Wien im Rückblick - Kalendarium "Wien 1945": Jänner 1945

Anläßlich des 50. Geburtstages der Zweiten Republik stellte der Presse- und Informationsdienst der Stadt Wien dieses Kalendarium zusammen:

1945: Das Jahr der Entscheidung

Der Jahresbeginn 1945 steht für die Wienerinnen und Wiener im Zeichen von Hunger, Kälte und vor allem Angst davor, was noch passieren wird.

Der "totale Krieg", den Reichspropagandaminister Joseph Goebbels am 18. Februar 1943 im Namen des Führers Adolf Hitler verkündet hat, nimmt seinen Lauf. Aus dem Westen, Süden und Osten kommen die aliierten Truppen immer näher an das Großdeutsche Reich heran. Der Großteil der Gebiete, die einst von der Deutschen Wehrmacht erobert wurden, ist wieder befreit.

In Wien hoffen alle, außer ein paar fanatischen Nationalsozialisten, dass der Stadt das Schicksal von Budapest erspart bleibt. Dort erkämpft die Rote Armee gegen starken Widerstand Haus um Haus, Straße um Straße, mit vielen Toten auf beiden Seiten und unter der Zivilbevölkerung. Die Schlacht um Budapest dauert schon mehr als zwei Monate; sie sollte erst Mitte Februar mit der Befreiung der ungarischen Hauptstadt zu Ende sein.

Die Gebiete, die noch unter deutscher Herrschaft stehen, sind das Ziel schwerer Luftangriffe durch amerikanische und britische Bomberverbände, seit März 1944 auch Wien. Diese Luftangriffe, die nicht nur Fabriken und Verkehrseinrichtungen, sondern auch Wohnviertel und Kulturstätten betrafen, hatte Deutschland mit den schweren Bombardements von Warschau, Rotterdam, Belgrad und vor allem England begonnen, mit dem Motto "Wir werden ihre Städte ausradieren". Nun kam die zehnfache Vergeltung auf die Städte Deutschlands (und damit auch Österreichs). Deutschland setzt dagegen die "Wunderwaffen" V 1 und V 2 ein, Raketengeschosse ohne Zielgenauigkeit, die nahezu wirkungslos bleiben und mehr der Propaganda dienen.

Die Mehrheit der Männer von 17 bis 50 Jahren ist zur Wehrmacht eingezogen, auch manche der Älteren. Die Burschen mit 15 und 16 Jahren dienen mehrheitlich als sogenannte Flakhelfer (Fliegerabwehrkanonen) und sind in der näheren und weiteren Umgebung Wiens kaserniert.

Viele Mädchen gleichen Alters müssen dabei Küchen- und Reinigungsdienst leisten. Alle Männer, die nicht im Kriegseinsatz stehen, sind zur Arbeit verpflichtet, ebenso die Frauen von 17 bis 60 Jahren. Der Einsatz erfolgt meist in Rüstungsbetrieben. Die Begrenzung der Arbeitszeit ist gestrichen, Urlaub ist verboten, jede vom Gefolgschaftsführer befohlene Arbeit ist auszuführen.

Löhne und Gehälter sind wie vor dem Krieg. Aber das Geld ist nichts wert, denn man bekommt so gut wie nichts mehr zu kaufen. Ausgenommen sind die Lebensmittel, die man auf die jeweils für vier Wochen geltenden Lebensmittelkarten beziehen kann. Theoretisch bekommt der "Normalverbraucher" 1.600 Kalorien pro Tag. Aber es ist schon Gewohnheit geworden, dass es statt Fleisch nur saure Rüben oder statt Brot nur Hülsenfrüchte oder statt Erdäpfeln nur Trockengemüse gibt. Milch und Fett sind oft tagelang nicht erhältlich, Ersatz dafür gibt es nicht. Man erhält auch kein Obst, kein Gemüse außer Rüben, allenfalls eine Sonderzuteilung von einem Ei im Monat.

Es gibt kein Brennmaterial. Die Gasversorgung wird täglich für einige Stunden unterbrochen.

Tausende Wienerinnen und Wiener sind in Konzentrationslagern und Gefängnissen eingesperrt. Im Wiener Landesgericht gehören die Hinrichtungen zur Gefängnisroutine. Geköpft werden Menschen, weil sie einen Witz über Hitler erzählt haben und weil sie einen ausländischen Rundfunksender gehört haben oder weil sie Geld für die Familie eines verhafteten Kollegen gespendet haben.

Die Ausschaltung der Wiener Juden, die als Vertreibung begonnen hatte und als Massenmord fortgesetzt wurde, war nahezu abgeschlossen. Kurz vor Kriegsbeginn, bei der Volkszählung vom 17. Mai 1939, wurden in Wien noch 91.480 Juden registriert. Am 7. Jänner 1945 waren es nur mehr 5.352. Diese Juden konnten wegen des Kriegsverlaufs nicht mehr in die Vernichtungslager in Polen und der Sowjetunion geschickt werden, wo die meisten der anderen ermordet wurden.

