Wien 1946: Berichte vom Oktober 1946

In loser Reihenfolge bringen wir kurze Zusammenfassungen von Meldungen der Rathauskorrespondenz aus früheren Jahren. Zusammengestellt von Gina Galeta.

1.10.1946: Neue Bauaufträge der Stadt Wien

Im zuständigen Ausschuss wurde eine größere Anzahl von Bauaufträgen genehmigt. U.a.: Die Quellenstraße in Favoriten, deren altes Granitwürfelpflaster soll mit neuen Würfelsteinen gepflastert werden. Dies wird einen Betrag von ca. 65.000 Schilling erfordern. Weiters soll, die einer starken Verkehrsbelastung ausgesetzte Schottengasse, wieder instandgesetzt und die dort befindlichen Bombentrichter und sonstigen Kriegsschäden behoben werden (Kosten: ca. 45.000 Schilling). Ferner wird der alte und schadhafte Entwässerungskanal in der Daungasse im 8. Bezirk (zwischen Skodagasse und Laudongasse) mit einem Kostenaufwand von ca. 34.000 Schilling umgebaut werden.

1.10.1946: Der wiedererstandene 2er Wagen

Nach rund eineinhalbjähriger Pause wird ab morgen die Straßenbahn wieder über die Lastenstraße fahren. Diese lange Betriebsunterbrechung wurde durch mehrfache schwere Kriegsschäden auf der 2er Linie verursacht. An der Behebung dieser Schäden wurde zwar längst gearbeitet, doch kam es immer wieder zu Verzögerungen durch den Mangel an Wagenmaterial. Mehr als 50 Prozent der Straßenbahnwagen wurden durch den Krieg beschädigt oder zerstört. In 550 Fahrten hat die Straßenbahn rund 12.000 Tonnen Schutt von der 2er Linie geladen und auf die Abladeplätze geführt. Der Schutt stammt aus dem Messepalast, aus dem Volkstheater, der technischen Hochschule am Getreidemarkt, von den großen Haufen hinter dem Rathaus, am Karlsplatz und in der Hinteren Zollamtsstraße. Die wiedererstandene 2er Linie wird zur Entlastung des Ringstraßenverkehrs wesentlich beitragen.

2.10.1946: Die Stadt Wien muss neue Millionenbeträge aufbringen

Die verbesserten Leistungen in der Schuttbeseitigung und die damit verbundene Mehrverwendung von Arbeitskräften und Geräten bewirkt auch ein andauerndes Anwachsen der Kosten. Der dafür im Voranschlag 1946 vorgesehene Kredit von 1,300.000 Schilling wird in Kürze aufgebraucht sein. Seit Juni 1946 müssen nicht nur die seitens der Wiener Lastkraftwagenbetriebsgesellschaft zur Verfügung gestellten Lastautos mit 140 Schilling pro Tag bezahlt werden, sondern es steht auch die Anrechnung der von den Alliierten für die Schuttbeseitigung zur Verfügung gestellten Transportmittel bevor.

Im Finanzausschuss wurde heute die Erhöhung der Konten für die Schuttbeseitigung um 3 Millionen Schilling auf zusammen 4,3 Millionen Schilling beschlossen. Auch über die Eröffnung eines Interimskontos für die Behebung von Kriegsschäden an der Malinowskybrücke (Floridsdorfer Brücke) über die Donau und an der Franzensbrücke über den Donaukanal in Höhe von 2,1 Millionen Schilling wurde abgestimmt. Beim Neubau der Malinowskybrücke sollte die Stadt Wien ursprünglich nur die Kosten für Isolierung, Pflasterung und ähnliche Arbeiten zu tragen haben, wofür ein Betrag von 300.000 Schilling vorgesehen war. Am 19. Mai 1946 hat die Rote Armee unerwartet die Arbeiten eingestellt, so dass noch eine weitere Vergütung der noch auflaufenden bedeutenden Unkosten für umfangreiche Gerüstabtragungen, für eine dringende Ausräumung des Strombettes, für die Fortsetzung der Instandsetzungsarbeiten usw. notwendig wurde, die im Voranschlag 1946 keine Bedeckung haben. Ähnlich ist es im Falle der Franzensbrücke.

2.10.1946: Ankauf von 10 Autobussen durch die Gemeinde Wien

Der Wagenpark des Kraftstellwagenbetriebes der Wiener Verkehrsbetriebe ist durch die Kriegsereignisse außerordentlich schwer getroffen worden. Es ist gelungen 10 Stück französische Autobusse, Marke Renault, zu erlangen. Diese Autobusse, die je Stück 90.000 Schilling kosten sollen, können zwar nicht für den innerstädtischen Verkehr, dagegen auf peripheren Linien und für Überlandfahrten verwendet werden.

