Wien 1957: Berichte vom Februar 1957

In loser Reihenfolge bringen wir kurze Zusammenfassungen von Meldungen der Rathauskorrespondenz aus früheren Jahren. Zusammengestellt von Gina Galeta.

2.2.1957: Antrittsbesuch beim Bürgermeister

Jonas schüttelt Pilat die Hand

Antrittsbesuch Dr. Anton Pilat (Präsident des VGH) bei Bürgermeister Jonas

Der Präsident des Verwaltungsgerichtshofes Dr. Anton Pilat stattete heute Bürgermeister Jonas seinen Antrittsbesuch ab.


4.2.1947: Neuer Vorstand der Auslandskorrespondenten bei Bürgermeister Jonas

Gesprächsrunde; Gäste um Tisch versammelt

Bürgermeister Jonas empfängt das neugewählte Präsidium des Verbandes der Auslandskorrespondenten im Rathaus

Das neugewählte Präsidium des Verbandes der Auslandskorrespondenten absolvierte heute im Wiener Rathaus seinen Antrittsbesuch. Bürgermeister Jonas hat in Anwesenheit des Leiters der Pressestelle der Stadt Wien, Chefredakteur Adametz, den Präsidenten des Verbandes Erwin G. Ritter, "Agence France Presse" (Paris), den Vizepräsidenten Henry C.A. Baljon "Gelderlander Pers" (Nimwegen) und den Generalsekretär Kurt W. Hampe "The Associated Press" (New York) in seinem Arbeitszimmer empfangen.


4.2.1957: Walter Nausch 50 Jahre alt

Portrait Walter Nausch

Walter Nausch

Am 5. Februar vollendet der verdiente Sportfunktionär Walter Nausch, einer der bekanntesten österreichischen Fußballspieler aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg, das 50. Lebensjahr.

Ein gebürtiger Wiener, arbeitete er als Privatbeamter und wurde Mitglied der Vereine "Libertas", "WAC" und "Austria", bei der er durch 16 Jahre lang aktiv wirkte und zuletzt ihr Kapitän und Trainer war. Er gehörte zu den verlässlichsten Kräften der österreichischen Nationalmannschaft, die als "Wunderteam" in internationalen Wettbewerben eine dominierende Stellung errang. 1938 ging Nausch in die Schweiz, wo er sich als Trainer betätigte. 1948 kehrte er nach Österreich zurück und war wesentlich am Aufbau des Fußballsports beteiligt. Er wurde mit der Funktion des Bundeskapitäns und Trainers der Nationalmannschaft betraut und übte sein Amt bis 1955 aus.


5.2.1957: Wiener Stadtsenat beglückwünscht Stadtrat Lakowitsch

Bürgermeister Jonas und der Wiener Stadtsenat beglückwünschten heute den Amtsführenden Stadtrat für Baubehördliche und sonstige technische Angelegenheiten, Karl Lakowitsch, zum 60. Geburtstag.

6.2.1957: Städtischer Rettungsdienst mit Sprechfunkgeräten

Der Wiener Städtische Rettungsdienst wurde mit Sprechfunkgeräten, die der Chefarzt der Wiener Rettung Dr. Motz übernahm, ausgestattet.

800.000 Schilling haben die Sendestation in der Zentrale und die 20 Sprechfunkgeräte gekostet, die auf 19 Ambulanzwagen und einem Kommandowagen verteilt sind. Damit sind alle Wagen des Städtischen Rettungsdienstes mit Funkgeräten ausgestattet.

Chefarzt Dr. Motz, der die Sprechfunkanlage in Empfang nahm, erinnerte daran, dass die Wiener Rettung vor wenigen Wochen ihren 75-jährigen Bestand begehen konnte.

6.2.1957: "Wien - aktuell"

Die Fremdenverkehrsstelle der Stadt Wien hat soeben die erste Nummer einer neuen Vierteljahres-Zeitschrift herausgebracht, die den Titel "Wien aktuell" trägt. Die Publikation will das internationale Reisepublikum im Ausland und Besucher Wiens auf die zahlreichen Möglichkeiten hinweisen, die die österreichische Bundeshauptstadt als europäische Kulturmetropole ihren Gästen bietet.

