Wien im Rückblick - Kalendarium "Wien 1945": April 1945

Anläßlich des 50. Geburtstages der Zweiten Republik stellte der Presse- und Informationsdienst der Stadt Wien dieses Kalendarium zusammen:

Sonntag, 1. April 1945

Die Rote Armee umgeht das fast völlig zerstörte Wiener Neustadt, das wegen der Flugzeugwerke besonders oft und schwer bombardiert wurde, im Westen. - Die Zeitungen melden militärische Erfolge an der deutschen Westfront: "Deutsche Sperrverbände wirksam - Neue Reserven im Anmarsch - Erfolgreiche Gegenstöße an verschiedenen Abschnitten". In Wirklichkeit gehen Ludwigshafen, Mannheim und Heidelberg verloren. - Die Bevölkerung wird aufgefordert, Asche für Löschzwecke aufzuheben, weil zu wenig Löschsand vorhanden ist. - In der Nacht zum 2. April wird wieder die Sommerzeit eingeführt, die Uhren sind also um eine Stunde vorzustellen.

Montag, 2. April 1945

Die Rote Armee erreicht Baden und Preßburg. - Wien wird zum Verteidigungsbereich erklärt. Das bedeutet, dass nur mehr Kriegsrecht gilt. Alle Personen, Fahrzeuge, Einrichtungen usw. können uneingeschränkt für Kriegszwecke herangezogen werden. - Die österreichischen Freiheitskämpfer, die sich im Wehrkreiskommando XVII (Sitz im jetzigen Regierungsgebäude am Stubenring) zusammengeschlossen haben, beschließen zu handeln. Im Auftrag von Major Carl Szokoll, der diese Widerstandsgruppe leitet, fährt Oberfeldwebel Ferdinand Käs in einem Wehrmachtsauto, das der Obergefreite Reif lenkt, zur Front südlich von Wien. Er soll versuchen, mit der Roten Armee Kontakt aufzunehmen und Vorschläge für eine möglichst schonende Eroberung Wiens zu machen. Der strategische Grundgedanke lautet, dass Wien nicht in einem Frontalangriffe von Süden, sondern nach einer Umgehung von Westen und Norden besetzt werden soll. Es stellt sich später heraus, dass dies auch das strategische Konzept der Roten Armee war.

Dienstag, 3. April 1945

Unter dem Titel "Die Stunde Wiens gekommen" veröffentlichen die Zeitungen einen Aufruf von Reichsleiter Baldur von Schirach: "Wiener und Wienerinnen! Die Zeit der Bewährung ist gekommen. Der Russe, schon der traditionelle Feind des alten Österreich, nähert sich unserer Stadt. Jeder von uns wird seine Pflicht bis zum Äußersten tun. Aber auch jeder Helfer ist uns willkommen. Heute habe ich die Ehre, meinen alten Freund, den Obergruppenführer Generaloberst der Waffen-SS Sepp Dietrich, bei Ihnen einzuführen, dessen kampferprobte SS-Männer bei uns eingesetzt werden. Er ist Ihnen und allen deutschen Volksgenossen als Führer der SS-Leibstandarte Adolf Hitlers seit langem ein klarer Begriff geworden. Ich bitte Sie, lieber Kamerad Sepp Dietrich, das Wort zu ergreifen". - SS-Obergruppenführer Generaloberst der Waffen-SS Sepp Dietrich: "Wiener und Wienerinnen! Ich bin kein Mann der großen Worte und der geschliffenen Rede. Überdies zählen heute Taten viel, Worte wenig. Wenn ich mit meinen Männern mich der Verteidigung dieser schönen alten Stadt zugeselle, so geschieht dies mit dem festen und unverbrüchlichen Vorsatz, alles nur menschenmögliche zu tun, dieses Bollwerk des deutschen Südostens unserem deutschen Vaterland zu erhalten. Mehr zu versprechen, wäre verwegen. Der Kampf wird hart, der Erfolg schwer. Sie, meine Wiener und Wienerinnen, kennen den Feind aus früheren Generationen Ihrer Geschichte. Sie kennen aber auch die europäische Aufgabe, der sich Wien niemals entzogen hat. Halten wir zusammen, kämpfen wir zusammen. Es geht nicht um uns, es geht nicht um die Partei, es geht um unser Land. Heil unserem Führer!"

Mittwoch, 4. April 1945

Oberfeldwebel Käs erreicht das sowjetische Kommando in Hochwolkersdorf und kann dort ein Abkommen vereinbaren. Die Rote Armee garantiert, bei der Eroberung Wiens möglichst schonend vorzugehen, die Stadt nicht zu bombardieren und die Wasserleitung nach Wien zu schützen. Käs verspricht namens der Freiheitskämpfer, den Kampf der Roten Armee zu unterstützen. Mit Leuchtsignalen soll der Beginn der aktiven Widerstandsaktionen in Wien mit dem Vordringen der Roten Armee koordiniert werden. - Auch der einstige Staatskanzler und Parlamentspräsident Dr. Karl Renner, der in Gloggnitz gelebt hat, nimmt mit der sowjetischen Kommandantur in Hochwolkersdorf Kontakt auf. Er bittet vor allem um Schonung der Zivilbevölkerung und bietet an, bei der Wiederherstellung eines demokratischen und selbständigen Österreich zu helfen. Sein Angebot wird nach Moskau weitergeleitet und dort offenbar Stalin persönlich vorgelegt. - Die Wiener Zeitungen berichten von all dem natürlich nichts. Sie melden dafür, dass zu Ostern nur ein einziges Fußballspiel stattfinden konnte, WAC gegen Austria. "Die Austria erlitt eine hohe Niederlage, aber dass das Spiel stattfand und dass der Fußballbetrieb auch in schwerster Zeit, wenn auch in bescheidenem Ausmaß, weiterging, ist wesentlich. dass dabei sonderbare Spielresultate herauskommen, lässt sich nicht vermeiden und ist, wie gesagt, ganz unwesentlich." - Die Zahnsanierung und Röntgenuntersuchung des Geburtsjahrganges 1930 für Jungen, die von 4. April bis 4. Mai stattfinden sollte, fällt hingegen "aus technischen Gründen" aus.

Donnerstag, 5. April 1945

Oberfeldwebel Käs und Obergefreiter Reif kommen, nach neuerlicher abenteuerlicher Fahrt durch den Frontbereich, nach Wien zurück und informieren die Widerstandsgruppe im Wehrkreiskommando XVII über die Vereinbarungen mit dem sowjetischen Oberkommando. - In ganz Wien hört man jetzt schon den Kanonendonner, die Flakstellungen in der Stadt greifen in die Erdkämpfe ein. Die Rote Armee erreicht den westlichen Stadtrand, Tullnerbach, Preßbaum und der Lainzer Tiergarten werden praktisch kampflos besetzt. Das deutsche Kommando erfasst erst jetzt, dass der Hauptstoß gegen Wien nicht vom Süden erfolgt, wo starke Verteidigungsstellungen aufgebaut wurden. Die Zeitungen melden: "Die Sowjets südlich Wien aufgefangen". - Die Rote Armee erobert Hainburg und Deutsch-Altenburg. - Zeitungsmitteilung: "Auf den Abschnitt der 4. Reichskleiderkarte für Männer und Frauen sowie auf den Abschnitt der 5. Reichskleiderkarte für Burschen, Maiden, Knaben, Mädchen und Kleinkinder ist vom Einzelhandel nach Maßgabe der vorhandenen Bestände entweder ein Paar Arbeitsschuhe, Gebirgsarbeitsschuhe, Straßenschuhe, leichte Straßenschuhe, Hausschuhe oder Turnschuhe sofort auszugeben. Für den Verbraucher besteht kein Rechtsanspruch auf den Erhalt einer bestimmten Schuhart." Tatsächlich hatten nur mehr wenige Schuhgeschäfte offen und diese hatten zumeist nur Holzschlapfen. - In verschiedenen Teilen der Stadt werden Vorratslager und Geschäfte von der Zivilbevölkerung geplündert. Ein besonders großes Lebensmittellager im Jesuitenkolleg in Kalksburg wird gestürmt. SS und Polizei werden alarmiert. Auf die Plünderer wird geschossen, es gibt mehrere Tote. - Das Radio sendet nur mehr Musik, keine Nachrichten und Meldungen. - Im Chemischen Institut der Wiener Universität zerstört der fanatische Nationalsozialist Prof. Dr. Jörn Lange das Elektronenmikroskop, das einzige Gerät dieser Art in Österreich. Zwei junge Assistenten, Kurt Horeischy und Hans Vollmar, wollen ihn daran hindern. Er erschießt beide. Lange kommt später vor das österreichische Volksgericht, entzieht sich jedoch einer Verurteilung durch Selbstmord.

