Wien 1948: Berichte vom November 1948

In loser Reihenfolge bringen wir kurze Zusammenfassungen von Meldungen der Rathauskorrespondenz aus früheren Jahren. Zusammengestellt von Gina Galeta.

1.11.1948: Die Enthüllung des Opferdenkmals auf dem Zentralfriedhof

Heute fand auf dem Zentralfriedhof die Enthüllung des Denkmals "Den Opfern für ein freies Österreich 1934-1945", das die Stadt Wien errichten ließ, statt. Das Denkmal, das nach einem Entwurf des akademischen Bildhauers Prof. Fritz Cremer und den Architekten Wilhelm und Grete Schütte errichtet wurde, zeigt in symbolischer Form den Leidensweg der Opfer, die für ein freies Österreich ihr Leben ließen. Die drei Hauptphasen der Tragödie unserer Zeit werden durch drei Statuen versinnbildlicht. Auf der ersten Stufe steht eine steinerne Frauengestalt, gebeugt und verhüllt: Die Trauer. Sie steht am Beginn der Unterdrückung. Doch als der Widerstand im Laufe der Jahre wächst und sich trotz härtester Mittel der Staatsgewalt organisiert, steht eine zweite Figur, die Klage, mit erhobenem Haupt und emporgereckter Hand auch anklagend, auf den Stufen. Dort aber, wo die Kerkermauern plötzlich zerbrechen, steht sieghaft die große Bronzestatue eines Mannes, des Befreiten, der in das Licht eines neuen Lebens tritt. Diese drei Statuen erheben sich über sieben ansteigende Stufen, die in einer abgebrochenen Umfassungsmauer ihren Abschluss finden. Die Stufen bedeuten die Jahre 1934 bis 1938, 1939, 1940, 1941, 1942, 1943, 1944/1945.

Die Grabstätten der Opfer sind durch Grabplatten symbolisiert, die die einzelnen Figuren miteinander verbinden.

An der Enthüllung des Denkmals nahmen neben Vizekanzler Dr. Schärf, Bürgermeister Körner auch sämtliche Vertreter der KZ- und Freiheitskämpferverbände teil.

4.11.1948: Konzert für den Wiederaufbau des Anatomischen Instituts

Für den Wiederaufbau des Anatomischen Instituts findet im Konzerthaus ein Symphonie-Konzert des Akademischen Orchestervereines statt. Auf dem Programm stehen Werke von Schmidt, Bruch, Brahms. Solist Willi Boskovsky, Dirigent Leopold Emmer.

4.11.1948: Ein neues Sprungtuch bei der Wiener Feuerwehr

Die Wiener Feuerwehr sorgt derzeit nicht nur für die Instandsetzung ihrer Ausrüstung, die während der Kriegsjahre schwer gelitten hat, sondern bemüht sich auch um neueste Geräte. Erst vor kurzem wurde der 25. Tankspritzwagen seit Kriegsende, in den Betrieb gestellt; ein Gerät, das von ausländischen Fachleuten als Höhepunkt der derzeitigen Technik bezeichnet wird.

Dieser Tage wurden nun in der Feuerwehrzentrale Am Hof Versuche mit einem amerikanischen Sprungtuch durchgeführt, das gegenwärtig mit großem Erfolg in den Vereinigten Staaten verwendet wird. Zum Unterschied zu den seit Jahren bei uns verwendeten Sprung- und Rutschtüchern bietet diese Erfindung viel mehr Sicherheit für die Mannschaften als auch für die Geretteten. Auch die Rettungsmöglichkeiten haben sich durch dieses Sprungtuch um vieles erweitert. Das kreisförmige Tuch hat einen Durchmesser von vier Metern, besteht aus einem mit Stahlfedern verstärkten Segeltuch und ist auf einem stabilen, zusammenklappbaren Metallrahmen montiert. Trotz seines Gewichts von 72 kg ist die Bedienung sowohl einfacher als auch ungefährlicher geworden. Die zwölfköpfige Rettungsmannschaft braucht sich nur mehr auf den Aufprall konzentrieren, nicht aber auch auf die Spannung des Tuches.