3.10.1946: Anthony Luchek beim Bürgermeister

Bürgermeister Körner empfing heute den europäischen Vertreter des amerikanischen Bundes der Industriegewerkschaften CIO Anthony Luchek, der in Begleitung von Oberst Smith von der amerikanischen Militärregierung erschienen war. Der Gast überbrachte die Grüße der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung und berichtete über das von den amerikanischen Gewerkschaften eingeleitete Werk internationaler Solidarität, in dessen Rahmen vorläufig 50.000 Dollar zur Verwendung in Österreich überwiesen wurden. Die amerikanischen Gewerkschaften beider Richtungen arbeiten an einem Hilfsprojekt für die notleidenden Länder. Er habe den Auftrag, festzustellen, in welcher Weise diese und sonstige Hilfe für Österreich von den amerikanischen Gewerkschaften geleistet werden könnte.

Körner betonte in dem Gespräch besonders die tristen Ernährungsverhältnisse und die daraus resultierenden gesundheitlichen Probleme für die Bevölkerung. Es wurde die Entwicklung der Sterblichkeit und vor allem der Tuberkuloseerkrankungen eingehend erörtert. Ebenfalls dringend ist die Beschaffung von Kleidern und Schuhwerk für die Wiener Arbeiter. Abschließend stellte Körner fest, dass die Befreiung Österreichs von der Zoneneinteilung und der wirtschaftlichen Bevormundung die wesentlichste Voraussetzung für eine gesunde Entwicklung unserer Wirtschaft und unserer Lebensbedingungen ist.

3.10.1946: Vorübergehende Sperre für Orthopädisches Maß-Schuhwerk

Das Hauptwirtschaftsamt gibt bekannt, dass die Annahme von Ansuchen um Bezugsscheine für orthopädisches Maß-Schuhwerk mit sofortiger Wirkung bis auf weiteres eingestellt ist.

4.10.1946: Neuregelung für Erdgasfahrzeuge

Um die langen Wartezeiten an den Erdgastankstellen zu verkürzen, hat die Magistratsabteilung 47 - Verkehrslenkung, eine Neuregelung veranlasst. Ab Montag, 7. Oktober, werden mit Erdgas betriebene Wagen an den Windschutzscheiben Plaketten in verschiedenen Farben führen, die die Zeit, in der die Fahrzeuge tanken können, bestimmen.

Das Tanken erfolgt in vier Gruppen: von 5 bis 7 Uhr früh für die Fahrzeuge mit weißen Plaketten, von 7 bis 13 Uhr für die mit grünen, von 13 bis 19 Uhr für die mit orangeroten und von 19 bis 23 Uhr für Fahrzeuge mit chamoisfarbenen Plaketten. Mit der Ausgabe der Plaketten wurde bereits bei den Bezirksfahrbereitschaften begonnen. Derzeit bestehen zwei Erdgastankstellen in Leopoldau und Simmering; zwei weitere werden in Kürze in der Vorgartenstraße und in Aderklaa in Betrieb genommen werden.

5.10.1946: Internationales Tennisturnier - Ehrenpreis der Stadt Wien

Im Rahmen der 1. Wiener Sportwoche führt der Wiener Athletiksportklub (WAC) zur Feier seines 50jährigen Bestandes, ein internationales Tennisturnier durch, bei dem bekannte Vertreter des Auslandes an den Start gehen.

Bürgermeister Körner hat für die Sieger im Herrendoppel zwei Silberplaketten mit dem Wappen der Stadt als Ehrenpreis der Stadt Wien gestiftet.

8.10.1946: Schätze aus dem Schutt

Stadtrat Matejka eröffnete heute im Alten Rathaus die Ausstellung "Schätze aus dem Schutt" und würdigte in seiner Ansprache, die aufopfernde Arbeit der freiwilligen Mitarbeiter, die sich seit April des vergangenen Jahres bemühen, wenigstens einen Teil der großen unter den Trümmern verschütteten Werte zu bergen.

Die Ausstellung wendet sich vor allem an das Publikum, das wertvolle Hinweise über noch begrabene Kunstwerke geben kann. So werden Plastiken aus dem Stephansdom und dem Burgtheater gezeigt, Figuren von der Spinnerin am Kreuz, Gegenstände aus der Albertina, aber auch Bilder und Büsten aus privatem Besitz konnten oft noch gerettet werden, ja sogar einzelne unversehrte Stücke Alt-Wiener Porzellan, Gegenstände und Bücher aus dem Besitz Franz Werfels, ein Taktstock Gustav Mahlers und einige etruskische Vasen, die das Pech hatten, zweimal verschüttet und das Glück zweimal ausgegraben zu werden, sind zu sehen.