Freitag, 6. April 1945

In weitem Bogen, von Simmering bis Döbling, ist Wien von der Roten Armee umschlossen. Während es in den westlichen Bezirken nur schwachen deutschen Widerstand gibt, kommt es in Favoriten und Simmering, vor allem auf dem Zentralfriedhof, zu härteren und opferreichen Kämpfen. - Die Zeitungen haben die Schlagzeile: "Durchbruch auf Wien gescheitert". - Radio Wien wird eingestellt, ein "Kampfsender Prinz Eugen", den die SS betreibt, sendet Musik und den Wehrmachtsbericht. Am späten Nachmittag kommt die Durchsage: "Wien rechts der Donau". Es bedeutet den Befehl, alle kriegswichtigen Anlagen und Einrichtungen in den Bezirken rechts vom Donaukanal zu zerstören und sich auf den Rückzug über den Donaukanal vorzubereiten. - Eine SS-Einheit kommt ins Simmeringer Gaswerk, um das Werk zu zerstören. Der Gaswerks-Arbeiter Otto Koblicek stellt sich ihnen entgegen. Er wird verprügelt, in den Bauch geschossen und sterbend ins bombenzerstörte Olympia-Kino geschleppt, wo er mit einem Genickschuss getötet wird. Am 12. April wird sein Leichnam gefunden. Inzwischen haben sowjetische Truppen das Gaswerk erreicht, die SS-Männer fliehen, das Gaswerk ist gerettet. - Hunderte Angehörige der deutschen Wehrmacht, vor allem Wiener, setzen sich von ihren Einheiten ab, werden von der Bevölkerung mit Zivilkleidung versorgt und versteckt. - An vielen Stellen Wiens versuchen SS und Soldaten, aus Pflastersteinen, Ziegeln und Holz von Bombenruinen, aber auch umgestürzten Straßenbahnwagen Barrikaden zu bauen. In den westlichen Außenbezirken werden solche Barrikaden von der Bevölkerung wieder beseitigt, SS-Leute und kampfbereite Soldaten werden von den Frauen beschimpft, an manchen Stellen mit Steinen beworfen. - Nur auf der Sophienalpe gibt es noch heftigen Widerstand gegen die sowjetischen Truppen. Hier kämpfen Hitler-Jungen im Alter von 14 bis 17 Jahren, unterstützt von zwölf- und dreizehnjährigen Meldegängern, mit Flakgeschützen, Panzerfäusten und Maschinengewehren noch mehrere Tage lang. Nur wenigen gelingt schließlich die Flucht, sie ziehen noch bis Kriegsende kämpfend durch Niederösterreich. - Letzter Einsatz deutscher Flieger über Wien. Sie werfen Bomben auf Purkersdorf, wobei die Kirche getroffen wird. - Die Polizei ist zum Fronteinsatz befohlen, es gibt keine Ordnung und Sicherheit mehr. In der ganzen Stadt werden Geschäfte und Lagerräume von der Bevölkerung aufgebrochen und geplündert. Die dabei erlangten Lebensmittel - vor allem Mehl und Erdäpfeln, aber auch größere Mengen von Hülsenfrüchten, Zucker, Rüben, Zwieback, Sardinendosen, Butterschmalz, Trockengemüse usw. - sichern in den folgenden Wochen das Überleben. - Ein Leutnant der Heeresstreife verrät die Widerstandsgruppe im Wehrkreiskommando an die SS. Die wichtigste Persönlichkeit der geplanten Aktionen, der Kommandant der Heeresstreife Major Biedermann, wird als erster verhaftet. Der Leiter des Widerstands, Major Szokoll, war unterwegs, erfuhr durch einen Anruf seiner Dienststelle von der Verhaftung Biedermanns und konnte untertauchen. Die vereinbarte Koordination mit der Roten Armee war geplatzt.

Samstag, 7. April 1945

Auf persönlichen Befehl Hitlers treffen in Wien die Panzerdivision "Führer" und als neuer Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Süd Generaloberst Lothar Rendulic ein. - Zum letzten Mal erscheinen die letzten noch bestehenden Wiener Nazi-Zeitungen, "Völkischer Beobachter" und "Kleine Wiener Kriegszeitung". Sie melden: "Wien im harten Abwehrkampf. Preßburg gefallen". - Sie melden nicht, dass die Rote Armee in breiter Front die March überschritten hat und nun auch von Osten gegen Wien vorrückt. - Im Wiener Landesgericht werden einige politische Häftlinge, entgegen dem Befehl der vorgesetzten Stellen, freigelassen, unter ihnen Paul Hörbiger, die Dichterin Paula von Preradovic und ihr Mann, der Journalist Ernst Molden. 70 andere Häftlinge werden, zum Teil mit Ketten gefesselt, in einem grauenhaften Fußmarsch ins Zuchthaus Stein getrieben. Dort ist genug Platz: 386 Häftlinge waren am Vortag von einer Wehrmachtseinheit ermordet worden. Die siebzig Häftlinge aus Wien erleiden am 15. April das gleiche Schicksal. - Die Gasversorgung ist aus Sicherheitsgründen eingestellt, der Großteil Wiens ist ohne Strom, vielfach ist auch die Wasserversorgung unterbrochen. Die Straßenbahn wird eingestellt. In einigen Bezirken funktioniert noch das Telefon. Der Postbetrieb ist eingestellt. - Die Wiener Feuerwehr erhält den Befehl, Wien zu verlassen. 3.800 Männer mit 627 Fahrzeugen verließen die Stadt über die Reichsbrücke. Sie kamen während des Rückzuges über das Waldviertel bis Oberösterreich und erst im Verlauf des Sommers 1945 gruppenweise nach Wien zurück. In Wien verblieben nur wenige Männer, die sich dem Abmarschbefehl entziehen konnten, mit einigen veralteten und nur bedingt einsetzbaren Geräten. Gleichzeitig flammten überall in der Stadt Brände auf, vor allem beiderseits des Gürtels und im Bereich der Ringstraße. Die Bevölkerung war bei der Bekämpfung der Brände im wesentlichen allein, ohne Feuerwehr. - An verschiedenen Stellen, zum Beispiel bei der Spinnerin am Kreuz und beim Sandleitenhof, haben Wienerinnen und Wiener die deutschen Soldaten dazu überredet, den Kampf aufzugeben und die Barrikaden wegzuräumen. Sie haben ihnen die Waffen abgenommen und sie mit Zivilkleidung versorgt. Genaue Angaben darüber gibt es natürlich nicht, doch sprechen Zeitzeugen davon, dass es allein in Ottakring mindestens 500, vielleicht sogar 3.000 Männer waren, die auf diese Weise aus dem Krieg gerettet wurden.

