Wien im Rückblick - Kalendarium "Wien 1945": Dezember 1945

Anläßlich des 50. Geburtstages der Zweiten Republik stellte der Presse- und Informationsdienst der Stadt Wien dieses Kalendarium zusammen:

Samstag, 1. Dezember 1945

ÖVP-Obmann Figl, vom Gesamtvorstand seiner Partei als Bundeskanzler vorgeschlagen, spricht sich in einem TASS-Interview für eine Konzentrationsregierung, freundschaftliche Beziehungen zu den Nachbarstaaten und ein besonderes enges Verhältnis zur Sowjetunion aus. Der britische Staatsminister John Hynd trifft zu Verhandlungen mit der Regierung in Wien ein. In einer amtlichen Verlautbarung gibt das Arbeitsamt Wien bekannt: "Es mehren sich Klagen, dass Arbeitnehmer an einzelnen Tagen der Woche unentschuldigt, ohne triftigen Grund, ihrem Arbeitsplatz fernbleiben. Dies geschieht auch bei besonders wichtigen Arbeiten des Wiederaufbaues und bei Arbeiten im Dienste der alliierten Besatzungsmächte, unter anderem auch bei solchen, die der Ernährungssicherung dienen. Die Arbeiter verrichten an diesen Tagen, wie festgestellt werden konnte, meist Schwarzarbeit oder Aushilfsarbeit bei anderen Arbeitgebern. .... Der Arbeitnehmer muss gewissenhaft seiner Arbeit nachgehen und darf seinem Arbeitsplatz nicht unentschuldigt... fernbleiben, der Arbeitgeber aber darf ohne Zustimmung des Arbeitsamtes keine Arbeitskraft, auch nur tagsüber, einstellen und beschäftigen". Das "Neue Österreich" meldet, dass die 45.000 Karten für das Fußballänderspiel Österreich gegen Frankreich innerhalb weniger Stunden ausverkauft waren und folgert: "Ganz Wien will am Mittwoch im Stadion zusehen".

Sonntag, 2. Dezember 1945

Das "Neue Österreich" meldet: "Übergang zur Schillingwährung" und referiert den entsprechenden Gesetzestext. Wörtlich heißt es: "Zur Vorbereitung einer einheitlichen österreichischen Währung werden zunächst die auf 10 Reichsmark (RM) und darüber und die auf 10 Alliierte Militärschilling (AMS) und darüber lautenden Noten aus dem Verkehr gezogen und durch von der Österreichischen Nationalbank auszugebende, auf Schilling lautende Banknoten ersetzt..... Vom 21. Dezember 1945 an wird in der Republik gesetzliches Zahlungsmittel:

  1. die von der Österreichischen Nationalbank ausgegebenen, auf Schilling lautenden Banknoten;
  2. die Noten der Alliierten Militärbehörde im Nennwert von 5,2 und 1 Schilling sowie 50 Groschen;
  3. die Reichsbanknoten und Rentenmarkscheine zu 5,2 und 1 Reichsmark (Rentenmark);
  4. die Scheidemünzen der Reichsmarkwährung.

... Vom 21. Dezember 1945 an ist in der ganzen Republik Österreich der Schilling die einzige Rechnungseinheit; er ist in 100 Groschen untergeteilt. Auf Reichsmark lautende Beiträge sind im Verhältnis eine Reichsmark gleich ein Schilling umzurechnen". Der Notenumtausch soll zwischen 13. und 20. Dezember abgewickelt werden. Dabei werden pro Kopf zunächst 150 Schilling eingewechselt. Das übrige Bargeld ist auf ein Bankkonto oder Sparbuch einzuzahlen, wobei die Einlagen bis auf weiteres nur eingeschränkt verfügbar sind.

Montag, 3. Dezember 1945

Aus London wird gemeldet, dass Großbritannien eine Initiative zur Herabsetzung der Zahl der Besatzungstruppen in Österreich gesetzt hat. Unter anderem soll dadurch die Versorgung in Österreich erleichtert werden. Der Politische Kabinettsrat, der im Moment die verfassungsmäßige Funktion des Bundespräsidenten wahrnimmt, beauftragt ÖVP-Obmann Figl mit der Regierungsbildung. Figl sagt in einem Interview zu den Zielen seiner Regierung: "Unsere ganze Arbeit dient ausschließlich dem Wiederaufbau Österreichs. Bei grundsätzlichem Schutz von Besitz und Eigentum verlangen wir soziale Gerechtigkeit und freie Aufstiegsmöglichkeiten für jeden Arbeiter. Unser Ziel ist nicht die Verproletarisierung, sondern die Schaffung von wirtschaftlichen Möglichkeiten, die den Besitzlosen zum Besitzenden macht. Der Weg hierzu wird schwer und lang sein". Zum Charakter der künftigen Regierung sagt Figl: "Die Österreichische Volkspartei .... richtet an die beiden Parteien die Aufforderung zu einer Konzentrationsregierung und nimmt an, dass aus den Beratungen in kürzester Zeit eine neue demokratische Regierung entsteht". Der Lebensmittelaufruf für die Woche bis 8. Dezember zeigt eine Normalisierung der Versorgung mit Brot und Grundnahrungsmittel. Allerdings wird Fett eingeschränkt und statt Fleisch Trockenei abgegeben. Auf Zusatzkarten gibt es Hülsenfrüchte statt Fleisch und Fischkonserven statt Fett. Wegen Kohlemangels wird der Personenzugsverkehr fast vollständig eingestellt.