9.10.1946: Die neue Obus-Linie

Die "neue, alte" Obus-Linie fährt wieder nach Salmannsdorf. Schon 1908, es war damals die erste auf dem Kontinent, wurde diese Strecke mit Obussen oder wie sie im Ausland heißen Trolleybussen betrieben, 1938 jedoch aufgelassen. Erst während des Krieges, zum Teil aus denselben Gründen wie heute, nämlich Benzinmangel, kam man wieder auf den Gedanken, Autobuslinien elektrisch zu betreiben. Daher stammen auch die Wagen dieser Strecke noch aus der entschwundenen Ära. Das Fahrgestell stammt von der Firma Henschel aus Kassel, während die Karosserie eine Gemeinschaftsarbeit der Firmen Fross-Büssing und Gräf & Stift darstellt. Die elektrischen Einrichtungen sind von Siemens & Schuckert. Der Wagen hat 24 gepolsterte Sitzplätze und offiziell 32 Stehplätze. Die Türen können mittels Druckluft geschlossen werden, so dass ein Trittbrettfahren nicht möglich ist. Dem Nachteil der Gebundenheit an eine Oberleitung, die aber trotzdem dem Obus einen Spielraum von 4 m nach beiden Seiten gewährt, stehen mannigfaltige Vorteile gegenüber. So entfällt das mühselige Schalten bei Benzinautobussen; statt dessen ist ein einziges Pedal zu betätigen, das automatisch die beiden Motoren parallel oder hintereinander schaltet und so in 15 Sekunden die Höchstgeschwindigkeit erreichen lässt. Die Reisegeschwindigkeit, die ungefähr der unserer Stadtbahn entspricht, beträgt 24 Stundenkilometer, so dass der Wagen die sechs Kilometer lange Strecke in 15 Minuten zurücklegt. Zwei Bremsen, eine elektrische, ähnlich der Straßenbahnmotorbremse und eine Druckluftbremse, sorgen für die nötige Sicherheit. Ein Summerzeichen zeigt an, wenn etwa der Bügel aus der Leitung springt oder der Wagen aus einem anderen Grund stromlos ist. Der Fahrpreis für die ganze Strecke beträgt 45 Groschen.

9.10.1946: Ungarische Heimkehrer auf der Durchreise

Heute kam eine Kolonne von 106 ungarischen Feuerwehr- und Sanitätsautomobilen und Autobussen, die von der Deutschen Wehrmacht nach Bayern verschleppt worden waren und nun mit 350 Personen, darunter Frauen und Kinder, in ihre Heimat zurückkehren, in Wien an. Zur Übernachtung wurden die Personen in der Heimkehrerbaracke in Hütteldorf untergebracht. Die Verpflegung übernimmt das Ungarische Rote Kreuz. Morgen erfolgt die Weiterreise nach Ungarn.

9.10.1946: Wiederaufstellung von Denkmälern und Plastiken, sowie Wiederanbringung von Gedenktafeln

Die in der nationalsozialistischen Zeit entfernte Gedenktafel für den bekannten Wiener Pianisten Alfred Grünfeld an seinem Wohn- und Sterbehaus Getreidemarkt 10 wurde wieder angebracht. Der von Otto Hofner 1929 für den Karl-Marx-Hof geschaffene "Sämann" ist nun ebenfalls wieder an seinen früheren Standort zurückgekehrt. Damit hat eine Aktion, deren Aufgabe darin besteht, die in den letzten Jahren entfernten Denkmäler wieder aufzustellen, begonnen.

10.10.1946: Inanspruchnahme von öffentlichen Verkehrsflächen

Die Inanspruchnahme öffentlicher Verkehrsflächen und des darüber sich befindlichen Luftraumes zur Errichtung von Verkaufsständen, Geschäftsportalen, Windfängen, Firmenschildern usw. ist an eine behördliche Bewilligung durch die Magistratsabteilung 35 - Platzzinsgruppe (1, Trattnerhof 2) gebunden. Eine widerrechtliche Errichtung von Geschäftsportalen, Verkaufsständen und dergleichen und die Nichteinhaltung der genehmigten Ausmaße oder sonstiger Bedingungen wird geahndet.

11.10.1946: Fünf Millionen für die Städtischen Unternehmungen

Den Wiener städtischen Elektrizitätswerken wurden von der amerikanischen Militärrregierung 96 Stück Einanoden-Gleichrichter überlassen, die in den Unterwerken dringend benötigt werden. Für ihre Aufstellung und für die Beschaffung von neuen Umspannern und Schaltanlagen, sowie für die Transferierung der frei werdenden Gleichrichter in andere Unterwerke werden insgesamt 2,050.000 Schilling benötigt. Einen weiteren Betrag von 1,876.000 Schilling erfordert die Erneuerung der Gleisanlagen bei der Wiener Straßenbahn und die Behebung von Kriegsschäden an Betriebsgebäuden der Straßenbahn und Stadtbahn.