Sonntag, 8. April 1945

Der deutsche Wehrmachtsbericht meldet: "Im Raum um Wien konnten die Sowjets im Nordteil des Wiener Waldes nach Westen und Norden Boden gewinnen und trotz zäher Gegenwehr unserer Truppen in die südlichen Vorstädte der Stadt eindringen. Erbitterte Kämpfe sind im Gange". Die Wiener erfahren diesen Wehrmachtsbericht nicht, weil es kein Radio und keine Zeitungen mehr gibt. Eine kleine Zeitung namens "Wiener Presse" mit Durchhalteparolen wird zwar noch gedruckt, aber nicht mehr verbreitet. - Die Rote Armee erreicht in voller Breite den Gürtel. Dort gibt es kurzfristig heftige Kämpfe. Wehrmacht, SS und Volkssturm (fast ausschließlich Vierzehn- bis Sechzehnjährige, denn die zum Volkssturm einberufenen alten Männer sind fast alle untergetaucht) haben Eckhäuser in Kampfstellungen umgewandelt, die Bewohner in die Keller der Nachbarhäuser umgesiedelt. Auch Stadtbahnstationen werden als Festungen benützt. - Die sowjetischen Truppen erobern Klosterneuburg und Tulln, amerikanische Truppen erreichen Thüringen, die jugoslawischen Partisanen haben praktisch ganz Bosnien befreit. - In großen Teilen Wiens gibt es keine Ordnungsmacht. Zehntausende Flüchtlinge irren durch die Stadt. Plünderungen und Gewalttaten nehmen überhand. So wird zum Beispiel ein großes Gepäcklager am Franz-Josefs-Bahnhof von Zivilisten geplündert. Das Gepäck gehörte Frauen und Kindern, die evakuiert werden sollten, aber wegen des raschen Vormarsches der Roten Armee nicht mehr abreisen konnten. Sie wurden in umliegenden Häusern untergebracht, mussten ihr Gepäck aber im Bahnhof zurücklassen. Bei Auseinandersetzungen der Plünderer gibt es mehrere Tote. -Die drei führenden Vertreter des Widerstandes in der Heeresstreife Wien -Major Karl Biedermann, Hauptmann Alfred Huth und Oberleutnant Rudolf Raschke - werden in Floridsdorf Am Spitz an Laternenpfählen gehenkt, dabei mit Faustschlägen, Fußtritten und Bajonettstichen misshandelt. - Im niederösterreichischen Kirchstetten begeht der Lyriker Josef Weinheber, vor allem durch "Wien wörtlich" populär geworden, Selbstmord. Er wurde 1892 in Wien geboren, von den Nationalsozialisten als "Dichterfürst" gefeiert. Dafür bedankte er sich mit Huldigungsgedichten an Hitler und die Nazis. Er war der prominenteste unter vielen Österreichern, die aus Angst davor, zur Verantwortung gezogen zu werden, Selbstmord verübten. - In allen Wiener Bezirken gibt es Brände, aber keine Feuerwehr und vielfach auch kein Löschwasser. Der Stephansdom beginnt an mehreren Stellen zu brennen, vermutlich durch Funkenflug von den brennenden Häusern der Umgebung. Zivilisten löschen, oft unter Lebensgefahr, diese vorerst kleinen Brände, doch entstehen immer wieder neue Brandherde. - Eine Wehrmachtseinheit will das Allgemeine Krankenhaus als Stützpunkt benützen. Ärzte und Schwestern unter Führung von Prof. Schönbauer können die Soldaten unter Hinweis auf die vielen Verwundeten im Spital von diesem Plan abhalten. Auch die Kinderübernahmestelle im 9. Bezirk wird von der Wehrmacht als Kampfstellung beansprucht, doch glauben die Offiziere den - unwahren - Behauptungen, dass die Anlage voller Kinder mit schwer ansteckenden Krankheiten sei und ziehen deshalb weiter. - In der Tagesmeldung der Heeresgruppe Süd heißt es: "Truppe meldet Teilnahme von Zivilisten mit roten Armbinden auf Seiten der Russen."

Montag, 9. April 1945

Die deutschen Truppen räumen, bis auf einzelne kleine Kampfgruppen, fluchtartig die Bezirke zwischen Gürtel und Donaukanal. Die sowjetischen Truppen rücken nur sehr langsam und vorsichtig nach, weil sie Hinterhalte befürchten. Haus um Haus wird überprüft. Noch viele Jahre später sieht man an Hausfassaden in zyrillischer Schrift die Worte "Kwartal prowiereno" (Häuserblock überprüft). Bei diesen Überprüfungen kommt es zu ersten Vergewaltigungen und Plünderungen durch sowjetische Soldaten. - Der Bereich zwischen Gürtel und Donaukanal wird nun von beiden Seiten beschossen. Viele Wohnhäuser werden durch Granattreffer beschädigt, viele Wohnungen zerstört. Neue Brände werden durch die Beschießung ausgelöst. Der Stephansdom wird mehrmals von Granaten getroffen, vor allem von deutschen Granaten, die aus dem Raum Floridsdorf abgefeuert wurden; aus den kleinen Einzelbränden im Dom wird ein Großbrand. In Flammen stehen auch der Naschmarkt, das Parlament, das Burgtheater und viele Gebäude entlang der Zweierlinie. - Im Palais Auersperg sammeln sich Vertreter des österreichischen Widerstandes aller politischen Gruppen, überwiegend Vertreter des bürgerlichen und des katholischen Lagers sowie Monarchisten, aber auch einige Sozialisten, unter ihnen Felix Slavik, und Kommunisten. Sie nennen sich "O 5". Dieses Zeichen wurde schon einige Tage vorher in die Mauer des Stephansdoms neben dem Riesentor eingeritzt. Seine Bedeutung ist unklar. Es gibt die Behauptung, dass "5" für den fünften Buchstaben des Alphabets, das E, stünde; O 5 bedeute also eigentlich 0E für Österreich. Es ist unwahrscheinlich, dass eine so komplizierte und für fast alle Menschen unverständliche Losung gewählt wurde. Plausibler erscheint die zweite Deutung, dass für einen Zusammenschluss von fünf Widerstandsgruppen der Titel "O 5" gewählt wurde. Ebenso denkbar erscheint die politische Erklärung, "O 5" stehe für den Zusammenschluss der fünf politischen Richtungen Monarchisten, Katholiken, Liberale, Sozialisten und Kommunisten. - Im Palais Auersperg wurde vorerst darüber diskutiert, wie man eine funktionierende staatliche Ordnung wiederherstellen und ein neues Österreich begründen könne.- Reichsleiter Baldur von Schirach befiehlt nochmals den Kampf bis zum letzten Mann und verlässt fluchtartig die Hofburg, die sein Hauptquartier war.

Dienstag, 10. April 1945

Die Brücken über den Donaukanal werden von der deutschen Wehrmacht gesprengt, als letzte um 4 Uhr früh die Aspernbrücke, wobei die Urania und die Rettungszentrale beschädigt werden. Die sowjetischen Truppen erreichen den Donaukanal, sie besetzen die Freudenau und das Lusthaus sowie Vösendorf, Neulengbach, Gänserndorf und Deutsch-Wagram. - Hitler verkündet deklamierend: "Berlin bleibt deutsch und Wien wird wieder deutsch!" Er befiehlt einen Gegenangriff zur Rückeroberung Wiens aus den Räumen St. Pölten und Semmering. Der Befehl ist irreal, und es gibt nicht einmal einen ernsthaften Versuch, ihn auszuführen. - Im Kriegstagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht wird vermerkt: "Ein Teil der Wiener Bevölkerung hat seine Haltung verloren." Reichspropagandaminister Dr. Goebbels formuliert es in seinem Tagebuch schärfer: "Es haben in der Stadt Aufruhraktionen in den ehemals roten Vororten stattgefunden... Jetzt müssen die härtesten Maßnahmen ergriffen werden, um die Dinge in Wien wieder zu bereinigen. Der Führer ist weiterhin entschlossen, die Stadt unter allen Umständen zu halten. Man darf natürlich die Vorgänge, die sich in Wien selbst abspielen, nicht allzusehr dramatisieren. Es handelt sich natürlich um Gesindel, das diese Aufstände veranstaltet, und dieses Gesindel muss zusammengeschossen werden." - In der Osterleitengasse in Döbling erschießt ein Nationalsozialist aus dem Hinterhalt mehrere Zivilisten, die mit weißen oder rotweißroten Armbinden auf die Straße gegangen sind. - Wien liegt von beiden Seiten unter schwerem Artilleriefeuer. Es kommt zu zahlreichen Bränden, die von der Bevölkerung mit primitivsten Mitteln bekämpft werden. - In vielen Häusern richten die Bewohner Alarmwachen ein. Wenn sich sowjetische Soldaten nähern, wird aus Angst vor Plünderungen und Vergewaltigungen Lärm gemacht, um Offiziere der Militärpolizei herbeizuholen, die gegen die meist betrunkenen Soldaten vorgehen. - Auf dem Flughafen Wiener Neustadt landet ein sowjetisches Militärflugzeug, das die Spitzen der KPÖ aus ihrem Moskauer Exil bringt. Tags darauf kommt aus Jugoslawien per Flugzeug eine zweite Gruppe von führenden KPÖ-Funktionären, die dort ein österreichisches Bataillon im Rahmen der Tito-Armee aufgestellt haben. Die KPÖ hat damit als erste Partei eine aktive Führung.