Dienstag, 4. Dezember 1945

Im "Neuen Österreich" erscheint eine "Erste Kriegsverbrecherliste Österreichs", die die Namen von 86 hochkarätigen Nazi enthält. Wörtlich heißt es: "Die Kommission zur Vorbereitung der Kriegsverbrecherprozesse hat schon umfangreiches Belastungsmaterial aus den verschiedensten Quellen und aus allen Teilen Österreichs zusammengetragen, in mehrfachen Sitzungen gesichtet und bisher über 300 besonders schwere Kriegsverbrecherfälle festgestellt. ....ist es derzeit nicht zweckmäßig, die Öffentlichkeit bis ins einzelne zu unterrichten. Es werden jedoch fortlaufend Listen mit Namen solcher besonders schwerer Kriegsverbrecher veröffentlicht werden". Da das Flugzeug, das die französische Fußball-Nationalmannschaft an Bord hatte, wegen Nebels in Wien nicht landen kann, wird das Länderspiel von Mittwoch auf Donnerstag verschoben. Für Kinder bis 12 Jahre gibt es einen "Krampus"-Sonderaufruf: 125 Gramm Schokoladenpulver.

Mittwoch, 5. Dezember 1945

Die UNO-Hilfsorganisation UNRRA versorgt in Österreich lediglich Flüchtlinge und Verschleppte. Für die Unterstützung der österreichischen Bevölkerung wurde vom Alliierten Kontrollrat bisher kein offizieller Antrag gestellt. In London rechnet man damit, dass die Militärregierung in Österreich nun durch eine alliierte Überwachung der freigewählten österreichischen Regierung ersetzt wird. Guido Schmidt, der letzte österreichische Außenminister vor dem "Anschluss", wird nach seiner Auslieferung durch Italien zur Untersuchungshaft ins Landesgericht Wien eingeliefert. Er soll wegen der "Vorbereitung der Annexion Österreichs" als Kriegsverbrecher angeklagt werden. Die Schuster in Wien klagen über Rohstoffmangel. Das "Neue Österreich" bringt folgenden Vergleich: "Seit Kriegsende konnte den Wiener Schuhmachern insgesamt 19.800 Kilogramm Gummisohlenmaterial zugewiesen werden,.... Die Kriegszuteilungen betrugen 120.000 Kilogramm vierteljährlich". Aufgrund besserer Rohstoffversorgung werden die ans Wiener Gasnetz angeschlossenen Haushalte ab heute wieder von 5.30 bis 14 Uhr und von 18 bis 20 Uhr beliefert. Ungefähr die Hälfte der Wiener Haushalte kann bereits mit Gas versorgt werden. Die Gaswerke kündigen an, dass das Netz künftig auch außerhalb der Belieferungszeiten unter leichtem Druck gehalten wird. Die Brunner Glasfabrik kann mit der Produktion des dringend benötigten Fensterglases beginnen.

Donnerstag, 6. Dezember 1945

Aus Washington wird gemeldet, Großbritannien und die USA seien für eine Reduzierung der Besatzungstruppen in Österreich. Sobald die beiden anderen Mächte dem zustimmen, werden entsprechende Maßnahmen vom Alliierten Rat angekündigt. Die UNO-Hilfsorganisation UNRRA versorgt gegenwärtig 50.000 Flüchtlinge und Verschleppte in Österreich. Falls um Unterstützung für Österreich angesucht wird, können Hilfslieferungen frühestens im März 1946 anlaufen. 500 Wiener Kinder fahren auf Erholung in die Schweiz. Die Wiener Verkehrsbetriebe geben "zur Behebung des vorübergehend aufgetretenen Kleingeldmangels Gutscheine über 1 Schilling aus. Sie sind nur zum Ankauf von Fahrscheinen der Straßenbahn und Stadtbahn bis zum 31. Dezember 1945 gültig". Die Polizei beschlagnahmt ein Schleichhandelslager am Margaretenplatz. Neben Zucker, Puderdosen, Feuersteinen und Feuerzeugen finden sich auch Banknoten im Wert von rund 1,5 Millionen, darunter große Mengen von 1-, 2- und 5-Schillingnoten. Am Tag des "Großen Länderspiels Österreich - Frankreich" veröffentlicht das "Neue Österreich" Ratschläge, wie man zu Fuß ins Praterstadion kommt und wie man sich in der bombengeschädigten Anlage zu verhalten hat. Zur allgemeinen Überraschung besiegt Österreich Frankreich mit 4:1. Die Treffer für Österreich erzielen Decker (3) und Riegler (1).

Freitag, 7. Dezember 1945

Der Alliierte Kontrollrat untersagt die Errichtung eines Unterstaatssekretariats für das Heerwesen. Nach einer Zählung des Wiener Arbeitsamtes wohnen in Wien gegenwärtig mit 1,418.000 Menschen rund ein Viertel weniger als vor dem Krieg. Von ihnen sind 550.000 berufstätig - 318.000 als unselbständige und 83.000 als selbständige Erwerbstätige; 149.000 sind arbeitslos. Überdies werden 42.000 Studentinnen und Studenten gezählt. Nach einer Meldung des "Neuen Österreich" hat der Kabinettsrat ein "Warenverkehrsgesetz" beschlossen, das befristete Eingriffe der Behörden in den Warenverkehr zwischen Unternehmen und in die Lagerhaltung der Betriebe erlaubt. Nach Abschluss der Reparaturen an der II. Hochquellenwasserleitung verfügt Wien wieder über einwandfreies Trinkwasser.