Die vorliegende Nummer bringt einen grundlegenden Artikel von Gustav Karl Bienek "Aktuelles Wien", ferner Beiträge von Adelbert Muhr über eine Besichtigung Wiens, von Prof. Eduard Gaertner über die Wiener Künstler und von Sebastian über die Wiener Messe. Besonders hervorzuheben ist der reiche Bildteil des Heftes, sämtliche Aufnahmen stammen von Franz Hubmann. Die Zeichnungen schuf Kurt Absolon.

7.2.1957: Eiserne Hochzeit auf der Landstraße

Stiege

Fertiggestellte Corneliusstiege in Mariahilf

Bürgermeister Jonas beglückwünschte heute Friedrich und Marie Bauder, die das seltene Fest der Eisernen Hochzeit feiern. Das Jubelpaar trat vor 65 Jahren in der Augustinerkirche vor den Altar.


9.2.1957: Alte Wiener Stiegenanlagen im neuen Glanz

Nach der Fertigstellung der neuen Corneliusstiege in Mariahilf geht auch der Umbau der neuen Stiegenanlage beim Kornhäusl, die den Fleischmarkt mit der Judengasse verbindet, seiner Vollendung entgegen. Auch der alte Stiegenaufgang, der vom Kai zur Ruprechtskirche, dem ältesten Kirchenbau von Wien führt, wurde neugestaltet.

Auf dem Hietzinger Kai wurde mit dem Abtragen der rechtsufrigen Stufen zum so genannten "Badhaussteg" begonnen. Dieser Teil des nun beinahe schon sechzig Jahre alten Steges wurde bei den Bombenangriffen auf das Hietzinger Amtshaus schwer beschädigt und war schon längere Zeit für den Verkehr gesperrt.

12.2.1957: Zehn Jahre "Wiener Kulturkreis"

Die Vereinigung "Wiener Kulturkreis" begeht heuer das Jubiläum ihres zehnjährigen Bestandes. Die Bestrebungen der Gesellschaft liegen ebenso auf wissenschaftlichem wie auf volksbildnerischem Gebiet und haben vor allem zum Aufbau eines beachtenswerten Vortragswesens geführt. Bedeutende österreichische und ausländische Gelehrte, Künstler und Forscher haben im Rahmen der Gesellschaft gesprochen. Diese Aktivität half mit, die wissenschaftliche Isolierung Wiens nach dem Zweiten Weltkrieg aufzuheben. Anlässlich des Jubiläums ist ein besonders reiches Vortragsprogramm geplant, dem sich Dr. Herbert Tichy, Prof. Emmy Bernatzik, Kammerschauspieler Fred Hennings u.v.a. zur Verfügung gestellt haben.

12.2.1957: Gegen Schmutz und Schund - Tausend Abonnements der "Jugendgilde"

"Eine große Aktion, die im Kampf gegen Schmutz und Schund eine wirksame Waffe sein soll, wurde ins Leben gerufen. Die Büchergilde Gutenberg hat eine eigene Abteilung 'Jugendgilde" nur zu dem Zweck eingerichtet, die schlechten Jugendbücher abzuwehren und durch erstklassige Literatur zu ersetzen. Die Jugendgilde besteht seit 1. Jänner dieses Jahres. Sie hat die Unterstützung anderer Jugendverlage gefunden."

"Die Organisation wurde so gestaltet, dass die für die Jugendgilde geworbenen Mitglieder zur Abnahme von mindestens vier Quartalsbüchern im Jahr verpflichtet sind, wobei in jedem Quartal und für jede Altersstufe mindestens ein Buch zum Preis von 18 Schilling oder auch billiger zu finden sein wird. Der Mitgliedsbeitrag beträgt für ein Vierteljahr 18 Schilling, wird jedoch zur Gänze auf den Buchbezug angerechnet. Das Kind selbst kann aus dem Programm der Jugendgilde die Bücher auswählen, die gut ausgestattet und in vielen Fällen von öffentlichen Stellen empfohlen sind. Dazu erhält jedes Mitglied vierteljährlich eine Zeitschrift 'Die bunte Kugel'."