Mittwoch, 11. April 1945

Der Wehrmachtsbericht meldet: "Die zäh kämpfende Besatzung von Wien wurde nach schwerem Ringen auf den Donaukanal zurückgedrängt." Außerdem wird der Verlust von Hannover, Gelsenkirchen, Bochum und Essen zugegeben. - Auf dem Messegelände kommt es zu schweren, für beide Seiten verlustreichen Kämpfen. Der Wurstelprater steht in Flammen. Auch in der übrigen Stadt gibt es viele Brände, vor allem durch den Artilleriebeschuss von beiden Seiten. - Zivilisten und Soldaten beteiligen sich an Plünderungen, wobei vor allem Lebensmittel gesucht werden. An diesem Tag wird der Naschmarkt völlig ausgeplündert, wobei viele Marktstände, die den Krieg bis dahin unbeschädigt überstanden hatten, zerstört werden. Es gibt zahlreiche Verletzte als Folge der Auseinandersetzungen um die Lebensmittel - aber keine Polizei und keine Rettung. - In den Straßen liegen viele Pferdekadaver, vor allem von Pferden der Roten Armee. Zivilisten holen sich das Fleisch von den Kadavern. - In den frühen Morgenstunden des 11. April setzen Rotarmisten an einigen Stellen über den Donaukanal und bilden Brückenköpfe. Nach Einbruch der Dunkelheit wird am Abend der Donaukanal in breiter Front übersetzt, Panzer und Infanterie besetzen noch in der Nacht des Großteil des 2. und 20. Bezirkes. - Untertags wird zwar viel geschossen, es gibt aber keine militärischen Aktionen. SS-Einheiten kontrollieren Häuser im 2. und 20. Bezirk. In den Kellern der Häuser Förstergasse 5 und 7 entdecken sie unter den Zivilisten, die dort das Ende der Kämpfe abwarten, einige Juden, die der Deportation entgangen sind. Fünf Frauen und vier Männer werden von den SS-Leuten auf die Straße getrieben, mit Gewehrkolben, Bajonetten und Fußtritten schwer misshandelt und dann erschossen. Die Leichen werden in einen Bombentrichter geworfen. Die Opfer sind Primaria Dr. Grete Blum (50), Erna Langer-Klüger (81), Grete Langer-Klüger (43), Mizzi Margolin (47), Gena Schaier (46), Arthur Holtzer (59), Arthur Klein (50), Kurt Mezey (20) und Emil Pfeiffer (67). Noch am gleichen Tag erreichen sowjetische Soldaten die Förstergasse. Mitbewohner der ermordeten Juden bergen die Leichen und bestatten sie provisorisch beim Donaukanal.

Donnerstag, 12. April 1945

Die deutschen Truppen werden vom Donaukanal zurückgedrängt und halten abends am rechten Donauufer nur mehr den Bereich zwischen Friedrich-Engels-Platz und Nordwestbahnhof. Die Sprengung der Reichsbrücke wird befohlen. Als Folge dieses Befehls kommt es um die Brücke zu nicht mehr völlig rekonstruierbaren Geschehnissen. Offenbar wurden die vorbereiteten Sprengladungen von Widerstandskämpfern beseitigt. Als daraufhin neuerlich Sprengladungen angebracht wurden, sind auch diese im Schutze der Dunkelheit unschädlich gemacht worden. In der Nacht zum 13. April wurde von Booten der sowjetischen Donauflotte aus die Brücke besetzt. So blieb die Reichsbrücke als einzige Donaubrücke zwischen Linz und Budapest erhalten. Sie war für die Versorgung Wiens und den Beginn des Wiederaufbaus von gar nicht zu überschätzender Bedeutung. - Von Floridsdorf aus beschoss deutsche Artillerie die Bezirke zwischen Donaukanal und Gürtel. Dabei wurde auch der Stephansdom mehrmals getroffen, um etwa 10 Uhr kommt es dadurch zum Großbrand. Binnen kurzer Zeit steht der mächtige Dachstuhl in Flammen. Am Nachmittag beginnt der Glockenstuhl des Hauptturms zu brennen, in der Gluthitze zerspringt die Pummerin. - Überall in Wien geschieht etwas, was Renner später als "historisches Phänomen" bezeichnet hat: Obwohl es keine Verbindungen gibt, kein Telephon, keine Post, keinen Verkehr, kommen in den Bezirken und in Bezirksteilen Menschen zusammen und beginnen mit dem Aufbau demokratischer Strukturen. Was sich überall im örtlichen Rahmen abspielt, geschieht auch zentral: Führende Vertreter der einstigen politischen Parteien kommen zusammen. Für die Sozialdemokraten und deren illegale Nachfolgeorganisation, die Revolutionären Sozialisten, ist es selbstverständlich, ins Rathaus zu kommen. Die ehemaligen Christlichsozialen finden nach einigem Suchen im Schottenstift auf der Freyung einen zentralen Treffpunkt. Sie haben sich schon bei privaten Gesprächen während des Krieges darauf geeinigt, nicht den alten Parteinamen wieder aufleben zu lassen, sondern durch den neuen Namen "Österreichische Volkspartei" das Zeichen eines Neubeginns zu setzen. - In den USA stirbt überraschend Präsident Franklin Delano Roosevelt. Roosevelt gilt als Schöpfer des engen Bündnisses der Alliierten im Kampf gegen die faschistischen Mächte Deutschland, Italien und Japan. Vizepräsident Harry S. Truman wird als sein Nachfolger angelobt.

Freitag, 13. April 1945

Der deutsche Wehrmachtsbericht meldet nur lakonisch: "In Wien dauern die schweren Straßenkämpfe an." Das sowjetische Oberkommando veröffentlichte nachmittags folgende Sondermeldung: "Am 13. April nahmen die Truppen der 2. Ukrainischen Front nach heftigen Kämpfen die Hauptstadt Österreichs, Wien, einen strategisch wichtigen Verteidigungsknotenpunkt der Deutschen, der den Weg nach Süddeutschland versperrte. In den Kämpfen um die Anmarschwege nach Wien und um Wien selbst zerschlugen die Truppen der Front vom 16. März bis 13. April elf deutsche Panzerdivisionen, darunter die 6. SS-Panzerarmee, nahmen über 130.000 Soldaten und Offiziere gefangen, vernichteten bzw. erbeuteten 1.345 Panzer und Sturmgeschütze, 2.250 Feldgeschütze sowie viel sonstiges Kriegsgerät. Auf Befehl des Obersten Befehlhabers der Roten Armee, Marschall der Sowjetunion J. Stalin, grüßte Moskau die heldenhaften Truppen der 3. Ukrainischen Front, die Wien genommen haben, mit einem Salut von 24 Salven aus 324 Geschützen." In einem deutschsprachigen Kommentar von Radio Moskau heißt es: "Die Bevölkerung Wiens und anderer Teile Österreichs hat der Roten Armee Unterstützung gewährt und die Deutschen daran gehindert, die Kämpfe zum Stehen zu bringen... Sie haben die Ehre der österreichischen Nation gerettet." - Sowjetische Truppen setzen bei Klosterneuburg über die Donau und dringen in Korneuburg ein. Daraufhin kommt es zum fluchtartigen Rückzug der deutschen Truppen aus dem Brückenkopf vor der Floridsdorfer Brücke und aus Floridsdorf, um der Einkesselung zu entgehen. Die Floridsdorfer Brücke wird gesprengt. Im Tagesbericht der Heeresgruppe Süd wird kurz festgestellt: "Die 6. Panzerdivision wurde fast völlig aufgerieben". - Sowjetische Offizieren suchen in Wien verschiedene Persönlichkeiten, die als führende Funktionäre bei der Neugründung des Österreichischen Staates geeignet erscheinen. Unter ihnen sind die späteren Vorsitzenden der beiden großen demokratischen Parteien, Ing. Leopold Figl und Dr. Adolf Schärf. Sie werden mit Autos zu den zentralen Treffpunkten gebracht. - In den Roten Salon des Rathauses, wo immer mehr Sozialisten eintreffen, kommen auch Vertreter der Volkspartei zu einem ersten Kontaktgespräch. - Im Palais Auersperg tagen nach wie vor die Vertreter der Widerstandsgruppen, die sich in der O 5 zusammengeschlossen haben. Sie haben mit Zustimmung der sowjetischen Ortskommandantur den Kommunisten Rudolf Prikryl zum Bürgermeister ernannt. Er sitzt in einem kleinen Zimmer des Rathauses und gibt so gut wie jedem, der zu ihm kommt, eine gestempelte Vollmacht. Das wurde später als äußerst wertvoll beurteilt, weil diese Vollmachten von den sowjetischen Stellen anerkannt wurden und viele Aktivitäten ermöglichten, von Aufräumungsarbeiten in Betrieben bis zur Einrichtung von Notspitälern. - In der Wohnung des Bauarbeiter-Funktionärs Jose Battisti, 7, Kenyongasse 3, kommen sozialdemokratische Gewerkschaftler zusammen. Sie beschließen die Orientierung auf Bildung eines einheitlichen Gewerkschaftsbundes. Noch am gleichen Tag wird mit christlichen und kommunistischen Gewerkschaftlern Kontakt aufgenommen.