Samstag, 8. Dezember 1945

Im "Neuen Österreich" versucht ein Experte folgende Frage zu beantworten: "Bankkonto und Sparkassenbuch nach dem Schillinggesetz - Wie kann man über sein Konto oder sein Sparbuch verfügen?" Die Sache erweist sich als kompliziert, weil ab 23. Dezember vier unterschiedliche Guthabenarten existieren. Wird bereits jetzt nach dem Schaltergesetz von Juli zwischen sogenannten Alt- und Neukonten unterschieden, so müssen künftig zusätzlich Guthaben unterschiedlich behandelt werden, auf die einerseits zwischen 13. und 20. Dezember und andererseits Einzahlungen nach dem 23. Dezember erfolgt sind. Die Alliierte Kommandantur erlässt "Maßnahmen gegen das Anwachsen der Verkehrsunfälle". Unter anderem wird die Höchstgeschwindigkeit im Stadtgebiet auf 30 Stundenkilometer herabgesetzt. In einem Rechenschaftsbericht des Wiener Wohnungsamtes über seine Tätigkeit von 24. April bis 24. November heißt es: "Eine Erleichterung auf dem Wohnungsmarkt ist bei Verminderung der Besatzung zu erhoffen. Für die Zwecke der Besatzungstruppen hat das Wohnungsamt 5.652 mittlere und größere Wohnungen, 800 Zimmer, 87 Kabinette und 154 Villen zur Verfügung gestellt". In der Nachberichterstattung über das Länderspiel Österreich - Frankreich wird die Leistung des Läufertrios, das die Urwiener Namen Joksch, Sabeditsch und Mikolasch trägt, besonders hervorgehoben.

Sonntag, 9. Dezember 1945

Die Zeitungen melden, dass Mitte des Monats in Moskau eine neue "Dreierkonferenz" zwischen den Außenministern Großbritanniens, der USA und der Sowjetunion beginnen soll. Das "Neue Österreich" macht mit folgender Nachricht auf: "Ausgabe von staatlichem Notgeld - Abschnitte zu 50 Pfg., 1 und 2 RM - Gültig bis 20. Dezember". Aus einer Reportage über die Brunner Glasfabrik spricht Zuversicht, was die Normalisierung der Versorgung mit Fensterglas betrifft. Wörtlich heißt es: "Hatten wir bisher zu wenig Glas, wird es in kurzer Zeit genügend Glas, aber zu wenig Glaserer geben". Die Wiener Universität stellt den Betrieb ein, weil es kein Heizmaterial gibt.

Montag, 10. Dezember 1945

Nach einer Meldung aus London herrscht "Europamüdigkeit in allen Ländern". Demnach sind die Auswandererzahlen in allen befreiten europäischen Ländern sprunghaft angestiegen. Der Alliierte Rat beschließt, ein formelles Ansuchen an die UNO-Hilfsorganisation UNRRA zur Unterstützung der österreichischen Bevölkerung mit Lebensmittellieferungen zu richten. Im Lebensmittelaufruf für die Woche bis 15. Dezember heißt es: "Trockenei, Grieß und Mehl als Milchausgleich für Kinder". Österreich gehört wieder dem Weltpostverein an. Man kann Briefe und Karten in alle Länder außer Deutschland und Japan schicken.

Dienstag, 11. Dezember 1945

Laut "Neuem Österreich" steht ein Abschluss der Regierungsverhandlungen bevor. Unter anderem soll ein eigenes Verkehrs- und ein eigenes Energieministerium geschaffen werden. Die Agenden der Außenpolitik bleiben beim Bundeskanzler, werden aber von einem ihm zugeordneten Minister betreut. Einigkeit herrscht im Kabinettsrat und unter den drei Parteien drüber, der Bundesversammlung die Wahl von Staatskanzler Renner zum Bundespräsidenten vorzuschlagen. Das reaktivierte Österreichische Institut für Wirtschaftsforschung hat soeben das erste Heft seiner "Monatsberichte" veröffentlicht. Es ist der Frage gewidmet: "Warum der Wiederaufbau nicht rascher voranschreitet". Als Hauptgrund wird die Beschlagnahmung von Maschinen und Rohstoffen durch die Besatzungsmächte unmittelbar nach Kriegsende angesehen. Im Zuge der Ausgabe der Lebensmittelkarten für die nächste Versorgungsperiode erhalten Kinder von 6 bis 12 Jahre eine Milchkarte.

Mittwoch, 12. Dezember 1945

Starke Schneefälle behindern den Straßenbahnverkehr. Laut UNRRA-Chef Lehmann wird die Bitte des Alliierten Kontrollrats um Lebensmittel für Österreich erfüllt, sobald die Finanzierung gesichert sei. Staatssekretär Figl erklärt in einem Interview, die Regierungsbildung sei abgeschlossen. Er habe die Ministerliste dem Vorsitzenden des Alliierten Rates zur Genehmigung übergeben. Vorgesehen sei, dass dem Kabinett acht Vertreter der ÖVP, sechs Vertreter der SPÖ und ein Vertreter der KPÖ angehören. Erste Aufgabe der Regierung sei es, den Lebensmittel- und Brennstoffbedarf der Bevölkerung zu sichern. Neben dem Mangel an Bedarfsgütern erschwere das Transportproblem die Lösung dieser Aufgabe. Der designierte Bundeskanzler tritt dafür ein, dass einerseits die Illegalen und die Funktionäre der Nazipartei streng bestraft und andererseits die Mitläufer "großzügig sowie ohne jeden Hass und jede Rache" behandelt werden. Die Nationalbank ruft dazu auf, den Banknotenumtausch in den Geldinstituten an dem Tag vorzunehmen, der für den jeweiligen "Anfangsbuchstaben des Familiennamens des Haushaltsvorstandes" vorgesehen ist. Die Wiener Rettung registrierte im November 1.201 Ausfahrten bei Tag und 260 bei Nacht; im April lauteten die Vergleichszahlen 209 bzw. 135.