5.11.1948: Feierliche Überreichung des Ehrenringes an Regisseur Pabst und Redakteur Prosl

Ehrengäste sitzend in erster Reihe

Georg Wilhelm Pabst bei der Biennale-Preisverleihung

Von der Stadt Wien wurden heute zwei Persönlichkeiten geehrte, die mit den beiden bestimmendsten Einrichtungen unserer Zeit, dem Film und der Presse, aufs Engste verbunden sind. Der Filmregisseur Georg Wilhelm Pabst und der Ehemalige Redakteur und Schriftsteller Robert Maria Prosl erhielten den Ehrenring der Stadt Wien.

Regisseur Pabst, der auf eine 30jährige Tätigkeit beim Film zurückblicken kann, hat mit seinem auch auf der Venediger Biennale ausgezeichnet Film "Der Prozess" dem Wiener Film die erste internationale Auszeichnung und damit auch wieder internationale Anerkennung errungen, während Robert M. Prosl durch sein langjähriges Wirken in der Wiener Presse und durch seine schriftstellerischen und wissenschaftlichen Arbeiten immer dem Ansehen Wiens gedient hat.


7.11.1948: Ein Sonntag des Gedenkens - Die Stadt Wien begeht den Jahrestag des Todes Paul Speisers

Aus Anlass des 1. Todestages von Paul Speiser wurde die städtische Wohnhausanlage in 21, Freytaggasse in "Paul-Speiser-Hof" benannt.

In der Einfahrt zu der großen Wohnhausanlage verkündet eine Tafel: "Paul Speiser - der große Freund und Organisator der Werktätigen - der Mitschöpfer des Sozialen Wien in der Ersten Republik - Unvergesslich seine jugendliche Kraft, die er nach dem Zusammenbruch des Faschismus seinem geliebten Wien in höchster Not gewidmet hat - 1877-1947."

Auf der gegenüberliegenden Wand zeigt ein Bronzerelief die vertrauten Züge des Vizebürgermeisters.

8.11.1948: Die Ehrenbürger Wiens

Seit dem Jahre 1801, in dem das Goldene Buch der Stadt Wien angelegt wurde, sind ungefähr 100 verdiente Persönlichkeiten zu Ehrenbürgern der Stadt ernannt worden. Im Laufe des vergangenen Jahrhunderts erhielten diese Auszeichnung fast ausnahmslos zur Angehörige des Adelsstandes. Franz Grillparzer und Dr. Karl Lueger gehören zu den wenigen Ausnahmen. Als letzter Ehrenbürger des kaiserlichen Wiens wurde am 2. Mai 1918 Ottokar Graf Czernin, der ehemalige Außenminister, eingetragen.

Die Ehrenbürgerschaft der Stadt ist die höchste Auszeichnung, die Wien verleihen kann. In den dreißig Jahren seit 1918 ist man mit dieser Auszeichnung sehr sparsam umgegangen: bis jetzt haben nur sechs verdiente Männer diesen Ehrentitel erhalten. Wiens erster Ehrenbürger nach dem Ersten Weltkrieg wurde im Jahre 1923 der Bürgermeister Jakob Reumann. Ein Jahr später folgte ihm der Rechtswissenschaftler und Schöpfer der Österreichischen Zivilordnung Minister a.D. Dr. Franz Klein, und wieder ein Jahr später der Komponist Richard Strauss. Erst 1929 wieder wurde dieser Ehrentitel auch Bürgermeister Karl Seitz verliehen. Die beiden Letztgenannten blieben 17 Jahre hindurch die einzigen lebenden Ehrenbürger der Stadt. Erst in der Nachkriegszeit wurden in das Goldene Buch zwei weitere Namen eingetragen: Im Jahre 1946 bekam die Ehrenbürgerschaft der Stadt der Präsident des Nationalrates Leopold Kunschak und im April 1948 Bürgermeister Dr. h.c. Körner. Bundespräsident Dr. Karl Renner wird nun als siebenter Österreicher seit Bestehen der Republik in einer Festsitzung des Gemeinderates durch die Verleihung des Ehrenbürgerrechtes geehrt.

