Historischer Rückblick aus dem Jahr 1956

Zusammenfassungen von Meldungen der Rathauskorrespondenz

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November 1956

November

2.11.1956: Die besten Oktober-Plakate

Vom Kulturamt wurden für den Monat Oktober folgende vier Plakate prämiiert:

  • "6½ Prozent Investitionsanleihe" (Entwurf: W. Hofmann);
  • "Echte keramische Fliesen" (Entwurf: Otto Chury);
  • "Kirchliche Aufbauanleihe" (Entwurf: Atelier Hofmann) und
  • "Unesco-Woche der Museen" (Entwurf: Hans Robert Pippal).

5.11.1956: Hilfe für Flüchtlinge - Appell des Bürgermeisters

Bürgermeister Jonas appellierte an die Wiener Bevölkerung, den Flüchtlingen aus Ungarn zu helfen. Der Bürgermeister sagte:

"Als in der Mitte der vorvergangenen Woche die ersten Nachrichten über die Ereignisse in Budapest eintrafen, hielten nicht nur wir, sondern die ganze Welt, den Atem an. Die Wiener Bevölkerung überwand sehr schnell die erste Überraschung und tat das einzig Richtige: sie mobilisierten ihre Herzen. Binnen weniger Stunden wurden in allen Kreisen der Bevölkerung Hilfsaktionen organisiert, die einen ungeahnten Widerhall fanden. In wenigen Tagen türmten sich die Liebesgaben zu Bergen und schon konnten die ersten Transporte an die ungarische Grenze abgehen. Die Wiener Bevölkerung übertraf sich selbst in ihrer Hilfsbereitschaft und gab damit der übrigen Welt ein leuchtendes Beispiel. Aus vollem Herzen danke ich allen, die zu dem großartigen Erfolg der Wiener Hilfsaktionen beigetragen haben, vor allem aber jenen, die aus einem schmalen Beutel zur Ungarnhilfe so begeistert beitrugen.

Leider kommen seit heute früh Nachrichten aus Ungarn, die uns alle tief bestürzen. Die Kampfhandlungen haben wieder begonnen, die sowjetischen Truppen haben aktiv eingegriffen, alle wichtigen Punkte bereits besetzt und eine neue ungarische Regierung gebildet. Im Augenblick ist nicht daran zu denken, weitere Hilfssendungen nach Ungarn abgehen zu lassen, da alle Grenzstellen gesperrt sind, aber auch niemand die Garantie hätte, dass die Hilfssendungen in die richtigen Hände kommen.

In diesen Stunden sind unsrer aller Gedanken bei den heldenhaften Kämpfern der ungarischen Freiheitsbewegung. Ihre Opfer werden trotz allem nicht vergeblich sein. Wir stehen nun vor der Aufgabe, den vielen Flüchtlingen zu helfen, die seit heute früh bereits zu Tausenden auf österreichisches Gebiet gekommen sind. Sie mussten plötzlich ihre Heimat verlassen und ein ungewisses Schicksal auf sich nehmen.

Es ist wohl in erster Linie Aufgabe des Staates, für die Flüchtlinge zu sorgen. Im Namen der Menschlichkeit bitte ich aber alle Wienerinnen und Wiener, wenn der Ruf an sie ergeht, auch den Flüchtlingen zu helfen!"

Die Gemeinde Wien hat bereits vor einigen Tagen mit umfangreichen Vorbereitungen für die Versorgung und Unterbringung der Flüchtlinge aus Ungarn begonnen. Das Jugendamt hat sich zu allererst der kleineren Kinder angenommen. Städtische Autobusse sind unterwegs, um vor allem Säuglinge und Kleinkinder von der Auffangstelle Traiskirchen in die städtischen Kinderheime in Gaaden, Eichbühel und Emmersdorf zu bringen.

Dr. Arnäus von der schwedischen Hilfsorganisation "Rädda Barnen", der sich gegenwärtig in Wien (Hotel Sacher) aufhält, steht mit dem Wohlfahrtsamt der Stadt Wien in engem Kontakt. Er hat zugesagt, dass die schwedische Regierung schon in kurzer Zeit einen Kindertransport nach Schweden organisieren wird.