Samstag, 14. April 1945

Der deutsche Wehrmachtsbericht meldet: "Die Restbesatzung von Wien kämpft auf dem Westufer der Donau standhaft und tapfer gegen die bolschewistische Übermacht." Tatsächlich geht an diesem Tag der letzte deutsche Widerstand im Bereich zwischen Stammersdorf und Lang-Enzersdorf zu Ende. Sowjetische Truppen erreichen das Ölgebiet von Zistersdorf, Deutschland verliert damit die letzten Ölreserven. - In Linz verkündet der Gauleiter von Oberdonau, wie Oberösterreich damals heißen musste, Eigruber: "Oberdonau wird gehalten, der Führer kann sich auf uns verlassen." Die in Linz erscheinende "Oberdonau-Zeitung/Tages-Post" berichtet über Hinrichtungen. - Im Wiener Rathaus beraten Sozialdemokraten und Revolutionäre Sozialisten über die Parteigründung. Dr. Adolf Schärf vermittelt zwischen den beiden Gruppen, zwischen denen vorerst starke Spannungen auftreten. Schließlich einigt man sich darauf, eine neue Partei mit dem Namen "Sozialistische Partei Österreichs" zu gründen und dem Parteinamen in Klammer "Sozialdemokraten und Revolutionäre Sozialisten" beizufügen. Tatsächlich bleiben noch viele Monate zwei getrennte Fraktionen bestehen, die eigene Sitzungen abhalten und Beschlüsse fassen. Es wird vorläufig kein Parteivorsitzender gewählt. Man hofft auf die baldige Rückkehr von Karl Seitz, Parteivorsitzender und Bürgermeister bis 1934, den die Gestapo ins KZ Ravensbrück verschleppt hatte. - In Wien wüten nach wie vor zahlreiche Brände. In manchen Bezirksteilen ist nun auch die Wasserversorgung ausgefallen. Viele Menschen irren oft stundenlang mit Kübeln umher, bis sie Wasser bekommen. - Eine Abordnung hoher sowjetischer Offiziere legt bei den Musikergräbern auf dem Zentralfriedhof (Beethoven, Schubert, Johann Strauß) Kränze nieder.

Sonntag, 15. April 1945

Rotarmisten verteilen in ganz Wien die erste Nummer einer neuen Zeitung. Sie heißt "Österreichische Zeitung, Frontzeitung für die Bevölkerung Österreichs" und wird vom Sowjetkommando für Österreich herausgegeben. Sie erscheint vorerst unregelmäßig. Auf der Titelseite sind ein Bild des Stephansdoms mit einer rotweißroten Fahne und Aufrufe an die Bevölkerung Österreichs mit dem Hinweis, dass die Wiederherstellung eines selbständigen Österreichs das Ziel der Alliierten sei. - Radio Moskau meldet in den deutschsprachigen Sendungen, dass beim Kampf um Wien von 3. bis 13. April 19.000 deutsche und 18.000 sowjetische Soldaten gefallen sind. Tatsächlich liegen tausende Tote in Wiens Straßen. Während die Sowjetarmee für die Bestattung ihrer Toten sorgt, nimmt sie Zivilisten für einen mehrstündigen Arbeitseinsatz zur Bestattung der deutschen und österreichischen Toten fest. Bestattungsstätten, auch für gestorbene Zivilisten, sind vor allem Parks, aber auch Bombentrichter. Passanten werden auch zu anderen mehrstündigen Arbeitseinsätzen gezwungen, vor allem zur Freilegung von Verkehrswegen. Die meisten Straßen und Gassen sind nämlich wegen der Berge von Schutt und Trümmern kaum passierbar. - Die letzten Vorratslager werden geplündert, u.a. die Großkaufhäuser in der Mariahilfer Straße und die Firma Ankerbrot, wo zwei Millionen Kilogramm Mehl und 80.000 Kilogramm Salz gelagert waren. Es kommt wieder zu Kämpfen zwischen den Plünderern mit Toten und Verletzten. Im Ankerbrot-Lager waten die Menschen knöcheltief durch Mehl. - In den Bezirken wird Hilfspolizei gebildet, gekennzeichnet durch rotweißrote Armbinden mit Stempeln in deutscher und russischer Sprache. - Sowjetische Truppen besetzen St. Pölten. Unmittelbar vorher wurden dreizehn Österreicher, unter ihnen Gräfin und Graf Trautmannsdorff sowie der stellvertretende Polizeichef der Stadt, standrechtlich verurteilt und erschossen, weil sie verlangt hatten, die zu 40 Prozent zerstörte Stadt nicht zu verteidigen, sondern kampflos zu übergeben. - In Gloggnitz schreibt Dr. Karl Renner einen Brief an Josef Stalin, in dem er sich anbietet, an die Spitze einer provisorischen Regierung Österreichs zu treten. Stalins positive schriftliche Antwort trifft erst am 12. Mai ein, aber offenbar hat Stalin sofort veranlasst, dass der Vorschlag Renners in die Tat umgesetzt wird. - Im halbzerstörten Direktionsgebäude des Westbahnhofs gründen sozialdemokratische, christliche und kommunistische Gewerkschaftler den Österreichischen Gewerkschaftsbund. Zum Präsidenten wird Johann Böhm gewählt. Noch am gleichen Tag anerkennt die sowjetische Kommandantur den ÖGB.

Montag, 16. April 1945

Der Führer und Reichskanzler Adolf Hitler veröffentlicht einen Tagesbefehl, in dem es heißt: "Zum letzten Mal ist der jüdisch-bolschewistische Todfeind mit seinen Massen zum Angriff angetreten. Er versucht, Deutschland zu zertrümmern und unser Volk auszurotten. Ihr Soldaten aus dem Osten wisst, welches Schicksal vor allem den deutschen Frauen, Mädchen und Kindern droht. Während die alten Männer und Kinder ermordet werden, werden Frauen und Mädchen zu Kasernenhuren erniedrigt. Der Rest marschiert nach Sibirien. Wir haben diesen Stoß vorausgesehen, und es ist seit dem Jänner alles geschehen, um eine starke Front aufzubauen.... Wer euch Befehl zum Rückzug gibt, ist sofort festzunehmen und nötigenfalls augenblicklich umzulegen, ganz gleich, welchen Rang er besitzt. Wenn in diesen kommenden Tagen und Wochen jeder Soldat an der Ostfront seine Pflicht erfüllt, wird der letzte Ansturms Asiens zerbrechen, genau so, wie am Ende auch der Einbruch unserer Gegner im Westen trotz allem scheitern wird. Berlin bleibt deutsch, Wien wird wieder deutsch und Europa wird niemals russisch." - Im Bereich Frankfurt an der Oder beginnt der sowjetische Großangriff zur Eroberung Berlins. - Im Wiener Rathaus wird über die Bildung einer Stadtregierung verhandelt. ÖVP und KPÖ anerkennen die SPÖ als führende Kraft. In der SPÖ einigt man sich nach langen Diskussionen auf General Theodor Körner als Bürgermeister. Ihm zur Seite stehen drei Vizebürgermeister: Paul Speiser (SPÖ), Leopold Kunschak (ÖVP) und Karl Steinhardt (KPÖ). Der von 05 ernannte Bürgermeister Prikryl verlässt daraufhin das Rathaus.

