Wien 1956: Berichte vom September 1956

In loser Reihenfolge bringen wir kurze Zusammenfassungen von Meldungen der Rathauskorrespondenz aus früheren Jahren. Zusammengestellt von Gina Galeta.

1.9.1956: "Wir bauen Europa" - Europäische Parlamentarierkonferenz mit 1.200 Schulkindern

Anlässlich der Europäischen Parlamentarierkonferenz in Wien findet im Konzerthaus eine große Feier der Wiener Schuljugend unter dem Motto "Wir bauen Europa" statt. Delegierte aus 17 europäischen Ländern nehmen an der Veranstaltung teil.

3.9.1956: Antrittsbesuch bei Bürgermeister Jonas

Der Befehlshaber der Gruppe I des Bundesheeres, Oberst Leo Waldmüller, und der Chef des Stabes, Oberstleutnant Franz Attems-Petzenstein, statteten heute Bürgermeister Jonas ihren Antrittsbesuch ab.

4.9.1956: Neue Isotopenstation und erweiterte Kinderlähmungsstation im Wilhelminenspital

Die Wiener Landesregierung gab heute die Genehmigung zur Errichtung einer Isotopenstation zu diagnostischen Zwecken bei Erkrankungen der Schilddrüse und zur Erweiterung der Poliomyelitis(Kinderlähmung)-Station im Wilhelminenspital. Die Isotopenstation wird in einem ehemaligen Luftschutzbunker untergebracht. Für die Poliomyelitisstation wird zwischen zwei bestehenden Pavillons ein Verbindungsbau errichtet.

5.9.1956: Otto Bauer zum Gedenken

Portrait Otto Bauer

Otto Bauer

Am 5. September wäre Dr. Otto Bauer, der bedeutendste Führer der österreichischen Sozialdemokratie in der Zwischenkriegszeit, 75 Jahre alt geworden.

Als Sohn eines Industriellen in Wien geboren, studierte er Jus an der Universität. Bauer befasste sich in seinen Anfängen mit dem für "das alte Österreich schicksalhaften Nationalitätenproblem und schrieb darüber mit 26 Jahren ein Werk von grundlegender Bedeutung unter dem Titel ´Die Nationalitätenfrage und die Sozialdemokratie´, das ihn in die erste Reihe der Theoretiker seiner Partei stellte. 1907 übernahm er die Mitherausgabe des theoretischen Organs der Partei "Der Kampf", in dem er bis zu seinem Tod zahllose Artikel veröffentlichte. 1914 wurde er zum Kriegsdienst einberufen und geriet in russische Gefangenschaft, er kehrte 1917 als Austauschinvalide nach Wien zurück.

Als Viktor Adler im Oktober 1918 knapp vor seinem Tode in der provisorischen Regierung Staatssekretär des Äußeren wurde, machte er Otto Bauer zu seinem Präsidialchef. Wenig später trat Bauer die Nachfolge Viktor Adler´s an und verwaltete acht Monate lang sein Amt. Dann legte er dessen Leitung nieder, blieb aber noch bis 14. Oktober 1919 als Staatssekretär für Sozialisierung Mitglied der Regierung. Nach dem Ausscheiden Friedrich Adlers aus der aktiven österreichischen Innenpolitik erlangte Dr. Bauer eine zentrale Stellung innerhalb seiner Partei. Neben seiner Tätigkeit als einer der sachkundigsten Abgeordneten, als erster politischer Redakteur der "Arbeiter-Zeitung", als Vortragender der Arbeiterhochschule, bei seinen Verpflichtungen als führendes Mitglied des Parteivorstandes, fand er noch Zeit für eine Reihe soziologischer, historischer und nationalökonomischer Werke, wie "Der Weg zum Sozialismus", "Bolschewismus und Sozialdemokratie", "Die österreichische Revolution", "Der Kampf um Wald und Weide", "Kapitalismus und Sozialismus nach dem Weltkrieg".

Nach dem Zusammenbruch des Februaraufstandes 1934 flüchtete Otto Bauer nach Brünn, wo er das Auslandsbüro der österreichischen Sozialdemokratie sowie das Weitererscheinen der "Arbeiter-Zeitung" und des "Kampf" organisierte. Ferner veröffentlichte er seine Analyse der Februarkämpfe "Der Aufstand der österreichischen Arbeiter" und sein letztes größeres Werk "Zwischen zwei Weltkriegen".