5.11.1956: Belgischer Verkehrsminister besucht Bürgermeister Jonas

Der belgische Verkehrsminister Dipl.-Ing. Eduard Anseele besuchte heute mit Vertretern seines Ministeriums Bürgermeister Jonas im Wiener Rathaus.

7.11.1956: Schwede spendet 20.000 Schilling für bedürftige Wiener Kinder

Der Geschäftsführende Vizepräsident des Wiener Trabrennvereines Richard Class überreichte heute Stadtrat Resch einen Scheck über 20.000 Schilling. Diese Summe spendete der Besitzer der Stute "Smaragd", Direktor Erik Dahlgren aus Stockholm, dessen Pferd beim Hunyady-Gedenkrennen gewonnen hatte. Die 20.000 Schilling sollen bedüftigen Wiener Kindern zur Verfügung gestellt werden.

8.11.1956: Das Zukunftsbild von Jedlesee wird ausgestellt - Die Pläne des Ideenwettbewerbes

Die Stadt Wien hatte heuer einen städtebaulichen Ideenwettbewerb über die Ausgestaltung von Jedlesee ausgeschrieben. Den ersten Preis in der Höhe von 20.000 Schilling erhielt die Arbeitsgemeinschaft für Raumforschung und Planung, den zweiten Preis mit 15.000 Schilling Architekt Fred Freyler, den dritten Preis mit 10.000 Schilling Prof. Dr. Karl Kupsky mit seinen Mitarbeitern Architekt Schlauß und Architekt Dr. Schwarzacher. Zwei weitere Projekte wurden angekauft.

Die 16 zum Wettbewerb eingereichten Arbeiten werden in der Volkshalle des Wiener Rathauses ausgestellt.

9.11.1956: Konstituierung des Kuratoriums des Fonds "Wiener Jugendhilfswerk"

Unter dem Vorsitz von Vizebürgermeister Honay wurde die Konstituierung des Kuratoriums und des Arbeitsausschusses des Wiener Jugendhilfswerkes vorgenommen. Als Stellvertreter des Vorsitzenden wurde Gemeinderat Mistinger gewählt. Dem Fonds "Wiener Jugendhilfswerk" gehören nunmehr 18 Organisationen an, die Kindererholungsfürsorge betreiben. Außerdem sind im Kuratorium das Bundesministerium für soziale Verwaltung, der Stadtschulrat Wien, der Leiter des Jugendamtes und der Leiter der Geschäftsstelle vertreten.

13.11.1956: In Mozarts Todesstunde: Kranzniederlegung im Sankt Marxer Friedhof - Ausklang des Mozartjahres 1956

Das Mozartjahr 1956, das im Zeichen der 200. Wiederkehr von Wolfgang Amadeus Mozarts Geburtstag in der ganzen Welt festlich begangen wurde, neigt sich dem Ende zu. Zum Ausklang des Mozartjahres hat die Stadt Wien eine Reihe von Veranstaltungen vorgesehen, die ihren Höhepunkt in einer Kranzniederlegung am Mozartgrab im Sankt Marxer Friedhof in der Todesstunde des Meisters am Mittwoch, dem 5. Dezember, um 0.30 Uhr, finden.

13.11.1956: Italienische Stadträte bei Vizebürgermeister Weinberger

Die Florenzer Stadträte Cavallina und Dr. Menichini besuchten heute Vizebürgermeister Weinberger im Wiener Rathaus. Die beiden Florenzer Funktionäre sind mit einer Hilfssendung ihrer Stadtverwaltung für die ungarischen Flüchtlinge eingetroffen.

13.11.1956: Europa-Flüchtlingskommission im Wiener Rathaus - Bürgermeister Jonas: "Österreich ist Tür in Europa!"

Die Mitglieder der Kommission für Flüchtlings- und Bevölkerungsfragen im Europarat waren heute Gäste der Wiener Stadtverwaltung. Außer den europäischen Parlamentariern waren auch Bundesminister Helmer, die Staatssekretär Dr. Gschnitzer und Dr. Kreisky vertreten.