Donnerstag, 13. Dezember 1945

Der Umtausch von Reichsmark in Schilling beginnt. Vor den Geldinstituten bilden sich lange Menschenschlangen. Der britische Kriegsminister erlaubt den Briefverkehr zwischen österreichischen Kriegsgefangenen bzw. Internierten und allen Besatzungszonen Österreichs. Der Wiener Landtag tritt zu seiner konstituierenden Sitzung zusammen. Ins Präsidium werden Dr. Hans Neubauer, Leopold Thaller und Franz Bauer gewählt. In den Bundesrat werden unter anderen Karl Honay und Felix Slavik gewählt. Aus verfassungsmäßigen Gründen können Bürgermeister und Stadtsenat bzw. Landesregierung erst nach der Konstituierung des Nationalrats gekürt werden. Die Alliierte Stadtkommandantur hat einen Energiesparplan ausgearbeitet, der dem Bürgermeister zur Realisierung übergeben wurde. Er sieht unter anderem die Senkung des Stromverbrauchs in Haushalten mit Gasversorgung auf eine Kilowattstunde pro Tag und die Halbierung des Verbrauchs in allen öffentlichen Lokalen sowie die Beschränkung der Betriebszeiten in Produktion, Handel und Verwaltung auf die Zeit von 9 bis 16 Uhr vor. Einzige Ausnahme bilden Lebensmittelhandel und Apotheken. In ganz Wien sind acht Städtische (Tröpferl-)Bäder in Betrieb. Ein heftiger Sturm richtet erheblichen Schaden an.

Freitag, 14. Dezember 1945

Das "Neue Österreich" erscheint in erweitertem Umfang und mit folgender Schlagzeile auf Seite 1: "Beglückwünschung des Staatskanzlers im Kabinettsrat". Der Untertitel lautet: "Anläßlich seines 75. Geburtstages". Im Blattinneren wird Renner umfassend gewürdigt. Das Blatt versieht ferner die Meldung "Tabakfabrik Stein stellt Arbeiter ein" mit folgender Anmerkung: "Hoffentlich bedeutet diese Erhöhung der Belegschaft, dass man nun endlich die Produktion in solchem Maße aufnimmt, dass die Wiener und Niederösterreicher endlich wieder mit einer regelmäßigen, wenn auch bescheidenen Zuteilung von Rauchwaren rechnen können. Wien und Niederösterreich sind bisher die einzigen Teile des Bundesgebietes, in denen seit Monaten keine Ausgabe von Rauchwaren erfolgt ist, während in den anderen Bundesländern Raucherquoten bis zu 60 Zigaretten im Monat zur Ausgabe gelangen". Bis 6. Jänner können im Inlandsverkehr der Post wieder Glückwunschtelegramme "mit 17 verschiedenen feststehenden Texten" versandt werden. Pro Wort sind 8 Pfennig, pro Telegramm mindestens 80 Pfennig zu bezahlen. Zu Weihnachten ist "Das Turnier der Großen Vier" geplant, und zwar spielen am 23. Dezember Wacker - Vienna und Rapid - Austria, am 26. Dezember Vienna - Austria und Wacker - Rapid, am 30. Dezember Wacker - Austria und Rapid - Vienna. Die Wertung erfolgt nach Meisterschaftsregeln.

Samstag, 15. Dezember 1945

Weltbank und Währungsfonds befinden sich in Gründung. Die beiden Institute zur Lenkung der Weltwirtschaft sollen mit Kapital in der Höhe von 8,8 bzw. 9,1 Milliarden Dollar ausgestattet werden. Der Chef des britischen Kontrollamts für Deutschland und Österreich, Staatssekretär Hynd, erklärt vor dem Unterhaus, man könne noch keinen Zeitpunkt festlegen, zu dem ein vollständiger Abzug der britischen Truppen aus Österreich möglich sein werde. Allerdings sei die Zeit reif für eine Verringerung der Truppenstärke. Unter dem Titel "Unrechtmäßiger Christbaumbesitz wird bestraft!" veröffentlicht das "Neue Österreich" einen Appell der Rathaus-Korrespondenz: "Wiener, schont unsere Wälder, die bereits durch die Brennholzlieferung schwer angeschlagen wurden! Wer sich ohne Bescheinigung Christbäume aneignet oder solche mit sich führt, hat außer dem vollen Schadenersatz noch eine empfindliche Polizeistrafe zu gewärtigen". Überdies berichtet das Blatt: "In den Straßen bieten jetzt ambulante Händler Weihnachtssachen zu Wucherpreisen an. So werden, ...., kleine Arrangements - etwas Tannenreisig und ein Tannenzapfen - um den Preis von 2 Mark 50 Pfennig verkauft! ...Für Christbäume, ....werden Liebhaberpreise verlangt, 50 Mark für einen Christbaum, der sich keiner besonderen Schönheit erfreut, ist das wenigste, was man dafür verlangt". Die durchschnittlichen Monatseinkommen liegen bei 200 Mark bzw. Schilling.

Sonntag, 16. Dezember 1945

In Moskau sind die Außenminister Großbritanniens und der USA zu Beratungen mit ihrem sowjetischen Amtskollegen eingetroffen. Das "Neue Österreich" meldet, dass die provisorische Regierung den Nationalrat und den Bundesrat für kommenden Mittwoch zur Konstituierung einberufen hat. Gleichzeitig werden strenge Maßnahmen gegen "Ablieferungssaboteure" angekündigt. Wörtlich heißt es: "Die Wirtschaftsverbände haben die vorgefundenen Vorräte ohne Rücksicht auf die Selbstversorgungsquote zu beschlagnahmen, so dass der Bauer, der Schleichhandel betreibt, am eigenen Leib verspüren soll, dass er die vorschriftswidrig abgegebenen Erzeugnisse auf Kosten seiner eigenen Ration verschachert hat". Ferner berichtet das Blatt: "Paula Wessely darf wieder auftreten!" Demnach hat die Kommission zur Überprüfung von Bühnenkünstlern im amerikanischen Sektor das wegen ihrer Mitwirkung am Nazi-Propagandafilm "Heimkehr" über die Schauspielerin verhängte Auftrittsverbot mit folgendem Hinweis aufgehoben: "Eine solche Weigerung (an dem Film mitzuwirken) wäre ein Akt von Heroismus gewesen, der den strengen idealen Anforderungen entsprochen hätte. In der Welt der realen Wirklichkeit können wir nicht mit idealen Forderungen, sondern nur mit Tatsachen rechnen. Und Tatsache ist, dass die Künstlerschaft Österreichs und Deutschlands im allgemeinen nicht aus Kämpfern bestand.... Diejenigen aber, die blieben oder bleiben mussten, vergaßen im täglichen Leben nur zu leicht, dass die eigentliche Aufgabe des Künstlers die Hochhaltung ethischer Grundsätze ist".