8.11.1948: Erneuerung der Inschrifttafel am Gedenkstein für Blum, Messenhauser, Jellinek und Becher im Währinger Park

Vier führende Männer der Revolution von 1848 wurden nach ihrer Erschießung im Allgemeinen Währinger Friedhof in Schachtgräbern beigesetzt und zwar Robert Blum am 9., Cäsar Wenzel Messenhauser am 16., Julius Becher und Hermann Jellinek am 23. November 1948. Anlässlich der Umwandlung des Friedhofes in eine Parkanlage machte man die Beerdigungsstelle durch einen mächtigen Felsblock kenntlich. Die in diesem Felsblock eingelassene Inschrifttafel mit den Namen der vier Freiheitskämpfer wurde später aus politischen Gründen entfernt. Nach Instandsetzung der Parkanlage ließ nun die Gemeinde Wien anlässlich des Hundertjahrgedenktages die erneuerte Inschrifttafel wieder an der ursprünglichen Stelle anbringen.

9.11.1948: Wieder zentrales Röntgeninstitut im Franz Josef-Spital

Das Franz Josef-Spital hat während eines Luftangriffes auch sein Röntgeninstitut eingebüßt, so dass der Röntgenbetrieb der Anstalt gegenwärtig auf drei Stellen verteilt ist. Nun soll wieder ein zentrales Röntgeninstitut im Pavillon 4 aufgebaut werden. Als erste Baurate wurden dafür 80.000 Schilling bewilligt.

11.11.1948: Die Ernennung des Bundespräsidenten zum Ehrenbürger der Stadt Wien

Die Urkundenmappe, die dem Bundespräsidenten, Dr. Karl Renner, heute anlässlich seiner Ernennung zum Ehrenbürger der Stadt Wien, von Bürgermeister Körner überreicht wurde, ist eine Meisterarbeit des Wiener Kunsthandwerkes. Sie ist aus Kalbspergament hergestellt, Rücken und Einfassung bestehen aus rotem Saffianleder. Die Mappe ziert in der Mitte das in Gold geprägte Wappen der Stadt Wien. Die Urkundenmappe liegt in einer Klappkassette, die außen mit japanischer Holzfournier, innen mit gepresster Japanfaser überzogen ist. Der Rücken und die Einfassung der Kassette sind ebenfalls aus rotem Saffianleder. Die Mappe und die Kassette wurden von Ursula Kröber, einem Mitglied der Österreichischen Werkstätten, entworfen und auch ausgeführt.

Die Urkunde auf Pergament mit gemalten Initialen und Goldlettern stammt von Frau Professor H. Larisch-Ramsauer. Das Siegel, das sich in einer von Architekt Soulek entworfenen Siegeldose befindet, wurde im Archiv der Stadt Wien gegossen. Der Urkundenmappe ist ein Aquarell von Professor Erhard Amadeus Dier beigelegt, das den Leopoldinischen Trakt der alten Wiener Hofburg darstellt. Die Urkunde hat folgenden Wortlaut:

"Der frei gewählte Gemeinderat der Stadt Wien hat anlässlich der dreißigsten Wiederkehr des Tages der Gründung der Republik Österreich mit Beschluss vom 28. Oktober 1948 Herrn Bundespräsidenten Dr. Dr. h.c. Karl Renner zum Dank für seine unvergänglichen Verdienste um das österreichische Volk in besonders schweren Zeiten und als Beweis tiefer und unverbrüchlicher Verbundenheit zum Ehrenbürger der Stadt Wien ernannt."

Unterfertigt ist die Urkunde von Bürgermeister Dr. h.c. Körner und den Vizebürgermeistern Honay und Weinberger.

12.11.1948: Enthüllung des Denkmals der Ersten Republik

Denkmal mit Bronzebüsten von Viktor Adler, Ferdinand Hanusch und Jakob Reumann

Das Denkmal der Ersten Republik wurde auf der Ringstraße enthüllt.