Nach der Annexion Österreichs ging er nach Paris und betätigte sich intensiv in der Auslandvertretung der österreichischen Sozialisten, bis er am 4. Juli 1938 plötzlich starb. Bei seiner Beisetzung auf dem Pere Lachaise gegenüber den Denkmälern der Communekämpfer sprachen prominente Vertreter der Sozialistischen Arbeiter-Internationale, in der er zwei Jahrzehnte hindurch als Hauptrepräsentant der österreichischen Partei hohes Ansehen genoss. Noch im gleichen Jahr gaben Freunde aus dem Nachlass seine letzte Schrift "Die illegale Partei" heraus.

Seine Urne wurde am 11. Februar 1948 nach Wien gebracht und zunächst neben dem Grab Viktor Adlers beigesetzt. Die endgültige Bestattung erfolgte am 12. November 1950 in dem gemeinsamen Ehrengrab auf dem Zentralfriedhof, das die Wiener Gemeindeverwaltung Viktor Adler, Engelbert Pernerstorffer, Karl Seitz und Otto Bauer gestiftet hat.

6.9.1956: 85. Geburtstag von Franz Karl Ginzkey

Portrait Franz Karl Ginzkey

Franz Karl Ginzkey

Am 8. September vollendet ein Senior der österreichischen Dichter, Prof. Dr. h.c. Franz Karl Ginzkey, das 85. Lebensjahr.

In Pola geboren, wurde er Offizier, fand im Militärgeographischen Institut und im Kriegsarchiv Verwendung und betätigte sich nach der Pensionierung als Schriftsteller. Er trat zuerst als Lyriker mit Gedichten und Balladen hervor, die durch ihren liedhaften, volkstümlichen Ton und durch besondere Reimkunst starke Publikumswirkung ausüben. Die besten literarischen Leistungen hat Ginzkey als Autor gehaltvoller Prosawerke erzielt. Seine Romane und Novellen, die nach historischen Stoffen und nach erfundenen Begebenheiten gestaltet sind, aber auch viele autobiografische Züge enthalten, setzen die Tradition der österreichischen Erzähler fort. Auch wertvolle Kinderbücher stammen von ihm. Im Jahre 1954 wurde ihm der Preis der Stadt Wien für Dichtkunst verliehen.


6.9.1956: Berühmter Architekt besucht Wien

Portrait Richard Neutra

Prof. Richard Neutra

Auf Einladung der Zentralvereinigung der Architekten ist der bekannte amerikanische, aus Wien gebürtige, Architekt Prof. Richard Neutra, nach dreißigjähriger Abwesenheit nach Wien gekommen. Er wird während seines Aufenthaltes eine Reihe wichtiger Wiederaufbauarbeiten besichtigen.


6.9.1956: Dr. Tschi Tschao-Ting beim Bürgermeister

Ehrengäste und Bürgermeister um Tisch sitzend in Gespräch

Bürgermeister Jonas empfängt Dr. Tschi Tschao-Ting

Der Präsident der chinesischen Messedelegation in Wien, Dr. Tschi Tschao-Ting, besuchte heute Bürgermeister Jonas im Wiener Rathaus. Dr. Tschi Tschao-Ting ist neben seiner Funktion bei der Wiener Messe auch Vizepräsident des chinesischen Komitees für die Förderung des Welthandels, Vorsitzender des chinesischen Schiedsgerichtes in Außenhandelssachen, Generalrat und Vorstandsmitglied der Bank of China und Mitglied des Wirtschaftsforschungsinstitutes der Akademie der Wissenschaften in Peking.


7.9.1956: 70. Geburtstag von Franz Höbling

Höbling und Schauspielkollegen in Kostümen auf Bühne

Vorstellung "Polenblut" (Volksoper) v.li.n.re.: Böheim, Höbling, Dorothea Siebert

Am 9. September vollendet Hofschauspieler Franz Höbling sein 70. Lebensjahr. Höbling wurde in Wien geboren und trat zunächst in den Postdienst ein. Schon bald wandte er sich aber dem Theater zu und studierte an der Schauspielerakademie bei Gregori. 1906 erhielt er sein erstes Engagement am Neuen Schauspielhaus in Berlin, 1910 wurde er von Jarno an dessen Wiener Bühnen verpflichtet. Seit 1911 ist er am Burgtheater tätig. Er gastierte auch als Sänger an verschiedenen Opernhäusern.