Die durch Bomben verursachten Schäden am Straßenrohrnetz und an den Rohrleitungen über die Donaubrücken sind zum größten Teil behelfsmäßig behoben worden, während andere Teile des zerstörten Rohrnetzes streckenweise totgelegt werden mussten. Da für die in den Jahren 1946 und 1947 durchzuführenden Wiederinstandsetzungsarbeiten noch Rohre und Verbindungsstücke benötigt werden, wurden von den Vertretern der Stadt Wien in Paris Verhandlungen geführt, als deren Ergebnis ein Teil des Rohmaterials aus Frankreich bezogen werden kann. Diese Anschaffung erfordert einen Betrag von 600.000 Schilling.

Für den Einbau von Ölfeuerungen bei den Dampfkesseln des Kraftwerkes Engerthstraße müssen außerdem noch 300.000 Schilling flüssig gemacht werden.

15.10.1946: Mehr Autos aber zu wenig Benzin

Seit der Befreiung Wiens (vor ca. 1 ½ Jahren), hat die Stadt mit den größten Schwierigkeiten auf dem Gebiete des Transportwesens zu kämpfen. Zuerst war es der völlige Mangel an Kraftfahrzeugen, der jede Versorgung der Wiener Bevölkerung zu unterbinden drohte, und dem nur durch die Unterstützung der Besatzungstruppen abgeholfen werden konnte. Inzwischen sind viele Fahrzeuge nach Wien zurückgekehrt, defekte Autos wurden repariert. Rund 2.000 ehemalige Militärkraftfahrzeuge sind der Stadt Wien von den Besatzungsmächten zur Verfügung gestellt worden, und die UNRRA hat 400 fabriksneue Lastkraftwagen gebracht. Ende August 1946 waren in Wien 18.243 Kraftfahrzeuge zum Verkehr zugelassen. Davon waren 8.053 Lastkraftwagen, 4.019 Personenkraftwagen und 4.747 Motorräder, der Rest waren andere Fahrzeuge verschiedener Art. In Wien waren vor Kriegsausbruch, also im Jahre 1938, insgesamt 47.220 Kraftfahrzeuge in Betrieb. Was die Zahl der Fahrzeuge anlangt, ist die Entwicklung des Transportwesens schon ziemlich weit gediehen.

Leider hält die Versorgung mit Kraftstoff mit dieser Entwicklung nicht Schritt. Die Stadt Wien war vor Kriegsbeginn am Treibstoffverbrauch Österreichs mit rund 46 Prozent beteiligt. Die Benzinmenge, die jetzt Wien zugewiesen wird, macht jedoch nur 26 Prozent des Österreich zur Verfügung stehenden Benzins aus. Der Bedarf der in Wien zugelassenen Kraftfahrzeuge beträgt bei den derzeit zugestandenen Rationen im Monat 3 ½ Millionen Liter Benzin. Wien erhielt aber in den letzten Monaten nur rund ein Drittel seines Bedarfes; für den Monat Oktober wurden der Stadt Wien 1,200.000 Liter Benzin zugewiesen.

Diese wenigen Zahlen zeigen deutlich, dass wir nach wie vor in einer der schwersten Transportkrisen stecken. Es können derzeit nur die allerdringendsten Transporte durchgeführt werden, das sind in erster Linie die Lebensmitteltransporte, die Verteilung der UNRRA-Waren, der Transport von Baustoffen und sonstige für den Wiederaufbau und die für die Ankurbelung der Wirtschaft unumgänglich notwendigen Fahrten. Eine besondere Belastung unserer Transportleistung tritt derzeit durch den verstärkten Transport von Brennmaterial ein. Bis Ende November müssen außerdem die Lagerkartoffel an Ort und Stelle gebracht werden. Es handelt sich dabei um nicht weniger als um 100.000 Tonnen, das sind 10.000 Eisenbahnwaggons Erdäpfel, die innerhalb von Wien transportiert werden müssen.

Es ist also derzeit lediglich die Zulassung von Kraftfahrzeugen möglich, die mit Erdgas, Holzgas oder Dieselöl betrieben werden.

16.10.1946: Ehrenring der Stadt Wien für Burgtheaterdirektor Raoul Aslan

Portrait Raoul Aslan

Der Schauspieler wurde für seine großen Leistungen in der Wiener Theaterlandschaft geehrt.