An der Spitze der Wiener Stadtverwaltung stand der aus Berlin stammende Reichsstatthalter und Gauleiter Baldur von Schirach. Es gab keine gewählten Organe der Stadt, der Wiener Bürgermeister namens Blaschke war nur ein Handlanger Schirachs, die ebenfalls nicht gewählten, sondern ernannten Stadträte und Ratsherren waren alle Funktionäre der NSDAP (Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei) und zu absolutem Gehorsam verpflichtet. Am Abend versank Wien in völliger Dunkelheit. Um feindlichen Flugzeugen keine Orientierung zu ermöglichen, war seit Kriegsbeginn die totale Verdunklung angesagt. Aus den Fenstern durfte nicht der kleinste Lichtschein dringen. Autoscheinwerfer mussten bis auf einen winzigen Lichtpunkt abgedunkelt sein. Die Straßenbahnen fuhren mit dunkelbau gestrichenen Fenstern, die keinen Lichtschimmer durchließen. Straßenbeleuchtung war verboten, ebenso natürlich alle Lichtreklame oder Auslagenbeleuchtung. Kriminelle hatten es leicht.

Die ärgsten Kriminellen waren allerdings jene, die den Staat führten und einen längst verlorenen Krieg fortsetzten, um ihre Herrschaft noch für einige Wochen zu verlängern - um den Preis von Hunderttausenden Menschenleben. Dabei wurde immer öfter davon geflüstert, dass Österreich die letzte Zufluchtsstätte der Nationalsozialisten sein werde, als unbezwingbare "Alpenfestung", von der aus mit neuen Wunderwaffen der siegreiche Gegenangriff beginnen werde. Es gab ein paar, die diese Geschichten glaubten.

Montag, 1. Jänner 1945

"Die Stunde kommt, in der sich uns der Sieg endgültig zuneigen wird", verkündet der Führer Adolf Hitler, "unerschütterlich in fanatischer Entschlossenheit" in seiner Neujahrsbotschaft. Diese Rede an das deutsche Volk wird vom deutschen Reichssender um 0 Uhr des ersten Jänners gesendet und ist in den Tageszeitungen des 1. Jänners in voller Länge zu lesen. - Schwere Kämpfe werden aus Budapest gemeldet, das von der Roten Armee seit Weihnachten eingeschlossen ist. - Die Wiener Bevölkerung wird zur Nachbarschaftshilfe in der Notwasserversorgung aufgerufen. Die Hydranten, aus denen die Bewohner bombengeschädigter Stadtteile bisher Wasser entnehmen konnten, sind aufgrund der tiefen Temperaturen eingefroren. Die an Wassermangel leidenden Bürger werden von der Polizei in oft sehr weit entfernte "Nachbarhäuser" eingewiesen, in denen die Wasserversorgung noch funktioniert.

Dienstag, 2. Jänner 1945

In harten, opferreichen Kämpfen dringt die Rote Armee entlang der Südgrenze der Slowakei langsam vor. Lüttich und Antwerpen werden von deutscher Artillerie schwer getroffen. Zahlreiche Menschen erleiden in diesen Tagen wegen "Nichtbeachtung der Gassperrstunde" eine Gasvergiftung: Fünf Menschen waren allein über Neujahr in ihren Wohnungen umgekommen, weil sie vergessen hatten, die Gashähne oder den Durchlauferhitzer am Beginn der täglichen Gassperre zu verschließen. Das "Stadtgas" wurde damals noch aus Kohle hergestellt und war hochgiftig. - Die fahrende Mütterberatung, eine Einrichtung des Amtes für Volkswohlfahrt und der Gemeindeverwaltung des Reichsgaues Wien, führt in den Bezirken unter anderem laufend Pockenimpfungen durch. "Nach Fliegeralarm werden die Beratungen mit Verspätung bis zu zwei Stunden abgehalten", heißt es in der Ankündigung. Dann mussten jene Frauen, die sich mit ihren Kindern auf den Weg gemacht hatten, schnellstens den nächstbesten Keller aufsuchen. - Eine Postsachbearbeiterin wird zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt, weil sie aus Feldpostpaketen Bäckereien und Zigaretten gestohlen hatte - ein Vergehen, das als "Sabotage an der inneren Front des Volkes" gilt. - Rapid schlägt Wacker in Hütteldorf vor 3.500 Zuschauern 3:1.

Mittwoch, 3. Jänner 1945

Reichspressechef Dr. Dietrich erklärt vor Vertretern der Auslandspresse, dass Deutschland nun "innerlich gefestigt, äußerlich zum Äußersten entschlossen" sei. - Die Parole des Duce an die Italiener im Deutschen Reich für das Jahr 1945 lautet "Arbeiten und Kämpfen". - Der Schweizer Bundespräsident von Steiger betont in seiner Neujahrsansprache, dass "die Schweiz auch weiterhin unter allen Umständen und gegenüber allen Mächten die Neutralität wahren wird". Im ganzen deutschen Reich, so auch in Wien, werden Frauen und Mädchen aufgerufen, sich bei der NS-Frauenschaft als Wehrmachtshelferinnen zu melden. - Zwei junge Franzosen, ein Tapezierer und ein Mechaniker, werden vom Landesgericht Wien zu je drei Monaten Gefängnis verurteilt. Sie hatten einer Landsmännin falsche Papiere für die Ausreise versprochen.