Die Stadt Wien hat nun den Ankauf von 1.000 Jugendabonnements beschlossen.

13.2.1957: Theophil Hansen-Gebäude auf dem Karlsplatz wird wieder aufgebaut. Gemeinde Wien subventioniert Restaurierung mit 500.000 Schilling

Der Wiener Stadtsenat bewilligte heute der Evangelischen Schulgemeinde in Wien zur Instandsetzung ihres bombenbeschädigten Schulgebäudes am Karlsplatz einen Kostenbeitrag von 500.000 Schilling, der in zehn Jahresraten von je 50.000 Schilling ausgezahlt werden wird.

Das Schulgebäude wurde in den Jahren 1861/62 nach den Plänen von Theophil Hansen erbaut. Mit der Wiederherstellung dieses Gebäudes wird auch für die Neugestaltung des Karlsplatzes ein wertvoller Beitrag geleistet.

15.2.1957: Aus dem Wiener Landtag:

Stadtrat Afritsch referierte im Wiener Landtag über eine Abänderung des § 2 der Verfassung der Bundeshauptstadt Wien, nach der das Wort "Fünfhaus" durch die Worte "Rudolfsheim-Fünfhaus" ersetzt werden soll.

Im Jahre 1890 wurden die Ortsgemeinden Rudolfsheim und Sechshaus vereinigt und kamen unter dem Namen "Rudolfsheim" als 14. Bezirk zu Wien. Fünfhaus behielt seinen Namen und wurde der 15. Wiener Gemeindebezirk. Im Jahre 1938 wurde der 14. Bezirk (Rudolfsheim) und der 15. Bezirk (Fünfhaus) zum 15. Bezirk mit der Bezeichnung "Fünfhaus" vereinigt. Rudolfsheim hatte nach der Volkszählung vom Jahre 1934 69.470 Einwohner, Fünfhaus 54.440. Von vielen Bewohnern des ehemaligen Bezirkes Rudolfsheim wurde oft der Wunsch ausgesprochen, die historische Bezeichnung "Rudolfsheim" wieder einzuführen. Nun soll die ehemalige Bezirksbezeichnung Rudolfsheim in die Bezeichnung des 15. Bezirkes aufgenommen werden. Dazu ist aber eine Änderung des § 2 der Verfassung der Bundeshauptstadt Wien in der Fassung der Bezirkseinteilungsnovelle 1955 notwendig. Diese Änderung sieht der jetzige Gesetzentwurf vor. Da die praktische Einführung der neuen Bezeichnung des 15. Bezirkes aber eine gewisse Zeit erfordert, soll das Gesetz erst zwei Monate nach seiner Kundmachung in Kraft treten. Die Vorlage wurde in erster und zweiter Lesung einstimmig angenommen.

16.2.1957: Wiens Zentraluhrennetz wird immer größer

Der nächste Uhrenmast, den die Gemeinde Wien auf einer frequentierten Kreuzung Wiens aufstellen wird, wird die 160. öffentliche Uhr tragen. Ihre beiden Vorgänger wurden im Jänner auf dem Kagraner Platz und in der Speisinger Straße montiert und in Betrieb genommen. Bis auf wenige Ausnahmen sind sämtliche öffentliche Uhrenanlagen nachts beleuchtet. Mehr als ein Drittel sind an die Hauptuhr in der Feuerwehrzentrale Am Hof angeschlossen und werden von dort zentral gesteuert. Das neueste Modell öffentlicher Uhren mit Springziffern, das vor zwei Jahren in der Josefstadt aufgestellt wurde, hat sich als Präzisionsuhr bei jeder Witterung gut bewährt. Die erste Springziffernuhr der Gemeinde Wien blieb während ihrer Probezeit nur ein einziges Mal stehen.

18.2.1957: Heinrich Schnitzler in Wien

Portrait Heinrich Schnitzler

Dr. Heinrich Schnitzler

Der bekannte Dramaturg Heinrich Schnitzler, der Sohn Arthur Schnitzlers, der seit Jahren an der Universität von Los Angeles mit großem Erfolg junge Talente ausbildet und auch sonst im Theaterleben Kaliforniens eine bedeutende Rolle spielt, ist vor einigen Tagen in Wien eingetroffen und wurde von Stadtrat Mandl empfangen.