Eine große Menschenmenge wohnte heute der Enthüllung des Denkmals der Ersten Republik auf der Ringstraße bei. In Anwesenheit von den Ministern Helmer und Maisel, Bürgermeister Körner sowie den sozialistischen Mitgliedern des Wiener Stadtsenats hielt Vizekanzler Dr. Schärf die Festrede. Er schilderte die Gründung der Ersten Republik, die Bedeutung von Viktor Adler, Ferdinand Hanusch und Jakob Reumann für die damals neu gegründete Republik Österreich und für die Stadt Wien.

Bürgermeister Körner nahm das Denkmal wieder in die Obhut der Stadt Wien.


13.11.1948: Empfang der schwedischen Sportler im Rathaus

Bürgermeister Körner empfing heute die schwedischen Sportler, die anlässlich der schwedischen Sportwoche nach Wien gekommen waren, um hier gegen unsere Auswahlelf, zu spielen.

16.11.1948: Wien bekommt einen neuen Generalstadtplan

Wien hat sich in den letzten hundert Jahren baulich so stark entwickelt, dass bereits zweimal neue Generalstadtpläne aufgestellt werden mussten. Das erste Mal war es, als im Jahre 1857 die Niederlegung der Stadtmauern und die Verbauung der Glacisgründe beschlossen und die Vorstädte mit der Inneren Stadt verschmolzen wurden. Das zweite Mal musste ein neuer Generalstadtplan nach der Eingemeindung im Jahre 1892 aufgestellt werden. Diese Arbeit wurde zum größten Teil von dem bekannten Architekten Prof. Karl Mayreder ausgeführt. Sie dauerte im allgemeinen bis 1912, ist aber eigentlich nie ganz abgeschlossen worden.

Jetzt, nach den großen Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg und wegen der tiefgehenden Veränderungen der Struktur der Stadt in den letzten zwanzig Jahren, besonders am Stadtrand, ist es notwendig, die neuen Erfahrungen des Städtebaues in den Stadtplan einzubauen.

Heute wurde vom Wiener Stadtsenat der Städtebauer und Professor der Wiener technischen Hochschule, Architekt Dr. Karl Heinrich Brunner, zum Leiter der Stadtplanung bestellt. Prof. Brunner, der ehemalige Assistent von Prof. Mayreder, hat durch mehr als ein Jahrzehnt im In- und Ausland auf dem Gebiet des modernen Städtebaues gearbeitet und ist als internationale Kapazität hoch geschätzt.

17.11.1948: Dreihufeisengasse wird Lehargasse

Im zuständigen Gemeinderatsausschuss wurde beschlossen, die Dreihufeisengasse im 6. Bezirk in Lehargasse umzubenennen. Der Text der Erläuterungstafel lautet: "Franz Lehar, Operettenkomponist 1870 - 1948".

Um den Namen der Dreihufeisengasse jedoch nicht völlig in Vergessenheit geraten zu lassen, wird auf Wunsch der Bezirksvorstehung auf den Straßentafeln der Vermerk angebracht werden: "Lehargasse, vormals Dreihufeisengasse".

18.11.1948: Großer Erfolg des Wiener Bildhauers Fritz Wotruba in Paris

Der Träger des Preises der Stadt Wien auf dem Gebiet der Bildhauerei im Jahre 1947, Fritz Wotruba, zeigte im Musee d'Arts Moderne in Paris vom 15. Oktober bis 15. November eine Anzahl seiner Arbeiten. Der französische Unterrichtsminister würdigte die großen Verdienste dieses Künstlers.

19.11.1948: Dachgleichenfeier im Lagerhaus der Stadt Wien

Heute wurde auf dem Donaugelände des Lagerhauses der Stadt Wien die Dachgleiche auf der Baustelle eines im Kriege zerstörten Magazins erreicht. Die Direktion des Lager- und Kühlhauses konnte im Frühjahr mit dem Wiederaufbau eines der größten Magazine beginnen, in dem bis Jahresende der Betrieb aufgenommen werden kann.

