zustande

THG-Emissionen

Entwicklung THG-Emmissonen