Heinrich Schnitzler, der sich sehr für das Kulturschaffen in der österreichischen Bundeshauptstadt interessiert, hat eben mit der Vorbereitung eines amerikanischen Stückes für das Volkstheater begonnen.


18.2.1957: Festversammlung der Arbeitsgemeinschaft der Verwalter der Kranken- und Wohlfahrtsanstalten der Stadt Wien

Vor kurzem wurde eine Arbeitsgemeinschaft der Verwalter der Kranken- und Wohlfahrtsanstalten der Gemeinde Wien gegründet. Die Arbeitsgemeinschaft befasst sich mit betriebswirtschaftlichen Fragen der Anstaltsverwaltung. Zweck und Ziele der Vereinigung sind Verbesserung und Rationalisierung der Einrichtungen und der administrativen Arbeitsmethoden in den städtischen Spitälern und die Förderung des Erfahrungsaustausches untereinander, aber auch mit dem Ausland.

19.2.1957: Präsident des IKRK bei Bürgermeister Jonas

Portrait Leopold Boissier

Präsident Dr. Leopold Boissier

Bürgermeister Jonas empfing heute den Präsidenten des Internationalen Roten Kreuzes, Prof. Dr. Leopold Boissier, im Rathaus, dabei wurden verschiedene Probleme, die mit den ungarischen Flüchtlingen zusammenhängen, besprochen.


21.2.1957: In Wien gibt es 635.000 Gasmesser

Im vergangenen Jahr wurden in Wien 82 Kilometer Gasrohre gelegt, wobei das Auswechslungs- und Erneuerungsprogramm des Leitungsnetzes vor allem ein finanzielles Problem darstellt. 50,7 Kilometer der Rohre wurden ausgewechselt und 31,3 Kilometer Gasrohre wurden als neue Zuleitungen vor allem für die neuverbauten Gebiete notwendig. Die Kosten betrugen etwa 35 Millionen Schilling.

Selbstverständlich wird das Wiener Gasnetz ständig kontrolliert. Dazu sind eigene "Riechkolonnen" ständig unterwegs, die nach einem bestimmten Turnus die vielen in den Boden der Gehsteige und Straßen eingelassenen Eisendeckeln öffnen, die ansonsten der Überwachung der verschiedenen anderen eingebauten Leitungen, wie Strom, Telefon etc., dienen, um dort nach Gas zu riechen. Die Beamten dieser "Riechkolonne" werden von Zeit zu Zeit untersucht, ob ihr Geruchssinn in Ordnung ist.

Interessant ist auch, dass es in Wien 635.000 Gasmesser gibt, wobei Haushalte, Gewerbetreibende und Verkaufsgeschäfte zusammengezählt sind. Davon gibt es nur mehr etwa 35.0000 so genannte "nasse" Zähler. Die neuen Typen von Gasmessern werden immer Raum sparender und damit ökonomischer. Vor allem durch die Neubautätigkeit kommen jährlich ca. 12.000 neue Gasmesser dazu.

23.2.1957: Gäste des "Cafe Debrecen" sammelten für Ungarnhilfe

Der vor Jahrzehnten aus Debrecen nach den USA ausgewanderte Ferencz Borbely betreibt in Detroit das "Cafe Debrecen". Er hat Bürgermeister Jonas nun einen Scheck auf 250 Dollar mit dem Bemerken übersandt, dass dieser Betrag, der von ihm und seinen Gästen stammt, für die ungarischen Flüchtlinge verwendet werden soll.

25.2.1957: 80. Geburtstag von Kurt Lessen

Am 27. Februar vollendet der Schauspieler und Schriftsteller Kurt Lessen sein 80. Lebensjahr.