7.9.1956: Die neue Jubiläumswarte auf dem Gallitzinberg

Auf dem Gallitzinberg in Ottakring wurde heute das neue Restaurant und die neue Jubiläumswarte eröffnet.

Der seinerzeit im Freigelände der großen Jubiläumsausstellung 1898 im Prater aufgestellte Eisenturm wurde nach Beendigung der Ausstellung durch die Initiative des Verschönerungsvereines Ottakring auf dem Gallitzinberg als Aussichtswarte errichtet. Die 27 Meter hohe Warte, die den Namen "Kaiser Jubiläumswarte in Ottakring" bekam, wurde im Sommer 1899 der Benützung übergeben. Ein Jahr später wurde neben dem Aussichtsturm ein Unterkunftshaus errichtet.

Im Laufe der Jahrzehnte wurde die Eisenkonstruktion durch Rost so schadhaft, dass die Baupolizei im Sommer 1952 die Warte für die Benützung sperren musste. An Stelle der alten Warte wurde nun eine moderne Aussichtswarte aus Stahlbeton errichtet.

Auch das alte baufällige Restaurant am Fuße der Warte wurde durch ein neues zweckentsprechendes Objekt ersetzt.

11.9.1956: Antrittsbesuch bei Bürgermeister Jonas

Portrait Oberst Iglseder

Oberst Iglseder

Der Stadtkommandant von Wien Oberst Iglseder stattete heute mit seinem Adjutanten Oberstleutnant Marterer Bürgermeister Jonas seinen Antrittsbesuch ab.


13.9.1956: Hohe amerikanische Auszeichnung für Gemeinderat Prof. Dr. Mandl

Gemeinderat Prof. Dr. Felix Mandl, der gegenwärtig auf einer Studienreise in den USA weilt, wurde vom International Colledge of Surgeons in Chicago durch die Verleihung des Titels "Master of Surgery" geehrt. Diese hohe Auszeichnung ist seit fünf Jahren nicht mehr verliehen worden. Der Letzte, der diesen Titel erhielt, war der berühmte Wiener Chirurg Prof. Dr. Finsterer.

14.9.1956: Schlusssteinlegung am Leopoldauer Sammelkanal

Ehrengäste stehen auf Brücke bei Sammelkanal

Schlusssteinlegung Leopoldauer Sammelkanal

In Floridsdorf, in der Siemensstraße/Ecke Ruthnergasse, wurde heute der Schlussstein am Leopoldauer Sammelkanal gelegt. 11,3 Kilometer Länge hat der Kanal, dessen Bau 33 Millionen Schilling gekostet hat.

Die Kanalisierung des am linken Donauufers liegenden Teiles von Wien, der jetzigen Bezirke Floridsdorf (21.) und Donaustadt (22.), wurden schon in den Neunzigerjahren des vorigen Jahrhunderts von den damals selbstständigen Gemeinden im eigenen lokalen Bereich begonnen. Die Kanäle zeigten schon damals bei Wolkenbrüchen große Überlastungen. Wegen der geringen Geländeneigung und der unzureichenden Tiefenlage war der weitere Ausbau des Kanalnetzes nur beschränkt möglich. Bereits im Jahre 1914, neun Jahre nach der Eingemeindung dieser Bezirke, wurde aber von der Stadt Wien der Bau des so genannten Leopoldauer Sammelkanals mit der Ausmündungsstrecke in den Donaustrom in Angriff genommen. Die Arbeiten mussten jedoch nach einigen Jahren abgebrochen werden. Bis zu diesem Zeitpunkt wurden vier nicht zusammenhängende Teilstrecken mit rund 2,4 Kilometer Länge fertig gestellt. Da die Bauarbeiten zum Großteil als Notstandsarbeiten durchgeführt wurden, unterblieb die Herstellung der schwierigeren Bauteile, so etwa des Pumpwerkes mit Kreuzung des Hochwasserschutzdammes und des Mühlwassers. Der Kanal blieb daher unbenützbar.