Der Stadtsenat hat den Beschluss gefasst, an Burgtheaterdirektor Kammerschauspieler Raoul Aslan den Ehrenring der Stadt Wien zu verleihen. Die Verleihung des Ehrenringes ist eine der höchsten Auszeichnungen, die die Stadt Wien verdienten Bürgern zu Teil werden lässt. Raoul Aslan ist der erste dem eine solche Ehrung in der Zweiten Republik erwiesen wird. Die Überreichung des Ehrenringes durch Bürgermeister Körner an Raoul Aslan fand heute in Anwesenheit zahlreicher Ehrengäste statt. Bürgermeister Körner führte in seiner Ansprache u.a. aus: "Wenn ich diesen festlichen Anlass wahrnehme, die Künstlerpersönlicheit Raoul Aslans zu kennzeichnen, so werde ich plötzlich der Fülle der von ihm geschaffenen Gestalten und der ganzen Spannweite seiner Persönlichkeit gewahr. Aslan hat allein in der Zeit, in der er dem Burgtheater angehört, das ist seit mehr als 25 Jahren an 200 Rollen kreiert, eine für das Wirken eines Schauspieles großartige Leistung."

Es ist eine dankenswerte Aufgabe, fuhr Körner fort, den Lebensweg dieser interessanten Künstlerpersönlichkeit zu erfassen. Aslan wurde in Saloniki geboren. Dort war es eine Erzieherin aus Wien, deren Muttersprache Aslan erlernte. In Wien besuchte er Volksschule und Gymnasium. Die Schwestern Wiesenthal waren es, die ihn zuerst in die Oper zogen. Im Carltheater sieht er Sara Bernhardt, bald darauf Eleonora Duse. Damals beschloss der 16jährige, noch auf dem Hietzinger Gymnasium, Schauspieler zu werden. An Nachmittagen verkehrte er in einem Kreis junger Künstler, die sich im Cafe Museum trafen, u.a. Martin Haberditzl, Franz Theodor Czokor, Anton Wildgans und Max Mell. Sonnenthal, bei dem er vorsprach, fasste sein Urteil in die Worte zusammen: "Der junge Mann hat eine große Zukunft". Durch Baron Berger kam er ans Hamburger Schauspielhaus. Das war im Jahre 1906, also vor 40 Jahren. Nach einem Jahr kommt er zum ersten Mal als Schauspieler nach Wien, ins Raimundtheater. 1917 geht er ans Deutsche Volkstheater. Anfang September 1920 wurde Aslan von Heine ans Burgtheater engagiert. Er ist ihm seither trotz lockender Angebote von anderer Seite treu geblieben.

Schon im April 1945 stellte sich Aslan, als der Tag der Befreiung gekommen war, an die Spitze einer kleinen Schar von Männern, die sofort ans Werk gingen, das Burgtheater, das ein Raub der Flammen geworden war, wieder aufzurichten.

"Sie wurden," wendete sich Körner wieder direkt an den Geehrten, "für die Wiener ein Begriff. 'Der Aslan', was für die Wertung hierzulande mehr besagt als eine Fülle äußerer Ehrungen."


18.10.1946: Im Frühjahr 1947 wieder Praterbetrieb

Unter dem Vorsitz des Amtsführenden Stadtrates Honay fand eine Sitzung des Aufsichtsrates der Prater-Betriebsgesellschaft m.b.H. statt, bei der vor allem die Pläne der Architektur für die Neugestaltung des Volkspraters beraten wurden. Nach Berichten der Vertreter des Bauamtes der Stadt Wien wird bis Ende November dieses Jahres ein neuer Regulierungsplan vorliegen. Von der gesamten Volkspraterfläche sind vorläufig 93.756 m2, das sind rund 50 Prozent des vorgesehenen Pachtgrundes, fest vergeben. Unter den Pächtern befinden sich 26 Gastwirte, die mehr als die Hälfte des bisher verpachteten Grundes in Anspruch nehmen. Am Eingang des Praters soll eine große Grünlandfläche entstehen. Ferner besteht die Absicht, das 1., 2. und 3. Praterkaffeehaus, den Sachergarten und den Konstantinhügel als "Nobelgeschäfte" aufzumachen. Das 1. Kaffeehaus ist an das Brauhaus der Stadt Wien verpachtet worden. Im Frühjahr 1947 soll mit einem geregelten Praterbetrieb begonnen werden.