Bürgermeister Jonas forderte die Mitglieder der Kommission auf, an die Parlamente Europas zu appellieren, "damit das Werk der Solidarität möglichst umfassend wirksam werden kann. Was die Delegierten bisher gesehen haben, sei nur ein kleiner Teil der menschlichen Tragödie, die sich an den Grenzen Österreichs abspielt. Dabei wisse man noch gar nicht, wann diese zu Ende gehe, und man müsse damit rechnen, dass es in nächster Zeit einer noch viel stärkeren Hilfe bedarf. In diesen Tagen könne man erleben, wie segensreich es ist, dass Ungarn an seiner Westgrenze ein freies Land hat. Österreich ist eine Tür in Europa!"

14.11.1956: Hugo Meisl zum Gedenken

Am 16. November wäre Hugo Meisl, ein Wegbereiter und verdienter Spitzenfunktionär des österreichischen Fußballsports, 75 Jahre alt geworden.

Zu Moleschau in Mähren geboren, kam er schon als Kind nach Wien, bereitete sich nach dem Besuch der Handelsakademie im Ausland auf den kaufmännischen Beruf vor und wurde Beamter der Länderbank. Sein besonderes Verständnis für das Fußballspiel erwarb ihm bald den Ruf eines hervorragenden Fachmannes. Er verfasste eines der ersten Regelbücher und erweckte als gewandter Journalist das Interesse weiter Kreise an dem jungen Sportzweig, in dem er sich früher selbst aktiv betätigt hatte. Als sich der Fußballsport nach dem Ersten Weltkrieg zu einer Massenbewegung entwickelte und die Entscheidung zwischen Scheinamateurismus oder Professionalismus aktuell wurde, trat Hugo Meisl für den letzteren ein. Es wurde der Österreichische Fußballbund gegründet, als dessen Generalsekretär er bis an sein Lebensende fungierte. Den Höhepunkt seiner Laufbahn bedeutete es, dass durch ihn eine Nationalmannschaft gebildet wurde, die sich aus den besten Spielerindividualitäten zusammensetzte und als "Wunderteam" von Sieg zu Sieg eilte. Hugo Meisl war auch der Schöpfer des Europa- und Mitropacups, internationaler Wettbewerbe, die größte Popularität errangen. Ausgezeichnete Sprachkenntnisse und Organisationstalent befähigten ihn bei seiner Arbeit zu Leistungen, die ihn in allen europäischen Ländern zu einer bekannten Persönlichkeit machten und ihm zahlreiche Auszeichnungen eintrugen. Hugo Meisl, der ein eifriger Förderer internationaler Arbeitersportvereinigungen war, starb am 17. Februar 1937 im Verbandsheim.

15.11.1956: Lehrerin erhielt Goldenes Verdienstzeichen

Bürgermeister Jonas überreichte heute an die Volksschul- und Hauptschullehrerin i.R. Wilhelmine Noltsch das Goldene Verdienstzeichen um die Republik Österreich.

Wilhelmine Noltsch erhielt die Auszeichnung in Würdigung ihrer langjährigen aufopfernden Tätigkeit im Schulwesen für körperbehinderte Kinder. Vor ihrer Pensionierung unterrichtete sie an der Heimschule für körperbehinderte Kinder in Rodaun.

16.11.1956: Aus dem Wiener Landtag:

Im Wiener Landtag hielt Landeshauptmann Jonas eine Rede über die derzeitige Lage in Ungarn. Jonas teilte u.a. mit, dass sich die Gemeinde Wien mit einer Million Schilling an der Sammlung der Bundesregierung beteiligt und dass ferner, die Wiener Bevölkerung aufgerufen ist, sich an der am 24. und 25. November stattfindenden öffentlichen Straßensammlung zu beteiligen.

17.11.1956: Mit Hunden keine Rolltreppen benützen

Wie das Veterinäramt der Stadt Wien mitteilt, wurden seit Eröffnung der Rolltreppen in der Opernpassage in die chirurgische Klinik der Tierärztlichen Hochschule sechs Hunde mit schweren Zehenquetschungen und noch anderen Verletzungen eingeliefert, die sich die Tiere beim Führen über die Rolltreppen zugezogen haben. Es wird daher dringend empfohlen, mit Hunden die Rolltreppen unbedingt zu meiden.