Dienstag, 17. April 1945

Im Wiener Schottenstift wird die Österreichische Volkspartei gegründet. Leopold Kunschak wird Parteivorsitzender, gibt das Amt jedoch einige Tage später an Leopold Figl ab. Ohne Kenntnis dieser Vorgänge bemüht sich in Baden der frühere Finanzminister Josef Kollmann um Neugründung einer christlichsozialen Partei. Kollmann, 1919-38 Bürgermeister von Baden, war von der sowjetischen Kommandantur wieder in dieser Funktion eingesetzt worden. - In Gloggnitz wird Renner von sowjetischen Offizieren über die Bemühungen von Schärf und Kollmann informiert. Er schreibt an beide Briefe, in denen er Zusammenarbeit anbietet. Im Brief an Schärf steht die Notwendigkeit einer Regierungsbildung im Vordergrund. Im Brief an Kollmann bezeichnet Renner eine Zusammenarbeit als wünschenswert, doch "die engere Dollfußclique sowie die enragierten Heimwehrführer bitte ich in der Versenkung verschwinden zu lassen". - Gauleiter Eigruber verkündet in Linz über Radio und Zeitungen: "So wie die Verräter ihr Schicksal unbarmherzig erleiden, auch wenn sie als Offiziere getarnt durch die Lande ziehen, so werden Deserteure nunmehr hart angepackt. Die ersten zwei Fahnenflüchtigen, welche die Front verließen und nicht bereit waren, Frauen und Kinder gegen den bolschewistischen Mob zu verteidigen, hängen seit gestern an der Brücke in Enns, zur Warnung aller Feiglinge und Verräter". -Amerikanische Truppen erobern Nürnberg und Magdeburg. - In Wien sind die großen Mengen von Waffen und Munition, die von den deutschen Truppen auf der Flucht weggeworfen wurden, ein großes Sicherheitsproblem. Kriminelle Banden, die sich zum Teil mit Armbinden als Hilfspolizei tarnen, verüben mit diesen Waffen Überfälle und Plünderungen. Die wirkliche Hilfspolizei ist unbewaffnet und muss die sowjetischen Organe um Hilfe bitten. Militärpolizei führt in ganz Wien große Suchaktionen nach diesen Waffen durch, wobei auch Schuldlose zu Opfern werden. - Theodor Körner wird vom Stadtkommandanten General Blagodatow formell zum Wiener Bürgermeister ernannt.

Mittwoch, 18. April 1945

Im östlichen Niederösterreich kapitulieren die letzten deutschen Stützpunkte, in Korneuburg und Mistelbach. Bei den harten Kämpfen um diese kleinen Stützpunkte gibt es auch viele Opfer unter der Zivilbevölkerung, dutzende Häuser wurden zerstört oder beschädigt. - In Wien werden die Verhandlungen der drei Parteien über die Bildung der Stadtverwaltung abgeschlossen. Bürgermeister Körner bestellt als Stadträte von den Sozialisten Josef Afritsch (Allgemeine Verwaltung), Karl Honay (Finanzen), Felix Slavik (Wohnung), Paul Speiser (Städtische Unternehmungen) und Anton Weber (Bau), von der Volkspartei Dr. Ludwig Herberth (Wirtschaft), Univ.-Prof. Dr. Wilhelm Kerl (Gesundheit) und Leopold Kunschak (Schule), von den Kommunisten Franz Fritsch (Ernährung, tritt wenige Tage später zur SPÖ über), Dr. Viktor Matejka (Kultur) und Karl Steinhardt (Wohlfahrtswesen). - In Gloggnitz akzeptiert Renner das sowjetische Angebot, ihn am nächsten Tag nach Wien zu bringen. - Mit unverstellbarem persönlichen Einsatz gelingt es Mitarbeitern der Stadt Wien, in großen Teilen der Stadt die Wasserversorgung wiederherzustellen, das E-Werk Simmering in Betrieb zu nehmen und mit dem schrittweisen Aufbau der Stromversorgung zu beginnen sowie die Reparatur des Gasrohr- und Kanalnetzes anzufangen. Gasrohre werden transportiert, indem man sie auf Baumstämme legt, vorschiebt, dann wieder den letzten Baumstamm nach vorne trägt, unter das Gasrohr legt und wieder weiterschiebt. - In der Ostsee versenken sowjetische U-Boote den Dampfer "Goya" mit etwa 7.000 Soldaten und Flüchtlingen an Bord. Nur 170 Personen können sich retten.

Donnerstag, 19. April 1945

Am Vorabend von Hitlers Geburtstag hört man über alle Radiosender in Österreich - ausgenommen Radio Wien im bereits befreiten Teil Österreichs - die letzte Rede von Propagandaminister Goebbels: "Der Krieg neigt sich seinem Ende zu... Gott wird Luzifer, wie so oft schon, wenn er vor den Toren der Macht über die Völker stand, wieder in den Abgrund zurückschleudern, aus dem er gekommen ist." Goebbels verkündet, "dass der Feind vergeblich gegen unsere Verteidigungslinien anstürmt" und "dass Deutschland in wenigen Jahren wie nie zuvor mit schöneren Städten und reichen Kornfeldern wieder aufblühen wird". Er schließt mit dem jetzt täglich mehrmals verkündeten Versprechen Hitlers: "Berlin bleibt deutsch, Wien wird wieder deutsch und Europa wird niemals russisch". - Der deutsche Wehrmachtsbericht meldet lakonisch: "Der Kampf zwischen Ruhr und Rhein ist beendet". Das bedeutet, dass das wichtigste Rüstungszentrum Deutschlands in Hand der Alliierten ist. - Die sowjetische Kommandantur übergibt die sogenannte Blaimschein-Villa im 13. Bezirk, Lainzer Straße 28, Ecke Wenzgasse an Karl Renner als Amtssitz. Die Villa trägt ihren Namen nach dem Margarinefabrikanten Blaimschein, der 1938 als Jude aus Wien geflohen ist. Die Nazi-Familie, die sich dann in die Villa setzte, ist 1945 geflohen. - Die Wiener Bevölkerung erfährt über die Vorgänge außerhalb ihres unmittelbaren Lebensbereiches nichts. Es gibt weder Radio noch Zeitungen. Sie ist nur über anhaltende Plünderungen, Vergewaltigungen und andere Gewalttaten in ihrer Umgebung informiert. Gleichzeitig können sich immer größere Teile der Stadt darüber freuen, dass es wieder Wasser und Strom gibt. - Im Resselpark entsteht ein illegales Tausch- und Handelszentrum.

Freitag, 20. April 1945

In der letzten großen Schlacht des Zweiten Weltkrieges, in der auf beiden Seiten und unter der Zivilbevölkerung täglich Tausende sterben, kommt die Rote Armee so nahe an Berlin heran, dass sie die Reichshauptstadt mit Feldartillierie beschießen kann. In Berlin wird Hitlers Geburtstag trotzdem pompös gefeiert. Reichsmarschall Göring hält die Festrede. Unmittelbar danach setzt er sich in Richtung Süden ab; auf zwei Lastwagen führt er die wertvollsten der Kunstschätze mit, die er in ganz Europa zusammenstehlen ließ. Hitler empfängt nach der Feier zwölf- bis sechzehnjährige Hitlerjungen, denen er für ihren Kampfeinsatz hohe Orden überreicht. Dabei wird er zum letzten Mal für die Wochenschau gefilmt. - In Wien arrangiert das sowjetische Kommando um 10 Uhr in seinen Räumen in der Kantgasse eine Zusammenkunft von Dr. Renner und Dr. Schärf. Anschließend werden beide in die Blaimscheinvilla in Hietzing gebracht. Mit sowjetischen Autos werden auch die anderen Parteienvertreter für die Verhandlungen über eine Regierungsbildung dorthin geführt. Es sind dies für die SPÖ Bürgermeister Theodor Körner und der niederösterreichische Bauernvertreter Alois Mentasti, für die ÖVP Leopold Kunschak und Josef Kollmann, für die KPÖ Johann Koplenig und Ernst Fischer. - Ebenfalls unter Einsatz sowjetischer Militärautos kommt es im Rathaus zu einer ersten Zusammenkunft der Bezirksbürgermeister, die von der Besatzungsmacht eingesetzt wurden. Sie amtieren in den Grenzen der 26 Bezirke vom Oktober 1938. Von ihnen gehören 15 der KPÖ an (Bezirke 1, 5, 7, 8, 9, 10, 13, 14, 15, 16, 17, 18, 22, 25, 26), neun der SPÖ (Bezirke 2, 3, 4, 11, 12, 19, 21, 23 und 24) und einer der ÖVP (6. Bezirk), einer ist parteilos (20. Bezirk). In den meisten Bezirken gibt es zwei Stellvertreter der jeweils anderen Parteien. Bürgermeister Körner bestätigt diese provisorischen Bezirksvertretungen.