Als Sohn eines Professors der Akademie der bildenden Künste in Wien geboren, musste er auf Wunsch seines Vaters die Offizierslaufbahn einschlagen, nahm aber bald Abschied und ging zur Bühne. Über Brünn, Olmütz, Troppau und Pressburg kam er 1905 in seine Heimatstadt zurück, wo er zunächst unter Jarno am Theater in der Josefstadt wirkte. Später fand er in der aufstrebenden Wiener Kleinkunst ein neues Feld künstlerischer Betätigung. Er trat in der "Hölle" und im "Chat noir" auf, spielte aber auch Operettenrollen im Theater an der Wien, in den Kammerspielen und an der Neuen Wiener Bühne. Von 1925 bis 1945 arbeitete er am Deutschen Volkstheater, seit 1938 auch als Regisseur. Kurt Lessen hat sich vom Bonvivant und Komiker zum Charakterdarsteller entwickelt und vor allem im Volksstück besondere Leistungen geboten. Der verdiente Künstler hat von seiner 50-jährigen Bühnentätigkeit nahezu 45 Jahre in Wien verbracht.

26.2.1957: Die Lage in den Flüchtlingsheimen der Stadt Wien - Bericht von Vizebürgermeister Honay im Wiener Stadtsenat

Vizebürgermeister Honay gab heute im Wiener Stadtsenat einen Bericht über die ungarischen Flüchtlinge. Die Gemeinde Wien verwaltet derzeit 14 Lager, in denen insgesamt 4.360 ungarische Flüchtlinge untergebracht sind. Bei diesen handelt es sich um 205 Kinder zwischen 0 und 6 Jahren, um 315 Kinder zwischen 6 und 14 Jahren und um 3.840 Erwachsene. Darüber hinaus werden aber 3.556 Flüchtlinge, die privat untergebracht sind und nicht selbst in der Lage sind, sich zu erhalten, durch die städtischen Fürsorgeämter aller 23 Wiener Bezirke betreut.

Laut Honay ist das Innenministerium derzeit dabei, die Karlskaserne in Kagran und die Albrechtskaserne in der Leopoldstadt als Flüchtlingslager instandzusetzen. Wenn es soweit ist, sollen alle anderen Flüchtlingslager - ausgenommen Rothschildspital, Brigittaspital und Kaiser-Ebersdorf, für deren Verpflegung das Rote Kreuz sorgt - aufgelöst werden.

27.2.1957: So tanzte man im Wiener Rathaus - Ein Wiener Nobelball gehört der Geschichte an

"Unter den repräsentativen Tanzveranstaltungen des kaiserlichen Wiens war der 'Ball der Stadt Wien' unumstritten das größte und prunkvollste gesellschaftliche Ereignis der Faschingszeit. Seit 1890 erging von dem jeweiligen Bürgermeister jedes Jahr an die Spitzen der Gesellschaft eine Einladung zum Ball im Rathaus, dessen Reingewinn den Armen der Stadt Wien zugedacht war. Im Fasching 1914 fand im Wiener Rathaus der 24. und letzte dieser Wohltätigkeitsbälle statt. In der kurzen Ära des Ständestaates nach 1934 wurde noch dreimal der glanzvolle Ballzauber aufgeführt. Auch die Gauleiter waren nicht abgeneigt, die Tradition der Rathausbälle nach ihrer Art fortzusetzen. Im Schatten der drohenden Kriegsgefahr blieb es jedoch nur bei einem einzigen Versuch. Die Bälle der Stadt Wien sind ein Stück Vergangenheit. Ihr zeitliches Kolorit gehört unwiderruflich der Lokalgeschichte an."

Unter den "kleinen Beständen" des Archivs der Stadt Wien befinden sich umfangreiche Mappen mit Aufzeichnungen, aus denen man sich ein Bild machen kann, wie es vor 50 Jahren bei den Vorbereitungen zu einem solchen "Monsterball" zugegangen ist. Am meisten wundert es, dass es im Bürgermeisteramt eine Sonderabteilung gegeben hat, deren Beamte und Angestellte sich das ganze Jahr nur mit dem "Ball der Stadt Wien" zu beschäftigen hatten.