Das neue Objekt hat eine Länge von 133 Meter und eine Breite von über 21 Meter. Es besitzt zwei Geschosse im Ausmaß von je 2.500 Quadratmeter. Das Magazin wird 12 Sackrutschen haben, 4 Sackelevatoren, die zugleich Kisten befördern können, und 8 automatische Waagen. Die Eindeckung des Daches erfolgt auch hier mit Aluminiumfolien.

24.11.1948: Heuer großer Christkindlmarkt

Weihnachtsmärkte gibt es in vielen Städten, aber kaum einer blickt auf eine so alte Tradition zurück wie der Wiener Christkindlmarkt. In einem etwa 350 Jahre alten Schriftstück des Unterkämmereramtes finden wir die erste authentische Erwähnung des Wiener Weihnachtsmarktes. Es ist eine Zusammenstellung der Standgeldeinnahmen der Wiener Bäcker und Zuckerbäcker, die sich vor Weihnachten auf dem Graben eigene Verkaufshütten errichtet hatten. Seit diesem Jahr finden sich schon ziemlich genaue Quellen über die alljährlichen Weihnachtsmärkte. Sie sind ein Stück der Lokalgeschichte Wiens geworden. Schon in den ersten Jahren des 17. Jahrhunderts wurden nicht nur Süßigkeiten und Näschereien feilgeboten, sondern das Wiener Kleinhandwerk ergriff die günstige Gelegenheit, um Weihnachtskrippen von der einfachsten bis zur künstlerisch vollendeten Form anzubieten. Der "Kripperlmarkt" war damit eine dauernde Einrichtung geworden. Nach und nach war dann bei seinen Verkaufsständen alles zu haben, was Kinderherzen erfreuen konnte. Nicht nur Christbaumschmuck und Weihnachtskerzen wurden angeboten, auch Spielwaren traten immer mehr in den Vordergrund. Damit veränderte sich der Charakter des "Kripperlmarktes" und es entstand der Christkindlmarkt, der alljährlich in der Vorweihnachtszeit seine Buden auf dem Graben, dem belebtesten Straßenzug des alten Wiens, aufstellte.

1842 verließ der Christkindlmarkt seinen Standort und übersiedelte auf den Platz Am Hof, wo er bis 1923 blieb. Danach wurde er auf die Freyung verlegt. Aber schon im nächsten Jahr wurden die weihnachtlichen Verkaufsstände rund um die Stephanskirche errichtet. Danach war er am Neubaugürtel beheimatet, um 1939 wieder seinen alten Platz Am Hof zu beziehen. Nach dem Krieg wurde eine neue Heimstätte im Messepalast gefunden. Heuer soll nun der Christkindlmarkt einen besonders glanzvollen Verlauf nehmen.

24.11.1948: Die "Spinnerin am Kreuz" wiederhergestellt

Die "Spinnerin am Kreuz" stammt in ihrer heutigen Gestalt aus den Jahren 1451/52. Laut den Oberkammeramtsrechnungen dieser Jahre wurde am 16. August 1451 mit der Arbeit begonnen. Im Oktober des Jahres 1452 hatten die Steinmetzgesellen die fertiggestellten Teile des Kreuzes zusammengestellt. Hans Puchsbaum schuf die Säule. Im selben Jahr wurde aber auch, das in der Nähe des Galgens befindliche alte Kreuz ausgebessert. Vom 14. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts befand sich mit Unterbrechungen auf dem Wienerberg die Richtstätte mit Rad und Galgen. Am 30. Mai 1868 wurde als letzter Delinquent hier ein Mörder, der Tischlergehilfe Georg Ratkay, gehängt. Die 1452 neuerrichtete Kreuzsäule wurde im Laufe der Jahrhunderte oft Renovierungen unterzogen, so 1598/99 durch Hofsteinmetz Paul Kölbl, der so wie Hans Puchsbaum auch mit dem Bau der Stephanskirche zu tun hatte.