Donnerstag, 4. Jänner 1945

Die Verdunkelungspflicht gilt bei hohen Strafen von 17 bis 7 Uhr: Fenster müssen völlig abgedichtet werden, so dass kein Schimmer nach außen dringen kann. Fahrzeuge und Straßenbahnen fahren fast ohne Licht. - Wegen Kriegswirtschaftsverbrechen und Höchstpreisüberschreitungen werden zwei Schwestern zu zehn, bzw. 15 Monaten Gefängnis und 2.000 RM Geldstrafe verurteilt. Während die eine Frau auf dem Schwarzmarkt in Wien Textilien und Rauchwaren - 30 Meter Stoff und 2.000 Zigareten - besorgte, tauschte die andere die Ware in Linz gegen Eier und Geselchtes. - Die Gestapo ist einer "kommunistischen Zelle" unter den Wiener Straßenbahnern auf der Spur. Ein Straßenbahner wurde bereits wegen Hochverrat hingerichtet. Weitere Mitarbeiter der Verkehrsbetriebe werden festgenommen, weil sie laut Angaben des hingerichteten Kollegen Mitgliedsbeiträge für die KPÖ einkassiert und Flugschriften weiterverbreitet haben.

Freitag, 5. Jänner 1945

Der Bau des "Südostwalls" ist in vollem Gange. Er verläuft nördlich und südlich des Neusiedler Sees etwa im Bereich der heutigen Grenzen Österreichs zu Ungarn. Zum Einsatz kamen, wie in den Rüstungsbetrieben, vor allem Fremdarbeiter und "junge fremdvölkische Frauen", darunter auch zwangsrekrutierte Polinnen und Rumäninnen, aber auch Französinnen u.a. Einige von ihnen waren geflohene und mit neuen Papieren ausgestattete Emigrantinnen oder Jüdinnen, die Kontakte zur Widerstandsbewegung hatten und versuchten, durch Sabotage zum Ende des Krieges beizutragen. - Auch Prominente fallen feindlichen Fliegerangriffen zum Opfer, so zum Beispiel ein beliebter Rundfunksprecher und Schöpfer von populären Radiosendungen wie "Kamerad, wo bist du?" und "Lachen ist gesund", Hermann Probst. - Wegen Abhörens des Moskauer Senders werden zwei Frauen festgenommen. Eine von ihnen soll darüber hinaus wehrkraftzersetzende Gerüchte weiterverbreitet haben. So habe sie laut Gestapo-Protokoll gesagt, der Führer sei geisteskrank und die gesamte Staatsführung läge jetzt in den Händen Himmlers.

Samstag, 6. Jänner 1945

"Nicht geben, sondern opfern" lautet der Aufruf zum Volksopfer, das am 8. Jänner beginnen soll. "Gesammelt wird bis 31. des Monats alles Entbehrliche. Jeder Volksgenosse muss all das hergeben, was er nicht unbedingt braucht. Auch das Opfer einer Mutter, Braut oder Frau wird verlangt, sich von der vielleicht noch zu Hause hängenden Uniform desjenigen zu trennen, den sie im Feld verloren hat." Die NSDAP eröffnet im Reichsgebiet insgesamt 60.000 Annahmestellen. - Ein Straßenbahnwagen der Linie 58 springt Ecke Winckelmannstraße/Sechshauser Straße aus den Geleisen und kippt um, dabei werden einige Fahrgäste, aber auch die 32jährige Schaffnerin verletzt. - Im Margaretenbad fällt die Heizung aus. Bei einer Wassertemperatur von 11 Grad tragen Schwimmer des Post-Sportvereines einen Wettbewerb aus, berichtet die "Kleine Wiener Kriegszeitung". - Die geplanten Vorführungen in der Staatsoper für Rüstungsarbeiter und Wehrmacht werden ohne Angabe von Gründen abgesagt. - Jedermann ist verpflichtet, staatsfeindliche Flugblätter oder Mundpropaganda sofort den zuständigen Behörden zu melden. So wird zum Beispiel eine junge Büroangestellte der Firma Siemens und Halske festgenommen, weil sie ihrer Wohnungsgeberin erzählt hat, dass sie an ihrem Arbeitsort ein Flugblatt gelesen habe, indem für den 15. Jänner 1945 mittags ein Streik angekündigt wurde.

Sonntag, 7. Jänner 1945

US-Kriegsminister Stimson erklärt in einer Pressekonferenz, dass der Verlust des USA-Heeres bis zum 21. Dezember 1944 683.139 Personen beträgt. -Reichsgesundheitsführer Dr. Conti erklärt, dass die Geburtszahlen 1944 trotz der Verschärfung des Krieges höher seien als 1943. "Der Wille zum Kind könne also weder durch die Schwere des Krieges, noch durch den Terror des Feindes gebrochen werden". Mütter von Kleinstkindern konnten nicht für die Wehrmacht oder die Rüstungsindustrie dienstverpflichtet werden. - "Sparsamkeit ist höchste Pflicht". So wird der Hausfrau dringend angeraten, die Kartoffeln nicht zu schälen, sondern zu pellen, da ersteres bis zu 30 Prozent Verlust bringe. - Im Rundfunk von 16 bis 18 Uhr: " Was sich Soldaten wünschen", ein Wunschkonzert.

Montag, 8. Jänner 1945

Baldur von Schirach, Reichsleiter und Reichsstatthalter des Reichsgaues Wien, ruft zum Volksopfer auf. Suchmeldungen können vom Kameradschaftsdienst nurmehr auf "offenen Karten" angenommen werden. Die Übermittlung kann nur im Telegrammstil erfolgen. Geschlossene Briefe gehen ungeöffnet an den Absender zurück. - Das Semester in der Privatschule Neumann beginnt. Für viele Jugendliche war der Besuch dieser Schule die einzige Möglichkeit, der Einziehung zum Volkssturm oder Arbeitsdienst zu entgehen. - Bombengeschädigte finden Rat in der Nähschule auf dem Stephansplatz. Für die Behebung von Elektroschäden gibt es Lehrgemeinschaften des Deutschen Leistungsertüchtigungswerkes in der Grillparzerstraße 14.