Samstag, 21. April 1945

Im Haus Ebendorferstraße 7, das bis 1934 Sitz der Arbeiterkammer und der Freien Gewerkschaften war, findet eine Konferenz der SPÖ statt, bei der alle Wiener Bezirke (außer 8 und 18) und Delegierte aus den befreiten Teilen Niederösterreichs vertreten sind. Diese Zusammenkunft ist die Gründungskonferenz der SPÖ. Alle vorbereitenden Beschlüsse werden bestätigt: die Zusammensetzung des provisorischen Parteivorstandes mit den beiden Fraktionen, Renners Beauftragung mit der Regierungsbildung, Körners Berufung zum Bürgermeister. Da über das Schicksal von Seitz noch immer nichts bekannt ist, wird Schärf provisorisch zum Parteivorsitzenden gewählt. Ebendorferstraße 7 wird das Parteisekretariat eingerichtet, zu Sekretären werden Felix Slavik und Josef Afritsch gewählt. - Russische Pioniere beginnen, zum Teil mit Unterstützung österreichischer Arbeiter, provisorische Übergänge über den Donaukanal zu bauen. Die Friedensbrücke, die Marienbrücke und die Augartenbrücke sind noch im April wieder benützbar. Über die in der Donau liegenden Trümmer der Floridsdorfer Brücke wird ein hölzener Fußgängersteg gebaut. - Vereinzelte deutsche Flugzeuge fliegen in den Nächten über Wien und werfen einige Bomben auf Währing und Döbling, die jedoch nur geringe Schäden verursachen. - Amerikanische Bomberstaffeln greifen zentrale Gebiete Österreichs an, wobei der Eisenbahnknoten Attnang-Puchheim besonders betroffen wird. Grund dafür sind die hartnäckigen Gerüchte, dass die Nationalsozialisten in den Zentralalpen eine unbesiegbare Festung einrichten wollen. Tatsächlich wird in Tirol damit begonnen, große Vorratslager anzulegen.

Sonntag, 22. April 1945

Der deutsche Wehrmachtsbericht meldet: "In der großen Schlacht zwischen den Sudeten und dem Stettiner Haff wehren sich unsere Truppen mit verbissener Entschlossenheit gegen den massigen Ansturm der Bolschewisten. Auf engem Raum zusammengefasste Panzer-Armeen des Feindes haben die Front an mehreren Stellen aufgerissen." Das bedeutet, dass an vielen Stellen der Ostfront der deutsche Widerstand zusammengebrochen ist. Etwa zwei Drittel Deutschlands sind bereits von den Alliierten erobert. Mehr als vier Fünftel des österreichischen Territoriums sind jedoch noch in der Hand der Nationalsozialisten. Hier werden nach wie vor Todesurteile verhängt und vollstreckt. Allein im Konzentrationslager Mauthausen sterben täglich viele Menschen, an Entkräftung, Hunger und Misshandlungen. - In allen Wiener Spitälern stehen Ärzte und Pflegepersonen wieder im Einsatz, wegen der Kriegsschäden vielfach unter schlechtesten Bedingungen. Auch die meisten niedergelassenen Ärzte ordinieren wieder. Der große Einsatz der Menschen, die im Gesundheitswesen tätig sind, verhindert den Ausbruch von Seuchen, wie sie in vielen anderen Städten Europas auftreten.

Montag, 23. April 1945

Es gibt wieder eine Tageszeitung! Sie heißt "Neues Österreich" und wird von den drei Parteien als "Organ der demokratischen Einigung" herausgeben. Herausgeber sind Univ.-Prof. Dr. Leopold Arzt als Vertreter der Wissenschaft, Generaldirektor Ing. Ernst Czeija als Vertreter der Wirtschaft, Ing. Leopold Figl für die ÖVP, Ernst Fischer für die KPÖ, Paul Hörbiger für die Künstler, Ing. Franz Schumy für den ehemaligen Landbund (dessen Wiedergründung erwartet wird, aber nicht erfolgt) und Stadtrat Paul Speiser für die SPÖ. Chefredakteur ist Ernst Fischer (KPÖ), Stellvertreter sind Paul Deutsch (SPÖ) und Dr. Leopold Husinsky (ÖVP). - Die Zeitung wird mit sowjetischen Armee-Lastwagen in ganz Wien verteilt. Die Wiener erfahren aus ihr, dass es bereits eine provisorische Stadtverwaltung gibt. Sie werden außerdem über die Kriegslage und über die letzten Verbrechen der Nationalsozialisten in Wien informiert, vor allem über die Judenmorde in der Förstergasse. - Hauptgesprächsthema in Wien ist allerdings das Verhalten der sowjetischen Soldaten. Geschichten über besonders freundliche Soldaten, die vor allem den Kindern Lebensmittel schenken, stehen Berichte über Plünderungen, Vergewaltigungen und andere Gewalttaten, sogar Morde gegenüber. Manchmal schreiten Offiziere oder Militärpolizei gegen die Gewalttäter ein; es kommt sogar vor, dass Soldaten an Ort und Stelle wegen solcher Taten erschossen werden. Andere Offiziere kümmern sich nicht um die Vorgänge oder nehmen sogar selbst daran teil.

Dienstag, 24. April 1945

Die Rote Armee erobert in Berlin Haus um Haus, an der Westfront wird Stuttgart besetzt, der Rückzug in Italien ist zur ungeregelten Flucht geworden, alle Brücken über den Po werden von der Wehrmacht gesprengt, ohne dass dies den Vormarsch der Alliierten aufhalten kann. Fast ganz Jugoslawien ist von der Armee Titos befreit. -Der Großteil Wiens ist wieder mit Wasser und stundenweise mit Strom versorgt. Es gibt jedoch keine Lebensmittelversorgung. Vor allem alte und gebrechliche Menschen, die sich nicht an den Plünderungen der Lebensmittellager beteiligen konnten, haben nichts mehr zu essen. Menschen sterben am Hunger. - Im Apollo gibt es die ersten Kinovorstellungen im neuen Österreich. Gezeigt wird der russische Spielfilm "Iwan der Schreckliche". - Die meisten Apotheken öffnen wieder. Es gibt noch Vorräte verschiedener Medikamente. - Im Raum St. Andrä Wördern tauchen plötzlich versprengte deutsche Soldaten auf. Es kommt zu Gefechten mit mehreren Toten.

Mittwoch, 25. April 1945

Um 23.30 Uhr treffen bei Torgau an der Elbe amerikanische und sowjetische Truppen zusammen. Restdeutschland ist damit in zwei Teile geteilt. - Berlin ist eingekesselt, hunderte Gebäude brennen. - In der östlichen Steiermark treten deutsche Truppen zu sinnlosen örtlichen Gegenangriffen an, erobern einige Dörfer zurück und richten dabei schwere Zerstörungen mit vielen Opfern an. - In Wien stellte das Sowjetkommando vierzig Lastwagen zur Verfügung, die aus Niederösterreich und dem Burgenland Lebensmittel nach Wien bringen, vor allem Milch und Gemüse für Spitäler und Heime. - Der Schauspieler Raoul Aslan wird vom Wiener Kulturstadtrat Dr. Viktor Matejka zum Direktor des Burgtheaters ernannt. Seine Hauptaufgabe ist es, einen Ersatz für das zerstörte Haus am Ring zu finden. - Alle Wiener Feuerwachen sind wieder in Betrieb. Der Großteil der Männer und des Geräts ist zwar noch immer im westlichen Niederösterreich bzw. in Oberösterreich, aber die wenigen Männer, die sich dem Abmarsch entzogen haben, bilden mit Pensionisten und Freiwilligen einen Notdienst. - In San Francisco beginnt die Weltfriedenskonferenz, die eine weltweite Form der Friedenssicherung und der Zusammenarbeit schaffen soll. Alle 51 Staaten, die mit Deutschland und Japan im Kriegszustand sind, nehmen daran teil.

Donnerstag, 26. April 1945

Die Stadtverwaltung teilt mit, dass auf den Friedhöfen 5.500 unbeerdigte Leichen liegen. Eine noch weit größere, aber niemals genau ermittelte Zahl von Toten ist in Grünanlagen und Bombentrichtern provisorisch bestattet worden und muss möglichst bald exhumiert und ordentlich beigesetzt werden. Es gibt allerdings keine Särge. - Die Musikschule der Stadt Wien hat ihren Betrieb wieder aufgenommen. Die Philharmoniker laden für den nächsten Tag zu ihrem ersten Konzert (Schubert, Beethoven, Tschaikowskij) unter Clemens Krauss im Großen Konzerthaussaal. Das Konzert wird am 28. April wiederholt. - Die Wiener E-Werke geben bekannt, dass sie keinen Strom beziehen können, sondern auf die eigene Stromerzeugung aus Kohle angewiesen sind. Die Kohlenvorräte sind jedoch begrenzt. Deswegen kann Strom nur kurzzeitig abgegeben werden. Es gilt vor allem, die Versorgung der Wasserwerke sowie von Brotfabriken, Krankenhäusern und anderen lebenswichtigen Einrichtungen zu sichern.

