3.1 Interview mit Beate Wimmer-Puchinger, Berufsverband Österreichischer Psychologinnen und Psychologen (BÖP)
Das Gespräch führten Ulrike Repnik und Denise Schulz-Zak.
Ihre Assoziation zu „Gesundheit“ in drei Worten?
Wimmer-Puchinger: Menschenrecht, gesellschaftliche Verantwortung, Selbstbestimmung.
2015 wurden die Wiener Gesundheitsziele 2025 vom Wiener Gemeinderat beschlossen. Was hat Sie damals dazu bewegt, den Wiener Gesundheitszieleprozess zu starten?
Wimmer-Puchinger: Ich war 2011 im Gründungsplenum der Österreichischen Gesundheitsziele und realisierte rasch, dass Gesundheitsziele eine effektive Strategie und ein Messinstrument für die Verbesserung der Gesundheit der Bevölkerung sowohl auf Landes- als auch Regionalebene sind. Wien zeichnet sich als Metropole durch mehr Diversität aus als andere österreichische Städte, auch in den damit einhergehenden sozialen Problemstellungen. Zudem haben die Wiener*innen eine schlechtere Lebenserwartung als die Bevölkerung in vielen anderen Bundesländern. Durch den Health-in-All-Policies-Ansatz der Gesundheitsziele wurde nicht nur der Gesundheitsbereich in die Verantwortung genommen, sondern alle öffentlichen Organe, die das Leben der Wiener*innen direkt oder indirekt bestimmen.
Gestärkt durch den Gemeinderatsbeschluss und unterstützt durch den starken politischen Willen der damaligen Stadträtin für Gesundheit und Soziales, Sonja Wehsely, konnte eine erfolgreiche Strategie umgesetzt werden: eine Steuerungsgruppe bestehend aus allen Magistratsleitungen sowie Leitungen wichtiger Stakeholder wie Ärztekammer, Arbeiterkammer und NGOs.
Bei der Entwicklung der Wiener Gesundheitsziele haben Sie sich Gesundheitsziele von anderen Städten wie etwa Berlin angesehen. Was macht den Wiener Weg so besonders?
Wimmer-Puchinger: Eine Besonderheit der Wiener Gesundheitsziele ist, dass nicht nur Hauptziele formuliert wurden, sondern auch die Querschnittsziele – psychische Gesundheit, soziale Gerechtigkeit, Gendergerechtigkeit und Gesundheitskompetenz –, die in allen Hauptzielen Beachtung finden. Des Weiteren lassen sich die Hauptziele in drei Kategorien teilen: Erstens die Bevölkerungsziele, die durch die Zielgruppen Kinder und Jugendliche (Ziel 1), Erwachsene (Ziel 2) und ältere Personen (Ziel 3) repräsentiert sind. Zweitens die Strukturziele, die die integrierte Versorgung (Ziel 4), Optimierung der Versorgung (Ziel 6) und das Gesundheitsmonitoring (Ziel 9) umfassen. Und drittens gibt es drei gesamtgesellschaftliche Ziele, nämlich das Stärken und Fördern sowohl von Gesundheitskompetenz (Ziel 5) als auch der psychosozialen Gesundheit (Ziel 7) sowie die Gestaltung eines gesundheitsfördernden Lebensraums (Ziel 8). Dadurch wurde ein differenzierter Ansatz zur Auswahl und Implementation von Maßnahmen gefördert.
Welche Learnings haben Sie aus dem Entwicklungsprozess der Wiener Gesundheitsziele mitgenommen, die auch für die Entwicklung anderer Strategien von Bedeutung sein könnten?
Wimmer-Puchinger: Ein wesentlicher Erfolgsfaktor war der Erarbeitungs- und Umsetzungsprozess. Die Erarbeitung erfolgte partizipativ. Zuerst wurden Leitfadeninterviews mit den Leitungen der wichtigsten Einrichtungen des Gesundheitssystems geführt. Danach wurden Innovationsworkshops mit einer intersektoralen und interprofessionellen Expert*innengruppe abgehalten, um Themenbereiche zu destillieren. Die erarbeiteten Themenfelder wurden anschließend in einer Steuerungsgruppe mit 31 Personen in Leitungspositionen von 27 Organisationen unter Vorsitz der Gesundheitsstadträtin diskutiert und zu Grobzielen finalisiert. Diese wurden durch Umsetzungsgruppen und Taskforces weiter geschärft, bis die Ziele ausformuliert waren.
Kennzeichnend für den Prozess und seinen Erfolg waren somit Partizipation, Top-down-Ansatz, intersektorale Einbettung (Health in All Policies) und laufende persönliche Kommunikation in Form von Meetings. Auch die weitere erfolgreiche Umsetzung der Ziele folgte diesen Prinzipien.
Beate Wimmer-Puchinger ist Präsidentin des Berufsverbands Österreichischer Psychologinnen und Psychologen (BÖP) und als Strategic Health Consultant tätig. Als damalige Frauengesundheitsbeauftragte der Stadt Wien hat sie den Wiener Gesundheitszieleprozess initiiert und dessen Entstehungsprozess geleitet.