Montag, 17. Dezember 1945

In Wien trifft eine Delegation der ungarischen Regierung zu Verhandlungen ein. Der Kabinettsrat billigt den Terminplan für die Bildung der verfassungsmäßigen Organe in dieser Woche und nimmt einen Bericht von Staatssekretär Gruber über Wirtschaftsgespräche in Prag entgegen. Mit der Tschechoslowakei wurde ein Wirtschaftsabkommen zum verstärkten Warenaustausch abgeschlossen. Österreich wird dadurch Lebensmittel- und Kohlelieferungen gegen Rohstoffexporte erhalten. Für die Wiener Raucher gibt es ein Weihnachtsgeschenk: Zwischen 21. und 24. Dezember werden an alle Erwachsenen über 18 Jahre 20 Stück Zigaretten abgegeben. Im Lebensmittelaufruf für die Woche bis 22. Dezember heißt es unter anderem: "Trockenei an Stelle von Fleisch" oder "Salz, Kaffee und Zucker können erst im Laufe der Periode aufgerufen werden" und auf 110 und 100 Gramm Fettabschnitte werden neuerlich lediglich 70 Gramm abgegeben. Das Wohlfahrtsamt der Stadt Wien startet eine auf zwei Tage angesetzte Kleidersammlung für Arme und Bedürftige.

Dienstag, 18. Dezember 1945

Der Alliierte Rat genehmigt die von Ing. Figl vorgeschlagene neue Regierung. Das "Neue Österreich" meldet: "US-Senatoren verlangen Lebensmittelhilfe für Österreich" und "Quäker sammeln für Österreich". In Wien sind mehr als 30.000 Telefonanschlüsse wiederhergestellt. Um 11 Uhr wird Favoriten (außer den Siedlungen Wienerfeld, Favorit und Laaerberg sowie schwer bombengeschädigte Straßenzüge) mit Leutgas beliefert. Die noch nicht angeschlossenen Bezirke I, VI, VII und VIII sollen spätestens im Jänner in die Gasversorgung einbezogen werden. Die Alliierte Stadtkommandantur richtet im Kampf gegen Verkehrssünder militärische Schnellgerichte ein. Die Maßnahme steht damit in Zusammenhang, dass im November allein in Wien 220 Personen durch Verkehrsunfälle "zu Schaden an Leben und Gesundheit gekommen sind". 18 Menschen wurden getötet und 95 schwer verletzt. Als neues Heizmittel werden in Öl getränkte Sägespäne propagiert. Vier Kilogramm reichen angeblich aus, um in einem Raum einen Tag lang eine Temperatur von 22 Grad zu halten.

Mittwoch, 19. Dezember 1945

Um 10 Uhr tritt der Nationalrat zu seiner konstituierenden Sitzung zusammen. Staatskanzler Renner eröffnet die Sitzung und übergibt den Vorsitz unverzüglich an Altpräsident und Altbürgermeister Seitz. Unter dessen Leitung erfolgt die Angelobung sämtlicher Nationalratsabgeordneter. Anschließend wählen die Abgeordneten das Präsidium durch Akklamation, und zwar Leopold Kunschak (ÖVP) als ersten Präsidenten des Nationalrats, Karl Böhm (SPÖ) als zweiten Präsidenten und Alfons Gorbach (ÖVP) als dritten Präsidenten. Nach einer Rede Kunschaks gibt Staatskanzler Renner den Rechenschaftsbericht der provisorischen Regierung ab. Seine Ausführungen münden in die Aufforderung an den Nationalrat, die Unabhängigkeitserklärung und das Verfassungsüberleitungsgesetz zu billigen. Am Nachmittag konstituiert sich der Bundesrat in gleicher Weise. Ab sofort gelten nur mehr Schillingnoten; sie sind im Nennwert von 1.000, 100, 20 und 10 Schilling verfügbar. Für kleinere Beträge bleiben weiter die auf Mark lautenden Noten und Münzen bzw. die von den Alliierten ausgegebenen Schillingscheine im Umlauf. Das "Neue Österreich" meldet: "Weidinger und Norbert siegen durch Knockout". Wörtlich heißt es: "Endlich zwei Wiener als Schläger! Bisher haben fast alle Wiener Berufsboxer die nötige Schlagkraft vermissen lassen. Beim letzten Abend im Sofiensaal sah man endlich zwei Wiener, die mit entsprechender Kraft zu schlagen verstanden...."

Donnerstag, 20. Dezember 1945

Über diesen Tag schreibt das "Neue Österreich": "Der 20. Dezember 1945 ist ein historisches Datum in der Geschichte der wiederhergestellten Republik Österreich. An diesem Tag hat die aus freien Wahlen hervorgegangene Volksvertretung im Verein mit den von den Landtagen entsandten Mitgliedern des Bundesrates als Bundesversammlung den bisherigen Staatskanzler Dr. Renner zum Bundespräsidenten gewählt, und der neue Bundespräsident hat den Führer der im Wahlkampf siegreichen Volkspartei, Ing. Figl, zum Bundeskanzler ernannt. Nach seinen Vorschlägen, denen wieder Vereinbarungen der demokratischen Parteien zugrunde liegen, wurde gleichzeitig die neue Bundesregierung ernannt. Das Provisorium, das seit der Befreiung Österreichs im April dieses Jahres bestanden hat, ist damit beendet, die höchsten Stellen der Republik sind wieder in legaler, verfassungsmäßiger Weise besetzt". Der Ministerrat, der um 15 Uhr seine erste Sitzung abhält, setzt sich folgendermaßen zusammen:

Bundeskanzler und Außenminister: Ing. Leopold Figl (ÖVP);
Vizekanzler: Dr. Adolf Schärf (SPÖ);
Inneres: Oskar Helmer (SPÖ);
Staatssekretär: Ferdinand Graf (ÖVP);
Unterricht: Dr. Felix Hurdes (ÖVP);
Justiz: Dr. Josef Gerö (parteilos);
Finanzen: Dr. Georg Zimmermann (parteilos);
Land- und Forstwirtschaft: Josef Kraus (ÖVP);
Handel: Dr. Eugen Fleischhacker (ÖVP);
Volksernährung: Dr. Hans Frenzel (SPÖ);
Vermögenssicherung und Wirtschaftsplanung: Dr. Peter Krauland (ÖVP);
Staatssekretär: Ing. Karl Waldbrunner (SPÖ);
Verkehr: Vinzenz Übeleis (SPÖ);
Energie: Dr. Karl Altmann (KPÖ);
Minister ohne Portefeuille: Alois Weinberger (ÖVP); Dr. Karl Gruber (ÖVP): Betraut mit der Führung des Außenministeriums.

Freitag, 21. Dezember 1945

Der Nationalrat tritt zu seiner zweiten Sitzung zusammen. Bundeskanzler Figl gibt die Regierungserklärung ab. Redner aller drei Parteien - Koref für die SPÖ, Fischer für die KPÖ und Raab für die ÖVP - sagen der Konzentrationsregierung angesichts der Notwendigkeit, die Versorgung der Bevölkerung sicherzustellen, ihre Unterstützung zu. Der Bürgermeister der Stadt Wien ruft Hausbewohner und Hausbesitzer auf, "aus Anlass der Wahl Dr. Renners zum Bundespräsidenten und der Ernennung der ersten demokratischen Bundesregierung die Häuser und Wohnung zu beflaggen". Als erstes Gesetz wird eine Amnestie für alle Kämpfer gegen den Nationalsozialismus beschlossen. Rund 2.000 Wiener Kinder in Spitälern und Waisenhäusern erhalten Weihnachtspakete aus den USA. Aus Wels trifft eine Spende von acht Tonnen Lebensmitteln für die hungernden Wiener Kinder ein. Das "Neue Österreich" meldet: "Die Wiener Gemeindeverwaltung ... gibt bekannt, dass sie infolge der derzeitigen besonderen Verhältnisse (enorme Einnahmeausfälle) nicht in der Lage ist, ihren Angestellten eine Weihnachtsrenuneration zu gewähren". Im Lebensmittelaufruf für die Woche von 23. bis 29. Dezember heißt es: "Normalverbraucher über 12 Jahre müssen auf den Abschnitt II der Brotkarte, die auf 500 Gramm Brot oder 375 Gramm Mehl lautet, 350 Gramm Keks beziehen. ...Die auf 100 Gramm und 110 Gramm Fett lautenden Abschnitte ... werden einheitlich mit 70 Gramm Fett eingelöst.... Fleischersatz durch Suppenpulver.... Zucker wird entsprechend dem aufgedruckten Abschnittswert einschließlich der Kleinabschnitte abgegeben. Auf den Kaffeeabschnitt kommen 60 Gramm gerösteter Bohnenkaffee oder 70 Gramm Rohkaffee sowie 250 Gramm Ersatzkaffee zur Abgabe. Salz kommt auf den hierfür bestimmten Abschnitten in der Höhe von 100 Gramm zur Verteilung". Gesondert heißt es: "Auf verschiedene Anfragen wird aus dem Rathaus mitgeteilt, dass die Alliierten bis jetzt Lebensmittel für Sonderzuteilungen zu den Weihnachtsfeiertagen nicht zur Verfügung gestellt haben". Für Personen ab 18 Jahre gibt es die zweite Zuteilung von Zigaretten seit März: 20 Stück pro Kopf um 6 Groschen je Stück. Auf dem Schwarzmarkt kostet eine Zigarette jetzt zwischen 2 Schilling (bulgarische) und 10 Schilling (Pall Mall).

Samstag, 22. Dezember 1945

Bundesminister Gruber erklärt, dass Österreich gegenüber Deutschland bezüglich des sogenannten deutschen Ecks eine Grenzberichtigung anstrebt. Die "Times" zeigt sich in einem Kommentar verwundert über die vehemente Forderung Renners und Figl nach der Rückkehr Südtirols zu Österreich. Nach einem Bericht des "Neuen Österreich" will die Alliierte Stadtkommandantur veranlassen, dass die Kohleversorgung der Wiener Privathaushalte in den nächsten Tagen aufgenommen wird. Zur Verfügung stehen 32.500 Tonnen Kohle im Monat für insgesamt 650.000 Haushalte. Auf jeden Haushalt entfallen somit 50 Kilogramm. Jedem Haushalt ohne Gasanschluss werden überdies 100 Kilogramm Brennholz zugebilligt. Für die Schüler beginnen die Weihnachtsferien. Sie dauern bis 6. Jänner. Damit lebt eine Regelung wieder auf, die zuletzt im Schuljahr 1937/38 praktiziert wurde. Seit Schulbeginn ist die Schülerzahl in Wien übrigens von rund 95.000 auf 122.911 angewachsen. Diese Steigerung wird vor allem auf die Rückkehr von Wiener Familien aus den westlichen Bundesländern zurückgeführt. Die Post stellt die ersten genormten Hilfspakete aus dem Ausland zu. Aus der Schweiz kommt "Noel" mit 1 kg Schmalz, 2 kg Zucker, 2 kg Mehl und 1 kg Kaffee. Aus den USA kommen Care-Pakete, die auch noch Schokolade, Fleischkonserven und Zigaretten enthalten.