Dienstag, 9. Jänner 1945

Reichsgauleiter Schirach besucht einige Einheiten des Volkssturmes, zu dem Jugendliche und Männer über 60 Jahren einberufen werden, und überzeugt sich von den "befriedigenden Leistungen der Volkssturmsoldaten in der durch das deutsche Heer betreuten Ausbildung". An diesem Tag werden acht Todesurteile gegen Widerstandskämpfer vollstreckt. Sieben Männer und eine Frau werden geköpft. - In der Nacht streuen Unbekannte in der Mühlfeldgasse im 2. Wiener Gemeindebezirk hunderte Zettel mit "staatsfeindlichen Parolen':

"Tod dem Hitler!", "Hitler wird fallen!", "Wir wollen nicht für Hitler sterben!", "Nieder mit der braunen Pest!", "Nieder mit den Massenmördern!", "Nieder mit Hitler!"-, "Wir wollen ein freies Österreich!", "Österreich steh auf!".

Mittwoch, 10. Jänner 1945

Schlagzeile: "Zähes Ringen um Budapest". - Reichsgesundheitsführer Dr. Conti besucht den Stellungsbau im Südosten. - Mädchen werden von der NSDAP auch in den Dienststellen des Volkssturmes eingesetzt, und erhalten bei besonderer Eignung eine Grundausbildung im Nachrichtenwesen oder Rot-Kreuz-Dienst. Oberschülerinnen opfern einen Teil ihrer Ferien, um 'Werkehrendienst' zu leisten. Sie springen in Fabriken und Betrieben ein, um gesundheitlich geschwächten Frauen die Möglichkeit zu geben, sich "einige Tage um ihr Heim zu kümmern", oder um Müttern, deren Söhne auf Urlaub nach Hause gekommen sind, einige freie Tage zu verschaffen. - Ein von der NSDAP zur Geburtsklinik umfunktioniertes Hotel in der Steiermark wird für Wiener Frauen eröffnet. - Kleinanzeigen: 'Strebsame Kräfte, auch Frauen', werden zum Anlernen im Werkzeugbau Drehen, Hobeln, Fräsen - aufgenommen.

Donnerstag, 11. Jänner 1945

Bei Stuhlweißenburg ist eine Panzerschlacht im Gange. - Der Ostbahnhof von Budapest ist hart umkämpft. Die Kampfpause in Mittelitalien dauert an. - Der Führererlass zum Volksopfer: Wer sich an gesammelten Sachen bereichert oder solche Sachen sonst ihrer Verwendung entzieht, wird mit dem Tod bestraft. - Die Schneefälle der vergangenen Tage führen mangels Personal zu vielfältigen Problemen, vom Entgleisen von Straßenbahnen bis zum Nichtfunktionieren der personell beträchtlich dezimierten Müllabfuhr. Schneeberge versperren die Hauseingänge und Gassen, denn es herrscht Mangel an Personal auch bei den Schneeräumern. Wieder einmal sind die Frauen aufgerufen, das Fehlen männlicher Arbeitskräfte durch ihren Einsatz wettzumachen. - In einem Prozess gegen 19 Eisenbahndiebe und eine Hehlerin wurden neben Freiheitsstrafen auch drei Todesurteile verhängt. Die Verurteilten hatten an ihrem Dienstort, dem Rangierbahnhof Simmering, zahlreiche Diebstähle begangen und aus den Ladungen der Waggons Wein, Getreide, Lebensmittel und Bedarfsartikel für den Schwarzmarkt entwendet.

Freitag, 12. Jänner 1945

An der Front in Mittelitalien kommt es zu beiderseitigen Aufklärungsvorstößen, heißt es im Wehrmachtsbericht, "im rückwärtigen Gebiet wurden bei Säuberungsunternehmen 2.500 Banditen gefangen". Als Banditen wurden die Freiheitskämpfer bezeichnet. Im Osten Budapests kommt es zu erbitterten Straßenkämpfen. Es gibt nur mehr zwei Tabaksorten aus deutschen Tabakfabriken: Pfeifentabak und Zigarettentabak ("Feinschnitt"). - Ein "Anfängerkochkurs für Strohwitwer" beginnt in der Hauswirtschaftlichen Beratungsstelle des Deutschen Frauenwerks, 10, Favoritenstraße 105.

Samstag, 13. Jänner 1945

In den Mittagsstunden wird Wien bombadiert. - Von 16 bis 19 Uhr steigt der Stromverbrauch für die Rüstung und öffentliche Betriebe enorm an, daher darf in den Haushalten zu diesen Zeiten bei Strafe kein elektrisches Gerät benützt werden und nur die nötigste Beleuchtung eingeschaltet werden. - In der Urania gibt es einen Vortrag über die Raketentechnik "und die Zukunftsmöglichkeiten, die in der Raumfahrt gipfeln".

Sonntag, 14. Jänner 1945

In Cleveland, Ohio treten 300.000 Rüstungsarbeiter in den Streik. Im Stadtzentrum von Budapest wird um jedes Haus gekämpft. Dabei sterben auch viele Zivilisten. Die Volksoper wird in ein Kino umgewandelt, weil wegen der totalen Theatersperre seit 1. September 1944 keine Bühnenvorstellungen mehr stattfinden dürfen.