Mit Beginn der großen Wohnbautätigkeit nach dem letzten Krieg wurde eine großzügige Kanalisierung dieses Teiles von Wien unerlässlich. Mit der Inbetriebnahme des Pumpwerkes Schirlinggrund an der Einmündung in den Donaustrom im November 1953 wurde eine wichtige Etappe dieses Bauwerkes vollendet.


15.9.1956: 70. Geburtstag von Karl Oberparleiter

Ehrengäste bewundern Exponate

Eröffnung der UNESCO-Ausstellung (v.li.n.re.: Bundesminister Hurdes, Bundespräsident Körner, Prof. Oberparleiter)

Am 18. September vollendet Hochschulprofessor Dr. Karl Oberparleiter das 70. Lebensjahr. In Salzburg geboren, wurde er nach Absolvierung der Fachstudien und nach der praktischen Tätigkeit Assistent und Dozent an der Exportakademie in Wien, wo er Vorlesungen über Welthandelslehre hielt. Oberparleiter wurde 1926 ordentlicher Professor an der Hochschule für Welthandel, 1946/47 war er Rektor. Er ist Präsident der Österreichischen UNESCO-Kommission. Sein spezielles Arbeitsgebiet ist die Betriebswirtschaftslehre mit besonderer Berücksichtigung der Warenhandels- und Verkehrslehre.


17.9.1956: Englische Parlamentarier zu Besuch in Wien

Delegation wird von Nationalratspräsident Dr. Hurdes im Parlamentssaal begrüßt

Britische Unterhausmitglieder besuchen das Parlament

Eine Abordnung britischer Unterhausmitglieder, darunter der Fraktionsführer der Labour-Party, H.W. Bowden, traf heute in Wien ein. Die Delegation besuchte u.a. auch das Parlament, wo sie von Nationalratspräsident Dr. Hurdes empfangen wurde.


19.9.1956: Gleichenfeier auf Wiedner Krankenhaus-Grund

In der Favoritenstraße, auf dem durch den Abbruch des ehemaligen Wiedner Krankenhauses freigewordenen Baugrund, fand heute die Dachgleiche eines Komplexes städtischer Wohnhäuser mit insgesamt 246 Wohnungen statt.

20.9.1956: Wiener Gemeinderatsdelegation in die Sowjetunion abgereist

Eine Delegation des Wiener Gemeinderates, bestehend aus Bürgermeister Jonas, Vizebürgermeister Weinberger, Stadtrat Lakowitsch, Stadtrat Resch und Gemeinderat Dr. Stemmer, ist heute zu einem zehntägigen Studienaufenthalt in die Sowjetunion abgereist. Die Stadtverwaltungen von Moskau und Leningrad haben zu einem Besuch ihrer Einrichtungen eingeladen.

20.9.1956: Restaurierung der Mariensäule Am Hof abgeschlossen

Mariensäule von Gerüst umgeben

Restaurierung der Mariensäule (Am Hof)

Die Restaurierung der Mariensäule Am Hof ist vollendet. Das Denkmal wurde 1667 aufgestellt. Die Bronzefiguren stammten von Balthasar Herold, die Entwürfe für das Denkmal selbst wurden von Carlo Martino Carlone begonnen und von Carlo Canevale vollendet. Bei den Restaurierungsarbeiten mussten Risse an den Bronzefiguren ausgebessert und die Steinteile des Denkmals einer konservierenden Behandlung unterzogen werden. Die Kosten der Restaurierung betrugen 38.000 Schilling.


24.9.1956: Errichtung einer städtischen Eheberatungsstelle

In der Sendereihe "Wiener Probleme" berichtet Vizebürgermeister Honay über die Errichtung einer städtischen Ehe- und Familienberatungsstelle.