19.10.1946: Alliierter und Deutscher Kriegsgräberdienst

Dem "Alliierten und Deutschen Kriegsgräberdienst" liegen jetzt alle Meldungen über gefallene deutsche und österreichische Soldaten, Verschleppte und KZ-Häftlinge aus der französischen und amerikanischen Zone Deutschlands und Teilmeldungen aus der britischen und russischen Zone, wie auch aus Frankreich, Luxemburg, Belgien, Holland, Russland, vom Balkan und den übrigen Kriegsschauplätzen vor. Daneben gibt es bei dieser Stelle auch ein Verzeichnis der deutschen und österreichischen Kriegsgefangenen in Frankreich. Anfragen an: Alliierter und Deutscher Kriegsgräberdienst, F.C. Kern, (14), Schwäbisch Hall (Württemberg).

21.10.1946: Oskar Kokoschka hilft Wiener Kindern

Wie aus London berichtet wird, hat Oskar Kokoschka eine besondere Auflage seiner den hungernden Wiener Kindern gewidmeten Plakat-Lithographie der Freien österreichischen Weltbewegung zur Verfügung gestellt. Diese 500 Exemplare wurden an die angeschlossenen Organisationen der Freien Österreicher in Lateinamerika gesandt, um für die Österreich-Hilfe zu werben.

21.10.1946: Aus dem Gemeinderat

In der heutigen Sitzung referierte Bürgermeister Körner den vom Gemeinderat gewünschten Bericht über die wirtschaftliche Lage Wiens. Er hob in seinem Bericht die derzeit ausgesprochen schlechte Lebensmittelversorgung der Wiener Bevölkerung hervor und führte vor allem die völlig unzureichenden Brotrationen (besonders für Kinder) und die gänzlich unzureichenden Eierzuteilungen, Normalverbraucher haben im Jahre 1946 bisher 5 (!) Eier bekommen, u.a. als Beispiele an. Körner weiters, "das Frischfleisch fehlt in den Aufrufen fast gänzlich, während in den westlichen Bundesländern solches regelmäßig ausgegeben wurde. Dort herrscht ein Viehüberschuss, während bei uns nur Konservenfleisch zur Ausgabe gelangt. In der letzten Woche wurde nicht einmal dieses mehr aufgerufen, sondern nur Fischkonserven. Es wäre jetzt notwendig das gesamte Verteilungssystem zu ändern und die Benachteiligung Wiens zu beseitigen."

Beim Kapitel "Bekleidung" stellte Körner fest, dass sich Bekleidung und Schuhe der Bevölkerung in einem elenden Zustand befinden. "Wie groß die Not der Bevölkerung ist, zeigt die Tatsache, dass für das erste Kontingent von 48.000 Paar Schuhen 280.000 Ansuchen eingebracht wurden. Die Lederzuweisungen an Wien reichen nur aus, dass pro Kopf ein Paar Schuhe im Jahre repariert werden können, während nur alle fünf Jahre jeder Wiener ein Paar neue Schuhe bekommen kann. Für 1 ½ Millionen Wiener wurden von Jänner bis September 1946 insgesamt 158.000 Paar Lederschuhe, Hilfsstraßenschuhe, Arbeitsschuhe mit Holzsohle, Gummi-Opanken und Gummistiefel ausgegeben. Es kamen auf zehn Menschen ein paar Schuhe".

(Nach einer Feststellung des Wiener Stadtschulrates in den Volks-, Haupt- und Sonderschulen hatten 13,7 Prozent aller Schulkinder keine Schuhe, 9,5 Prozent keinen Überrock, 13,7 Prozent keine warme Kleidung und 7,3 Prozent versäumten den Unterricht, weil ihre Schuhe defekt waren.)

Körner berichtete weiters über die herrschende Brennstoffknappheit in Wien. Der Bedarf an Kohle beträgt derzeit 2,630.000 t, erhalten hat Wien bisher nur 514.000 t. Ebenfalls beeinträchtigt, so Körner, ist die Behebung der Kriegsschäden. Wien ist hier gegenüber den Bundesländern im Verteilschlüssel der Baumaterialien klar benachteiligt.

Zum Abschluss kam Körner auf das Gesundheitswesen zu sprechen und verwies darauf, wie sich die Mängel auf diesem Gebiet in dem starken Zunehmen der Tuberkulosefälle bemerkbar machen. Ein Teil der Spitäler ist von den alliierten Mächten besetzt, viele sind zerstört.