Sonntag, 23. Dezember 1945

Das "Neue Österreich" meldet: "Hausbrandkohle für die Wiener Bevölkerung - Ausgabe nach den Feiertagen bei den Kleinkohlehändlern", "Die Ärzte Niederösterreichs verlangen Aufhebung der Demarkationslinien", "Weihnachtsrationen für Oberösterreich und Salzburg". Unter dem Titel "Die Rote Armee beschenkt Kinder" berichtet das Blatt über eine Weihnachtsfeier im Lustspielkino in der Leopoldstadt für rund 900 Kinder. Nach der Aufführung von "Schneewittchen und den sieben Zwergen" gab es "Weihnachtspäckchen mit einem Striezel, Zuckerln, 5 Dekagramm Wurst und Keks". Der erste Spieltag im "Fußballturnier der großen Vier" bringt folgende Kantersiege: Wacker - Vienna 7:1; Austria - Rapid 6:2. In Klagenfurt hat die neugegründete Wiener Eisrevue Premiere.

Montag, 24. Dezember 1945

Bürgermeister Theodor Körner richtet folgenden - vermutlich einzigartigen - Weihnachtsgruß an die Wiener Bevölkerung: "Zu den Weihnachtstagen und zum neuen Jahr wünsche ich allen Wienerinnen und Wienern, alt und jung, Mann, Frau und Kind, alles Gute! Gewiss ist alles noch grau in grau. Und doch soll niemand verzagen und sich immer vor Augen halten, wie es vor gar nicht vielen Monaten in Wien noch ausgesehen hat. Die Zwischengrenzen (Demarkationslinien) werden fallen, weil die Vernunft siegen wird. Dann wird die Stadt Wien im wahrsten Sinne des Wortes freier atmen können. Und die Kontrolle wird sich sofort milder gestalten und damit unsere Selbständigkeit wiederhergestellt werden. Deshalb Kopf hoch und vorwärtsschauen! Kann überhaupt ein Bürgermeister etwas anderes, als den Bewohnern der Stadt das Beste wünschen?" Um 15 Uhr geben die Wiener Sängerknaben ein Konzert von einer halben Stunde Dauer vor dem Sitz des US-Oberkommandierenden im Haus der Nationalbank. Am Abend hält Bundeskanzler Figl jene Radiorede, die auch jetzt noch immer wieder zitiert wird. Unter anderem sagt er: "Ich kann Euch zu Weihnachten nichts geben. Ich kann Euch für den Christbaum, wenn Ihr überhaupt einen habt, keine Kerzen geben. Ich kann Euch keine Gaben für Weihnachten geben, kein Stück Brot, keine Kohle zum Heizen, kein Glas zum Einschneiden. Wir haben nichts. Ich kann Euch nur bitten: Glaubt an dieses Österreich!"

Dienstag, 25. Dezember 1945

In einer mit p. k. gezeichneten Glosse (Titel: "Das Volksgericht") wird im "Neuen Österreich" die aktuelle Weihnachtsstimmung skizziert. Wörtlich heißt es: "Wenn Esau heute lebte, bekäme er für seine Erstgeburt kein Linsen-, sondern ein Erbsengericht. Die Erbsen sind ein Volksgericht. Ja, man ist manchmal sogar versucht zu glauben, dass sie das Weltgericht seien. In jeden Erdenwinkel scheint man Erbsen zusammenzukratzen, um uns damit eine Freude zu bereiten. Auch das Weihnachtsfest steht im Zeichen der Erbse. Ich will nicht behaupten, dass Erbsen früher, in seligen Friedensweihnachten, keine Rolle gespielt hätten. Nur galten sie damals nicht als kalorienreiches Hauptnahrungsmittel, sondern dienten Kindern als Munition für die kleinen Kanonen, die man ihnen geschenkt hatte. Vielleicht sind diese Erbsen, die unter den Zinnsoldaten so grässliche Verheerungen angerichtet haben, mit daran schuld, dass später aus großen Kanonen mit Granaten geschossen wurde. Hätten die Eltern damals gewusst, dass die Erbsen, mit denen ihre Kinder schossen, diesen später einmal schwer im Magen liegen und dass sich die Erbssünden der Eltern an den Kindern rächen, so hätten sie diesen vielleicht harmlosere, keine kriegerischen Instinkte weckenden Spielsachen geschenkt. Die Soldatenspielerei jedenfalls ist uns teuer zu stehen gekommen. So teuer, dass wir zu Weihnachten in ungeheizten Räumen sitzen, ohne Tannenbaum, Zuckerln, Äpfeln, Nüssen, Fleisch und Wein. Fast nichts haben wir kaufen können. Wir waren von der Qual der Wahl befreit. Die einzige Festesfreude besteht darin, dass wir uns mit den Tschicks der vor einigen Tagen bezogenen 20 Zigaretten blauen Dunst vormachen können. Erbsen und Zigaretten - Schall und Rauch. In diesem Zeichen feiern wir das Fest des Friedens und der Nächstenliebe. Sogar das Märchenbuch, das ich gegen Hingabe eines Paars Ohrenschützer erstand, war auf eine unheimliche Art aktuell, denn das erste Märchen, das mir das Kind, dem ich das Buch geschenkt hatt, vorlas, hatte den Titel: "Die Prinzessin auf der Erbse".