26.9.1953: Zwei Forstfachleute erhalten wieder ihre Denkmäler

"Auf dem Linneplatz im 19. Bezirk stehen in der Parkanlage vor der Hochschule für Bodenkultur zwei Denkmalsockel, die während des Zweiten Weltkrieges ihrer Bronzebüsten beraubt wurden. Im Zuge des ´Totalen Krieges´ wanderten sie in die Metallreserve des Dritten Reiches. Erhalten blieben nur die Gipsabgüsse der Büsten, Arbeiten von Josef Langer und Rudolf Weyr.

Josef Wessely (1814 - 1898) hatte 1855 die oberste Leitung der Verwaltung der Forste und Domänen der k.k. priv. Staatseisenbahngesellschaft übernommen und unter den Forstschriftstellern der damaligen Zeit einen ausgezeichneten Ruf. Er schrieb u.a. das ´Forstliche Jahrbuch Österreich-Ungarns 1880, 1881 und 1882.

Robert Micklitz, der ebenfalls 1898 gestorben ist, nahm hervorragenden Anteil an der Entwicklung und der Pflege des forstlichen Unterrichts. Vorübergehend war er auch Professor an der Hochschule für Bodenkultur. Unter seiner Leitung wurde 1873 die österreichische Staatsforstverwaltung einer Reform unterzogen. Als Ministerialrat und Oberlandforstmeister war er einer der besten und verdientesten Forstwirte seiner Zeit.

Beide Büsten werden jetzt nicht mehr in Bronze, sondern in Stein ausgeführt.

26.9.1956: Vizebürgermeister Honay empfängt italienischen Maler

Honay bewundert Bilder von Renno Scuriatti

Renno Scuriatti besucht Vizebürgermeister Honay

Der italienische Maler Renno Scuriatti aus San Severino hat in seiner Heimatstadt einen Kunstpreis gewonnen. Dieser Preis bestand u.a. in einer Reise nach Wien. Der Künstler wurde heute von Vizebürgermeister Honay im Rathaus empfangen.


29.9.1956: 75. Geburtstag von Ludwig Mises

Portrait Ludwig Mises

Prof. Ludwig Mises

Der Nationalökonom und Soziologe Prof. Dr. Ludwig Mises vollendet heute sein 75. Lebensjahr.

Mises setzte sich mit den Grundfragen der Nationalökonomie auseinander und vertrat dabei den Standpunkt der Wiener Schule der Grenznutzentheorie. Vor allem befasste er sich mit den Problemen des Geldes und der Wirtschaftspolitik.


29.9.1956: Vizebürgermeister Honay bei der Teileröffnung des Südbahnhofes

Menschenmenge lauscht Eröffnungsrede in geschmückter Bahnhofshalle

Teileröffnung neuer Südbahnhof

Vizebürgermeister Honay nahm heute die Teileröffnung des neuen Südbahnhofes vor. In seiner Ansprache betonte Honay vor allem die fortschreitende Modernisierung und Elektrifizierung des österreichischen Verkehrswesens.

Honay: "Wenn ich die mächtig fortschreitende Elektrifizierung der Bundesbahnen miterwähne, so kann ich nicht umhin, neben der Freude über diesen neuen Südbahnhof auch noch der weiteren Genugtuung Ausdruck zu geben, dass der Zugsbetrieb aus diesen Hallen schon in wenigen Tagen, wenn auch vorläufig nur bis Gloggnitz, elektrisch betrieben werden wird.

..es stehen zwar noch Reste des alten Süd- und des alten Ostbahnhofes, zweier Kopfbahnhöfe, deren Funktionen nun in diesem neuen Bahnhof vereinigt werden. Die beiden alten Bahnhöfe reichen aber keinesfalls bis in die ersten Anfänge der österreichischen Eisenbahn zurück; standen doch an ihrer Stelle schon früher die Bahnhöfe der Wien-Ödenburger und der Wien-Raaberbahn, beide noch im Bezirke Wieden gelegen, weil dessen Grenzen noch bis 1873 bis an den Laaer Berg reichten. Als aber im Jahre 1841 die Strecke Wien-Wiener Neustadt schon fertig war, erhob der ungarische Landtag Einspruch gegen ihre Fortführung nach Ödenburg, so dass der ursprüngliche Plan geändert werden musste geführt, aus welchem Grunde der Vorläufer unseres alten Südbahnhofes eben der ´Gloggnitzer Bahnhof´ hieß. Dieser 1839 bis 1841 als Holzbau errichtete Gloggnitzer Bahnhof ist in die Wiener Chronik als einer jener Plätze eingegangen, an welchem sich am 28. Oktober des Revolutionsjahres 1848 die Wiener Arbeiter und Studenten gegen die vorrückenden Truppen Jelasichs, die ihn in Brand geschossen, vergeblich verteidigt haben.