Freitag, 27. April 1945

Unter strenger Geheimhaltung werden in der Hietzinger Blaimscheinvilla die Regierungsverhandlungen, von denen die Bevölkerung nicht einmal gerüchteweise hört, abgeschlossen. Die Forderung der Kommunisten nach zwei Schlüsselministerien (Inneres und Unterricht) musste akzeptiert werden. Ihre weitere Forderung nach einem stellvertretenden Regierungschef umgeht Renner. Es wird ein politisches Kabinett gebildet, dem unter seinem Vorsitz je ein Vertreter der drei Parteien angehört (Schärf für die SPÖ, Kunschak, einige Tage später Figl für die ÖVP, Koplenig für die KPÖ). Es gibt keine Ministerien, sondern Staatsämter. Jedes Staatsamt wird von einem Staatssekretär mit zwei Unterstaatssekretären der anderen Parteien geleitet. Eine Ausnahme ist das Staatsamt für Finanzen, das mit parteilosen Fachleuten besetzt wird. - Die drei Parteien beschließen die "Unabhängigkeitserklärung", die von den vier Mitgliedern des politischen Kabinetts unterzeichnet wird. Sie erklärt den Anschluss an Deutschland für null und nichtig und verkündet die Wiederherstellung der demokratischen Republik im Geiste der Verfassung von 1920. - Die Alliierten melden die Eroberung von Stettin, Brünn, Bremen, Konstanz, Mailand, Turin und Genua. - In Wien spielen schon acht Kinos. - Auf dem Rathausplatz spielen nun täglich russische Militärkapellen Wiener Musik, vor allem Strauß-Walzer.

Samstag, 28. April 1945

Bei Vils in Tirol überschreiten amerikanische Truppen die österreichische Grenze. - Aus der Zeitung "Neues Österreich" erfahren die Wiener, dass die demokratische Republik Österreich wiederhergestellt und eine provisorische Staatsregierung gebildet wurde. - Renner informiert den sowjetischen Oberbefehlshaber Marschall Tolbuchin über die Bildung der Regierung. Tolbuchin anerkennt die neue Regierung. - In den noch nicht befreiten Gebieten Österreichs kommt es weiter zu unfassbaren Terrorakten. In Mariazell werden neun junge Soldaten wegen "Feigheit vor dem Feind" erschossen. Vom Standgericht Weyer werden 53 junge Soldaten, die bewusst oder unabsichtlich den Kontakt zu ihrer Truppe verloren haben, zum Tode verurteilt und sofort erschossen. In Prein an der Rax werden siebzehn Frauen und alte Männer von der SS erschossen, weil sie an ihren Häusern weiße Fahnen gehisst hatten. - Zwei der höchsten Nazifunktionäre, SS-Chef Heinrich Himmler und Reichsmarschall Hermann Göring, versuchen, mit den Westmächten Kontakt aufzunehmen, um sie für einen gemeinsamen Kampf gegen die Sowjetunion zu gewinnen. Der Versuch scheitert natürlich. Hitler setzt Göring ab und lässt Himmler verhaften. - In Italien wird der "Duce" Benito Mussolini von Widerstandskämpfern festgenommen und hingerichtet. Sein Leichnam und der seiner Geliebten wird in Mailand an den Füßen aufgehängt und so zur Schau gestellt.

Sonntag, 29. April 1945

Im Roten Salon des Rathauses versammeln sich um 10 Uhr die Provisorische Stadtregierung, die Provisorische Stadtverwaltung, die Vertreter der 26 Wiener Bezirke und die Spitzen der sowjetischen Stadtkommandantur. Bürgermeister Körner hält eine Begrüßungsansprache, Staatskanzler Renner dankt. Dann gehen alle vom Rathaus zum Parlament. Viele tausende Menschen bilden ein Spalier, die Ringstraße ist voll Menschen. Kein Radio, keine Zeitung, kein Plakat hat diese Kundgebung angekündigt, nur durch den "Mundfunk" haben die Wienerinnen und Wiener davon erfahren. Eine russische Militärkapelle spielt Wiener Musik. Lauter Jubel braust auf, als die Politiker die Parlamentsrampe betreten. General Blagodatow übergibt mit einer kurzen Rede das Parlament, das bis dahin von der Besatzungsmacht beschlagnahmt war, an die neue Regierung. Renner dankt ihm und verkündet die Wiederherstellung der demokratischen Republik Österreich. Sie wird in einem anschließenden Festakt in der Ruine des Parlaments mit einer weiteren Ansprache Renners vollzogen. Auf der Ringstraße spielt die Militärkapelle den Donauwalzer, viele Menschen tanzen. Am Parlament werden die rotweißroten Fahnen aufgezogen. - Von 19.30 bis 21.30 Uhr gibt es wieder eine Sendung von Radio Wien. Sie steht im Zeichen der Wiedergeburt Österreichs. Ab dem folgenden Tag sendet Radio Wien täglich 7-8, 12-14 und 19.30 bis 21.30 Uhr. Am Beginn jedes Sendungsblocks sind Nachrichten, danach Musik, unterbrochen von kurzen Vorträgen. - "Neues Österreich" berichtet, dass die Sowjetarmee eine "Maispende" zur Ernährung Wiens zur Verfügung gestellt hat: 800 Tonnen Mehl, 7.000 Tonnen Getreide, 1.000 Tonnen Bohnen, 1.000 Tonnen Erbsen, 300 Tonnen Fleisch, 200 Tonnen Zucker, 500 Tonnen Mais, 200 Tonnen Öl und 1.000 Tonnen Sonnenblumenkerne. Die Lebensmittel werden in den folgenden Tagen verteilt, die erste offizielle Lebensmittelzuteilung seit vier Wochen.

Montag, 30. April 1945

Das Burgtheater spielt wieder, allerdings im Ronacher. Zur Eröffnung gibt es Grillparzers "Sappho" mit Maria Eis in der Titelrolle. Das Raimundtheater eröffnet mit dem "Dreimäderlhaus". Die Wiener Philharmoniker geben zu Ehren des 1. Mai ein Konzert auf dem Maurer Hauptplatz. Siebzehn Kinos spielen schon wieder, sofern die Stromversorgung nicht ausfällt (was öfter vorkommt). Die Kommandantur hat dafür einige ältere Filme freigegeben, darunter "Brüderlein fein", "Wiener Blut", "Frau meiner Träume" und "Immensee". - Das Wohnungsamt ist wieder für den Parteienverkehr geöffnet. Angesichts von fast 90.000 zerstörten oder unbenützbaren Wohnungen und zehntausenden Flüchtlingen in der Stadt ist die Aufgabe gewaltig. - In der Eisfabrik im 20. Bezirk, Pasettistraße 76, kann man wieder Blockeis kaufen. Lieferungen sind nicht möglich, weil es weder Pferde noch Wagen gibt. - Im Wienerwald finden Führungen zur Sammlung von Wildgemüse, vor allem Knoblauchspinat, statt. Ohne Führungen wird Holz gesammelt, wobei auch viele Bäume illegal gefällt werden. - Im Auftrag von Bürgermeister Körner werden Straßentafeln, die Nazinamen tragen, überklebt. So wird zum Beispiel aus dem Adolf-Hitler-Platz wieder der Rathausplatz, aus der Schönererstraße die Heinestraße und aus der Straße der Julikämpfer die Siebensterngasse. - Es gibt wieder Straßenbahnverkehr: 46 (Lerchenfelder Gürtel - Bahnhof Ottakring), 47 (Bahnhof Ottakring -Baumgartner Höhe), 10 (Bahnhof Ottakring - Johnstraße), 49 (Neubaugürtel - Hütteldorf), 60 (Hietzing - Mauer), 41 (Währinger Gürtel - Pötzleinsdorf), 41a (Bahnhof Währing -Herbeckstraße), 43 (Hernals - Vollbadgasse) und 48 (Lerchfeldplatz - Neuwaldegg). - Französische Truppen erreichen Vorarlberg. Amerikanische Truppen besetzen München, befreien 32.000 völlig entkräftete Häftlinge im Konzentrationslager Dachau und erreichen Oberösterreich. - Im Bunker der Berliner Reichskanzlei begeht Adolf Hitler Selbstmord.

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