Mittwoch, 26. Dezember 1945

In Wien trifft erstmals wieder eine Milchlieferung aus der Steiermark ein. Künftig sollen täglich rund 10.000 Liter Milch von der Molkerei Steinach-Irdning nach Wien geliefert werden. Dazu bemerkt das "Neue Österreich": "Es wäre wünschenswert, dass es endlich gelingt, aus der amerikanisch besetzten Zone Oberösterreichs die dort ausreichend vorhandene Milch über die Demarkationslinie bei Enns nach Wien zu bringen". Die Rote Armee verteilt rund 10.000 Weihnachtspakete an Wiener Kinder in der sowjetischen Besatzungszone, wo auf öffentlichen Plätzen vor Tannenbäumen Militärmusikkapellen aufspielen. Der zweite Spieltag im "Fußballturnier der großen Vier" bringt folgende Resultate: Austria - Vienna 7:1; Rapid - Wacker 1:0.

Donnerstag, 27. Dezember 1945

In Moskau wird das Dreimächtetreffen (der Außenminister Großbritanniens, der USA und der Sowjetunion) abgeschlossen. Der italienische Ministerpräsident de Gasperi erklärt zur Südtirolfrage, dass die Grenzen eines Staats mit 45 Millionen Einwohnern nicht wegen einer "unbedeutenden Minderheit, die Anhänger des Nationalsozialismus war", geändert werden können. Gleichzeitig bot er Verhandlungen über die Autonomie Südtirols an. Die Bezirke I, VI, VII und VIII werden an das Gasnetz angeschlossen. Damit ist Wien wieder voll mit Leuchtgas versorgt. Für die nahe Zukunft kündigen die Gaswerke eine Stabilisierung der Gaszufuhr an. 7.500 Kinder zwischen einem und zwölf Jahre werden im 14. Bezirk von den französischen Besatzungstruppen mit Bäckereien beschenkt.

Freitag, 28. Dezember 1945

In Washington, London und Moskau wird gleichzeitig das Schlusskommunique der Außenministerkonferenz veröffentlicht. Danach wurde über folgende Fragen Übereinstimmung erzielt: "1. Kontrolle der Atomenergie durch eine Kommission der Vollversammlung der Vereinten Nationen. 2. Anerkennung der Regierungen Rumäniens und Bulgariens durch Großbritannien und die Vereinigten Staaten nach Erfüllung bestimmter Bedingungen. 3. Veränderung der Kontrolle Japans, darunter Schaffung von zwei neuen alliierten Kontrollbehörden. 4. Errichtung einer vorläufigen demokratischen Regierung in Korea. 5. Abzug der russischen und amerikanischen Truppen aus China."

Samstag, 29. Dezember 1945

Beim Neujahrsempfang im Rathaus würdigt Bürgermeister Körner die Beamten und Bediensteten der Stadt Wien, "die in ungeheizten Büroräumen und mit erfrorenen Fingern unverdrossen ihre Arbeit leisten". Das "Neue Österreich" meldet, dass die Alliierte Stadtkommandantur die Vollversorgung Wiens mit Leuchtgas begrüßt. Weiters heißt es: "Die dadurch ermöglichte 20prozentige Stromeinsparung wird die Ausdehnung der elektrischen Straßenbeleuchtung auf bisher unbeleuchtete Straßenzüge gestatten. Dies ist umso mehr zu begrüßen, da die Sicherheitsverhältnisse leider immer noch nicht befriedigend sind. So sind von der Woche vom 9. bis 15. Dezember bis zur Woche vom 15. bis 21. Dezember die Verbrechensfälle von 1.384 auf 1.657 (in der Hauptsache Wohnungs- und Geschäftseinbrüche) angestiegen". Die Kommandanten zeigten ferner ihre "Unzufriedenheit über die Arbeit der Wiener Gerichte in bezug auf die Behandlung der Nazi". Eine Wäschespende der Gemeinde Goisern für Wien umfasst 3.558 Wäschestücke, darunter 2.040 Leintücher, 231 Polsterüberzüge und 1.225 Handtücher. Sie werden Spitälern und Kinderheimen zur Verfügung gestellt. Aus den USA kommen die ersten Lieferungen getragener Kleidung, die dort für Europa gesammelt wurden.

Sonntag, 30. Dezember 1945

Das "Neue Österreich" meldet: "Seit Juli 8.000 Ehescheidungen". Der Lebensmittelaufruf für die Woche bis 5. Jänner zeigt, dass vorläufig alles beim alten bleibt: "Hülsenfrüchte und Suppenpulver statt Fleisch". Nach einem 1:1 gegen Wacker am dritten Spieltag gewinnt Austria ungeschlagen das "Fußballturnier der großen Vier"; die Partie Rapid - Vienna endete 7:3. Das "Neue Österreich" schreibt: "Das miserable Wetter, trostlose Bodenverhältnisse, unzulängliche Schiedsrichterleistung, Disziplinlosigkeit der Spieler....gestalteten das entscheidende Spiel des Turniers zu einer wirkungsvollen Propaganda gegen den Fußballsport". Die Stadt Wien kündigt die Eröffnung von 32 Wärmestuben an.

Montag, 31. Dezember 1945

Das Ensemble der Wiener Staatsoper spielt zu Silvester in der Volksoper "Die Fledermaus" und am Theater an der Wien "Don Pasquale". Im Hörfunk wenden sich Bundeskanzler Figl und Bundespräsident Renner mit Reden an die Bevölkerung. In Radio Wien verbindet Bürgermeister Körner den Dank an die Alliierten für Befreiung und Rettung vor Hunger und Epidemien mit einer Kritik an der Aufrechterhaltung der Demarkationslinien. Sie werden beseitigt, sagt Renner, "wenn die Alliierten erkennen, dass hier ein stolzes Volk lebt, das sich selbst moralisch vollkommen von dem Fluch der Vergangenheit befreit hat, das friedlich und demokratisch ist und die größten Opfer bringen will, um sich wirtschaftlich wieder zu erheben". Dazu passt der Wetterbericht: "Nördlich der Alpen hat sich über Mitteleuropa ein Hochdruckgebiet aufgebaut".

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