In der Barockzeit wurden die vier Figurengruppen der Kreuzigung, Dornenkrönung, Geisselung und des Schmerzensmannes erneuert, wobei aber der Barockbildhauer vom gotischen Original nicht ganz frei kommen konnte. Die Wappen oberhalb der Figurengruppen stammen noch aus gotischer Zeit.

Da sich die Figuren, zum Teil durch frühere unsachgemäß durchgeführte Restaurierungen vor allem aber durch Kriegseinwirkung in seinem sehr schlechten Zustand befanden, wurden sie nunmehr im Auftrag der Stadt Wien durch den Akademischen Bildhauer Anton Endstorfer aus Aflenzer Stein neu hergestellt. Damit sind die langwierigen, mühevollen Restaurierungsarbeiten sowohl an den Figurengruppen als auch an den Architekturteilen beendet und dieses Wahrzeichen Wiens steht wieder auf seinem alten Platz.

25.11.1948: Die lustigen Kaulquappen

Im Laufe der letzten Jahrzehnte wurde in Wien alles, was politisch, wirtschaftlich oder gesellschaftlich wichtig erschien, in Vereinen verankert. Im letzten Kriegsjahr wurden ungefähr 1.600 Vereine aufgelöst oder mussten gelöscht werden.

Das Vereinsleben in Wien darf sich nun wieder ungestört entwickeln. Heuer zum Beispiel wurden nur mehr 30 Vereine behördlich aufgelöst. Der neue Vereinskataster ist in 15 Gruppen eingeteilt und hat rund 6.500 Vereine registriert. In der ersten Gruppe befinden sich die politischen Organisationen mit ihren Unterabteilungen. Die zweite Gruppe, die der Sparer, ist die stärkste, sie umfasst rund 2.000 Vereine. Die Sparvereine, eine Spezialität der Außenbezirke, waren immer ein verlässlicher Barometer des Lebensstandards. Als überzeugte Optimisten haben die Mitglieder der Sparvereine auch das Herz für karitative Angelegenheiten am richtigen Fleck. Sie lieben es, oft unter sehr seltsamen Vereinsnamen ihre Schilling zu sammeln. So kommt es, dass zahlreiche Sparvereine die Namen "Die Biene", "Das Glücksschweinchen" oder "Das Kleeblatt" führen. Es gibt aber auch ganz seltene Namen wie "Die nassen Füass" oder "Die lustigen Kaulquappen".

Das Kulturleben Wiens hat sich immer in Vereinen abgespielt. Es gibt ehrwürdige Vereinigungen mit sehr alter und großer Tradition, die alle Regime und Kriege überleben konnten. Erfreulicherweise wurden in der letzten Zeit wieder viele Kulturvereine gegründet oder haben die Aufnahme ihrer Tätigkeit wieder angemeldet. Es gibt auch schon über 100 Vereine, die sich die Pflege freundschaftlicher Beziehungen zu anderen Ländern vorgenommen haben.

Im Jahre 1938 gab es in Wien 18.000 Vereine. Damals war etwa jeder zehnte Wiener Mitglied irgendeines Vereinsausschusses. Derzeit werden in Wien täglich vier bis fünf neue Vereine gegründet.

26.11.1948: Karlskirche in Gefahr

Die von 1716 bis 1737 von Fischer von Erlach im Auftrage Karls VI. erbaute Karlskirche musste im Laufe der Zeit schon mehrmals renoviert werden. Zuletzt war dies in den Jahren 1942 bis 1944, der Fall, als durch Witterungseinflüsse die Reliefs der beiden Prachtsäulen schwer gelitten hatten. Die Wiederherstellung der Bandreliefs an diesen Säulen konnte noch vollendet werden. Zur Vergoldung der Adlerbekrönung der zweiten Säule kam es aber nicht mehr. Das Kriegsgeschehen ging auch an der Karlskirche nicht spurlos vorbei und eine vor kurzem stattgefundene Untersuchung ergab, dass die Holzkonstruktion der Kuppelabdeckung bedenkliche Schäden und Gebrechen aufweist. Durch die durchlöcherte Kupferblechabdeckung ist jahrelang Wasser eingedrungen. Dadurch ist die Holzkonstruktion stellenweise schwer vermorscht, so dass mit einer Senkung der Kuppel gerechnet werden muss. Für die dringendsten Reparaturen sind 100.000 Schilling erforderlich. Weiter müssen Schäden durch Granateinschläge am Glockenturm, an der Kuppellaterne und an den Bandreliefs der Säulen etc. behoben werden.