Montag, 15. Jänner 1945

Eine Anordnung des Reichsverkehrsministers über verschärfte Bestimmungen im Straßenverkehr tritt in Kraft. KFZ jeder Art dürfen nur mehr zur Erfüllung kriegs- und lebenswichtiger Aufgaben benutzt werden. Das Mitfahren anderer Personen ist ebenfalls nur aus diesen Gründen zulässig. Nur "bei etwaigen Störungen des öffentlichen Verkehrs durch Feindangriff" dürfen freie Plätze den betroffenen Volksgenossen angeboten werden. - Universitätsprofessor Dr. Lorenz Böhler, Leiter des Wiener Unfallkrankenhauses in der Webergasse, begeht seinen 60. Geburtstag. - Die Schauspielerin Irmgard Mader, geb. 1913, wird wegen Beihilfe zum Hochverrat festgenommen. Sie hat einem "Geltungsjuden" zur Flucht verholfen, darüber hinaus wird ihr ein "rassenschänderisches Verhältnis" mit dem Mann vorgeworfen.

Dienstag, 16. Jänner 1945

An allen Fronten wird schwer gekämpft, nur in Italien kommt es laut Wehrmachtbericht 'zu keinen Kampfhandlungen von Bedeutung'. - In Wien werden wegen staatsfeindlicher Tätigkeit 98 Mitarbeiter der Firma Donau-Chemie festgenommen, darunter Fremdarbeiter, Strafgefangene und Kriegsgefangene verschiedenster Nationen, die in dem Werk zum Arbeitsdienst eingesetzt worden waren. Festgenommen wurden aber auch die zwei Justizbeamten, die zur Bewachung der Männer angestellt waren, und führende deutsche Mitarbeiter der Firma. Das Werk war zu einer Zentrale für eine multinationale Widerstandsgruppe geworden.

Mittwoch, 17. Jänner 1945

Über die Schweiz wurde der Austausch von Kriegsgefangenen vereinbart. Es sollen in der zweiten Jännerhälfte rund 5.000 deutsche Verwundete gegen 2.500 amerikanische und britische, sowie rund 900 Zivilinternierte ausgetauscht werden. - Alle Oberschülerinnen und Hauptschülerinnen, die im 3., 4. und 5. Bezirk wohnen, werden, soweit sie nicht im Kriegseinsatz sind, aufgefordert, sich in den Dienststellen des Bannes 503 in Einsatzkleidung zu meiden. Alle verfügbaren Arbeitskräfte werden zur Beseitigung von Fliegerschäden eingesetzt. Einige Verkehrsunfälle kosten mehreren Menschen an verschiedenen Orten in Wien das Leben: Ein vierjähriger Bub kam bei einem Zusammenstoß von Bus und Rettungswagen ums Leben. Eine Rentnerin wurde von einem Pferdefuhrwerk niedergestoßen und tödlich verletzt. Ein Schüler wurde von einem Laster überfahren. Ein Mann wurde von der Straßenbahn erfaßt und getötet.

Donnerstag, 18. Jänner 1945

Der Ostteil von Budapest (Pest) ist zur Gänze in der Hand der Roten Armee. - Im Filmprogramm der Deutschen Filmindustrie für 1945 befinden sich immerhin 72 Spielfilme, berichtet die "Kleine Wiener Kriegszeitung' darunter "Menschen unter Haien" von Hans Hass. - Das Gausportamt der NS-Gemeinschaft "Kraft durch Freude" kündigt die Wiederaufnahme des Kinderturnens in der Gymnastikschule Hegelgasse im 1. Bezirk an. - Das Ernährungshilfswerk beginnt mit der Verteilung von EHW-Haussammeleimern für Bio-Abfall für die Schweinefütterung, die durch die Hausinhabungen aufgestellt werden sollen.

Freitag, 19. Jänner 1945

Die Bestimmungen über die Verdunkelung im Straßenverkehr werden modifiziert. So wird für Kraftfahrzeuge vorgeschrieben, "dass bei den Hauptscheinwerfern, soweit sie nicht mit zugelassenen Tarnblenden versehen sind, der Lichtschlitz mit einer mindestens 8 Zentimeter langen Schute so abgeschirmt sein muss dass kein Licht nach oben austreten kann. Die Bemalung der Wagenfenster mit blauer Farbe fällt künftig weg. Ab sofort sind die Fenster der Straßenbahnwagen mit Vorhängen zu verdunkeln, die sichtdicht abschließen. Bei Bombenalarm sind die Straßenbahnfahrer verpflichtet, vor dem Verlassen des Zuges sämtliche Fenster zur Gänze zu öffnen, damit diese nicht durch den Luftdruck zerstört werden können". Es gibt kein Glas mehr für Ersatzfenster. Im ganzen Reich werden Beamte und NSDAP-Funktionäre angewiesen, als Glasersatz die Glasrahmen von Bildern - ausdrücklich auch jene von Hitler-Bildern - zu verwenden. - Kalender für das Jahr 1945 sind selten. Wer noch einen alten Kalender aus dem Jahr 1934 zu Hause liegen hat, hilft sich damit. Wochentage und sogar die beweglichen Feste stimmen mit denen von 1945 genau überein. - Die Schulferien werden verlängert, damit die Jugendlichen bei den Aufräumungsarbeiten (Kriegshilfsdienst) helfen können.