22.10.1946: Die Gasunfälle

Seit Eintritt der kalten Witterung häufen sich die Gasunfälle in erschreckendem Umfange. Für das Entstehen dieser Unfälle ist immer wieder das Offenbleiben von Gashähnen nach dem Gebrauch der Geräte maßgebend. Neuerdings wird von zahlreichen Verbrauchern das Gas entgegen dem bestehenden Verbot und ohne Rücksicht auf die vorzeitige Erschöpfung der verfügbaren Gasration zur Raumheizung benützt. Dies geschieht in der Weise, dass man die Gasflammen an den Kochern oder Backrohren entzündet und frei in den Raum brennen lässt! Vielfach wird nun abends bei Eintritt der Sperrzeit darauf vergessen, die Hähne zu schließen. Bei Wiederbeginn der Gaslieferung um 4 Uhr morgens strömt dann unverbrauchtes Gas aus und betäubt die noch Schlafenden. Ein Großteil der in den letzten Tagen entstandenen Gasvergiftungen ist auf diese Ursache zurückzuführen, wie die nach jedem Unfall durch die Gaswerke durchgeführten Untersuchungen ergeben haben.

Die Bevölkerung wird daher abermals dringendst ermahnt, die Gashähne an den Gasgeräten nach deren Gebrauch sofort zu schließen und das Heizen mit Gasgeräten auf jeden Fall zu unterlassen.

22.10.1946: Aus dem Gemeinderat

Zum Abschluss der Debatte über den von Bürgermeister Körner gestern vorgelegten Bericht wurde folgender Resolutionsantrag an die Bundesregierung eingebracht und einstimmig angenommen:

"Der Gemeinderat nimmt den vom Bürgermeister am 21. Oktober 1946 erstatteten Bericht zur Kenntnis. Zur Behebung der Notlage der Wiener Bevölkerung fordert der Gemeinderat die Bundesregierung auf:

  1. Für die restlose Erfassung aller im Lande erzeugten Lebensmittel zu sorgen, die Lebensmittelzuteilungen in allen Bundesländern gleichmäßig vorzunehmen und alles daranzusetzen, dass die Ernährungsbasis für das Wiener Volk endlich ausgiebig erhöht wird;
  2. für die Sicherung des Bedarfes der Wiener Bevölkerung an Kleidern, Wäsche und Schuhen in genügendem Ausmaß Vorsorge zu treffen;
  3. für eine strenge Kontrolle Sorge zu tragen, die aus Vertretern der Produzenten, des Handels und der Konsumenten zusammengesetzt ist und deren Aufgabe es sein soll, die Produktion, Verteilung und Preisbildung der lebenswichtigen Güter zu überwachen;
  4. die Zuteilung von Baumaterial an die Stadt Wien im Verhältnis zur Größe der Kriegsschäden Wiens zu sichern;
  5. der Stadt Wien den für die Aufrechterhaltung und Entwicklung ihrer Wirtschaft notwendigen elektrischen Strom zuzuteilen und etwa notwendige Sparmaßnahmen für das gesamte Bundesgebiet gleichmäßig zu verfügen;
  6. bei der Zuteilung von Brennmaterial, Kohle, Holz und Heizöl die Belieferung der Wiener Bevölkerung in einem ausreichenden Maß zu sichern.

Von der Erwägung ausgehend, dass Österreich und damit Wien nur leben kann, wenn seine Wirtschaft frei und seine Verwaltung autonom ist, richtet der Gemeinderat den dringenden Appell an die alliierten Mächte und an die Freunde Österreichs und Wiens in der Welt, mitzuhelfen, dass die wirtschaftliche Einheit Österreichs, seine freie Verfügung über die wirtschaftlichen Güter unseres Landes und die Freiheit der Verwaltung endlich hergestellt wird.

23.10.1946: Die Kriegsverluste an den Städtischen Anstalten

Die Wiener städtischen Wohlfahrtsanstalten sind durch die Kriegsereignisse schwer in Mitleidenschaft gezogen worden. Große Teile der Bestände an Kleidern und Wäsche, Gebrauchsgegenständen und ärztlichen Geräten gingen durch Brand oder Verschleppung verloren. Der Schaden, der heute natürlich kaum wieder gutgemacht werden kann, beträgt insgesamt 466.970 Schilling, wovon 34.421 Schilling auf das Versorgungsheim Lainz entfallen, 49.073 Schilling auf das Versorgungsheim Währing. In Mauerbach wären 53.751 Schilling und in St. Andrä gar 307.303 Schilling nötig, um die Verluste wieder auszugleichen. Dazu kommt noch die Depotstelle Nordportalstraße des Zentrallagers mit 22.420 Schilling. Die Verluste in der Depotstelle Hütteldorfer Straße konnten bis jetzt noch nicht ermittelt werden.

25.10.1946: Nazistische Straßennamen werden beseitigt

Der zuständige Gemeinderatsausschuss (Kultur und Volksbildung) hat beschlossen, die Bezeichnung der "SA-Dankopfersiedlung" im 21. Bezirk aufzulassen und die Siedlung der "Großfeldsiedlung" zuzuordnen.