"Vor dem Ball der Stadt Wien im Jahre 1908, der für den 20. Februar festgelegt wurde, begannen die offiziellen Vorbereitungen am 2. Jänner mit der ersten Sitzung des Jungdamenkomitees. Waren die 28 Tänzerinnen alle beisammen, konnte der Bürgermeister auch zur Gründung des Jungherrenkomitees schreiten.

Die oberste Repräsentanz des Rathausballes oblag einem Komitee aus 160 Herren, dem der Bürgermeister abwechselnd mit den drei Vizebürgermeistern präsidierte, sowie einem aus 120 Damen zusammengestellten Komitee. Eine weitere Gruppe prominenter Ballgäste bildeten 60 Patronessen und Ehrenkavaliere, die ebenfalls einer sorgfältigen Auswahl des Bürgermeisteramtes bedurften. Den organisatorischen Apparat, der die Vorbereitungen zum Ball bis zu letzten Detail erledigen musste, stellte die Ballabteilung des Präsidialbüros des Bürgermeisters. Dort wurden sorgfältigst Namenslisten als Unterlagen für die Einladungen instandgehalten, ständig revidiert und ergänzt. Sie sind heute noch ein interessantes Dokument aus der Zeit um die Jahrhundertwende. Die gesellschaftliche Bedeutung des Bürgertums, vor allem die aufstrebenden Kreise der Industriellen, kommt von Jahr zu Jahr in diesen Verzeichnissen immer deutlicher zum Ausdruck. Im Jahre 1908 beherrschten das Bankgeschäft und die Großindustrie das Tanzparkett im Wiener Rathaus fast vollständig. Von den insgesamt 33 kaiserlichen Hoheiten, die durch Bürgermeister Dr. Lueger persönlich zum Ball eingeladen worden waren, ist keine einzige erschienen. Alle ließen sich durch ihre Hofkanzleien entschuldigen. Als Vertreter des Kaisers kam wohl Erzherzog Leopold Salvator, der aber, wie immer, schon nach wenigen Minuten, die mit einer Vorstellung von prominenten Kontrahenten der Stadtverwaltung ausgefüllt waren, das Rathaus wieder verließ.

Die Ballabteilung im Rathaus, unterstützt von einem kleinen Regiment von Polizisten und Soldaten der Wiener Garnison, war auch für den Ordnerdienst im und um das Rathaus verantwortlich. Neben den Ballsälen wurden zwei Rettungsstationen errichtet, eine dritte Ambulanz, die für gefallene Pferde bestimmt war, hatten ihren Standort im Arkadenhof. Geladenen Ballgästen wurden ins Haus Anweisungen zugestellt, die ihre Kutscher zum bevorzugten 'Gassieren' in der Nähe des Rathauses berechtigten. Für die Ausschmückung der Ballsäle standen dem Rathaus viele Hunderte Quadratmeter wertvoller Teppiche und Tausende von Quadratmetern Dekorationsmaterial und Gobelins zur Verfügung. Die Blumenpracht stellte das Stadtgartenamt, die eigens konstruierten Springbrunnen und Wasserspiele die Wasserwerke und die Lichteffekte die Elektrizitätswerke bei.

Als Nettoergebnis des Rathausballes im Jahre 1908, der als der erfolgreichste bezeichnet wird, wurden vom Bürgermeisteramt 40.000 Kronen ausgewiesen. Die Ausgaben wurden summarisch mit 15.000 Kronen beziffert. In diesen Ausgaben dürfen kaum die als 'verschwenderische Pracht" in den Zeitungen gelobte Ausschmückung, noch der sonstige, im Zeichen der damaligen Wohltätigkeit entstandene Aufwand inbegriffen sein."

Die Eintrittspreise betrugen für Damen 12 Kronen, Herren 20 Kronen. Eine Zuschauerkarte für die Galerie kostete allerdings für Damen 30 Kronen, für Herren 20 Kronen. Die Damen bekamen eine Ehrenspende, die die Stadtverwaltung im Großeinkauf sechs Kronen gekostet hat. Auch die aus dem Rathauskeller-Restaurant angebotenen Speisen und Getränke waren preiswert, so kostete eine Portion Gansl 2 Kronen, ein halber Poulard sechs Kronen und eine Flasche Gumpoldskirchner drei Kronen.

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