Samstag, 20. Jänner 1945

US-Präsident Roosevelt legt den Amtseid für seine vierte Amtsperiode ab. - Die Telefonbesitzer Wiens müssen Einschränkungen der Fernsprechdienste in Kauf nehmen. Verbindungen zwischen bestimmten Nummerngruppen sind wegen der Bombenschäden nicht möglich. - Aufgrund der Knappheit und des Bedarfes für die Rüstungsindustrie werden an Private nur mehr 70 Prozent der zugestandenen Hausbrandkohle ausgegeben. - Der Verkauf von frischem Brot ist verboten, damit immer ein Tagesvorrat von Brot für den Bedarf nach Luftangriffen bereitsteht.

Sonntag, 21. Jänner 1945

Luftangriffe auf Wien in den Mittagsstunden. - Die Zeitungen berichten, dass "im Osten stärkere bolschewistische Kräfte an einzelnen Stellen die deutsche Front durchbrochen und beträchtliche Geländegewinne erzielt haben". Der Reichspressechef über die Lage im Osten: "Stunde der starken Herzen, umfangreiche Maßnahmen getroffen. - Zwischen 8 und 13 Uhr findet eine Haussammlung für das deutsche Volksopfer statt. Zwei Kilo Textilien oder brauchbare Altwaren je Kopf oder fünf Kilo pro Haushalt erwarten die Mitarbeiter von NSDAP und Volkssturm: "Gib alles, was du entbehren kannst". In Wehrertüchtigungslagern werden Jugendliche im Schnellverfahren für den Volkssturm-Einsatz an der Front ausgebildet. Die Ausbildung dauert für 15jährige vier Wochen, für 16jährige sechs Wochen. - Weitere Einschränkungen im Zugsverkehr treten in Kraft. Ohne Bescheinigung dürfen nur mehr Personenzüge in der Entfernung bis 75 km vom Wohn- oder Arbeitsort benutzt werden. "Reichswichtige Reisen" können nur mehr mit Bescheinigung durchgeführt werden. Die Wiener waren offenkundig bei Bombengefahr noch nicht routiniert genug. Der Polizeipräsident und örtlicher Luftschutzleiter teilt neuerlich mit, dass die Luftschutzwarte die Verpflichtung haben, die Hauptgashähne nicht schon bei Fliegeralarm, sondern erst bei Bombenabwurf oder Flakbeschuß zu schließen und nach der Entwarnung wieder zu öffnen. Vor dem Wiederöffnen muss der Luftschutzwart alle Wohnungs- und Geschäftsinhaber verständigen. Die Hausbewohner müssen bereits bei Fliegeralarm jeden Gashahn in der Wohnung und auf dem Gang schließen.

Montag, 22. Jänner 1945

Alle D- und Eilzüge einschließlich der für den öffentlichen Verkehr vorgesehenen Zugteile der SFR-Züge (Wehrmachturlauberzüge) fallen "im ganzen Reich" aus. "Inwieweit kriegswichtige Reisen künftig in allerdringlichsten Fällen ausgeführt werden können, wird noch bekanntgegeben", verkünden die Zeitungen. - In Wien wird die Meldepflicht leerstehender und nicht voll ausgenützter Geschäftsräume für kriegswichtige Zwecke angeordnet. Die Unterlassung einer Meldung wird ebenso bestraft wie verspätete, falsche oder unvollständige Angaben. - Auch am kommenden Sonntag von 8 bis 13 Uhr werden "politische Leiter und Angehörige des Volkssturmes an unsere Türen klopfen, um die Gaben in Empfang zu nehmen, die wir für das Volksopfer bereitgelegt haben. Es ist selbstverständlich, dass sie nirgends umsonst nachfragen werden". (Kleine Wiener Kriegszeitung). - "Vom Trittbrett abgesteift" durch einen LKW und dabei schwer verletzt wurden zwei 17jährige auf der Linie 0 und eine 27jährige auf der Linie 6. - Die Apotheken geben Arzneien nur mehr gegen Rückgabe von Flaschen und Verpackung.

Dienstag, 23. Jänner 1945

Amerikanische Bomberverbände führen bei trübem Wetter in den Mittagsstunden einen Angriff auf Wien durch und werfen dabei Spreng- und Brandbomben, sowie Langzeitzünder ab. Die Bevölkerung wird aufgefordert, den Absperrvorschriften unbedingt Folge zu leisten. - In Debrecen amtiert eine neue ungarische Regierung, die einen Waffenstillstandsvertrag mit der Sowjetunion unterzeichnet. - Die Bevölkerung versucht, sich auf die häufiger werdenden Bombenangriffe einzustellen. Viele Familien hängen die inneren Fensterflügel prinzipiell aus, um so eine Fensterreserve zu schaffen. Bereits bei Bombenalarm sollen die Verschlüsse des verbleibenden Außenfensters aufgeriegelt werden, denn verschlossene Fenster werden vom Luftdruck nach innen gedrückt. "In diesem Fall soll der Fensterrahmen vorsichtig zurückgedrückt und mit Holzkeilen gesichert werden", rät eine Broschüre. Türen, die noch in den Angeln hängen, aber durch den Luftdruck verformt wurden, sollen von der Schloßseite her durch kräftiges Gegenschlagen mit einem Hammer wieder zusammengetrieben werden. Praktische Anweisungen gibt die Broschüre auch für das Instandsetzen von bombengeschädigten Dachstühlen durch die Hausgemeinschaft. "Man stellt fest, ob die in Frage kommenden Personen schwindelfrei sind. Zuerst muss der Schutt durch eine Eimerkette auf die Straße geschafft werden. Personen, die auf dem Dach arbeiten, müssen mit einer starken Wäscheleine angeseilt werden. Beim Transport der Dachziegel ist wieder eine Kette zu bilden. Doch soll hiebei die Treppe nicht zu sehr belastet werden." Die Anweisungen sind wichtig, denn Bauarbeiter sind nicht vorhanden.