26.10.1946: In Wien muss noch kanalisiert werden

In vielen der ländlich verbauten Randgebiete von Wien, die von den Ausläufern der städtischen Kanalisation noch nicht erreicht wurden, bestehen über 10.000 Senkgruben, bei denen zu 70 Prozent die Gemeindeverwaltung die Räumungspflicht hat. Dazu gehört auch noch das Gebiet von Altmannsdorf-Hetzendorf im Süden der Stadt, dessen bestehendes Regenwasserkanalnetz im Wege des Altmannsdorfer Grabens in die Liesing mündet und dessen künftige Kanalisierung eine dringende Aufgabe ist, die demnächst durch Errichtung einer Kläranlage nächst der Triester Straße gelöst werden soll. In den neuen eingemeindeten Gebieten gibt es noch rund 20.000 Senkgruben, die zum Großteil von den Besitzern selbst geräumt werden.

Zur Entleerung der Senkgruben musste ein eigener Apparat aufgebaut werden, der noch während des Krieges 28 Fäkalienkraftwagen umfasste, die zusammen mehr als 100 m3 aufnehmen konnten. Diese Spezialwagen sind zum Großteil in den Garagen verbrannt oder sie wurden beschlagnahmt und weggeführt. Es musste daher wieder zum alten Verfahren der Senkgrubenreinigung mit pferdebespannten Kesselwagen, oft sogar zur Handarbeit mit Kübeln und Pumpen zurückgegriffen werden. Bis zur Mitte dieses Jahres sind vier Wagen repariert worden, doch trat erst eine fühlbare Erleichterung ein als es gelang, sechs von der englischen Militärregierung zur Verfügung gestellte Wassertankwagen auf Fäkalienkraftwagen umzubauen, denen ein von der amerikanischen Militärregierung beigestellter Lastkraftwagen folgte.

26.10.1946: Übergabe der Tattoo-Spende im Wiener Rathaus

Generalleutnant Sir J.S. Steele, der Oberkommandierende der britischen Truppen in Österreich, hat heute an Bürgermeister General Dr. hc. Körner den Ertrag des "Military Tattoo" überreicht. Es handelt sich dabei um einen Betrag von 10.000 Pfund Sterling, das sind 400.000 Schilling, die zur Unterbringung von Wiener Kindern in Ferienheimen bestimmt sind. Durch die Spende wird es möglich sein, 2.400 Kindern einen sechswöchigen Aufenthalt in einem Erholungsheim zu bieten.

30.10.1946: Der historische Wiener Ehrbarsaal wird wieder eröffnet

Der berühmte ehemalige Konzertsaal der Klavierfirma Ehrbar in der Mühlgasse 28, der um die Jahrhundertwende im Wiener Konzertleben - ähnlich wie der seither verschwundene Bösendorfersaal - eine bedeutende Rolle spielte, ist jetzt in seiner alten Form wiederhergestellt worden und soll im November 1946 mit einem Festkonzert der Wiener Philharmoniker der Öffentlichkeit übergeben werden.

In diesem Saale haben u.a. Johannes Brahms, Anton Bruckner, Max Reger, Gustav Mahler wiederholt gewirkt. Während des Ersten Weltkrieges wurden die Ehrbarsäle als Vorratsräume benützt und dienten anschließend als Fabrikslokalitäten und Magazine. Im Jahre 1937 wurde der Saal notdürftig adaptiert und in bescheidenem Rahmen in den Wiener Konzertbetrieb eingegliedert. Im Zweiten Weltkrieg wurde er allerdings wieder als Magazin in Verwendung genommen. Direktor Prayner hat den Saal auf seine Kosten nun renovieren lassen. Die unscheinbaren Übertünchungen wurden entfernt und die alten Stuckvergoldungen wieder freigelegt.

30.10.1946: Wiedereröffnung der Katakomben von Sankt Stephan

Am 1. November werden die Katakomben von St. Stephan für den allgemeinen Besuch wieder eröffnet. Sie waren im Jahre 1945 durch schwere Bombentreffer erheblich beschädigt worden und teilweise eingestürzt. Im Laufe des heurigen Jahres konnten sie wieder instandgesetzt werden. Ein bedeutungsvoller Markstein der Geschichte des Wiederaufbaues des Domes von St. Stephan ist die Fertigstellung des Stahlbetonflachdaches über den Gewölben des Langhauses, welches ein Ausmaß von 2.100 m2 hat. Damit ist der gesamte erhalten gebliebene Teil des Domes mit einem zuverlässigen Schutz gegen alle Witterungseinflüsse versehen. Auch der Frauenchor ist bereits mit einem Notdach überdeckt. Die Montage der Stahlkonstruktion des neuen Dachstuhles macht rasche Fortschritte und ist über dem rechten Seitenschiff fast fertiggestellt.

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