17.11.1956: Stefan Zweig-Ausstellung in der Wiener Stadtbibliothek

Am 28. November wäre der große österreichische Schriftsteller Stefan Zweig 75 Jahre alt geworden. Anlässlich dieses Gedenktages zeigt die Wiener Stadtbibliothek eine Ausstellung, die einen Überblick über die schriftstellerischen Arbeiten Zweigs gibt. An Hand von Büchern, Manuskripten und Briefen wird das Lebenswerk Zweigs illustriert. Fotos aus seinem Leben wie von seinem Begräbnis in Rio de Janeiro, die brasilianischen Zeitungsberichte über seinen Tod und die zahlreichen Biografien geben einen Einblick in das Leben des Dichters.

20.11.1956: 65. Geburtstag von Vizebürgermeister Karl Honay - Ehrung durch den Wiener Stadtsenat

Der Amtsführende Stadtrat für das Wohlfahrtswesen der Stadt Wien, Vizebürgermeister Karl Honay, feiert am 22. November seinen 65. Geburtstag. Im Namen des Wiener Stadtsenats sprach ihm heute Bürgermeister Jonas die herzlichsten Glückwünsche aus.

21.11.1956: Oxford sammelt für ungarische Kinder - Berliner Hilfssendung eingetroffen - Bekannte Künstler und Sportler stellen sich in den Dienst der Flüchtlingshilfe

Die ersten Spenden der Oxforder Bevölkerung für ungarische Flüchtlingskinder in Wien sind eingetroffen: fünf Lastautos mit 23.000 Kilogramm Lebensmitteln, Decken und Kleidungsstücken.

Als Beweis dafür, wie sehr die Engländer vom Schicksal der Flüchtlinge ergriffen sind, brachten sie dem Wiener Stadtoberhaupt die von einer in Oxford lebenden Wienerin abgegebene Spenden, einen Rucksack und eine Kinderwagendecke. Im Begleitschreiben sagt die Spenderin: "Der Rucksack hat uns auf unzähligen Ausflügen in den Wienerwald begleitet. Bei unserer Ausreise aus Wien im Jahre 1938 enthielt er die ganze Habe, die meine damals 12 Jahre alte Tochter mitnehmen durfte. Die Decke ist das Taufgeschenk von einer ungarischen Verwandten aus einem glücklicheren Budapest. Mögen die beiden Spenden als Symbol aus besseren Tagen für bessere Tage dienen".

Auch die zweite Hilfssendung der Westberliner Stadtverwaltung ist eingetroffen. Es handelt sich um 11 Tonnen hochwertige Lebensmittel und Kinderkleider.

Prominente Künstler, darunter Karl Farkas, Angelika Hauff, Richard Eybner, Sonja Mottl, Heinz Conrads, Ernst Waldbrunn, Lotte Lang, Marika Rökk, Fritz Muliar, Gerhard Bronner, Peter Wehle, Hugo Wiener, Cissy Craner, Bruce Low, Dr. Marcel Prawy, das gesamte Ensemble der Löwinger-Bühne u.v.a. und auch viele Sportler werden mit den von der Gemeinde Wien übernommenen Sammelbüchsen an die Spendefreudigkeit der Wiener appellieren. In sämtlichen Wiener Theatern werden Mitglieder des Ensembles mit den Sammelbüchsen die Besucher um eine Spende ersuchen. Die Wiener Theaterdirektoren werden vor ihren Theatern sammeln.

Da die Zahl der Flüchtlinge täglich ansteigt, hat die Stadt Wien ehemalige Schulgebäude wie z.B. Am Hundsturm in Margareten, Singrienergasse 18 in Meidling, Dadlergasse in Fünfhaus sowie Speckbachergasse, Kernstockplatz und Mildeplatz in Ottakring zur Verfügung gestellt. Dazu kommen die Schulgebäude Kandlgasse in Neubau und Reinlgasse und Gurkgasse in Penzing, in denen Kinder unterrichtet wurde, die auf andere Schulen aufgeteilt werden mussten, wo sie und natürlich auch die Gastgeber-Schulen Wechselunterricht haben. Zugesagt wurde heute die Überlassung der Stiftskaserne.