Mittwoch, 24. Jänner 1945

Schwere Kämpfe in Ostpreußen, Belgien und Ungarn. Das Tannenbergdenkmal, Grabmal der Familie Hindenburg, wird von der Deutschen Wehrmacht gesprengt. Die Särge sollen nicht dem Feind in die Hände fallen. Nordwestlich von Sarajewo dringen die jugoslawischen Partisanen vor. - Am späten Montagabend wird ein Bombenanschlag auf die britische Gesandtschaft in Stockholm verübt. Der Sprengkörper explodiert wenige Meter vor dem Eingang des Gebäudes. - "Sautanz bringt Kinderschuhe": Für die Ablieferung einer Schweinshaut von mindestens 5 kg erhalten Bauern ein Paar Kinderschuhe. - Eine Eisenbahnschaffnerin erhält wegen Mißbrauchs der Amtsgewalt 6 Monate Gefängnis und wird entlassen. Sie hat ihre Quartiersgeberin aus Gefälligkeit ohne Fahrtausweis bis nach Nürnberg mitgenommen. Diese erhält zwölf Monate Gefängnis für die "Schwarzfahrt".

Donnerstag, 25. Jänner 1945

Für Wien und Niederdonau (so hieß damals Niederösterreich, weil das Wort "Österreich" verboten war) ordnet das Landwirtschaftsamt ein Verbot der Benützung elektrischer Heizgeräte in Haushalt, Handel, Gewerbe und Verwaltung an. Verstöße werden mit Gefängnis bis zu zwei Jahren und Geldstrafen in unbeschränkter Höhe geahndet. - Mit der Ausgabe der Lebensmittelkarten für die 72. Periode, sie dauert vom 5.2. bis 4.3., wird begonnen. Die Zuteilungen bleiben gegenüber dem Vormonat mit einigen Änderungen aufrecht. So sollen zum Beispiel Jugendliche statt 125 g Kunsthonig nun 200 g Marmelade erhalten. Kinder über drei Jahren erhalten statt 250 g Nährmittel nur mehr 175 g. An den Raucherkarten für Männer befindet sich ein Abschnitt für Rasierseife, mit dem der Inhaber zum Bezug von einem Normalstück Rasierseife oder einer großen oder zwei kleinen Tuben Rasiercreme berechtigt ist. - Für Fotoliebhaber und Sammler bietet ein Berliner Verlag "50 packende Kampfaufnahmen (Originalfotos) aus allen Feldzügen dieses Krieges im Format 13 x 18 zum Preis von 26 RM unter Nachnahme sofort lieferbar". Die Linie 61 wurde eingestellt, die Linie 62 umgeleitet.

Freitag, 26. Jänner 1945

In Budapest besetzt die Rote Armee, die über die zugefrorene Donau vordringt, die Margareteninsel. "Das EHW will Schweine mästen, die Hausfrau hilft mit Speiseresten". Die Hausbesorger aller Bezirke müsen Bottiche, alte Badewannen oder Kisten aufstellen, damit die Bewohner ihren "Biomüll" für die Schweinefütterung darin abliefern. - Ehefrauen oder Eltern von Führern, Arbeitsmännern und Gefolgschaftsmitgliedern des Reichsarbeitsdienstes im Wehrmachtseinsatz, die von ihren Angehörigen schon länger keine Nachricht mehr erhalten haben, können sich schriftlich oder mündlich an den für die letzte Einheit ihrer Angehörigen zuständigen Führer des Arbeitsgaues wenden. - Eis auf den Wiener Gewässern ist kein Hindernis für Sportfischer und auch keines für "Fischdiebe". Die Schwarzfischerei hat zugenommen und in machen Gewässern, z.B. der Alten Donau, bereits zu einer Dezimierung des Fischbestandes geführt.

Samstag, 27. Jänner 1945

Breslau wird zur Frontstadt. Hunderttausende Frauen, Kinder und Alte werden evakuiert bzw. sind auf der Flucht. Zur Verteidigung der Stadt treffen hauptsächlich Volkssturmtruppen ein. Sprengstoff wird an den Brücken angebracht, um den feindlichen Truppen den Weg abzuschneiden. Vor dem Denkmal Friedrichs des Großen am Breslauer Rathaus wird der 2. Bürgermeister der Stadt durch ein Kommando des Volkssturms standrechtlich erschossen. Er wollte ohne Befehl die Stadt verlassen. - In Gaststätten, Verkaufsräumen und Büros darf der Lichtstromverbrauch höchstens 70 Prozent des Verbrauches aus dem Vergleichsmonat 1942 betragen. Die Elektrischen Versorgungsunternehmen sind verpflichtet, Verstöße zur Anzeige zu bringen. - Trotz des Reiseverbotes werben die Apotheker für ein Mittel gegen Reisekrankheit: "Erst siegen - dann reisen! Wenn Sie aber jetzt eine kriegswichtige Reise durchzuführen haben, dann nehmen Sie zur Vermeidung von Übelkeit in überfüllten Zügen vor Fahrtbeginn zwei Tabletten Peremesin".