Da die staatlichen und kirchlichen Hilfsquellen erschöpft sind, sollen daher durch Sammlungen im In- und Ausland die Mittel aufgebracht werden. Aus diesem Anlass findet ein Konzert unter der Devise "Wiener Künstler helfen der Karlskirche" statt.

29.11.1948: Wieder Gänsemädchenbrunnen an der Rahlstiege

Seit einigen Tagen befindet sich das Gänsemädchen-Denkmal wieder an dem gewohnten Platz an der Rahlstiege. Der von Anton Wagner im Auftrag der Gemeinde Wien im Jahre 1865 geschaffene Brunnenschmuck war ursprünglich auf dem Geflügelmarkt Alt-Wiens, im Hof der "Brandtstatt", aufgestellt. Nach der Umgestaltung dieses Teils der Inneren Stadt im Jahre 1874 wurde das Bildhauerwerk vor die Mariahilfer Kirche versetzt und, als dieser Platz für das Haydn-Denkmal ausersehen worden war, bei der Rahlstiege aufgestellt.

Nach langwierigen Arbeiten sind nun die Kriegsschäden des Denkmals beseitigt und das "Gänsemädchen" bildet wieder den Abschluss der Brunnen- und Stiegenanlage am Beginn der Mariahilfer Straße.

30.11.1948: Besuch Carl Zuckmayers im Rathaus

Portrait Carl Zuckmayer

Das Theater in der Josefstadt spielt das neue Werk Carl Zuckmayers.

Bürgermeister Körner empfing heute Carl Zuckmayer mit Gattin, eine gebürtige Wienerin, im Wiener Rathaus.

Der Dichter gab seiner Freude darüber Ausdruck, dass die Wiener sein Stück "Des Teufels General" so gut aufgenommen haben. In der nächsten Zeit wird im Theater in der Josefstadt sein neuestes Stück "Barbara Blomberg" zur Aufführung gelangen.


30.11.1948: Folgenschwerer Hauseinsturz auf der Fischerstiege - Drei Tote und mehrere Verletzte

Mit Schutt zugeschüttete Gasse

Haus Fischerstiege 1

Mann steht inmitten der Trümmer des Hauseinsturzes

Haus Fischerstiege 1


Der Hauseinsturz, in Wien 1, Fischerstiege 1, Ecke Salvatorgasse, der vor einigen Tagen drei Tote und mehrere Verletzte forderte, beschäftigte heute auch den Wiener Stadtsenat. Stadtbaudirektor Dipl.-Ing. Gundacker berichtete über den Einsturz des Hauses. Von dem Haus stürzte ein Teil in einer Breite von drei Fenstern ein. An der Unfallstelle war ein acht bis zehn Meter hoher Trümmerhaufen, der die ganze Gassenbreite verlegte. Unter den Toten befindet sich auch ein amerikanischer Soldat, der auf Besuch im Haus weilte.

Es handelt sich um ein 150 Jahre altes Wohnhaus. Die Ursache für den Einsturz lag vor allem in der Vermorschung eines größeren Teiles der Dübbelbaumköpfe des obersten Stockwerkes. Durch einen nicht feststellbaren Umstand war die Tragfähigkeit der Decke erschöpft. Sie stürzte vom gassenseitigen Auflager ab und durchschlug die darunter liegende Stockwerksdecke. Gleichzeitig stürzten die Pfeiler der Gassenhauptmauer durch den seitlichen Druck ein.

Verantwortlich für diese Seite:
Rathauskorrespondenz (Magistratsabteilung 53)
Kontaktformular