Der Gloggnitzer Bahnhof hat sich natürlich als zu klein erwiesen, als die beispiellose Kühnheit Ghegas den Schienenstrang der Südbahn über das gewaltige Hindernis des Semmering zu legen vermochte und diese wichtige Verkehrsader schließlich bis Triest, dem großen Adriahafen der alten Donaumonarchie, geführt worden ist. So erst ist in den Jahren 1869 bis 1873 an Stelle des Gloggnitzer Bahnhofes der damals neue Südbahnhof entstanden, der nun jener ´alte´ ist, von dessen Ruinen wir in Kürze endgültig Abschied nehmen.

Geschmückte Lok

Zur Teileröffnung werden auch die Loks festlich geschmückt

Der ungarische Landtag hatte inzwischen seine Einsprüche gegen den Bau der Eisenbahnverbindungen Wien-Ödenburg und Wien-Raab aufgegeben, so dass sodann in den Jahren 1867 bis 1870 auch der neue Bau eines größeren Ostbahnhofes erfolgen konnte. Auch dieser hat im Zweiten Weltkrieg schwere Zerstörungen erlitten und geht nun durch eine verkehrstechnisch sehr bemerkenswerte Lösung im neuen Südbahnhof auf.

Aus dieser Zeit der Bahnbauten haben sich Wiener Volksmund noch einige Redensarten erhalten:

Um die Züge von der höhergelegenen Südbahn auf die tiefer gelegene Ostbahn umzuleiten, mussten sie auf eine Verbindungsstrecke verschoben werden, die in gleichem Niveau mit den Straßen hinter den beiden Bahnhöfen lag. Daraus haben sich viele Störungen und die Notwendigkeit ergeben, dass die Eisenbahnzüge zwischen Süd- und Ostbahn nur im Schritt fahren durften und ein signalisieren der Eisenbahner jedem Zug mit einer ´Mistbauernglocke´ vorangehen musste. Aus diesem Grunde erhielten die Verschubgeleise zwischen Süd- und Ostbahnhof von den immer spöttischen Wienern die Bezeichnung ´Glöckerlbahn´.

Die einzelnen Baulose der Südbahnstrecke Wien-Wiener Neustadt wurden zu sehr verschiedenen Zeiten vollendet. So wurde der Verkehr auf der Strecke Mödling-Baden schon aufgenommen, als die Strecke Wien-Mödling erst bis Atzgersdorf betriebsfähig war. Die Wiener wollten sich aber das Ereignis der Eröffnungsfahrt zwischen Mödling und Baden nicht entgehen lassen. Sie fuhren mit der Bahn nach Atzgersdorf, um dort zu Fuß den Mödlinger Bahnhof zu erreichen. Seit damals heißt es noch immer im Volksmund ´Atzgersdorf, alles aussteigen!´... Und auch den Tunnel zwischen Mödling und Pfaffstetten hießen sie schon damals ´s´Busserltunnel´....

Im Übrigen fiel sehr vielen unserer Urgroßväter der Abschied von der altvertrauten Postkutsche durchaus nicht leicht und es fehlte auch nicht an skeptischen Stimmen, die die Verlässlichkeit des neuen Verkehrsmittels sehr in Zweifel zogen. So sagte selbst unser guter Grillparzer in seinen Satiren: ´Zur größeren Bequemlichkeit des Publikums werden auf jedem Aufenthalt zwei Chirurgen und ein Geistlicher mit dem Viatikum fortwährend bereit sein´. Und ein anderer Schriftsteller ließ sich vernehmen: ´Aus Billigkeitsgründen wird künftig auf den Eisenbahnen das Passagiergeld erst bei der Ankunft bezahlt. Auf diese Art bleiben die Toten ganz frei, die Verwundeten nach den Verhältnissen der übrig gebliebenen Gliedmaßen´."

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