Sonntag, 28. Jänner 1945

Fenstervorhänge und Gardinen aller Diensträume der Behörden des Reiches müssen zum Volksopfer gegeben werden, soweit nicht dienstlich unentbehrlich. Eine gleichlautende Anordnung hat der Reichsschatzmeister auch an die Dienststellen der NSDAP erlassen. Von Privatfirmen wird selbiges erwartet. - Von 8 bis 13 Uhr findet wieder eine Haussammlung für das Volksopfer statt. - Eine Schweine- und Hühnerzählung zur Erhebung des Bestandes im Deutschen Reich wird für den 3. März angekündigt. - Die Ergänzungsstellen der Waffen-SS werden zur Rekrutierung Freiwilliger mit den Annahmestellen der Wehrmacht zusammengelegt. Die zuständige Stelle für Wien befindet sich in 9, Liechtensteinstraße 99. - Der Sportklub Siebenhirten stellt seinen Betrieb auf Kriegsdauer ein. - Restbestände an Süßwaren werden auf bestimmte Kartenabschnitte an Jugendliche abgegeben. Händler, die noch über solche Restbestände verfügen, müssen ein Schild mit der Aufschrift "Süßwaren vorhanden" vor ihrem Geschäft anbringen.

Montag, 29. Jänner 1945

Die Eröffnung der Wiener Schulen am 5. Februar wird wegen Fehlens von Heizmaterial auf Ende Februar verschoben. - Alle Männer vom vollendeten 16. bis zum 65. Lebensjahr und alle Frauen vom 17. bis zum 50. Lebensjahr werden zur Meldung für Aufgaben des Reichsdienstes aufgerufen. Befreit sind neben verschiedenen öffentlichen Berufen auch Schwangere und Mütter mit einem noch nicht schulpflichtigen Kind oder mit zwei Kindern unter 14 Jahren. Frauen mit einem Kind unter zwei Jahren sind nicht befreit, wenn eine weitere nicht berufstätige Frau über 18 Jahren im Haushalt wohnt. Zurückgestellt sind unter anderem Studenten. Verstöße gegen die Meldepflicht werden streng bestraft. - Bei der letzten Wiener Basketballrunde siegte die Post-SV mit 15:8 über das Hochschulinstitut für Leibesübungen. - Die Wiener werden zur Vorratshaltung von Wasser angehalten, da immer mehr Leitungen wegen Bombenschäden zerstört, andere zugefroren sind. - Es werden bezirksweise Gassperrtage angeordnet. Gänzlich verboten ist nun auch die Inbetriebnahme von Gasraumheizungen in Haushalt, Handel und Gewerbe, sowie Landwirtschaft und Industrie. Auch die Benutzung von Gaskochgeräten und Backrohren zur Beheizung von Wohnräumen ist verboten. Wasser zum Waschen oder Baden darf weder mit Gas noch mit elektrischer Energie erwärmt werden. Die Nichtbefolgung dieser Anordnung wird genauso wie jeder Verstoß gegen die Einschränkungen des elektrischen Stromes mit Haft- und Geldstrafen geahndet. - Alle Ober-, Wirtschafts- und Hauptschüler des Jahrganges 1928 und 1929 des 10., 11. und 23. Gemeindebezirkes haben sich unverzüglich auf der Banndienststelle 10, Wielandgasse 2-4, zum Arbeitsdienst zu meiden.

Dienstag, 30. Jänner 1945

Aus Anlass des 12. Jahrestages des 30. Jänners - an diesem Tag im Jahr 1933 hatte Hitler das Amt des Deutschen Reichskanzlers übernommen - richtet der Führer eine Ansprache an das deutsche Volk. Bereits am Vorabend haben überall Appelle stattgefunden, so zum Beispiel im großen Konzerthaussaal. Dort sprach der Stellvertretende Gauleiter SS-Brigadeführer Scharizer "in markigen, von Leidenschaft erfüllten Worten": "Wenn der Winter auch hart ist und uns die schwersten Entbehrungen auferlegt, so kann sich jeder an seinem Ende voll Stolz sagen, was so ein Nazi doch aushält." Im Kreis Wiental sprach Bürgermeister Blaschke. - Der Abschnitt für Schuhcreme der Reichsseifenkarte vom Vorjahr wird mit 28. Februar befristet. - Schießübungen der Wehrmacht werden auf dem Gelände zwischen der Wienerberger Ziegelfabrik und der Tonwarenfabrik westlich der Triesterstraße ab 1. Februar abgehalten. - Eine Haushaltsgehilfin wird wegen staatsfeindlicher Tätigkeit festgenommen. Sie hatte einem Deserteur der Wehrmacht Unterstand gewährt und "zu staatsfeindlichen Kreisen Verbindung unterhalten".

Mittwoch, 31. Jänner 1945

"Die Lage im Osten wird gemeistert", heißt es in der "Kleinen Wiener Kriegszeitung". - Aufgrund der Papierknappheit erschienen alle deutschen Tageszeitungen ab 1. Februar "auf Kriegsdauer" mit vermindertem Umfang. Die "Kleine Wiener Kriegszeitung" wird Mittwoch, Freitag und Samstag mit vier Seiten erscheinen, an den anderen Tagen wie bisher mit acht Seiten. Sondergerichte in Wien verurteilten zwei 20jährige Männer, eine 24jährige und zwei etwa 40jährige Frauen zum Tod. Sie alle hatten nach Bombenabwürfen in fremden Wohnungen geplündert. - Waschmittelwerbung im Jänner 1945: "Wenn 'sie' den Lieferwagen fährt, wird daheim die Wäsche durch Einweichen in Henko gründlich und schonend vorgereinigt."

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